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Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit

Theoretische Perspektiven und empirische Analysen zur sozialen Schließung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit

Series:

Paul Rameder

Paul Rameder widmet sich der Frage, in welcher Form und in welchen Bereichen die Freiwilligenarbeit einen Beitrag zur Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheiten leistet. Durch die Aura der Freiwilligkeit und Uneigennützigkeit entziehen sich die sozial nachteiligen Effekte der Freiwilligenarbeit der öffentlichen Wahrnehmung und expliziten Kritik. Die multivariaten Analysen von Mikrozensusdaten aus Österreich zeigen, dass der Zugang zur Freiwilligenarbeit in hohem Maße durch die Ressourcenausstattung der Individuen geprägt ist. Auch die Funktionsverteilung innerhalb der Freiwilligenarbeit reproduziert die ungleichen sozialen Machtverhältnisse. So tragen die Mechanismen der sozialen Schließung und Hierarchisierung auch in den Feldern der Freiwilligenarbeit zu einer Verfestigung gesellschaftlicher Ungleichheiten bei.
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(II) Stand der Forschung zu den Determinanten und Auswirkungen der Freiwilligenarbeit

← 84 | 85 → (II)Stand der Forschung zu den Determinanten und Auswirkungen der Freiwilligenarbeit

Dieses Kapitel fasst den Stand der Forschung zum sozial ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit sowie den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit auf die freiwillig Tätigen zusammen. Zu Beginn wird, zur Verortung des Ungleichheitsthemas innerhalb der Freiwilligenforschung, ein kurzer Überblick zur aktuellen Engagement- und Partizipationsforschung im Allgemeinen und zu den kritischen Perspektiven auf die Freiwilligenarbeit im Besonderen gegeben.

(II) 1.Aktuelle Forschungsstränge

Als interdisziplinäres Forschungsfeld beschäftigen sich die Ökonomie, Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaften und Teile der Wirtschaftswissenschaften sowie zunehmend Disziplinen wie die Gerontologie und die Gesundheitswissenschaften mit Freiwilligem Engagement. In Folge des gewachsenen Interesses hat sich auch die Anzahl der Publikationen zum Themengebiet der Freiwilligenarbeit (engl. „volunteering“ und „voluntary work“) von den 1980er bis zum Ende der 2000er Jahren beinahe verzwanzigfacht36. Entsprechend ausdifferenziert sind mittlerweile die Themengebiete. Hustinx et al. (2010) bieten einen umfassenden Überblick zu den im Kontext der Engagement- und Partizipationsforschung behandelten Fragestellungen und theoretischen Zugängen (siehe Abbildung 11).

← 85 | 86 → Abbildung 11: A hybrid conceptual framework of volunteering

Layers of complexityTheoretical building blocksKey frameworks and approaches

The problem of definition

What do we study?

–Defining what volunteering is not

–Defining what volunteering is

–Volunteering as a social construct

The problem of

multidisciplinarity

Why do we study it?

–Economists: impure altruism

–Sociologists: social cohesion and social welfare

–Psychologists: prosocial personality

–Political scientists: citizenship and democracy

The problem of theory as multidimensional

Theory as explanation:

–Why do people volunteer

–Determinants of volunteering

–Motivations and benefits

–Dominant status model

–Resource model

–Theories of cross-national variation in volunteering

Theory as a narrative

–How do people volunteer

–The context of volunteering

–Volunteering and social change

–Styles of volunteering

–The volunteer process

–The volunteer ecology

–Volunteer management

–The changing institutional and biographical embedding of volunteering

Theory as enlightenment

–Critical perspectives

–Issues of social inequality

–Negative consequences of volunteering

–Unmet expectations

–Hidden ideologies

Quelle: Hustinx et al. (2010a: 413).

Die Forschungsbereiche beschäftigen sich dabei mit grundlegenden Fragen der Begriffsdefinition (vgl. Cnaan et al. 1996; Smith 1975), mit dem Einfluss von sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Determinanten (vgl. Wilson 2012) sowie dem Einfluss der sozialen Herkunft und Formen der intergenerationalen Übertragung von Freiwilligem Engagement (vgl. Bekkers 2007; Caputo 2009; Suanet et al. 2009). Auch sozialpsychologische Fragen nach den Ursprüngen und Bedingungen prosozialen Verhaltens (vgl. Lichter et al. 2002; Penner et al. 2005) und Fragen des Zusammenhangs von sozialer Kohäsion, Wohlfahrtsstaatmodellen, Demokratie und gesellschaftlicher Partizipation werden ← 86 | 87 → untersucht und erörtert (vgl. Parboteeah et al. 2004; Stadelmann-Steffen 2011). Ein weiterer Bereich untersucht den Wandel der Freiwilligenarbeit und die Ausgestaltungen und die Verbreitung neuer Engagementformen (vgl. Hustinx 2010; Hustinx/Lammertyn 2003). Ergänzend finden sich Arbeiten, die den Einfluss der Gene bei der intergenerationalen Übertragung der Freiwilligenarbeit untersuchen und so Disziplinen wie die Genetik und Epigenetik mit der Freiwilligenforschung verbinden (vgl. Son/Wilson 2010). Auch die ökonomische Bewertung der Freiwilligenarbeit (vgl. Brown 1999; Salamon et al. 2011; Wolozin 1975) gewinnt im Zuge der Managerialisierung von Nonprofit Organisationen (vgl. Maier/Meyer 2011; Meyer et al. 2013) und dem Trend zur Wirkungsmessung im Dritten Sektor (z.B. Social Impact Assessment, Social Return on Investment, vgl. Maier et al. 2014) an Bedeutung (vgl. Moxham/Boaden 2007).

Die Forschungsarbeiten, die sich kritisch mit der Freiwilligenarbeit bzw. generell den verschiedenen Formen zivilgesellschaftlicher Partizipation beschäftigen, können grob zu vier Themenbereichen zusammengefasst werden (siehe Abbildung 11 – critical perspectives). Studien und Theorien, die sich (1) mit Fragen sozialer Ungleichheit beschäftigen, die (2) negative Konsequenzen der Freiwilligenarbeit erforschen, die (3) nicht erfüllbare Erwartungen thematisieren, und zuletzt Arbeiten, die (4) versteckte Ideologien in der Freiwilligenarbeit aufdecken (vgl. Hustinx et al. 2010a: 413, 427f).

Bei konkreter Recherche finden sich hingegen nur wenige Studien, die sich explizit mit dem Zusammenhang von Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit beschäftigen (vgl. z.B. Heitzmann et al. 2009; Institute for Volunteering Research 2004; Rotolo et al. 2010). Eine längere Tradition kritischer Arbeiten gibt es im Bereich der politischen Partizipation- und Engagementforschung. Seit den Arbeiten von Verba et al. (1995) mit dem Titel „Voice and Equality“ und den Studien von Putnam (1993, 1995) zur gesellschaftlichen Bedeutung von Sozialkapital37 stehen die Zusammenhänge zwischen politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation mit sozialer Ungleichheit im Fokus der kritischen Zivilgesellschafts- und Partizipationsforschung (vgl. Bödeker 2012; Brady 2003; Caínzos/Voces 2010; Heitzmann et al. 2009; Uslaner/Brown 2008; Walter 2012). Solt (2008) untersuchte in diesem Zusammenhang den Einfluss von Einkommensungleichheit auf unterschiedliche Formen demokratischer politischer Partizipation (Political Interest, Political Discussion, Elecctoral Participation): Eine höhere Einkommensungleichheit wirkt sich dabei vor allem ← 87 | 88 → negativ auf die politische Beteiligung der unteren Einkommensschichten aus und führt in Folge zu einer Zunahme an partizipatorischer Ungleichheit sowie ungleicher Machtverteilung in der Gesellschaft. Darüber hinaus ist die (kritische) Partizipationsforschung traditionell eng mit der Sozialkapitalforschung verbunden (vgl. Braun 2003a; Brown/Ferris 2007; Brunie 2009; Coffé/Geys 2007; Iglic 2010; Putnam 2000; Stolle/Hooghe 2005; van Deth 2010). Weitere Arbeiten beschäftigen sich z.B. mit den Auswirkungen der unterschiedlichen Formen von Sozialkapital (bridging social capital versus bonding social capital) und der „Sozialen Ordnung in Freiwilligenvereinigungen“ (vgl. Nagel 2003a). Die Erkenntnisse der (sozialen) Netzwerkforschung zur sozialen Homogenität, zur Gendersegregation (vgl. Messner/Bozada-Deas 2009; Peter/Drobnič 2013; Popielarz 1999; Rotolo/Wilson 2007) und zu den selektiven Wirkungen von Homophilie (vgl. McPherson et al. 2001) stellen das soziale Integrationspotential bzw. die brückenbildende Funktion von Freiwilligenorganisationen ebenfalls in Frage.

Die Analyse des Zusammenhangs von Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit berührt dabei die von Hustinx et al. (2010a) unter den kritischen Perspektiven zusammengefassten Themen der negativen Konsequenzen, versteckten Ideologien und nichterfüllbaren Erwartungen der Freiwilligenarbeit. Auch für die basale Frage nach dem Warum („Why do people volunteer?“), d.h. nach den Voraussetzungen und Determinanten der Freiwilligenarbeit liefert die vorliegende Arbeit weitere Antworten. Die Arbeit stellt praxisrelevante Erkenntnisse für das (Personal-)Management von NPOs hinsichtlich der Rekrutierung und der Koordination von Freiwilligen bereit. Der ungleichheitstheoretische Zugang hat zum Ziel, für Themen des Diversitätsmanagements zu sensibilisieren und zu einem kritischen Blick auf die sozialen Wirkungen bewusster wie unbewusster Selektionsmechanismen anzuregen.

(II) 2.Einflussfaktoren auf Freiwilligenarbeit

Die Einflussfaktoren die formelle Freiwilligenarbeit prägen, können auf unterschiedlichen Kontextebenen verortet werden (siehe Abbildung 12). Auf der Ebene des gesellschaftlich-kulturellen Kontextes, des aktuellen sozialen Kontextes, des Herkunftskontextes sowie auf Ebene der Person (vgl. Meyer/Rameder 2011; More-Hollerweger/Rameder 2013).

← 88 | 89 → Abbildung 12: Einflussfaktoren auf Freiwilliges Engagement aus individueller Perspektive

img

Quelle: Meyer/Rameder (2011)38.

Der Fokus der vorliegenden Arbeit ist dabei primär auf den Einfluss der askriptiven (Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft) und erworbenen (Bildungsgrad, Berufsstatus, etc.) sozialen Merkmale gerichtet. Wie das Kreismodell zu den Einflussfaktoren in Abbildung 12 zeigt, können diese Merkmale auf der Ebene des aktuellen sozialen Kontextes, d.h. u.a. der aktuellen sozialen Bewertung von Gender, Alter, Erwerbs- und Berufsstatus, sowie auf der vom Herkunftskontext abhängigen Ebene der Ausstattung an kulturellem (Bildungsgrad), sozialem (soziale Netzwerke) und ökonomischen (Vermögen) Kapitalien verortet werden. Bevor der Stand der Forschung zu den askriptiven wie erworbenen Merkmalen als Determinanten der Freiwilligenarbeit (Kap. (II).3.) im Detail beschrieben wird, werden die zentralen Erkenntnisse zu den Einflussfaktoren auf den ← 89 | 90 → Ebenen des gesellschaftlich-kulturellen Kontextes sowie auf Ebene der Persönlichkeit präsentiert.

Auf gesellschaftlich-kultureller Ebene sind vordergründig der Nonprofitsektor (z.B. die Vereinslandschaft), die staatlichen Institutionen, die etwa die rechtlichen Rahmenbedingungen festlegen sowie die Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates prägende Einflussfaktoren (vgl. u.a. DiMaggio/Anheier 1990; Hustinx et al. 2010b; Matsunaga et al. 2010; Salamon/Anheier 1998; Stadelmann-Steffen 2011). Studien dazu beschäftigt sich u.a. mit den nationalen Unterschieden in der Beteiligungsintensität und -struktur (vgl. Dekker/van den Broek 2005; Plagnol/Huppert 2010; Rotolo/Wilson 2012) sowie dem Einfluss gesamtgesellschaftlicher Heterogenitäts- und Ungleichheitsdimensionen auf die Ausprägung des Nonprofit-Sektors (vgl. Stater 2010). In Europa zeigen sich diesbezüglich große Unterschiede bei den Beteiligungsquoten39. Die skandinavischen Staaten weisen gemeinsam mit den Niederlanden die höchsten Beteiligungsquoten auf, während in Süd- und Osteuropa sich prozentuell die wenigsten Menschen freiwillig engagieren (vgl. Mackerle-Bixa et al. 2009). Diese Unterschiede sind sowohl auf politische wie kulturelle Faktoren (vgl. Plagnol/Huppert 2010; van Deth et al. 2007) als auch auf die unterschiedliche Ausprägung des Wohlfahrtsstaats (vgl. Esping-Andersen 1990; Salamon/Sokolowski 2001) zurückzuführen und stehen vielfach in Zusammenhang mit der länderspezifischen Bedeutung von Kirche und Familie (vgl. Parboteeah et al. 2004). Mit dem Einfluss unterschiedlicher Ausgestaltungsformen demokratischer Regierungsformen haben sich Stadelmann-Steffen/Freitag (2011) am Beispiel der Schweizer Kantonalregierungen beschäftigt. Höhere Engagementquoten werden in jenen Kantonen beobachtet, die entweder eine primär repräsentative, oder aber direkte Form der Demokratie anwenden. Jene Kantonen, in denen die beiden Demokratiemodelle und die damit teilweise widersprüchlichen Logiken kombiniert werden, weisen geringere Engagement- und Partizipationsquoten auf.

