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Gotik ohne Gott?

Die Symbolik des Kirchengebäudes im 19. Jahrhundert

Wojciech Balus

Der Autor befasst sich mit der bisher nur wenig erforschten Symbolik der sakralen Architektur des Historismus. Er konzentriert sich dabei auf die unbekannten Druckquellen aus dem 19. Jahrhundert, die zeigen, dass auch in dieser Epoche die Kirchenbaukunst ein Bedeutungsträger war. Ziel der christlichen Kunst war, die konfessionelle Prägung sowohl in der Form einer Kirche als auch in der Ikonographie zu manifestieren. Der Stil wurde als Abdruck einer Weltanschauung in der Materie des Kunstwerks verstanden. Aus diesem Grund postulierte man, die Errungenschaften des Mittelalters aufzugreifen. Man nahm an, dass in diesem ausschließlich das christliche Gedankengut die Weltanschauung bestimmt habe, die Stile deswegen den religiösen Geist vollkommen zum Ausdruck gebracht hätten und die Ikonographie ideal, dogmatisch korrekt und inhaltsreich gewesen sei.
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I. Die Reinigung des Gedächtnisses

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Kapitel I Die Reinigung des Gedächtnisses

Das 19. Jahrhundert – Ende oder Wiedergeburt der Symbolik in der Sakralkunst?

Wie ich bereits in der Einführung geschrieben habe, sei das 19. Jahrhundert – nach der unter Geschichtswissenschaftlern sowie Kunst- und Religionshistorikern vorherrschenden Ansicht – ein Zeitalter gewesen, in dem die Symbolsprache der sakralen Kunst und Architektur einer Auflösung unterlegen habe und in Vergessenheit geraten sei. Der „seelenlose“ Historismus, der angeblich nichts anders gewesen sei als gedanken- und verständnisloses Nachahmen alter Stilformen, soll zur Entstehung rein äußerlicher Kopien von gotischen Kathedralen und romanischen Basiliken geführt haben, d.h. Bauwerke ohne Geist und Gott. „Die Kunst“ – so zum Beispiel Hans Bernhard Meyer 1984 in seinem Führer zu Sinn, Geschichte und Gegenwart des Kirchenbaus – „insbesondere die Architektur als eine repräsentative Darstellung der Analogie zwischen irdischen und überirdischen Wirklichkeiten, als ab- und nachbildende Kunst, verliert […] die als «objektiv vorgegeben» angenommene Grundlage ihrer Symbolik“1.

Diese Überzeugung ist in kritischen Aussagen von Autoren des 19. Jahrhunderts übrigens selbst verwurzelt – einerseits verurteilten sie den Historismus als Symptom einer Krise und Stillosigkeit, andererseits nahmen sie doch den im Laufe der Jahrhunderte fortschreitenden Zerfall der ikonographischen Tradition und des mittelalterlichen Symboldenkens wahr. G. Helmsdörfer schrieb 1839 in seinem Buch über die christliche Symbolik und Ikonographie:

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