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Wege zur späten Lyrik von Elisabeth Langgässer

Übersinnliches erfahren im sinnlich Wahrnehmbaren

Niels Kranemann

Elisabeth Langgässer (1899–1950) war in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine der literarischen Hoffnungsträgerinnen in Deutschland. Doch nachdem sie 1936 als Halbjüdin im NS-Staat Schreibverbot erhalten hatte, musste sie unter ständigen Schikanen und Bedrohungen leiden. In ihren letzten fünf Lebensjahren entstand eine Reihe von Gedichten, die sie unter dem Titel Metamorphosen herausgeben wollte. Ihr früher Tod vereitelte jedoch diese Absicht. Acht der Metamorphose -Gedichte werden in diesem Band interpretiert. Die Textanalysen zeigen, dass Langgässer «das Sinnliche für das Übersinnliche, die Natur für das Jenseits-aller-Natur transparent» zu machen verstand, wie ihr Ehemann W. Hoffmann einmal schrieb. Sie zeigen aber auch, welch breiten Varianten-Spielraum es in diesen aus Naturbeobachtung, antiker Mythologie und christlichem Glauben geschaffenen Textmontagen gibt. Die Gedichte zählen zu den virtuosesten, bilder- und gedankenreichsten Sprachkunstwerken des 20. Jahrhunderts.
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„Soviel berauschende Vergänglichkeit“

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Das Gedicht Sommerende ist im August 1949 in Rheinzabern entstanden, wo Elisabeth Langgässer seit 1948 wohnte. Sie legte es einem Brief an ihre Freundin Elisabeth Andre vom 26. August 1949 bei und bemerkte dazu: „… das beiliegende Gedicht habe ich gerade geschrieben. Es ist sozusagen das ‚Résumé‘ dieses grässlichen Sommers in der kochenden Rheinrinne“.

Elisabeth Langgässer geht in diesem Gedicht – wie stets – von einer konkreten Erfahrung aus. „Ich behaupte, dass es überhaupt kein Formprinzip gibt ohne Realitätserfahrung“, hat sie einmal gesagt. Dabei verlangte sie in der Beschreibung der Realität absolute Genauigkeit: „Lassen Sie in Zukunft nicht den Holunder im Mai blühen; er tut es ausgesprochen erst im Juni“, schrieb sie einem jungen Dichter-Kollegen.

In den Versen des Gedichts Sommerende ist die erfahrene Realität eindeutig: blaue und gelbe Pflaumen (Spillinge) sowie Hasel- und Walnüsse sind in der Sommerhitze herangereift, doch bevor sie geerntet werden können, werden sie bereits von der Larve des Pflaumenwicklers und vom Eichhorn verzehrt. Heranreifen und Zerstörtwerden ist das Schicksal von Pflaume, Spilling und Nuss.

Diese Realitätserfahrung verknüpft die Dichterin mit einer Gestalt aus dem griechischen Mythos: Apollheißt das letzte Wort in jeder der drei Strophen.

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