“By delegating powers either toward [sic] or away from the individual, both logics generate an environment that promotes voluntary engagement. On the other hand, a mixture of a representative conception of democracy with a relatively substantial access to direct democratic instruments may be disadvantageous in terms of civic engagement because the two modes of democracy follow very different mechanisms“ (Stadelmann-Steffen/Freitag 2011: 542f).

← 90 | 91 → Vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise ist auch die Frage nach dem Einfluss von Einkommensungleichheit (z.B. Gini-Koeffizient) auf die Freiwilligenarbeit bedeutsam (vgl. Hackl et al. 2007, 2012; Lancee/Van de Werfhorst 2012). Park/Subramanian (2012) kommen diesbezüglich zu dem Ergebnis, dass die positiven Effekte der Mitgliedschaft in freiwilligen Vereinigungen mit dem Grad der Einkommensungleichheit abnehmen. Stater (2010) wiederum beschäftigt sich mit den Einflussfaktoren auf die Heterogenität des Nonprofitsektors und dabei u.a. mit der Frage, in welchem Ausmaß die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung in der Heterogenität des Nonprofit Sektors Wiederhall finden. Ausgehend von den beachtlichen Unterschieden in den Beteiligungsquoten zwischen den einzelnen US Bundestaaten (zwischen 18% und 44%) analysieren Rotolo/Wilson (2012) den Einfluss demografischer, institutioneller und kultureller Faktoren auf die Freiwilligenarbeit. Die Ergebnisse zeigen, dass die Höhe des Bildungsgrads nur auf individueller Ebene und nicht auf Makroebene die Beteiligung an der Freiwilligenarbeit positiv beeinflusst: „[H]aving a higher proportion of residents with college degrees or more is not associated with higher levels volunteering“ (Rotolo/Wilson 2012: 466). Die Autoren finden dabei sogar einen negativen Effekt eines höheren Bildungsstands der Bevölkerung für religiöse Freiwilligenarbeit, nicht jedoch für säkulares Engagement. Rotolo/Wilson (2012) erklären sich diesen Unterschied wie folgt: „Education might well be an individual resource as far as volunteering is concerned but living in an environment of highly educated people seems to be a disincentive to religious volunteering“ (467). Die Erwerbsquote in einer Region hat interessanterweise keinen Einfluss auf die Engagementquote. Die regionale Dichte an Nonprofit Organisationen steht wiederum nur mit nicht-religiösen Formen der Freiwilligenarbeit in positivem Zusammenhang (ebd.).

In Österreich und Deutschland sinken mit der Wohnortgröße und dem Urbanisierungsgrad die Engagementquoten signifikant, wohingegen sich dieser Zusammenhang in der Schweiz nicht zeigt (vgl. Meyer/Rameder 2011). Der geringere Anteil an Freiwilligen in urbanen Zentren wird dabei unterschiedlich erklärt. Einerseits spielen die höhere Mobilität und die heterogenere Zusammensetzung der Bevölkerung in Städten eine Rolle, andererseits werden mit steigender Bevölkerungsdichte auch mehr Leistungen von öffentlicher bzw. auch privatwirtschaftlicher Seite abgedeckt (z.B. durch Berufsfeuerwehren, kommerzielle Sportangebote, ein breiteres Angebot an Kulturgütern – Museen, Theater etc.) sodass Freiwilligenarbeit weniger notwendig ist als in ländlicheren Regionen. Nicht zuletzt scheinen die soziale Solidarität und Kohäsion wie auch die Wirksamkeit sozialer Normen in ruralen Gebieten das Freiwillige Engagement zu fördern (vgl. ebd.). Hooghe/Botterman (2012) stellen den negativen Einfluss ← 91 | 92 → der Urbanisierung auf Freiwilliges Engagement in Frage. Bezogen auf Belgien konnten sie in ihrer Multilevel-Analyse keinen Einfluss des Urbanisierungsgrads auf die Freiwilligenarbeit im gesamten feststellen. Lediglich für das Engagement in traditionellen Freiwilligenorganisationen (Familien- und Seniorenvereinigungen) ist ein negativer Effekt nachweisbar (ebd.).

Betreffend der Persönlichkeitsmerkmale, Einstellungen und Motive belegen Studien, dass vor allem Religiosität positiv mit Freiwilligem Engagement korreliert (vgl. Borgonovi 2008; Taniguchi/Thomas 2011; van Tienen et al. 2011). Positive Einstellungen und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben und der eigenen Gesundheit finden sich häufiger bei Freiwilligen als bei nicht freiwillig engagierten Personen (vgl. Haski-Leventhal 2009; Lum/Lightfoot 2005). Das Vertrauen in andere Menschen (generalized trust) ist bei Freiwilligen stärker ausgeprägt (vgl. Bekkers 2011; Jung/Kwon 2011; Park/Subramanian 2012; Uslaner/Brown 2008) und sie sind in geringerem Ausmaß von sozialen Angststörungen (social anxiety40) betroffen (vgl. Handy/Cnaan 2007). Freiwillige sind vielfach extrovertierter und zeichnen sich durch eine vergleichsweise höhere Soziabilität aus (vgl. Elshaug/Metzer 2001). Ebenfalls von Bedeutung ist die Übereinstimmung des eigenen Selbstkonzepts mit jenem der Organisationen (vgl. Randle/Dolnicar 2011). Der Motiv- und Wertewandel spiegelt sich auch in der Freiwilligenarbeit wieder. Bei den in den großen Surveys üblichen, vorgegebenen Motivabfragen steht der eigenorientierte „Spaß an der Tätigkeit“ jeweils gemeinsam mit dem altruistischen Wunsch „anderen zu helfen“ und dem Bedürfnis nach Sozialkontakten, d.h. „Menschen treffen“, „Freunde gewinnen“ und „gemeinsam etwas bewegen“ an vorderster Stelle (vgl. BMASK 2009, 2013; Gensicke/Geiss 2010; Stadelmann-Steffen et al. 2010).

Schlussendlich entscheiden in den meisten Bereichen der formellen Freiwilligenarbeit jedoch die Organisationen, bewusst wie unbewusst, anhand impliziter oder expliziter Kriterien, welche Freiwilligen sie für welche Funktionen aufnehmen und halten (vgl. Meyer/Rameder 2011). Den aktuellen Stand der Forschung zu den organisationalen Einflussfaktoren der Koordination und des Managements von Freiwilligen haben Studer/Schnurbein (2013) in einer umfassenden Literaturanalyse zusammengefasst. Sie diskutieren dabei auch mögliche negative Effekte der Freiwilligenarbeit wie Burnout und Überidentifikation. Die Rolle der Organisationen bei der Genese und Reproduktion sozialer Schließung wird jedoch nicht thematisiert (vgl. Studer/von Schnurbein 2012: 428f). Soziale Gesetzmäßigkeiten wie jene der Homophilie (vgl. McPherson et al. 2001) sind ← 92 | 93 → möglicherweise gerade bei der Freiwilligenarbeit in geringerem Ausmaß sozial sanktioniert und kommen damit stärker zum Tragen, als dies bei der Erwerbsarbeit der Fall ist. Vor diesem Hintergrund ist die Frage nach Kriterien des Zugangs zu Leitungspositionen, d.h. der Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit, von besonderem Interesse.

(II) 3.Soziale Merkmale als Determinanten des Zugangs zur Freiwilligenarbeit

Soziale, ökonomische und kulturelle Determinanten der Freiwilligenarbeit beschäftigen die soziologisch-orientierte Freiwilligenforschung in den USA seit den 1970er Jahren (vgl. Lemon et al. 1972; Smith 1975, 1994). In Europa finden sich vor allem seit den 1980er Jahren vermehrt Forschungsarbeiten dazu (z.B. Badelt 1985). Der ungleiche Zugang bezüglich sozialer, ökonomischer und kultureller Merkmale findet sich in nahezu allen empirischen Erhebungen und Studien zur Freiwilligenarbeit bestätigt (vgl. Borgonovi 2008; García-Mainar/Marcuello 2007; Havens et al. 2006; Huth 2007; Musick/Wilson 2008; Rochester et al. 2010: 191f; Rotolo et al. 2010; Tschirhart 2006; Wilson/Musick 1997a, b, 2000) und kann verdichtet als „Mittelschichtbias der Freiwilligenarbeit“ bezeichnet werden (vgl. Alscher et al. 2009a; Beher 2008; Dathe 2011; Musick/Wilson 2008; Rotolo et al. 2010). Wie bereits in Kapitel (I) ausführlich erläutert sind im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit vordergründig askriptive, d.h. zugeschriebene Merkmale wie Geschlecht, Alter, soziale, regionale und ethnische Herkunft sowie erworbene Merkmale wie Bildungsstand, Berufsprestige, Vermögen und Einkommen von zentraler Bedeutung für die Reproduktion ungleicher Lebensverhältnisse.

Zur Hierarchisierung, d.h. zum Zugang zu den leitenden Positionen und Funktionen innerhalb der Freiwilligenarbeit gibt es bislang vergleichsweise wenige Untersuchungen (vgl. Musick/Wilson 2008; Rotolo/Wilson 2007). Ein Grund dafür ist, dass eine differenzierte Erfassung der Freiwilligenarbeit nach Tätigkeiten bzw. Funktionen in den länderübergreifenden Surveys (EVS, ESS) bisher nicht stattgefunden hat. In den nationalen Erhebungen gibt es zwar oftmals eine detaillierte Erfassung, jedoch ohne einheitliche Operationalisierung. So wird im Rahmen des Freiwilligenmonitors in der Schweiz zwischen (1) allgemeiner Freiwilligenarbeit und (2) Ehrenamt, d.h. gewählten Funktionen unterschieden (Stadelmann-Steffen et al. 2007; Stadelmann-Steffen et al. 2010). Im Rahmen der österreichweiten Erhebungen im Jahr 2006 (Statistik Austria) und 2012 (IFES) wurde hingegen zwischen (1) ausführenden, die Kernaufgaben der Organisation umfassenden Tätigkeiten, (2) administrativen ← 93 | 94 → und unterstützenden Tätigkeiten, sowie (3) Tätigkeiten, die Leitungsaufgaben umfassen, unterschieden (vgl. BMASK 2009, 2013). Da es, wie bereits Eingangs erwähnt, in den USA im Bereich der Freiwilligenarbeit eine längere Forschungstradition gibt, beziehen sich die meisten Analysen und Ergebnisse auf den US-amerikanischen Raum. Musick/Wilson (2008) kommen bei ihrer Analyse der bisherigen Literatur sowie Daten des U.S. Independent Sector survey (1992, 1994, und 1996) zu dem Ergebnis, dass ethnische Herkunft, der Beschäftigungsstatus (full-time, part-time, retired) sowie der Kirchenbesuch die hierarchischen Position in der Freiwilligenarbeit zentral beeinflussen. Gesamt betrachtet zeigt sich, dass in der Freiwilligenarbeit Führungs- und Leitungspositionen eher von Männern (vorwiegend Fach- und Führungskräfte) sowie besser (aus-)gebildeten Personen eingenommen werden. Die Besetzung von Führungspositionen folgt damit in vielen Bereichen der Freiwilligenarbeit den impliziten und expliziten Regeln der Positionsbesetzung in der Erwerbsarbeit (vgl. Rotolo/Wilson 2007; Webb/Abzug 2008). In Europa finden sich zum Thema der internen hierarchischen Strukturierung vor allem Analysen zum Ehrenamt im Feld der Sportvereine (Baur et al. 2003; Hartmann-Tews/Combrink 2006; Nagel 2003a; Radtke 2007; Winkler 1995). Ergänzend finden sich Einzelfallstudien wie sie Beher (2008) zu den „Die vergessene Elite – Führungskräfte in gemeinnützigen Organisationen“ veröffentlicht hat.

