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Personalbedarfsprognose im Gesundheits- und Pflegewesen

Eine berufs-, einrichtungs- und regionalspezifische Betrachtung für Deutschland

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Tobias Ehrhard

Gefährden zukünftige Personalengpässe im Gesundheits- und Pflegewesen die Sicherstellung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung? Der Autor widmet sich dieser zentralen gesundheitspolitischen Fragestellung und untersucht, wie sich die Personalnachfrage und das Personalangebot im Gesundheits- und Pflegewesen bis zum Jahr 2030 entwickeln könnten. Neu ist dabei die gemeinsame Analyse der für die gesundheitliche Versorgung wichtigen ärztlichen und nichtärztlichen Berufsgruppen, differenziert nach Qualifikationen, Bundesländern sowie nach Einrichtungen des Gesundheits und Pflegewesens. Die Arbeit stellt erstmals regional differenzierte und vergleichbare Ergebnisse zur Verfügung und zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der Messung des zukünftigen Personalbedarfs auf.
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2 Bedarfsplanung und -prognosen im Gesundheits- und Pflegewesen – Stand der wissenschaftlichen Diskussion

← 6 | 7 → 2 Bedarfsplanung und -prognosen im Gesundheits- und Pflegewesen – Stand der wissenschaftlichen Diskussion

Im größtenteils öffentlich finanzierten, und damit auch stark reglementierten Gesundheitswesen, haben vorausschauende und die Entwicklung antizipierende „Blicke“, gerade vor dem Hintergrund der Sicherstellung der Gesundheitsversorgung Tradition. Daraus sind im Laufe der Jahre u.a. Planungsinstrumente entstanden, deren Historie bis in die 1970er Jahre zurückreicht. Die beispielsweise zu jenem Zeitpunkt verankerte Bedarfsplanung der Vertragsärzte hatte damals – vor dem Hintergrund der Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens – primär die Intention, Überversorgung und damit Kostensteigerungen zu verhindern. Neben den reglementierenden bzw. eingreifenden Instrumenten, die eher kurz- bis mittelfristig angelegt sind, besteht darüber hinaus großer Bedarf, Wissen über die langfristige Entwicklung zu erlangen. Dieses Wissen ist für die strategische Steuerung des Gesundheitswesens unumgänglich.

Entsprechend werden in Kapitel 2.1 zunächst die institutionell verankerten Planungsrichtlinien bzw. -instrumente dargestellt. Daran anknüpfend werden in Kapitel 2.2 die neusten Studien und Prognosen in Bezug auf Personalbedarfs und Angebotsprojektionen diskutiert. Abschließend wird in Kapitel 2.3 der weitere Forschungsbedarf in diesem Themengebiet herausgearbeitet.

2.1 Planungsrichtlinien als steuernde Instrumente

In diesem Kapitel werden die für das Gesundheits- und Pflegewesen geltenden Richtlinien und Gesetze skizziert, in denen die Planung, insbesondere die Planung der personellen Ressourcen verankert ist. Im weiteren Verlauf des Kapitels wird anhand der Gliederung ersichtlich, dass die Planung für den ambulanten Bereich des Gesundheitswesens, für die Krankenhäuser sowie für die Pflegeeinrichtungen getrennt vorgenommen wird. Entsprechend sind unterschiedliche Institutionen für die Ausgestaltung und Durchführung der Planungsrichtlinien verantwortlich.

← 7 | 8 → 2.1.1 Bedarfsplanung der Vertragsärzte

Die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA)20 über die Bedarfsplanung sowie die Maßstäbe zur Feststellung von Überversorgung und Unterversorgung in der vertragsärztlichen Versorgung (Bedarfsplanungs-Richtlinie) trat zum ersten Mal im Jahr 1993 in Kraft und wurde stetig den sich verändernden Rahmenbedingungen angepasst. Die aktuellste Fassung ist am 06. September 2012 in Kraft getreten.21

Die zu Beginn der 90er Jahre eingeführte Bedarfsplanungsrichtlinie wurde aus Kostengründen und zur Sicherstellung der Finanzierbarkeit der gesetzlichen Krankenversicherung erlassen. Die steigenden Kosten des Gesundheitswesens wurden der zunehmenden Zahl praktizierender Ärzte zugeschrieben. Deshalb bestand das vorrangige Ziel der Bedarfsplanungsrichtlinie darin, Überversorgung in der ärztlichen Versorgung zu verhindern. Mit der Einführung von Obergrenzen sollte dies sichergestellt werden.22

Bis heute erfolgt auf Grundlage der vom G-BA erlassenen Richtlinie die praktische Durchführung der Planung durch die Kassenärztlichen Vereinigungen im Einvernehmen mit den gesetzlichen Krankenkassen. Sie stellen die Bedarfspläne zur Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung auf Landesebene auf und passen diese jeweils der Entwicklung an.23

Zentrales Entscheidungskriterium der Bedarfsplanung bzw. zur Feststellung von Über- oder Unterversorgung sind arztgruppenspezifische Verhältniszahlen. Diese werden grundsätzlich einheitlich als Relation von Gesamtzahl der Einwohner der Bundesrepublik Deutschland zur Zahl der zugelassenen Kassenärzte (unterteilt nach Fachgebieten24) zum Stand vom 31. Dezember 1990 bestimmt.25 Bei dieser Kennzahl handelt es sich demnach nicht um einen empirisch bestimmten und optimalen Versorgungsgrad mit medizinischen Leistungen, sondern lediglich um eine mathematisch festgelegte Verhältniszahl. Die auf die Rahmenbedingungen jenes Jahres zurückgehenden Verhältniszahlen haben im Zeitverlauf lediglich arztgruppenspezifische oder regionale Korrekturen erfahren.26 So wurden für bestimmte Arztgruppen (Fachrichtungen) Sonderregelungen getroffen, die etwa andere Jahre als Bemessungsgrundlage des Einwohner/Arzt Verhältnisses besitzen.27

← 8 | 9 → Als räumliche Dimension bzw. Planungsbereich werden dabei die kreisfreie Stadt, der Landkreis oder die Kreisregion in der Zuordnung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung gewählt. Diese werden je nach Bevölkerungsdichte in insgesamt zehn Regionstypen (Raumgliederung) eingeteilt, um den Anforderungen verschiedener Regionen gerecht zu werden.28

Durch die ausführenden Organe werden für jeden Planungsbereich und für jede Arztgruppe jährlich Planungsblätter erstellt, beginnend mit dem Stand 31. Dezember 1993.29 Für jede Arztgruppe in Verbindung mit dem Regionstyp (Raumgliederung) werden dementsprechend bestimmte Verhältniszahlen (Einwohner/Arztrelation) für den allgemeinen Versorgungsgrad als Ausgangsrelationen für die Feststellung von Überversorgung oder Unterversorgung bestimmt. Eine Übersicht über die geltenden ärztlichen Verhältniszahlen findet sich in Abbildung A-1 im Anhang. Diese Verhältniszahlen entsprechen einem Versorgungsgrad von 100 Prozent. Anhand dieser Größe wird geprüft und entschieden, ob ein Planungsbereich offen oder gesperrt ist.

Neben der möglichen Berücksichtigung von regionalen und arztgruppenspezifischen Besonderheiten durch Korrekturfaktoren gelten bei der Feststellung von Über- oder Unterversorgung bestimmte Richtwerte.

Ein Planungsbereich wird gesperrt, wenn die allgemeine Verhältniszahl um zehn Prozent größer als die konkrete örtliche Einwohner/Arzt-Relation (110-Prozent-Grenze) ist. In diesem Fall wird von einer bestehenden Überversorgung gesprochen und der jeweilige Planungsbereich wird für Neuansiedlungen von Vertragsärzten gesperrt. Eine Überprüfung der Sperrung findet spätestens nach sechs Monaten statt. Sinkt der Versorgungsgrad jedoch unter die 110-Prozent-Grenze, wird die Zulassungsbeschränkung teilweise ausgesetzt, der Planungsbereich ist partiell entsperrt. Für diejenige Arztgruppe, für die sich der Versorgungsgrad geändert hat, sind entsprechend wieder Neuzulassungen möglich. Dagegen wird ein Planungsbereich in dem der Versorgungsgrad dauerhaft unter der 110-Prozent-Grenze liegt, als offener Planungsbereich bezeichnet, d.h. es besteht keine Zulassungsbeschränkung, die freie Niederlassung für beliebig viele Ärzte ist möglich.30

← 9 | 10 → Von Unterversorgung wird erst bei deutlichem Abweichen vom bestimmten Versorgungsgrad gesprochen. Bei den Hausärzten muss der „optimale“ Versorgungsgrad um mehr als 25 Prozent unterschritten werden, bei den Facharztgruppen sind sogar mehr als 50 Prozent notwendig. Neben diesen drei Kategorien gibt es Sonderregelungen für den lokalen Versorgungsbedarf31, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll.

Die kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) setzt sich neben anderen Institutionen für eine grundlegende Überarbeitung der derzeitigen Bedarfsplanung ein. Demnach muss die Bedarfsplanung eine weitere Flexibilisierung erfahren, um über die stärkere Berücksichtigung von demografischen Faktoren und Morbiditätskennzahlen den regionalen Besonderheiten besser Rechnung tragen zu können. Dazu sieht die KBV u.a. eine Ausweitung auf 21 anstatt der bisher 14 ärztlichen Planungsgruppen vor. Dadurch können auch Arztgruppen mit weniger als 1.000 Ärzten berücksichtigt werden. Ebenso sollte die Aufteilung der Planungsbereiche überdacht werden. Die KBV betont, dass die derzeitige Aufteilung für bestimmte Arztgruppen, wie beispielsweise Hausärzte, zu groß, für hoch spezialisierte Fachärzte hingegen zu klein sei. Hier würde sich eine zusätzliche Trennung und deutlichere Differenzierung in der räumlichen Planung zwischen haus- und fachärztlicher Versorgung anbieten. Im Zuge dessen müssen die Verhältniszahlen auf den aktuellen Stand angepasst werden und die Grenzwerte für Über- oder Unterversorgung ebenfalls der flexibleren Bedarfsplanung angepasst werden.32

Anknüpfend an die Verabschiedung des GKV-Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) und die darin beschlossene Neuordnung der ärztlichen Bedarfsplanung hat das IGES Institut im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ein Konzept zur Neuordnung erarbeitet, das Mitte 2012 veröffentlich wurde.33 Darin werden im Wesentlichen die Forderungen einer flexibleren und differenzierten Bedarfsplanungsrichtlinie umgesetzt, die eine bessere Ausrichtung der ärztlichen Behandlungskapazitäten am regionalen Versorgungsbedarf ermöglicht. Ziel ist es, das Gefälle in der Versorgungssituation zwischen ländlichen Regionen und Ballungsgebieten abzubauen.34 Das vorgeschlagene Konzept sieht eine Neubestimmung der Norm-Verhältniszahlen – und damit stärkere Orientierung am regionalen Versorgungsbedarf – unter Einbeziehung bedarfsbezogener Determinanten vor. Zu diesen Determinanten gehören die Einwohnerzahl sowie alters-, geschlechts- und morbiditätsspezifische Faktoren.35

← 10 | 11 → Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die arztgruppenspezifischen Verhältniszahlen als Einwohner-Ärzte-Relation das zentrale Entscheidungskriterium der Bedarfsplanung darstellen. Neben den Arztgruppen findet eine zusätzliche Differenzierung der Verhältniszahlen nach insgesamt 10 Regionstypen statt. Mit der jetzigen Fassung der Bedarfsplanungsrichtlinie ist es bisher nicht im ausreichenden Maße gelungen, das Versorgungsgefälle zwischen ländlichen und urbanen Regionen zu verringern. Aus diesem Grund ist eine Weiterentwicklung hin zu einer flexibleren Planungsrichtlinie notwendig.

