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Der Freiheitsbegriff bei Kant

Eine philosophische Untersuchung im Rückblick auf das christliche Freiheitsverständnis

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Igor Nowikow

Die kantische Freiheitsphilosophie stellt eine säkulare Fassung der christlichen Freiheitslehre dar. Diese hat zwei unterschiedliche Grundbegriffe der Freiheit herausgearbeitet: die Freiheit der Wahl zwischen Gut und Böse und die moralische Freiheit. Im Hauptstrom seiner Philosophie stellt Kant allerdings nur den letzten und nicht den ersten Freiheitsbegriff in den Mittelpunkt seines Interesses. Damit entzieht er seiner Moralphilosophie und seiner Rechtslehre ihr eigentliches Fundament und kann dieses Defizit nur in seiner Religionsschrift annähernd ausgleichen. Das umfassende Problem der Freiheit bei Kant diskutiert der Verfasser vor dem Hintergrund zweier, für das Christentum fundamentaler Freiheitslehren: der von Augustinus und der von Luther.
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Kapitel 2: Freiheit bei Luther

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Das Problem der Freiheit steht zu Beginn der Neuzeit im Mittelpunkt des reformatorischen Schaffens Martin Luthers (1483–1546). Luther betrachtet die Klärung der Frage nach der Willensfreiheit des Menschen als die „Hauptsache“ der Diskussion.196 Damit meint er konkret das Bedürfnis eines Nachweises, dass es die Willensfreiheit im Sinne einer Wahlfreiheit zwischen Gut und Böse nicht gibt. Luther charakterisiert deshalb den menschlichen Willen nicht als freien, sondern als „geknechteten Willen“.197 Es handelt sich allerdings bei ihm nicht lediglich darum, dass der gefallene Mensch sich ohne Gnade dem Guten nicht zuwenden kann – wie dies bei Augustinus der Fall war –, sondern darum, dass der Mensch von Gott als unfrei geschaffen wurde. Auf dieses entscheidende Moment weist Bernhard Lohse hin: „War schon von Augustin und vielen anderen die Unfreiheit des menschlichen Willens gegenüber der Gnade vertreten worden, so geht Luther in einem Punkt über die gesamte Tradition hinaus: er leitet die Unfreiheit des Willens nicht vom Sündenfall, sondern schon von der Geschöpflichkeit des Menschen ab.“198 Eben in dieser Idee dürfte das völlig neue – man möchte fast sagen: revolutionäre – Moment bei Luther bestehen.

Luther verzichtet jedoch auf den Freiheitsgedanken nicht gänzlich und entfaltet seine berühmte Lehre von der „Freiheit eines Christenmenschen“. Damit scheint er an die frühere christliche Tradition, mit der er durch die Leugnung der Willensfreiheit bricht, anzuknüpfen. Die Freiheit eines Christenmenschen könnte mit der augustinischen Freiheit des ewigen Lebens verglichen werden, denn beide sind...

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