(II) 3.1.Zugeschriebene Merkmale als Determinanten des Zugangs zur Freiwilligenarbeit

(II) 3.1.1.Geschlecht

Das Geschlecht spielt nicht nur in der Erwerbsarbeit sondern auch in der formellen Freiwilligenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen eine zentrale Rolle. (1) auf der Ebene des Zugangs zu Freiwilligenarbeit im Allgemeinen, (2) beim Zugang zu spezifischen Engagementfelder und (3) beim Zugang zu bestimmten Tätigkeiten bzw. (hierarchischen) Positionen innerhalb der Freiwilligenorganisationen. Ein Überblick zu aktuellen Studien dazu findet sich bei Musick/Wilson (2008) sowie Wilson (2012). Im Hinblick auf die Beteiligung in Österreich41 sowie den meisten anderen europäischen Ländern zeigen die empirischen Daten, dass mehr Männer als Frauen Freiwilligenarbeit leisten ← 94 | 95 → (vgl. Gensicke/Geiss 2010; Neumayr/More-Hollerweger 2009; Stadelmann-Steffen et al. 2010). In Nordamerika hingegen sind mehr Frauen als Männer freiwillig engagiert (vgl. Musick/Wilson 2008; Themudo 2009) und sie leisten durchschnittlich mehr Stunden als Männer (vgl. Taniguchi 2006). Dieser Unterschied zwischen Nordamerika und Europa ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Freiwilligenarbeit in religiösen Kontexten in den USA weitaus verbreiteter ist als in Europa und dieser Bereich traditionell mehr Frauen attrahiert (vgl. Bourdieu 1998: 192; 2005a: 170). Das Geschlecht beeinflusst vor allem in Verbindung mit anderen askriptiven wie erworbenen Merkmalen, der sogenannten Intersektionalität (vgl. Winker/Degele 2009), das Ausmaß und die Form der Freiwilligenarbeit. Dies betrifft vor allem die Interaktion von Geschlecht und Alter (vgl. Fortuijn/van der Meer 2006), Geschlecht und Erwerbsstatus bzw. Berufsstatus (vgl. Marshall/Taniguchi 2012; Popielarz 1999; Tiehen 2000), Geschlecht und Bildungsgrad (vgl. Egerton/Mullan 2008) sowie Geschlecht und Familiensituation hinsichtlich Kinder und Familienstand (vgl. Musick/Wilson 2008; Taniguchi 2006). Den Einfluss, den Kinder auf die Freiwilligenarbeit ihrer Eltern haben ist je nach Alter der Kinder bei Müttern und Vätern höchst unterschiedlich ausgeprägt. „[T]he negative effect of having small children in the house is stronger for mothers than fathers“ (Musick/Wilson 2008: 245). Bei Kindern im Schulalter kehrt sich der Effekt allerdings um. Schulkinder fördern die Freiwilligenarbeit ihrer Mütter mehr als die ihrer Väter (vgl. ebd.: 246). In Österreich findet sich der genderabhängige Einfluss von Kindern teilweise bestätigt (vgl. Neumayr/More-Hollerweger 2009: 101). Frauen mit Kindern unter 3 Jahren im Haushalt weisen eine geringere Beteiligungsquote (17,6%) auf als Männer (31,2%) (siehe Tabelle 1). Bei älteren Kindern im Haushalt steigt zwar auch die Beteiligungsquote von Frauen auf 32,1% an, liegt jedoch weiterhin unter jener, der ebenfalls ansteigenden Beteiligungsquote von Männern mit 38,5%.

Tabelle 1: Beteiligungsquoten von Frauen und Männern ohne bzw. mit Kindern im Haushalt

Beteiligungsquote (%)
FrauenMännerGesamt
Keine Kinder unter 15 Jahren im Haushalt

22,5

32,4

27,5

Kinder unter 3 Jahren im Haushalt

17,6

31,2

24,6

Kinder unter 15 Jahren, aber keine Kleinkinder unter 3 Jahren im Haushalt

32,1

38,5

35,2

Mikrozensus-Zusatzerhebung (2006); Formelle Freiwilligenarbeit; Basis: Freiwillige; gewichtet (in Anlehnung an Neumayr/More-Hollerweger 2009: 101).

← 95 | 96 → Neben der Familiensituation wirkt bei Männern und Frauen auch die Erwerbstätigkeit unterschiedlich auf deren Freiwilliges Engagement. Die Art der Erwerbstätigkeit (Job-Charakteristik), das Stundenausmaß, der Status des Berufs sowie eine etwaige Arbeitslosigkeit haben geschlechterspezifische Effekte auf die Freiwilligenarbeit (vgl. Lewis/Noguchi 2006; Taniguchi 2006). „Relative to full-time employment, part-time employment encourages women’s volunteer work but not men’s, while unemployment exclusively inhibits men’s volunteering“ (Taniguchi 2006: 83). Für Österreich kann auf Basis der bestehenden Analysen der oben beschriebene Einfluss (vgl. Taniguchi 2006: 95; Stadelmann-Steffen et al. 2007: 63) nicht gleichermaßen beobachtet werden (vgl. Neumayr/More-Hollerweger 2009: 100). Männer in Teilzeitbeschäftigung weisen hier eine höhere Beteiligungsquote (51,3%) auf als Frauen in Teilzeit (33,0%) (siehe Tabelle 2).

Tabelle 2: Beteiligungsquoten von Frauen und Männern nach Beschäftigungsausmaß

Beteiligungsquote (%)
FrauenMännerGesamt

Vollzeit

24,0

35,8

31,8

Teilzeit bis 35 Stunden

33,0

51,3

35,9

Mikrozensus-Zusatzerhebung (2006); Formelle Freiwilligenarbeit; Basis: Freiwillige; gewichtet (in Anlehnung an Neumayr/More-Hollerweger 2009: 100).

Neben der Art der Beschäftigung (Vollzeit und Teilzeit) hat auch die Art der Tätigkeit (z.B. Führungs- und Leitungsfunktionen) für Frauen und Männer eine unterschiedliche Wirkung. Frauen in leitenden Positionen im Beruf bringen deutlich mehr Zeit für die Freiwilligenarbeit auf als Frauen ohne Leitungsfunktion (vgl. Marshall/Taniguchi 2012):

„Although women are less likely than men to supervise others, being a supervisor promotes women’s volunteering but not men’s. This finding supports the argument that gender-based expectations extend to the workplace and influence the ways in which job authority is exercised. Since women are expected to be communal, women who exercise supervisory authority may volunteer more than women who do not, while job authority does not seem to matter as much for men’s volunteering decisions. Volunteering may be a way for women supervisors to receive positive evaluations since it allows them to balance masculine agentic traits with feminine communal traits, and appear less threatening and more acceptable“ (Marshall/Taniguchi 2012: 228).

Der Einfluss der hierarchische Position im Beruf auf die Freiwilligenarbeit ist demzufolge bei Männern und Frauen unterschiedlich ausgeprägt. Der Beruf selbst, dürfte vor allem das Freiwillige Engagement von Männern beeinflussen:

← 96 | 97 → „Men in manual occupations volunteer significantly less time, either compared to men in managerial/professional occupations or to men in technical/service/clerical/service occupations“ (Marshall/Taniguchi 2012: 224).

Rotolo und Wilson (2007) untersuchen anhand amerikanischer Surveydaten (N=91.807), ob und in welchem Ausmaß es analog zur Erwerbsarbeit zu einer vertikalen und horizontalen Geschlechtersegregation in der Freiwilligenarbeit kommt. Betreffend des Zusammenhangs von Erwerbsarbeit und Freiwilligenarbeit (vgl. dazu auch Staines 1980) formulieren sie zwei Hypothesen. Die Contrast Hypothesis besagt, dass es in der Freiwilligenarbeit zu einer Umkehrung bzw. zumindest Negierung der Geschlechtersegregation anderer Sphären, wie der Erwerbsarbeit oder der Familienarbeit kommt:

„Volunteering is what we do in our ‘free time’ where, presumably, we have a free choice. […] volunteer work offers itself as an alternative stratification system in which the powerless can gain authority and exercise power“ (Rotolo/Wilson 2007: 559f).

Demgegenüber steht die Spillover Hypothesis die davon ausgeht, dass die Geschlechtersegregation in der Freiwilligenarbeit jene anderer Arbeitskontexte spiegelt bzw. reproduziert (vgl. Rotolo/Wilson 2007: 562). Als ein Argument für diese Hypothese führen Rotolo/Wilson (2007) an, dass Nonprofit Organisationen und Freiwilligenvereinigungen analog zu gewinnorientierten Unternehmen an einer effizienten Ressourcennutzung interessiert sind und daher bei Freiwilligen ähnliche Recruting-, Trainings- und Managementinstrumente wie bei bezahlten Mitarbeitern einsetzen. Die empirischen Ergebnisse stützen primär die Spillover-Hypothese. Rotolo/Wilson (2007) erklären diesen Befund damit, dass Freiwilligenarbeit oftmals in ähnlicher Art und Weise organisiert ist wie die Erwerbsarbeit sowie die Haus- und Familienarbeit und die Aufgaben und Positionen in der Freiwilligenarbeit vielfach ebenso hierarchisch strukturiert sind. Ihre eigenen multivariaten Analysen stützen ebenfalls die Spillover-Hypothese. Männer finden sich traditioneller Weise häufiger als Frauen in „Boards“ und „Committees“ von Freiwilligenorganisationen. Rotolo/Wilson (2007) ergänzen jedoch, dass unter Kontrolle der Klassenzugehörigkeit die Wahrscheinlichkeit in Vorstandspositionen oder Komitees zu kommen bei Frauen uns Männer annähernd gleich ist:

„Gender has a strong influence on horizontal sex segregation, helping sort people into sex-linked jobs at more or less the same status level, but a more modest influence on the vertical dimension […] The vertical division of labor seems to be influenced more by social class than gender“ (580).

In Österreich (Tabelle 3) zeigen deskriptive Analysen bezüglich der horizontalen Geschlechtersegregation, dass mit 82 % der Männeranteil im Bereich der Katastrophenhilfe am höchsten ist, gefolgt vom Feld des Sports (72%) und der Politik ← 97 | 98 → (72%) (Neumayr/More-Hollerweger 2009: 97). Der Frauenanteil ist wiederum im Feld der Religion (69%) und der Bildung (65%) am größten. Ähnliche Ergebnisse finden sich auch in Deutschland (Gensicke/Geiss 2010) und der Schweiz (Stadelmann-Steffen et al. 2010).

Tabelle 3: Beteiligungsstruktur nach Geschlecht in den Bereichen der formellen Freiwilligenarbeit

In diesem Bereich tätig (%)In diesem Bereich leitend tätig (%)
FrauenMännerFrauenMänner

Katastrophenhilfe

18

82

9

91

Politik

28

72

22

78

Sport

28

72

17

83

Umwelt

35

65

14

86

Gemeinwesen

37

63

28

72

Kultur

46

54

29

71

Soziales

53

47

46

54

Bildung

65

35

52

48

Religion

69

31

59

41

Gesamt

43

57

29

71

Mikrozensus-Zusatzerhebung (2006); Formelle Freiwilligenarbeit; Basis: Freiwillige; gewichtet (in Anlehnung an: Neumayr/More-Hollerweger 2009: 98).

Betreffend der vertikalen Geschlechtersegregation sind bis auf die Engagementfelder der Bildung und der Religion Männer überproportional in leitenden Positionen vertreten (siehe Tabelle 3). Auch in der Schweiz haben deutlich mehr Männer als Frauen ein gewähltes Ehrenamt inne (vgl. Stadelmann-Steffen et al. 2010) und für Deutschland lässt sich resümieren, dass leitende Positionen häufiger mit gut ausgebildeten, älteren Männern besetzt werden (vgl. Gensicke/Geiss 2010). Erklärungsansätze beziehen sich ebenso auf persistente Geschlechterstereotypen hinsichtlich der tradierten Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern (vgl. Eagly 2009) sowie auf bereits genannten Spillover-Effekt der Erwerbsarbeit auf die Freiwilligenarbeit (vgl. Marshall/Taniguchi 2012; Wilson/Musick 1997b). Gesamt betrachtet sind es jedoch nur eine Handvoll Studien die sich explizit mit der geschlechtsspezifischen, horizontalen wie vertikalen Segregation innerhalb der Freiwilligenarbeit beschäftigen (vgl. Messner/Bozada-Deas 2009; Popielarz 1999; Rotolo/Wilson 2007). Zu einem der Kernthemen der vorliegenden Arbeit, der Frage nach den „gläsernen Wänden“ zwischen den ← 98 | 99 → Engagementfeldern und den „gläsernen Decken“ zwischen den hierarchischen Positionen der Freiwilligenorganisationen (vgl. Guy/Newman 2004) gibt es noch weiteren Forschungsbedarf. Bei der Analyse der Geschlechterrollen und stereotypen Reproduktionsmuster gilt es die generelle Machtasymmetrien zwischen der Erwerbsarbeit und der Freiwilligenarbeit mitzudenken (vgl. Baines/Hardill 2008; Little 1997). „Within both traditions [philanthropy and mutual aid] there is a longstanding association of volunteering with women’s unpaid roles in social reproduction and reciprocal exchange“ (Baines/Hardill 2008: 308).

