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Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

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Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
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33 Kunert: Im weiteren Fortgang

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Im weiteren Fortgang

Durch Türen dochhinter keiner das erbangte Daheimendlich Geborgenheitdauerhaftes AusruhenFreundenichtsdahinter als die alten Versprechen:neue Türen.

Titelgedicht einer gleichnamigen Sammlung, die 1974, also vierundzwanzig Jahre nach dem Gedicht „Für mehr als mich“ (32) erschien. Zwei Jahre später wird Kunert zusammen mit anderen prominenten DDR-Schriftstellern, darunter auch Sarah Kirsch, öffentlich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestieren und sich den daraufhin einsetzenden Schickanen des Regimes 1979 durch Übersiedlung in die Bundesrepublik entziehen.

Sieben reimlose Verse sehr ungleicher Länge (die beiden längsten 5 Wörter/10 Silben, die kürzesten zwei Einwort-Verse von 2 bzw. einer Silbe). Die Sätze sind durchweg elliptisch, d. h. ihnen fehlt ein Prädikat. Auffällig, daß vor der restriktive Konjunktion „doch|“ kein Komma gesetzt ist, und daß sie außerdem, als Contre-Rejet, von dem Satz, den sie einleitet, durch eine Versgrenze abgetrennt wird. Auch „|nichts|“, obwohl Einleitungswort einer neuen Aussage, in die es eng eingebunden ist (als Bestandteil der redensartlichen Wendung „nichts dahinter“ und als Bezugswort von „als“), ist durch eine Versgrenze vom Rest isoliert. Ungewöhnlich weiterhin „erbangt“ als Partizip II eines transitiven Verbs „erbangen“.

Die Überschrift ist offensichtlich in einem redensartlich übertragenen Sinn („im weiteren Fortgang einer Entwicklung“) gemeint. Der Text überführt sie jedoch sogleich ins Anschaulich-Konkrete: Dieser „Fortgang“ führt von einem gewissen Punkt an in eine Flucht von Zimmern oder Höfen hinein, welche jeweils durch Türen miteinander verbunden sind. Es ist von da...

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