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Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben»

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Frederik Gierlinger

Ludwig Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben» gelten als äußerst schwieriger Text. Das vorliegende Buch führt Schritt für Schritt an die Themen und Problemstellungen der Farbbemerkungen Wittgensteins heran und liefert umfangreiche Erläuterungen zu den wichtigsten Textpassagen. Dies ist bemerkenswert, weil das bruchstückhafte Textmaterial aus den beiden letzten Lebensjahren Wittgensteins eine klare Struktur vermissen lässt, die darin aufgeworfenen Fragen häufig befremdlich anmuten und größtenteils ohne Antwort bleiben. So ist es wenig verwunderlich, dass bis jetzt keine umfassende philosophische Studie zu den «Bemerkungen über die Farben» zur Verfügung steht. Das Buch von Frederik A. Gierlinger füllt erstmalig diese Lücke in der Rezeptionsgeschichte.
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3 Farbton und Farbgleichheit

← 72 | 73 → 3 Farbton und Farbgleichheit

3.1 Helligkeit zweier Farbtöne

„Ein Sprachspiel: Darüber berichten, ob ein bestimmter Körper heller oder dunkler als ein andrer sei. – Aber nun gibt es ein verwandtes: Über das Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farbtöne aussagen. (Damit ist zu vergleichen: Das Verhältnis der Längen zweier Stäbe bestimmen – und das Verhältnis zweier Zahlen bestimmen.) – Die Form der Sätze in beiden Sprachspielen ist die gleiche: ‘X ist heller als Y’. Aber im ersten ist es eine externe Relation und der Satz zeitlich, im zweiten ist es eine interne Relation und der Satz zeitlos.“ (BF I, 1; MS 176, 1r; Vorfassung in BF III, 131; MS 173 47v-48r)

Band I der „Bemerkungen über die Farben“ öffnet mit einer Textstelle, in der zwei Verwendungsweisen des Ausdrucks „X ist heller als Y“ unterschieden werden. Auch Band III beginnt mit Anmerkungen zum Verhältnis verschiedener Farbtöne zueinander. Wo in Band I von internen Relationen und zeitlosen Sätzen gesprochen wird, heißt es in Band III: „Hier gibt es eine Art Farbmathematik“ (BF III, 3; MS 173, ii). Dass Wittgenstein beide Manuskripte mit Anmerkungen zum Ausdruck „X ist heller als Y“ beginnt, ist durchaus bemerkenswert. Interessant ist auch, dass bereits im „Tractatus“ eine Textstelle vorkommt, die der eben zitierten Bemerkung sehr ähnlich ist.53 Dort heißt es:

„Eine Eigenschaft ist intern, wenn es undenkbar ist, dass ihr Gegenstand sie nicht besitzt. (Diese blaue Farbe und jene stehen in der internen Relation von heller und dunkler eo ipso. Es ist undenkbar, dass diese beiden Gegenstände nicht in dieser Relation stünden.)“ (TLP 4.123)

Jetzt gilt für den „Tractatus“, dass interne Eigenschaften und Relationen nicht sinnvoll von irgendetwas ausgesagt werden können, sondern sich in sinnvollen Aussagen zeigen müssen.54 In der zitierten Textstelle aus den „Bemerkungen ← 73 | 74 → über die Farben“ hingegen steht „Über das Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farbtöne aussagen“ sei ein Sprachspiel, also muss es sich bei einem Satz wie „Dieser blaue Farbton ist heller als jener“ um einen sinnvollen Satz handeln. Das ist natürlich nur ein Problem, wenn man annimmt, Wittgenstein habe seine Auffassung dazu, was sich sinnvoll sagen lässt, nie geändert. Dennoch sollte man sich an dieser Stelle fragen, wie die beiden erwähnten Sprachspiele konkret aussehen könnten, denn soweit sind diese bestenfalls skizziert.

Das erste lässt sich ungefähr so denken: Wir stellen uns zwei Personen vor, ich nenne sie der Einfachheit halber A und B, die folgendes Spiel spielen: A nimmt aus einer zugedeckten Schachtel zwei Würfel und legt sie dem B vor. Dieser zeigt auf denjenigen Würfel, der im heller erscheint. Das wird geringe Schwierigkeiten machen, wenn die Würfel aus demselben Material sind. Die Angelegenheit ist sehr viel komplizierter, wenn wir zulassen, dass manche der Würfel matt, andere glänzend, manche vielleicht leuchtend und wieder andere durchsichtig sind. Wenn hier keine besonderen Vorkehrungen getroffen werden, wird der B oft unsicher sein, auf welchen der beiden Würfel er zeigen soll. Der Vergleich der Helligkeit zweier Gegenstände ist also nicht immer einfach, weil nicht sofort klar ist, wie der Vergleich im Detail durchzuführen ist. Beschränken wir uns also ← 74 | 75 → vorerst auf jene Fälle, in denen die Oberflächeneigenschaften der zu vergleichenden Gegenstände gleich sind.

Ein Entwurf für das zweite Sprachspiel könnte nun vorsehen, dass A erneut zwei Würfel aus einer zugedeckten Schachtel nimmt und diese dem B vorlegt. Anstatt nun denjenigen Würfel zu wählen, der heller ist, wählt B dieses Mal denjenigen Würfel, dessen Farbton heller ist. Fassen wir das zweite Sprachspiel auf diese Weise auf, so unterscheidet es sich nach außen hin offenkundig nicht vom ersten, da A und B exakt dasselbe tun, wie zuvor. Jetzt lässt sich vermuten, dass die Schwierigkeit hier darin begraben liegt, dass in diesen Sprachspielen eigentlich nichts gesprochen wird. Das wäre aber verfehlt, weil der Unterschied der beiden Sprachspiele nicht notwendigerweise darin begraben liegt, was der B sagt. Nimmt man etwa an, der B begleitet seine zeigende Geste mit den Worten „Dieser hier ist heller“ dann ist sein Verhalten in beiden Situationen nach wie vor gleich. Nur wenn wir annehmen, dass der B im einen Fall sagt „Dieser Würfel ist heller“ im anderen hingegen „Dieser Farbton ist heller“, scheint sich ein Unterschied bemerkbar zu machen. Ein Versuch diesen Unterschied fassbar zu machen, ist, zu sagen: „Im einen Fall weist der B auf den Würfel, im anderen Fall auf dessen Farbe“.

Akzeptiert man diese Beschreibung, dann lässt das auch verstehen, weshalb das Verhältnis der Helligkeiten im einen Fall „eine externe Relation und der Satz zeitlich, im zweiten eine interne Relation und der Satz zeitlos ist“. Der Würfel bleibt derselbe auch wenn sich seine Helligkeit ändert, was nichts anderes heißt, als dass ein und derselbe Würfel einmal heller, ein andermal dunkler sein kann als ein bestimmter Vergleichswürfel. Nicht denkbar ist hingegen, dass ein Farbton einmal heller, ein andermal dunkler ist als ein bestimmter andrer Farbton, denn der Farbton ist nicht mehr derselbe, wenn er eine andere Helligkeit besitzt. Was heißt es aber jetzt genau: „auf den Farbton zeigen“? Bevor dieser Frage nachgegangen werden kann, haben wir uns damit auseinander zu setzen, was wir einen „Farbton“ nennen. Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass „Farbton“ manches Mal (vielleicht auch etwas unsauber) bedeutungsgleich mit „Farbe“ verwendet wird, manches Mal als Abstufung oder nähere Bestimmung einer Farbe gilt und manches Mal eine von drei Dimensionen—Helligkeit, Sättigung und Farbton—benennt, mit denen sich eine Farbe bestimmen lässt. Dass Wittgenstein nicht an die Unterscheidung von Helligkeit, Sättigung und Farbton denkt, wenn er von Farbtönen spricht ist einsichtig, weil ein Farbton in diesem Sinn nicht heller oder dunkler sein kann. In der Vorfassung der zitierten Textstelle schreibt Wittgenstein vom „Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farben“ und ersetzt das Wort „Farben“ in der Überarbeitung durch „Farbtöne“; auch die Betonung wird weggelassen. Die Ersetzung zeigt, dass Wittgenstein ← 75 | 76 → „Farbton“ und „Farbe“ nicht als bedeutungsgleich empfindet, was nahe legt, dass „Farbton“ als nähere Bestimmung einer Farbe aufzufassen ist. Das Weglassen der Betonung wird man sich vielleicht dadurch erklären, dass Wittgenstein zunächst die Verschiedenheit einer Aussage über Körper von einer Aussage über Farben hervorheben wollte, diesen Unterschied aber während der Überarbeitung als hinreichend klar empfand.

Dass die Angelegenheit aber nicht gar so einfach ist, zeigt sich, wenn versucht wird, den Unterschied zwischen den Ausdrücken „auf den Farbton zeigen“ und „auf den Körper zeigen“, klarer herauszuarbeiten. Insbesondere die Aussage „Die Form der Sätze in beiden Sprachspielen ist die gleiche“ wirft dabei einige Ungereimtheiten auf. Im ersten Moment wird man erwarten, dass Wittgenstein mit den Worten „Form eines Satzes“ auf die logische Form eines Satzes Bezug nimmt, dass es also darum geht, über welche Art von Gegenständen im Satz etwas ausgesagt wird. Wäre das richtig, dann könnte es sich bei einem Körper und einem Farbton nicht um zwei verschiedene Arten von Gegenständen handeln, weil sonst auch die logische Form der entsprechenden Sätze eine verschiedene wäre. Wittgenstein gibt aber zu verstehen, dass es sich um zwei verschiedene Arten von Gegenständen handelt. Die beiden Sprachspiele, in denen es um die Beurteilung der Helligkeit geht, werden damit verglichen „das Verhältnis der Längen zweier Stäbe bestimmen—und das Verhältnis zweier Zahlen bestimmen“ und von der Länge eines Stabes und einer Zahl wird man gewiss sagen, sie gehören verschiedenen Arten von Gegenständen an. Entsprechend kann mit der „Form eines Satzes“ nur die syntaktische Form im Sinne der bloßen Zeichenabfolge gemeint sein. Allerdings lassen sich auch Bedenken an der Treffsicherheit des vorgeschlagenen Vergleichs äußern. Während nämlich klar ist, dass das Verhältnis der Längen zweier Stäbe und das Verhältnis zweier Zahlen zueinander auf unterschiedliche Weise bestimmt werden—im einen Fall legen wir vielleicht ein Metermaß an, im anderen Fall suchen wir nach dem größten gemeinsamen Teiler und dividieren beide Zahlen durch diesen—wird man im Fall der Helligkeit sowohl für Körper als auch für Farbtöne die Betrachtung als Maßstab heranziehen wollen. Wenn aber nicht zwei verschiedene Methoden zur Anwendung kommen, scheint man zum Schluss gezwungen, dass es sich nicht um zwei verschiedene Arten von Gegenständen handeln kann, über die hier etwas ausgesagt wird. Darauf kann man vielleicht sagen: „Die Betrachtung eines Körpers und die Betrachtung eines Farbtons sind eben von andrer Art; das eine gibt Auskunft über eine externe Eigenschaft, das andere über eine interne.“ Und das zu sagen ist sehr verlockend. Zugleich erweckt eine solche Antwort den Eindruck, man setze damit voraus, was zu zeigen wäre, dass es sich nämlich um zwei verschiedene Arten von Gegenständen handelt. Wir stehen also vor dem Problem, das ← 76 | 77 → weder vollkommen klar ist, ob es sich hier um zwei verschiedene Gegenstandsarten handelt, noch was der Hinweis darauf zeigen soll, dass es sich um Sätze derselben Form handelt. Handelt es sich um verschiedene Gegenstandsarten, dann ist der Hinweis auf die Gleichheit der Form bedeutungslos. Nimmt man hingegen an der Hinweis auf die Gleichheit der Form sei von Bedeutung, dann ist darin die Behauptung enthalten, es handle sich in beiden Fällen um dieselbe Art von Gegenständen, über die etwas ausgesagt wird.

Aus dem Umstand, dass Wittgenstein zwischen Aussagen über die Helligkeit von Körpern und Aussagen über die Helligkeit von Farbtönen unterscheidet, sollte entsprechend nicht gefolgert werden, dass dieser Unterschied einen unproblematischen Anfangspunkt darstellt. Vielmehr ist zu erwarten, dass Wittgenstein an einem Punkt ansetzt, der kritisch zu hinterfragen ist. Wirft man einen Blick auf die Textpassagen, die Band III der „Bemerkungen über die Farben“ einleiten, wird diese Vermutung auch bestärkt.

„Aber auch das reine Gelb ist heller als das reine, satte Rot, oder Blau. Und ist dies ein Satz der Erfahrung? – Ich weiß z.B. nicht, ob Rot (d.h. das reine) heller oder dunkler ist als Blau; ich müßte sie sehen, um es sagen zu können. Und doch, wenn ich es gesehen hätte, so wüßte ich’s nun ein für allemal, wie das Resultat einer Rechnung.“ (BF III, 4a; MS 173, ii-1r)

Wir werden hier zunächst mit einer Behauptung über die Helligkeit dreier Farbtönen konfrontiert: „Das reine Gelb ist heller als das reine, satte Rot, oder Blau“. Daran knüpft Wittgenstein sofort die Frage, wie sich entscheidet, ob dieser Satz unsere Zustimmung verdient. Ist es ein Satz, der durch die Erfahrung zu überprüfen ist oder handelt es sich um einen logischen Satz, also eine Begriffsbestimmung? Nach allem was zum Problem der Zusammensetzung einer Farbe aus anderen gesagt wurde, bietet sich an, dass wir einen Satz wie „Das reine Gelb ist heller als das reine Rot“ als Begriffsbestimmung auffassen. Nun schreibt Wittgenstein aber, er wisse nicht, ob das reine Rot heller oder dunkler sei als das reine Blau und er „müßte sie sehen, um es sagen zu können“. Zugleich gesteht er zu „wenn ich es gesehen hätte, so wüßte ich’s nun ein für allemal, wie das Resultat einer Rechnung“.

An anderer Stelle heißt es treffend: „Hier ist die Versuchung sehr groß, an eine Phänomenologie, ein Mittelding zwischen Wissenschaft und Logik, zu glauben.“ (BF II, 3c; MS 172, 21) Wie ist damit umzugehen? Wenn das Verhältnis der Helligkeit von reinem Rot und reinem Blau feststehen soll, „wie das Resultat einer Rechnung“, dann muss es eine Form der Betrachtung geben, die nur ein Resultat zulässt. Das ist aber doch seltsam. Wer entscheiden soll, ob ein bestimmter Körper heller ist als ein anderer und sagt „ich müßte sie sehen um es sagen zu können“, der kann sich sowohl den Fall denken, wo der eine Körper heller als ← 77 | 78 → das andere ist, aber auch den, wo der eine Körper dunkler ist als das andre. Und seine Überprüfung kann zu verschiedenen Zeiten auch ein verschiedenes Ergebnis liefern. Mit anderen Worten, wer meint „ich müßte sie sehen um es sagen zu können“ der kann offenbar den beiden Alternativen „Das reine Rot ist heller als das reine Blau“ und „Das reine Blau ist heller als das reine Rot“ Sinn abgewinnen. Aber zugleich soll gelten, dass ein für alle Mal und von vornherein nur eine dieser beiden Alternativen möglich ist, ganz so wie das Ergebnis einer Rechnung. Was heißt aber, nur eine der beiden Alternativen ist möglich? Wenn es sich um eine logische Möglichkeit handeln soll, und darauf deutet der Vergleich mit der Rechnung hin, dann muss eine der beiden Alternativen unsinnig sein.55 Aber ob ein bestimmter Satz sinnvoll ist oder nicht, kann nicht von meinen Erfahrungen abhängen, wie es auch nicht die Erfahrung ist, die mich lehrt, dass „2 + 2 = 4“.