(II) 3.1.2.Alter

Das Alter ist neben dem Geschlecht ein weiterer zentraler Einflussfaktor auf Freiwilliges Engagement (vgl. Aner 2007; Aner/Hammerschmidt 2008; Backes/Höltge 2008; Gensicke 2008; Meyer et al. 2009; Musick/Wilson 2008; Schroeter 2006; Suanet et al. 2009; Tang 2006). Im Fokus steht dabei einerseits das Freiwillige Engagement von Jugendlichen und dessen Auswirkungen auf deren Persönlichkeit, deren gesellschaftliche Partizipation im Allgemeinen sowie deren spätere Karriere im Beruf (vgl. Handy et al. 2010; Janoski/Wilson 1995; Oesterle et al. 2004; Sundeen/Raskoff 2000). Andererseits stellt sich die Frage nach den individuellen wie gesellschaftlichen Voraussetzungen und Auswirkungen von Freiwilligem Engagement älterer Menschen, insbesondere jener im Ruhestand. Ein aktuelles Forschungsfeld legt dabei den Fokus primär auf die Effekte der Freiwilligenarbeit auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit älterer Menschen (vgl. Backes 2005; Caro 2008; Erlinghagen 2008, 2010; Hank/Erlinghagen 2008; Morrow-Howell 2010; Mühlpfordt 2006; Mutchler et al. 2003; Placke/Riess 2006; Syvertsen et al. 2011; Tang 2008; Wouters 2005). Gesamt betrachtet decken sich die meisten empirischen Befunde zum Zusammenhang von Alter und Freiwilligenarbeit. Die Beteiligungsquoten erreichen rund um die Lebensmitte ihren Höchststand und sinken danach langsam, mit dem Pensionsantritt dann deutlich ab (vgl. Gensicke et al. 2006; More-Hollerweger/Rameder 2009; Stadelmann-Steffen et al. 2010). Mit einem Austritt aus der Erwerbsarbeit ist oftmals auch das Ende des Freiwilligen Engagements verbunden. Die Gründe dafür sind vielfältig (vgl. Backes 2005; Meyer et al. 2009). Erlinghagen (2006; 2008) hat nachgewiesen, dass Menschen sich im Ruhestand eher freiwillig engagieren, wenn Freiwilligenarbeit bereits in ihrem bisherigen Lebenslauf ein Handlungsfeld dargestellt hat (Erlinghagen 2008, 2010; Erlinghagen et al. 2006). Diese Erkenntnisse sind im Besonderen im Kontext gesundheitlicher Ungleichheit im Alter von Bedeutung. Freiwilliges Engagement als Ressource für „aktives“ und damit „gesünderes“ Altern ist daher nicht erst zum Zeitpunkt des Bedarfs z.B. ← 99 | 100 → mit „Senioren- und Freiwilligenmessen“ förderbar sondern bedarf einer strukturellen Perspektive über den gesamten Lebenslauf.

(II) 3.1.3.Ethnische und geographische Herkunft

Die (ethnische) Herkunft spielt ebenfalls eine bedeutsame Rolle beim Zugang zur Freiwilligenarbeit. Die Freiwilligenforschung zum Themengebiet der Migration hat dabei in Nordamerika eine entsprechend längere Tradition als beispielsweise in Europa (vgl. Handy/Greenspan 2009; Kazemipur 2011; Sundeen et al. 2009; Wilson/Musick 2000). In Österreich steht die Forschung diesbezüglich noch am Beginn (vgl. Reinprecht 2009). Grundlegend lässt sich jedoch auf Basis der bestehenden Daten zusammenfassend sagen, dass die Beteiligungsquoten von Personen mit Migrationshintergrund deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt liegen (vgl. Alscher et al. 2009a; Reinprecht 2009; Stadelmann-Steffen et al. 2010). Die Beteiligungsquoten von Personen mit Migrationshintergrund liegen in Österreich mit rund 19% deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt von 28% (vgl. Reinprecht 2009). Carabain/Bekkers (2011) kommen für die Niederlande zu dem Ergebnis, dass Migrantinnen und Migranten vergleichsweise wenig Freiwilligenarbeit für säkulare Organisationen leisten, sich jedoch umso häufiger in religiösen Organisationen freiwillig betätigen. Generell wird in aktuellen Studien zur ethnischen Herkunft und Freiwilligenarbeit der Religion hohes Erklärungspotential zugeschrieben (vgl. Bekkers/Schuyt 2008; Carabain/Bekkers 2011; Wilson/Musick 2000). Das Zusammenspiel der ethnischen Herkunft mit anderen sozio-ökonomischen Einflussfaktoren wie z.B. dem oftmals geringeren Bildungsgrad, der fehlenden bzw. schlecht bezahlten Erwerbsarbeit oder aber der, aufgrund eines fehlenden Aufenthaltstitel bedingten, Gettoisierung und Stigmatisierung, ist im Kontext der Freiwilligenarbeit bislang kaum erforscht worden. Forschungsmethodisch besteht weiterhin das Problem, dass das Thema „Migration“ in den bestehenden Erhebungsinstrumenten und damit in den Daten nicht repräsentativ abgebildet ist. Viele nationale Erhebungen werden nur in der Landessprache durchgeführt und schließen damit einen nicht unerheblichen Teil der jeweiligen Migrationspopulation davon aus. Zumindest für Österreich gesprochen sind demzufolge die Daten zum Zugang von Personen mit Migrationshintergrund zur Freiwilligenarbeit wie zu ehrenamtlichen Leitungspositionen wenig aussagekräftig.

(II) 3.1.4.Soziale Herkunft

Die soziale Herkunft, d.h. der Bildungsgrad, der Berufsstatus und das Einkommen der Eltern bzw. des sozialen Umfelds, ist trotz Bildungsexpansion weiterhin ← 100 | 101 → einer der zentralen Ausgangspunkte der Reproduktion sozialer Ungleichheit (vgl. Berger et al. 2011; Bourdieu 2000 (1973)). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welchen Einfluss die soziale Herkunft auf den Zugang zur Freiwilligenarbeit hat (vgl. Bekkers 2007; Janoski et al. 1998; Janoski/Wilson 1995; Oesterle et al. 2004). Auch der Zusammenhang von sozialer Mobilität und Freiwilligem Engagement ist diesbezüglich von Interessen. Laut Lichter et al. (2002) wirkt sich Armut in der Kindheit negativ auf das spätere prosoziale Verhalten aus, im besonderen Maße auf das von Mädchen. Der Einfluss der sozialen Herkunft, d.h. die Herkunftsfamilie und das erweiterte Herkunftsmilieu, auf Freiwilliges Engagement wird anhand verschiedener soziologischer Theorien erklärt. Diese reichen von allgemeinen Sozialisationstheorien über Role-Modeling-Theorien bis hin zu Status-Transmissions-Theorien, die die Vererbung von Klassen- und Schichtzugehörigkeit erklären (vgl.: Bekkers 2007; Janoski/Wilson 1995; Musick/Wilson 2008: 225ff). Mustillo et al. (2004) weisen auf Basis von Längsschnittdaten aus den USA der Herkunftsfamilie eine zentrale Funktion im Kontext der Freiwilligenarbeit zu. Sie unterscheiden dabei jedoch zwischen jenen Faktoren, die für die Aufnahme von Freiwilligenarbeit in der Jugend von Bedeutung sind und jenen, die Freiwilligenarbeit im späteren Lebenslauf beeinflussen.

„The effect of family socioeconomic status on initial volunteering operates through mother’s volunteering and daughter’s education. Later growth in volunteering, however, is completely driven by family socioeconomic status“ (Mustillo et al. 2004: 538).

Bekkers (2007) überprüft in seiner empirischen Studie die unterschiedlichen Modi der intergenerationalen Weitergabe von Freiwilligem Engagement. Er teilt diese dazu in direkte und indirekte Wege der Transmission ein. Zur direkten Übertragung zählen Banduras (1977) Social Learning Theory. „[P]arents can enhance their children’s prosocial behaviour by modelling prosocial behavior“ (Bekkers 2007: 100). Als indirekte Wege der Übertragung führt Bekkers (2007) mit Bezug auf Max Weber die Statusübertragung an: „[T]he transmission of volunteering is a by-product of the transmission of religion, social status and personality characteristics“ (111). Durch die Weitergabe eines (hohen) sozio-ökonomischen Status werden Ressourcen übertragen, die für Freiwilliges Engagement förderlich sind (vgl. Bekkers 2007: 101; Wilson 2000). Die empirischen Ergebnisse von Bekkers stützen die indirekte Transmissions-These bezogen auf Freiwilligenarbeit in religiösen und quasi-religiösen Vereinigung. In diesem Zusammenhang fragen Vermeer/Scheepers (2012) nach der Auswirkung religiöser Sozialisation in der Herkunftsfamilie auf nicht-religiöse Freiwilligenarbeit. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass aktive Religiosität einen signifikant positiven Einfluss auf Freiwilliges Engagement hat. ← 101 | 102 → In nicht-religiösen Kontexten scheint darüber hinaus eine nicht zu strenge religiöse Sozialisation einen positiven Effekt auf das Engagement zu haben (Vermeer/Scheepers 2012). Der Religion wird jedoch nicht nur im Kontext der Sozialisation Bedeutung zugeschrieben (vgl. Bekkers 2007; Caputo 2009; Vermeer/Scheepers 2012), sondern gilt als zentraler eigenständiger Faktor, der positiv auf Freiwilliges Engagement wirkt (vgl. Bekkers/Schuyt 2008; Borgonovi 2008; Djupe/Grant 2001; Loveland et al. 2005; Taniguchi/Thomas 2011; van Tienen et al. 2011; Wilson/Musick 2000).

Von diesen Studien (Bekkers 2007; Caputo 2009; Mustillo et al. 2004; Vermeer/Scheepers 2012) abgesehen, finden sich keine weiteren aktuellen empirischen Befunde zum Zusammenhang von sozialer Herkunft und Freiwilligem Engagement. Die diesbezüglich geringe Forschungsdichte in Europa, mit Ausnahme der Niederlande, mag an der im Vergleich zu Nordamerika zeitlich deutlich verzögerten Implementierung von Fragen zur Freiwilligenarbeit in die nationalen wie europaweiten Erhebungsinstrumente der amtlichen Statistiken liegen. Die Erfassung von Daten zur sozialen Herkunft, gemeinsam mit Daten zur Freiwilligenarbeit der Eltern, ist bis heute weder in den zentralen europaweiten Surveys (wie z. B. EVS42, ESS43) noch in den nationalen Erhebungen (vgl. dazu: Freiwilligen-Monitor, Schweiz; Freiwilligensurvey, Deutschland; Mikrozensuszusatzerhebung zu Freiwilligenarbeit, Österreich) umgesetzt worden.

Dem Überblick zum Einfluss der askriptiven Merkmale auf Freiwilliges Engagement folgt nun der Stand der Forschung zu den erworbenen Merkmalen als Determinanten der Freiwilligenarbeit.

(II) 3.2.Erworbene Merkmale als Determinanten des Zugangs zur Freiwilligenarbeit

(II) 3.2.1.Formaler Bildungsgrad

Kulturelles Kapital in institutionalisierter Form von Bildungsabschlüssen (bzw. -titeln) ist in nahezu allen Studien einer der konsistentesten Prädiktoren für Freiwilliges Engagement (vgl. Brand 2010: 418; Mitani 2013; Musick/Wilson 2008: 119ff; Wilson 2000: 219; 2012: 185f). Die Gründe und Ursachen diesbezüglich sind vielfach diskutiert und reichen von höherem Problembewusstsein, mehr Empathie, kritischerem Denken bis dahin, dass der längere ← 102 | 103 → Verbleib im Bildungssystem mehr freie Zeitressourcen und mehr soziale Kontakte während dieser Lebensphase ermöglicht (ebd., Campbell 2009; Gesthuizen/Scheepers 2012). Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit „gefragt zu werden“ aufgrund heterogenerer sozialer Netzwerk bei höher gebildeten Personen größer als bei den unteren Bildungsschichten (vgl. Musick/Wilson 2008: 120, 126). Der Einfluss des Bildungsgrades auf die Position innerhalb der Freiwilligenarbeit folgt den klassischen Selektionsmustern der Erwerbsarbeit. Freiwillige die über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, werden häufiger gefragt „white collar“ Tätigkeiten und Führungsfunktionen zu übernehmen (vgl. Rotolo/Wilson 2007: 563).

