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Randzonen des Willens

Anthropologische und ethische Probleme von Entscheidungen in Grenzsituationen

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Edited By Thorsten Moos, Christoph Rehmann-Sutter and Christina Schües

Der Band untersucht anthropologische, psychologische, rechtliche und ethische Probleme des Willenskonzepts. Die Medizin führt Menschen in Grenzsituationen, in denen «ihr Wille» in vielerlei Hinsichten problematisch wird: Kinder sollen in die Durchführung medizinischer Maßnahmen einwilligen; Menschen mit Demenz können sich zu Therapien manchmal nicht mehr klar äußern; potentielle Teilnehmende einer klinischen Studie sind durch deren Komplexität überfordert, sollen aber zustimmen. Der Band fokussiert bewusst Randzonen, in denen nicht klar ist, was ein Wille ist und ob eine Willensäußerung vorliegt. An diesen Randbereichen wird besser als in thematischen Kernzonen sichtbar, was Idee und Praxis des Willens leisten und was sie verdecken. Daraus ergeben sich neue Fragen zur Problematik des Entscheidens und der Einwilligung in Grenzsituationen.
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Thorsten Moos - Zusammenfassung der Diskussion

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Thorsten Moos

Zusammenfassung der Diskussion

Das besondere Interesse galt in der Diskussion dem Fall 2, in dem ein neunjähriges Mädchen aus ‚schwieriger‘ Familiensituation aus Angst vor dem Eingriff zunächst nicht für ihren Bruder spenden will. Ihr Widerstand („etwas Protest“) wird dann aber überwunden. Sie ist im Nachhinein stolz, ihrem Bruder geholfen zu haben. An der Frage, ob es zu rechtfertigen ist, auch gegen den Widerstand eines Grundschulkindes in dessen Körper einzugreifen, wird das gesamte Dilemma der geschwisterlichen Gewebespende deutlich. Zwei Extreme wären unerträglich: Das Kind wird nicht gefragt, der Eingriff wird ohnehin durchgeführt – der Kindeskörper ist sozialpflichtig, das heißt, die Allgemeinheit hat unter gewissen Voraussetzungen ein Zugriffsrecht. Auf der anderen Seite: Das Kind entscheidet selbst; mit der Zuschreibung eines freien Willens wird ihm auch die volle Verantwortung übertragen. Wenn sich beides verbietet, ist zu fragen, ob es eine Zwischenlösung gibt, die nicht heuchlerisch oder missbräuchlich ist. Die Rede von einer Beachtung des Willens oder wenigstens einer Beteiligung des Kindes an der Entscheidung setzt nach Meinung vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer voraus, dass die Entscheidungsfindung ergebnisoffen ist. Es muss also möglich sein, die Spende nicht durchzuführen. Ist dies nicht der Fall, sind also die Legitimationsmodelle so verfasst, dass jedwede Äußerung des Kindes – etwa im Namen seines besten Interesses oder eines hypothetischen Willens – so uminterpretiert wird, dass die Spende gerechtfertigt ist, wird das Kind als Person missachtet und instrumentalisiert. Niemand, so wurde mit Bezug auf Hans Jonas betont, hat ein Recht auf den Leib des anderen.

Doch ist in der vorausgesetzten Konstellation eine Unterlassung der Spende überhaupt denkbar? Ist der Fall nicht zu eindeutig, das Leben des einen Geschwisters gegen ein relativ geringes Risiko des anderen? Welche guten Gründe für eine Ablehnung wären angesichts dieser Asymmetrie überhaupt denkbar? Wäre zudem der aktuelle psychische Druck nicht zu groß? „Der Familienkontext überreitet regelmäßig den freien Willen“, so ein Arzt in der Diskussion. Und ist das nicht sinnvoll? Würde sich das potentielle Spenderkind nicht später in Selbstvorwürfen verzehren, wenn es erfährt, dass das Geschwister infolge seines Widerstands keine Chance mehr auf Genesung hatte? Hätten die Eltern nicht schon um des potentiellen Spenders willen die Pflicht, dessen Widerstand zu überwinden?

Im Kontext der Familie, mindestens im hier dargestellten Fall, scheitert also das Autonomiemodell des Willens. Es bedarf einer Familienethik, die berücksichtigt, ← 286 | 287 → dass die Fähigkeit, einen Willen zu bilden, beim Kind erst im Prozess des Ausreifens ist; dass die Familie der Kontext ist, in dem das Kind seine Vorstellungen davon, was erstrebenswert ist, allererst bildet; und dass die Familie einen Kontext diffuser Verpflichtungen, verschränkter Interessen und verschlungener Entscheidungswege darstellt.

