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Globale Wissensdiffusion in der Politik sozialer Sicherung

Die Einführung einer gesetzlichen Unfallversicherung in der Volksrepublik China

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Tao Liu

Die Studie analysiert erstmals die Einführung einer gesetzlichen Unfallversicherung in China in den 2000er Jahren, basierend auf umfangreichen Feldforschungen. Mit der Unfallversicherung hat sich China für die Idee individueller sozialer Rechte geöffnet, die weder in der konfuzianischen noch der sino-kommunistischen Tradition verankert ist. Der Autor zeigt, dass dieser Durchbruch wesentlich auf Prozesse globaler Wissensdiffusion zurückzuführen ist, zu der internationale Organisationen und vor allem die Träger der deutschen gesetzlichen Unfallversicherung beigetragen haben. Ergänzend wird die weltweite Verbreitung unterschiedlicher Modelle der Unfallversicherung dargestellt. Theoretisch wird die Diffusion in den Zusammenhang einer emergierenden «Weltkultur» gestellt.
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Vorwort

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Im Jahre 2014 endete die dritte und letzte Phase eines Kooperationsprojekts zwischen China und Deutschland im Bereich der gesetzlichen Arbeitsunfallversicherung. Seit 2004 hatte die chinesische Regierung eine bilaterale Zusammenarbeit gesucht, um mit deutschem Knowhow eine gesetzliche Versicherung für Arbeitsunfälle in China aufzubauen. Im Ergebnis wurde das deutsche System der gesetzlichen Unfallversicherung in Grundzügen auf China übertragen – ein bemerkenswerter Transfer eines Sicherungssystems, das in der Gründungsphase des deutschen Sozialstaats in den 1880er Jahren entstanden war, in einen ganz anderen sozialen und kulturellen Kontext.

Ich hatte die Chance, den Prozess des Aufbaus eines gesetzlichen Unfallversicherungssystems in China in seiner entscheidenden Phase seit 2007 in Feldforschungen zu begleiten und zu analysieren. Dabei zeigt sich, dass dieser Diffusionsprozess in einem speziellen Politikbereich auf grundlegendere soziokulturelle Beziehungen in einer globalen Welt verweist, die ich in diesem Buch in Anlehnung an John W. Meyer als „Weltkultur“ und „Weltgesellschaft“ konzeptualisiere.

In diesem Buch versuche ich zu zeigen, dass sich ein derartiger länderspezifischer Wissens- und Modelltransfer nur vor einem weltgesellschaftlichen Vergleichshorizont nachvollziehen lässt. Weltgesellschaftliche Akteure wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (ISSA) und die Europäische Union (EU) haben entscheidende Legitimitätsgrundlagen für das deutsche Modell der gesetzlichen Unfallversicherung bereitgestellt. Zugleich fanden allgemeine weltkulturelle Prinzipien wie der Menschenrechtsdiskurs, der weder im Konfuzianismus noch im Sino-Kommunismus verwurzelt ist, in China Eingang. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich in China ein menschenrechtsfundiertes Drei-Sektoren-Modell der Unfallversicherung, bei dem die Menschenwürde im Vordergrund...

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