Vielleicht lässt sich der Hinweis, man müsse die beiden Farben sehen um es sagen zu können, aber so verstehen: wer überhaupt weiß, was die Worte „reines Rot“ und „reines Blau“ bedeuten, der wird u.a. in der Lage sein aus einer Reihe von vorgelegten Würfeln, denjenigen auszuwählen, dessen Farbe ein reines Rot oder ein reines Blau ist. Aber weil für die meisten von uns gilt, dass wir uns ein reines Rot oder ein reines Blau nicht lebhaft genug vorstellen können, können wir nur dann ein Urteil über das Helligkeitsverhältnis dieser beiden Farben fällen, wenn wir zuvor zwei entsprechende Würfel ausgewählt haben und diese dann miteinander vergleichen. Weil gelten soll, dass ein bestimmter Farbton immer ein und dieselbe Helligkeit besitzt, ist es ausreichend den Versuch ein einziges Mal durchzuführen um die Angelegenheit ein für alle Mal zu entscheiden. Demnach wäre es aber nicht so, dass wir uns zwei verschiedene Situationen vorstellen können, in denen wir zu einem jeweils umgekehrten Urteil über das Helligkeitsverhältnis von reinem Rot und reinem Blau kämen. Die Zeichen „reines Rot“ und „reines Blau“, so hat es jetzt den Anschein, können nur vermittels einer bestimmten Methode als Bezeichnungen für Farbtöne verstanden werden. Weil wir das Ergebnis dieser Methode aber nicht schon vorab in hinreichender Genauigkeit vorstellen können, kann im Grunde keine der beiden Situationen, die zunächst gleichberechtigt nebeneinander zu stehen scheinen, vorgestellt werden. Das wird vielleicht den Eindruck erwecken, man verwende hier den Ausdruck „sich etwas vorstellen können“ psychologisch und nicht logisch. Die Angelegenheit ist aber damit vergleichbar, wo wir die beiden Sätze „289 · 51 = 14729“ und „289 · 51 ≠ 14729“ betrachten. Wir sind von vornherein überzeugt, dass einer dieser beiden Sätze wahr ist, aber die meisten von uns werden nicht auf den ersten Blick erkennen können, welcher ← 78 | 79 → davon. Wir müssen erst eine bestimmte Methode anwenden—die Multiplikation zweier natürlicher Zahlen—um das Resultat zu finden. Auch hier kann im Grunde weder eine Situation, die den Satz „289 · 51 = 14729“ als wahr zeigt, noch eine Situation, die den Satz „289 · 51 ≠ 14729“ als wahr zeigt, vorgestellt werden; es kann lediglich von einem bestimmten Verfahren Gebrauch gemacht werden.

Allerdings wird man fragen wollen, ob die Bestimmung der Reinheit einer Farbe der Multiplikation zweier natürlicher Zahlen hinreichend ähnlich ist, um die soeben gegebene Erläuterung darauf anwenden zu können. Denn während jeder von uns die Zahlworte einer Multiplikation gleich versteht, wenn er sie überhaupt versteht, ist es durchaus nicht so, dass wir alle darin übereinstimmen, welchen Farbton der Ausdruck „reines Grün“, z.B., bezeichnet. Werden verschiedenen Personen aufgefordert aus einer Reihe von farbigen Würfeln denjenigen auszuwählen, dessen Farbe ein reines Grün ist, dann zeigen sich von Person zu Person teils deutliche Unterschiede in den gefällten Urteilen. Diese Tatsache wirft auch Zweifel an der Wortwahl im Satz „Das reine Rot ist heller als das reine Blau“ auf. Der bestimmte Artikel wäre nur angebracht, wenn es genau einen Farbton gibt, auf den die Worte „reines Rot“ zutreffen. Das ist aber wenn überhaupt nur dann richtig, wenn jede Person für sich betrachtet wird. Vertritt man diese Position sollte aber erst recht nicht davon gesprochen werden, dass das reine Rot irgendwelche Eigenschaften hat, sondern davon, dass das reine Rot für diese und jene Person irgendwelche Eigenschaften hat.

3.2 Bestimmung eines Farbtons

Bevor wir weitergehen, sei kurz der Stand der Dinge zusammengefasst. Unsere Frage war, wie sich das Zeigen auf einen Farbton vom Zeigen auf einen Körper unterscheidet. Ausgelöst war diese Frage durch die Behauptung, dass es sich beim Verhältnis der Helligkeit zweier Farbtöne um eine interne Relation, beim Verhältnis der Helligkeit zweier Körper hingegen um eine externe Relation handelt. Im Zuge der Überprüfung dieser Behauptung wurde argumentiert, dass Sätze der Form „Das reine Rot ist heller als das reine Blau“ eine gewisse Ähnlichkeit mit Sätzen der Mathematik aufweisen, dass die Angemessenheit der Analogie aber erst entschieden werden kann, wenn zweifelsfrei fest steht, was die Ausdrücke „das reine Rot“ und „das reine Blau“ in diesem Satz bedeuten.

„Das Wort, dessen Bedeutung nicht klar ist, ist ‘rein’, oder ‘satt’. Wie lernen wir diese Bedeutung? Wie zeigt es sich, daß Menschen das gleiche damit meinen? Ich nenne eine Farbe (z.B. Rot) ‘satt’, wenn sie weder Schwarz noch Weiß enthält, weder schwärzlich, noch weißlich ist.

Aber diese Erklärung dient nur einer vorläufigen Verständigung.“ (BF III, 5; MS 173, 1r-1v)

← 79 | 80 → Der Satz „Ich nenne eine Farbe ‘satt’, wenn sie weder Schwarz noch Weiß enthält“ kann als Erläuterung einer Methode gelten einen satten Farbton zu finden, gerade so wie der Satz „Ich nenne eine blaue Farbe ‘rein’, wenn sie weder Rot noch Grün enthält“ als Erläuterung einer Methoden gelten kann ein reines Blau zu finden. Im Übrigen sprechen wir (mit Ausnahme von Weiß und Schwarz) nur dann von einer reinen Farbe, wenn diese auch satt ist. Der Ausdruck „das reine Blau“ kann in diesem Sinn als gleichbedeutend mit dem Ausdruck „das reine, satte Blau“ verstanden werden. Neben der gegebenen Erläuterung, von der Wittgenstein mitteilt, sie diene „nur einer vorläufigen Verständigung“, tauchen in der zitierten Textpassage zwei Fragen auf: „Wie lernen wir die Bedeutung des Wortes ‘rein’?“ und „Wie zeigt sich, daß Menschen das gleiche mit diesem Wort meinen?“

Wann immer Wittgenstein auf die Art und Weise Bezug nimmt, wie die Bedeutung eines Wortes erlernt wird, ist wichtig sich den Gebrauch, den wir von diesem Wort im Alltag machen, in Erinnerung zu rufen. Wie das Erlernen der Bedeutung im Konkreten abläuft, spielt dabei im Grunde eine untergeordnete Rolle, weil keine empirische These zum Spracherwerb aufgestellt werden soll. Wittgenstein fordert uns wenig später in Band III auch auf, einfache Beispiele für die Verwendung des Ausdrucks „satte Farben“ zu geben.

„Gib Beispiele von einfachen Sprachspielen mit dem Begriff der ‘satten Farben’!

Ich nehme an, gewisse chemische Verbindungen, z.B. die Salze einer bestimmten Säure, hätten satte Farben und könnten so erkannt werden.

Oder es ließe sich die Heimat gewisser Blumen nach der Sattheit ihrer Farben erraten. So daß man z.B. sagen könnte: ‘Das muß eine Alpenblume sein, weil ihre Farbe so intensiv ist.’

In so einem Fall könnte es aber helleres und dunkleres sattes Rot etc. geben.“ (BF III, 15-18; MS 173, 3r-3v)

Wenn angenommen wird, dass die beiden gebrachten Beispiele dazu dienen können, jemandem die Bedeutung des Wortes „satt“ oder „rein“ zu lehren, dann werden wir dessen Verständnis dieser Worte daran prüfen, ob er in der Lage ist, aus einer Reihe von Dingen, diejenigen auszuwählen, deren Farbe rein oder satt ist. Dass Menschen das gleiche mit diesen Worten meinen, zeigt sich dann daran, dass sie tatsächlich dieselben Gegenstände auswählen. Jetzt ist es aber wie gesagt so, dass verschiedene Personen auf die Aufforderung hin, ein reines Grün, z.B., zu zeigen, Gegenstände auswählen, deren Farbtöne voneinander abweichen.56

← 80 | 81 → Man neigt dazu zu denken, ein Ausdruck wie „das satte, reine Blau“ greife einen ganz bestimmten Farbton heraus. Dabei verwenden wir den Ausdruck im Alltag so gut wie nie derart scharf umgrenzt. Auf dieses Auseinanderfallen von Ideal und Praxis deutet Wittgenstein hin, wenn er schreibt, dass es in den beiden von ihm geschilderten Fällen „helleres und dunkleres sattes Rot etc. geben könnte“. Es ist eben nicht so, dass jede erkennbare Abweichung von einem bestimmten satten Farbton uns dazu veranlasst, nicht mehr von einer satten Farbe zu sprechen; und das gilt auf analoge Weise auch für die reinen Farben. Wenn verschiedene Personen also verschiedene Farbtöne als rein herausgreifen, dann spielt das deshalb keine wesentliche Rolle, weil in alltäglichen Situationen, in denen dieser Ausdruck verwendet wird, zumeist ohnedies noch ein anderes Kriterium verfügbar ist, das eine Verständigung möglich macht. In den beiden von Wittgenstein genannten Beispielen ist das leicht einzusehen, denn dort dient die Sattheit oder Reinheit einer Farbe z.B. der Auswahl bestimmter chemischer Verbindungen. Ob die richtige Auswahl getroffen wurde entscheidet sich da nicht daran, ob die jeweiligen chemischen Verbindungen demjenigen der sie auswählt alle vollkommen rein erscheinen, sondern einfach daran, ob die von uns gewünschten Substanzen gewählt wurden. Die Auffassung, man könne einen bestimmten Farbton in beliebiger Genauigkeit herausgreifen, hat ihren Ursprung in solchen Erläuterungen wie „Eine Farbe ist ‘satt’, wenn sie weder Schwarz noch Weiß enthält“. Im alltäglichen Gebrauch dienen derartige Erklärungen aber nur einer vorläufigen Verständigung, weil wir mit diesen Worten noch keine konkrete Anwendung des Ausdrucks „satte Farbe“ erhalten. Nur wenn man Erläuterung und tatsächlichen Gebrauch voneinander abtrennt, ist man versucht zu denken, man habe da eine vollständige Erklärung der Bedeutung des Wortes „satt“ vor sich.

Gegen die Idee „das satte, reine Rot“ stelle eine vollkommen exakte Bezeichnung dar, spricht aber auch noch etwas anderes, und zwar die Tatsache, dass ein nach dieser Idee gebildeter Begriff nur einen sehr eingeschränkten Nutzen haben könnte:

„Der Begriff der ‘satten’ Farbe sei von solcher Art, daß das satte X nicht einmal heller, einmal dunkler sein kann als das satte Y; d.h., daß es keinen Sinn hat, zu sagen, es sei einmal heller, ein andermal dunkler. Dies ist eine Begriffsbestimung und gehört wieder zur Logik.

← 81 | 82 → Ob ein so bestimmter Begriff nützlich sei oder nicht, ist hier nicht entschieden.

Es könnte dieser Begriff nur eine sehr beschränkte Verwendung haben. Und zwar darum, weil, was wir für gewöhnlich ein sattes X nennen, ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist. Vergleichbar dem ‘durchsichtigen’ X.“ (BF III, 13-14; MS 173, 2v-3r)

Wittgenstein spricht hier von einer Bestimmung des Begriffs der „satten“ Farbe, der gemäß es keinen Sinn macht von einer satten Farbe zu sagen, sie sei einmal heller, ein andermal dunkler.57 Daraufhin wird behauptet, ein so bestimmter Begriff könnte „nur eine sehr beschränkte Verwendung haben.“ Das wird damit begründet, dass dasjenige „was wir für gewöhnlich ein sattes X nennen, ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist“. Inwiefern ist dieser Hinweis aber ein Angriff auf die gegebene Festlegung?

In einem bestimmten Sinn soll gewiss für jeden x-beliebigen Farbton gelten, dass dieser nicht einmal heller, ein andermal dunkler sein kann. Ein Farbton ist ja u.a. durch eine spezifische Helligkeit ausgezeichnet. Ist der Hinweis Wittgensteins demnach als Kritik am Begriff des Farbtons zu verstehen? Ja und nein. Wittgensteins Interesse gilt der Frage, welche Funktion solche Aussagen wie „Eine Farbe ist ‘satt’, wenn sie weder Schwarz noch Weiß enthält“ inne haben und gibt zu bedenken, dass nicht ohne Weiteres klar ist, was mit solchen Aussagen eigentlich gesagt ist. Die beiden früher gegebenen Beispiele für die Verwendung von Ausdrücken der Form „das reine, satte X“ machen, wie gesagt, deutlich, dass nicht jede erkennbare Abweichung von einem satten Farbton uns dazu veranlasst, nicht mehr von einer satten Farbe zu sprechen. Was wir bei Farbtönen als gleich, was als verschieden behandeln, das hängt offenbar zu einem gewissen Grad von den Bedürfnissen der Sprecher ab. Dass dasjenige „was wir für gewöhnlich ein sattes X nennen, ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist“ ist dahingegen als Hinweis darauf zu werten, dass die farbige Wirkung, die ein Gegenstand in uns hervorruft, von diversen Faktoren abhängt, die es im Weiteren zu behandeln gilt: Zum einen haben wir uns mit der Auswirkung der Umgebung in einem engeren Sinne auseinanderzusetzen, und zwar insofern als der farbige Zusammenhang einer bestimmten Stelle, darauf Einfluss nimmt, wie diese erscheint. Zum anderen ist dem Einfluss von Licht und Schatten auf die Beurteilung der Gleichheit zweier Farben nachzugehen, ← 82 | 83 → was wir als Auswirkung der Umgebung auf einen Farbeindruck, verstanden in einem weiteren Sinn, auffassen können. Diese beiden Punkte werden in den folgenden Abschnitten nach und nach in größerem Detail ausgearbeitet werden. Im Zentrum unserer Aufmerksamkeit werden dabei weiterhin die Begriffe des Farbtons und der Farbgleichheit bleiben.

3.2.1 Herstellung eines Musters

Als Vorbereitung für die weitere Untersuchung sei Folgendes erwogen: Die Bedenken, die sich an den Umstand anknüpfen, dass verschiedene Personen auf die Aufforderung einen satten, reinen Farbton zu zeigen, jeweils verschiedene Farbtöne auswählen, kann einen dazu veranlassen, unsere gewöhnliche Verwendung von Ausdrücken der Form „sattes, reines X“ als unbefriedigend oder mangelhaft zu erachten. Zwar wird niemand bestreiten, dass der alltägliche Gebrauch der Worte „satt“ und „rein“ für die meisten praktischen Belange ausreichend exakt ist, aber jemand könnte eben finden, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema erfordere, dass man die Unzulänglichkeiten des alltäglichen Gebrauchs ausmerzt, etwa indem ein Muster angefertigt wird, welches fortan die Bedeutung von Ausdrücken der Form „sattes, reines X“ exakt festlegt. Das Muster hätte dann die Rolle eines Maßstabes, mit dem im Zweifelsfall entschieden werden kann, ob ein bestimmter Farbton tatsächlich rein ist und nicht nur aufgrund praktischer Überlegungen im Alltag rein genannt wird. Die Umsetzung dieses Vorschlags erfordert allerdings die erfolgreiche Überwindung mehrerer Schwierigkeiten.

Zunächst ist klar, dass ein Farbmuster, wie jeder physische Gegenstand, gewissen natürlichen Abnutzungserscheinungen unterliegt. Die Farbe kann verblassen oder vergilben und man wird darum das Muster in regelmäßigen Abständen gegen ein neues ersetzen müssen, weil es seinen Zweck als Vergleichsobjekt nicht mehr zu erfüllen vermag. Das ist gewiss kein Problem, wenn ein Verfahren festgelegt wurde, mit dem das Muster herzustellen ist, denn ein solches Verfahren kann im Prinzip beliebig oft wiederholt werden. Jetzt ist aber gar nicht ohne Weiteres klar, dass ein solches Verfahren wirklich gefunden werden kann. Runge etwa meldet diesbezüglich Bedenken an, und zwar in genau jener Bemerkung, die auch im zweiten Kapitel zitiert wurde. Hier nochmals die relevante Textstelle:

← 83 | 84 → „Da nun vielleicht kein vorhandenes Farbenmateriale in der gesetzten völligen Abwesenheit von aller Beymischung da ist; wenigstens aber es der Theorie zukommt, wenn wir in den vorhandenen Farben noch eine Mischung und Mehrheit erkennen, von solcher zu abstrahiren, und jedes reine Element als eine absolute Einheit anzunehmen, so beweisen diese so gesetzten ganz mischungsfreyen Farbenpuncte eine Analogie mit dem dimensionslosen mathematischen Puncte.“ (Runge 1810: 4)

„Da nun vielleicht kein vorhandenes Farbenmateriale in der gesetzten völligen Abwesenheit von aller Beymischung da ist“ stellt die Möglichkeit vor, dass kein Material mit den gewünschten farblichen Eigenschaften existiert. Das alleine zeigt natürlich nicht, dass ein solches nicht hergestellt werden könnte, aber Runge geht daran anschließend dazu über die reinen Farbelemente mit abstrakten, mathematischen Punkten zu vergleichen, was nahe legt, dass das von uns gewünschte Farbmuster seiner Ansicht nach nur theoretisch konstruiert, jedoch nie verwirklicht werden kann. Interessanterweise gibt es hierzu auch eine verwandte Bemerkung von Georg Christoph Lichtenberg:

„Wir sehen selbst im Sonnenlicht nie einen weißen Körper, und noch weniger im Schatten oder bey bedecktem Himmel. Allein ob wir gleich kein reines Weiß bemerken können, so wissen wir doch gar wohl, was wir unter Weiß verstehen.“ (Lichtenberg 1806: 264f.)

