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Goethes Wanderjahre in Lateinamerika und der Südsee

Dieter Strauss

«Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten erzählen hören», so ein Seufzer Ottilies in Goethes Wahlverwandtschaften. Aber auch die anderen großen Lateinamerika-Reisenden und Weltumsegler seiner Zeit waren Goethe bekannt. So zum Beispiel Georg Forster, der die zweite Weltumsegelung Kapitän Cooks mitgemacht hatte, oder auch der Vater des brasilianischen Bergbaus Wilhelm von Eschwege und berühmte Brasilienforscher wie Prinz Wied zu Neuwied oder die Bayern Spix und Martius. Diese Entdecker verführten ihn fast zu einer Auswanderung, es blieb jedoch bei Gedankenreisen nach Lateinamerika und in die Südsee – Träume, die sich auch in seinem Werk widerspiegeln. Mehr noch: Der Reisende und Wanderer Goethe ist mit seiner Begeisterung für die Neue Welt in Werken späterer Schriftstellerkollegen selbst zur literarischen Figur geworden.
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„Ein grandioses, freies, weites Land“

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Goethes Lateinamerika- und Südseebild (1)

Sie verstehen uns nicht, sie verstehen uns einfach nicht und sehen immer noch in uns den Mann mit Strohhut, Gitarre, Schnauzer und Revolver, (2) stöhnte einmal Gabriel Garcia Marquez. Und meinte damit uns heutige Europäer. Ganz Unrecht hatte er damit nicht. „Brasilien, Land der Zukunft“, nannte Stefan Zweig 1941 seinen Brasilienbericht und wurde mit seinem skizzierten Wunschbild ohne Ras­sen­probleme dem riesigen Land so gar nicht gerecht. Und Goethes Lateinamerika- und Südseebild, war das auch nur eine Utopie, eine Wunschprojektion? Was steckte hinter der grandiosen freien Weite, die er Brasilien bescheinigte? Ist seine Brasilienvorstellung auch für das übrige Lateinamerika repräsentativ?

Eins ist klar: Goethes Lateinamerikabild änderte sich im Laufe seines Lebens. Seine beiden Lieder „Todeslied eines Gefangenen“ und „ Liebeslied eines Wilden“ aus dem Jahre 1782 versetzen uns in die Neue Welt mit ihren zwei Seiten: Auf der einen Seite ist die Schlange im Liebeslied verführerisch schön und auf der anderen wüten im Todeslied Menschenfresser. Die waren spätestens seit Montaignes „Des Cannibales“ eine gängige Vorstellung für die Neue Welt, abgesehen von den Brasilienbeschreibungen Hans Stadens und Jean de Lérys, die in der herzoglichen Bibliothek in Weimar vorhanden waren. Im Mai 1782 besuchte dann der berühmt-berüchtigte Abbé Raynal, Autor des damals bekannten und diskutierten Buches „Histoire philosophique des Indes“ (1770) Weimar. Mit dieser Geschichte „zweier Indien“ sind einmal Asien und zum anderen Lateinamerika und die...

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