Show Less
Restricted access

Gotik ohne Gott?

Die Symbolik des Kirchengebäudes im 19. Jahrhundert

Wojciech Balus

Der Autor befasst sich mit der bisher nur wenig erforschten Symbolik der sakralen Architektur des Historismus. Er konzentriert sich dabei auf die unbekannten Druckquellen aus dem 19. Jahrhundert, die zeigen, dass auch in dieser Epoche die Kirchenbaukunst ein Bedeutungsträger war. Ziel der christlichen Kunst war, die konfessionelle Prägung sowohl in der Form einer Kirche als auch in der Ikonographie zu manifestieren. Der Stil wurde als Abdruck einer Weltanschauung in der Materie des Kunstwerks verstanden. Aus diesem Grund postulierte man, die Errungenschaften des Mittelalters aufzugreifen. Man nahm an, dass in diesem ausschließlich das christliche Gedankengut die Weltanschauung bestimmt habe, die Stile deswegen den religiösen Geist vollkommen zum Ausdruck gebracht hätten und die Ikonographie ideal, dogmatisch korrekt und inhaltsreich gewesen sei.
Show Summary Details
Restricted access

Einleitung

Extract

*

Gotik ohne Gott, so lautete der Titel des 1952 herausgegebenen Buches von Alfred Kamphausen1. In diesem Beitrag zur Deutung der Neugotik und des 19. Jahrhunderts (so der Untertitel) analysiert der Verfasser neugotische Bauten unter Verwendung einer für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts typischen Methode. Zuerst stellt er – den Prinzipien einer formellen Stilgeschichte gemäß – Merkmale fest, die der Architektur der großen europäischen Stilepochen eigen waren, indem er auf das jeweilige Verständnis des Raumes und des Baukörpers in der Romanik, Gotik, Renaissance und dem Barock hinweist und dann die Ergebnisse seiner Untersuchungen neugotischen Bauten gegenüberstellt. Auf Grund dieser Vergleiche kommt er zur Schlussfolgerung, dass die Neugotik unlogisch gewesen sei, die Wand als eine Art irrealen Vorhang und den Raum als innerlich unzusammenhängende Auswahl von Formen und Elementen behandelt habe. Dabei habe sie dezentrische Baukörper bevorzugt, das heißt die ohne irgendeine das Ganze ordnende Gruppierung von Massen der „Mitte“. So aufgefasst, wird die Neugotik – hier geht der Verfasser auf Positionen der Kunstgeschichte als Geistesgeschichte über – ein Ausdruck der Krise, in die Europa nach dem Ende des Barock geraten war. Jene Krise war die Folge der Erhebung des menschlichen Ichs und der menschlichen Gefühle ins Zentrum der Welt – an Stelle von höheren Werten, an Stelle von Religion und Gott:

Wo das Ich-Bestimmte absolut ist – so Kamphausen gegen das Ende des Buches – wird das Gegenübergesetzte schließlich zur Phantasmagorie, das Göttliche zur fragwürdigen Spekulation, Religion...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.