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Ethik in der Psychiatrie und Psychotherapie

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Florian Steger, Jan C. Joerden and Andrzej M. Kaniowski

Die Beiträge im vorliegenden Buch wurden auf der Tagung Ethik in der Psychiatrie und Psychotherapie vorgestellt und eröffnen neue Perspektiven in der Diskussion um diese beiden Bereiche medizinischer Praxis, die in ganz besonderer Weise zentrale ethische Fragen aufwerfen. Dies liegt einerseits an der Komplexität und Varianz psychischer Störungen. Andererseits stellt die Vulnerabilität psychisch erkrankter Patienten eine besondere ethische Herausforderung für die Bereiche Psychiatrie und Psychotherapie dar. Die sich daraus ergebenden ethischen Fragen bildeten den Hintergrund der Tagung. Ergänzt werden die Texte durch zwei ins Deutsche übersetzte Beiträge des polnischen Psychiaters Antoni Kępiński (1918–1972).
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Der Begriff der Psychopathie und das Wertesystem

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Antoni Kępiński

Der Begriff „Psychopathie“ wird in der zeitgenössischen Psychiatrie seltener gebraucht als noch vor einigen Jahrzehnten. Das heißt nun keineswegs, dass dieses Problem in der Psychiatrie weniger aktuell ist; der Welt mangelt es nicht an Psychopathen, man nennt sie heute nur anders. In der Psychiatrie gibt es Moden für gewisse Begriffe und die einst populäre Bezeichnung „Psychopathie“ (oder „Neuropsychopathie“) wird heute oft durch „chronische Neurose“, „Neurose des Charakters“, „vegetative Dystonie“, „verfestigte Persönlichkeitsstörungen“, „emotionale Unreife“ usw. ersetzt. Der Wandel in der Terminologie entstand wahrscheinlich unter dem Einfluss von psychodynamischen Schulen, die der Entwicklungsdynamik und den gesellschaftlichen Einflüssen mehr Gewicht beimaßen, während die einst populären konstitutionellen Schulen Wert auf die Unveränderlichkeit des menschlichen Wesens legten, hervorgerufen durch das Wirken genetischer Faktoren.

Unveränderlichkeit wird gewöhnlich mit genetischen Einflüssen, Veränderbarkeit aber mit Umwelteinflüssen assoziiert, wenn man von der nicht ganz zutreffenden Annahme ausgeht, dass die Umwelt veränderlicher ist als der genetische Plan. Indessen ist der genetische Plan eher sehr plastisch, er wird durch die Einwirkung der Umwelt modelliert – manche Gene werden gehemmt, andere aktiviert. Die Umwelt kann dagegen durchaus wenig plastisch (formbar) sein. Zum Beispiel können bestimmte Gesellschaftsnormen überhaupt nicht an veränderte Lebensbedingungen angepasst sein, es ist allgemein zu spüren, dass sie nicht länger aktuell sind, ändern kann man sie jedoch nicht; erst ein heftiger Umsturz zerstört die alte Struktur, und an ihrer...

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