2.1.2 Krankenhausplanung der Länder

Im Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) werden die Bundesländer verpflichtet, im Sinne einer Gewährleistung einer bedarfsgerechten Versorgung mit leistungsfähigen und eigenverantwortlich wirtschaftenden Krankenhäusern, Krankenhauspläne aufzustellen.36 Dazu stellen die Länder Krankenhauspläne und Investitionsprogramme auf.37

Die auf Landesebene zuständigen Stellen prognostizieren den zukünftigen Bettenbedarf eines Bundeslandes. Dazu wird überwiegend die sogenannte Hill-Burton-Formel verwendet, die seit rund 60 Jahren Verwendung findet und eine der bekanntesten und am längsten verwendeten Methoden der Bettenplanung darstellt. In die aus den USA stammende Formel fließen als Determinanten Einwohnerzahl, Verweildauer, Krankenhaushäufigkeit und Bettennutzungsgrad (Auslastungsgrad) ein. Auf eine genaue Definition der Kennzahlen wird an dieser Stelle verzichtet, sie finden sich im Anhang unter Abbildung A–2.38

Aufgrund der notwendigen Anpassung der Bettenplanung an die sich ändernden Rahmenbedingungen wurden in den zurückliegenden Jahren im Rahmen verschiedener Gutachten alternative bzw. ergänzende Methoden in der Bettenbedarfsermittlung vorgeschlagen, die sich mehr oder weniger erfolgreich in der Krankenhausplanung der Bundesländer durchgesetzt haben.

So ergänzt das Gutachten von Dornier und IGES die Hill-Burton-Formel um einen Morbiditätsfaktor, der die Entwicklung der Krankheiten (Diagnosearten) abzubilden versucht, um so den Bettenbedarf für einzelne Fachrichtungen besser prognostizieren zu können. Auch das Gutachten von Rüschmann (Gesellschaft für Systemberatung im Gesundheitswesen) verwendet einen Morbiditätsfaktor, bezieht diesen allerdings auf einen leistungsorientierten Ansatz.39

← 11 | 12 → Ein weiterer Ansatz vom Institut für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) unterstellt dagegen gleichbleibende Morbidität nach Alter und Geschlecht, bezieht allerdings eine Bevölkerungsvorausberechnung in das Prognosemodell mit ein. Darauf aufbauend berücksichtigen BASYS und I+G in ihrem Gutachten nicht nur die krankenhausbezogene Morbidität, sondern auch die bevölkerungsbezogene Morbidität. Vorrangiges Ziel dieser Methode ist es, einen Zusammenhang von Morbidität und Krankenhausinanspruchnahme herzustellen und so neue Erkenntnisse zu gewinnen. Die Ermittlung des zukünftigen Bettenbedarfs steht nicht im Fokus des Gutachtens.40

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass in allen Bundesländern maßgeblich die Fallzahl, Verweildauer, Bettenzahl je Fachgebiet und Krankenhaus im Planungsbezirk im Vordergrund stehen. Insbesondere hinsichtlich der vorgegebenen Normauslastung (Bettennutzungsgrad), der Planungstiefe und dem Planungshorizont unterscheiden sich die bundeslandspezifischen Krankenhauspläne. Die wesentliche Erkenntnis für diese Arbeit ist jedoch, dass die Krankenhausplanung vor allem der mittelfristigen Finanzplanung der Länder dient, in der objektbezogen die Mittel für Krankenhausinvestitionen festgelegt werden.41 Eine Personalkomponente ist in den bundeslandspezifischen Krankenhausplänen nicht vorgesehen.

2.1.3 Personalbemessung im Pflegewesen

In § 75 des 11. Sozialgesetzbuches ist in Absatz 1 geregelt, dass auf Bundeslandebene verbindliche Rahmenverträge zwischen den Landesverbänden der Pflegekassen und den Vereinigungen der Träger der ambulanten oder stationären Pflegeeinrichtungen geschlossen werden, die „eine wirksame und wirtschaftliche pflegerische Versorgung der Versicherten“ sicherstellen.42 Neben Umfang und Abrechnung der Pflegeleistungen werden in diesen Verträgen insbesondere auch

← 12 | 13 → „Maßstäbe und Grundsätze für eine wirtschaftliche und leistungsbezogene, am Versorgungsauftrag orientierte personelle und sächliche Ausstattung der Pflegeeinrichtungen“43

festgelegt. Bezüglich der personellen Ausstattung sieht das Gesetz zum einen landesweite Verfahren zur Ermittlung des Personalbedarfs vor, dies sind in Deutschland oder international erprobte Verfahren, ohne dass diese im Gesetzestext genauer beschrieben werden. Zum anderen besteht die Möglichkeit, die Ausstattung mit personellen Ressourcen über die Festlegung von landesweiten Personalrichtwerten zu regeln. Diese Richtwerte definieren sich aus dem Verhältnis von der Zahl der Heimbewohner zu der Zahl der Pflege- und Betreuungskräfte (in Vollzeitkräfte) und werden nach Pflegestufen differenziert. Es besteht die Möglichkeit, für diese Personalrichtwerte auch eine Bandbreite zu vereinbaren.44 Außerdem wird in diesen Rahmenverträgen der regionale Einzugsbereich der Pflegeeinrichtungen festgelegt, um den lokalen Versorgungsbedarf sicherstellen zu können.45

Das Gesetz gibt somit nur den Rahmen für die Personalbemessung in den Bundesländern vor und überlässt die Ausgestaltung den beteiligten Institutionen auf Bundeslandesebene. Die sich aus den Rahmenverträgen ergebende Personalrichtwerte sind in Tabelle A-1 im Anhang dargestellt.

2.1.4 Zwischenfazit

Die zuvor skizzierten Planungsrichtlinien der ambulanten und stationären Versorgung des Gesundheits- und Pflegewesens lassen erkennen, dass es sich im Grunde um zwei unterschiedliche Systeme der Bedarfsplanung handelt. Während die Planung der Vertragsärzte und auch die Planungsrichtlinien im Pflegewesen personalorientiert sind, handelt es sich bei der Krankenhausplanung um einen bettenorientierten Ansatz, in dem keine Personalplanung verankert ist. Grundsätzlich besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit sowie Art und Umfang dieser Planungsinstrumente. Sie stellen allerdings vielmehr regulierende Instrumente dar, die durch statische Personalkennzahlen die personelle Ausstattung der relevanten Einrichtungen regeln. Vor diesem Hintergrund bleibt es fraglich, ob beispielsweise eine Modifizierung der ärztlichen Bedarfsplanung ausreicht, die Unterversorgung in diesem Bereich wirkungsvoll zu verhindern.46 Darüber hinaus beziehen sich die Richtlinien auf einzelne Teilsektoren des Gesundheitsund ← 13 | 14 → Pflegewesens, Schnittstellen existieren keine. Ob sich damit langfristig die Sicherstellung der sektorenübergreifenden Grundversorgung gewährleisten lässt, kann an dieser Stelle nicht abschließend beurteilt werden.

Dennoch kann zusammenfassend festgehalten werden, dass sich mit den angewendeten Planungsrichtlinien und -instrumenten – in ihrer jetzigen Form – ganz offensichtlich nicht die Frage beantworten lässt, welche Entwicklung der Personalsituation im Gesundheits- und Pflegewesen langfristig zu erwarten ist. Methodisch bedingt können diese Informationen aus den statischen und regulierenden Instrumenten nicht abgeleitet werden. Hinzu kommt, dass der Prognosehorizont sehr kurz ist, sofern überhaupt ein mehrjähriger Planungshorizont angestrebt wird. Außerdem werden nur bestimmte Personengruppen betrachtet. Selbst im Rahmen der Bedarfsplanung der Vertragsärzte werden beispielsweise nicht alle in der ambulanten Behandlung tätigen Ärzte berücksichtigt. Im Jahr 2011 waren knapp 15% der Ärzte als angestellte Ärzte oder als Privatärzte tätig.47 Krankenhausärzte, die per se nicht an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, werden gar nicht berücksichtigt.

Zur Beantwortung der Frage der zukünftigen Personalsituation im Gesundheits- und Pflegewesen sind in der Vergangenheit deshalb regelmäßig Personalbedarfsprognosen durchgeführt worden. Das folgende Kapitel stellt eine Auswahl von aktuellen und längerfristigen Bedarfsprognosen vor.

2.2 Bedarfsprognosen als ergänzende Analysen

In diesem Kapitel werden längerfristige Personalbedarfsprognosen für das Gesundheits- und Pflegewesen vorgestellt. Die Auswahl erfolgte anhand der Aktualität der Studien und der Aufmerksamkeit, die sie in der wissenschaftlichen Diskussion erfahren haben. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Grundsätzlich findet in der Literatur eine Fokussierung auf bestimmte Berufsgruppen statt. In den nachfolgenden Studien wird stets zwischen einer Betrachtung von ärztlichem und nichtärztlichem bzw. pflegerischem Personal getrennt.48 Aus diesem Grund erfolgt in den folgenden Kapiteln eine getrennte Darstellung dieser beiden Untersuchungsgebiete.

← 14 | 15 → 2.2.1 Bedarfsprognosen für ärztliche Berufe

Unter dem Titel „Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung“ wurde von der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im Jahr 2010 die 5. aktualisierte Auflage dieser Reihe veröffentlicht.49 Wie der Titel bereits suggeriert, handelt es sich primär um eine Analyse der ärztlichen Angebotsstruktur. Als Datengrundlage dienen die Ärztestatistiken der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung. Neben einer umfangreichen Status Quo Analyse der Altersstruktur der Ärzte bis zum Jahr 2009 wird die Entwicklung des ärztlichen Nachwuchses aufgezeigt. Diese wird maßgeblich anhand der Zahl der Medizinstudenten, der Entwicklung der Zahl der Absolventen, Approbationen und Facharztanerkennung analysiert.50

Ausgehend von der aktuellen Angebotsstruktur wird ein Ausblick auf die zukünftige Entwicklung im ambulanten und stationären Sektor der Gesundheitsversorgung gegeben. Für die zukünftige Angebotsentwicklung im ambulanten Sektor stellt der Autor die Bruttoabgänge, d.h. die altersbedingt ausscheidenden Ärzte heraus. Diese Ersatzbedarfe aller im vertragsärztlichen Bereich tätigen Ärzte belaufen sich laut dieser Schätzung bis zum Jahr 2020 auf 51.774 Ärzte.51

Neben den Bruttoabgängen erfolgt ebenfalls eine Schätzung der bis zum Jahr 2020 zu erwartenden Beschäftigten in den genannten Arztgruppen. Aus der Studie geht allerdings nicht hervor, welche Entwicklungen – neben den Bruttoabgängen – dieser Schätzung zugrunde liegen. Zwar werden die zurückliegenden Entwicklungen hinsichtlich der Zugänge oder Facharztanerkennung bis zum Jahr 2009 aufgezeigt, in welchem Umfang bzw. mit welcher Annahme diese in die Prognose einfließen, wird nicht erläutert. Für den stationären Sektor sind quantitative Prognosen nicht in diesem Umfang möglich. Allerdings wird auch hier anhand der aktuellen Altersstruktur ein Ersatzbedarf von knapp 20.000 Ärzten bis zum Jahr 2020 errechnet.52

