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Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

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Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
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8 Rilke: Rose, oh reiner Widerspruch … (mit Exkurs: Rilkes orphische Weltauffassung)

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Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,Niemandes Schlaf zu sein unter sovielLidern.

Gegen Ende 1925 begann Rilke immer mehr unter den Symptomen seiner damals noch nicht erkannten Leukämie-Erkrankung zu leiden, an der er schließlich sterben würde. Am 27. Oktober 1925 verfaßte er deshalb ein Testament. In ihm legte er u. a fest, wo er bestattet werden wollte (auf dem Friedhof des kleinen Ortes Rauron im Schweizer Kanton Wallis) und wie er sich seine Grabstätte gestaltet wünschte: Fürs Grabmal sollte ein alter Grabstein wiederverwendet werden, und auf ihm sollte unter dem Wappen der Familie und seinem Namen der obige Spruch eingemeißelt werden. Er ist hier in der Fassung des handschriftlichen Testaments wiedergegeben. Auf dem Grabstein wurde er in Großbuchstaben eingemeißelt, so daß ein, wie sich erweisen wird, entscheidend wichtiges Detail der ursprünglichen Fassung nicht mehr kenntlich ist, nämlich die Großschreibung des Wortes „Niemand“.2

Der kurze Spruch ist über drei Zeilen verteilt. Er besteht aus einer Anrede („Rose“) und zwei ihr zugeordneten Appositionen. Die erste steht für die Aussage „Die Rose ist ein reiner Widerspruch“, die zweite bezeichnet sie als „Lust,| Niemandes Schlaf zu sein unter soviel| Lidern|||“. Das Wort „Lust“ schillert dabei seltsam zwischen objektiv-kausativer Bedeutung („etwas, was Lust macht“) – allein so scheint es mit „Rose“ verknüpfbar zu sein – und der subjektiv-psychologischen („Lustempfindung“), die sich von der folgenden Infinitiv-Konstruktion her aufdrängt.   Was die Verteilung des Textes über die drei Zeilen betrifft,...

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