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André Gide – Igor Strawinsky: "Perséphone"

Von der Idee zum vollendeten Werk bei Betrachtung der verschiedenen Denkweisen von Schriftsteller und Komponist

Andrea Hanft

In Perséphone vereinten zu Beginn der 1930er Jahre mit André Gide und Igor Strawinsky zwei der bedeutendsten Kunstschaffenden ihrer Zeit ihr Können. Diese Studie zielt daher – neben der Nachzeichnung der Entstehungsgeschichte – auf eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Charaktere, die Darstellung ihrer gedanklichen Nähe auf verschiedenen Ebenen sowie die Offenlegung der gegenseitigen Einflussnahme von Musik und Dichtung im Denken der Künstler. Wenn auch Théodore Strawinsky der Meinung war, dass die Zusammenarbeit seines Vaters mit Gide es nicht vermochte, zwei Naturen einander näherzubringen, «die ein Abgrund voneinander trennte», muss dennoch festgehalten werden, dass eine Übereinstimmung ihres Denkens in wesentlichen Punkten vorhanden ist.
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I. Grundlagen zum Verständnis von Gides Denken und Anmerkungen zum Persephone-Mythos

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Geboren kurz vor dem Zusammenbruch des II. Kaiserreichs, das durch die Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 sein Ende findet, wächst der junge Gide, Sohn begüterter Eltern, in der III. Republik auf, welche zunächst nur verfassungspolitisch einen Bruch mit dem Empire darstellt. Das schließlich seinem Untergang zustrebende bürgerliche Jahrhundert, das nur noch an einer zum Selbstzweck heruntergekommenen Ordnung festhält – an die sich auch Gides Mutter eisern klammert –, bildet den Hintergrund zu Gides jungen Jahren. Seine Kindheit und Jugend stehen im Zeichen einer puritanisch-protestantischen Erziehung durch die Mutter, deren strenge Moralauffassung sowie übertriebene Vorstellung von Pflichterfüllung dem Kind und dem sozialen Umfeld gegenüber den Nährboden von Gides inneren Konflikten bereitet und Anlass zu zahlreichen Auseinandersetzungen gibt. Aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit kann Gide die Schule nur unregelmäßig besuchen und wird immer wieder von Privatlehrern – ab 1876 auch im Klavierspiel – unterrichtet. Neben seiner Liebe zur Literatur und Musik entdeckt er auch seinen Hang zur Insektenkunde und Botanik. Mehrere Stellen in seiner Autobiographie, die er 1921 beendet, weisen auf Gides frühes Interesse für Samen bzw. Kerne hin, die im Persephone-Mythos eine entscheidende Rolle spielen. So hat er bspw. in seiner Jugend ein Herbarium angelegt: „[…] on admirait, auprès du bouton, la fleur épanouie, puis la graine.“11 Zu beachten ist die Reihenfolge der hier genannten Pflanzenteile: Das Samenkorn wird zuletzt genannt, quasi als Ziel – und nicht als Beginn eines Entwicklungsprozesses.12 Dass auch für den jungen Gide mit dem Samenkorn...

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