Sowohl Runge als auch Lichtenberg vertreten allem Anschein nach die Ansicht, dass das, was man „reine Farben“ nennt, nicht beobachtet werden kann.58 Die Behauptung ist demnach, dass uns in der Wahrnehmung nur unreine Farben gegeben sind. Das mag man jetzt als eine unzulässige Vereinfachung und Angleichung der Positionen von Runge und Lichtenberg kritisieren; diese durchaus gerechtfertigte Kritik braucht uns im Moment aber nicht weiter zu bekümmern. Die skizzierte Auffassung ist nicht darum von Interesse, weil sie eine detailgenaue Rekonstruktion zweier vertretener Positionen darstellt, sondern weil es sich um eine verführerische Sichtweise handelt, die sich u.a. dadurch motivieren lässt, dass wir bei einem Ausdruck der Form „das reine, satte X“ an einen vollkommen exakt bestimmten Farbton, etwa nach dem Vorbild eines Punktes in einem geometrischen Modell denken.

Wieso aber sollte man zur Behauptung neigen, dass sich nicht trotzdem ein entsprechendes, einfarbiges Muster anfertigen lässt? Angenommen wir haben ein Farbmuster gegeben. Dann ist zu bemerken, dass dieses Muster je nach Umgebung, sehr verschieden auf uns wirkt. Das Muster kann in einem hellen oder dunklen Raum betrachtet werden und wird entsprechend heller oder dunkler ← 84 | 85 → erscheinen. Wir können uns vorstellen, dass das Licht einer Lampe das Muster an verschiedenen Stellen verschieden gut beleuchtet und dass es zum Teil im Licht, zum Teil im Schatten liegt. Auch wird uns das Muster verschieden erscheinen, je nachdem, ob wir es beispielsweise vor einem weißen oder schwarzen Hintergrund betrachten. All diese Beobachtungen können dazu veranlassen, zu bezweifeln, dass die Bedeutung von Ausdrücken der Form „sattes, reines X“ durch die Verwendung eines Musters exakt festgelegt werden kann.

Das gibt eine erste Idee davon, wie die Bemerkung Wittgensteins zu verstehen ist, dass dasjenige, „was wir für gewöhnlich ein sattes X nennen, ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist.“ Man wird also zugeben, dass der Begriff eines Farbtons, welcher dadurch bestimmt ist, dass ein Farbton nicht einmal heller, ein andermal dunkler sein kann, nur eine sehr beschränkte Verwendung haben wird. Aber das heißt natürlich nicht, dass ein solcher Begriff nicht dennoch geeignet sein kann, bestimmte wesentliche Merkmale dessen, was wir „Farben“ nennen, herauszuarbeiten. Man denkt auch nicht ein Mikroskop sei unnütz, nur weil es im Alltag selten gebraucht wird. Allerdings gilt es erst den Nutzen des so bestimmten Begriffs zu klären, der allem Anschein nach solchen Sätzen wie „Das satte, reine Gelb, ist heller als das satte, reine Rot“ zugrunde liegt. Wir sind entsprechend angehalten den Gebrauch dieser Sätze zu untersuchen; und das heißt vor allem auch die Frage zu stellen: „Welchen Zweck erfüllen diese Sätze?“ Betrachten wir dazu den zweiten Paragraphen aus Band I der „Bemerkungen über die Farben“.

3.2.2 Konstruktion eines Ideals

„In einem Bild, in welchem ein Stück weißes Papier seine Helligkeit vom blauen Himmel kriegt, ist dieser heller als das weiße Papier. Und doch ist, in einem andern Sinne, Blau die dunklere, Weiß die hellere Farbe (Goethe). Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe.“ (BF I, 2; MS 176, 1r-1v)

Wittgenstein unterscheidet hier zwei Sinne in denen der Ausdruck „X ist heller als Y“ verwendet werden kann. Stimmt diese Unterscheidung mit jener zwischen zeitlosem und zeitlichem Gebrauch eines Satzes überein, die im ersten Paragraphen gezogen wurde? Nicht ganz, scheint mir. Vielmehr kommt eine weitere Unterscheidung hinzu. Wir erinnern uns, dass das Helligkeitsverhältnis zweier Körper eine externe Relation darstellt; und das lässt sich etwa dadurch ausdrücken, dass man sagt: „Die Farbe eines Körpers gehört nicht zu seinen wesentlichen Eigenschaften. Der Körper bleibt derselbe, auch wenn sich seine Farbe ändert.“ Der Sinn aber in dem ein Stück weißes Papier dunkler ist als der blaue Himmel, von dem es seine Helligkeit hat, hat nichts mit der Unterscheidung zwischen ← 85 | 86 → wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften zu tun, sondern damit, wie das Stück Papier in einem Gemälde zu malen ist, nämlich nicht mit weißer Farbe, sondern mit einem zarten graublau oder graugelb, z.B.; und nur aus der Umgebung heraus wird es von uns als weißes Papier erkannt. Die beiden Sinne, die im zitierten Absatz unterschieden werden, haben m.a.W. damit zu tun, dass ein Körper, in seiner Umgebung betrachtet, anders erscheinen kann, als wenn er sozusagen für sich genommen wird. Das kann man auch so ausdrücken, dass man sagt: „Auf der Palette ist das Weiß ← 86 | 87 → die hellste Farbe“, sofern man „die Farben auf der Palette“ als „Farben für sich und unabhängig von ihrer Umgebung“ auffasst.

Allerdings muss hier noch eine Mehrdeutigkeit beseitigt werden. Man versteht manches Mal unter einer Farbpalette die Unterlage auf der ein Maler seine Farben aufträgt und mischt, manches Mal die Gesamtheit der Farben, die etwa in einem bestimmten Stil zulässig sind. Wir werden uns auf die erstere Verwendung beschränken. Zwar ist richtig, dass weiße Farbe im Schatten weniger hell erscheint, als wenn sie vom Sonnenlicht angestrahlt wird und man kann also sagen: „Wer ein Bild von einer im Schatten liegenden Farbpalette anfertigen möchte, der darf auch die weiße Farbe auf der gemalten Palette nicht mit weißer Farbe malen“, aber das ändert nichts daran, dass das Weiß der Palette dennoch die hellste Farbe ist, andernfalls die Aufforderung etwas Weißes nicht mit weißer Farbe zu malen gar keinen rechten Sinn machen würde.59 Die Aussage „Weiß ist die hellste Farbe“ verleitet jedoch auch zur Ansicht, dass wir ein vollkommenes Weiß niemals zu Gesicht bekommen, eben weil wir ein solches nie in vollendeter Reinheit und unter perfekten Bedingungen antreffen werden. Wittgenstein reagiert auf diese verführerische Idee wiederum mit einem Verweis auf den tatsächlichen Gebrauch von „sym1.jpg ist weiß“.

„Lichtenberg sagt, nur wenige Menschen hätten je reines Weiß gesehen. So verwenden also die meisten das Wort falsch? Und wie hat er den richtigen Gebrauch gelernt? – Er hat nach dem gewöhnlichen Gebrauch einen idealen konstruiert. Und das heißt nicht, einen bessern, sondern einen in gewisser Richtung verfeinerten, worin etwas auf die Spitze getrieben wird.

Und freilich kann ein so konstruierter uns wieder über den tatsächlichen Gebrauch belehren.

Wenn ich von einem Papier sage, es sei rein weiß, und es würde Schnee neben das Papier gehalten und dieses sähe nun grau aus, so würde ich es in seiner normalen Umgebung doch mit Recht weiß, nicht hellgrau, nennen. Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen verfeinerten Begriff von Weiß verwendete (wie z.B. auch einen verfeinerten Begriff der genauen Zeitbestimmung).“ (BF I, 3-5; MS 176, 1v-2r)

Betrachten wir zunächst das gegebene Beispiel: Wir werden daran erinnert, dass man ein Papier in seiner normalen Umgebung mit Recht weiß, nicht hellgrau, nennt, auch wenn es verglichen mit weißem Schnee hellgrau erscheint. Jetzt wird man vielleicht zugeben, dass das stimmt und dennoch den Eindruck haben, die Behauptung „Dieses Papier ist weiß“ sei im Grunde genommen falsch. Denn zu sagen, jemand sei gerechtfertigt eine Aussage zu machen, heißt nicht, dass die Aussage auch wirklich wahr ist. Jemand kann einfach deshalb gerechtfertigt sein, eine bestimmte Aussage zu machen, weil es zweckmäßig ist, aber die Zweckmäßigkeit einer Aussage verbürgt nicht ihre Wahrheit.60 Die Frage wird also sein, ob die von Wittgenstein als „idealisierter Gebrauch“ bezeichnete Verwendung der Worte „sym1.jpg ist weiß“ von unserem gewöhnlichen Verständnis dieser Worte abweicht oder nicht. Denn wenn keine solche Abweichung gezeigt werden kann, dann tut der Hinweis, dass wir ein Stück Papier „in seiner normalen Umgebung mit Recht weiß, nicht hellgrau, nennen“ nichts zur Sache. Eine solche Aussage wäre dann streng genommen trotzdem falsch.

← 87 | 88 → Das Problem ist hier im Grunde nach wie vor, wie einzelne Farbtöne bestimmt sind und bestimmt werden können und unsere Überlegungen dienen dabei der Erläuterung der früheren Anmerkung, dass dasjenige, „was wir für gewöhnlich ein sattes X nennen, ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist“. Wittgenstein schreibt: „Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen verfeinerten Begriff von Weiß verwendete (wie z.B. auch einen verfeinerten Begriff der genauen Zeitbestimmung).“ Vergleichen wir also die Aussage „Dieses Stück Papier ist weiß“ mit dem Satz „Die Vorstellung beginnt in 5 Minuten“. Wenn man jetzt versucht ist, zu sagen, auch dieser zweite Satz ist streng genommen, wenn überhaupt, dann nur in den seltensten Fällen wahr, dann ist fraglich, ob nicht mit der erhöhten Anforderung an Exaktheit auch eine Veränderung dessen, was dieser Satz besagt, einhergeht. Denn natürlich wird man zugeben, dass es in einem bestimmten Sinne falsch war zu behaupten „Die Vorstellung beginnt in 5 Minuten“, wenn inzwischen eine Sekunde vergangen ist und die Vorstellung also bereits in 4 Minuten und 59 Sekunden beginnt. Zugleich war die Behauptung aber eben nicht „Die Vorstellung beginnt in exakt 5 Minuten und keine Sekunde früher oder später“. Die Wahrheitsbedingung eines Satzes wie „Die Vorstellung beginnt in 5 Minuten“ ist, dass die Vorstellung in 5 Minuten beginnt, d.h. die Wahrheitsbedingungen sind durch den Satz gegeben und nicht mehr oder weniger exakt als dieser. Selbiges gilt für den Satz „Dieses Stück Papier ist weiß“.

Jetzt ist es allerdings so, dass die Art und Weise, in der Lichtenberg von reinem Weiß spricht, nicht vollständig dadurch erläutert werden kann, dass von einem verfeinerten Begriff des Weiß gesprochen wird. Denn die Behauptung, dass „wir kein reines Weiß bemerken können“, deutet auf eine Zuspitzung des Begriffs hin, die auch durch beliebig große Genauigkeit nicht eingeholt werden kann. Mit welchem Recht nennt man das derart beschriebene reine Weiß aber überhaupt noch eine Farbe? Dieselbe Frage drängt sich auch auf, wenn man die Farben, wie Runge dies vorschlägt, in Analogie zum „dimensionslosen mathematischen Puncte“ begreift. Der mathematische Punkt ist einzig und allein durch seinen Ort relativ zu anderen Punkten bestimmt. Werden die Farben nach diesem Modell als abstrakte Objekte vorgestellt, die durch ihre Relation zueinander vollständig bestimmt sind, dann ist offen, wie der so konstruierte Farbraum mit den Farben der täglichen Erfahrung in Beziehung steht.61

← 88 | 89 → 3.2.3 Bestimmung eines Begriffs

Der dadurch vorgenommenen Beschränkung unserer Untersuchung auf die Beziehungen der Farben zueinander lässt sich nur Sinn geben, wenn angenommen wird, dass es sich dabei um Erläuterungen unserer Farbbegriffe handelt. Das kann am einfachsten dadurch verdeutlicht werden, dass man sich vor Augen führt, dass auch die Aussagen der Geometrie, Aussagen über Begriffe darstellen. Und gegeben dieses Verständnis lässt sich geltend machen, dass „die so konstruierten Begriffe uns wieder über den tatsächlichen Gebrauch belehren können“, eben weil jeder der konstruierten Begriffe letztlich auf dem tatsächlichen Gebrauch unserer Farbworte ruht. Was wir in der Geometrie einen Punkt oder eine Gerade nennen, hat seine Grundlage im alltäglichen Gebrauch der Worte „Punkt“ und „Gerade“, und dass sich durch zwei voneinander verschiedene Punkte genau eine Gerade ziehen lässt, erläutert unser alltägliches Verständnis dieser Ausdrücke, obgleich wir im Alltag nie einen Punkt oder eine Gerade im Sinne der Geometrie bemerken können. Wenn wir davon sprechen, dass zwei Punkte in der Landschaft durch eine Gerade verbunden sind, dann stören wir uns nicht daran, dass jeder Punkt in der Landschaft eine Ausdehnung hat und in einem strengen Sinn mehrere Gerade zwischen zwei solchen Punkten gezogen werden können. Wir meinen etwas ganz Bestimmtes, wenn wir sagen, dass zwei Punkte in der Landschaft durch eine Gerade verbunden sind und was wir meinen, das lässt sich durch die in der Geometrie vorgenommene Idealisierung verdeutlichen. Aber diese Idealisierung sollte einen nicht zum Schluss führen, dass wir nie einen Punkt oder eine Gerade bemerken können, denn was wir im Alltag einen Punkt und eine Gerade nennen, das sind Dinge, auf die wir auch hinzeigen können, um sie bemerkbar zu machen. Es ist entsprechend auch ein Missverständnis zu denken, dass „wir kein reines Weiß bemerken können“, und dieses Missverständnis hat seine Wurzel in der Idee, dass der tatsächliche Gebrauch auf dem konstruierten Begriff ruhen müsse, anstatt umgekehrt.

