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Personalbedarfsprognose im Gesundheits- und Pflegewesen

Eine berufs-, einrichtungs- und regionalspezifische Betrachtung für Deutschland

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Tobias Ehrhard

Gefährden zukünftige Personalengpässe im Gesundheits- und Pflegewesen die Sicherstellung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung? Der Autor widmet sich dieser zentralen gesundheitspolitischen Fragestellung und untersucht, wie sich die Personalnachfrage und das Personalangebot im Gesundheits- und Pflegewesen bis zum Jahr 2030 entwickeln könnten. Neu ist dabei die gemeinsame Analyse der für die gesundheitliche Versorgung wichtigen ärztlichen und nichtärztlichen Berufsgruppen, differenziert nach Qualifikationen, Bundesländern sowie nach Einrichtungen des Gesundheits und Pflegewesens. Die Arbeit stellt erstmals regional differenzierte und vergleichbare Ergebnisse zur Verfügung und zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der Messung des zukünftigen Personalbedarfs auf.
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5 Methodik zur Berechnung der Personalbedarfe

← 122 | 123 → 5 Methodik zur Berechnung der Personalbedarfe

Die Methodik sowie die zugrunde liegenden Annahmen beruhen auf der Prämisse, dass sich der Arbeitsmarkt aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage entwickelt. In der nachfolgenden Darstellung sind das Personalangebot und die -nachfrage einander gegenübergestellt sowie deren Zusammensetzung schematisch dargestellt (siehe Abb. 5-1). Im Anschluss werden die einzelnen Parameter erläutert.

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Quelle: Eigene Darstellung.

Abb. 5-1: Zusammensetzung von Personalangebot und Personalnachfrage im Berechnungsmodell

Das zukünftige Personalangebot zu einem Zeitpunkt t+n setzt sich aus dem Bestand der ärztlichen und nicht ärztlichen Beschäftigten zum Zeitpunkt t, der Summe der Neuzugänge aus Studien- und Ausbildungsgängen bis zum Zeitpunkt t+n zusammen. Gemindert wird das Arbeitsangebot zum Zeitpunkt t+n durch die bis dahin altersbedingt ausscheidenden Erwerbstätigen in den relevanten Berufen. Aus der Aggregation dieser Größen ergibt sich das gesamte auf dem Arbeitsmarkt vorhandene Angebot an relevanten Arbeitskräften zum Zeitpunkt t+n. Die Arbeitsnachfrage ergibt sich aus dem Arbeitskräftebedarf seitens der im Gesundheits- und Pflegewesen vorhandenen Einrichtungen wie beispielsweise Krankenhäuser, Arztpraxen oder Pflegeeinrichtungen. Die Höhe der ← 123 | 124 → Gesamtnachfrage wird zwar durch demografische und morbiditätsbedingte Faktoren getrieben, ein Teil der Nachfrage lässt sich aber den ausscheidenden Erwerbstätigen zuordnen, die ersetzt werden müssen (Ersatzbedarf). Ein anderer Teil der Nachfrage ergibt sich aufgrund steigender Nachfrage nach Gesundheitsund Pflegeleistungen (Ergänzungsbedarf).

Eine differenzierte Gegenüberstellung – nach den zuvor definierten Merkmalen – von Arbeitsangebot und -nachfrage, kann Ungleichgewichte identifizieren. Diese Ungleichgewichte drücken sich in Personalengpässen oder -überschüssen hinsichtlich der Kombination verschiedener Merkmale wie Beruf, Region oder Einrichtung aus. Personalüberschüsse sind definiert als ein die Nachfrage übersteigendes Angebot. Entsprechend kann von einem Engpass gesprochen werden, wenn die Arbeitsnachfrage größer ist als das Angebot. Das gilt einerseits für den Arbeitsmarkt im Ganzen, andererseits können diese Aussagen ebenso für Angebot und Nachfrage bezüglich einzelner Qualifikationen bzw. Berufe getroffen werden. Mithilfe dieses Berechnungsmodells soll der Personalbedarf oder -überschuss in einer bestimmten Berufsklasse detailliert analysiert werden. Dadurch ist es möglich, berufsspezifische Aussagen über die Entwicklung des Angebots und der Nachfrage zu treffen.

Um die Angebots- und Nachfrageseite im Gesundheits- und Pflegewesen miteinander quantitativ vergleichen zu können, muss das geleistete Arbeitsvolumen berücksichtigt werden. Aufgrund eines hohen Anteils von Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen im Gesundheits- und Pflegewesen, ist die reine Betrachtung der Beschäftigung in Köpfen, das heißt in Personen, nicht aussagekräftig. Vielmehr müssen angebots- und nachfrageseitige Größen auch in sogenannten Vollzeitäquivalenten (VZÄ) berechnet werden.

Bei dieser Betrachtung werden ausgehend von dem üblichen und regelmäßigen Beschäftigungsumfang einer Vollzeitkraft, beispielsweise 40 Wochenarbeitsstunden, alle bestehenden Arbeitsverhältnisse mit einem geringeren Arbeitsumfang auf diese Größe normiert.368 Somit ist Arbeitsleistung bzw. der Arbeitsumfang ausgedrückt in VZÄ eine definierte Größe und gibt die tatsächlich erbrachte und benötigte Arbeitsleistung wider. Aus der Umrechnung der Beschäftigten in Köpfe in VZÄs resultiert demnach ein aussagekräftiges Ergebnis.369

In der vorliegenden Arbeit erfolgt die Umrechnung von Köpfen in Vollzeitäquivalente mithilfe der Statistiken der Gesundheitspersonalrechnung. Dazu werden berufs- und einrichtungsspezifische Vollzeitquoten berechnet. Das genaue ← 124 | 125 → Vorgehen wird in den folgenden Kapiteln im Rahmen der Angebotsmodellierung aufgegriffen.