Insgesamt handelt es sich bei dieser Prognose um eine reine Betrachtung des ärztlichen Angebots, in dem ausgehend von der Altersstruktur, die Ersatzbedarfe bestimmt werden. Dabei findet keine Justierung der Bedarfe durch die Nachfrageseite statt, vielmehr wird davon ausgegangen, dass der heutige Status-Quo gehalten werden soll. Es wird darüber hinaus rein qualitativ argumentiert, dass bereits offensichtlich ein Ärztemangel besteht und die Personallücke in der ambulanten und stationären ärztlichen Versorgung in Zukunft immer größer werden wird.53 Begründet wird dies unter anderem mit dem medizinischen Fortschritt, der – vereinfacht ausgedrückt – neben seiner positiven lebensverlängernden und leidensreduzierenden Wirkung auf die Patienten auch ein ganz neues Volumen medizinischer Leistungen erzeugt, die vorher nicht bekannt oder nicht durchführbar waren. Diese Expansion des medizinisch Möglichen in Verbindung mit einem gesteigerten Anspruch an den Gesundheitszustand induziert einen zusätzlichen Ärztebedarf.54 Aber auch dem demografischen Wandel und seinen Folgen für die Gesundheitsversorgung (Stichwort: Multimorbidität) wird seitens des Autors eine nachfragesteigernde Wirkung zugesprochen. Auf der Angebotsseite führt die Feminisierung der ärztlichen Profession, d.h. der steigende Frauenanteil in den ärztlichen Berufen, zu rückläufigen Arbeitsvolumina. Frauen leisten statistisch belegbar durchschnittlich weniger Wochenstunden als ihre männlichen Kollegen. Die immer noch dominante Rolle der Frau bei der Familienplanung spiegelt sich in dieser Statistik wider.55 Abschließend macht der Autor die steigenden Beschäftigungsmöglichkeiten von Ärzten außerhalb des Gesundheitswesens, etwa in der Pharmaindustrie, für den steigenden Personalmangel in ärztlichen Berufen verantwortlich.56

← 15 | 16 → Auf den Ergebnissen der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung teilweise aufbauend, wurde vom Deutschen Krankenhausinstitut (DKI) eine umfassende Studie für die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) durchgeführt, die den aktuellen und zukünftigen Ärztemangel in Krankenhäusern untersucht. Für diese Arbeit sind insbesondere die folgenden Ziele der Studie von Interesse:57

Detaillierte Analyse des aktuellen Ärztebedarfs bzw. des Ärztemangels nach Krankenhausmerkmalen und Arztmerkmalen

Prognose des Ärztebedarfs bzw. -mangels bis zum Jahr 2019

In der Studie werden beide Fragen mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen beantwortet. Für die Analyse des aktuellen Ärztemangels wurde eine schriftliche Repräsentativbefragung von Krankenhäusern durchgeführt. Dabei wird der aktuelle Ärztemangel über offene und wegen Mangels geeigneter Bewerber nicht besetzbare Arztstellen gemessen.58 Die Prognosen bis zum Jahr 2019 bauen dagegen auf einer sekundärstatistischen Analyse auf, die insbesondere folgende Einflussgrößen berücksichtigen:59

← 16 | 17 → • Ersatzbedarf

Mehrbedarf

Zugang neuer Ärzte

Hinsichtlich der Messung des Ersatzbedarfes bedient sich die Studie an den Ergebnissen der regelmäßig erscheinenden Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung der Bundesärztekammer (BÄK) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).60 Insgesamt wird aus dieser Studie ein Ersatzbedarf von 108.260 Ärzten bis zum Jahr 2019 abgeleitet. Dieser setzt sich aus altersbedingt ausscheidenden Ärzten aus Krankenhäusern und Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen, aus vertragsärztlicher ambulanter Versorgung, aus Behörden und Körperschaften und aus sonstigen ambulant tätigen Ärzten zusammen. In der Summe der Ersatzbedarfe ist ebenfalls der negative Wanderungssaldo von Ärzten – also die Abwanderung ins Ausland – von rund 11.300 Ärzten bis zum Jahr 2019 enthalten.61

Den Mehrbedarf, also den vom aktuellen Status-Quo ausgehenden zusätzlichen Bedarf, beziffern die Autoren bis zum Jahr 2019 auf 30.830 Ärzte.62 Er wird durch Berücksichtigung der aktuell offenen Stellen, dem demografisch bedingten Mehrbedarf sowie über die Steigerung der Teilzeitquote quantifiziert. Die aktuell offenen Stellen entstammen der eigenen Umfrage, wonach zum Zeitpunkt der Erhebung etwa 5.500 Vollzeitstellen in deutschen Krankenhäusern nicht besetzt werden konnten. Unter Berücksichtigung der seinerzeit geltenden „Vollzeitquote“63 entspricht dies rund 6.000 benötigten Ärzten. Darüber hinaus sind laut der Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung der BÄK und KBV rund 3.600 Vertragsarztsitze zum Untersuchungszeitpunkt nicht besetzbar und werden in die offenen Stellen mit aufgenommen. Für die restlichen Bereiche des Gesundheitswesens stehen diesbezüglich keine verlässlichen Daten zur Verfügung, folglich gehen die Autoren von einer Unterschätzung der Zahl der offenen Stellen aus.64

← 17 | 18 → Der demografisch bedingte Mehrbedarf, getrieben durch die Alterung der Gesellschaft, wird für den stationären Bereich in einer steigenden Zahl der Krankenhausfälle begründet. Die Autoren nutzen zur Quantifizierung dieses Mehrbedarfs die Prognosen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder.65 Darin ist die Zahl der zu erwartenden Krankenhausfälle bis zum Jahr 2030 anhand den Szenarien „Status-Quo“ und „sinkender Behandlungsquoten“66 quantifiziert, die als Unter- bzw. Obergrenzen der möglichen Entwicklung definiert werden können. Für die Berechnung des Mehrbedarfs wird explizit unterstellt, dass das Verhältnis von Ärzten zu Krankenhausfällen konstant bleibt und vereinfachend angenommen, dass die tatsächliche Entwicklung dem mittleren Wert zwischen beiden Szenarien entspricht. Daraus ergibt sich ein demografisch bedingter Mehrbedarf von 3,5% bzw. rund 4.880 Ärzten bezogen auf die beschäftigten Krankenhausärzte im Jahr 2008.67 Bis zum Jahr 2019 werden für die Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen sowie für die ambulante ärztliche Versorgung die gleichen Zuwachsraten unterstellt.68

Die letzte Komponente des Mehrbedarfs stellt die in den zurückliegenden Jahren beobachtbare Zunahme der Teilzeitarbeit dar. Daraus folgt c.p. ein steigender Mehrbedarf an „Köpfen“. Um diesen Trend für die Zukunft zu quantifizieren, schreiben die Autoren die in den Jahren 2004 bis 2008 beobachtbare Zunahme der auf Teilzeit basierenden Beschäftigungsverhältnisse bis zum Jahr 2019 linear fort. Im Ergebnis bedeutet dies eine Zunahme der in Teilzeit tätigen Krankenhausärzte um 10.270 Personen, in Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen sind es dagegen nur rund 920 Ärzte.69 Aus diesen Zahlen wird direkt auf den Mehrbedarf geschlossen.70 In wie weit sich diese Teilzeitbeschäftigung auf den Mehrbedarf auswirkt bzw. mit welcher Vollzeitquote diese Teilzeitbeschäftigung in den Mehrbedarf eingeht, wird nicht ersichtlich. Es scheint, als würde die Zunahme der Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse zu einem Mehrbedarf in gleichem Umfang führen.

← 18 | 19 → Als drittes Element der Prognose berücksichtigen die Autoren neben den Ersatz- und Mehrbedarfen die Zugänge neuer Mediziner aus den Reihen der Studienabsolventen. Weitere Gruppen werden nicht berücksichtigt bzw. sind implizit in anderen Kenngrößen enthalten oder sind zu vernachlässigen.71 Zur Prognose der Zugänge aus Studienabsolventen des Medizinstudiums gehen die Autoren von einer Studiendauer von 12 Semestern aus und schreiben die tatsächliche Anzahl der Erstsemesterstudenten bis zum Jahr 2008 so in die Zukunft fort. Dieser letzte Jahrgang wird demnach das Studium im Jahr 2013 beenden. Für die Absolventen ab dem Jahr 2014 werden die Erstsemesterstudenten ab 2008 (13.510) konstant fortgeschrieben. Im besten Fall könnten so bis zum Jahr 2019 rund 145.300 Neuzugänge in den ärztlichen Berufen zur Verfügung stehen. Da aber erfahrungsgemäß nicht alle Anfänger ihr Medizinstudium erfolgreich beenden bzw. direkt nach der Beendigung in andere, nicht zur medizinischen Versorgung gehörende Bereiche abwandern, verwenden die Autoren zur Prognose der tatsächlich zur Verfügung stehenden Absolventen der Jahre 2009 bis 2019 sog. Drop-out-Raten, die diesen Verlust von Medizinstudenten und Absolventen darstellen. Sie geben dabei Werte von 15%, 30% und 45% vor, wobei sich die beiden letzten Werte an der Variationsbreite der tatsächlichen Drop-out-Raten seit dem Jahr 2000 orientieren. Als realistisches Szenario wird ein Drop-Out von 30% angesehen, so dass bis zum Jahr 2019 mit rund 101.700 Zugängen zu rechnen sein könnte.72

Nach Zusammenfügen von Ersatzbedarf und Mehrbedarf auf der einen und Zugänge neuer Ärzte auf der anderen Seite ergibt sich für das Jahr 2019 das in Tabelle 2-1 dargestellte Ergebnis. An dieser Stelle sei erwähnt, dass es sich bei diesem Vorgehen um eine Fortschreibung des Status-Quo handelt, der per Definition mindestens gehalten werden sollte. Die Frage, ob dieser Status-Quo insgesamt bedarfsgerecht ist, beantwortet die verwendete Methodik nicht, da es zur Beurteilung an geeigneten Maßstäben mangelt.73

← 19 | 20 → Tab. 2-1: Ergebnisse der Prognose des Ärztemangels bis 2019

SzenarienÄrzte
Bedarf an Neuzugängen bis 2019 
Ersatzbedarf108.260
Mehrbedarf30.830
Summe Bedarf an Neuzugängen bis 2019139.090
Neuzugänge aus dem Medizinstudium bis 2019 
Drop-out 0%145.320
Drop-out 15%123.520
Drop-out 30%101.720
Drop-out 45%79.930
Ärztemangel 2019 (Zugänge – Bedarf an Neuzugängen) 
Drop-out 0%6.230
Drop-out 15%-15.570
Drop-out 30% (Status-quo-Szenario)-37.370
Drop-out 45%-59.160

Quelle: Blum/Löffert (2010), S. 35.