Unsere Frage war, worüber Sätze wie „Das satte, reine Gelb ist heller als das satte, reine Rot“ oder „Das Weiß ist die hellste Farbe“ eigentlich Auskunft geben. Die Antwort, die sich jetzt anbietet, ist, dass derartige Sätze bestimmte Aspekte unseres gewöhnlichen Gebrauchs der Farbworte explizit machen. Dabei ist der ← 89 | 90 → Versuchung zu widerstehen, anzunehmen, es würde in diesen Sätzen etwas über Farben ausgesagt. Wenn also in den erwähnten Sätzen z.B. vom satten, reinen Gelb die Rede ist, dann ist im Grunde nicht von einer Farbe oder einem bestimmten Farbton die Rede, sondern von unserem Gebrauch der Worte „sattes, reines Gelb“—wie man auch manches Mal mit einer zeigenden Geste sagt „Das ist rot“ und damit meint „Das wird ‘rot’ genannt“. Der Satz „Das satte, reine Gelb ist heller als das satte, reine Rot“ kann dann so aufgefasst werden, dass es keinen Sinn macht von einem Körper, dessen Farbe ein sattes, reines Gelb ist, zu sagen er sei dunkler als ein andrer Körper, dessen Farbe ein sattes, reines Rot ist. „Wer das nicht fände, hätte nicht die entgegengesetzte Erfahrung; sondern wir würden ihn nicht verstehen.“ (BF II, 10; MS 172, 22) Ganz so, wie wir auch den nicht recht verstehen würden, der fände, er könne mehr als eine Gerade durch zwei Punkte ziehen. Und auf diese Weise kann auch der Satz „Das Weiß ist die hellste Farbe“ verstanden werden: Es macht keinen Sinn von einem weißen Körper zu sagen, er sei dunkler als ein andrer Körper, der nicht weiß ist. Allerdings wird man finden, dass diese Erläuterungen, wenn es sich dabei in der Tat nur um pointierte Beschreibungen des Gebrauchs bestimmter sprachlicher Ausdrücke handelt, auch verständlich sein müssen, wenn man diese verneint. Denn der Gebrauch der Worte ist gewiss auch anders vorstellbar und es ist nicht gesagt, dass der uns gewohnte Gebrauch der Farbworte auch der Erfahrung jedes einzelnen entspricht. Man kann m.a.W. den Verdacht hegen, dass der ein oder andere das satte, reine Rot als heller empfindet als das satte, reine Gelb, oder auch dass jemand das Weiß als dunkler erlebt als ein sattes, reines Gelb. Es genügt aber nicht, diese Dinge einfach als möglich hinzustellen, sondern wir haben an diesem Punkt zu überprüfen, inwieweit wir uns das, was hier als möglich behauptet wird, wirklich vorstellen können.

Angenommen also wir fassen einen Satz wie „Das Weiß ist die hellste Farbe“ so auf, dass auch die Verneinung dieses Satzes verständlich sein soll. Stellen wir uns also jemanden vor, der ankündigt, er sei in der Lage eine Abfolge von Farben anzufertigen, auf der das Weiß nicht die hellste Farbe ist. Was werden wir erwarten, dass sich ihm in den Weg stellt? Nun, es ist eigentlich gar nicht klar, was für ein Vorhaben hier beschrieben wird. Die Situation ist in dieser Hinsicht derjenigen ähnlich, in der jemand ankündigt 2 und 2 zu addieren, ohne dabei als Ergebnis 4 zu erhalten. Was soll man sich da vorstellen? Vielleicht das Folgende: Angenommen eine Person A hat sich auf einem sonst leeren Zettel eine Reihe einfacher Rechenbeispiele vorbereitet, um zu sehen, wie schnell er diese lösen kann. Eines dieser Rechenbeispiele lautet „2 + 2 = sym1.jpg“ und in der Eile notiert er beim Ausfüllen neben dem Gleichheitszeichen hier eine 5. Als er dann die hingeschriebenen Ergebnisse kontrolliert, ruft er bei eben dieser Rechnung aus: Wie ← 90 | 91 → kann denn so etwas passieren? 2 und 2 ist doch 4!“. Unter den so beschriebenen Umständen hat die Aussage „2 + 2 = 4“ den Charakter einer Berichtigung, d.h. obwohl dem A etwas nicht gelungen ist, versichert er, dass es ihm für gewöhnlich keine Schwierigkeiten bereitet. Verleihen diese Umstände nun der Aussage „Ich kann 2 und 2 addieren, ohne dabei 4 als Ergebnis zu erhalten“ einen konkreten Sinn? Nun ja, wenn damit bloß gesagt sein soll „Es ist möglich, dass mir in der Eile ein Fehler unterläuft“, so ist daran nichts Verkehrtes. Übertragen wir diese Überlegungen nun auf den Satz „Das Weiß ist die hellste Farbe“: Auf einem Blatt Papier seien durch Markierungen verschiedene Flächen voneinander abgetrennt und in jeder dieser Flächen sei eine Zahl eingetragen. Eine Person, wir nennen sie erneut A, erhält von einer zweiten Person B die Anweisung, jeder Zahl genau eine Farbe zuzuordnen, sodass die Ordnung der Zahlen einer Ordnung der Helligkeit der Farben entspricht. Nehmen wir an, A beginnt damit die Fläche, die eine 1 eingetragen hat, mit Weiß auszumalen, diejenige mit einer 2, mit hellem Grau, diejenigen mit einer 3, mit einem dunkleren Grau, usw., bis zur höchsten Zahl, die er mit Schwarz ausmalt. Nachdem der A fast fertig ist, stellt er fest, dass er zu Beginn eine Fläche übersehen hat, in der die Ziffer 0 steht. Das Gefühl, das diese Entdeckung begleitet, wird in vielerlei Hinsicht demjenigen ähneln, wenn A im zuvor konstruierten Beispiel seinen Rechenfehler entdeckt. Und auch hier könnte man nun sagen: „Wenn alles was Du meintest, als Du sagtest ‘Ich kann eine Farbordnung herstellen, in der das Weiß nicht die hellste Farbe ist’, dass Du Dich in diesem Sinne täuschen kannst, so ist daran nichts Erstaunliches mehr.“ Wir sehen also, dass es Umstände gibt, unter denen die Negation des Satzes „Das Weiß ist die hellste Farbe“ einen bestimmten und ganz harmlosen Sinn hat. Wir meinen dann etwa, dass wir einen Fehler gemacht haben—in der Regel wissen wir, was zu tun ist. Und mit der Aussage „Das Weiß ist die hellste Farbe“ bringen wir zum Ausdruck, dass wir mit den entsprechenden Regeln des Gebrauchs der Worte „Weiß“ und „die hellste Farbe“ vertraut sind.

Wie aber, wenn jemand behauptet, dass sich die Aussage „Das Weiß ist die hellste Farbe“ nicht nur im Sinn eines flüchtigen Fehlers, sondern in einem allgemeinen Sinn als falsch herausstellen könnte. Die Behauptung wäre also in etwa die, dass der Fehler nicht dadurch erklärt werden kann, dass eine Regel falsch angewendet wurde, sondern dadurch erklärt werden muss, dass der Inhalt des Satzes nicht den Fakten entspricht. Dieser Gedanke lässt sich auf zwei verschiedene Arten motivieren: Man kann versucht sein eine Aussage wie „Das Weiß ist die hellste Farbe“ als eine faktische Feststellung über eine Eigenschaft der Farbe Weiß aufzufassen, die sich als wahr oder falsch herausstellen kann. Aber wenn einer Farbe überhaupt Eigenschaften zugeschrieben werden können, dann nur in dem Sinn, dass es sich um notwendige Eigenschaften handelt, insofern ← 91 | 92 → als „diese Farbe mit anderen Eigenschaften vorstellen“ nur bedeuten kann „eine andere Farbe vorstellen“. Das heißt nun nichts anderes, als dass jemand, der z.B. sagt „Das Weiß ist nicht die hellste Farbe“ den deutschen Ausdruck „Weiß“ falsch verwendet, weil er offenbar über etwas anderes redet, als wenn wir den Ausdruck „Weiß“ verwenden. Die andere Möglichkeit den Vorschlag zu motivieren besteht darin, dass man behauptet, die private Empfindung der Farben,—dasjenige, was in der zeitgenössischen Debatte manches Mal als Qualia bezeichnet wird—könne bei verschiedenen Personen auch stark voneinander abweichen, weshalb auch jemand vorgestellt werden könne, der z.B. weiße Farbe (im Allgemeinen) als dunkler empfindet als gelbe Farbe. Aber, damit dieses Auseinanderfallen zwischen der privaten Empfindung von Weiß und dem gewohnten Gebrauch des deutschen Wortes „Weiß“, fassbar gemacht werden kann, muss eine Möglichkeit gefunden werden, die behauptete Abweichung der privaten Empfindung auch beschreibbar zu machen, d.h. es muss ein Wort für das private Empfinden von etwas Weißem eingeführt werden. Dass ein derartiges Unterfangen wenig erfolgversprechend ist, lassen Wittgensteins Überlegungen zur Möglichkeit, eine Sprache vorzustellen, deren Worte bestimmte Empfindungen bezeichnen, die einem nur selbst zugänglich sind, erahnen.62

Soweit sollte plausibel geworden sein, dass Sätze wie „Das satte, reine Gelb ist heller als das satte, reine Rot“ oder „Das Weiß ist die hellste Farbe“ Erläuterungen zur Verwendung bestimmter Worte darstellen. Unsere Frage, was es ist, das in diesen Sätzen mit den Worten „das satte, reine X“ bezeichnet wird, ist entsprechend so zu beantworten, dass hier nicht über Farben oder Farbtöne sondern über Farbworte gesprochen wird. Vielleicht sollte man sogar sagen, dass es sich hier nicht um Erläuterungen, sondern um Erinnerungen handelt, weil der Gebrauch eines Wortes mit Sätzen dieser Art niemandem erklärt werden kann. Den Satz wird im Grunde nur verstehen, wer den Gebrauch der Worte bereits kennt. Diese Sätze haben entsprechend auch nur selten eine sinnvolle Anwendung und fungieren dann, wie auch in den oben gegebenen Beispielen, nicht als Erläuterungen sondern als Berichtigungen. Die so skizzierte Auffassung dazu, ← 92 | 93 → welche Rolle solche Sätze, wie die beiden genannten, spielen, erlaubt zwar, dass wir uns einen Reim auf die Unterscheidung zwischen internen und externen Relationen und dem zeitlosen und zeitlichen Gebrauch eines Satzes machen, aber eine Sache bleibt weiterhin ungereimt. Man erinnere sich an die folgende Textstelle:

„Aber auch das reine Gelb ist heller als das reine, satte Rot, oder Blau. Und ist dies ein Satz der Erfahrung? – Ich weiß z.B. nicht, ob Rot (d.h. das reine) heller oder dunkler ist als Blau; ich müßte sie sehen, um es sagen zu können. Und doch, wenn ich es gesehen hätte, so wüßte ich’s nun ein für allemal, wie das Resultat einer Rechnung.“ (BF III, 4a; MS 173, ii-1r)

Wenn diese Sätze tatsächlich über den Gebrauch bestimmter Worte informieren, dann ist alles, was man sich anschauen kann, die gewöhnliche Verwendung unserer Farbworte. Aber in diesem Zusammenhang zu sagen „ich müßte sie sehen, um es sagen zu können“ macht keinen rechten Sinn. Man zwingt dem Text hier eine bestimmte Deutung auf, die sich nur schwer mit dem tatsächlichen Wortlaut vereinbaren lässt.

Bevor der Versuch unternommen wird, hierauf zu reagieren, sei nochmals der bisherige Gedankenverlauf nachgezeichnet. Zunächst wurde eine Analogie der genannten Farbsätze zu mathematischen Sätzen behauptet und verteidigt. Dabei war offen geblieben, was ein Ausdruck der Form „das satte, reine X“ bezeichnet. Im ersten Moment hatte sich die Vermutung nahegelegt, dass damit ein Farbton benannt werde, der vollkommen exakt bestimmt ist. Die Betrachtung zweier einfacher Gebrauchsweisen dieses Ausdrucks hat aber gezeigt, dass dies nicht der Fall ist, weil das, was wir einen satten oder reinen Farbton nennen im Alltag stets „ein Farbeindruck innerhalb einer bestimmten Umgebung ist“. Weil aber der alltägliche Gebrauch keine Auskunft darüber geben konnte, ob und welchen Zweck jetzt Aussagen wie „Das satte, reine Gelb ist heller als das satte, reine Rot“, z.B., erfüllen, wurde der Vorschlag gemacht, es handle sich hier um begriffliche Erläuterungen oder Erinnerungen an einen bestimmten Gebrauch der darin vorkommenden Worte. Daraus hat sich allerdings neuerlich eine Schwierigkeit ergeben. Der Vorschlag liefert zwar eine Auflösung des Problems, dass ein vollkommen reiner Farbton der sinnlichen Erfahrung enthoben ist, indem man zugesteht, dass hier in der Tat eine Aussage über etwas gemacht wird, das der Beobachtung nicht zugänglich ist, nämlich über bestimmte Worte und ihren Gebrauch, aber eben dieses Zugeständnis, dass die Beobachtung in diesen Fragen keine Auskunft geben kann, widerspricht der intuitiv plausiblen Annahme, dass es zuletzt doch die Betrachtung zweier verschiedener reiner Farbtöne sein müsse, die eine Entscheidung darüber möglich macht, welcher der beiden Farbtöne heller und welcher dunkler ist.

← 93 | 94 → Wenn wir jetzt annehmen, dass die fraglichen Sätze ihre Grundlage in der alltäglichen Verwendung der Farbworte haben, dann ist es zwar nicht die Beobachtung, die diese Sätze rechtfertigt, aber weil wir Aussagen über Farben im Alltag durch die Beobachtung rechtfertigen, sind auch diese Sätze, zumindest mittelbar, in der Betrachtung verankert. Die Behauptung man müsse ein sattes, reines Rot und ein sattes, reines Blau erst sehen, um sagen zu können, welches davon heller ist, ist demnach so zu verstehen, dass wir uns an dasjenige Kriterium zu wenden haben, welches im alltäglichen Gebrauch dieser Worte Anwendung findet. Die Frage, ob das satte, reine Rot heller ist, als das satte, reine Blau oder nicht, ist nicht als Frage nach dem Bestehen oder Nicht-Bestehen irgendwelcher Sachverhalte zu verstehen. Wir mögen auf empirischem Wege feststellen, dass wir im alltäglichen Gebrauch der Worte „das satte, reine Rot“ und „das satte, reine Blau“ stets zum Urteil gelangen, das satte, reine Rot sei heller als das satte, reine Blau, und das wäre ein interessantes Ergebnis, aber der Satz „Das satte, reine Rot ist heller als das satte, reine Blau“ wird darum nicht zu einer Beschreibung irgendwelcher Tatsachen (auch nicht, wenn man den Sprachgebrauch als Tatsache auffasst). Der Satz hat seinen Platz in einer Anleitung zum korrekten Gebrauch der darin vorkommenden Worte und ist darum normativ, nicht deskriptiv und eine solche Anleitung wird manches Mal und für gewisse Zwecke nützlich sein, für andere nicht.

Das kann man als Schlusspunkt etwas unbefriedigend finden, weil es den Eindruck erweckt, man verschanze sich hinter vagen Andeutungen zum Sprachgebrauch. Zwar lässt sich behaupten, dass diese Unzufriedenheit aus unerfüllbaren Erwartungen herrührt, aber es sei dennoch der Versuch unternommen, dieses Gefühl dadurch zu mindern, dass wir uns nochmals von einer anderen Seite her der Frage nach der Bestimmung eines Farbtons annähern.

3.3 Gleichheit zweier Farben

Der Stand der Dinge ist jetzt der folgende: Wir haben damit begonnen uns mit der Helligkeit zweier Farbtöne auseinanderzusetzen und waren der Frage nachgegangen, was denn durch die Farbworte in Sätzen wie „Das Weiß ist die hellste Farbe“ oder „Das satte, reine Gelb ist heller als das satte, reine Rot“ bezeichnet wird. Nach diversen Betrachtungen zur gewöhnlichen Verwendung von Ausdrücken der Form „das satte, reine X“ wurde der Vorschlag gemacht, dass diese Sätze keine Aussagen über Farben darstellen, sondern am ehesten als Aussagen über den Gebrauch bestimmter Farbworte zu verstehen sind. Wir behalten dieses Ergebnis im Hinterkopf und widmen uns jetzt der Frage, wann zwei Farbtöne gleich zu nennen sind. Das Problem der Gleichheit ist bereits im Zusammenhang ← 94 | 95 → mit der Aussage, dass „das satte X nicht einmal heller, einmal dunkler sein kann als das satte Y“ aufgetaucht und die enge Verwandtschaft dieses Problems mit der Frage nach der Helligkeit zweier Farbtöne wird sich im Laufe der weiteren Betrachtungen noch deutlicher zeigen:

„Von zwei Stellen meiner Umgebung, die ich, in einem Sinne, als gleichfarbig sehe, kann mir, in anderem Sinne, die eine als weiß, die andre als grau erscheinen.

In einem Zusammenhang ist diese Farbe für mich weiß in ← 95 | 96 → schlechter Beleuchtung, in einem andern grau in guter Beleuchtung.

Dies sind Sätze über die Begriffe ‘weiß’ und ‘grau’.