5.1 Modellierung der Angebotsseite

Das Arbeitsangebot setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen:

Beschäftigte im Startjahr

Neuzugängen

Renteneintritte

Zur Ermittlung des Angebots an ärztlichem und nichtärztlichem Personal zu einem beliebigen Zeitraum bis zum Jahr 2030, ist eine jahresgenaue Bestimmung dieser Größen erforderlich. Das Vorgehen wird im Einzelnen in den folgenden Kapiteln beschrieben. Zuvor werden die Restriktionen der Modellierung aufgrund der verfügbaren Datenbasis aufgezeigt.

5.1.1 Modellrestriktionen aufgrund der Datenbasis

Für die Berechnung der Ausgangsbeschäftigung wurde die Notwendigkeit detaillierter Beschäftigungsstatistiken herausgestellt, insbesondere um die geforderten Dimensionen Beruf, Alter, Geschlecht, Einrichtung, Region und Jahr abbilden zu können. Die Sichtung der vorhandenen Daten hat ergeben, dass Datensätze, die eine Kombination dieser Dimensionen zulassen, für die ärztlichen Berufe mit der Ärztestatistik der Bundesärztekammer zur Verfügung stehen. Für die nichtärztlichen Berufe gibt es solch detaillierte Statistiken für alle in Kapitel 4.2 abgegrenzten Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesen nur für Deutschland gesamt. Die regionale Komponente und weitere Betrachtungsdimensionen auf regionaler Ebene müssen zum Teil über Annahmen generiert werden, wie im Folgenden in Kapitel 5.1.2.2 beschrieben. Das liegt darin begründet, dass für die ambulanten Einrichtungen des Gesundheitswesens keine detaillierten Beschäftigungsstatistiken auf regionaler Ebene vorliegen. Für die stationären Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie für die ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen kann hingegen auf die regionalen Krankenhausund Pflegestatistiken zurückgegriffen werden, die auch in die GBE mit einfließen. Das im weiteren Verlauf darzustellende annahmegetriebene Vorgehen bei der Berechnung der regionalen Ist-Beschäftigung nach den gewünschten Dimensionen, lässt zum Teil keine regionale Differenzierung bestimmter Merkmale mehr zu. Dies betrifft insbesondere das Alter und damit auch berufsspezifischen Renteneintritte in den einzelnen Bundesländern.

← 125 | 126 → Die amtliche Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen sowie die Vorausberechnung der Studienanfängerzahlen der Kultusministerkonferenz sind anerkannte Prognosen und fließen auch in die Planung der Lehrerbedarfe oder in die Hochschulplanung mit ein. Damit stellen sie auch den besten Ausgangspunkt der Berechnung der Neuzugänge durch Studien- und Ausbildungsabsolventen dar. Allerdings differenzieren diese Vorausberechnungen nicht nach Berufen und Qualifikationen. Hierfür sind eigene Annahmen zu treffen (vgl. 5.1.3) und die Ergebnisse somit auch von diesen Annahmen geprägt.

Von der Modellierung einer möglichen Arbeitskräfte- bzw. Personalmigration aus bzw. ins Ausland, als zusätzliche Komponente der Zu- und Abgänge, wurde abgesehen. Zum einen ist beispielsweise der Wanderungssaldo der Ärzte, als Differenz von Ein- und Auswanderung, mit durchschnittlich 1.000 Ärzten in den Jahren 2004 bis 2009 sehr gering. Dies entspricht lediglich 0,3% der in jenem Zeitraum beschäftigten Ärzte.370 Zum anderen waren keine berufsspezifischen Migrationsstatistiken verfügbar, auf denen aufbauend realistische Wanderungsszenarien hätten erstellt werden können. Eine mögliche Binnenmigration wird zwar nicht explizit modelliert, allerdings wird ihr durch die Verwendung regionaler Bevölkerungsprognosen auf Bundeslandebene Rechnung getragen (siehe Kapitel 5.1.3).

Aufgrund des sich abzeichnenden Trends der zunehmenden Teilzeitarbeit, muss neben der Betrachtung der Ist-Beschäftigung in Köpfen auch eine Normierung der Beschäftigungsverhältnisse auf einen einheitlichen Beschäftigungsumfang erfolgen. Dieser Norm-Umfang drückt sich in sogenannten Vollzeitäquivalenten aus, die den Umfang einer Vollzeitarbeitskraft mit der tariflichen Wochenarbeitszeit beschreiben. Wie in Kapitel 4.4.2.1 dargestellt, werden in der Gesundheitspersonalrechnung für die gewünschten Dimensionen auf Deutschlandebene sowohl Köpfe als auch Vollzeitäquivalente dargestellt. Im Rahmen der GPR wurde demnach bereits eine Umrechnung auf VZÄ vorgenommen. Aus den für Deutschland ermittelten Zahlen in Köpfen und Vollzeitäquivalenten könnten demnach berufs-, einrichtungs- und geschlechtsspezifische Vollzeitquoten ermittelt werden, die auch für die regionale Betrachtung zur Umrechnung verwendet werden. Die regionalen Statistiken weisen nicht in der erforderlichen Detailtiefe und in einheitlicher Art und Weise VZÄ aus. Dadurch sind weitere Annahmen wie beispielsweise deutschlandweiter VZÄ-Quoten erforderlich, die zu Verzerrungen in den Regionen führen können.

← 126 | 127 → 5.1.2 Ist-Beschäftigung im Ausgangsjahr

Am Anfang der Berechnung des zukünftigen Personalangebots steht die Ermittlung des Beschäftigungsstandes (Ist-Beschäftigung) (B) im Ausgangsjahr nach den zu betrachtenden Dimensionen Beruf (b), Alter (a), Geschlecht (g), Einrichtung (e) und Region (r). Insbesondere die Differenzierung nach dem Geschlecht der Beschäftigten ist entscheidend, um geschlechtsspezifische Arbeitsprofile bzw. deren Auswirkungen (siehe Kapitel 3.4.2.1) im Modell zu berücksichtigen.