Um die aus der Fortschreibung des Status-Quo und den sich daraus ergebenden Ersatz- und Mehrbedarfen entstehende Personallücke im ärztlichen Dienst zu schließen, werden 139.090 Neuzugänge bis 2019 benötigt. Im Falle des Szenarios mit 30% Drop-Out-Rate kommen nur 101.720 Neuzugänge hinzu, so dass im Jahr 2019 rund 37.400 Ärzte fehlen könnten. Dieser Mangel vergrößert bzw. verkleinert sich je nach angenommener Drop-Out-Rate. Eine kurzfristige Reduzierung der Drop-Out-Rate auf 15% erscheint den Autoren nicht realistisch. Verschärft sich dagegen der aktuelle Trend, dass immer mehr Mediziner in andere prosperierende Teilbereiche der Gesundheitswirtschaft wie etwa die Pharmaindustrie abwandern, könnte sich die Drop-Out-Rate weiter verschlechtern. Im hier angenommen Szenario mit 45% stiege der Ärztemangel sogar auf über 59.000 Ärzte im Jahr 2019.74

Im Vergleich zur Bedarfsprognose der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung werden hier zum einem mehr und wesentliche Einflussfaktoren auf der Angebotsseite berücksichtigt, zum anderen wird ein nachfrageinduzierter Mehrbedarf in die Berechnung mit einbezogen. Es bleibt offen, warum die gesamte Berechnung nicht in Vollzeitäquivalenten durchgeführt wurde. Gerade bei den Neuzugängen der Medizinstudenten wird es durch den hohen Frauenanteil in Zukunft zu einem steigenden Teilzeitanteil kommen, der zu Verzerrungen der hier in „Köpfen“ vorgestellten Ergebnissen führen ← 20 | 21 → kann. Zwar geben die Autoren an, diese zunehmende Anzahl der Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse im Mehrbedarf zu berücksichtigen, allerdings erscheint anhand der vorliegenden methodischen Erklärungen die reine Addition dieser Beschäftigungsverhältnisse als Teil des Mehrbedarfs nicht schlüssig. Aus methodischer Sicht erscheint es sinnvoller, alle Größe in Vollzeitäquivalente zu transformieren, bevor sie aggregiert werden. Dann hätte bei der Berücksichtigung der Neuzugänge lediglich die Vollzeitquote dem Trend folgend reduziert werden müssen. Es bleibt auch offen, warum an dieser Stelle überhaupt von der Methodik der Status-Quo Prognose abgewichen und ein zukünftiger Trend antizipiert wurde. Mit dem Festlegen der Vollzeitquote auf den aktuellen Status-Quo wäre der eigenen Berechnungslogik mehr Rechnung getragen worden.

Neben diesen beiden, auf Deutschland ausgelegten Prognosen, gibt es eine Reihe regionaler Bedarfsprognosen, die von den kassenärztlichen Vereinigungen in den Bundesländern durchgeführt wurden. Diese ermitteln beispielsweise ausgehend von der aktuellen Altersstruktur der Facharztgruppen und unter der Annahme, dass diese mit 68 Jahren aus der Versorgung ausscheiden, den Nachbesetzungsbedarf bis zum Jahr 2020.75 Ergänzend dazu werden auch Bevölkerungsvorausberechnungen herangezogen, um für das Jahr 2020 einen fiktiven Versorgungsgrad (vgl. Kapitel 2.1.1.) zu ermitteln, aus dem sich – korrigiert um die altersbedingt ausscheidenden Ärzte – die Versorgungslücke ableiten lässt.76

2.2.2 Bedarfsprognosen für pflegerische Berufe

In ihrer Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 „Pflege im Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage“ bestimmen Hackmann und Moog die Anzahl der zu erwartenden Pflegefälle und der für die informelle Pflege zur Verfügung stehenden Pflegepersonen77 bis zum Jahr 2050. Aus dem Personalbedarf zur Versorgung aller Pflegefälle und der zur Verfügung stehenden informellen Pflegekräfte leiten sie den Bedarf nach professionellen Pflegekräften ab.78

← 21 | 22 → Als Einflussfaktoren zur Quantifizierung der Anzahl der Pflegepersonen berücksichtigen die Autoren die demografische Entwicklung, die Erwerbsbeteiligung, die Zusammenlebenswahrscheinlichkeit mit einem Partner und die Pflegehilfewahrscheinlichkeit. Die demografische Entwicklung wirkt sowohl auf das Angebot als auch auf die Nachfrage nach (informellen) Pflegekräften. Die Autoren schätzen, dass sich die Zahl der Pflegefälle von rund 2,1 Mio. zum Betrachtungszeitpunkt auf 4,4 Mio. Fälle bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird – bei demografisch bedingtem Schrumpfen des generellen Arbeitsangebots.79

Die anderen Determinanten beeinflussen das Angebot von Pflegepersonen. Dabei ist zum einen die zukünftige Erwerbsbeteiligung in Verbindung mit dem Umfang von Teilzeitbeschäftigung von Bedeutung. Ab einem gewissen Umfang kann informelle Pflege nur von nicht erwerbstätigen Personen bzw. Teilzeitbeschäftigten erbracht werden. Da bei Frauen sowohl die Erwerbsbeteiligung geringer, als auch die Teilzeitbeschäftigung wesentlich größer sind als bei Männern, ist die informelle Pflege seit jeher eine Frauendomäne. Aus diesem Grund berechnen die Autoren alters- und geschlechtsspezifische „Potentialerwerbsquoten“ bis zum Jahr 2050, die auf Daten des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) aufbauen. Als Ergebnis einer steigenden Erwerbsbeteiligung der Frauen bis zum Jahr 2050 sinkt das potenzielle Angebot an Pflegepersonen für die informelle Pflege.80

Eine weitere entscheidende Determinante auf das Angebot informeller Pflegekräfte wird mit der Zusammenlebenswahrscheinlichkeit von Ehepartnern bzw. nichtehelichen Lebensgemeinschaften beschrieben. Darunter verstehen die Autoren das Vorhandensein eines Partners, der Pflegetätigkeiten übernehmen kann. Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigen, dass sich bis zum Jahr 2030 die Zusammenlebenswahrscheinlichkeiten – als Folge einer steigenden Scheidungsrate und rückläufiger Heiratswahrscheinlichkeit – über alle Alters- und Geschlechtergruppen deutlich reduziert. Hackmann und Moog schreiben die Wahrscheinlichkeiten des Jahres 2030 für den Zeitraum 2030 bis 2050 konstant fort. Bis zum Jahr 2050 wird sich so das Angebot an informeller Pflege, die aus der Übernahme von Pflegetätigkeiten durch den Lebenspartner resultiert, deutlich reduzieren.81

Als letzte Determinante des Angebots berücksichtigen die Autoren die Pflegehilfewahrscheinlichkeit. Darunter wird die Wahrscheinlichkeit verstanden, mit der ein Partner bei zunehmendem Alter die Versorgung seines pflegebedürftigen Partners übernehmen kann. Vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft ← 22 | 23 → wird so dem Umstand Rechnung getragen, dass der nichtpflegebedürftige Lebensgefährte mit zunehmendem Alter nicht mehr zur Pflege des Pflegebedürftigen imstande ist.82

Im Modell von Hackmann und Moog werden jedoch nicht alle möglichen (Verwandtschafts-) Beziehungen zwischen Pflegebedürftigem und informeller Pflegekraft untersucht, sondern die Autoren beschränken sich auf die intragenerative Pflege durch einen Ehe- oder Lebenspartner sowie die intergenerative Pflege durch die Kinder des Pflegebedürftigen. Die daraus resultierenden Abweichungen zwischen Modell und Empirie hinsichtlich der Anzahl der informellen Pflegekräfte machten eine Kalibrierung auf das Jahr 2005 notwendig. Die auf diese Weise ermittelte Anzahl von 1 Mio. informeller Pflegekräfte im Jahr 2005 bildet den Ausgangspunkt für die Projektion bis zum Jahr 2050.83

Unter Berücksichtigung der genannten Einflussfaktoren auf der Angebotsseite und vor dem Hintergrund einer Verdopplung der Pflegefälle bis zum Jahr 2050, steigt die Anzahl der informellen Pflegekräfte von 1 Mio. im Jahr 2005 auf rund 1,2 Mio. Personen im Jahr 2050. Somit steht einem Anstieg der Pflegefälle um den Faktor 2,1 lediglich eine Zunahme der informellen Pflegepersonen um den Faktor 1,2 gegenüber. Unter der Annahme, dass lediglich ein Pflegefall je informeller Pflegekraft versorgt wird, bedeutet das für die professionelle (formelle) Pflege einen Anstieg von 1,1 Mio. Fällen im Jahr 2005 auf 3,2. Mio. im Jahr 2050.84

Zur Verteilung dieser Gesamtzahl der Pflegefälle auf den ambulanten und stationären Sektor des Pflegewesen unterstellen Hackmann und Moog drei Szenarien:

Szenario 1: Verhältnis der stationären Pflegefälle zu ambulanten Pflegefällen der Jahre 1996 bis 2006 von 1,5:1 wird bis 2050 als konstant angenommen

Szenario 2: Unterstellt Verteilungsverhältnis von 1:1

Szenario 3: Verhältnis stationärer Pflege zu ambulanter Pflege liegt bei 2,3:1

Somit stellen die Szenarien 2 und 3 den Korridor der möglichen Entwicklung dar.85 Um aus der Prognose der Pflegefälle auf die benötigten Personalbedarfe professioneller Pflegekräfte zu schließen, errechnen die Autoren aus den Vergangenheitsdaten zunächst Personalquoten pro Pflegefall auf Basis von Vollzeitäquivalenten. Für den ambulanten Bereich beträgt diese Quote 0,3 Beschäftigte pro Pflegefall, im stationären Bereich kommen auf einen Pflegefall 0,6 Pflegekräfte. Unter der Annahme, dass die Steigerung der Arbeitsproduktivität im Pflegewesen begrenzt ist und sich daraus ableitend die Personalquoten in Zukunft nicht ändern, werden abhängig von den Szenarien die benötigten professionellen Pflegekräfte im ambulanten und stationären Sektor berechnet.86

← 23 | 24 → In Szenario 1 entsteht ein Gesamtbedarf von 390.000 Pflegekräften im ambulanten und 1,2 Mio. im stationären Bereich. Im zweiten Szenario entfallen rund 490.000 Vollzeitäquivalente auf den ambulanten und 1 Mio. auf den stationären Pflegesektor. Szenario 3 verzeichnet einen Bedarf von 290.000 ambulanten Kräften und 1.4 Mio. stationär tätigen Personen. Das als realistisch einzustufende erste Szenario hat einen Gesamtbedarf von 1,6 Mio. Vollzeitäquivalenten im Jahr 2050. Wird die Teilzeitquote von 2005 zugrunde gelegt, werden etwa 2,2 Mio. „Köpfe“ in der Pflege benötigt. Das entspricht einer Verdreifachung im Vergleich zum Jahr 2005.87

Das Angebot an formellen Pflegekräften88 ist nicht Bestandteil der Analyse von Hackmann und Moog. Folglich ist auch keine Aussage darüber möglich, ob der Bedarf gedeckt werden kann.

