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Wege zur späten Lyrik von Elisabeth Langgässer

Übersinnliches erfahren im sinnlich Wahrnehmbaren

Niels Kranemann

Elisabeth Langgässer (1899–1950) war in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine der literarischen Hoffnungsträgerinnen in Deutschland. Doch nachdem sie 1936 als Halbjüdin im NS-Staat Schreibverbot erhalten hatte, musste sie unter ständigen Schikanen und Bedrohungen leiden. In ihren letzten fünf Lebensjahren entstand eine Reihe von Gedichten, die sie unter dem Titel Metamorphosen herausgeben wollte. Ihr früher Tod vereitelte jedoch diese Absicht. Acht der Metamorphose -Gedichte werden in diesem Band interpretiert. Die Textanalysen zeigen, dass Langgässer «das Sinnliche für das Übersinnliche, die Natur für das Jenseits-aller-Natur transparent» zu machen verstand, wie ihr Ehemann W. Hoffmann einmal schrieb. Sie zeigen aber auch, welch breiten Varianten-Spielraum es in diesen aus Naturbeobachtung, antiker Mythologie und christlichem Glauben geschaffenen Textmontagen gibt. Die Gedichte zählen zu den virtuosesten, bilder- und gedankenreichsten Sprachkunstwerken des 20. Jahrhunderts.
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„Demütig und maßlos“

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Unter den Gedenk- und Erinnerungstagen am Ende des 20. Jahrhunderts gab es zwei Zentenarien, die dem Andenken zweier bedeutender katholischer Frauen galten: Am 30. September 1997 jährte sich zum hundertsten Mal der Todestag der Therese von Lisieux, am 23. Februar 1999 ebenfalls zum hundertsten Mal der Geburtstag von Elisabeth Langgässer.

Zwischen dem Leben der Heiligen und dem der Dichterin liegen Welten; was die beiden Frauen gleichwohl verbindet, sind der Glaube und die Kirchlichkeit, die beide auszeichneten und die für beide nicht nur Gegebenheiten der Tradition waren, sondern sehr persönliche Antworten auf sehr persönliche Erfahrungen.

Man kann eine gewisse Parallelität im Schicksal beider auch darin sehen, dass die Zeit höchster Wertschätzung für sie vorbei zu sein scheint: für Therese von Lisieux eine Zeit weltweiter, für Elisabeth Langgässer eine Zeit der auf den deutschen Sprachraum beschränkten Geltung.

Die im Jahre 1997 von Papst Johannes Paul II. vorgenommene Erhebung der „kleinen Therese“ zur Kirchenlehrerin hat zwar weithin Aufmerksamkeit gefunden, aber von einer Woge der Verehrung, wie sie am Anfang des Jahrhunderts um die Welt ging und selbst Muslime und Buddhisten erfasste, kann heute im Ernst wohl nicht die Rede sein. Elisabeth Langgässer aber muss man – selbst wenn man den immer vorhandenen Abstand ihres Bekanntheitsgrades von dem der Heiligen aus der Normandie berücksichtigt – heute als eine fast vergessene Dichterin bezeichnen.

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