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Die Auflösung des Staates Preußen

Gerhard Dassow

Dieses Buch beschäftigt sich mit dem am 25. Februar 1947 durch den Alliierten Kontrollrat verfügten Gesetz Nr. 46 zur Auflösung des Staates Preußen. In einer vorherrschend posthumen Lesart wurde dieser Schritt als ein verspäteter und im Grunde überflüssiger Akt gewürdigt: de facto längst vollzogene Tatbestände sollten damit «der guten Ordnung halber» staats- und völkerrechtlich legalisiert werden. Der Auflösungsbeschluss der Alliierten reichte aber weit über seine vordergründig rein destruktiven Wirkungen hinaus. Der Autor argumentiert, dass dieser Beschluss mit «langem Atem» und in einem stillschweigenden Konsens mit den Deutschen den Weg für die «Vollendung der Deutschen Einheit» im Rahmen einer europäischen Lösung der historischen «Deutschen Frage» ebnete – und leitet daraus ein eindringliches Plädoyer für die Schaffung eines Bundeslandes «Brandenburg-Preußen» ab.
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4 Die Rezeption der Auflösung Preußens im Nachkriegsdeutschland

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4.1 Preußen zwischen „deutscher Sendung“ und „deutscher Katastrophe“

Von zentraler Bedeutung für eine historisch gerechte Beurteilung der Rolle Preußens in der deutschen Geschichte – und damit auch für ein „Urteil“ über das Kontrollratsgesetz Nr. 46 – ist die Antwort auf die Frage, ob und inwieweit Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts und insbesondere seit der Reichsgründung eher „verpreußt“ oder umgekehrt Preußen durch diesen Prozess eher „verdeutscht“ wurde176. Nur eine überzeugende und historisch nachvollziehbare Antwort auf diese Frage kann letztendlich eine Aussage dazu treffen, wie das unerbittliche Verdikt des Kontrollratsgesetzes Nr. 46 und der Umgang der Deutschen damit historisch „korrekt“ einzuordnen ist.

Obwohl die preußisch initiierte und dominierte Reichsgründung keineswegs von deutschnationaler Gesinnung, sondern ausschließlich von der preußischen Staatsräson der eigenen Machtsicherung im Ringen um die Vormachtstellung in Deutschland bestimmt war177, hat sich die zeitgenössische borrussische Geschichtsschreibung geradezu darin überschlagen, die „deutsche Sendung“ Preußens zu glorifizieren. Sie zog eine Traditionslinie vom untergegangenen Stauferreich des Hochmittelalters zu den Hohenzollern des 19. Jahrhunderts, die auf eine aus heutiger Sicht grotesk anmutende überhöhte Weise begründet wurde. Dabei wurden die alten Reichsmythen ebenso kraftvoll wie kritiklos wiederbelebt, um aus dieser Haltung heraus das Werden und Wirken Preußens „als die größte politische Tat unseres (deutschen) Volkes“ zu preisen178. Das Preußentum, insbesondere dessen Verabsolutierung des Staates als Garant für die Freiheit des Einzelnen im ← 59 | 60 → Staat gegenüber der angelsächsisch-aufklärerischen...

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