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Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

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Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
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35 Kunert: Fragment

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Fragment

Einleitungsgedicht der 1996 veröffentlichten Sammlung „Mein Golem“. Der Sammlungstitel spielt auf eine alte jüdische Legende an, nach der 1580 in Prag ein gewisser Rabbi Löw einen riesigen Unhold aus Lehm geformt und mit magischen Ritualen zum Leben erweckt habe. Dieser „Golem“ lebte jedoch nur dann auf, wenn ihm ein Zettel mit dem Namen Gottes unter die Zunge gelegt wurde. Er streifte dann nachts durch die Gassen des Prager Ghettos – stumm, denn sprechen konnte er nicht –, und versetzte späte Passanten in Angst und Schrecken. Im Titelgedicht der Sammlung, d. h. dem Gedicht, das ebenfalls „Mein Golem“ überschrieben ist, erklärt der Dichter, daß an bestimmten Tagen auch ihn ein solcher „Golem“ verfolge,

„ … ein Koloßseine Ferse rostiger Schorfsein Gesicht abwesendsein Gang unaufhaltsambesonders an solchen Tagen.“ ← 275 | 276 →

Auch ihn verfolgt also an manchen Tagen etwas: gewisse unaussprechliche und unheimliche Gefühle und Stimmungen, denen er in dieser Gedichtsammlung offenbar unter anderem Ausdruck zu geben versucht. Für das Verständnis unseres Gedichts ist auch noch ein weiteres Gedicht derselben Sammlung hilfreich, weil es mit ihm viele Motive gemeinsam hat:

Hinter dem Schuppen

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