Der Eimer, der hier vor mir steht, ist glänzend weiß lackiert, es wäre absurd, ihn ‘grau’ zu nennen oder zu sagen: ‘Ich sehe eigentlich ein helles Grau’. Aber er hat ein weißes Glanzlicht, das weit heller ist als seine übrige Fläche, und diese ist teils dem Licht zu-, teils abgeneigt, ohne doch anders gefärbt zu erscheinen. (Zu erscheinen, nicht nur zu sein.)“ (BF I, 49-50; MS 176, 12r-12v)

Erkennen lässt sich hier, dass man den Satz „Das Glanzlicht ist weit heller als die übrige Fläche des Körpers“ erhält, wenn an die Stelle von „X“ und „Y“ im Ausdruck „X ist heller als Y“ die Bezeichnung bestimmter Stellen der Fläche eines Körpers setzt. Bemerkenswert daran ist, dass einen die Zustimmung zu einem Satz wie „Das Glanzlicht ist weit heller als die übrigen Fläche des Körpers“ nicht dazu veranlasst, zu sagen, der Körper habe an verschiedenen Stellen eine verschiedene Farbe. Das erinnert, wie gesagt, an die früheren Bemerkungen zur Verwendung eines Ausdrucks der Form „das satte, reine X“. Der hier gemachte Punkt fügt den dabei gewonnenen Einsichten aber etwas Neues hinzu. Worauf wir hingewiesen werden, ist nicht bloß, dass unsere Farbzuschreibungen stabil sind, insofern als eine Veränderung der Beleuchtung oder der Betrachtungssituation in allen gewöhnlichen Fällen nichts daran ändert, welche Farbe wir dem Gegenstand zuschreiben, sondern dass eine Veränderung der Beleuchtung oder der Betrachtungssituation im Allgemeinen noch nicht einmal etwas am farbigen Eindruck des Gegenstands ändert und obwohl jede Stelle der Fläche des Körpers verschieden hell ist, wirkt der Körper als Ganzes einfarbig. Daraus ergibt sich auch, dass ein und dieselbe Stelle eines farbigen Körpers abhängig von der Umgebung einmal als grau, ein andermal als weiß erlebt wird. „In einem Zusammenhang ist diese Farbe für mich weiß in schlechter Beleuchtung, in einem andern grau in guter Beleuchtung.“

Daran zeigt sich eine vielleicht unerwartete Komplexität relativer einfacher Farbzuschreibungen; etwa lässt sich die Farbe eines Körpers nur verlässlich angeben, wenn dieser in eine bestimmte Umgebung eingebettet ist. Blendet man die Umgebung aus, etwa indem man einen geeigneten Sichtschutz verwendet, dann kann offenbar kein Unterschied mehr zwischen einem Weiß in schlechter Beleuchtung und einem Grau in guter Beleuchtung gemacht werden. Man wird dann etwa nur sagen können, die gesehene Farbe erscheine grau. Das erklärt wie „von zwei Stellen meiner Umgebung, die ich, in einem Sinne, als gleichfarbig sehe, mir, in anderem Sinne, die eine als weiß, die andre als grau erscheinen kann“. Will man also die Farbe oder auch einfach die Helligkeit eines Körpers angeben,63 ist nicht ohne Weiteres klar, wie man vorzugehen hat. In der Vorfassung der zitierten Bemerkung setzt Wittgenstein auch unmittelbar mit der Frage fort, welches die Farbe des Eimers an dieser Stelle sei und wie man das entscheiden soll. (BF III, 245-247; MS 173, 75r) In der Überarbeitung wird die ausgewählte Bemerkung zwar in einen anderen Zusammenhang gestellt und erfordert dadurch auch eine etwas andere inhaltliche Ausdeutung, aber es lohnt dennoch zunächst einmal den Gedankenverlauf der ursprünglichen Fassung nachzuvollziehen. Wir werden die zitierte Bemerkung dann im nächsten Kapitel nochmals behandeln, und zwar unter Berücksichtigung der in der Umarbeitung vorgenommenen neuen Anordnung.

Es wurde die Frage aufgeworfen, wie zu entscheiden ist, welche Farbe ein Körper an dieser oder jener Stelle hat. Dazu ist zu bemerken, dass, wenn es richtig ist, dass der Körper an den verschiedenen Stellen der Fläche nicht anders gefärbt erscheint, die Angabe der Farbe dieser oder jener Stelle auch eine Aussage über die Farbe der gesamten Fläche darstellt. Aber wir hatten auch festgehalten, dass diese Übereinstimmung nur in einem bestimmten Sinn gilt. In einem anderen Sinn, lassen sich zwischen den einzelnen Stellen durchaus Unterschiede feststellen und in diesem Sinn hat die Frage nach der Farbe der gesamten Fläche keine andere Antwort, als dass man die Farbe jeder einzelnen Stelle der Fläche angibt.

Daraus ergeben sich zwei Probleme. Das eine Problem hat damit zu tun, dass es recht vage erscheint, zu sagen „Der Körper ist weiß“, gegeben, dass die verschiedenen Stellen der Fläche des Körpers für sich genommen deutlich anders erscheinen. Das zweite Problem ist, dass nicht feststeht, welche Farbe die einzelnen Stellen der Fläche des Körpers haben, eben weil jede einzelne in ihrer Umgebung weiß erscheint, während wir sie einzeln betrachtet als verschiedene Töne von Grau und Weiß sehen.

Betrachten wir zunächst das erste Problem näher. Im ersten Moment mag es plausibel erscheinen, die Frage nach der Farbe eines Körpers dadurch zu entscheiden, dass man verschiedene Farbmuster herstellt und diese an den Körper ← 96 | 97 → anlegt. Damit ein solcher Vergleich durchgeführt werden kann, muss aber offenkundig festgelegt werden, an welche Stelle des Körpers das Farbmuster anzulegen ist. Intuitiv wird man darauf antworten, dass man eine gutbeleuchtete Stelle ohne Glanzlicht auszuwählen hat. Erscheint die Stelle des Körpers nicht vom angelegten Farbmuster verschieden, dann ist dadurch die Farbe des Körpers festgestellt. Aber natürlich ist auch das nur eine näherungsweise Bestimmung. Denn zum einen ist die Aufforderung eine gutbeleuchtete Stelle zu wählen alles andere als exakt. Zum anderen, wenn der Körper von anderem Material beschaffen ist als das Farbmuster, dann werden die beiden farblich nie vollkommen ununterscheidbar sein. Auf diese zweite Schwierigkeit ließe sich vielleicht antworten, dass man Farbmuster für jedes (oder zumindest die gebräuchlichsten) Materialen anfertigen müsse. Aber das verschiebt das Problem nur dorthin, dass wir eine Regel zur Zuordnung der verschiedenen Farbmuster zueinander angeben müssen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass eine solche Regel nicht gefunden werden kann, sondern lediglich, dass nicht von vornherein klar ist, wie diese Regel auszusehen hat und hier offenbar alles darauf ankommt, für welche Vergleichsmethode man sich entscheidet.

Nehmen wir einmal an, wir haben einen Katalog mit Farbmustern angelegt, manchen dieser Muster vielleicht auch bestimmte Farbworte zugewiesen und eine Methode festgelegt, wie diese Farbmuster zur Bestimmung der Farbe eines Gegenstandes zu verwenden sind. Das wird ja auch wirklich gemacht und dieses Vorgehen hat einen praktischen Nutzen. Allerdings gibt es im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Farben ein Phänomen, das die Grenzen dieses Vorgehens aufzeigt und auch im praktischen Umgang mit Farben ein Problem darstellt. Zwei Gegenstände können unter einer bestimmten Beleuchtung farblich ununterscheidbar sein, unter einer anderen Beleuchtung hingegen voneinander verschieden erscheinen.64 Dieser als Metamerismus bezeichnete Effekt macht ← 97 | 98 → deutlich, dass die Verwendung von Farbmustern in der bisher vorgeschlagenen Weise nicht immer zur vollen Zufriedenheit gereicht, wenn es darum geht, die Farbe eines Gegenstandes zu bestimmen. Zwar kann diese Schwierigkeit zu einem gewissen Grad eingedämmt werden, indem weitere Farbmuster hergestellt werden, die in bestimmten Situationen gleich, in anderen verschieden erscheinen, aber das beantwortet noch nicht die Frage, welches dieser Farbmuster letztlich etwa „weiß“ genannt werden soll, insbesondere wenn diese unter normalen Bedingungen bei Tageslicht ununterscheidbar sind. An diesem Punkt kann man natürlich wiederum gewisse willkürliche Festlegungen treffen, der Umstand aber, dass wir gezwungen sind uns hier zu entscheiden, zeigt deutlich, dass unsere Verwendung von einfachen Farbworten wie „weiß“ der Beschreibung eines facettenreichen Merkmals von Gegenständen dient.

Welche Signifikanz haben diese Überlegungen jetzt für unsere Frage nach der Gleichheit zweier Farben? Zunächst haben wir eine Unterscheidung eingeführt, zwischen der Gleichheit der Farbe zweier Körper und der Gleichheit zweier Stellen auf der Fläche eines Körpers. Weil wir in beiden Fällen von Farbengleichheit sprechen, zeichnet sich bereits hier die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks „Gleichheit zweier Farben“ ab. Wir sind dann der Frage nachgegangen, wie die Gleichheit der Farbe zweier Körper beurteilt werden kann. Dabei wurde der Vorschlag gemacht, dass derartige Urteile durch die Verwendung eigens dafür hergestellter Farbmuster entschieden werden könnten. Zugleich hat sich gezeigt, dass die Konkretisierung dieser Methode zahlreiche Entscheidungen einfordern würde, die mehr oder weniger willkürlich, anhand von praktischen Gesichtspunkten erfolgen müssten. Unsere gewöhnliche Verwendung einfacher Farbworte wie „weiß“ hält hier keine Entscheidungsbasis für oder wider eine bestimmte Vorgehensweise bereit.

Zwar ist auch richtig, dass Wittgenstein sich in seinen Aufzeichnungen nicht mit der Möglichkeit metamerer (d.h. bedingt gleicher) Farben beschäftigt, aber ich denke, dass sich einem beim Lesen des Texts der Gedanke aufdrängt, man könne zumindest einige der Schwierigkeiten, die Wittgenstein anspricht, durch ← 98 | 99 → die Verwendung von geeigneten Farbmustern beseitigen. Das Ziel der angestellten Überlegungen war es, diese Idee zu behandeln und zu zeigen, dass auch die Verwendung von Farbmustern uns keine eindeutigen Antworten zu liefern vermag. Diesem Umstand misst Wittgenstein großes Gewicht bei.

„Die Schwierigkeiten, die wir beim Nachdenken über das Wesen der Farben empfinden (mit denen Goethe in der Farbenlehre sich auseinandersetzen wollte), liegen schon in der Unbestimmtheit unseres Begriffs der Farbengleichheit beschlossen.“ (BF I, 56; MS 176, 13v)

Wittgenstein gibt auch selbst mehrere Beispiele, die diesen Punkt verdeutlichen sollen, wovon eines wie folgt lautet:

„Sieh dein Zimmer am späten Abend an, wenn Farben kaum mehr zu unterscheiden sind – und nun mach Licht und male, was du früher im Halbdunkel gesehen hast. – Wie vergleicht man die Farben auf so einem Bild mit denen des halbdunklen Raums?“ (BF I, 67; MS 176, 17r; Vorfassung in BF III, 157; MS 173, 54v-55r)

Wir können auch hier zunächst wieder auf die Idee zurückgreifen, man müsse für einen solchen Vergleich lediglich einen Katalog an Farbmustern anfertigen und könne diese Farbmuster dann auch in einem halbdunklen Raum verwenden um zu überprüfen, welche Farbe dieser oder jener Gegenstand hat. Zwar wird man manches Mal unsicher sein, welche Farbe dem Gegenstand zuzuschreiben ist, eben weil unsere Fähigkeiten verschiedene Farbtöne zu unterscheiden mit zunehmender Dunkelheit mehr und mehr abnehmen, weshalb auch unsere Farbmuster im Halbdunkel sich mehr und mehr ähneln werden, aber es scheint in diesen Fällen dann durchaus legitim zu sagen, man müsse den Gegenstand bei gutem Licht sehen, um zweifelsfrei sagen zu können, welche Farbe er habe. Nun lässt sich hier aber ein ähnlicher Punkt machen, wie zuvor mit dem Verweis auf metamere Farben. Weil wir nämlich nicht sagen die Farbe eines Gegenstands ändere sich mit seiner Beleuchtung, muss es entweder eine spezifische Beleuchtung geben, bei der sich entscheiden lässt, welches die eigentliche Farbe eines Gegenstands sei, oder man ist zum Schluss gezwungen, dass die Rede von der eigentlichen Farbe eines Gegenstandes auf einem Missverständnis beruht. Jetzt wird man vielleicht sagen wollen, die eigentliche Farbe eines Gegenstandes zeige sich bei Tageslicht, weil Tageslicht eine natürliche Entscheidungsbasis liefert, aber das ist weder eine exakte Angabe—Sonnenlicht ist zu verschiedenen Tageszeiten mehr oder weniger rötlich—, noch ist es weniger willkürlich als die ebenfalls plausible Aussage, dass sich die eigentliche Farbe eines Gegenstands unter völlig neutralem, künstlichem Licht zeigt. Von vornherein steht einfach nicht fest, wie man hier vorzugehen hat und in allen gewöhnlichen Fällen wird man seine Wahl dadurch rechtfertigen, welchen Zweck man mit der Angabe der Farbe verfolgt. Damit wird aber zugestanden, dass die Rede von der eigentliche ← 99 | 100 → Farbe eines Gegenstands an eine bestimmte Zielsetzung gebunden ist und damit je nach Situation auch voneinander leicht abweichende Angaben möglich sind.

So viel zur Schwierigkeit die Farbe eines Körpers anzugeben. Kommen wir jetzt zum zweiten Problem, welches zu Beginn dieses Abschnitts angesprochen wurde, nämlich, dass nicht feststeht, welche Farbe die einzelnen Stellen der Fläche eines Körpers haben. In einem bestimmten Sinn haben diese natürlich, wie gesagt, dieselbe Farbe wie der Körper als Ganzes. In einem anderen Sinn aber lassen sich die Farben der einzelnen Stellen der Fläche des Körpers voneinander unterscheiden. Diese Unterscheidung ist vor allem auch darum von Interesse, weil man angesichts der soeben festgestellten Schwierigkeiten, die Farbe eines Körpers zweifelsfrei anzugeben, auf die Idee kommen kann, dass die Rede von den eigentlichen Farben vor allem darum Schwierigkeiten macht, weil der Körper als Ganzes im zweitgenannten Sinn keinen einheitlichen Farbeindruck liefert und unsere Zuschreibung darum gezwungenermaßen stets eine gewisse Vagheit beinhalten. Konzentriert man seine Aufmerksamkeit aber auf einzelne Stellen der Fläche eines Körpers, dann lassen sich Flächen unterscheiden, deren farblicher Eindruck sehr wohl einheitlich ist und die es (zumindest auf den ersten Blick) zu erlauben scheinen, vollkommen exakte Farbangaben zu machen. Zu dieser Idee gibt es einen im Vergleich zu den bisher zitierten Textstellen relativ langen Abschnitt in den „Bemerkungen über die Farben“, der wie folgt lautet:

„Ich male die Aussicht von meinem Fenster; eine bestimmte Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses, male ich mit Ocker. Ich sage, ich sehe diese Stelle in dieser Farbe. Das bedeutet nicht, daß ich hier die Farbe Ocker sehe, denn dieser Farbstoff mag, so umgeben, heller, dunkler, rötlicher (etc.) aussehen als Ocker. ‘Ich sehe diese Stelle, wie ich sie hier mit Ocker gemalt habe, nämlich als ein stark rötliches Gelb.’

Wie aber, wenn man von mir verlangte, den genauen Farbton anzugeben, den ich dort sehe? – Wie soll er angegeben werden und wie bestimmt werden? Man könnte verlangen, daß ich ein Farbmuster (ein rechteckiges Stück Papier von dieser Farbe) herstelle. Ich sage nicht, daß ein solcher Vergleich ohne jedes Interesse wäre, aber er zeigt uns, daß nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind und was ‘Gleichheit der Farbe’ bedeutet.

