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Die Rezeption der Gestaltpsychologie in Robert Musils Frühwerk

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Karen Brüning

Im Mittelpunkt des Buches steht die Analyse der Wechselwirkung zwischen Robert Musils Frühwerk und der Gestaltpsychologie. Der österreichische Schriftsteller gilt als Wanderer zwischen den Welten der Wissenschaft und der Literatur. Er emanzipiert sich von der wissenschaftlichen Psychologie und setzt ihr eine auf psychologischen Erkenntnissen basierende Poetologie entgegen, in der besonders die Erkenntnisse der Gestalttheoretiker literarisch verarbeitet werden. In diesem Prozess, dessen Endpunkt der «Mann ohne Eigenschaften» darstellt, kommt dem Frühwerk eine besondere Bedeutung zu. Karen Brüning zeigt auf, wie Musil hier erstmals literarische Zugänge zu einem eigentlich psychologischen Erkenntnisinteresse erarbeitet: der Definition der Seele.
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2. Die Wurzeln der Gestaltpsychologie

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Schon in der Antike stellt die Frage nach der Beschaffenheit und der Lokalisation der Seele eine Frage dar, mit der sich die vorchristliche Philosophie eingehend beschäftigt.100 Mit der wachsenden Bedeutung der Naturwissenschaften im Laufe des 19. Jahrhunderts muss sich auch die Philosophie die Frage nach validierbaren Untersuchungsmethoden stellen lassen – ein Prozess, aus dem die Psychologie hervorgeht, die nun ihrerseits gewissermaßen eine Zwischenposition zwischen Geistes- und Naturwissenschaften einnimmt. Dabei muss der Anspruch der Psychologie, der sich bereits aus etymologischer Sicht ergibt (Psyche: die Seele (griechisch); logos: das Wort (griechisch)) konsequent berücksichtigt werden: Psychologie ist somit wortwörtlich die Wissenschaft der Seele. Im Folgenden sollen nun einige Entwicklungsprozesse herausgestellt werden und auch der grundsätzliche Anspruch der Psychologie als ‚Seelenkunde‘ problematisiert werden. Aufgrund der enormen Komplexität dieses Vorgangs kann eine strukturierte Vermittlung dieses Vorgangs nur anhand von Schlüsselmomenten erfolgen.

2.1 Die experimentelle Untersuchung psychischer Phänomene

Eine solche Rolle kommt dem Experiment als Erkenntnisvermittler und -katalysator zu; ein wissenschaftliches Instrument, dessen Bedeutung im Laufe der Zeit immer weiter wächst. Die moderne wissenschaftliche Psychologie entwickelt sich aus der Philosophie – einer Geisteswissenschaft, die sich in ihrem neuerwachenden Streben nach Exaktheit ihrerseits an der Physiologie orientiert.101 In diesem zunächst nur latenten, später immer dominanter werdenden Emanzipationsgedanken stellt sich die Methode des Experiments als optimale Herangehensweise heraus.102 Der Vorläufer der experimentellen Psychologie ist ← 39 | 40 → dabei die um 1860 von Gustav Theodor Fechner (1801–1887) entwickelte Psychophysik, in der naturwissenschaftliche Überlegungen...

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