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Empraktische Vernunft

Volker Caysa

Im Anschluss an Martin Heidegger, Ernst Bloch, Karl Bühler und Pirmin Stekeler thematisiert der Band eine neue Philosophie der Praxis, die die Heideggersch-Blochsche Existenzialanalyse der Stimmungen mit einer empraktischen Handlungs- und Wissenstheorie verknüpft. Das Empraktische steht gegen die Zivilisationskrankheit der Hyperreflexivität. Wir leiden nicht an einem Übermaß von Selbstbewusstsein, sondern am Übermaß von Reflexivität. Die maßlose Rationalisierung aller Lebensbereiche löst nicht unsere Lebensprobleme, sondern schafft erst neue. Das Empraktische ist das vortheoretische Zurechtkommen in der Welt und ist gekennzeichnet durch eine begriffslose Präzision, durch die wir erfolgreich leben. Eine Philosophie des Empraktischen versucht, eine Theorie zu entwerfen für etwas, was auch ohne Theorie funktioniert.
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15. Das instinktiv-triebhafte Handeln

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In der gegenwärtigen sprachanalytischen Philosophie spricht man oft von Handeln nur dann, wenn der Urheber eines Verhaltens sich seiner selbst bewusst ist, wenn er sprachfähig ist und wenn er explizit seine Handlungen begründen kann und ihnen bewusst ein Ziel setzt. Empraktisches Handeln ist dagegen nur in einem schwachen Sinne planvoll. Es wird gehandelt nach einer Anleitung, die sich aus dem Verhalten ergibt, die aber dem Verhalten nicht explizit vorausgesetzt ist. Damit verbunden ist eine empraktische Könnerschaft, die mit einem vorsprachlichen nichtbegrifflichen Selbstbewusstsein verbunden ist in Form einer psychophysischen Selbstvertrautheit und Selbstgewissheit. Bedingung der Möglichkeit selbstbewusst zu handeln, ist also im empraktischen Handeln eine leibliche Subjektivität, die nicht von Instinkten, Trieben und Ahnungen zu trennen ist.

Das Schweigen ist untrennbar mit dem instinktiven Handeln verbunden. Mit dem „erste(n) Imperativ des Instinktes“, der lautet: „Über gewisse Dinge fragt man nicht“,1 ist auch die Forderung verbunden: Über gewisse Dinge redet man nicht! Die „Selbst-Vermauerung“ des Schweigens gehört auch zu den „Instinkt-Klugheiten“2 funktionierender Handlungsfähigkeit.

Instinktiv scheinen wir anscheinend wie von selbst, also selbstverständlich, entschlossen, konsequent, einfach, grundlos, schnell leicht zu handeln. Plötzlich eingegeben treffen wir sicher nicht nur das Richtige und in diesem Sinne das Gute. Vollkommen sicheres Handeln, scheint nur instinktiv möglich. Vernünftige Erziehung zielt daher auf die Sicherheit instinktiven Handelns, was natürlich einschließt, dass sie an die gegebenen Instinkte anknüpfen muss und demzufolge bestimmte instinktive Verhaltensweisen entweder unterdr...

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