Die Frage des formellen Pflegekräftemangels greift Hackmann erneut auf und betrachtet in seiner Veröffentlichung „Arbeitsmarkt Pflege“ aus dem Jahr 2009 ausschließlich professionelle Pflegekräfte, genauer die Altenpflegekräfte. Im Jahr 2007 waren laut Hackmann 445.000 Altenpflegekräfte im ambulanten und stationären Sektor tätig, dies entspricht 316.000 Vollzeitäquivalenten.89 Unter dem zuvor beschriebenen ersten Szenario steigt der Personalbedarf im Pflegewesen bis zum Jahr 2050 auf rund 850.000 Altenpflegekräfte (in Vollzeitäquivalente) an. Diese teilen sich auf 640.000 Vollzeitäquivalente im stationären und rund 210.000 VZÄ im ambulanten Pflegesektor auf.90

Unklar bleibt, wie Hackmann ausgehend von seiner Prognose aus dem Jahr 2008, die für das Jahr 2050 einen Bedarf von 1,6 Mio. professioneller Pflegekräfte errechnet, auf die genannten Zahl der benötigten Altenpflegekräfte kommt. Laut Aussagen des Autors sind im Berufsfeld Pflege ca. 43% der Beschäftigten Altenpfleger.91 Selbst unter Berücksichtigung dieses Anteils kann weder aus der Gesamtzahl aller benötigten professionellen Pflegekräfte im Jahr 2050 auf die genannte Zahl von Altenpflegekräften geschlossen werden, noch gelingt dies für die Beschäftigung im ambulanten und stationären Sektor.

← 24 | 25 → Zur Ermittlung des zukünftigen Angebots an Altenpflegekräften entwickelt der Autor ein Zeitreihenmodell „indem die Entwicklung der Altenpflegekräfte für den Zeitraum 1975-2004 mittels einer Angebots- und Nachfragefunktion geschätzt wird.“92 Demnach soll diese Entwicklung anhand einzelner Determinanten erklärt werden. Bei der Vergangenheitsbetrachtung finden sowohl nachfrage- als auch angebotsseitige Einflussfaktoren Berücksichtigung. Dieses Vorgehen erlaubt eine Differenzierung zwischen nachfrageinduzierten (durch den Anstieg der Pflegefälle) und demografiebedingten (Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung) Effekten.93

Als signifikante94 Determinante der nachfrageinduzierten Angebotssteigerung (Nachfragefunktion) identifizierte Hackmann den Zuwachs an Pflegebedürftigen und die Zunahme der Pflegeintensität.95 So zeigt die lineare Schätzgleichung, dass ein im nächsten Jahr erwarteter Zuwachs von 100 Pflegebedürftigen fünf neue Vollkraftstellen in den Pflegeeinrichtung induziert. Das gleiche Vorzeichen besitzt die Steigerung der Pflegeintensität. Eine Steigerung der Pflegeausgaben pro Kopf um real einen Euro induziert rund 4,5 neue Beschäftigungen in der Altenpflege. Die Ergebnisse der Arbeitsangebotsfunktion sind sogar mindestens auf dem 5%-Niveau signifikant. Zu den signifikanten Determinanten gehören die Zahl der weiblichen Erwerbspersonen im Alter von 35 bis 55 Jahre, das reale Tagesentgelt und die Arbeitslosenquote. Wächst die Gruppe der weiblichen Erwerbspersonen um 1.000 Personen, führt dies zu ca. sieben neuen Vollzeitbeschäftigten in den Altenpflegeberufen. Weitere 1.850 Vollzeitäquivalente entstehen bei einem Anstieg des realen Tagesentgelts der weiblichen Altenpflegekräfte um einen Euro. Ein Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt führt zu einem um 2.780 Personen gestiegenen Arbeitsangebot der Altenpflegevollzeitkräfte. Hackmann begründet dies damit, dass in Zeiten von höherer Arbeitslosigkeit mehr Menschen in den konjunkturunabhängigen Altenpflegesektor drängen und dort auch ungelernte Kräfte vermehrt Hilfstätigkeiten übernehmen, weil sie im erlernten Berufe temporär keine Anstellung finden.96

← 25 | 26 → Als Ergebnis dieser Schätzgleichung kommt Hackmann zu einem Angebot professioneller Altenpflegekräften von rund 420.000 Vollzeitäquivalenten im Jahr 2050. Bei einem zuvor ermittelten Bedarf von rund 850.000 Altenpflegekräften würden demnach etwa 430.000 Vollzeitäquivalente im Jahr 2050 fehlen. Als möglichen Ansatzpunkt zur Schließung dieser Lücke identifiziert Hackmann die Berufsverweildauer der Altenpfleger und untersucht im Folgenden die Auswirkungen einer längeren Berufsverweildauer auf das Personalangebot in Vollzeitäquivalenten.97

Ausgehend von einer durchschnittlichen Verweildauer von 8,4 Jahren98 werden die beiden folgenden Szenarien betrachtet:99

Szenario 1: Anhebung der Verweildauer um 63% auf das Niveau der Krankenschwestern100 (13,7 Jahre).

Szenario 2: Vergleich der Verweildauer der Altenpflegekräfte (12,7 Jahren) und Gesundheits- und Krankenpfleger (15,2 Jahren) mit mindestens einjähriger Berufsausbildung. Daraus folgt eine Anhebung der Verweildauer um 20%.

Im ersten Szenario würde sich das Angebot bis zum Jahr 2050 auf bis zu 680.000 Altenpfleger (Vollzeitäquivalente) erhöhen, im zweiten Szenario fällt die Steigerung mit rund 500.000 Vollzeitäquivalenten deutlich geringer aus.101 Die methodische Umsetzung der Szenarien erschließt sich allerdings anhand der Ausführungen von Hackmann nicht. Anhand der Zahlen lässt sich jedoch darauf schließen, dass jene Angebotszahlen ohne Steigerung der Verweildauer mit denen in Szenario 1 und 2 angenommenen Steigerungsraten multipliziert wurden.

Afentakis und Maier betrachten in ihrer Veröffentlichung „Projektion des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2025“ zunächst das gesamtwirtschaftliche Erwerbspersonenangebot und die Erwerbspersonennachfrage, indem sie unterschiedliche Projektionen bis zum Jahr 2025 heranziehen. Auf der Angebotsseite liegen die Projektionen des FIT-Modell und des BIBBDEMOS-Modell zugrunde, die aufgrund der unterstellten Annahmen zu unterschiedlichen Erwerbspersonenpotenzialen kommen – im FIT-Modell ist das Potenzial im Jahr 2025 um rund eine Million geringer. Auf der Nachfrageseite (Bedarf) wird zum einen mit Hilfe des IAB-INFORGE-Modells die Erwerbspersonennachfrage projiziert, zum anderen wird die Nachfrage aus den bis zum Jahr 2025 zu erwartenden Krankenhaus- und Pflegefälle abgeleitet.102

← 26 | 27 → Aufbauend auf BIBB-Berufsklassifikation, die 54 Berufsfelder umfasst, werden von den Autoren im Folgenden die Gesundheitsberufe ohne Approbation (Berufsfeld 48103) herausgegriffen und einer Angebots- und Bedarfsprojektion unterzogen. Ausgehend von der zurückliegenden Bedarfsentwicklung der Jahre 1996 bis 2007, als Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen im Berufsfeld 48 insgesamt, geht diese Projektion von einem Anstieg des Bedarfs um etwa eine halbe Million Personen bis 2025 im Vergleich zu 2005 aus.104

Da nicht alle Erwerbstätige in diesem Berufsfeld einen der Klassifikation entsprechenden Beruf erlernt haben, aus anderen Berufsfeldern kommen oder gar als un- oder angelernte Kraft arbeiten, differenzieren die Autoren ihre Analyse hinsichtlich der beruflichen Flexibilität. Zum einen wird unterstellt, dass alle Erwerbstätige mit ihrem höchsten Abschluss aus dem Berufsfeld 48 in diesem Feld arbeiten, somit keine berufliche Flexibilität angenommen wird. Zum anderen wird die berufliche Flexibilität berücksichtigt und es werden Berufswechsler und Erwerbstätige ohne entsprechende Berufsausbildung in der Angebotsprojektion mit einbezogen. In erstem Fall kommen die Autoren zu dem Schluss, dass bereits im Jahr 2005 rund 125.000 Erwerbstätige gefehlt hätten, je nach Projektionsmodell steigt dieser Engpass auf 470.000 (FIT) bzw. 523.000 (BIBB-Demos) Personen im Jahr 2025. Unter Berücksichtigung der beruflichen Flexibilität ergibt sich für das Jahr 2005 dagegen ein Überangebot von 284.000 ET in diesem Berufsfeld. Bis 2025 wird jedoch auch hier eine Lücke von 255.000 (FIT) bzw. 265.000 (BIBB-DEMOS) Personen erwartet.105

Nach dieser aggregierten Analyse werden im weiteren Verlauf eine Bedarfs- und Angebotsprojektion für ausgewählte Pflegeberufe durchgeführt.106 Sie orientieren sich dabei an der Abgrenzung der Gesundheitspersonalrechnung des Statistischen Bundesamtes, die Personen nicht nach Abschluss, sondern nach ausgeübter Tätigkeit erfasst.107

← 27 | 28 → Ausgangspunkt der Angebotsprojektion ist das Jahr 2005. Auf Basis des Mikrozensus 2005 findet eine Hochrechnung aller beschäftigten und erwerbslosen Personen mit dem höchsten beruflichen Abschluss im Berufsfeld 48 auf das Erwerbstätigenniveau der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen statt. Diese Köpfe werden mit Hilfe der Gesundheitspersonalrechnung in VZÄ umgerechnet und dem Niveau der GPR angepasst. Es werden also nicht nur Beschäftigungsverhältnisse gezählt, sondern diese Größen auch in Vollzeitäquivalente umgerechnet. Vor dem Hintergrund eines hohen Anteils an Teilzeitbeschäftigung in den Pflegeberufen ist dies im Sinne einer guten Vergleichbarkeit der Ergebnisse begrüßenswert. Da die Pflegeberufe über die Hälfte aller Beschäftigten im Berufsfeld 48 ausmachen, werden die zuvor in den Angebotsprojektionen getroffenen Annahmen bezüglich der Angebotsentwicklung des gesamten Berufsfeldes auf die Pflegeberufe übertragen und so das zu erwartenden Angebot an Pflegekräften bis ins Jahr 2025 projiziert. Die Berücksichtigung der beruflichen Flexibilität geschieht ebenfalls durch Übertragung der im Berufsfeld 48 beobachtbaren Zu- und Abgänge – aus bzw. in andere Berufe – auf die Pflegeberufe. Die Aufteilung auf Vollzeitäquivalenten auf die Pflegeeinrichtungen108 erfolgt parallel zur einrichtungsspezifischen Personalstruktur in der Gesundheitspersonalrechnung.109

Die Nachfrageprojektion bis zum Jahr 2025 wird aus der Anzahl der zu erwartenden Krankenhausfälle und Pflegebedürftigen abgeleitet. Dazu greifen die Autoren auf eine Veröffentlichung der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder110 zurück, die die zu erwartenden Krankenhaus- und Pflegefälle bis ins Jahr 2030 vorausberechnen. Die Vorausberechnung unterscheidet zwischen dem „Status-quo-Szenario“ und einem Szenario mit „sinkenden Behandlungsquoten“. Ersteres unterstellt unter der Annahme konstanter Diagnosewahrscheinlichkeiten111, dass die zukünftig zu erwartenden Krankenhausfälle allein von der demografischen Entwicklung und damit von Alter und Geschlecht abhängen. Gleiches gilt durch konstante alters- und geschlechtsspezifische Pflegequoten112 für die zukünftig zu erwartenden Pflegefälle.113

