Show Less
Restricted access

Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

Series:

Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
Show Summary Details
Restricted access

16 Brecht: An die Nachgeborenen (mit Exkurs: Brecht über den Gebrauchswert lyrischer Dichtung und dessen sprachliche Voraussetzungen)

Extract

Das Brecht-Gedicht „An die Nachgeborenen“, das als nächstes interpretiert werden soll, ist das einzige, von dem sich auch eine Tonaufnahme einer Lesung durch Brecht selbst erhalten hat. Und über eine andere solche Autorenlesung des Gedichts, die 1947 in einem privaten Zirkel in Zürich stattgefunden hat, existiert ein Bericht von Max Frisch (im „Tagebuch 1946–1949“ unter 1947, Abschnitt „Zur Lyrik“). Infolgedessen ist es besonders gut geeignet, jene Grundsätze für die Abfassung und den Vortrag lyrischer Gedichte zu illustrieren, welche Brecht 1939 in seinem berühmten Essay „Über reimlose Lyrik in unregelmäßigen Rhythmen“ formuliert hat. Auf sie soll deshalb zunächst einmal in einem etwas ausführlicheren Exkurs eingegangen werden.

Die dort ausgeführten Gedanken hatten sich bei Brecht schon lange vorher vorbereitet: 1927 war er einmal aufgefordert worden, bei einem Lyrik-Wettbewerb, den die Zeitschrift „Literarische Welt“ veranstaltete, als Juror mitzuwirken. Sein Urteil über die mehr als halbtausend eingesandten Gedichte war vernichtend: So gut wie alle entfernten sich „einfach zu weit von der ursprünglichen Geste der Mitteilung eines Gedankens oder einer auch für Fremde (scil. die Leser) vorteilhaften Empfindung“ (L 1: 21, 1911). Das entscheidende Wort ist „Mitteilung“: Ein Gedicht sollte Brechts Meinung nach wie eine normale sprachliche Äußerung funktionieren: Ein Sprecher (in diesem Fall der Dichter bzw. sein Lyrisches Ich) spricht in einer bestimmten Situation einen oder mehrere Adressaten an (hier seine Leser oder die Zuhörer einer Gedichtlesung), um ihnen gewisse Sachverhalte, aber auch die bei ihm dadurch ausgel...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.