Denken wir uns ein Gemälde in kleine, annähernd einfärbige Stücke zerschnitten und diese dann als Steine eines Zusammenlegspiels verwendet. Auch wo ein solcher Stein nicht einfärbig ist, soll er keine räumliche Form andeuten, sondern einfach als flacher Farbfleck erscheinen. Erst im Zusammenhang mit den andern, wird er ein Stück blauen Himmels, ein Schatten, ein Glanz, durchsichtig oder undurchsichtig, etc. Zeigen uns die einzelnen Steine die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes?

Man neigt dazu, zu glauben, die Analyse unsrer Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsbilds, welche nun von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig sind; denn hier gibt es weder Beleuchtung, noch Schatten, noch Glanz etc. etc.“ (BF I, 59-61; MS 176, 14v-15v; Vorfassung in BF III, 265-268; MS 173, 48v-49v)

← 100 | 101 → Gehen wir diese Bemerkungen im Einzelnen und Schritt für Schritt durch. Zuerst einmal stellt Wittgenstein eine alltägliche Situation vor: eine Person malt die Aussicht von ihrem Fenster aus und verwendet dabei zu einem gewissen Zeitpunkt die Farbe Ocker. Vielleicht kommentiert die Malende ihre Handlung mit den Worten „Ich sehe diese Stelle in dieser Farbe“, während sie bei den Worten „diese“ und „dieser“ einmal auf das Gebäude draußen, einmal auf ihr Gemälde zeigt. Daran anschließend beobachtet Wittgenstein, dass der Umstand, dass eine bestimmte Stelle mit Ocker gemalt wird, nicht bedeutet, man sehe die Stelle draußen als ockerfarben. Das Ocker ist hier bloß ein Mittel einen bestimmten farblichen Eindruck zu erzeugen, der aber je nachdem, wie stark der Farbstoff aufgetragen wird und welche Farben sich rundherum befinden, vom Eindruck abweichen kann, den das Ocker alleine und auf eine neutrale Oberfläche aufgetragen auf uns macht. Wittgenstein schlägt entsprechend als Übersetzung des Satzes „Ich sehe diese Stelle in dieser Farbe“ vor, zu sagen „Ich sehe diese Stelle, wie ich sie hier mit Ocker gemalt habe, nämlich als ein stark rötliches Gelb.“65 Daran anschließend werden wir mit einer neuen Frage konfrontiert. „Wie aber, wenn man von mir verlangte, den ← 101 | 102 → genauen Farbton anzugeben, den ich dort sehe?“ woraufhin der Vorschlag gemacht wird zu diesem Zweck ein passendes Farbmuster herzustellen.

Dass dieser Vorschlag nicht zur vollen Zufriedenheit gereicht, haben die bereits ausgearbeiteten Bedenken zur Verwendung von Farbmustern gezeigt. Der Umstand, dass der Schluss, der sich uns dabei aufgedrängt hat, weitestgehend mit der hier vorgefundenen Anmerkung Wittgensteins übereinstimmt, dass nämlich „nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind und was ‘Gleichheit der Farbe’ bedeutet“, darf als Indiz dafür gewertet werden, dass die früheren Überlegungen bereits in die richtige Richtung gegangen sind.

3.3.1 Farben von Stellen eines Bildes

Im darauffolgenden Absatz beschränkt Wittgenstein seine Aufmerksamkeit auf Bilder und Stellen in einem Bild. Er schreibt: „Denken wir uns ein Gemälde in kleine, annähernd einfärbige Stücke zerschnitten und diese dann als Steine eines Zusammenlegspiels verwendet“ und gibt zu verstehen, dass es ihm bei diesem Versuch vor allem darum geht, „flache Farbflecke“ vorzustellen, die „keine räumliche Form andeuten“. Dass Wittgenstein dazu übergeht, anstatt von einer „Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses“ von den „Stellen eines Bildes“ zu sprechen, hat seinen Grund wohl darin, dass die Möglichkeit ein Bild in Stücke zu zerschneiden eine konkrete Vorstellung dazu liefert, inwiefern die Farben von Stellen der Fläche eines Körpers verschieden hell und damit auch verschieden gefärbt sein können. Wollte man weiterhin über Farben von Stellen, die durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses bestimmt sind, sprechen, so müsste man sich bestimmter sprachlicher Formeln bedienen, wie etwa der Worte „Stell dir diese Stelle vor, wie sie für sich und unabhängig von den sie umgebenden Stellen farblich wirkt“. Die Schwierigkeit mit derartigen Aufforderungen ist, dass nicht von vornherein klar ist, was es heißt, eine Stelle unabhängig von ihrer Umgebung vorzustellen. Wir sehen die einzelnen Stellen einer Fläche aufgrund ihrer räumlichen Lage als Schatten, Glanzlicht, etc., und diese Stellen aus ihrem räumlichen Zusammenhang herauszulösen kann etwa heißen, sich eine bestimmte Stelle vor einem neutralen Grau vorzustellen, oder auch sein Sichtfeld durch verschiedene Abdeckvorrichtungen auf diese eine Stelle zu beschränken, was wiederum mit mancherlei technischen Schwierigkeiten verbunden ist. Man kann sich diese Mühen ersparen, wenn stattdessen von vornherein über Farben von (einzelnen, ausgeschnittenen) Stellen eines Bildes gesprochen ← 102 | 103 → wird. Wichtig ist aber vor allem, dass damit der Rede von Farben, die von jeder räumlichen Deutung unabhängig sind, ein konkreter Sinn gegeben wird.

Im Anschluss daran wird die Frage gestellt, ob „uns die einzelnen Steine die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes zeigen“. Der soeben skizzierte Übergang zu Farben, die von jeder räumlichen Deutung unabhängig sind, dient also auch dazu die Untersuchung in eine leicht abgeänderte Richtung zu lenken, insofern als nicht mehr nach dem genauen Farbton einer Stelle sondern nach der eigentlichen Farbe einer Stelle gefragt wird. Welche Bedeutung hat dieser Wortwechsel, den Wittgenstein mit einer Betonung noch zusätzlich hervorhebt? Zunächst einmal kann festgestellt werden, dass eine Angabe des genauen Farbtons nur erfolgen kann, wenn vorab festgelegt wird, anhand welcher Methode eine Antwort zu finden ist. Das gilt für die Angabe der Farbe einer Stelle, die durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses bestimmt ist genau so, wie für die Farbe einer Stelle eines Bildes. Die beteiligten Sprecher müssen sich auf einen bestimmten Grad der Genauigkeit einigen, d.h. festlegen, was man als gleich, was als ungleich behandelt.66 Allerdings gibt es hier keine prinzipiellen Schwierigkeiten, solange man nicht darauf beharrt, es müsse eindeutig, von vornherein und unabhängig von den Bedürfnissen der beteiligten Personen, feststehen, welcher Farbton der genaue Farbton an dieser oder jener Stelle sei.67 Spricht man ← 103 | 104 → dahingegen von der eigentlichen Farbe einer Stelle, dann gibt es keine graduellen Unterschiede, sondern eine bestimmte Farbe ist entweder die eigentliche Farbe der betrachteten Stelle oder eben nicht und ob eine bestimmte Farbe die eigentliche Farbe ist, das muss eindeutig, von vornherein und unabhängig von den Bedürfnissen der beteiligten Personen entscheidbar sein. Man wird auch sagen wollen, die eigentliche Farbe müsse unabhängig von jeglicher Deutung sein; also insbesondere unabhängig von einer räumlicher Deutung als Glanz oder Schatten. Der Wechsel zu Stellen eines Bildes im Sinne von Farbsteinen eines Zusammenlegspiels ermöglicht uns auch wirklich von Farben derart zu sprechen, dass räumliche Aspekte ausgeblendet bleiben. In der Vorfassung kommentiert Wittgenstein diese Überlegung entsprechend auch mit den Worten: „Man könnte also sagen, dies Zusammenlegspiel zeige die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes“. In der Überarbeitung wird diese Bemerkung durch die Frage ersetzt, ob „uns die einzelnen Steine die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes“ zeigen; und anstatt diese Frage zu bejahen oder zu verneinen, reagiert Wittgenstein im darauffolgenden Absatz mit einer Bemerkung zum Ausdruck „die eigentliche Farbe einer Stelle“.

← 104 | 105 → 3.3.2 Farben von Stellen des Gesichtsbilds

„Man neigt dazu, zu glauben, die Analyse unsrer Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsbilds, welche nun von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig sind; denn hier gibt es weder Beleuchtung, noch Schatten, noch Glanz etc. etc.“ (BF I, 61; MS 176, 15v)

Allem Anschein nach wird hier neuerlich eine zum vorangegangen Absatz leicht abgewandelte Problemstellung ins Auge gefasst. Anstatt von der eigentlichen Farbe der Stelle eines Bildes zu sprechen, wird von einer vollständigen Analyse unserer Farbbegriffe gesprochen, die „am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsbilds“ führe. Jetzt liegt nahe anzunehmen, dass der erste Schritt dieser Analyse dadurch gemacht wurde, dass wir im Übergang von Stellen, bestimmt durch die Lage in der Architektur eines Hauses, zu Stellen eines Bildes, die Möglichkeit der räumlichen Deutung einzelner Farbstellen ausgeschlossen haben und dass der zweite Schritt dieser Analyse nun darin besteht, von Farben von Stellen eines Bildes zu den Farben von Stellen unseres Gesichtsbildes zu wechseln. Wenn das richtig ist, dann gilt unser Augenmerk nach wie vor den eigentlichen Farben; die Farben von Stellen unseres Gesichtsbildes werden, wie die Farben von Stellen eines Bildes, von der Möglichkeit räumlicher Deutung ausgenommen sein und darüber hinaus nicht auf diese oder jene Weise beleuchtet erscheinen, womit auch die Möglichkeit physikalischer Deutung ausgeschlossen wird.68 Um das zu veranschaulichen, sei ein beliebiger gelber Farbstein vorgestellt. In einem bestimmten Sinn erscheint ein solcher unter wechselnder ← 105 | 106 → Beleuchtung verschieden gefärbt, während er in einem anderen Sinn stets gelb aussieht. Im Vergleich dazu bezeichnet der Ausdruck „die Stellen meines Gesichtsbildes“ nichts in der Welt außerhalb von mir, also auch nichts, das irgendwie beleuchtet werden oder beleuchtet aussehen kann.

Der Wechsel von Stellen eines Bildes zu Stellen des Gesichtsbildes ist damit offenkundig ein gewaltiger, weil von etwas, das jedem von uns gleichermaßen zugänglich ist, übergegangen wird zu etwas, das jedem nur für sich selbst zugänglich ist. Seltsam ist angesichts dessen, dass Wittgenstein nicht das Wort „Gesichtsbild“ betont, sondern die Worte „Farben von Stellen“, denn von den Farben bestimmter Stellen ist an diesem Punkt schon die längste Zeit die Rede. Dieser Betonung kann nur Sinn gegeben werden, wenn angenommen wird, dass Wittgenstein damit auf eine Schwierigkeit hinweisen möchte, die in der Tat bereits an dem Punkt entsteht, wo anstatt von Farben von Gegenständen auf Farben von Stellen eines Gegenstands oder eines Bildes Bezug genommen wird.

Welcher Art ist aber diese Schwierigkeit? Wittgenstein selbst weist darauf hin, dass „man dazu neigt, zu glauben, die Analyse unsrer Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsbilds“. Der Hinweis, hier sei eine bestimmte Neigung im Spiel ist durchaus ernst zu nehmen. Die Betrachtung einfacher Farbworte wie „weiß“ oder „gelb“ kann in der Tat zur Annahme verleiten, diese Worte müssten etwas bezeichnen, das für sich und unabhängig von jeder Deutung feststeht. Denn anstatt an einen prädikativen Ausdruck der Form „sym1.jpg ist weiß“ oder „sym1.jpg ist gelb“ zu denken, spricht man häufig über die Farben Weiß oder Gelb, gar so als handle es sich bei Farbworten um Eigennamen. Wenn wir von dieser Perspektive aus unseren gewöhnlichen Gebrauch der Farbworte betrachten, dann kann es scheinen, als stelle die Zuschreibung einer Farbe zu einem Körper immer bloß eine näherungsweise Bestimmung dar, die am Ideal, welches durch die Worte „Weiß“ oder „Gelb“ bezeichnet wird, zu messen ist. Diese Idee wird uns in gewisser Weise auch durch die verschiedenen räumlichen Farbmodelle, wie etwa die Farbenkugel oder den Farboktaeder, nahe gelegt. Begibt man sich sodann auf die Suche nach derjenige Sache, auf die quasi wirklich und uneingeschränkt zutrifft, z.B. weiß zu sein, dann wird man bemüht sein von diversen Einflussfaktoren zu abstrahieren und so zunächst über die Farben einzelner Stellen der Fläche eines Körpers und hernach über die Farben von Stellen des Gesichtsbildes sprechen wollen.

Ist die Rede von Farben von Stellen des Gesichtsbildes aber richtiger oder genauer oder sonst irgendwie der Rede von der Farbe eines konkreten Gegenstands vorzuziehen? Es empfiehlt sich zur Beantwortung dieser Frage zu erwägen, wann wir im alltäglichen Sprachgebrauch den Ausdruck „eigentliche Farbe“ verwenden. Das wird etwa dann der Fall sein, wenn jemand wissen möchte, ← 106 | 107 → ob ein bestimmter Gegenstand eingefärbt wurde oder nicht und die Frage, ob das die eigentliche Farbe des Gegenstands sei, lässt sich dann manches Mal auch als Frage danach formulieren, ob das die natürliche Farbe dieses Gegenstandes sei; beispielsweise, wenn es sich beim betrachteten Gegenstand um Nelken handelt. Ein weiterer Fall, in dem es Sinn macht von der eigentlichen Farbe zu sprechen ist, wenn ein betrachteter Gegenstand aufgrund der Beleuchtung und der Betrachtungssituation in einer bestimmten Farbe erscheint ohne doch wirklich von dieser Farbe zu sein. Unter solchen Umständen wird man unter der eigentlichen Farbe, diejenige Farbe verstehen, in der der Gegenstand in einer normalen Betrachtungssituation und unter weitgehend neutralen, weißen Licht erscheint. Im Vergleich dazu ist die Art und Weise in der Wittgenstein von der eigentlichen Farbe spricht, nämlich im Sinne von Farben von Stellen eines Bildes und Farben von Stellen des Gesichtsbildes, vorerst noch keinem Gebrauch im Alltag zugeordnet. Dass es auch kein Leichtes ist, hier einen konkreten Gebrauch vorzustellen, darauf verweisen die beiden Bemerkungen, die den zitierten Textblock zur Analyse unserer Farbbegriffe (BF I, 59-61; MS 176, 14v-15v) einrahmen.

„Denk, jemand zeigte auf eine Stelle der Iris in einem Rembrandtschen Auge und sagte: ‘Die Wände in meinem Zimmer sollen in dieser Farbe gemalt werden.’“ (BF I, 58; MS 176, 14r-14v)

[…]

„Daß ich sagen kann, diese Stelle in meinem Gesichtsfeld sei graugrün, bedeutet nicht, daß ich weiß, was eine genaue Kopie des Farbtons zu nennen wäre.“ (BF I, 62; MS 176, 15v)

Unmittelbar lässt sich feststellen, dass die erste dieser beiden Bemerkungen an die Überlegungen zu Farben von Stellen eines Bildes anknüpft, während in der zweiten Bemerkung auf die Rede über Farben von Stellen des Gesichtsbildes Bezug genommen wird. Nicht zufällig entspricht den beiden Bemerkungen jeweils ein Schritt in der durchgeführten Analyse unserer Farbbegriffe.

3.3.3 Analyse unserer Farbbegriffe

Betrachten wir zunächst die erste der zitierten Bemerkungen näher. Stellt man sich jemanden vor, der wirklich eine derartige Aussage macht, dann wird man darauf je nach Situation entweder mit einem Lachen oder mit Verwunderung reagieren. Ein Rembrandtsches Gemälde auf die beschriebene Weise als Farbmuster heranzuziehen ist schlichtweg skurril. Aber das alleine ist gewiss kein ausreichender Grund um die Idee, Farben von Stellen eines Bildes würden die eigentlichen Farben zeigen, abzuweisen. Dazu bedarf es weiterer Überlegungen.