← 28 | 29 → Das Szenario mit sinkenden Behandlungsquoten geht von einer unter dem Stichwort „Morbiditätskompression“ bekannten Entwicklung aus, die unterstellt, dass die zusätzlich gewonnenen Lebensjahre gesund verbracht werden und schwere Krankheiten erst gegen Ende des Lebens komprimiert auftreten. Um die zu erwartende Anzahl von Krankenhaus- und Pflegefällen zu berechnen, werden alters- und geschlechtsspezifische Diagnose- und Pflegequoten der über 60 Jährigen in höhere Alterssegmente verschoben.114

Über die Annahme, dass die Relation von Krankheits- und Pflegefällen zu Pflegepersonal auch in Zukunft dem Verhältnis aus dem Jahr 2005 entspricht, können die Personalbedarfe bis zum Jahr 2025 bestimmt werden. Damit wird implizit unterstellt, dass alle Rahmenbedingungen wie die Verweildauer in Krankenhäusern, die Verteilung zwischen formeller und informeller Pflege oder die Verteilung der Pflegefälle auf die Pflegestufen konstant bleibt.115

Bei der Zusammenführung von Bedarfs- und Angebotsprojektion ergeben sich folgende Ergebnisse: Im „Status-quo-Szenario“ steigt der Bedarf an Vollzeitäquivalenten in den Pflegeberufen von 2005 bis zum Jahr 2025 um insgesamt 27,3%, wobei der Anstieg der durch steigende Krankenhausfälle induzierten Personalnachfrage mit 12,4% im Vergleich zu 48,1% Steigerung in Pflegeeinrichtungen moderat ausfällt. Ohne Berücksichtigung der beruflichen Mobilität, d.h. nur unter Einbeziehung von ausgebildeten Pflegekräften, fehlten in Deutschland im Ausgangsjahr bereits 39.000 Vollzeitäquivalente. Diese Lücke erhöht sich bis zum Jahr 2025 auf 193.000 Pflegevollkräfte. Im Szenario „sinkende Behandlungsquoten“ steigt der Bedarf an Pflegevollkräften mit 19,5% erwartungsgemäß weniger stark an. Dieses Szenario unterscheidet sich im Startjahr aufgrund des gemeinsamen Ausgangspunktes zunächst nicht vom „Status-Quo-Szenario“, im Jahr 2025 wäre die Lücke mit 135.000 fehlenden Vollzeitäquivalenten dann jedoch deutlich kleiner.116

Wird die berufliche Flexibilität berücksichtigt, d. h. wird zugestanden, dass auch un- oder angelernte Personen in der Pflege arbeiten, liegt die Angebotsprojektion zunächst über der Nachfrageprojektion. Erst ab dem Jahr 2018 (Status-Quo-Szenario) bzw. 2021 (sinkende Behandlungsquoten) ist dann mit einem Personalmangel in den Pflegeberufen zu rechnen. In ersterem Fall wird im Jahr 2025 mit einer Personallücke von 112.000 Vollzeitäquivalenten gerechnet, letzteres reduziert diese Lücke auf 55.000 Pflegevollkräfte.117

← 29 | 30 → Daneben variieren die Autoren die Beschäftigungsstruktur (Vollzeit-, teilzeit- und geringfügig beschäftigt) anhand der in Gesamt-, Ost- und West-deutschland anzutreffenden Struktur im Jahr 2005. Neben den bisher für Gesamtdeutschland beschriebenen Ergebnissen, führen diese Variationen zu Verschiebungen der Angebotskurve nach oben oder unten, d. h. der Personalmangel wird größer oder kleiner. Die Ergebnisse sollen an dieser Stelle aber nicht im Detail diskutiert werden.118

Die zum Zeitpunkt der Verfassung dieser Arbeit aktuellste Bedarfsprognose ist eine Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem Titel „Themenreport „Pflege 2030“, Was ist zu erwarten – was ist zu tun?“. Die im Jahre Jahres 2012 veröffentlichte Studie legt den Fokus auf kleinräumige Vorausberechnung bis zum Jahr 2030. Die Projektionen erfolgen somit neben der Bundes- und Landesebene auch auf der Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte (Kreisebene). Die Studie adressiert dabei die Zahl der zukünftig zu erwartenden Pflegebedürftigen nach Versorgungsart119 und die zu erwartenden Versorgungslücke in der formellen Pflege.120

Ausgangspunkt der Studie ist der Status-Quo im Jahr 2009, sowohl hinsichtlich der Zahl der Pflegebedürftigen und der Inanspruchnahme nach Versorgungsart als auch des Personals in Pflegeeinrichtungen. Darauf aufbauend werden in drei Szenarien die zugrundeliegenden Annahmen variiert, um deren Auswirkung auf die Personalsituation in den genannten Versorgungsformen zu untersuchen und Handlungsempfehlungen für kommunale Planer abzuleiten.121 Folgende Annahmen werden in den Szenarien variiert:122

Szenario 1: Fortschreibung der regionalen alters- und geschlechtsspezifischen Anteile der Pflegebedürftigen in den Versorgungseinrichtungen (Status-Quo).

Szenario 2: Pflege durch Angehörige (informelle Pflege) sinkt, Zunahme formeller Pflege gemäß dem Trend der letzten Jahre (Trendextrapolation).

Szenario 3: Stärkung und Unterstützung der informellen Pflege, Zahl der Pflegebedürftigen in vollstationären Pflegeeinrichtungen bleibt auf Bundeseben auf dem Stand von 2009 (Wunsch Szenario).

← 30 | 31 → Allen Szenarien liegt die Annahme zugrunde, dass die Pflegequote – die Wahrscheinlichkeit ein Pflegefall zu werden – je Geschlecht und Alterskategorie auch in Zukunft konstant bleibt.123 Für die Nachfrageseite, also die in Zukunft zu erwartenden Pflegefälle nach Versorgungsart werden für jedes Szenario dann die landkreisspezifische Bevölkerungsprognosen mit den Pflegequoten des Jahres 2009 verknüpft.

Szenario 2 wird mathematisch so modelliert, dass der Anteil der informellen Pflege jedes Jahr um 1% schrumpft und auf diese Weise bis 2030 fortgeschrieben wird. Des Weiteren wird angenommen, dass sich diese in der formellen Pflege zusätzlich zu versorgenden Pflegefälle jeweils hälftig auf die ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen verteilen.124

Das dritte Szenario modelliert die dargestellten Änderungen in dem davon ausgegangen wird, dass die absolute Fallzahl der stationär versorgten Pflegefälle auf Bundesebene konstant bleibt. Zweitens wird unterstellt, dass der relative Anteil der informellen Pflege an allen Pflegebedürftigen bis 2030 unverändert bleibt. Trotz dieser Annahme auf Bundesebene kann es regional je nach Bevölkerungsstruktur zu Verschiebungen kommen.125 Unter diesen Annahmen ergeben sich die in Tabelle 2-2 dargestellten Fallzahlen.

← 31 | 32 → Tab. 2-2: Projektion der Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland nach Szenario (in Tsd.)

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Quelle: Rothgang et al. (2012), S. 36.

Zur Ermittlung des zukünftigen Personalbedarfs wird zunächst das Verhältnis von Vollzeitäquivalent zu Pflegefällen in den jeweiligen Versorgungseinrichtungen und regionalen Gebieten für das Jahr 2009 gebildet.126 Hier kann es regional durchaus zu verschiedenen Ausgangsituationen kommen. Es ist methodisch gewollt, dass diese regional verschiedenen Ausgangssituationen für die Projektion berücksichtigt werden. Anschließend werden die zuvor prognostizierten Pflegefälle mit diesen Verhältniszahlen verknüpft um den Personalbedarf zu bestimmen. Die Autoren betonen, dass es sich bei diesem Ansatz nicht um „eine pflegewissenschaftlich begründete Bedarfsdeckung“ handelt, sondern lediglich die Personalbedarfe zur Sicherung des heutigen Versorgungsniveaus errechnet werden.127

Die Bestimmung des Angebots – also des Erwerbspersonenpotenzials in der Pflege – auf der regionalen Kreisebene stellt dagegen eine größere methodische Herausforderung dar. Deswegen behelfen sich die Autoren mit der Annahme ← 32 | 33 → einer proportional zur Zahl der potenziellen Erwerbstätigen verlaufenden Entwicklung. Dazu werden die regional in den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen beschäftigten Vollzeitäquivalente in Relation zur erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter von 19 bis 64 Jahren der jeweiligen Region gesetzt. Dieser Quotient dient im Folgenden zur Fortschreibung der Beschäftigung, in dem eine Verknüpfung mit den regionalen Bevölkerungsprognosen erfolgt. Hier wird also erneut eine statische Fortschreibung der gegebenen Rahmenbedingungen angewendet. Da ab dem Jahr 2020 bundesweit mit einem Rückgang dieser Altersgruppe zu rechnen ist, wird das Arbeitskräfteangebot in den Pflegeeinrichtungen ebenfalls schrumpfen.128

Die Beurteilung, ob regional eine Versorgungslücke zu erwarten ist, erfolgt immer vor dem Hintergrund der Ausgangssituation bzw. des regionalen Personalschlüssels129 aus dem Jahr 2009. Da lediglich eine Fortschreibung dieser Ausgangssituation erfolgt, kann nicht beurteilt werden, ob zum Zeitpunkt der Ausgangssituation bereits eine Engpasssituation auf dem regionalen Pflegearbeitsmarkt herrschte. Dieser regionale Referenzpunkt wird per Definition als „ideal“ bzw. „gedeckt“ definiert. Das bedeutet, dass bereits bestehende regionale Versorgungsengpässe oder sogar Überversorgung nicht berücksichtigt werden und dieses eventuelle Missverhältnis auch als Ausgangspunkt der Projektion im Jahr 2030 dient.130

Aufgrund der Tatsache, dass sich die bisher dargestellten Studien ebenfalls nur auf Deutschland beziehen, werden an dieser Stelle nur die Ergebnisse der möglichen Versorgungslücke für Deutschland skizziert. In Tabelle 2-3 sind die Ergebnisse für die einzelnen Szenarien getrennt nach ambulantem und stationärem Sektor dargestellt.

← 33 | 34 → Tab. 2-3: Versorgungslücke in der ambulanten und stationären Pflege im Jahr 2030 in Deutschland nach Szenario

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Quelle: Rothgang et al. (2012), S. 52.

Ohne die Auswirkungen für den ambulanten und stationären Sektor getrennt zu analysieren, zeigen die Szenarien unterschiedliche Auswirkungen auf die Personallücke im gesamten Pflegewesen. Es ist nicht verwunderlich, dass im Falle des zweiten Szenarios, in dem der Anteil der informellen Pflege gemäß dem Trend der letzten Jahre sinkt, mit über 490.000 Vollzeitäquivalente die höchste Personallücke zu erwarten ist. Im Gegenzug kann im Szenario mit konstanten Fallzahlen im versorgungsintensiven stationären Bereich (Szenario 3) mit der geringsten Personallücke von rund 263.000 Vollzeitkräften gerechnet werden. Die Fortschreibung des Status-Quo lässt letztendlich im 3. Szenario eine Lücke von immer noch über 434.000 VZÄ erwarten.131

Neben der Projektion für Deutschland führen die Autoren wie bereits erläutert auch Projektionen auf Bundeslandebene bzw. auf Kreisebene durch und analysieren, wie sich die regionale Versorgungslücke aus der steigenden Pflegebedürftigkeit und dem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials zusammensetzt. Aus den Ausführung wird jedoch nicht klar, ob die Berechnungen auf tiefster Ebene durchgeführt wurden und für die Bundesländern bzw. Deutschland aggregiert wurden oder ob jede regionale Ebene einer eigenen Berechnung unterliegt.

