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André Gide – Igor Strawinsky: "Perséphone"

Von der Idee zum vollendeten Werk bei Betrachtung der verschiedenen Denkweisen von Schriftsteller und Komponist

Andrea Hanft

In Perséphone vereinten zu Beginn der 1930er Jahre mit André Gide und Igor Strawinsky zwei der bedeutendsten Kunstschaffenden ihrer Zeit ihr Können. Diese Studie zielt daher – neben der Nachzeichnung der Entstehungsgeschichte – auf eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Charaktere, die Darstellung ihrer gedanklichen Nähe auf verschiedenen Ebenen sowie die Offenlegung der gegenseitigen Einflussnahme von Musik und Dichtung im Denken der Künstler. Wenn auch Théodore Strawinsky der Meinung war, dass die Zusammenarbeit seines Vaters mit Gide es nicht vermochte, zwei Naturen einander näherzubringen, «die ein Abgrund voneinander trennte», muss dennoch festgehalten werden, dass eine Übereinstimmung ihres Denkens in wesentlichen Punkten vorhanden ist.
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II. Proserpine

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Gide zweifelt zunehmend an der Richtigkeit seines bisherigen Denkens, forscht, ob ihm Gott selbst die Zwänge auferlegt, welchen er immer wieder begegnet.

[…] j’en vins alors à douter si Dieu même exigeait de telles contraintes; s’il n’était pas impie de regimber sans cesse, et si ce n’était pas contre Lui; si, dans cette lutte où je me divisais, je devais raisonnablement donner tort à l’autre. J’entrevis enfin que ce dualisme discordant pourrait peut-être bien se résoudre en une harmonie.165

Diese Harmonie möchte Gide auf der Reise finden, zusammen mit einem inneren Gleichgewicht, das er bereits im Werk Goethes entdeckt hat und welches er als „klassisch“ empfindet. Dieses Ideal des Gleichgewichts steht in gänzlichem Gegensatz zu seinen bisherigen Idealen, die christlich-puritanisch geprägt sind und von denen sich Gide auf der Reise gänzlich befreien will. Er möchte den Einklang von Geist und Körper, und nicht die Unterdrückung des letzteren. Und er will ihn im Einverständnis mit Gott.

Entschlossen mit seiner bisherigen asketischen Lebensweise zu brechen und neue Wege zu beschreiten, tritt Gide am 10. Oktober 1893 die Reise nach Nordafrika an. Er ist berauscht von diesem Land. Von einer lebensgefährlichen Krankheit langsam wieder genesend, fühlt er sich – das Leben neu schätzend – lebendiger denn je: „Depuis ma résurrection, un ardent désir s’était emparé de moi, un forcené désir de vivre.“166 Vor diesem Hintergrund gewinnt auch seine Vorliebe f...

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