Der Zusammenhang von Bildungsgrad und Freiwilligenarbeit (siehe Abbildung 13) wird laut Musick/Wilson (2008) von folgenden weiteren Moderator-und Mediatorvariablen44 beeinflusst. Das Geschlecht, die ethnische Herkunft und das Alter haben einen moderierenden Einfluss auf den Zusammenhang von Bildungsgrad und Freiwilligenarbeit. Die empirischen Befunde betreffend den Einfluss des Geschlechts sind jedoch widersprüchlich. Musick/Wilson (2008) konnten in ihren empirischen Analysen selbst keinen moderierenden Effekt des Geschlechts auf den Zusammenhang von Bildungsgrad und Freiwilligenarbeit feststellen. Den moderierenden Effekt der ethnischen Herkunft betreffend konnten sie hingegen nachweisen, dass der Bildungsgrad nur bei weißen Amerikanerinnen und Amerikanern positiv mit der Anzahl der geleisteten Freiwilligenstunden korreliert, nicht jedoch bei Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern. Höheres Bildungskapital wirkt sich darüber hinaus stärker auf die Beteiligung an der Freiwilligenarbeit von Personen mittleren Alters (40 bis 59 Jahren) als von jüngeren Personen aus. Für Musick/Wilson (2008) bestätigt sich damit ihre Hyopothese, „that education might have a ‘sleeper effect’ on volunteering“ (125).

← 103 | 104 → Abbildung 13: Moderator- und Mediatorvariablen des Zusammenhangs von Bildungsgrad und Freiwilligenarbeit

img

Quelle: Musick/Wilson (2008: 124ff); eigene Darstellung.

Subjektive Dispositionen, die Art und Größe des sozialen Netzwerks und die höhere Wahrscheinlichkeit rekrutiert zu werden haben hingegen keinen moderierenden, sondern einen mediierenden Einfluss (vgl. 124ff). (1) Höhere Bildung ist oftmals mit einer höheren Empathiefähigkeit, einer größeren Selbstwirksamkeitserwartung sowie vermehrtem Vertrauen in andere Menschen bzw. die Gesellschaft verbunden, alles Faktoren, die wiederum selbst positiv mit Freiwilligem Engagement korrelieren. (2) Höher gebildete Personen partizipieren in einem höheren Ausmaß am sozialen Leben. Musick/Wilson (2008) haben dies anhand der Anzahl der Organisationsmitgliedschaften als auch der informellen Kontakte bzw. Interaktionen gemessen. Bei ihren empirischen Analysen erklärt die Anzahl der Organisationsmitgliedschaften und der sozialen Interaktionen mehr als die Hälfte des Effekts des Bildungsgrads auf die Freiwilligenarbeit (ebd.: 126). (3) Personen mit höheren Bildungsabschlüssen haben, wie bereits angeführt, umfangreichere und heterogenere soziale Netzwerke und werden aufgrund der ability signaling Funktion von Bildungstiteln (vgl. Spence 1973) häufiger von anderen Personen für freiwillige Tätigkeiten rekrutiert.

Aus einer weiteren Perspektive stellt sich aufgrund der persistenten Korrelation von Bildungsgrad und sozialer Herkunft die Frage, ob nicht vor diesem Hintergrund der Bildungsgrad primär eine Mediatorvariable des Zusammenhangs von Freiwilligenarbeit und sozialer Herkunft darstellt. Egerton (2002) versucht diese beiden Effekte anhand von Daten von Schülern und Studenten zu entflechten und kommt zu dem Ergebnis, dass der Einfluss von höherer Bildung einen zusätzlichen, wenn auch sehr geringen, Erklärungswert abseits der soziale Herkunftsbedingungen liefert (Egeraton 2002).

← 104 | 105 → Abseits des Einflusses des individuellen Bildungsgrades gibt es, wie bereits weiter oben mit der Arbeit von Rotolo/Wilson (2012) angesprochen wurde, Forschungsarbeiten, die sich mit dem Makro-Level-Einfluss des Bildungsstands der Bevölkerung auf die Freiwilligenarbeit beschäftigt (vgl. Campbell 2009; Gesthuizen/Scheepers 2012; Rotolo/Wilson 2012) sowie dessen veränderten Einfluss im Zeitverlauf untersuchen (vgl. Syvertsen et al. 2011; van Ingen/Dekker 2010). Auch zwischen den einzelnen europäischen Staaten unterscheidet sich der Zusammenhang von Bildungsgrad und Freiwilligenarbeit (vgl. Gesthuizen/Scheepers 2012). Campbell (2009) untersucht in seiner Studie die These, dass Bildung keinen absoluten, sondern einen relativen Einfluss auf zivilgesellschaftliches Engagement hat. Er begründet dies damit, dass der Bildungsgrad auch als Marker für sozialen Status interpretiert werden kann und die Höhe des Status von Ego, vom Status von Alter abhängt. Das sogenannte Sorting Model des Bildungsgrades konnte Campbell (2009) nur für politische Partizipation im Kontext von Wahlen und das primär für Männer bestätigten. Als Conclusio formuliert er folgende Empfehlung:

„Policymakers should be encouraged that the public investment in education appears to have a civic payoff after all. At a time when an instrumental, careerist perspective on education dominates public discourse, we are reminded that education – at all levels – has a civic dimension as well“ (Campbell 2009).

Abschließend sei erwähnt, dass nur wenige Studien den Zusammenhang von Bildungsgrad und Freiwilligenarbeit hinterfragen (vgl. Brand 2010; Diekmann 2005; Schnittker/Behrman 2012; van Ingen/Dekker 2010).

Im Zusammenhang mit der Reproduktion sozialer Ungleichheit stellt sich die Frage, ob der Bildungsgrad (verstanden als kulturelles Kapital) nicht nur Voraussetzung, sondern auch durch Freiwilligenarbeit in Form von Zertifikaten und Bestätigungen (von z.B. sozialer Kompetenz) akkumuliert wird. Ein Trend zur Zertifizierung der Freiwilligenarbeit (z.B. österreichischer Freiwilligenpass) ist jedenfalls beobachtbar. Aufgrund fehlender Längsschnittuntersuchungen kann die Frage nach der Reproduktion von Bildungsungleichheiten durch die Freiwilligenarbeit derzeit nicht beantwortet werden.

(II) 3.2.2.Erwerbstätigkeit und berufliche Stellung

Die Erwerbstätigkeit beeinflusst auf differenzierte Weise die Freiwilligenarbeit. Die Art der beruflichen Tätigkeit sowie das damit verbundene symbolische Kapitel, d.h. der Wert und die Anerkennung, die man in den sozialen Feldern durch die Art der beruflichen Tätigkeit erfährt, prägen auch die Position und Funktion ← 105 | 106 → in der freiwilligen Tätigkeit. Der Einfluss des Beschäftigungsausmaßes (Teilzeit/Vollzeit) sowie der beruflichen Stellung wurden bereits im Zusammenhang mit dem Geschlecht diskutiert. Ergänzend dazu werden die empirischen Befunde zur Bedeutung von Arbeitslosigkeit sowie von der beruflichen Stellung für die Position in der Freiwilligenarbeit beschrieben. In nahezu allen Erhebungen zur Freiwilligenarbeit liegen die Beteiligungsquoten von Arbeitslosen (vgl. Erlinghagen 2000; Strauß 2009) sowie generell von erwerbslosen Personen (z.B. haushaltsführende Personen, Personen in Ausbildung, Personen im Ruhestand) deutlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt (vgl. Hustinx 2007; Meyer/Rameder 2011; Musick/Wilson 2008; Webb/Abzug 2008; Wilson/Musick 1997b).

Tabelle 4: Formelle Freiwilligenarbeit – Ausgeübte Funktion und Berufsstatus

FreiwilligenarbeitFunktion (100%)
BQBSleitendausführend

Nicht-Erwerbstätige

21,5

32,8

18,5

81,5

ArbeiterInnen

27,6

15,1

18,0

82,0

Mithelfende Familienangehörige

33,4

1,4

-

-

Vertragsbedienstete

46,5

4,2

22,1

77,9

Angestellte

31,7

29,1

27,4

72,6

BeamtInnen

39,9

5,9

39,9

60,1

Freie DienstnehmerInnen

47,3

1,4

-

-

Selbstständig ohne ArbeitnehmerInnen

38,2

6,0

36,8

63,2

Selbstständig mit ArbeitnehmerInnen

33,9

4,0

41,5

58,5

Gesamt

27,9

100,0

24,6

75,4

Basis Beteiligungsquoten (BQ): österreichische Wohnbevölkerung; gewichtet.

Basis Beteiligungsstruktur (BS) und Funktion: Freiwillige (formell); gewichtet.

Mikrozensus-Zusatzerhebung (2006); eigene Berechnungen (in Anlehnung an: More-Hollerweger et al. 2009a: 77).

Auf Grund der höchst unterschiedlichen situativen Bedeutung der Arbeitslosigkeit weisen Musick/Wilson (2008: 154) darauf hin, dass der Einfluss der Arbeitslosigkeit, sofern er auf Querschnittdaten basiert, nur im Zusammenhang mit anderen Variablen (Geschlecht, Bildungsgrad, etc.) interpretiert werden sollte. Gesamt betrachtet belegt der Einfluss von beruflichen Tätigkeiten die große Bedeutung der Integration in formale und organisationale Strukturen für den Zugang zu Freiwilligem Engagement. Dies zeigt sich zum Beispiel an der bereits ← 106 | 107 → erwähnten mediierenden Funktion der Anzahl von Organisationsmitgliedschaften beim Zusammenhang von Bildungsgrad und Freiwilligenarbeit (Musick/Wilson 2008: 126). Wie in anderen Ländern beeinflusst auch in Österreich die berufliche Stellung die Beteiligungsquote (siehe Tabelle 4). 27,6% der Arbeiterinnen und Arbeiter engagieren sich freiwillig. Angestellte liegen mit 31,7% etwas darüber. Deutlich höhere Beteiligungsquoten weisen hingegen Beamtinnen und Beamte (39,9%), Vertragsbedienstete (46,5%) sowie Freie Dienstnehmerinnen und Dienstnehmer (47,3%) auf.

Auch der positive Zusammenhang zwischen der beruflichen Stellung und der Position (ausführende versus leitende Funktion) in der Freiwilligenarbeit findet sich in Österreich bivariat bestätigt (vgl. More-Hollerweger et al. 2009a). Gemeinsam mit Beamtinnen und Beamten (39,9%) weisen Selbständige (41,5%) mit Abstand die höchsten Leitungsquoten45 unter den Freiwilligen auf. Somit kann auch in Österreich von einem Spillover-Effekt des Berufs auf die Freiwilligenarbeit ausgegangen werden (vgl. Wilson 2012: 186; Wilson/Musick 1997b). Ehrhardt (2011) beschreibt diesen Aspekt bei gewählten Ehrenämtern in Vereinen wie folgt:

„Da die Vereinsmitglieder die Wahl ihrer Funktionsträger von den erwarteten funktionalen Kompetenzen (nützliche Kontakte, Managementkompetenzen usw.) abhängig machen, die ganz überwiegend aus der Berufstätigkeit der Kandidaten abgeleitet werden, kann man von einer Form der Positionsbesetzung sprechen, bei der die Erwartungen der Kandidaten und die der Mitglieder durch das Wahlverfahren mit einander abgeglichen werden. Je begehrter und wertvoller die Position, desto mehr Ressourcen benötigen Kandidaten, die sie der Organisation anbieten können“ (63).

