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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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E.T.A. Hoffmanns (1776–1822) musikalische Musikerdichtungen Ritter Gluck, Don Juan, Rat Krespel

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Daß manche Dichtungen musikalisch gebaut sind, wird anerkannt im allgemeinen und im einzelnen umstritten. Der Dichter Hoffmann nun begann als Musiker, sah hier zeitlebens seine Hauptbegabung, brachte es hier zur Meister­schaft und entwickelte hier seine Kunstauffassung. Seine Kompositionen – so lassen sich die Urteile der Fachleute vereinfachend zusammenfassen1 – halten sich zwischen der harmonischen Geschlossenheit der Klassik und der disharmo­nischen Offenheit der Romantik. Hoffmann selber sah es dialektisch-dramatisch: In seinem „von allem Heiligen und Wahrhaf­tigen losgerissenen“ und erst wieder „auf innere Vergeistigung hinarbeitenden“ Zeitalter wurde die rational unfaßbare Unendlichkeit zum Gegenstand unend­lichen Sehnens und eines unendlich gestuften Annäherns, Erfahrens.

Die am reinsten vergeistigte Kunst, die Musik, ist in ihrer vergeistigtsten Form, im hohen, einfachen Stil Palestrinas, nicht mehr möglich. Der moderne Komponist wird jedoch „die Fülle des jetzigen Reichtums“ nützen, wird den ewigen „Wechsel des Ern­sten, Grauenhaften, Schrecklichen, Lustigen, Ausgelassenen, wie das irdische Sein ihn treibt,“ erfassen, und zwar so, daß „der tiefer Eindringende“ zu erkennen vermag, wie das „Walten des belebenden Naturgeistes, ja unser Sein in ihm, unsere überirdische Heimat,“ also sämtliche Sphären des Universums angedeutet werden „durch die ahnungsvollen Töne der Musik.“ Sie spricht innerhalb einund­desselben Werkes und ebenso in der Folge kommender Meisterwerke „immer vielfältiger und vollkommener von den Wundern des fernen Reichs“ (Alte und neue Kirchenmusik 1814).

Freilich, der Totalitätsanspruch der neuen Musik markiert paradoxerweise zugleich auch ihre Gren­zen, die Grenzen der Musik überhaupt. Immer...

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