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Verdinglichung und Subjektivierung

Versuch einer Reaktualisierung der kritischen Theorie

János Weiss

Georg Lukács hat Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts die damalige Krise und das Krisengefühl nach dem ersten Weltkrieg mit dem Begriff der Verdinglichung zu erfassen versucht. Davon ist die Tradition der kritischen Gesellschaftstheorie ausgegangen. Dieses Werk hat zwei Ziele: einerseits soll gezeigt werden, dass dieser Begriff heute durch die Subjektivierung ergänzt werden muss, andererseits soll die These untermauert werden, dass diese Ergänzung in Ansätzen schon einige Vertreter der Frankfurter Schule vorgenommen haben.
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Ein Versuch der Aktualisierung

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Jürgen Habermas hat in seiner Theorie des kommunikativen Handelns (1981) die Verdinglichungsthese von Lukács als Ausgangspunkt des westlichen Marxismus bezeichnet. „Lukács behauptet nun, dass [wir die] »Verdinglichung« charakterisieren können […] als eine eigentümliche Assimilierung von gesellschaftlichen Beziehungen und Erlebnissen an Dinge, d. h. an Objekte, die wir wahrnehmen und manipulieren können.“518 Habermas beschreibt vor allem die Dialektik der Aufklärung in dieser Tradition; in diesem zentralen Werk der Frankfurter Schule wird die Verdinglichung geschichtsphilosophisch umgedeutet und zugleich radikalisiert. Dieser Begriff hat aber, laut Habermas, nicht nur eine enorme historische Bedeutung, sondern er bedarf auch der Aktualisierung. Die Überlegung, die zu Habermas‘ Theorie geführt hat, fasst Axel Honneth so zusammen: „Habermas [hat] in seiner Theorie des kommunikativen Handelns versucht […], unter »Verdinglichung« genau den Prozess zu verstehen, durch den strategische […] Verhaltensweisen in solche soziale Sphären eindringen, die dadurch in ihren kommunikativen Bestandsvoraussetzungen gefährdet werden.“519 Vor allem Niklas Luhmann hat Habermas davon überzeugt, dass es einige soziale Systeme gibt, die objektivierend verfahren müssen. Habermas generalisiert so den Warenbegriff zum System, und beschreibt die soziale Sphäre, die außerhalb des Warenverkehrs steht (und stehen muss) als die Lebenswelt. So kommen wir zum Ergebnis, dass die Kolonialisierung der Lebenswelt eine Reformulierung der lukácsschen Verdinglichungstheorie ist. „Die Imperative der verselbstständigten Subsysteme dringen […] von außen in die Lebenswelt – wie Kolonialherren in eine Stammesgesellschaft – ein und erzwingen die Assimilation.“520 An die Stelle der aufgegebenen Dualität von System und Lebenswelt...

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