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Empraktische Vernunft

Volker Caysa

Im Anschluss an Martin Heidegger, Ernst Bloch, Karl Bühler und Pirmin Stekeler thematisiert der Band eine neue Philosophie der Praxis, die die Heideggersch-Blochsche Existenzialanalyse der Stimmungen mit einer empraktischen Handlungs- und Wissenstheorie verknüpft. Das Empraktische steht gegen die Zivilisationskrankheit der Hyperreflexivität. Wir leiden nicht an einem Übermaß von Selbstbewusstsein, sondern am Übermaß von Reflexivität. Die maßlose Rationalisierung aller Lebensbereiche löst nicht unsere Lebensprobleme, sondern schafft erst neue. Das Empraktische ist das vortheoretische Zurechtkommen in der Welt und ist gekennzeichnet durch eine begriffslose Präzision, durch die wir erfolgreich leben. Eine Philosophie des Empraktischen versucht, eine Theorie zu entwerfen für etwas, was auch ohne Theorie funktioniert.
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5. Das Man verstehen

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Der materiale Kern einer Philosophie des Empraktischen ist eine existenziale Ontologie als Existenzialanthropologie, die sich im Alltäglichen gründet. Alltäglich aber ist das Man-Sein. Das Man-Sein ist das alltägliche Wir-Apriori, in das wir hineingeboren und in dem wir sterben werden. Wir entkommen dem Man-sein nicht, es gebiert uns und macht uns sterben. Im Man-Sein sind wir Geworfene, Unterworfene, Unterwerfende und Entwerfende. Das Man ist die Gemeinschaft, die uns zu Subjekten in des Wortes doppelter Bedeutung von sub-iectus und sub-iectum macht und in der wir uns kollektivieren und vereinzeln.

Im Man-sein erfahren wir empraktisch, dass wir mehr sagen als wir aussagen, dass wir mehr wissen als wir wissen, das man mehr oder weniger ist als man für sich ist, das man anderes meint mit dem, was man wahr sagt.

Eine Hermeneutik des MAN geht im Gegensatz zu Platon nicht von einer Trennung von Meinung und Wahrheit aus, sie geht nicht nur davon aus, dass Meinungen wahrheitsfähig sind, sondern noch weitergehend geht sie davon aus, dass Meinungen Voraussetzungen von Wahrheiten sind, die im diskursiven Spannungsfeld von Wissen und Macht existieren. Aufgabe der Philosophie ist es, die Wahrheit aus den alltäglichen Meinungen des MAN herauszudestillieren. Das kann auf dem Marktplatz geschehen, im öffentlichen Diskurs, aber auch im Lampenlicht des Privaten. Auch eine existenziale Hermeneutik ist eine Hebammenkunst: Sie expliziert die Wahrheit, die implizit in den gestimmten Meinungen des MAN enthalten ist, sie bringt zur Sprache, was eigentlich jeder schon in sich...

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