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Der errettete Beter

Hans Stadens «Wahrhaftige Historia» (1557) als protestantische Erbauungserzählung und Beispiel lebensbezogener Lutherrezeption

Uwe Schäfer

Der Autor befasst sich mit dem ersten deutschen Brasilienbuch, die «Wahrhaftige Historia» von Hans Staden aus dem Jahr 1557. Seine Untersuchung geht neue Wege der Staden-Interpretation, indem sie die «Wahrhaftige Historia» als protestantisches Erbauungsbuch transparent macht. Sie verdeutlicht, wie der Protagonist während seiner Gefangenschaft bei einem Tupi-Indianerstamm über eine individuelle Konversion zum Glaubensvorbild wird. Die häufigen Gebetszusammenhänge in der «Wahrhaftigen Historia» werden unter Bezugnahme auf die damalige Erbauungsliteratur als besondere Form einer Luther-Rezeption herausgearbeitet. Diese weisen nach Ansicht des Autors das Buch von Hans Staden als ein Beispiel volkstümlicher Glaubensvermittlung der Reformationszeit aus.
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2. Die religiöse Intention für Abfassung und Ausgestaltung des Erzähltextes ‘Wahrhaftige Historia’

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2. Die religiöse Intention für Abfassung und Ausgestaltung des Erzähltextes ‘Wahrhaftige Historia’

Gattungstypologisch wird die ‘Wahrhaftige Historia’ gemeinhin zu den Reiseberichten gezählt,51 die mit der Entdeckung der ‚Neuen Welt’ den Buchmarkt anreicherten. Grundlegend besitzen Reiseberichte eine doppelte Ausrichtung: „Zum einen gingen Reisen, zumal Auslandsreisen, immer mit der Überschreitung kultureller Grenzen einher und konfrontierten so die Reisenden in besonderer Weise mit Fragen nach dem eigenen Standort. Zum anderen enthalten Reiseberichte, ebenso wie andere Selbstzeugnisse, stets auch Elemente der Selbstvergewisserung und der Selbstdarstellung“52. Daher wird hier die auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakuläre These vertreten, dass das Stadenbuch (sicherlich noch stärker im ersten Teil) einer narrativ formatierten Epistemologie folgt, in der „die Möglichkeit der Fiktionalisierung“53 angelegt ist. Auf die Bedeutung von narrativen Identitätskonstruktionen in Reiseberichten hat Dorothea Nolde aufmerksam gemacht, die für ihre Forschungen adlige Reiseberichte aus Europa untersuchte.54 Das Konzept der narrativen Identität hat auch bei der ‘Wahrhaftigen Historia’ den entscheidenden Vorteil, jenseits vermeintlicher Dichotomien wie Authentizität/Nichtauthentizität oder Fiktion/Wirklichkeit gerade diese Konstrukte aufeinander zu beziehen. Die ‘Wahrhaftige Historia’ eignet sich daher nicht dazu, sie in alternativer Weise entweder als mythische Erfindung oder als reinen historischen Faktizitätsbericht gegenüberstellend zu verhandeln,55 sondern eben als schriftliche Verortung, in welcher sich ← 35 | 36 → „einander überlappende und sich kreuzende Narrative in besonders verdichteter Form beobachten“56 und wahrnehmen lassen. Folglich kann bei der ‘Wahrhaftigen Historia’ davon gesprochen werden, dass unterschiedliche Diskurse, Erfahrungen und Betrachtungsweisen – Kannibalismusdiskurs,...

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