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Der Freiheitsbegriff bei Kant

Eine philosophische Untersuchung im Rückblick auf das christliche Freiheitsverständnis

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Igor Nowikow

Die kantische Freiheitsphilosophie stellt eine säkulare Fassung der christlichen Freiheitslehre dar. Diese hat zwei unterschiedliche Grundbegriffe der Freiheit herausgearbeitet: die Freiheit der Wahl zwischen Gut und Böse und die moralische Freiheit. Im Hauptstrom seiner Philosophie stellt Kant allerdings nur den letzten und nicht den ersten Freiheitsbegriff in den Mittelpunkt seines Interesses. Damit entzieht er seiner Moralphilosophie und seiner Rechtslehre ihr eigentliches Fundament und kann dieses Defizit nur in seiner Religionsschrift annähernd ausgleichen. Das umfassende Problem der Freiheit bei Kant diskutiert der Verfasser vor dem Hintergrund zweier, für das Christentum fundamentaler Freiheitslehren: der von Augustinus und der von Luther.
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Kapitel 4: Freiheit im Kontext der erkenntnistheoretischen Schriften Kants

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Wilhelm Schapp weist mit Recht darauf hin, dass das philosophische Gewicht Kants auf der Kritik der reinen Vernunft beruhe.483 Die in dieser Kritik erarbeitete Neubegründung der Metaphysik wurde in Form eines Überblicks im vorausgegangenen Kapitel skizziert. Kant behandelt das Thema der Freiheit vor dem Hintergrund seiner Lehre vom Apriori, die er in der Kritik der reinen Vernunft im Hinblick auf die Erkenntnis der Sinnenwelt entfaltet. Mit dieser Lehre vollzieht er eine scharfe Trennung von reinem Denken und Wahrnehmung und glaubt, damit eine sichere Basis für seine Freiheitslehre gewonnen zu haben: Da es reines Denken gibt, lässt sich die Freiheit widerspruchsfrei denken. Das „reine Denken“ ist also im Kontext der Freiheitsproblematik bei Kant ein Schlüsselbegriff. Kants Lehre vom Apriori bildet die Grundlage seiner Zwei-Welten-Theorie und damit auch seiner Freiheitslehre, und aus diesem Grund muss sie im Folgenden etwas ausführlicher diskutiert werden.

Bevor auf die Einzelheiten dieser Lehre eingegangen wird, sei noch an die Grundthese Kants erinnert, die besagt, dass der Mensch nur das theoretisch zu erkennen vermag, was sinnlich wahrnehmbar ist. Die Sinnenwelt erweist sich damit als der einzige mögliche Gegenstand der Erkenntnis. „Gedanken ohne Inhalt sind leer“,484 lautet die berühmte Formulierung Kants, mit der er darauf aufmerksam machen will, dass das bloße Denken noch keine echte Erkenntnis zustande bringen kann. Das konstitutive Element der Erkenntnis ist, neben dem Denken, die Sinnlichkeit: „Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Objekt, worauf dieser seine Funktion anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse...

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