← 107 | 108 → Zunächst einmal lässt sich fragen, wie die Aufforderung „Die Wände in meinem Zimmer sollen in dieser Farbe gemalt werden“ eigentlich zu verstehen ist. Im ersten Moment wird man vielleicht sagen, man müsse lediglich die Farbe der gezeigten Stelle des Bildes mischen und auf die Wände des Zimmers auftragen. Aber welche ist die Farbe an dieser Stelle? Hierauf lassen sich verschiedene Antworten denken. Jemand könnte erwarten, dass ein Maler und Restaurateur etwa in der Lage ist, die Farbpigmente herzustellen, die an die einzelnen Stellen der Leinwand gesetzt werden müssen, um den exakt gleichen Eindruck hervorzurufen. Wenn hinreichend klar ist, welche Stelle gemeint ist, dann lässt sich gewiss auch die Farbe an dieser Stelle nachmischen und auf eine Wand auftragen. Aber der Eindruck einer gestrichenen Wand, wird ein völlig anderer sein, als der Eindruck einer Stelle in einem Gemälde. Wenn wir die Person, die die Aufforderung gegeben hat, A nennen, lässt sich natürlich nichtsdestoweniger denken, dass der A beim Betrachten seiner Wand in einem Ausdruck großer Befriedigung sagt „Ja, genau so habe ich mir das vorgestellt“, und man wird sein Verhalten vielleicht etwas befremdlich empfinden, aber dem Anschein nach doch nachvollziehen können. Die Schwierigkeit ist nun die, dass nicht klar ist, warum der A diese Aussage macht. Anhand welcher Kriterien hat er die Gleichheit der Farbe der Wand mit der Farbe im Gemälde beurteilt? Die Beschreibung legt als Kriterium nahe, dass derjenige Farbstoff gewählt werden muss, der auf einer Leinwand und im gegebenen Farbzusammenhang diesen und jenen Eindruck erweckt. Aber dieses Kriterium der Gleichheit ist doch recht ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass Farbstoffe von verschiedenen Medien auf ganz verschiedene Weise angenommen werden und darum an den verschiedenen Medien aufgetragen auch farblich stark voneinander abweichen werden. Ganz abgesehen davon, dass der Farbstoff auf die Wand aufgetragen nicht mehr im selben Farbzusammenhang steht, wie ursprünglich und auch deshalb auf einen Betrachter anders wirken wird. Der A könnte entsprechend verlangen, dass verschiedene Farbstoffe auf der Wand aufgetragen werden und die einzelnen Farben so lange mit dem Gemälde verglichen werden, bis er mit der Farbe der Wand zufrieden ist, und glaubhaft macht, seiner Aufforderung sei genüge getan. Aber dann haben wir die Zustimmung des A zum Kriterium der Gleichheit gemacht, wo wir doch unsere Analyse gerade darum vorangetrieben haben, weil wir ein von einzelnen Betrachtern unabhängiges Kriterium suchen. Die Aufforderung des A wäre in der beschriebenen Weise bestenfalls eine Hilfestellung für die Suche nach derjenigen Farbe, die ihm gefällt und dabei kann sich auch herausstellen, dass dem A keine einzige der aufgetragenen Farben zusagt und er sich selbst eingestehen muss, dass sich der Farbton, der im Gemälde eine angenehme Wirkung hat, als Wandfarbe einfach ungeeignet ist.

← 108 | 109 → Das zeigt, wie schwierig es ist, abseits der Malerei die praktische Relevanz der Rede über Farben von Stellen eines Bildes anzugeben. Welche Motivation hat also der Philosophierende, der meint, die ausgeschnittenen Farbstücke würden die eigentlichen Farben eines Bildes zeigen? Eine Vermutung wäre, dass wir durch diese Analyse zu einem besseren Verständnis alltäglicher Farbzuschreibungen gelangen, weil wir das, was an den Farben Deutung ist, dadurch explizit machen, dass wir die Farbe jeder einzelnen Stelle der Fläche des abgebildeten Körpers feststellen und daraus dann auf die Farbe des Körpers als Ganzes schließen. Die Umsetzung dieses Vorschlags setzt aber voraus, dass sich die Farbe eines Gegenstandes als Ganzes aus der systematischen Ordnung der Farben an den einzelnen Stellen der Fläche des abgebildeten Gegenstandes ergibt. Dass dem nicht so ist, lässt sich wie folgt demonstrieren. Angenommen der abgebildete Gegenstand besitzt eine spiegelnde Oberfläche, dann kann es vorkommen, dass wir sagen müssten, ein Gegenstand sei weiß, weil sich der farbige Eindruck des Gegenstands aus einer bestimmten Perspektive vorwiegend aus glänzend weißen Flächen zusammensetzt, während es sich tatsächlich um einen schwarzen Gegenstand, z.B., handelt. Diese Schwierigkeit kann man beheben versuchen, indem die zusätzliche Bedingung eingeführt wird, dass farbigen Stellen in der Beurteilung stets der Vorrang zu geben ist. Das aber hätte zur Konsequenz, dass wir umgekehrt einen weißen Gegenstand fälschlicherweise als farbig beschreiben müssten, wenn dieser durch ein farbiges Licht beleuchtet wird, weil dann jede einzelne Stelle einen farbigen Eindruck hinterlässt. Wir sehen einen weißen Gegenstand aber auch unter farbigem Licht als weiß, eben weil wir in der Lage sind, einen bestimmten Farbeindruck als Ergebnis der Beleuchtung, als Glanz oder als Schatten, etc., zu deuten. Wird die Möglichkeit der Deutung ausgeschlossen lassen sich unsere gewöhnlichen Farbzuschreiben nicht mehr rekonstruieren. Der Vorschlag, man komme durch die vorgenommene Analyse unserer Farbbegriffe zu einem besseren Verständnis der alltäglichen Verwendung unserer Farbworte, erweist sich damit als Irrtum. Wittgenstein formuliert den hier skizzierten Einwand prägnant mit den Worten: „Was man den ‘farbigen’ Gesamteindruck einer Oberfläche nennen kann, ist nicht etwa eine Art arithmetisches Mittel aller Farben der Oberfläche.“ (BF III, 260; MS 173, 77v)

Jetzt lässt sich jemand denken, der angesichts dieser Überlegungen die Position einnimmt, unsere Zuschreibungen des Alltags seien streng genommen falsch und nur aus pragmatischen Gründen zu rechtfertigen. Allerdings stellt sich für eine solche Position umgehend das Problem, Wahrheitsbedingungen für die Zuschreibung von Farben zu Gegenständen angeben zu müssen. Weil sich diese Bedingungen aber eben gerade nicht aus der Zusammenstellung der Farben einzelner Stellen ableiten lassen, ist an diesem Punkt eine Entscheidung nötig, die nach einer eigenen Rechtfertigung verlangt und eine solche liegt nicht ohne Weiteres bereit.

← 109 | 110 → Wenn wir nun in einem zweiten Schritt dazu übergehen, die Bemerkung zu Farben von Stellen des Gesichtsbildes zu prüfen, wird es hilfreich sein den folgenden Hinweis aus Band III der „Bemerkungen über die Farben“ hinzuzuziehen:

„Ich möchte sagen ‘An dieser Stelle in meinem Gesichtsfeld ist diese Farbe (ganz abgesehen von jeder Deutung)’. Aber wozu gebrauche ich diesen Satz? ‘Diese’ Farbe muß ja eine sein, die ich reproduzieren kann. Und es muß bestimmt sein, unter welchen Umständen ich von etwas sage, es habe diese Farbe.“ (BF III, 262; MS 173, 78r-78v)

Nach dem Zugeständnis der philosophischen Versuchung sich auf Farben von Stellen des Gesichtsfelds zu beziehen, setzt Wittgenstein zu einer Kritik dieser Redeweise an. Wir erfahren, dass bestimmt sein müsse, „unter welchen Umständen ich von etwas sage, es habe diese Farbe“ und dass „diese Farbe eine sein muss, die ich reproduzieren kann“. Wenn Wittgenstein also in der früheren Bemerkung schreibt „Daß ich sagen kann, diese Stelle in meinem Gesichtsfeld sei graugrün, bedeutet nicht, daß ich weiß, was eine genaue Kopie des Farbtons zu nennen wäre,“ dann kommt darin ein Zweifel am praktischen Nutzen der Rede über Farben von Stellen des Gesichtsbilds zum Ausdruck.

Auch dieser Punkt sei ein wenig deutlicher gemacht. Stellt man zunächst einmal die Frage, wann zwei Farben von Stellen des Gesichtsbilds gleich zu nennen sind, ist man sogleich mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass die beiden zu vergleichenden Farbstellen nicht wie zwei Farbmuster aneinander angelegt werden können. Bestenfalls können die beiden farbigen Stellen in der Vorstellung nebeneinander gedacht werden, aber dadurch ändert sich auch der Farbzusammenhang in dem sich die einzelnen Farbstellen ursprünglich befanden und es ist unklar, ob wir zu derartigen Manipulationen des Gesichtsbildes überhaupt verlässlich imstande sind. Das alleine erschwert bereits die Beurteilung der Gleichheit. Aber selbst wenn angenommen wird, wir seien in der Lage, von zwei Stellen des Gesichtsfelds zweifelsfrei und eindeutig zu entscheiden, wann diese gleich sind, bleibt völlig unklar, wie die Rede von Farben von Stellen des Gesichtsbildes auf Farben von Gegenständen anzuwenden ist. Denn es ist zwar (mit gewissen Vorbehalten) möglich ein Farbmuster anzufertigen, das unter einem bestimmten Betrachtungswinkel und einer gegebenen Beleuchtung einen gleichen farblichen Eindruck in uns erweckt, wie eine bestimmte, zuvor ausgewählte Stelle des Gesichtsbildes, aber welchem Zweck dient eine solche Feststellung? Man wird von Farbworten im beschriebenen Sinn nur in den seltensten Fällen sinnvoll Gebrauch machen können. Die Rede über Farben von Stellen des Gesichtsbildes macht unsere gewöhnliche Verwendung der Farbworte um nichts klarer und es fehlt entsprechend an einem guten Grund, die vorgeschlagene Analyse unserer Farbbegriffe als Beitrag zur Klärung des Wesens der Farben aufzufassen. Was ← 110 | 111 → die vorangetriebene Untersuchung nochmals deutlich gemacht hat, ist ganz im Gegenteil, dass unser Gebrauch einfacher Farbworte wie „weiß“ oder „gelb“ im Allgemeinen eine unerwartete Komplexität aufweist.

Auch kann festgestellt werden, dass uns bereits die Idee, unseren gewöhnlichen Farbzuschreibungen läge eine Deutung zugrunde, einen schiefen Blick auf die Angelegenheit aufzwingt. Wittgenstein greift diese Idee auch in zwei Textpassagen auf. In § 50 des ersten Bandes werden wir darauf hingewiesen, dass die Fläche eines Körpers „teils dem Licht zu-, teils abgeneigt“ sein kann, „ohne doch anders gefärbt zu erscheinen“ und Wittgenstein betont in der anschließenden Nebenbemerkung „Zu erscheinen, nicht nur zu sein“. Wenn unter „Deutung“, was plausibel sein sollte, der Übergang von den farblichen Erscheinungen der einzelnen Stellen der Oberfläche hin zur Farbe des Gegenstandes als Ganzes verstanden wird, dann müssten manche der Stellen farblich verschieden erscheinen, weil andernfalls die Rede von einem Übergang hier gar keinen rechten Sinn hat. Wenn es aber zudem richtig ist, wie Wittgenstein behauptet, dass uns jede einzelne der Stellen weiß erscheint, dann bleibt gar kein Raum für irgendwelche Deutungen. Zwar wird die Rede von einfachen Farbstellen etwa im Unterricht eines Malers bedeutsam sein, aber ob die gewählte Malfarbe korrekt ist, zeigt sich erst am fertigen Gemälde. D.h. die Gleichheit der Farbe wird am erzielten Gesamteindruck gemessen, und nicht umgekehrt, was nichts anderes heißt, als das unser Kriterium der Gleichheit dem gewöhnlichen Gebrauch der Farbworte zur Beschreibung von Gegenständen entlehnt ist. In den Paragraphen 63 und 64 des ersten Bandes stellt Wittgenstein die Frage, inwieweit eine Beschreibung dessen, was auf einer schwarz-weißen Photographie zu sehen ist, eine Deutung im Sinne eines Schlusses enthält.

„Ich sehe auf einer (nicht färbigen Photographie) einen Mann mit dunklem Haar und einen Buben mit glatt zurückgekämmtem blondem Haar vor einer Drehbank stehen, die zum Teil aus schwarz gestrichenen Gußteilen, teils aus glatten Wellen, Zahnrädern u.a. besteht, daneben ein Gitter aus hellem verzinktem Draht. Die bearbeiteten Eisenflächen sehe ich eisenfärbig, das Haar des Jungen blond, das Gitter zinkfärbig, obgleich alles durch hellere und dunklere Töne des photographischen Papiers dargestellt ist.

Aber sehe ich wirklich die Haare auf der Photographie blond? Und was spricht dafür? Welche Reaktion des Betrachters soll zeigen, daß er sie blond sieht, und nicht nur aus den Tönen der Photographie schließt, sie seien blond? – Würde von mir verlangt, daß ich jene Photographie beschreibe, so würde ich es am direktesten mit jenen Worten tun. Ließe man diese Art der Beschreibung nicht gelten, so müßte ich nun erst nach einer andern suchen.“ (BF I, 63-64; MS 176, 16r-16v)

Der springende Punkt ist hier, dass wir zur Beschreibung dessen, was wir sehen, ohne darüber nachdenken zu müssen, von bestimmten Worten Gebrauch machen, die einen komplexen Farbeindruck beschreiben. Das gilt nicht nur für ← 111 | 112 → blonde Haare oder für zink- oder eisenfärbige Flächen, sondern auch für weiß angestrichene, matte Gegenstände, deren farbiger Eindruck ja ebenfalls in zum Teil hellere, dem Licht zugeneigte und zum Teil dunklere, dem Licht abgeneigte Stellen unterteilt werden kann. Wir lernen die Farbworte dafür zu gebrauchen, die farbliche Gesamterscheinung der Dinge zu beschreiben, und wenn diese uns gewohnte Art der Beschreibung ausgeschlossen wird, bedarf es einiger Mühe eine andere Form der Beschreibung zu finden. Dass man überhaupt dazu neigt, zu sagen, man deute einen farbigen Eindruck auf bestimmte Weise, liegt daran, dass man im Nachdenken über die Farben leicht dazu verführt wird, anzunehmen, unsere Farbworte müssten im Grunde etwas Einfaches bezeichnen. Wir beginnen aber nicht damit, die einzelnen Stellen der Fläche des Gegenstands zu benennen und dann auf seine Farbe zu schließen. Wie gezeigt wurde, führt ein solches Vorgehen auch gar nicht zu denjenigen Farburteilen, die wir für gewöhnlich fällen, wenn wir einen Gegenstand betrachten.

Aus den angestellten Überlegungen zur Helligkeit zweier Farbtöne und der Gleichheit zweier Farben lässt sich also folgender Schluss für die Frage nach dem Wesen der Farben ziehen: Das, was wir für gewöhnlich „Farben“ nennen ist weder vollkommen exakt bestimmt, noch von räumlichen und physikalischen Deutungen unabhängig. Das bedeutet aber nicht, dass unser alltäglicher Gebrauch der Farbworte zu wünschen übrig lässt. Ganz im Gegenteil hat sich gezeigt, dass diverse Versuche unseren Gebrauch in die eine oder andere Richtung zu verfeinern, wenig erfolgversprechend sind.

Im anschließenden vierten und letzten Kapitel werden wir die Ergebnisse dieses und des vorangegangenen Kapitels heranziehen um das zentrale Problem der „Bemerkungen über die Farben“ zu diskutieren, und zwar das Problem durchsichtig-weißer Körper.

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53Auf diesen Umstand macht u.a. auch Josef Rothhaupt auf Seite 471 seiner Monographie zu „Farbthemen in Wittgensteins Gesamtnachlass“ aufmerksam. Die inhaltliche Deckung zwischen dem Beginn von Band I und dem Beginn von Band III wurde zudem von Alan Lee in seinem Aufsatz „Wittgenstein’s Remarks on Colour“ bemerkt und angesprochen.