(II) 3.2.3.Prestige und Status

Mit dem Beruf geht nicht nur die Entwicklung bestimmter Fähigkeiten und Fertigkeiten einher, sondern dieser ist auch zentrale Bestimmungsgröße für den sozialen Status. Für den Zugang und die interne Positionierung in der Freiwilligenarbeit ist somit nicht nur die Frage, ob man erwerbstätig ist, sondern auch, welchen Beruf man nachgeht, welches soziale Prestige damit verbunden ist und wie hoch das damit verbundene Einkommen ist, von Bedeutung. Bereits Max Weber (1921) hat sich im Zuge seiner „Herrschaftssoziologie“ mit den für ehrenamtliches Engagement in (politischen) Verbänden (sogenannten ← 107 | 108 → „Honoratioren“) nötigen sozio-ökonomischen Ressourcen sowie den statusbezogenen Konsequenzen beschäftigt:

„[…] ‚Honoratioren‘ sollen solche Personen heißen, welche

1. kraft ihrer ökonomischen Lage imstande sind, kontinuierlich nebenberuflich in einem Verband leitend und verwaltend ohne Entgelt oder gegen nominalen oder Ehren-Entgelt tätig zu sein und welche

2. eine gleichviel worauf beruhende, soziale Schätzung derart genießen, daß sind die Chance haben, bei formaler unmittelbarer Demokratie kraft Vertrauens der Genossen freiwillig, schließlich traditional, die Aemter inne zu haben“ (Weber 1921/1980: 170).

Damit betont Weber sowohl die Bedeutung des ökonomischen als auch des symbolischen Kapitals (Prestige) für derartige ehrenamtliche Positionen. Welche weiteren Voraussetzungen zur damaligen Zeit zentral waren und insbesondere welche Berufe ehrenamtlichen Tätigkeiten ermöglichen, fasst er wie folgt zusammen:

„Unbedingte Voraussetzung der Honoratiorenstellung in dieser primären Bedeutung: für die Politik leben zu können, ohne von ihr leben zu müssen, ist ein spezifischer Grad von ‚Abkömmlichkeit‘ aus eigenen privaten Geschäften. Diesen besitzen in Höchstmaß: Rentner aller Art: Grund-, Sklaven-, Vieh-, Haus-, Wertpapier-Rentner. Demnächst solche Berufstätige, deren Betrieb ihnen die nebenamtliche Erledigung der politischen Geschäfte besonders erleichtert: Saisonbetriebsleiter (daher: Landwirte), Advokaten (weil sie ein ‚Bureau‘ haben) und einzelne Arten anderer freier Berufe. In starkem Maß auch: patrizische Gelegenheitshändler. Im Mindestmaß: gewerbliche Eigenunternehmer und Arbeiter“ (Weber 1921/1980: 170).

Trotz der vor allem gegen Ende des 20ten Jahrhunderts zu beobachteten Diversifizierung und Expansion des Ehrenamts und der Freiwilligenarbeit, scheint der Einfluss der genannten sozio-ökonomischen und symbolischen Kapitalien, nicht nur für das politische Engagement, heute noch aktuell zu sein. Jedoch ist Prestige und damit symbolisches Kapital als einer der zentralen Einflussfaktoren in den letzten Jahrzehnten nur sehr selten in den Fokus empirischer Arbeiten gerückt. Dabei gibt es z.B. zahlreiche Hinweise (vgl. auch Tabelle 4), dass in der Freiwilligenarbeit die gesamtgesellschaftlich ungleiche Verteilung von Prestige und damit verbunden sozialer Anerkennung, zum Beispiel zwischen Frauen und Männern, durch die ungleiche Besetzung von ehrenamtlichen und freiwilligen Leitungspositionen noch verstärkt wird (vgl. Neumayr/More-Hollerweger 2009; Stadelmann-Steffen et al. 2010). Die sogenannte statistische Diskriminierung46 von Frauen ist erwartungsgemäß nicht auf die Erwerbswelt ← 108 | 109 → beschränkt, sondern findet sich auch in der hierarchischen Organisation der Freiwilligenarbeit wieder. Zum Beispiel sinkt beim Deutschen Alpenverein (DAV) der Frauenanteil (2011) von rund 40% unter den Mitliedern auf 13% bei den 2. Vorsitzenden und auf 6% bei den 1. Vorsitzenden. Das DAV Präsidium47 bestand 2011 zu 100% aus Männern und auch im aktuellen Organigramm48 sind nur vier, der insgesamt 27 Positionen der Geschäftsführung und des Verbandsrats (Präsidium, Bundesausschüsse und Regionalvertreter), mit Frauen besetzt. Auch im Österreichischen Alpenverein (ÖAV) setzt sich das Präsidium49 zu 100% aus Männern zusammen und nur drei der 25 Bundesausschusssitze werden von Frauen besetzt.

Zum Zusammenhang von Status und Freiwilligenarbeit haben bivariate Analysen (Tabelle 5) zur Freiwilligenarbeit in Österreich gezeigt, dass ein positiver Zusammenhang zwischen der Position in der Freiwilligenarbeit (ausführende Funktion versus leitende Funktion) und dem Berufsstatus (ISEI50) besteht (vgl. More-Hollerweger et al. 2009a: 79).

← 109 | 110 → Tabelle 5: Formelle Freiwilligenarbeit – Vergleich des sozio-ökonomischen Status (ISEI) erwerbstätiger Personen

keine FreiwilligenarbeitFormelle Freiwilligenarbeit – ausführende FunktionFormelle Freiwilligenarbeit – leitende FunktionFormelle Freiwilligenarbeit – Gesamt

Männer

43,1

42,2

47,7

44,0

Frauen

41,0

41,6

47,9

42,8

Gesamt

42,1

41,9

47,7

43,5

Formelle Freiwilligenarbeit; gewichtet.

ISEI (auf Basis ISCOO 88 3 Steller) Minimalwert: 16; Maximalwert 85.

Mikrozensus-Zusatzerhebung (2006); eigene Berechnungen (in Anlehnung an: More-Hollerweger et al. 2009a: 79).

Gesamt betrachtet weisen berufstätige Personen, die keine Freiwilligenarbeit leisten, mit einem durchschnittlichen ISEI-Wert von 42,1 einen signifikant niedrigeren sozio-ökonomischen Status auf als erwerbstätige Personen, die ehrenamtlich engagiert sind, mit einem ISEI-Wert von 43,5 (More-Hollerweger et al. 2009a: 79). Dieser Unterschied ist jedoch nur bei Frauen (41,0 zu 42,8) und nicht bei Männern (43,1 zu 44,0) signifikant (ebd.). Die ISEI-Werte von Freiwilligen mit Leitungsfunktion liegen mit 47,7 signifikant über den ISEI-Werten von Freiwilligen, die mit ausführenden Aufgaben betraut sind (41,9) (vgl. More-Hollerweger et al. 2009a: 79). Auffällig ist, dass es bei den leitenden Funktionen in der Freiwilligenarbeit nur einen äußerst geringen und nicht signifikanten Unterschied zwischen Frauen (47,9) und Männern (47,7) gibt. Vor allem beruflich erfolgreiche Frauen scheinen es trotz der gläsernen Decken zu schaffen, in leitende Positionen zu gelangen (vgl. Rotolo/Wilson 2007).

Bei der Freiwilligenarbeit ist, in Abhängigkeit des Engagementbereichs, auch von wechselseitigen (symbolischen) Profiten zwischen den Organisationen und den Individuen auszugehen.

„Just as people exploit their cultural capital to obtain volunteer opportunities, so organizations offer purposive incentives in form of symbolic and expressive ›goods‹“ (Wilson/Musick 1997, 709).

Handy/Mook (2011) gehen davon aus, dass es sich bei Freiwilligenarbeit in Gremien oder Vorständen um eine Form des gegenseitigen Prestigekonsums (conspicuous consumtion) handelt, d.h. diese sowohl für die Freiwilligen als auch für die Organisation mit Prestigegewinnen sowie mit einer Ausweitung des sozialen und beruflichen Netzwerks verbunden sind (Handy/Mook 2011: 413).

← 110 | 111 → „For those institutions symbolic of cultural capital – such as universities, museums, orchestras, large foundations, and nonprofits – status-enhancing prestige is a highly sought after by-product of volunteering. Unlike donations, which anyone can make, board seats are extremely limited, thereby creating an aura of selectivity“ (Handy/Mook 2011: 414).

Je elitärer die Organisation, desto mehr Prestige wird mit einer ehrenamtlichen Vorstandsposition verbunden (vgl. Ostrower 2002). Dieser Perspektive folgen auch Ehrhardts (2011) Überlegungen zum Prestigegewinn bei Ehrenämtern, die er unter Bezug auf Webers (1920) Ausführungen zum Ehrenamt anstellt:

„Je höher die Wertschätzung des Amtes, desto mehr erhält der Stelleninhaber qua Reputation für seinen Arbeitsaufwand (Arbeitszeit) zurück. Folglich kann man erwarten: je höher das Prestige des Amtes, desto länger die Amtsdauer. […] Das Ehrenamt, das dem Amtsinhaber Prestige vermittelt, ist mit dem Leistungsprinzip verknüpft“ (Ehrhardt 2011: 65).

(II) 3.2.4.Einkommen und Vermögen

Der materielle Wohlstand geht vielfach Hand in Hand mit dem Bildungsgrad und der beruflichen Position. Insofern bestätigen die Studien, dass das Einkommen und Vermögen einen überwiegend positiven Einfluss auf Freiwilliges Engagement hat (vgl. Musick/Wilson 2008: 128; Pearce 1993; Rochester et al. 2010: 45; Tang 2006). Der Einfluss von ökonomischem Kapital auf die Freiwilligenarbeit ist jedoch nicht linear. Mittlere Einkommen wirken sich positiv und vergleichsweise niedrige und vergleichsweise sehr hohe Einkommen wirken sich negativ auf das Engagement aus. Dies bestätigt den schon erwähnten „Mittelschichtbias“ des Zugangs zur Freiwilligenarbeit. Einer aktuellen Erhebung des Markt- und Meinungsforschungsinstitutes IFES51 aus dem Jahr 2012 zufolge, steigt in Österreich mit dem Haushaltseinkommen auch die Beteiligungsquote (siehe Tabelle 6). Personen die über ein Haushaltseinkommen von weniger als 900 Euro verfügen, d.h. de facto unter der Armutsgrenze leben, weisen eine Beteiligungsquote von 19% auf. Ein Haushaltseinkommen von mehr als 3000 Euro hingegen geht mit einer Beteiligungsquote von 40% einher. Mangels einer differenzierten Erfassung der oberen Einkommensklassen über 3000 Euro Haushaltseinkommen kann über den gesamten Verlauf des Zusammenhangs keine Aussage getroffen werden.

← 111 | 112 → Tabelle 6: Beteiligungsquote nach Haushaltseinkommen

Beteiligungsquote (%)

bis 900 Euro

19

900 bis 1200 Euro

18

1200 bis 1500 Euro

20

1500 bis 1800 Euro

26

1800 bis 2250 Euro

32

2250 bis 3000 Euro

28

über 3000 Euro

40

Datengrundlage: IFES Erhebung zur Freiwilligenarbeit in Österreich 2012; gewichtet (Quelle: BMASK 2013: 18).

Ohne multivariater Kontrolle für z.B. Bildungsgrad, Geschlecht, Alter, Kinder etc. lässt sich über die Gründe des Zusammenhangs zwischen dem Einkommen und der Freiwilligenarbeit nur spekulieren. Vor dem Hintergrund der Forschungsbefunde und motivationstheoretischer Überlegungen dürfte es sich bei materiellem Wohlstand und Einkommen in Bezug auf die Freiwilligenarbeit in der Herzberg’schen Unterscheidung, eher um einen „Hygienefaktor“ als um einen „Motivator“ handeln (Herzberg 1987). Diesbezüglich sind DeVoe/Pfeffer (2007) zu einem differenzierteren Ergebnis gekommen: Neben der Höhe des Einkommens hat auch die Form der Entlohnung (z.B. monatliches Gehalt versus stundenweise Bezahlung) einen Einfluss auf die Bereitschaft sich freiwillig zu engagieren (vgl. DeVoe/Pfeffer 2007): Personen die nach geleisteten Arbeitsstunden (hourly wage) entlohnt werden, dürften eher in den Äquivalenten von Zeit und Geld denken und sind in Folge seltener freiwillig tätig als Personen, die über ein (fixes) monatliches Gehalt (salary pay) verfügen.

Rotolo et al. (2010) haben die Ungleichheiten im Vermögen und den damit verbundenen ungleichen Wohnbedingungen untersucht. Personen mit Wohneigentum leisten eher Freiwilligenarbeit als Personen, die in Miete leben, wobei der Wert des Wohnobjekts dabei keinen Einfluss auf das Ausmaß des Engagements hat. Der Unterschied wird dadurch erklärt, dass Personen, die in Eigentum leben, lokal und sozial verwurzelter sind. Personen, die in Miete leben, und dadurch auch häufiger ihren Wohnort wechseln (müssen) weisen hingegen ein geringeres Interesse an ihrem sozialen Umfeld (stake in society) auf und sind seltener freiwillig engagiert. Trotz der diesbezüglichen Unterschiede zwischen den USA und Europa sind vor dem Hintergrund der aktuellen Preisentwicklungen am (österreichischen) Immobilienmarkt sowie der Zunahme an befristeten ← 112 | 113 → Mietverträgen die Erkenntnisse von Rotolo et al. (2010) auch für die Freiwilligenarbeit in Europa von Bedeutung.

