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Aufklärung als Weltprojekt

Zu ihrer Phänomenologie, Geschichte und Geographie

Hans-Otto Dill

Der Autor verwendet «Aufklärung» statt als Epochenbegriff des 18. Jahrhunderts als menschlichen Subjektwerdungsprozess, nicht als Philosophie, sondern als praktisch-lebensweltliche Bewegung mit den Zielen Herrschaft der Vernunft, Toleranz, Rationalität, Gleichheit, Freiheit und Bürgerrechte. Er beschreibt Aufklärung nicht nur als Zeitverlauf, sondern als räumliche Erstreckung über West- und Mitteleuropa hinaus auf Balkan, Apennin und Pyrenäen sowie auf Nord- und Südamerika, also auf die okzidentalen bzw. semiokzidentalen Teile der Erdkugel. Aufklärung wird so zum globalisierenden Weltphänomen, dem Dill die Begriffe «Menschheit» und «Menschenrechte» zuordnet, womit aus nationalen bzw. historischen oder lokalen Identitäten eine universale, gesamtmenschheitliche Identität erwächst.
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Fünfter Teil: Mythos und Aufklärung im 20. Jahrhundert

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Fünfter Teil

Mythos und Aufklärung im 20. Jahrhundert

Trotz der überwältigenden Präsenz der Aufklärung im öffentlichen Bewusstsein des 18. Jahrhunderts in Europa und der okzidentalen Welt kam es im darauffolgenden bürgerlichen 19. Jahrhundert zu ihrer Rücknahme oder doch Minderung bei gleichzeitig schnellem, machtvollem Vordringen gegenaufklärerischer und aufklärungsfeindlicher, zumindest aufklärungsneutraler Tendenzen in der Philosophie und Literatur wohl aller europäischen Länder. Das wirft die Frage nach den Gründen eines solchen Paradigmenwechsels auf, um den es sich hier zweifellos handelt, die natürlich im Charakter der Aufklärung lagen, mit der sich die neuen Denker sehr schwer taten, die sich sogar als ihre Antagonisten gerierten und dieses Produkt des 18. Jahrhunderts am liebsten ignoriert hätten.

Ein häufiger Grund für diese Verdrängung der Aufklärung aus dem kulturellen Gedächtnis der Menschen wird im sich ausbreitenden Irrationalismus gesehen, dem Hauptwidersacher des im Vorjahrhundert dominierenden, vor allem von der Aufklärung vertretenen Rationalismus. Der ungarische Philosoph Georg Lukács, der sich als Marxist dem Rationalismus eng verbunden fühlte, sah den entstehenden Irrationalismus als Zerstörer der rationalistischen Vernunft, dieser Zentralkategorie der Aufklärung, und damit der Aufklärung selber an. Sein dickleibiges, vielgelesenes und vielbeachtetes Hauptwerk zum Aufstieg des Irrationalismus nannte er deshalb beziehungs- und bedeutungsvoll Die Zerstörung der Vernunft. Er hätte dies Buch auch „Die Vernichtung der Aufklärung“ nennen können.

Auch die vielen Kriege...

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