54Es genügt ein oberflächliches Verständnis der Abbildtheorie des „Tractatus“ um diese Behauptung zu verstehen. Die Abbildtheorie besagt, dass ein Satz stets das Bild eines Sachverhaltes ist. Damit etwas ein Satz in diesem Sinn sein kann, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Die eine Bedingung ist, dass der Satz dieselbe logische Struktur besitzt, wie der abgebildete Sachverhalt, was ungefähr heißt, dass die Elemente des Satzes in bestimmten Beziehungen zueinander stehen müssen. (Wer beispielsweise das Bild eines Zimmers malt, der muss die räumlichen Beziehungen der Gegenstände des Zimmers zueinander berücksichtigen. Wer hingegen alle Gegenstände eines Raumes auf dieselbe Stelle malt, also mehrere Gegenstände überlagert, der malt kein Bild eines Zimmers.) Die andere Bedingung ist, dass der Satz mit einem Sachverhalt in Beziehung gebracht wurde, den einzelnen Zeichen sozusagen eine Bedeutung gegeben wurde. (Das kann etwa damit verglichen werden, dass jemand das fertige Bild des Zimmers hoch hält und mit einer hinweisenden Geste auf eine Tür sagt „Wie ich es hier gemalt habe, so sieht das Zimmer hinter dieser Tür dort aus“.) Die gemäß der zweiten Bedingung hergestellte Verbindung des Bildes mit der Wirklichkeit geht offenkundig über das, was das Bild selbst zum Inhalt hat, hinaus. Die Verbindung wird entsprechend auch nicht durch das Bild hergestellt, sondern durch uns—auch wenn die Möglichkeit diese Verbindung herzustellen bereits im Bild selbst angelegt sein muss, eben dadurch dass die erste Bedingung erfüllt ist.

Der springende Punkt ist jetzt, dass ein Satz, der eine interne Relation behauptet, die erste Bedingung nicht erfüllt. Indem nämlich ein solcher Satz etwas über die logische Struktur selbst zu sagen versucht, logische Strukturen aber keine Sachverhalte sind, sondern sozusagen ihr Gerüst, kann der Satz nicht dieselbe logische Struktur aufweisen, wie irgendein Sachverhalt. Entsprechend kann auch die zweite Bedingung nicht erfüllt werden, weswegen es sich nicht um einen sinnvollen Satz im Sinn des „Tractatus“ handelt und entsprechend auch nichts damit ausgesagt werden kann.

55Zum Vergleich: Der Satz „2 + 2 = 5“ macht auch nur gerade so viel Sinn, dass wir ihn als widersprüchlich erkennen. Darüber hinaus ist mit dem Satz nichts anzufangen.

56Dieser Umstand könnte auch erläutern, weshalb Wittgenstein denkt, dass die Erklärung „Eine Farbe ist ‘satt’, wenn sie weder Schwarz noch Weiß enthält“ nur einer vorläufigen Verständigung dient. Wenn es nämlich der Fall ist, dass verschiedene Personen auf diese Worte hin verschiedene Farbtöne als „satt“ bezeichnen, dann kann es scheinen, als müssten weitere Vereinbarungen getroffen werden, um eine reibungslose Verständigung untereinander zu ermöglichen. Da aber nicht anzunehmen ist, dass Wittgenstein um diesen Tatbestand Bescheid wusste, lohnt es sich nach einer anderen Erklärung für die von ihm gemachte Einschränkung zu suchen.

57Hieran lässt sich auch sehen, was Wittgenstein unter „Logik“ versteht: eine logische Untersuchung bezeichnet eine Untersuchung, die sich mit der Sinnhaftigkeit von Aussagen beschäftigt; und dass die gegebene Bestimmung zur Logik gehört, ergibt sich daraus, dass mit eben dieser gewisse Aussagen als unsinnig ausgeschlossen werden.

58Dazu ist einschränkend zu bemerken, dass Lichtenberg seine Worte in einem Brief an Goethe vom 7. Oktober 1793 entschieden vorsichtiger wählt: „Die Menschen wissen freylich was das für eine Farbe ist, die sie weiß nennen, aber wie vielen mag wohl je die reine weiße Farbe zu Gesicht gekommen seyn?“ (Lichtenberg 1904: 90). Wittgensteins Bezugnahme auf Lichtenberg im § 3 des ersten Bandes dürfte, wie Rothhaupt feststellt, auch auf diese schwächere Formulierung abzielen. Die folgenden Überlegungen werden aber zeigen, dass es durchaus zweckmäßig ist, zunächst einmal von der stärkeren Behauptung auszugehen und deren Anziehungskraft zu bewerten.

59Es ist in diesem Zusammenhang durchaus aufschlussreich die zitierte Bemerkung mit ähnlichen Aussagen aus dem früher entstandenen Band III zu vergleichen. Rothhaupt identifiziert auf Seite 471 seiner Arbeit drei Etappen, die im Folgenden kurz ausgeführt werden sollen. Gleich der erste Eintrag vom 24. März 1950 im Manuskript 173, welches uns als Band III vorliegt, lautet „In einem Bild muß das Weiß die hellste Farbe sein“ (BF III, 1; MS 173, ii). Diese Aussage berichtigt Wittgenstein drei Tage später wie folgt:

„Es ist nicht richtig, daß in einem Bild das Weiße stets die hellste Farbe sein muß. Wohl aber in einer flächenhaften Kombination von Farbflecken. Ein Bild könnte ein Buch weißen Papiers im Schatten darstellen und heller als dieses einen gelb, oder blau, oder rötlich leuchtenden Himmel. Beschreibe ich aber eine ebene Fläche, eine Tapete z.B.: sie bestehe aus rein gelben, roten, blauen, weißen und schwarzen Quadraten, so können die gelben nicht heller sein als die weißen, die roten nicht heller als die gelben.“ (BF III, 57a; MS 173, 13v-14r)

Mitte April notiert Wittgenstein dann erläuternd „In einer bestimmten Bedeutung von ‘weiß’ ist Weiß die hellste aller Farben“ (BF III, 132a; MS 173, 48r). Dabei ist bemerkenswert, dass das Wörtlein „muss“ verschwunden ist, wie auch im Satz „Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe“ keine modale Komponente mehr auftaucht. Angesichts der unermüdlichen Bestrebung Wittgensteins, modale Aussagen als Aussagen über Begriffe und begriffliche Zusammenhänge zu analysieren, darf angenommen werden, dass ihm die Aussage „Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe“ weniger irreführend erscheint als der Satz „In einer flächenhaften Kombination von Farbflecken muss das Weiße stets die hellste Farbe sein“.

60Barry Stroud liefert im zweiten Kapitel seines Buches „The Significance of Philosophical Scepticism“ eine sehr ausführliche und aufschlussreiche Diskussion dieser Unterscheidung, auf die an dieser Stelle verwiesen sei.

61Als Vorschlag lässt sich denken, dass ein mechanisches Verfahren festgelegt wird, welches, ausgehend von den Koordinaten eines Punktes im geometrischen Modell, einen bestimmten Farbton erzeugt. Die konkrete Umsetzung des Verfahrens ist dann mehr oder weniger willkürlich gesetzt. Das ändert zwar nichts an der Sinnhaftigkeit solcher Verfahren, weil im Alltag auch eine willkürlich gesetzte Norm ihren Sinn hat, aber das Modell wird durch diese Vorgehensweise einem spezifischen Zweck untergeordnet, dessen Erfüllung im Allgemeinen daran zu prüfen sein wird, ob die hergestellten Farbtöne wie erwartet aussehen. Das zeigt aber, dass die geometrischen Punkte des Modells nur vermittelt irgendwelche Farbtöne repräsentieren, weil sie unmittelbar lediglich Parameter eines Verfahrens darstellen.

62Damit ist nicht behauptet, dass wir nicht zwischen den tatsächlichen Eigenschaften eines Gegenstandes und den bloß scheinbaren Eigenschaften unterscheiden könnten. Es gibt ja Situationen, in denen man wahrheitsgemäß sagt „Dieser Gegenstand erscheint mir so und so“ auch wenn der Gegenstand jedem anderen anders erscheint. Dass wir in solchen Situationen verstanden werden, hat aber zur Voraussetzung, dass wir in allen gewöhnlichen Fällen zum selben Urteil gelangen, wie jeder andere. Andernfalls wäre fraglich, ob die anderen dieselbe Sprache sprechen und verstehen wie man selbst.

63Beschränkt man sich auf Weiß, Schwarz und Abstufungen von Grau als Farben, wie dies im gegebenen Fall passiert, dann sind die Bestimmung der Farbe und die Bestimmung der Helligkeit im hier relevanten Sinn identisch.

64Das menschliche Auge reagiert bekanntermaßen auf Licht im Wellenlängenbereich zwischen ungefähr 400nm und 700nm. Dieser Wellenlängenbereich wird bei normalsichtigen Personen von drei Rezeptoren abgedeckt, die auf verschiedenen Wellenlängen unterschiedlich empfindlich reagieren. Weil diese Rezeptoren das ankommende Licht aber in ein Signal umwandeln, dass nur in seiner Intensität variiert, kann es vorkommen, dass sehr verschiedene spektrale Zusammensetzungen von Licht, die einzelnen Rezeptoren in gleichem Ausmaß reizen. Vereinfacht gesprochen, wenn wir uns vorstellen, dass einer der Rezeptoren auf Licht einer bestimmten Wellenlänge nur halb so stark reagiert, wie auf Licht einer anderen Wellenlänge, dann erzeugt ein monochromatisches Licht der ersten Wellenlänge denselben Effekt an diesem Rezeptor, wie ein doppelt so starkes monochromatisches Licht der zweiten Wellenlänge. Dass der Mensch über drei solcher Rezeptoren verfügt, macht es möglich zahlreiche Reize zu unterscheiden, die mit nur einem oder zwei Rezeptoren nicht unterschieden werden könnten. Dennoch ergibt sich in geeigneten Fällen, dass zwei Körper, das auf sie treffende Licht auf verschiedene Weise reflektieren ohne deshalb farblich voneinander unterscheidbar zu sein. Eine gelungene Einführung in zeitgenössische farbwissenschaftliche Theorien und eine Diskussion der philosophischen Relevanz der empirischen Forschungstätigkeit bietet C. L. Hardin in seiner 1988 erschienenen Monographie „Color for Philosophers. Unweaving the Rainbow.“

65Am Rande sei bemerkt, dass die Tatsache, dass ein und derselbe Farbton in unterschiedlicher Umgebung ganz anders auf uns wirken kann, durch physiologische Mechanismen der menschlichen Farbwahrnehmung erklärt werden kann. Der sogenannte Simultankontrast etwa hängt mit dem Phänomen der farbigen Nachbilder zusammen und entsteht dadurch, dass jeder farbige Reiz einen dazu entgegengesetzten Reiz im Auge fordert, sodass etwa das lange Betrachten eines roten Farbflecks dazu führt, dass an dieser Stelle im Gesichtsfeld ein grüner Farbfleck sichtbar wird, wenn der rote Farbfleck abrupt durch ein neutrales Grau ersetzt wird. Dieser physiologische Adaptionsmechanismus wirkt aber nicht nur für zeitliche aufeinanderfolgende Ereignisse sondern eben auch simultan, sodass ein grauer Farbfleck auf rotem Hintergrund leicht ins Grün neigt, während ein grauer Farbfleck auf grünem Hintergrund leicht ins Rot neigt. Der für unsere Untersuchung ebenfalls relevante Assimilationseffekt, beschreibt im Vergleich zum Simultankontrast die Veränderung der farbigen Wirkung einer Fläche aufgrund der begrenzten Auflösung des menschlichen Auges. (Dass die Auflösung des menschlichen Auges nur begrenzt ist, ist klar, weil das Auge nur über eine begrenzte Zahl an Rezeptoren verfügen kann.) Wenn nun zwei farbige Reize sehr dicht aneinander liegen, dann liefert unser Wahrnehmungsapparat für diese Stelle des Gesichtsfeldes einen Durchschnittswert, was dazu führt, dass ein weißer Streifen z.B. leicht bläulich erscheint, wenn er von zwei blauen Streifen umrahmt ist—gegeben eine ausreichende Distanz des Bildes zum Betrachter. Dieser Effekt, der im Englischen als „Bezold spreading effect“ bezeichnet wird, kann sehr eindrucksvoll auch in pointilistischen Gemälden oder an großen Werbeplakaten beobachtet werden, wo sich bei ausreichender Distanz dicht aneinander liegende Farbpunkte zu einem einzelnen Farbeindruck vermischen. (Interessierte Leserinnen und Leser seien an diesem Punkt auch nochmals auf die schon erwähnte Arbeit von C. L. Hardin verwiesen, die weiterführende Informationen und Literaturempfehlungen enthält.)

66Die Anforderung sich auf eine bestimmte Genauigkeit zu einigen, lässt sich leicht verstehen, wenn man bedenkt, dass der Mensch in der Lage ist, mehrere Millionen Farbtöne zu unterscheiden, sofern diese im direkten Vergleich nebeneinander gezeigt werden. In den meisten Fällen ist es aber wenig zweckmäßig oder auch nur interessant, derartig feine Unterschiede zwischen einzelnen Farbtönen zu machen.

67Zugleich ist es natürlich gerade das Bedürfnis eine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach der genauen Farbe eines Körpers oder einer Stelle auf der Fläche eines Körpers geben zu können, welches den Philosophierenden antreibt. Dieses Bedürfnis hat Denkerinnen und Denker immer wieder dazu veranlasst, Überlegungen anzustellen, die letztlich zur Überzeugung führen, dass dasjenige, was wir Farben nennen, im Grund genommen keine Eigenschaften irgendwelcher Gegenstände sind und die Gegenstände für sich genommen farblos sind. Man vergleiche dazu etwa die folgenden beiden Passagen aus Bertrand Russels „The Problems of Philosophy“:

„To make our difficulties plain, let us concentrate attention on the table. To the eye it is oblong, brown and shiny, to the touch it is smooth and cool and hard; when I tap it, it gives out a wooden sound. Any one else who sees and feels and hears the table will agree with this description, so that it might seem as if no difficulty would arise; but as soon as we try to be more precise our troubles begin. Although I believe that the table is ‘really’ of the same colour all over, the parts that reflect the light look much brighter than the other parts, and some parts look white because of reflected light. I know that, if I move, the parts that reflect the light will be different, so that the apparent distribution of colours on the table will change. It follows that if several people are looking at the table at the same moment, no two of them will see exactly the same distribution of colours, because no two can see it from exactly the same point of view, and any change in the point of view makes some change in the way the light is reflected.“ (Russell 1912: 11f.)

„It is evident from what we have found, that there is no colour which pre-eminently appears to be the colour of the table, or even of any one particular part of the table—it appears to be of different colours from different points of view, and there is no reason for regarding some of these as more really its colour than others. And we know that even from a given point of view the colour will seem different by artificial light, or to a colourblind man, or to a man wearing blue spectacles, while in the dark there will be no colour at all, though to touch and hearing the table will be unchanged. Thus colour is not something which is inherent in the table, but something depending upon the table and the spectator and the way the light falls on the table. When, in ordinary life, we speak of the colour of the table, we only mean the sort of colour which it will seem to have to a normal spectator from an ordinary point of view under usual conditions of light. But the other colours which appear under other conditions have just as good a right to be considered real; and therefore, to avoid favouritism, we are compelled to deny that, in itself, the table has any one particular colour.“ (Russell 1912: 18f.)

68Weil die von Wittgenstein verwendete Terminologie an diesem Punkt etwas verwirrend sein kann, sei kurz sein Gebrauch der Worte „räumliche Deutung“ und „physikalische Deutung“ erläutert. Die Farbe einer Stelle wird räumlich gedeutet, wann immer die farbliche Erscheinung dieser Stelle derart aufgefasst wird, dass sie dem betrachteten Körper Räumlichkeit verleiht, was v.a. dann der Fall ist, wenn eine bestimmte Stelle als Glanz oder Schatten gesehen wird. Dahingegen wird die Farbe einer Stelle physikalisch gedeutet, wann immer die farbliche Erscheinung dieser Stelle auf physikalische Gesetzmäßigkeiten, das Verhalten von Licht betreffend, verweist, was u.a. dann der Fall ist, wenn ein Körper durch farbiges Licht beleuchtet wird, ohne verschieden gefärbt zu erscheinen, weil daran die farbige Wirkung des Lichts beobachtet werden kann. Würde ein Gegenstand unter farbiger Beleuchtung auch anders gefärbt erscheinen, dann wäre es nicht möglich durch bloße Beobachtung zwischen dem Fall, in dem der Gegenstand verschieden beleuchtet wird, und dem Fall, in dem der Gegenstand tatsächlich seine Farbe ändert, zu unterscheiden. Entsprechend würde die Möglichkeit der physikalischen Deutung einer Farberscheinung (im erläuterten Sinn) wegfallen.