Als weitaus abgesichert gilt somit, Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können, d.h. man muss über ein Mindestmaß an ökonomisch abgesicherte, freie Zeit verfügen. Damit ist Freiwilligenarbeit zu jenen Tätigkeiten wie Hobbys, Ausbildungen etc. zu zählen, die nicht unmittelbar mit ökonomischen Profit verbundenen sind, jedoch die Investition von Zeit und Geld erfordern (vgl. Bourdieu 1992a: 72).

(II) 3.2.5.Soziales Kapital

In der Sozialkapitalforschung stellt Freiwilligenarbeit neben Mitgliedschaften und Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken (vgl. Bekkers 2011; Jung/Kwon 2011; Uslaner/Brown 2008) einen zentralen Indikator für gesellschaftliche Teilhabe dar. Die zentrale Frage im Kontext des ungleichen Zugangs ist, ob die Selektions- oder die Sozialisationseffekte überwiegen, d.h. ob soziales Kapital primär Ergebnis oder aber Voraussetzung von Freiwilligem Engagement ist. Bislang konnten diese beiden Effekte in der empirischen Forschung nur teilweise entkoppelt werden (vgl. Braun 2007: 228). Obwohl durch Freiwilligenarbeit auch eine weitere Akkumulation von Kontakten und die Erweiterung der Netzwerke angenommen werden kann, ist soziales Kapital primär Voraussetzung und nicht Ergebnis der Freiwilligenarbeit, d.h. kurzgesprochen, die Selektionseffekte beim Zugang zur Freiwilligenarbeit überwiegen diesbezüglich (vgl. van Ingen 2009; van Ingen/Kalmihn 2010): „[O]nce selection effects were taken into account, we did not find a general membership effect on social resources and the effect of volunteering was small“ (van Ingen/Kalmihn 2010: 505).

Freiwilligenarbeit wird zunehmend projektorientiert, d.h. für einen begrenzten Zeitraum geleistet (vgl. Hustinx/Lammertyn 2003). Trotz dieser Beobachtung ist mit Freiwilligem Engagement weiterhin eine sozial bedeutsame Einbettung in relative homogene soziale Netzwerke über die gesamte Lebensspanne verbunden (vgl. McPherson et al. 2001).

„While voluntary groups are probably less important source of ties than school or work, they are important because they operate over the entire life course, from childhood to death, and because the represent a unique arena for watching the strong interplay of structurally induced and choice-produced homophily“ (McPherson et al. 2001: 432).

Zusammenfassend belegt der Stand der empirischen Forschung zu den sozialen Merkmalen, dass abgesehen von anekdotischen Evidenzen die Freiwilligenarbeit selbst kaum zur gesellschaftlichen Inklusion benachteiligter Gruppen beitragen dürfte, sondern Exklusionseffekte und Ungleichheiten reproduziert oder aber in ← 113 | 114 → Teilbereichen noch verstärkt werden. Der sozial ungleiche Zugang zur Freiwilligenarbeit, das Zusammenspiel der Akteure, d.h. der Organisationen und der Personen, in den Feldern des Freiwilligen Engagements, werden nur selten im Zusammenhang mit den Konsequenzen in den Blick genommen. Aus diesem Grund folgt als nächstes ein Überblick zum Stand der Forschung zu den individuellen Auswirkungen bzw. Effekte der Freiwilligenarbeit.

(II) 4.Stand der Forschung zu den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit

Neben der Bedeutung sozio-ökonomischer und sozio-demographischer Determinanten für den Zugang zur Freiwilligenarbeit sind es vor allem Studien zu den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit, die wichtige Hinweise auf eine mögliche (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit liefern. In welchen Dimensionen die Auswirkungen der Freiwilligenarbeit auf die Freiwilligen vermutet und untersucht werden, ist höchst unterschiedlich. Grundsätzlich ist dazu anzumerken, dass bislang nur die wenigsten Studien zu den Effekten der Freiwilligenarbeit um Selektionseffekte bereinigt sind und somit kausale Wirkrichtungen nur in den aller wenigsten Studien empirisch nachgewiesen sind. Dieses Problem besteht allerdings schon seit mehr als 40 Jahren. Smith schreibt (1975) zum Stand der Forschung zu den Effekten von Voluntary Association Participation (VAP): „However, non of these studies involed time series data that could be used to demonstrate causal linkage, so the hypothesized ‚impact‘ of VAP is still in doubt“ (264). Hier gilt es in Zukunft, wie bereits in einigen Studien im Ansatz vollzogen, die moderierenden und mediierenden Einflüsse der sozialen, askriptiven wie erworbenen, Merkmale auf den Zusammenhang zwischen dem Zugang zur Freiwilligenarbeit und der Auswirkungen der Freiwilligenarbeit zu untersuchen.

Musick/Wilson (2008) untergliedern die Studien zu den Konsequenzen der Freiwilligenarbeit in

1. Studien, die sich mit den Auswirkungen auf prosoziales Verhalten wie Einstellungen und auf die gesellschaftliche Partizipation im Allgemeinen (citizenship) beschäftigen, sowie in

2. Studien, die die Effekte auf den Beruf, das Einkommen sowie die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit untersuchen (vgl. 459ff).

Erlinghagen (2003: 750ff) wiederum fasst die Erträge freiwilligen und ehrenamtlichen Engagements zu drei sogenannten Kuppelprodukten zusammen, die folgende Dimensionen umfassen:

← 114 | 115 → 1. Reputation (z.B. „Signaling“ von sozialer Kompetenz und „Redlichkeit“),

2. weak ties (z.B. „Informationsvorsprung“ durch schwache soziale Bindungen) und

3. Humankapital (z.B. Teamfähigkeit, Lernfähigkeit, Flexibilität, etc.).

In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass eine bestimmte Ausstattung an weak ties (vgl. Granovetter 1973, 2005) und Humankapital nicht nur ein Ergebnis, sondern eine Voraussetzung für Freiwilliges Engagement darstellen (ebd.: 753).

Handy/Mook (2011: 413) wiederum führen positive Auswirkungen von Freiwilligenarbeit u.a. in folgenden Bereichen an:

1. Die Zunahme an sozialem Kapital (auch von Migrantinnen und Migranten),

2. die Verbesserung der mentalen wie physischen Gesundheit, vor allem bei älteren Personen,

3. der Erwerb, das Training und die Erweiterung von Fähigkeiten und Fertigkeiten (Humankapital),

4. das Aussenden von positiven Signalen (signalling theory vgl. Spence 1973) an den Arbeitsmarkt (Wiedereinstieg, Karriere, Gehaltshöhe) oder an höhere Bildungsinstitutionen (vgl. Resumébuilding von Studierenden (Handy et al. 2010)).

Die positiven Auswirkungen variieren dabei je nach Person und nach Art und Umfang der Freiwilligenarbeit (ebd.). Der Statusgewinn stellt vor allem für ehrenamtliche Vorstands- und Gremienfunktionen einen zentralen Faktor dar (vgl. Handy et al. 2010: 413).

Die nachfolgende Darstellung der empirischen Ergebnisse trennt nach Effekten auf (1) die Erwerbstätigkeit, den Beruf und das Einkommen, sowie (2) auf die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit sowie ergänzend die gesamtgesellschaftliche Ebene.

(II) 4.1.1.Effekte auf Erwerbstätigkeit, Beruf und Einkommen

Obwohl die positiven Effekte von Freiwilligem Engagement auf die employability immer wieder vor allem von politischer Seite hervorgehoben werden, gibt es kaum Studien, die sich mit diesem Zusammenhang im Detail beschäftigen (vgl. Nichols/Ralston 2011). Strauß (2009) belegt in ihrer ländervergleichenden Studie (Großbritannien und Deutschland) zum Einfluss von Freiwilligem Engagement auf die Wiederbeschäftigungschancen von (Langzeit-)Arbeitslosen, dass mögliche positive Effekte vom Wohlfahrtsstaatsmodell und dabei insbesondere vom Modell der Arbeitslosenversicherung und vom ← 115 | 116 → Bildungssystem abhängen. Strauß (2009) argumentiert diesen Zusammenhang folgendermaßen:

„Das Ergebnis, dass ehrenamtliches Engagement nur in Großbritannien, nicht aber in Deutschland einen positiven Effekt auf die Wiederbeschäftigungschancen von Arbeitslosen hat, legt die Vermutung nahe, dass der Erwerb von Sozialkapital durch freiwilliges Engagement in Vereinen und Verbänden einen größeren Einfluss auf die Arbeitsmarktchancen in Ländern hat, die aufgrund niedriger Arbeitslosentransfers die weniger kostenintensive informelle Arbeitssuche mit Hilfe von durch ehrenamtliches Engagement zustande gekommenen sozialen Kontakten unterstützt. Es ist ferner zu vermuten, dass in diesen Ländern ehrenamtliches Engagement als Signal für nicht-zertifizierte, in freiwilligem Engagement erworbene kognitive und nicht-kognitive Fertigkeiten eine größere Rolle spielt als in Ländern wie Deutschland, in denen eine standardisierte berufliche Ausbildung das entscheidende Signal für Arbeitgeber ist“ (662f).

Handy et al. (2010) haben in einem Ländervergleich untersucht, ob Studierende, die primär aus dem Motiv des résumé building, d.h. um den Lebenslauf für Arbeitgeber attraktiver zu gestalten und damit primär die eigene Karriere zu befördern, mehr Freiwilligenarbeit leisten als Studierende mit vordergründig altruistischen oder sozialen Motiven. Gesamt betrachtet kommt das Autorenteam dabei zu dem Ergebnis, dass Studierende mit utilitaristischen Motiven des résumé buildings nicht mehr Freiwilligenarbeit leisten als Studierende mit anderen Motiven. Sie tun dies jedoch, wie erwartet, in einer geringeren Intensität (z.B. Stunden pro Monat). Differenziert nach Länder hat sich gezeigt, dass in jenen Ländern in denen Freiwilligenarbeit eine positive Signalwirkungen auf den Arbeitsmarkt zugeschrieben wird, die Beteiligungsquoten, unabhängig von der Motivlage, höher sind (vgl. Handy et al. 2010).

Neben dem Erwerb von beruflichen Qualifikationen ist letztlich von Interesse, ob Freiwilligenarbeit auch zu einem höheren Einkommen im Beruf führt. Die Kausalität ist aufgrund der wenigen Panelstudien bis dato nicht eindeutig geklärt. Sofern nachgewiesen, wird der Zusammenhang vielfach von anderen Merkmalen wie dem Geschlecht (vgl. Day/Devlin 1996, 1998) und dem Bildungsgrad moderiert (vgl. Musick/Wilson 2008). Betreffend den moderierenden Effekt des Geschlechts vermuten Day/Devlin (1997), dass das überwiegende Engagement von Frauen in religiösen Bereichen eher negative Gewinne am Arbeitsmarkt nach sich zieht. Ökonomen versuchen den Zusammenhang zwischen Einkommen und Freiwilligenarbeit anhand zweier Modelle rationaler Entscheidungen zu erklären (vgl. Menchik/Weisbrod 1987). Aus Sicht des consumption model sind mit Freiwilligenarbeit Opportunitätskosten verbunden, die dazu führen, dass mit steigendem Einkommen das zeitliche Ausmaß an Freiwilligem Engagement sinkt, ceteris paribus Freiwilligenarbeit und Erwerbsarbeit als Substitute ← 116 | 117 → betrachtet werden. Das investment model, hingegen argumentiert, dass sich die Akkumulation von Humankapital (z.B. job skills) wie z.B. die in der Freiwilligenarbeit erworbenen Fähigkeiten positiv auf die zukünftige Einkommenshöhe, z.B. durch ability signaling auswirken (vgl. Hackl et al. 2007: 79f). Die empirischen Ergebnisse dazu bleiben widersprüchlich. Prouteau/Wolff (2006) finden in ihren Daten aus Frankreich (N=15.441) keinen Beleg für das Investment Model, wohingegen Hackl et al. (2007) anhand von Daten aus Oberösterreich (N=2.536 Haushalte) dessen empirische Evidenz nachweisen konnten. Bruno/Fiorillo (2013) konnten auf Basis von EU-SILC52 Daten (N=15.169) aus dem Jahr 2006 einen positiven Einfluss von Freiwilligem Engagement auf das Jahreseinkommen in der durchschnittlichen Höhe von 3,7% feststellen. Dem gegenüber argumentiert Musick/Wilson (2008), dass Freiwilligenarbeit nicht direkt und kausal zu höheren Einkommen führt, Freiwillige jedoch Berufe mit einem höheren Prestige innehaben: „[L]ong-term volunteers select into occupations that score relatively high on the prestige scale but do not pay particularly well“ (492). Sie erklären dies u.a. damit, dass sich Freiwilliges Engagement vor allem positiv auf das soziale Netzwerk und dabei vor allem auf die weak ties (vgl. Granovetter 1973, 2005) auswirkt und infolge dazu beiträgt, „bessere“ Jobs zu finden, anschließend aber keinen Einfluss mehr auf die Einkommenshöhe hat (ebd.). Das Fazit von Musick/Wilson laut:

„First, more research is needed on the mechanism whereby volunteering leads to better Jobs […] Second, not every kind of volunteer work brings economic benefits […] Third, it is unclear how many people actually use the ‘investment model’ when choosing whether to volunteer or what to volunteer for“ (2008.: 492f).