Da nicht alle benötigten Daten in dieser Detailtiefe, insbesondere auf regionaler Ebene vorhanden sind, müssen sie teilweise über Annahmen generiert werden. Dies wird im Folgenden beschrieben. Dabei wird zwischen dem Beschäftigungsstand der ärztlichen () und der nichtärztlichen (BN) Berufe unterschieden, da hier die Datenlage entscheidend voneinander abweicht.

5.1.2.1 Ärztliches Personal

Für die Bestimmung der Ist-Beschäftigung der ärztlichen Berufe wird ein Bottom-Up Ansatz durchgeführt. Grundlage für die Ist-Beschäftigung der ärztlichen Berufe () ist die Statistik „Bei den Ärztekammern registrierte Ärztinnen und Ärzte mit Gebiets- und Facharztbezeichnung (absolut, je 100.000 Einwohner und Einwohner je Arzt)“ der GBE. Hier liegt eine Kombination der Gliederungsmerkmale

Jahre (j),

Region (r),

Alter (a),

Geschlecht (g),

Gebiets-/Facharztbezeichnung und

Tätigkeitsbereich bzw. Sektor (ambulant/stationär) (s)

vor.

Zum Berechnungszeitpunkt war das letzte erfasste Jahr 2010. Für die Zusammenstellung der Ist-Beschäftigung () im Jahr 2010 werden die dort ausgewiesenen Gebiets- und Facharztbezeichnungen laut der (Muster-) Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer zu den in Kapitel 4.3.2 dargestellten neun ärztlichen Berufsklassen (b) zusammengefasst.

Die in der regionalen Ärztestatistik ausgewiesenen ambulanten Daten entsprechen der Einrichtung „Arztpraxen“ in der GPR. In der GPR werden in keinen anderen ambulanten Einrichtungen Ärzte ausgewiesen, lediglich in den „sonstigen ambulanten Einrichtungen“ sind Ärzte vertreten, ihre Anzahl ist jedoch zu gering, um in der auf Tausend gerundeten Gesundheitspersonalrechnung ← 127 | 128 → ausgewiesen zu werden. Die in der regionalen Statistik ausgewiesenen stationär tätigen Ärzte entsprechen der Kategorie „Stationär“ der GPR, sie umfasst somit neben den Krankenhäusern auch die Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen.

Da in beiden Einrichtungstypen laut GPR Ärzte beschäftigt sind, müssen die regionalen Daten im stationären Sektor auf Einrichtungsebene (e) heruntergebrochen werden. Dazu werden die in Deutschland in den Krankenhäusern und Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen beschäftigten Ärzte ins Verhältnis zu allen Ärzten des stationären Sektors gesetzt. Diese berufs- und geschlechtsspezifische Verhältniszahl wird mit der regionalen Beschäftigungszahl des stationären Sektors multipliziert. Allerdings sind die in der GPR nicht alle zuvor abgegrenzten ärztlichen Berufe ausgewiesen. Für jene, die nicht ausgewiesen werden, wird die Gruppe der übrigen Fachärzte verwendet.

(2.1)

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Damit das regionale ärztliche Arbeitsangebot sowohl in Köpfen (K) als auch in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) ausgewiesen werden kann, müssen die Köpfe mangels regionaler Daten über die deutschlandweiten Daten der GPR in VZÄ umgerechnet werden. Die GPR erlaubt eine Differenzierung der VZÄ nach Geschlecht, Beruf, Einrichtung und Jahr. Es wird die VZÄ-Quote auf Basis des Jahres 2009 aus den Beschäftigungsstatistiken nach Köpfen und Vollkräften der GPR berechnet.371 Die regionale Ist-Beschäftigung der ärztlichen Berufe in VZÄ für das Jahr 2010, differenziert nach Alter372, Beruf, Einrichtung und Geschlecht ergibt sich demnach aus:

(2.2)

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Wobei der Quotient image aus den deutschlandweiten Daten berechnet wurde.

← 128 | 129 → 5.1.2.2 Nichtärztliches Personal

Für die nichtärztlichen Berufe (BN) ist aufgrund der vorhandenen Datenlage eine regionale Betrachtung eine wesentlich größere Herausforderung. Während die Zahlen der ärztlichen Berufe in der benötigten Detailtiefe und auf Bundeslandebene vorhanden sind, müssen für die nichtärztlichen Berufe teilweise Schätzungen vorgenommen werden. Dies betrifft insbesondere die nichtärztlichen Berufe in den ambulanten Einrichtungen des Gesundheitswesens, da hier kaum detaillierte amtliche Statistiken vorhanden bzw. öffentlich zugänglich sind.

Aus diesem Grund wurde für die Ermittlung der Ist-Beschäftigung in den nichtärztlichen Berufen ein Top-Down Ansatz verwendet, der die deutschlandweiten Beschäftigungszahlen der betrachteten nichtärztlichen Berufe auf die Bundesländer und Einrichtungen verteilt. Im Anschluss wurde diese Verteilung mit den auf Bundeslandebene vorhandenen Statistiken validiert. Hierbei kamen insbesondere die regionalen Krankenhaus- und Pflegestatistiken zum Einsatz, die die Beschäftigten nach Berufen in Krankenhäusern sowie den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen beinhalten. Diese Vorgehensweise sicherte eine möglichst genaue Abbildung der Ist-Beschäftigung für 2009 auf regionaler Ebene.

Ausgangspunkt der Verteilung ist die Statistik der Gesundheitspersonalrechnung „Beschäftigte im Gesundheitswesen in 1.000“ mit den Gliederungsmerkmalen Jahre, Deutschland, Geschlecht, Art der Einrichtung und Berufe. Die zuvor vorgenommen berufsbezogene Abgrenzung des Untersuchungsgebiets findet sich auch in dieser Statistik wieder. Dies stellen die Eckwerte dar, auf die die Disaggregationsfaktoren zur Regionalisierung der Ist-Beschäftigung angewendet werden müssen.

