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Einfluss nicht-marktlicher Tätigkeiten auf den materiellen Wohlstand und die Einkommensverteilung in Deutschland

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Sandra Hofmann

Welchen Einfluss haben nicht-marktliche Tätigkeiten wie Schwarzarbeit, Haushaltsproduktion und Ehrenamt auf den materiellen Wohlstand und die personelle Einkommensverteilung in Deutschland? Die Autorin widmet sich dieser zentralen sozialpolitischen Fragestellung, indem sie sowohl den zeitlichen als auch den monetären Umfang dieser drei nicht-marktlichen Tätigkeiten bestimmt. Ergänzend analysiert sie diese in Abhängigkeit von soziodemographischen Merkmalen wie dem Geschlecht, Alter oder Haushaltstyp. Neu ist dabei die systematische Erfassung und Bewertung der Arbeitsleistung, die zur Erbringung dieser Tätigkeiten erforderlich ist, sowie deren Einfluss auf den materiellen Wohlstand und die personelle Einkommensverteilung.
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1 Einleitung

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1 Einleitung

1.1 Motivation und Fragestellung

In der wirtschafts- und sozialpolitischen Diskussion werden vielfach Aussagen zur Wachstums- und gleichzeitig Wohlstandsentwicklung auf Grundlage des Bruttoinlandsprodukts getätigt. Dabei entsteht oftmals der Eindruck, dass Wachstum und Wohlstand synonym verwendet werden. Daneben ist die Kritik am Bruttoinlandsprodukt und an der damit einhergehenden Wachstums- und Wohlstandsdiskussion so beliebt wie regelmäßig.1 Die Grundidee des BIPs war jedoch ausschließlich, die wirtschaftliche Leistungskraft einer Volkswirtschaft zu eruieren. Eine Messung des Wohlstandes war dabei nicht vorgesehen.2

In zahlreichen Initiativen wird auf politischer und wissenschaftlicher Ebene seit vielen Jahrzehnten versucht, das BIP als Wirtschafts- und Wachstumsmaß zu einem Wohlstandsmaß weiterzuentwickeln. Im Jahre 2007 diskutierten zum Beispiel die EU, der Club of Rome, der WWF, die Weltbank, die OECD und die Vereinten Nationen auf der Konferenz „Beyond GDP“ über die Weiterentwicklung des BIPs zu einem Wohlstandsindikator.3 Im Vordergrund standen ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen eines solchen Indikators. Daneben wurde auf europäischer Ebene im Jahr 2008 vom damaligen französischen Präsidenten Sarkozy die 22-köpfige „Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission“4 unter Leitung der beiden Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz und Amartya Sen sowie des französischen Ökonomen Jean-Paul Fitoussi eingesetzt. Die Kommission erarbeitete Vorschläge, um durch Weiterentwicklung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und der statistischen Berichterstattung einen Beitrag zur Messung des (materiellen) Wohlstandes und des sozialen Fortschritts leisten zu können.5 Aus den Kommissionen ergeben sich einige zentrale Forderungen, die vor allem zur besseren und umfangreicheren Erfassung des materiellen Wohlstands beitragen sollen:6← 1 | 2 →

 Stärkere Fokussierung auf die Einkommenssituation

 Stärkere Betonung der privaten Haushaltsperspektive

 Erfassung der Haushaltsproduktion

 Berücksichtigung der Einkommensverteilung.

Diese Forderungen sollen als Leitfaden zur Umsetzung geeigneter Maßnahmen und Initiativen dienen.

Ergänzend zeigt die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ in ihrem Abschlussbericht auf, dass für einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator keine Alternativen zum BIP gefunden werden müssen.7 Vielmehr sollen die vorhandenen Strukturen und Möglichkeiten des BIPs zielgerichtet ergänzt werden, um umfassendere Aussagen nicht nur zum Wirtschaftswachstum, sondern auch zur Wohlstandsentwicklung in einer Volkswirtschaft generieren zu können.