Ruiter/De Graaf (2009) kommen auf Basis der Lebenslaufdaten des Family Survey of the Dutch Population 2000 (FSDP2000), zu dem Ergebnis, dass die Einbindung (Mitgliedschaft, Freiwilligenarbeit) in Freiwillige Vereinigungen mit positiven sozio-ökonomischen Effekten betreffend des Berufsprestiges (ISEI) und der Gehaltshöhe verbunden ist. Sie nehmen dabei auch den Einfluss der sozialen Zusammensetzung der jeweiligen Freiwilligen Vereinigungen in den Blick.

„Another important finding relates to the composition of the voluntary association. If someone joins an association with more high-status co-members, this increases the likelihood to find a news job with higher status. Furthermore, joining associations with ← 117 | 118 → relatively many co-members in supervising positions seems to lead to better paid jobs“ (Ruiter/De Graaf 2009:438).

Diese positiven Auswirkungen schreiben Ruiter/De Graaf (2009) primär dem sozialen Kapital zu und dabei ebenfalls dem Mechanismus der weak ties. Gegen das Argument, dass diese Auswirkungen auf den Erwerb von zusätzlichen Kompetenzen und Fertigkeiten, d.h. job-related-skills, beruhen, spricht der Befund, dass Freiwilligenarbeit gegenüber einfacher Mitgliedschaft nicht mit zusätzlichen Effekten verbunden ist (vgl. Ruiter/De Graaf 2009: 439).

„However, the fact that we do not find additional payoffs of volunteering (just being a member seems to suffice to reap socio-economic benefits of voluntary association involvement) seems more in line with the social network argument than with the skills argument“ (Ruiter/De Graaf 2009: 439).

Für die vorliegende Arbeit von besonderer Bedeutung ist das Ergebnis, dass sich die untersuchten positiven Effekte zwischen statushöheren und statusniedrigeren Personen grundsätzlich nicht voneinander unterscheiden. „We could show that the effect of the voluntary association involvement is the same for low-status and high-status people“ (Ruiter/De Graaf 2009: 438). Durch das Hinzufügen von Interaktionseffekten hinsichtlich der sozialen Herkunft wurde jedoch sichtbar, dass die positiven Effekte vom beruflichen Status des Vaters abhängen. Somit differenzieren Ruiter/De Graaf (2009) ihre Conclusio folgendermaßen:

„It indicates that people from lower status backgrounds do not gain from volunteering, whereas people from higher status backgrounds do gain occupational status if they volunteer for a voluntary association when entering the labor market“ (Ruiter/De Graaf 2009: 438).

In diesem Kontext kommen van Houten et al. (2013) zu dem Befund, dass die Mitgliedschaft in Freiwilligenvereinigungen bei der intergenerationalen Übertragung des Berufsstatus zunehmend eine Rolle spielen dürfte und vor allem in statushöheren Familien eine kompensatorische Funktion bei der Statusübertragung erfüllen dürfte.

„Combined with the finding that the direct effect of parental occupational status on the [sic] that of their child has decreased over time, we conclude that social capital, defined here by voluntary association membership, is used more and more by higher status groups as a compensatory resource in the status attainment process“ (van Houten et al. 2013: 25).

Gesamt betrachtet hat sich gezeigt, dass die Ergebnisse zum vielfach positiven Einfluss von Freiwilligenarbeit auf die Einkommenshöhe bzw. den Berufsstatus zumindest ansatzweise auf eine Reproduktion ökonomischer und symbolischer Dimensionen sozialer Ungleichheit durch Freiwilliges Engagement hindeuten.

← 118 | 119 → (II) 4.1.2.Effekte auf Gesundheit und Lebenszufriedenheit

Abgesehen von Einkommen, Berufsstatus und Bildungsgrad ist Gesundheit eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheiten (vgl. Hradil 2005; Wilkinson/Pickett 2009). Die gesundheitlichen Auswirkungen von Freiwilligem Engagement werden in der Forschung primär im Kontext der gesellschaftlichen (Über-)Alterung diskutiert (vgl. Backes 2005; Caro 2008; Erlinghagen 2008; Erlinghagen/Hank 2008; Hank/Stuck 2008; Huth 2002; Meyer et al. 2009; Mühlpfordt 2006; Olk 2002; Schroeter 2006; Wahrendorf/Siegrist 2008) und reichen bis hin zu geringeren Mortalitätsrisken von Freiwilligen (vgl. Konrath et al. 2012). Dass Freiwillige im Altersvergleich einen besseren gesundheitlichen Zustand aufweisen, wurde wiederholt in Studien bestätigt (vgl. Lum/Lightfoot 2005). Eine aktuelle Studie von Konrath et al. (2012) konnte ein geringeres Mortalitätsrisiko für jene Freiwilligen nachweisen, die außenorientierte, nicht jedoch für jene, die selbstorientierte Freiwilligenarbeit leisten. Burr et al. (2011) untersuchten wiederum den Zusammenhang von Freiwilligenarbeit mit systolischem und diastolischem Bluthochdruck. Freiwillige haben ein geringeres Risiko, an Bluthochdruck zu erkranken, jedoch nur bei moderater und nicht bei hoher zeitlicher Einbindung in die Freiwilligenarbeit. Es kommt daher auch bei der Freiwilligenarbeit nicht nur auf das Was sondern auch auf das Wie an. Von Interesse sind daher vor allem die Mechanismen, die für diesen positiven Effekt verantwortlich sind. Dabei spielen etwaige bedeutsame Moderatorvariablen, wie z.B. unterschiedliche Formen praktizierter Religiosität eine Rolle (vgl. McDougle et al. 2013).

Darüber finden sich Studien die sich auf einer allgemeineren Ebene mit Fragen des Zusammenhangs von Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und Vertrauen in die Gesellschaft mit Freiwilligenarbeit befassen (vgl. Fiorillo 2012; Howard/Gilbert 2008; Mojza et al. 2010; Wallace/Pichler 2009). Mojza et al. (2010) kommen in ihrer Studie zur Bedeutung von Freiwilligenarbeit bei der täglichen Erholung nach der Arbeit zu folgendem Ergebnis:

„Results from hierarchical linear modeling (n _ 529 days) showed volunteer work during leisure time to be positively related to mastery experiences and community experiences suggesting volunteer work to contribute to successful recovery by creating new resources“ (Mojza et al. 2010).

Es sei noch darauf hingewiesen, dass neben den Forschungsarbeiten zu den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit auf individueller Ebene zahlreiche Arbeiten zu den gesamtgesellschaftlichen Effekten existieren. Diese beschäftigen sich z.B. mit der demokratiefördernden Wirkung (vgl. Hustinx et al. 2010a; Mackerle-Bixa et al. 2009; Prein et al. 2009; van Deth 2004; Verba et al. 2002) und der ökonomischen Bedeutung der Freiwilligenarbeit für die Gesellschaft (vgl. Salamon et al. ← 119 | 120 → 2011) oder für einzelne Organisationen (Bowman 2009). Zum Beispiel führt ein gesamt gesehen geringeres Engagement, so argumentiert auch Putnam (1995: 167), zu einem Abbau von Sozialkapital (Vertrauen, Normen, Netzwerke) und bei jenen Gruppen mit geringerem Engagement zu einem Verlust der Fähigkeit, dieses auf andere Bereiche der Gesellschaft zu übertragen (Braun 2007: 202).

Ausgehend von den theoretischen Erörterungen in Kapitel (1) und vor dem Hintergrund des Standes der Forschung in Kapitel (II) widmet sich das Kapitel (III) nun den eigenen empirischen Analysen zur sozialen Schließung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit in Österreich.

36Die Suche nach den Begriffen „volunteering“ und „voluntary work“ bei ProQuest, einem us-amerikanischen Host für Internetpublikationen (http://search.proquest.com), liefert für die 1980er Jahr (1980 bis 1989) 1.492 Peer reviewed Artikel. Für den Zeitraum von 1990 bis 1999 beträgt die Anzahl bereits 10.551 Artikel und für die 2000er Jahre (2000 bis 2009) 28.522 Artikel (abgerufen am 27.3.2014).

37zur Begriffsklärung und Konzeptabgrenzung siehe Coffé/Geys (2007), Brunie (2009).

38Die Grafik basiert auf den Arbeiten von Mayrhofer et al. (2007).

39Die Beteiligungsquote beschreibt den Anteil der Freiwilligen an der jeweiligen Grundgesamtheit in der Bevölkerung. Zu Abgrenzung der Begriffe „Beteiligungsquote“, „Beteiligungsstruktur“ und Beteiligungsintensität siehe Rameder/More-Hollerweger (2009: 50).

40gemessen anhand der Liebowitz Social Anxiety Scale (LSAS).

41Beteiligungsstruktur: 57% Männer und 43% Frauen. Dies entspricht einer Beteiligungsquote von 33% bei den Männern und 23% bei den Frauen (Statistik Austria 2008).

42European Value Study (http://www.europeanvaluesstudy.eu).

43European Social Survey (http://www.europeansocialsurvey.org).

44Als Moderatorvariablen bezeichnet man Variablen (z.B. Geschlecht, Alter, etc.), die den Zusammenhang zwischen einer abhängigen Variable (z.B. Freiwilligenarbeit) und einer unabhängigen Variable (z.B. Bildungsgrad) beeinflussen. D.h. Variable „C“ beeinflusst (moderiert) den Zusammenhang zwischen Variable „A“ und „B“. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei Mediatorvariablen um sogenannte „Drittvariablen“ (z.B. Größe und Art des sozialen Netzwerks, subjektive Dispositionen) die den Zusammenhang zwischen einer abhängigen Variable (z.B. Freiwilligenarbeit) und einer unabhängigen Variable (z.B. Bildungsgrad) vermitteln (mediieren). D.h Variable „A“ wirkt auf Variable „B“, indem „A“ zuerst auf „C“ wirkt und „C“ wiederum auf „B“ wirkt.

45Anteil an den freiwillig tätigen Beamtinnen und Beamten, die in der Freiwilligenarbeit in einer leitenden Position sind.

46„Von statistischer Diskriminierung wird […] allgemein dann gesprochen, wenn Entscheidungen über das einzelne Individuum auf Grundlage von Verhaltensannahmen bezüglich ganzer sozialer Gruppen getroffen werden“ (vgl. Solga et al. 2009: 20). Zum Beispiel, die Annahme von Arbeitgebern, dass Frauen aufgrund von Haushalts- und Kinderbetreuungspflichten zeitlich weniger flexibel sind als Männer. Dies wird unterstellt, ohne tatsächliche über die Lebenssituation der einzelnen Frau Bescheid zu wissen (vgl. ebd.).

47Quelle: DAV Panorama (3/2012: 55-58): Gabi Funk: Frauen im Ehrenamt. http://www.alpenverein.de/DAV-Services/Panorama-Magazin/Panorama-Archiv/ – abgerufen am 28.5.2014.

48DAV Organigramm 2014 – Besetzung. http://www.alpenverein.de/der-dav/das-struktur-des-dav_aid_10415.html – abgerufen am 28.5.2014.

49http://www.alpenverein.at/portal/der-verein/ueber-uns/praesidium/index.php – abgerufen am 28.5.2014.

50Internationale Socio-Economic Index (ISEI). Der ISEI kann einen Wert zwischen 16 und 85 annehmen. Je höher der Wert, desto höher ist auch der sozio-ökonomische Status einer Berufsgruppe (vgl. Schimpl-Neimanns 2004).

51Institut für empirische Sozialforschung GmbH (http://www.ifes.at/).

52EU-SILC – Community Statistics on Income an Living Conditions: Eine jährliche europaweite Befragung von Privathaushalten zum Einkommen und den Lebensbedingungen. Siehe auch: epp.eurostat.ec.europa.eu.