Ausgangspunkt der Ermittlung der Disaggregationsfaktoren für die regionale Verteilung der Ist-Beschäftigung der nichtärztlichen Berufe (BN) im Jahr 2009 ist eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA), die die Sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SvB) nach Wirtschaftsabschnitten (WZ 2008) und Berufsordnungen ausweist, nicht nur für Deutschland (d), sondern auch für die Bundesländer (r). Mit dieser Statistik sind also Aussagen über die regionale Verteilung der betrachteten Berufe (siehe Abgrenzung, 3 Steller BKZ) im Wirtschaftsabschnitt Gesundheits- und Sozialwesen (WZ2008) möglich. Der Disaggregationsfaktor für den Bestand der nichtärztlichen Berufe (DRBN) in den Bundesländern (r) nach Berufen (b) ergibt sich demnach zu

(2.3)

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← 129 | 130 → wobei SvBGW die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Wirtschaftsabschnitt Gesundheits- und Sozialwesen darstellen. Eine Differenzierung nach Geschlecht oder Alter ist bei der Disaggregation nicht möglich, da die vorhandenen Daten diese Differenzierung auf regionaler Ebene nicht zulassen. Damit wird für den weiteren Verlauf der Untersuchung unterstellt, dass die regionale Altersund Geschlechtsstruktur (AG) je nichtärztlichem Beruf in jedem Bundesland den Strukturen in Deutschland entspricht.

(2.4)

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Die Eckwerte für die regionale Ist-Beschäftigung der nichtärztlichen Berufe (EN) ergeben sich demnach aus

(2.5)

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wobei BNb,d die im Jahr 2009 in den relevanten Prognoseeinrichtungen und -berufen Beschäftigten in Deutschland darstellt. Um den benötigten Detaillierungsgrad der nichtärztlichen Beschäftigung auf regionaler Ebene zu erhalten, werden die regionalen Eckwerte in einem nächsten Schritt mit einer Mischung aus Bottom-Up und Top-Down Ansatz auf die zu betrachteten Einrichtungen verteilt.

Zunächst werden im Rahmen des Bottom-Up Vorgehens die Daten der regionalen (r) Pflege- und Krankenhausstatistik – soweit vorhanden – verwendet, die eine berufsspezifische (b) Unterscheidung und eine Unterscheidung zwischen ambulanten (PA) und stationären Pflegeeinrichtungen (PS) sowie Krankenhäusern (KH) und Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen (VR) zulassen. Die dort ausgewiesen Berufe orientieren sich an der offiziellen Klassifizierung der BA und können den relevanten Prognoseberufen zugeordnet werden. Die Summe der regionalen Ist-Beschäftigung, die sich mittels des Bottom-Up Verfahrens ermitteln lässt, ergibt sich demnach zu

(2.6)

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Da insbesondere für die ambulanten Einrichtungen des Gesundheitswesens keine detaillierten regionalen Statistiken vorliegen, die nichtärztlichen Berufe aber ebenfalls diesen Einrichtungen zugeordnet werden müssen, erfolgt im nächsten Schritt eine Top-Down-Verteilung der Berufe.

Zunächst werden von den berechneten regionalen Eckwerten ENb, r die berufsspezifischen und regionalen Daten der Krankenhaus- und Pflegestatistik subtrahiert.

(2.7)

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← 130 | 131 → Die verbleibenden berufsspezifischen Beschäftigungszahlen (BNTD) werden mit einem Disaggregationsschlüssel (DE) auf die betrachteten ambulanten Einrichtungen und das Rettungswesen verteilt. Diese Schlüssel werden aus der Berufsund Einrichtungsspezifischen Verteilung in Deutschland mithilfe der Statistik „Beschäftigte im Gesundheitswesen in 1.000. Gliederungsmerkmale: Jahre, Deutschland, Geschlecht, Art der Einrichtung, Berufe“ bestimmt.

(2.8)

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Die gesamte alters-, berufs-, einrichtungs-, geschlechts-, und regionalspezifische Verteilung der Ist-Beschäftigung ergibt sich somit aus Gleichung 2.4 sowie 2.6 bis 2.8 zu:

(2.9)

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Die so ermittelte regionale und einrichtungsspezifische Berufsverteilung wurde abschließend mit der deutschlandweiten Verteilung plausibilisiert.

Damit das regionale nichtärztliche Arbeitsangebot sowohl in Köpfen (K) als auch in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) ausgewiesen werden kann, müssen die Daten analog zu den ärztlichen Berufen umgerechnet werden. Dies geschieht mangels regionaler Daten ebenfalls über die deutschlandweiten Daten der GPR. Die regionale Ist-Beschäftigung der nichtärztlichen Berufe in VZÄ für das Jahr 2010, differenziert nach Alter, Beruf, Einrichtung und Geschlecht ergibt sich demnach aus:

(2.10)

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Wobei der Quotient image aus den deutschlandweiten Daten berechnet wurde.

5.1.3 Neuzugänge

Neben der demografischen Entwicklung der bereits Beschäftigten, werden vor allem die Zugänge aus Studien- und Ausbildungsgängen der Gesundheitsdienstberufe maßgeblich das Personalangebot der kommenden Jahre bestimmen. Die zukünftige Entwicklung dieser Größe ist von vielen Faktoren wie beispielsweise Anzahl der Studien- und Ausbildungsplätzen an Universitäten und Schulen, Studienzugangsberechtigung etc., aber auch von der Attraktivität der relevanten Berufsbilder abhängig. Im gewissen Umfang sind diese Neuzugänge durch die Politik steuerbar. In Folge dessen wäre es möglich, den Umfang der Neuzugänge ← 131 | 132 → als eine gewünschte Zielgröße vorzugeben und in das Berechnungsmodell einfließen zu lassen. An dieser Stelle soll allerdings zunächst ein möglichst realistisches Szenario der Neuzugänge dargestellt werden, das auf der zurückliegenden Entwicklung und Trends der Vergangenheit beruht. Die Modellierung der Neuzugänge auf diese Art ist aufwendiger als die bloße Vorgabe von Zielgrößen. Sie unterstellt dabei explizit, dass die zukünftige Attraktivität der in dieser Arbeit betrachteten Berufe der in Vergangenheit beobachtbaren entspricht. Dadurch bleibt eine mögliche Verschiebung durch die Veränderung der relativen Preise (Löhne) zwischen einzelnen Branchen unberücksichtigt, die sich aufgrund einer allgemeinen Arbeitskräfteknappheit ergeben kann. Wenn sich diese relative Attraktivität zu Ungunsten des Gesundheits- und Pflegewesens entwickelt, ist davon auszugehen, dass sich weniger junge Menschen für eine Ausbildung in diesem Bereich entscheiden bzw. in andere Branchen abwandern.