← 34 | 35 → 2.2.3 Zwischenfazit

Die Fokussierung auf bestimmte Berufsgruppen ist Ausdruck der Komplexität der Thematik, die eine Reduzierung auf einen bestimmten Teilbereich erfordert. Insbesondere die Themen Pflegekräftemangel und Bedarfsprognosen für Pflegekräfte werden auf breiter wissenschaftlicher Basis, teilweise kontrovers, diskutiert.132

Es konnte gezeigt werden, dass die Herangehensweise und die methodischen Ansätze auch in den hier auszugsweise dargestellten Studien äußerst vielfältig ist. Es wurde deutlich, dass die Messung eines Personalmangels immer von der verwendeten Methodik abhängig ist. Entsprechend müssen die Ergebnisse, so lange es keinen „Gold-Standard“ der Bedarfsprognosen gibt, immer vor dem Hintergrund der verwendeten Methodik diskutiert und gegebenenfalls relativiert werden.

Neben den Unterschieden zwischen den ärztlichen und pflegerischen Bedarfsprognosen gibt es selbst innerhalb des Themenfelds eines Berufsstandes unter den einzelnen Bedarfsprognosen zum Teil deutliche Unterschiede, wie die Zusammenfassung in Tabelle 2-4 zeigt. Die Unterschiede fangen bei der Abgrenzung des Untersuchungsgebiets an. Vielfach ist nur von den ambulanten und stationären Einrichtungen im Gesundheits- oder Pflegewesen die Rede, ohne dass die genaue einrichtungsspezifische Abgrenzung dargestellt wird. Zwar lässt sich diese Unklarheit teilweise über den Rückschluss der verwendeten Daten ausschließen, klarere Definitionen wären dennoch im Sinne einer zweifelsfreien Interpretation wünschenswert.

Diese Unklarheit der Abgrenzung wird durch die berufliche Dimension verstärkt. Während die Abgrenzung der Gruppe der Ärzte auch ohne eine berufsspezifische Differenzierung einleuchtend ist – so lange keine Ausnahmen getroffen und bestimmte Gruppen (Facharztrichtungen) ausgeklammert werden – ist dies beim Begriff der Pflegekraft nicht eindeutig geregelt. Hier lassen die Autoren größtenteils eine klare Abgrenzung des Pflegeberufs vermissen bzw. nennen diese nicht explizit. Auch hier gelingt gegebenenfalls der Rückschluss über die Ausgangsdaten.

Entscheidend für Unterschiede der betrachteten Bedarfsprognosen ist das Erkenntnisziel der Forschungsarbeit der darauf aufbauende methodische Ansatz. Während „einfache“ Bedarfsprognosen lediglich eine Betrachtung der Angebotsseite vornehmen und die aktuelle Altersstruktur der Beschäftigten nutzen, um daraus den in der Zukunft benötigten Ersatzbedarf abzuleiten133, werden darüber hinaus angebots- und nachfrageseitige Betrachtungen gewählt, die als Zielgröße die zu erwartende Personallücke ausweisen.

← 35 | 36 → Trotz dieser Gemeinsamkeit finden sich wiederum deutliche Unterschiede bei der Modellierung von Personalangebot und -nachfrage und der zu diesem Zweck berücksichtigten Determinanten. Bei der Modellierung des zukünftigen Personalangebots kommen, neben der reinen Korrektur des Status-Quo durch Berücksichtigung der Renteneintritte, auch explizit die geschätzten Neuzugänge bestimmter Berufsgruppen aus den jeweiligen Ausbildungsgängen hinzu. Andere Studien projizieren das gesamte Angebot mittels geeigneter Modelle (FIT und BIBB-DEMOS), ohne getrennt auf die einzelnen Komponenten des Angebots einzugehen. Zudem wird in der Studie von Afentakis und Maier die berufliche Flexibilität berücksichtigt.

Maßgebliche Determinante der Nachfrageseite ist die demografische Entwicklung. Sie wird entweder direkt mit selbst berechneten Pflegequoten verknüpft oder es wird auf die Prognose der Krankenhaus- und Pflegefälle des Statistischen Bundesamtes zurückgegriffen. Falls das Untersuchungsdesign eine direkte Ableitung der Personalbedarfe aus den projizierten Krankenhaus- und Pflegefällen erfordert, geschieht dies immer unter Berücksichtigung des Status-Quo, d.h. die heutige Relation von Personal zu Krankenhaus- oder Pflegefällen wird auch in Zukunft als Maßstab angelegt.

Ein eigenständiges Vorgehen stellt das von Hackmann entwickelte Zeitreihenmodell dar, das die Entwicklung der Altenpflegekräfte mit Hilfe einer Angebots- und Nachfragefunktion schätzt. Weitere methodische Unterschiede zwischen den einzelnen Studien sowie betrachtete Determinanten sind Tabelle 2-4 zu entnehmen.

← 36 | 37 → Tab. 2-4: Vergleich der Bedarfsprognosen

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Quelle: Eigene Darstellung.

← 37 | 38 → 2.3 Zusammenfassung und Ableitung des offenen Forschungsbedarfs

In diesem Kapitel wurden zunächst bestehende Planungsrichtlinien im Gesundheits- und Pflegewesen dargestellt. Diese Richtlinien haben bezüglich des Personals einen steuernden, eher kurzfristigen Charakter. Zur notwendigen langfristigen Steuerung und Planung des Gesundheitspersonals sind die daraus ableitbaren Informationen nicht ausreichend und die Sicherstellung einer kontinuierlichen Gesundheitsversorgung kann alleine damit nicht gewährleistet werden. Ein längerfristiger Planungshorizont ist insbesondere bei der Ausbildungsthematik geboten. Die Ausbildung von hochspezialisierten Fachkräften dauert nicht selten mehrere Jahre. Entsprechend muss die Bereitstellung der benötigten Ausbildungskapazitäten mit dem nötigen Vorlauf initiiert werden.

Um die Frage nach dem zukünftigen Personalbedarf zu beantworten, wurden in der Vergangenheit regelmäßig Personalbedarfsprognosen durchgeführt. Wie die skizzierten Planungsrichtlinien fokussieren sich die dargestellten langfristigen Bedarfsprognosen allerdings auf bestimmte Bereiche des Gesundheits- und Pflegewesens bzw. bestimmte Berufsgruppen. Sie greifen damit nur einen Teil des komplexen und heterogenen Gesundheits- und Pflegewesens heraus. Dieses selektive Vorgehen in Kombination mit der Vernachlässigung wichtiger Einflussfaktoren oder der Fokussierung auf die Nachfrage- oder Angebotsseite reichen nicht aus, um daraus ausreichend belastbare Informationen für eine effektive Steuerung des Gesundheits- und Pflegewesens zu erlangen.

← 38 | 39 → Um möglichst valide Langfristprognosen durchführen zu können, werden umfassendere Modelle benötigt, als die bisher beispielhaft dargestellten. Die bisherigen Erfahrungen mit den Personalbedarfsanalysen sollten dabei in die Modellierung des Gesundheits- und Pflegewesens mit einfließen. Daraus muss ein Berechnungsmodell resultieren, das neben der Berücksichtigung von Angebot und Nachfrage nach Gesundheitspersonal, auch zahlreiche zentrale Einflussfaktoren auf beiden Seiten mit einbezieht, mit dem Ziel, Szenarienanalysen der zukünftigen Entwicklung durchzuführen.134 Dazu ist es notwendig, die zentralen Determinanten zu identifizieren und in das Modell zu integrieren.

Der erste Schritt zu einer umfassenden Bedarfsprognose ist die gemeinsame und sektorenübergreifende Betrachtung aller ambulanten und stationären Einrichtungen im Gesundheits- und Pflegewesen. Eine strikte Trennung der Sektoren ist vor dem Hintergrund, dass ein Großteil aller Pflegeberufe auch in allen Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens anzutreffen ist, der falsche Ansatz. Treten Engpässe oder gar Überversorgung ein, sind diese Berufe in gewissem Maße über die Einrichtungsgrenzen hinweg substituierbar. Aus diesem Grund ist es für die Aussagekraft der Bedarfsprognose entscheidend, das gesamte, dem Gesundheits- und Pflegewesen zur Verfügung stehende Angebot zu quantifizieren. Diese Tatsache muss in einem langfristigen Bedarfsprognosemodell berücksichtigt werden.135

In einem zweiten Schritt sollten alle an der gesundheitlichen Versorgung beteiligten Berufe und Berufsgruppen in die Bedarfsprognose mit einbezogen und einer differenzierten Analyse unterzogen werden. Nur durch die Berücksichtigung aller Berufe lässt sich ein umfassendes Abbild des Gesundheits- und Pflegewesens zeichnen. Erst dadurch können bereits heute diskutierte Maßnahmen zur Bekämpfung von Personalknappheit, wie beispielsweise die Übertragung von ärztlichen Tätigkeiten auf nichtärztliche Fachkräfte in die Bedarfsprognose integriert und deren Auswirkungen analysiert und diskutiert werden.

Eine berufsspezifische Bedarfsprognose muss sich an den in den relevanten Statistiken – beispielweise der Gesundheitspersonalrechnung des Statistischen Bundesamtes – verwendeten Klassifizierungen orientieren. Den Statistiken zum Gesundheitswesen liegt die Klassifizierung der Berufe (KldB) der Bundesagentur für Arbeit als Abgrenzung zugrunde. Bedarfsprognosen im Gesundheits- und Pflegewesen sollten sich deshalb ebenfalls an dieser Abgrenzung orientieren, um klar nachvollziehbare und vor allem interpretationsfreie Ergebnisse zu liefern.136

← 39 | 40 → Eine weitere wichtige Anforderung leitet sich aus der in Kapitel 2.2.3 geführten Diskussion um den Pflegekräftemangel in bestimmten Regionen Deutschlands ab. Die Ergebnisse dieser Studie haben unter anderem gezeigt, dass Über- und Unterversorgung regionale Herausforderungen darstellen. Aus diesem Grund sollte trotz aller methodischen Hürden angestrebt werden, ein Modell zur Bedarfsprognose im Gesundheits- und Pflegewesen möglichst tief zu regionalisieren. So könnten regionale Engpässe frühzeitig lokalisiert und wirksame Gegenmaßnahmen getroffen werden.

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20 Oberstes Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. Der G-BA legt u.a. fest, welche Leistungen der medizinischen Versorgung von der GKV übernommen werden. Aufgabe des G-BA ist es, ausgehenden vom gesundheitspolitischen Rahmen der med. Versorgung in Deutschland einheitliche Vorgaben für die konkrete Umsetzung in der Praxis zu beschließen. Die von ihm beschlossenen Richtlinien haben den Charakter untergesetzlicher Normen und sind für alle Akteure der GKV bindend. Vgl. Gemeinsamer Bundesausschuss (2012b).