Auch wenn dies nicht weiter ausgeführt werden konnte, so bedeutet das doch für die Praxis des Umgangs mit der geschwisterlichen Gewebespende, dass ein abgestufter, zeitlich ausgedehnter und differenzierter Umgang mit den verschiedenen Strebungen und Interessen des Kindes notwendig ist. Es bedarf, das kann als Ergebnis der Diskussion notiert werden, einer umfassenden, an die Bedürfnisse und Fähigkeiten des (potentiellen) Spenderkindes angepassten Begleitung, die lange vor dem Eingriff beginnt und lange nach ihm noch nicht zu Ende ist (so zeigt Fall 3, dass auch im Fall bereitwilliger Zustimmung des Spenderkindes für dieses erhebliche Probleme nachfolgen können). Die aus dem Autonomiemodell des Willens abgeleitete Praxis der Abforderung einer punktförmigen Entscheidung, auf die der Einzelne, ist sie einmal gefällt, behaftet werden kann, ist offenbar kein geeignetes Modell einer Einbeziehung des Kindes in die elterliche Entscheidung über die Gewebespende (auch wenn es, wie Christina Schües betont, eine solche Behaftung geben muss: in dem Moment nämlich, wenn das Immunsystem des Empfängerkindes in der Vorbereitung der Transplantation zerstört ist).

So erscheinen die Konturen einer Praxis der Berücksichtigung von Belangen, Interessen und Strebungen unterhalb der emphatischen Zuschreibung eines autonomen Willens. Was bleibt, ist der Verdacht der vollständigen Instrumentalisierung; um sie zu verhindern, hat der Wille ja so einen hohen Stellenwert in der Ethik erhalten. Für das Thema der Tagung darf aus der Diskussion gefolgert werden, dass es nicht genügt, hier ein schlichtes Auseinanderklaffen des empirischen und des transzendentalen Autonomiebegriffs festzustellen. Auch das Kind, das empirisch noch keinen Willen im Vollsinne bilden kann, hat doch im vollen Umfang Anspruch auf Achtung seiner Subjektqualität. Diese Achtung muss praktisch werden; und wenn die Praktiken der Willenszuschreibung hier nicht angemessen sind, müssen andere Praktiken an deren Stelle bzw. an deren Seite treten: Praktiken der Begleitung, wie oben beschrieben; Praktiken des Respekts vor dem einwilligungsfähigen Wesen, dass das Kind später einmal sein wird (vergleiche das Modell der retrospektiven Zustimmung); gegebenenfalls eine Vertretung des potentiellen Spenderkindes durch einen externen Kindesanwalt, der seine Interessen zur Geltung bringt; und schließlich auch der Verzicht auf extreme Gewalt: Gegen den starken Widerstand eines Kindes, so betonte Matthias Eyrich gegen Ende der Diskussion, würde kein Arzt eine Stammzellspende entnehmen. ← 287 | 288 →

Somit erscheinen die Probleme der Einwilligung in die geschwisterliche Gewebespende auch über die konkreten Fallkonstellationen hinaus von Interesse für den Willen in seinen Randzonen. Sie zeigen die Notwendigkeit, die Aufmerksamkeit auf die konkreten Kontexte diffuser Pflichten und verschränkter Interessen zu richten, in denen der Einzelne steht und aus denen er durch Praktiken der Willensabforderung gleichsam punktuell herausgehoben wird. Auch zeigen sie die Bedeutung der Frage nach angemessener Übertragung von Verantwortungslasten und angemessener „Zumutung“ einer Willenszuschreibung (nicht nur) in den „Randzonen des Willens“. In der Diskussion wurde die Relevanz des Themas an verschiedenen Analogien deutlich, die zu anderen Fallkonstellationen gezogen wurden: Was etwa ist die Zustimmung eines Kindes wert, wenn angeblich aus ethnologischen Studien zum Menschenhandel bekannt sei, dass einzelne Kinder selbst ihrem Verkauf in die Prostitution mit Stolz zustimmen, weil sie so die Familie unterstützen können? Muss nicht der Widerstand von Kindern viel stärker gewertet werden angesichts der Tatsache, dass die Rechtsprechung zur Sterilisation von Menschen mit geistiger Behinderung bereits einen diffusen Widerstand gegen die ärztliche Untersuchung als bindendes Veto betrachtet? Ist in Öffentlichkeitskampagnen zur Organspende eine ähnliche Sozialpflichtigkeit des Körpers vorausgesetzt, wie sie in der geschwisterlichen Gewebespende droht – die selbstverständliche, nicht mehr zu hinterfragende Verpflichtung, Teile des eigenen Körpers hier prä-, dort postmortal zum Wohle Anderer zur Verfügung zu stellen? Solche Analogien sind mit großer Vorsicht zu betrachten, aber sie zeigen die paradigmatische Bedeutung dieses Themas. Dies gilt es im Durchgang durch die weiteren Fallkonstellationen anzureichern und zu differenzieren.