Im Folgenden wird diese Modellierung getrennt für ärztliche und nichtärztliche Berufe dargestellt. Aufgrund der unterschiedlichen Ausbildungswege – universitäre vs. berufliche Ausbildung – und der damit unterschiedlichen Datenlage und Herangehensweise, wird diese Trennung vorgenommen.

5.1.3.1 Ärztliches Personal

Die Neuzugänge des ärztlichen Personals werden maßgeblich von der Zahl der Studienabschlüsse im Fach Humanmedizin bestimmt. Um ein möglichst realistisches Abbild dieser Größe zu erhalten, greift die vorliegende Arbeit auf offiziellen Prognosen der Kultusministerkonferenz der Länder zurück.

Diese sog. „Vorausberechnung der Studienanfängerzahlen 2009-2020“ prognostiziert u.a. die Anzahl der jährlichen Studienanfänger bis zum Jahr 2020 im gesamten tertiären Bereich. In dieser Prognose wird davon ausgegangen, dass 75% der Schulabsolventen, die ihre Studienberechtigung in Deutschland erworben haben, ein Studium im tertiären Bereich aufnehmen werden. Für das Jahr 2020 würde dies beispielsweise bedeuten, dass mit 373.800 potenziellen Studienanfängern zu rechnen wäre.373 Um von dieser Prognose für alle Studenten im ← 132 | 133 → tertiären Bereich auf die Studienanfänger und schlussendlich auch Studienabsolventen im Fach Humanmedizin schließen zu können, sind zunächst weitere Annahmen nötig.

Für die Jahre 2000 bis 2009 (j) wird der Anteil (QH) der Medizinstudenten im ersten Semester (BH) an allen Studienanfänger (G) ermittelt.

(2.11)

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Dieser Anteil wird für beide Geschlechter bestimmt und anschließend über die Anzahl der Jahre j zu QHg gemittelt.

Darüber hinaus wird aus den Daten der Fachserie 11, Reihe 4.1 und 4.2 eine Abbruchsquote bestimmt. Wird vereinfachend unterstellt, dass die Regelstudienzeit im Fach Humanmedizin von 12 Semestern eingehalten wird, kann die Abbruchsquote (AQ) über die Absolventen im Fach Humanmedizin (AH) folgendermaßen bestimmt werden:

(2.12)

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Dieser Wert wird ebenfalls gemittelt. Um von der Prognose der Studienanfänger bis 2020 der Kultusministerkonferenz auf die Absolventen im Fach Humanmedizin zu gelangen, müssen die Studienanfänger Zahlen der KMK zunächst bis 2024 fortgeschrieben werden. Darüber hinaus wurde die Prognose der Studienabsolventen geschlechterspezifisch berechnet. Der Anteil der Studienanfängerinnen stieg leicht von 61,8% im Jahr 2000 auf 63,1% im Jahr 2008. Von einer weiterhin deutlichen Zunahme der Frauenquote wird im Folgenden nicht ausgegangen, weswegen der Anteil der Studienanfängerinnen insgesamt in Zukunft weiterhin mit 63,1% prognostiziert wird. GQg sei an dieser Stelle der geschlechtsspezifische Term. Dadurch können – unter der Annahme einer sechsjährigen Studiendauer – die Absolventen bis zum Jahr 2030 bestimmt werden.

(2.14)

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Die reine Betrachtung der Studienabsolventen als potenzieller Strom an Neuzugängen für das Gesundheits- und Pflegewesen ist alleine jedoch nicht aussagekräftig und kann zu Verzerrungen führen. Zum einen praktizieren nicht alle ausgebildeten Mediziner im ambulanten oder stationären Sektor, sondern arbeiten beispielsweise in Unternehmen der freien Wirtschaft (vgl. Kapitel 3.4.2.2). Zum ← 133 | 134 → anderen bildet sich ein Großteil der Ärzte zu Fachärzten weiter.374 Hier ist folglich eine weitere Differenzierung nach den zuvor abgegrenzten ärztlichen Berufsklassen erforderlich.

Letzteres wird durch die Entwicklung der Anzahl der Facharztanerkennungen berücksichtigt. Die Facharztanerkennungen für die zurückliegenden Jahre sind aus der Ärztestatistik der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ablesbar. Die Anzahl aller Facharztanerkennungen lag in der Vergangenheit über der Anzahl der Medizinabsolventen. Aus diesem Grund wird im Folgenden angenommen, dass alle Studienabsolventen eine Facharztweiterbildung absolvieren.375 Zunächst wird für die Vergangenheit der Anteil (WA) eines jeden Arztberufes (gemäß der vorgestellten Abgrenzung) (FAb) an allen Facharztanerkennungen (FA) für jedes Jahr bestimmt. Diese Anteilsbildung wird auch nach Geschlecht differenziert.

(2.15)

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Aus diesen Weiterbildungsquoten wird über die zurückliegenden Jahre 2000 bis 2009 das arithmetische Mittel WAb,g gebildet.