21 Vgl. Gemeinsamer Bundesausschuss (2012a).

22 Vgl. Kiesche (2012).

23 Vgl. AOK (2010).

24 Es werden lediglich Arztgruppen betrachtet, die mehr als 1.000 Ärzte umfassen: Anästhesisten, Augenärzte, Chirurgen, Frauenärzte, HNO-Ärzte, Hautärzte, Internisten (gemäß § 101 Abs. 5 SGB V), Kinderärzte, Nervenärzte, Orthopäden, Psychotherapeuten, Fachärzte für diagnostische Radiologie, Urologen, Hausärzte (gemäß § 101 Abs. 5 SGB V). Vgl. Gemeinsamer Bundesausschuss (2012a), § 4 (1).

25 Vgl. Gemeinsamer Bundesausschuss (2012a), § 5.

26 Vgl. Bundesärztekammer (2010).

27 Vgl. Gemeinsamer Bundesausschuss (2012a), § 5 (3) - (6).

28 Vgl. Ebd., § 2 (3), § 6.

29 Vgl. Ebd., § 2 (2).

30 Vgl. Gemeinsamer Bundesausschuss (2012c).

31 Vgl. Kassenärztliche Vereinigung Berlin (2010).

32 Vgl. Kassenärztliche Bundesvereinigung (2012).

33 Vgl. Albrecht et al. (2012).

34 Vgl. Ebd., S. 15.

35 Vgl. Albrecht et al. (2012), S. 112.

36 Vgl. Deutsche Krankenhausgesellschaft (2012), S. 2.

37 Vgl. §6 (1) Krankenhausfinanzierungsgesetz – KHG.

38 Vgl. Deutsche Krankenhausgesellschaft (2012), S. 9.

39 Vgl. Deutsche Krankenhausgesellschaft (2012), S. 10f.

40 Vgl. Ebd.

41 Vgl. Hajen et al. (2011).

42 Vgl. § 75 SGB XI, Absatz 1.

43 § 75 SGB XI, Absatz 2, Nr. 3.

44 Vgl. § 75 SGB XI, Absatz 3.

45 Vgl. § 75 SGB XI, Absatz 2, Nr. 8.

46 Vgl. Jacobs et al. (2012), S. 15.

47 Vgl. Bundesärztekammer (2011), eigene Berechnung.

48 Diese Betrachtung beschränkt sich bewusst nur auf Bedarfsprognosen für das deutsche Gesundheits- und Pflegewesen. International finden sich eine Reihe sehr umfangreicher Bedarfsprognosen und Projekte zur Quantifizierung des Personalangebots und der Personalnachfrage im Gesundheitswesen. Sie bieten zwar wertvolle Hinweise zur methodischen Gestaltung, lassen sich aber mit den hier vorgestellten Projektionen aufgrund unterschiedlicher nationaler Gesundheitssysteme und den damit einhergehenden Besonderheiten nicht vergleichen.

49 Vgl. Kopetsch (2010).

50 Vgl. Ebd., S. 17.

51 Vgl. Kopetsch (2010), S. 49. Darüber hinaus wird in der Studie der Ersatzbedarf (Bruttoabgänge) bis zum Jahr 2020 für Hausärzte (23.768), Augenärzte (2.114), Nervenärzte (2.971), Frauenärzte (4.356) und Hautärzte (1.472) quantifiziert. Vgl. Ebd., S. 64ff.

52 Vgl. Ebd., S. 77f.

53 Vgl. Kopetsch (2010), S. 11.

54 Vgl. Ebd., S. 127ff.

55 Vgl. Ebd., S. 130ff.

56 Vgl. Ebd., S. 139f.

57 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 5f.

58 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 7f.

59 Vgl. Ebd., S. 25.

60 Die Ergebnisse, die im Rahmen der DKI Studie verwendet werden, entstammen der 4. Auflage aus dem Jahr 2007.

61 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 26ff.

62 Vgl. Ebd., S. 31.

63 Hier das Verhältnis von Vollkräften (Vollzeitäquivalenten) zu Beschäftigten in „Köpfen“.

64 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 28f.

65 Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2010).

66 Die Prognose und die Szenarien werden in Kapitel 3.4.1.1 näher erläutert.

67 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 29f.

68 Vgl. Ebd., S. 30.

69 Auf die Quantifizierung des teilzeitbedingten Mehrbedarfs im ambulanten vertragsärztlichen Bereich wird verzichtet. Die Autoren argumentieren, dass dort Teilzeitarbeit derzeit lediglich eine untergeordnete Rolle spielen.

70 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 30f.

71 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 32.

72 Vgl. Ebd., S. 33f.

73 Vgl. Ebd., S. 8.

74 Vgl. Blum/Löffert (2010), S. 34f.

75 Vgl. Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz (2010).

76 Vgl. Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (2008).

77 Pflegepersonen sind nach § 19 SGB XI „Personen, die nicht erwerbsmäßig einen Pflegebedürftigen … in seiner häuslichen Umgebung pflegen.“ Um Leistungen der Pflegeversicherung zu erhalten, muss die pflegebedürftige Person durch die Pflegeperson mindestens 14 Stunden wöchentlich gepflegt werden. Somit wird unter informeller Pflege die häusliche, nicht professionelle Pflege durch beispielsweise Angehörige verstanden.

78 Vgl. Hackmann/Moog (2008), S. 1f.

79 Vgl. Hackmann/Moog (2008), S. 3.

80 Vgl. Ebd., S. 3ff.

81 Vgl. Ebd., S. 6.

82 Vgl. Hackmann/Moog (2008), S. 7.

83 Vgl. Ebd., S. 8ff.

84 Vgl. Ebd., S. 15ff.

85 Vgl. Ebd., S. 19f.

86 Vgl. Hackmann/Moog (2008), S. 22.

87 Vgl. Ebd., S. 22f.

88 Formal ausgebildete, professionelle Pflegekräfte.

89 Hackmann beruft sich auf das Statistische Jahrbuch (Statistisches Bundesamt (2008). Offensichtlich ist die Zahl allerdings deutlich zu hoch (Vgl. Simon (2012), S. 33.). Laut Gesundheitspersonalrechnung des Statistischen Bundesamtes waren in ambulanten und stationären/teilstationären Pflegeeinrichtungen im Jahr 2007 rund 271.000 Altenpfleger (204.000 Vollzeitäquivalente) beschäftigt. In allen Einrichtungen des Gesundheitswesens waren es 354.000 (267.000 Vollzeitäquivalente). In einer späteren Veröffentlichung stellt Hackmann klar (Vgl. Hackmann (2012), S. 48), dass diese Angaben dem Mikrozensus entstammen und auf Anfrage beim Statistischen Bundesamt erhältlich waren.

90 Vgl. Hackmann (2009), S. 5.

91 Vgl. Hackmann (2009), S. 4.

92 Ebd., S. 2.

93 Vgl. Ebd., S. 5f.

94 Mindestens auf 10%-Signifikanzniveau.

95 Definiert Hackmann als öffentlichen Pro-Kopf-Pflegeausgaben.

96 Vgl. Hackmann (2009), S. 12.

97 Vgl. Hackmann (2009), S. 15f.

98 In dieser Verweildauer werden alle Altenpflegekräfte berücksichtigt, auch nicht examinierte.

99 Vgl. Hackmann (2009), S. 22f.

100 Der von Hackmann verwendete Begriff ist keine offizielle Bezeichnung für die Berufsgruppe. Diese lautet „Gesundheits- und Krankenpfleger“.

101 Vgl. Hackmann (2009), S. 22f.

102 Vgl. Afentakis/Maier (2010), S. 991f.

103 Der Klassifikation der Berufe 1992 folgend gehören dazu die Berufsordnungen (BO): Gesundheitssichernde Berufe (BO 805), Übrige Gesundheitsdienstberufe (BO 851-859) sowie die Sozialen Berufe (BO 864, 866). Die Klassifikation der Berufe wird auch in dieser Arbeit zur Abgrenzung der Berufe verwendet. Für einen genauen Überblick siehe Kapitel 4.3.

104 Vgl. Afentakis/Maier (2010), S. 993.

105 Vgl. Ebd., S. 993f.

106 Die Autoren aggregieren unter den Pflegeberufen: Gesundheits- und Krankenpflegerin/-pfleger (853), Gesundheits- und Krankenpflegehelferin/-helfer (854) und Altenpflegerin/Altenpfleger (864).

107 Vgl. Afentakis/Maier (2010), S. 994f. Die Methodik der Gesundheitspersonalrechnung wird in Kapitel 4.1 näher erläutert.

108 Die für die Pflegeberufe relevanten Einrichtungen sind Krankenhäuser sowie ambulante und (teil-) stationäre Pflegeeinrichtungen.

109 Vgl. Afentakis/Maier (2010), S. 994ff.

110 Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2010).

111 Für die Vorausberechnungen wurden die durchschnittliche alters- und geschlechtsspezifischen Diagnosewahrscheinlichkeiten aus den Jahren 2006 bis 2008 (differenziert nach Fünfjahres-Altersgruppen und Diagnosearten) verwendet. Vgl. Ebd., S. 12.

112 Es werden die Pflegequoten der Jahre 2005 und 2007 getrennt nach Geschlecht und geschichtet nach 5-Jahres- Altersgruppen zugrunde gelegt. Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2010), S. 26.

113 Vgl. Ebd., S. 12, 26.

114 Vgl. Ebd., S. 16, 29.

115 Vgl. Afentakis/Maier (2010), S. 996f.

116 Vgl. Ebd., S. 997f.

117 Vgl. Afentakis/Maier (2010), S. 998f.

118 Vgl. Ebd., S. 998.

119 Ambulant und stationär Pflege sowie Pflege durch Angehörige (informelle Pflege).

120 Vgl. Rothgang et al. (2012), S. 10, 20.

121 Vgl. Ebd., S. 15.

122 Vgl. Ebd., S. 20.

123 Die Autoren argumentieren, dass die altersspezifische Pflegeprävalenzrate in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts eher konstant geblieben ist und sehen aus diesem Grund von der Modellierung einer „Kompression“ ab. Vgl. Rothgang et al. (2012), S. 24.

124 Vgl. Ebd., S. 26.

125 Vgl. Ebd., S. 27.

126 Aus der methodischen Beschreibung geht es nicht klar hervor, allerdings ist davon auszugehen, dass die unterschiedlichen Pflegestufen bei der Ermittlung der Quotienten nicht berücksichtigt wurden. Da bei einer zunehmend alternden Gesellschaft davon auszugehen ist, dass die zeitintensive Pflegestufe III überproportional zunehmen wird, kann diese Nichtberücksichtigung die Ergebnisse verzerren.

127 Vgl. Rothgang et al. (2012), S. 22f.

128 Vgl. Rothgang et al. (2012), S. 23.

129 Vollzeitäquivalente in der ambulanten bzw. stationären Versorgung pro Pflegefall.

130 Vgl. Rothgang et al. (2012), S. 49f.

131 Vgl. Rothgang et al. (2012), S. 52.

132 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Bedarfsprognosen der Pflegekräfte findet sich z. B. in Sozialer Fortschritt (2012).

133 Vgl. Kopetsch (2010).

134 Vgl. Dubois et al. (2006), S. 236f.

135 Vgl. Simon (2012), S. 34ff; Isfort et al. (2012), S. 18.

136 Vgl. Simon (2012), S. 26.