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Empraktische Vernunft

Volker Caysa

Im Anschluss an Martin Heidegger, Ernst Bloch, Karl Bühler und Pirmin Stekeler thematisiert der Band eine neue Philosophie der Praxis, die die Heideggersch-Blochsche Existenzialanalyse der Stimmungen mit einer empraktischen Handlungs- und Wissenstheorie verknüpft. Das Empraktische steht gegen die Zivilisationskrankheit der Hyperreflexivität. Wir leiden nicht an einem Übermaß von Selbstbewusstsein, sondern am Übermaß von Reflexivität. Die maßlose Rationalisierung aller Lebensbereiche löst nicht unsere Lebensprobleme, sondern schafft erst neue. Das Empraktische ist das vortheoretische Zurechtkommen in der Welt und ist gekennzeichnet durch eine begriffslose Präzision, durch die wir erfolgreich leben. Eine Philosophie des Empraktischen versucht, eine Theorie zu entwerfen für etwas, was auch ohne Theorie funktioniert.
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16. Das ahnende Handeln

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Instinktiv erahnen wir die Welt, wir haben eine ahnende Haltung zur uns zuhandenen Welt. (Animalische) Instinkte treiben uns dunkel, ihre Anpeilung ist uns selbst unklar genauso wie die damit verbundenen Bilder. Es gibt wohl eine „Instinkt-Zukunft“1, die bewegt sich aber im Immergleichen der Arterhaltung und ist also eine stehende Zukunft: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind im organischen Automatismus der Arterhaltung in eins zusammengezogen.

Der Trieb dagegen ahnt produktiv nach vorn. Er ist sich seiner Zukunft noch nicht bewusst, ist aber in seiner Wachheit, im Gegensatz zum dumpf-animalischen Instinkt, offen für noch nicht Dagewesenes und will nicht nur (fest-)halten, was immer je schon war. Der Instinkt ist auf Vorsorge orientiert, der Trieb auf Vor-Sicht. Beide sind fürsorglich-besorgend, umsichtig, aber der Trieb ist auch vor-sichtig, vorausschauend. Instinktiv bemerken wir: „Da stimmt etwas nicht!“. Kurzzeitige, wieder nach hinten geschobene Wahrnehmungen, Vorahnungen von anders sein, als etwas anscheinend ist, überkommen uns. Wir werden heimlich nachdenklich, zurückhaltend, ängstlich.

Im kulturalistisch geformten Instinkt, im Trieb, dämmert etwas auf, uns wird etwas bewusst. – „Das habe ich doch geahnt!“; „Mir schwante doch da etwas!“ – So geht uns das Ahnen an. Das Ahnen ist ein unbestimmtes Wissen davon, dass hinter der äußerlichen Fassade noch etwas anderes ist, das sich nicht unmittelbar zeigt; es ist ein unbestimmtes Empfinden, dass etwas nicht stimmt, dass etwas noch aussteht, das erst wahrgenommen werden muss.

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