Der Teilnahme an der gesundheitlichen Versorgung wird durch die Berücksichtigung arztgruppenspezifischer Teilnahmequoten Rechnung getragen. Diese Teilnahmequote der ärztlichen Berufe (TQA) kann aus der Statistik „Bei den Ärztekammern registrierte Ärztinnen und Ärzte mit Gebiets- und Facharztbezeichnung“ der GBE bestimmt werden. Wie in Kapitel 3.4.2.2 gezeigt, nahm die Anzahl der Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit in der Vergangenheit stetig zu. Ob und in wie fern sich dieser Trend in Zukunft fortsetzen oder gegebenenfalls sogar umkehren wird, kann nicht abgesehen werden. Aus diesem Grund wird von einer weiteren Reduktion der Teilnahmequote abgesehen. Es werden geschlechts- und berufsspezifische Teilnahmequoten mit dem Stand des letzten verfügbaren Jahres bestimmt. Diese werden als Quotient von allen Ärzten mit ärztlicher Tätigkeit (T) zu allen bei Ärztekammern registrierten Ärzten (R) gebildet:

(2.16)

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Darüber hinaus muss die gesamte Anzahl, der für Deutschland ermittelten Neuzugänge weiter auf die Regionen und die regionalen Einrichtungen verteilt werden, ← 134 | 135 → um die regionale Berechnung zu ermöglichen. Zentral für dieses Vorgehen sind zwei Annahmen. Zum einen wird unterstellt, dass die bundeslandspezifischen Neuzugänge von der Gruppe der 20-29 Jährigen getrieben werden. D.h. Bundesländer, die zukünftig einen höheren Bevölkerungsanteil der 20-29 Jährigen haben, bekommen tendenziell mehr Absolventen zugeordnet. Durch dieses Vorgehen kann zumindest bei den Neuzugängen eine mögliche Binnenmigration berücksichtigt werden, in dem die in den regionalen Bevölkerungsprognosen berücksichtigten Wanderungsbewegungen auch auf das Personalangebot im Gesundheits- und Pflegewesen übertragen werden.

Zum anderen wird unterstellt, dass die Neuzugänge dorthin gehen, wo bereits Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens vorhanden sind. Dies trifft insbesondere auf die stationären Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens zu. Aber auch bei den ambulant tätigen Ärzten können Neuansiedlungen häufig nur dort erfolgen, wo Arztsitze frei werden bzw. eine Praxis an einen jüngeren Kollegen weitergeben wird.

Zur Modellierung der ersten Annahme wird zunächst der Anteil der 20-29 Jährigen eines Bundeslandes an der gesamten Altersgruppe in Deutschland gebildet. Dieser Anteil wird jährlich bis zum Jahr 2030 ermittelt.

(2.17)

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Zur Modellierung der zweiten Annahme wird zunächst die regionale Verteilung der ärztlichen Berufe () nach Fachrichtung (b) für das Jahr 2009 bestimmt.

(2.18)

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Diese beiden Quoten werden anschließend gleich stark gewichtet und zusammengefasst zu

(2.19)

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Somit ist die regionale Verteilung zu gleichen Teilen von dem zukünftigen Anteil der 20-29 Jährigen und der aktuellen regionalen Verteilung der ärztlichen Berufe abhängig.

Um die Neuzugänge der Ärzte weiter auf die Einrichtungen in den Bundesländern verteilen zu können, wird darüber hinaus die einrichtungsspezifische Verteilung in den Regionen im Jahr 2009 benötigt.

(2.20)

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← 135 | 136 → Die Neuzugänge aus Studienabsolventen, die für die gesundheitliche Versorgung in den Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens in den einzelnen Regionen tätig sind (), ergeben sich somit aus Gleichung 2.14 – 2.16 sowie 2.19 und 2.20 zu

(2.21)

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Diese Zugänge in Köpfe müssen anschließend in Vollzeitäquivalente umgerechnet werden. Unter der Annahme, dass sich bei den Neuzugängen die gleiche berufs-, geschlechts- und einrichtungsspezifischen Vollzeitquoten wie bei den aktuellen Beschäftigten ergeben werden, folgen für die Neuzugänge in VZA:

(2.22)

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5.1.3.2 Nichtärztliches Personal

Die Beschäftigten im nicht ärztlichen Bereich können vor allem durch die Anzahl der Abschlüsse in Ausbildungsberufen beziffert werden. Als Grundlage der Prognose der Ausbildungsabsolventen dient – ähnlich zu den Studienabsolventen – eine Prognose der Kultusministerkonferenz über die zukünftigen Schüler und Absolventen in allgemeinen und berufsbildenden Schulen.376 Die bis zum Jahr 2020 reichende Prognose wird zunächst trendmäßig bis 2030 ins Jahr fortgeschrieben.

Um die zukünftigen Absolventen für die zu betrachtenden Berufe schätzen zu können, mussten für die Vergangenheit durchschnittliche Absolventenquoten bestimmt werden. Die Daten stammen aus mehreren Ausgaben der Fachserie 11, Reihe 2 sowie Reihe 3 des Statistischen Bundesamtes.377 Dort liegen Ausbildungsdaten auf 4-Steller-BKZ vor; sie werden zu zuvor definierten 3-Stellern zusammengefasst und fließen dann in die Berechnung ein.

← 136 | 137 → Für die Jahre 2000 bis 2009 (j) wird der Anteil (QA) der Auszubildenden eines Berufs (b) im ersten Schuljahr (BA) an allen Schülern der beruflichen Schulen (BS) ermittelt.

(2.23)

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Dieser Anteil wird für beide Geschlechter bestimmt und anschließend über die Anzahl der Jahre j zu QAb,g gemittelt. Darüber hinaus wird aus den Daten der Fachserie 11, Reihe 2 und Reihe 3 des Statistischen Bundesamtes eine Absolventenquote bestimmt. Nach der Ausbildungsordnung wird eine dreijährige Berufsausbildung unterstellt, für die Helferberufe (z. B. Altenpflegehelfer, Gesundheits- und Krankenpflegehelfer) eine einjährige Ausbildungsdauer. Mit dieser Annahme können aus den Vergangenheitsdaten Absolventenquoten analog zu den Studienabsolventen erstellt werden. Die Absolventenquote (AQ) über die Absolventen der Ausbildungsberufe (AB) kann für die dreijährigen Ausbildungsberufe folgendermaßen bestimmt werden:

(2.24)

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Für die einjährigen Ausbildungsberufe gilt entsprechend:

