Show Less
Restricted access

Der Freiheitsbegriff bei Kant

Eine philosophische Untersuchung im Rückblick auf das christliche Freiheitsverständnis

Series:

Igor Nowikow

Die kantische Freiheitsphilosophie stellt eine säkulare Fassung der christlichen Freiheitslehre dar. Diese hat zwei unterschiedliche Grundbegriffe der Freiheit herausgearbeitet: die Freiheit der Wahl zwischen Gut und Böse und die moralische Freiheit. Im Hauptstrom seiner Philosophie stellt Kant allerdings nur den letzten und nicht den ersten Freiheitsbegriff in den Mittelpunkt seines Interesses. Damit entzieht er seiner Moralphilosophie und seiner Rechtslehre ihr eigentliches Fundament und kann dieses Defizit nur in seiner Religionsschrift annähernd ausgleichen. Das umfassende Problem der Freiheit bei Kant diskutiert der Verfasser vor dem Hintergrund zweier, für das Christentum fundamentaler Freiheitslehren: der von Augustinus und der von Luther.
Show Summary Details
Restricted access

Kapitel 6: Freiheit im Kontext der Rechtslehre Kants

Extract

In dem ersten Teil der 1797 erschienenen Schrift Die Metaphysik der Sitten, der den Titel Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre trägt, wendet sich Kant dem Thema des Rechts zu. Bei dieser Gelegenheit stellt er einen anderen Willensbegriff, als dies in seiner Moralphilosophie der Fall war, in den Mittelpunkt seines Interesses: die „Willkür“. Die Willkür ist „ein Vermögen, nach Belieben zu tun oder zu lassen“.931 Kant unterscheidet sie vom „Willen“, der „die praktische Vernunft selbst“ sei. Die menschliche Willkür sei frei, weil sie durch reine Vernunft bestimmt werden könne.932 Kant spricht in diesem Zusammenhang von der „freien Willkür“ bzw. „Freiheit der Willkür“.933 Nur die Willkür – und nicht der Wille – kann nach seiner Auffassung frei genannt werden, weil der Wille „nicht auf Handlungen, sondern unmittelbar auf die Gesetzgebung für die Maxime der Handlungen (also die praktische Vernunft selbst) geht“.934 Er konstatiert: „Von dem Willen gehen die Gesetze aus; von der Willkür die Maximen.“935

Kant wiederholt also und führt die Gedanken weiter aus, die er ansatzweise bereits 1781 in der Kritik der reinen Vernunft936 und später auch in der Kritik der praktischen Vernunft937 zum Ausdruck brachte. Ein gewisses Novum besteht allerdings darin, dass er nun im Unterschied zu seinen moralphilosophischen Schriften der 1780-er Jahre das Prädikat „frei“ nur für die Willkür, nicht aber für den Willen ← 191 | 192 → reserviert.938 Diese anscheinend unerhebliche Kleinigkeit markiert die Akzentverschiebung: Mit dem Begriff der...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.