Als zentrales Ergebnis der erwähnten Untersuchungen lässt sich festhalten, dass das BIP zur Messung der Wirtschaftsleistung bzw. des Wirtschaftswachstums konzipiert war und dafür auch weiterhin genutzt wird.8 Die Interpretation des BIPs als Wohlstandsindikator ist dagegen nur eingeschränkt möglich, da es sich auf die messbare wertschöpfende Marktproduktion beschränkt und daher einige zentrale wohlstandsrelevante Aspekte vernachlässigt. Dies lässt sich mittels zweier Aspekte belegen:

Einerseits werden wichtige nicht-marktliche Tätigkeiten wie beispielsweise die Haushaltsproduktion oder ehrenamtliche Tätigkeiten, trotz ihres Einflusses auf den (materiellen) Wohlstand einer Gesellschaft, nicht erfasst. Andererseits wird durch das BIP die Einkommensverteilung, die unter Wohlstandsgesichtspunkten relevant ist, nicht berücksichtigt.9 Darüber hinaus werden die Interdependenzen zwischen Wohlstandsindikatoren und Verteilungsaspekten in den bisherigen Diskussionen nur theoretisch thematisiert. Eine empirische Auswertung von Wohlstands- und Verteilungseffekten wurde noch nicht umgesetzt. Ausgehend von diesem offenen Forschungsbedarf wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit folgender Frage nachgegangen:

Wie können materielle Wohlstands- und Verteilungsaspekte in einem Indikator erfasst und quantifiziert werden? ← 2 | 3 →

Dazu werden im Folgenden diejenigen nicht-marktlichen Komponenten identifiziert, die Einfluss auf den materiellen Wohlstand und die damit einhergehende Verteilung haben. In diesem Zusammenhang wird geklärt, ob das verfügbare Einkommen der Haushalte als materieller Wohlstand interpretiert werden kann. Dabei werden die Einflüsse sozioökonomischer Merkmale wie etwa des Geschlechts, des Alters oder des Haushaltstyps im Kontext der materiellen Wohlstandsentstehung diskutiert. Diese Arbeit setzt sich daher zudem mit folgenden ergänzenden Fragestellungen auseinander:

 Können durch die Erfassung und Quantifizierung nicht-marktlicher Tätigkeiten materielle Wohlstands- und Verteilungseffekte gemessen werden?

 Welchen Einfluss hat die Berücksichtigung von nicht-marktlichen Tätigkeiten auf die materielle Wohlstandsentwicklung?

 Wie wirkt sich die – teilweise fiktive – Entlohnung von nicht-marktlichen Tätigkeiten auf die Einkommensverteilung aus?

 Welche monetären Auswirkungen hat die Berücksichtigung von nicht-marktlichen Tätigkeiten auf die individuelle Wohlstandssituation?

 Welche sozioökonomischen Gruppen tragen am meisten zur materiellen Wohlstandsentwicklung bei?

 Welchen Einfluss hat das zusätzliche – zum Teil fiktive – Einkommen aus nicht-marktlichen Tätigkeiten auf sozioökonomische Einkommensdifferenzen?

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 wird ein Überblick über die verschiedenen Wohlstandsaspekte in der wissenschaftlichen Diskussion präsentiert. Darauf aufbauend werden im dritten Kapitel Determinanten des materiellen Wohlstands und Verteilungsaspekte im Kontext der materiellen Wohlstandsmessung abgeleitet. Das vierte Kapitel beschäftigt sich ausgehend von der Beschreibung der Datenlage mit der empirischen Umsetzung eines Indikators, der materielle Wohlstands- und Verteilungsaspekte berücksichtigt. In Kapitel 5 werden die Ergebnisse unter materiellen wohlstands- und verteilungsrelevanten Gesichtspunkten ausgewertet und analysiert sowie eine kritische Würdigung der Ergebnisse dargelegt. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und dem Aufzeigen des weiteren Forschungsbedarfs.

1 Vgl. Meadows (1972).

2 Vgl. Lepenies (2013), S. 11.

3 www.beyond-gpd.eu.

4 www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/en/index.htm.

5 Vgl. Stiglitz et al. (2009).

6 Vgl. Braakmann (2010), S. 610f.; Neben dem materiellen Wohlstand, der durch Wirtschaftsindikatoren gemessen werden kann, schlägt die Stiglitz-Sen-Fitoussi Kommission zudem Indikatoren zur Messung der Lebensqualität sowie der Nachhaltigkeit und der Umwelt vor. Eine prägnante Übersicht zu den zentralen Forderungen in diesen beiden Bereichen ist auch bei Braakmann (2010) zu finden.

7 Vgl. Bundestag (2013).

8 Vgl. Chaloupek, Feigl (2012), S. 787.

9 Vgl. Chaloupek, Feigl (2012), S. 778.