(2.25)

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Für diese Werte wird ebenfalls das arithmetische Mittel AQb,g gebildet. Um von der fortgeschriebenen Prognose der Schüler der Kultusministerkonferenz bis zum Jahr 2030 (S) auf die Absolventen der einzelnen nichtärztlichen Berufe zu gelangen (AN) Die zukünftige Anzahl an Ausbildungsabsolventen nach Beruf und Geschlecht ergibt sich für die dreijährige Ausbildung dann aus:

(2.26)

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Bzw. für die einjährige Ausbildung aus:

(2.27)

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Allerdings können auch hier nicht alle relevanten Absolventen als Neuzugänge für den ambulanten und stationären Sektor betrachtet werden. Die Diskussion in Kapitel 3.4.2.2 hat gezeigt, das zum einen ein relevanter Anteil der hier betrachteten Gesundheitsdienstberufe nicht in den Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens arbeitet, und zum anderen je nach Beruf eine unterschiedliche ← 137 | 138 → Berufsverweildauer vorzufinden ist. Ausgehend von dieser Erkenntnis, wäre eine dynamische Modellierung der Ströme in die Berufe und aus der erlernten beruflichen Tätigkeit erforderlich. Für den in dieser Arbeit angestrebten Detaillierungsgrad fehlen allerdings entsprechende Daten und würden die Komplexität der Berechnung um ein Vielfaches erhöhen. Um diesem Sachverhalt dennoch Rechnung tragen zu können und die für die gesundheitliche Versorgung zur Verfügung stehenden nichtärztlichen Personalressourcen nicht zu überschätzen, wird analog zu den ärztlichen Berufen davon ausgegangen, dass ein gewisser Anteil der Ausbildungsabsolventen nie für das Gesundheits- und Pflegewesen zur Verfügung steht.

Um diesen Anteil abschätzen zu können, wurden aus Statistiken der Bundesagentur für Arbeit berufsspezifische Teilnahmequoten für das Jahr 2009 ermittelt. Diese Teilnahmequoten je Beruf ergeben sich aus dem Quotienten der in den relevanten Wirtschaftszweigen378 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SvB) zu allen SvB.

(2.28)

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Anders als bei den ärztlichen Berufen, kann diese Teilnahmequote aufgrund der Datenlage nur für alle Beschäftigten einer Berufsordnung erfolgen. Eine Differenzierung zwischen den Geschlechtern ist nicht möglich.379 Analog ist auch hier eine Verteilung, der für Deutschland ermittelten Neuzugänge aus Ausbildungsabsolventen weiter auf die Regionen und die regionalen Einrichtungen erforderlich. Dies geschieht ebenfalls mit den in Kapitel 5.2.3.1 beschriebenen Annahmen. Aus Gleichung 2.17 wird der Bevölkerungsanteil BAj,r20-29 übernommen.

Für die zweite Annahme wird zunächst die regionale Verteilung der nichtärztlichen Berufe (RN) aus der in Kapitel 5.1.2.2 selbst erzeugten Ist-Beschäftigung für das Jahr 2009 nach Region (r) und Beruf (b) ermittelt.

(2.29)

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Analog zu den Ärzten werden der Bevölkerungsanteil und die regionale Verteilung gleich stark gewichtet und zusammengefasst zu

(2.30)

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← 138 | 139 → Zur Verteilung der Neuzugänge der nichtärztlichen Berufe auf die Einrichtungen in den Bundesländern, wird zudem die einrichtungsspezifische Verteilung der Berufe in den Regionen im Jahr 2009 bestimmt.

(2.31)

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Die Neuzugänge aus Ausbildungsabsolventen (ZN), die in den betrachteten Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens in den einzelnen Regionen tätig sind (ZN), ergeben sich somit aus den Gleichungen 2.26 – 2.28 bzw. 2.30 und 2.31 zu

(2.32)

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Diese Zugänge in Köpfe müssen anschließend in Vollzeitäquivalente umgerechnet werden. Unter der Annahme, dass sich bei den Neuzugängen die gleichen berufs-, geschlechts- und einrichtungsspezifischen Vollzeitquoten wie bei den aktuelle Beschäftigten ergeben werden, folgen für die Neuzugänge in VZA:

(2.33)

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5.1.4 Renteneintritte

Die Anzahl der in Rente gehenden Beschäftigten – der Ersatzbedarf – bis zum Jahr 2030 lassen sich durch die Fortschreibungen der Ist-Beschäftigung und durch Definition eines berufsspezifischen Rentenalters ermitteln. Die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) erfasst in der Rentenstatistik rein zu statistischen Zwecken den letzten, vor Rentenbeginn ausgeübten Beruf. Allerdings kann es dadurch zu Verzerrungen in den Datensätzen kommen, wenn beispielweise 30 Jahre lang ein anderer Beruf ausgeübt wurde, als es die letzten drei Monate vor Rentenbeginn der Fall war.380 Daraus folgt, dass generelle Aussagen bezüglich berufsspezifischer Renteneintrittsalter nur eingeschränkt möglich sind. Aus Gründen der Datenqualität sowie datenschutzrechtlichen Gründe gibt die DRV demnach lediglich Daten nach zusammengefassten Berufsgruppen heraus.381

← 139 | 140 → So betrug das durchschnittliche Zugangsalter der Rentenempfänger im Jahr 2009 in der Berufsgruppe Gesundheitsdienstberufe (BKZ84/85)382 59,9 Jahre bei den Männern und 58,6 Jahre bei den Frauen. In der Berufsgruppe der Sozialpflegerische Berufe, Lehrer, Geistes- und naturwissenschaftliche Berufe, a.n.g. und Seelsorger (BKZ 86-89) betrug es 61,4 bzw. 59,0 Jahre. In diesem Durchschnittswert sind sowohl Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit als auch wegen Alters berücksichtigt. Werden lediglich die Zugänge wegen Alters betrachtet, betrug das durchschnittliche Zugangsalter in der BKZ 84/85 ca. 63,7 Jahre bei Männern und 62,3 bei Frauen. In der BKZ 86-89 sind es entsprechend 63,6 bzw. 62,1 Jahre.383

Aus diesen Daten auf Ebene der Berufsgruppen (BKZ 2-Steller) ist somit keine Bestimmung eines berufsspezifisches Renteneintrittsalter auf 3- oder 4-Steller Ebene möglich. Für die Berechnung der Renteneintritte werden demnach folgende Annahmen getroffen:

Das niedrigste durchschnittliche Renteneintrittsalter der Gesundheitsdienstberufe beträgt in Zukunft 60 Jahren.

