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Westland

Polen und die Ukraine in der russischen Literatur von Puškin bis Babel’

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Mirja Lecke

Die Autorin nimmt Impulse der Postcolonial Studies auf und bezieht sie auf das Russische Imperium. Sie untersucht, wie sich in russischen literarischen Texten die Herrschaft über das «Westland», also die Gebiete im heutigen Litauen, Polen, Weißrussland und der Ukraine, niederschlägt. Diese multi-ethnische Region wird im 19. Jh. durch unterschiedliche historische Narrative und literarisch-ästhetische Konventionen modelliert – etwa in historischen Dramen über Polen oder humoristischen Prosa-Erzählungen über die Ukraine. Mirja Lecke zeichnet ein Bild der russischen Literatur abseits der nationalen Romantradition. Sie analysiert imperiale Dichtungen, aber auch das Werk populärer Erzähler wie Nikolaj Leskov, Aleksandr Kuprin und Vladimir Korolenko, deren Erbe noch der Avantgarde-Autor Isaak Babel’ aufgreift.
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Kapitel 6: Auf dem Weg zur „Vielvölkerseele“ – Vladimir G. Korolenko

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Kapitel 6: Auf dem Weg zur „Vielvölkerseele“278 – Vladimir G. Korolenko279

Korolenko war zu Lebzeiten und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts einer der meist­ge­le­se­nen russischsprachigen Autoren. Noch in den letzten Jahren der Sowjetunion gehörten seine Tex­te zum Schulprogramm. Er ist in Sowjetzeiten so definitiv als großer Humanist ka­no­ni­siert worden, dass offenbar nichts mehr übrig blieb, als ihn nicht zu lesen. Und auch von professioneller literaturwissenschaftlicher Warte aus dezidiert wenig über ihn zu pu­bli­zieren.280 Durch seine Lebensgeschichte ist Korolenko eng mit Wolhynien, wo er 1853 geboren wurde, und den westlichen Reichsgebieten verbunden. Sein Vater stammte aus dem ukrainischen Adel und war Richter, seine Mutter war Polin. Ab 1900 ließ Korolenko sich in Poltava nieder, sodass sowohl seine Kindheit als auch sein Alter eine spezifisch „ukrainische“ Prägung haben. Korolenko war der ukrainischen Nationalbewegung gegenüber indifferent. In seiner Fa­milie wurde bis zum Polenaufstand 1863 Polnisch gesprochen, danach Russisch (Malij 1958, 9). Korolenko war ein „Rossijanin“ im besten Sinne und machte die russische Literatur zu seiner Heimat (Vermel’ 1924, 3).

Korolenkos publizistische Texte befassen sich sehr häufig mit tagesaktuellen Problemen, die mit nationalen Konflikten im Reich zusammenhängen. Stets ist dabei ein Bestreben er­kenn­bar, national-deterministische Argumentationen als vorgeschobene Kulissen zu ent­lar­ven, die ökonomische und soziale Konflikte verdecken sollen. Dieses Interesse ist aufs Engste mit Korolenkos „interkulturellen“ Erfahrungen am westlichen Reichsrand verbunden, die er besonders...

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