Ärzte arbeiten in der Regel deutlich länger als Beschäftigte in nichtärztlichen Berufen. Vielfach bis zum Entzug der Approbation wegen Alters mit 68 Jahren.

Die Arbeitsbelastung in stationären Einrichtungen ist durch Schicht-, Nachtdienst, Wochenendarbeit etc. höher, entsprechend gehen die Beschäftigten dort früher in Rente.

Die sich daraus ergebenden und für die weitere Berechnung maßgeblichen Renteneintrittsalter sind in Tab. 5-1 dargestellt.

Tab. 5-1: Berufs- und sektorenspezifisches Renteneintrittsalter

 ambulantstationär
ärztliches Personal6664
nichtärztliches Personal6260

Quelle: Eigene Darstellung.

Das durchschnittliche berufsspezifische Renteneintrittsalter wird zwischen 60 Jahren bei den stationär tätigen nichtärztlichen Berufen und 66 Jahren bei ambulant tätigen Ärzten festgelegt. Einerseits wird eine Differenzierung zwischen ärztlichem und nichtärztlichem Personal vorgenommen, andererseits zwischen ambulanten und stationären Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens. ← 140 | 141 → Dieses Renteneintrittsalter darf nicht mit dem gesetzlichen Renteneintrittsalter gleichgesetzt werden sondern orientiert sich am dem tatsächlichen, aus den Daten der DRV ermittelten durchschnittlichen Rentenzugangsalter. Einem Anstieg des gesetzlichen Renteneintrittsalters (Rente mit 67) wird insofern bereits Rechnung getragen, dass das in dieser Arbeit angenommen, niedrigste Renteneintrittsalter von 60 Jahren bereits über dem aktuellen Zugangsalter liegt. Ferner wird in Kapitel 6.3 im Rahmen der Szenarienanalyse eine Anhebung des Renteneintrittsalters vorgenommen.

Auch bei den altersbedingt ausscheidenden Arbeitskräften ist aufgrund der unterschiedlichen Datenlagen – wie bereits bei der Beschreibung der Ausgangsbeschäftigung ersichtlich – eine getrennte Modellierung zwischen ärztlichen und nichtärztlichen Berufen erforderlich.

5.1.4.1 Ärztliches Personal

Die ärztlichen Beschäftigungsdaten für das Startjahr der Prognose sind in einer Kombination der Gliederungsmerkmale Jahre (j), Region (r), Alter (a), Geschlecht (g), Gebiets-/Facharztbezeichnung (b) und Tätigkeitsbereich (hier ambulante bzw. stationäre Einrichtungen des Gesundheitswesens) (e) vorhanden. Das Merkmal Alter gliedert sich in sechs Alterskohorten (ak).384 Um möglichst jahresgenaue Ersatzbedarfe berechnen zu können, werden für jede Region die einzelnen berufs-, geschlechts- und einrichtungsspezifischen Beschäftigungszahlen in den Alterskohorten auf Altersjahre (aj) heruntergebrochen. Dies geschieht unter Zuhilfenahme von bundeslandspezifischen Bevölkerungsstatistiken der statistischen Landesämter, die nach Altersjahren vorliegen. Dabei wird eine Altersverteilung von 26 bis 68 Jahren erzeugt. Mit 68 wird in der Regel die kassenärztliche Zulassung entzogen, 26 Jahre wurde als realistischer Einstiegtermin in die ärztliche Tätigkeit festgelegt. Das exakte Eintrittsalter ist eher irrelevant, da für die Berechnung der zukünftigen Ersatzbedarfe mit einem Zeithorizont von 20 Jahren diese untere Altersgrenze keine wirkliche Relevanz hat, da alle unter 35-Jährigen bis zum Jahr 2030 nicht in Rente gehen werden.

Die Berechnung der Ersatzbedarfe, d.h. der Renteneintritte der Ärzte () erfolgt demnach folgendermaßen:

(2.30)

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← 141 | 142 → Dabei stellt t1 das Startjahr der Betrachtung 2010 dar. RE ist das zu Grunde gelegte durchschnittliche Renteneintrittsalter. RE kann im Rahmen einer Szenarienanalyse als mögliche Stellschraube verändert werden (siehe Kapitel 6.3).

5.1.4.2 Nichtärztliches Personal

Die mathematische Modellierung der Renteneintritte des nichtärztlichen Personals erfolgt analog zum ärztlichen Personal. Aufgrund der schlechteren Datenverfügbarkeit sind im Vorfeld der Berechnung und bei der Verteilung auf Altersjahre andere Annahmen zu treffen. Die berufsspezifische Altersstruktur ist aus der Gesundheitspersonalrechnung in Kombination mit den Einrichtungen nicht bestimmbar. Deshalb kann bei der Altersstruktur nicht explizit zwischen den Einrichtungen unterschieden werden. Ferner sind keine regionalen Altersstrukturdaten nach Berufen, in der für die berufsspezifische Abgrenzung benötigten Detailtiefe, frei zugänglich verfügbar. Aus diesem Grund wird sowohl für die einrichtungsspezifische als auch regionale Altersstruktur der Beschäftigten unterstellt, dass sie den Strukturen aller Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens in Deutschland entsprechen.

Zunächst wird eine Altersstruktur nach Altersjahren und Geschlecht für die Beschäftigten in Deutschland erzeugt. Das Merkmal Alter der nichtärztlichen Berufe gliedert sich in drei Alterskohorten.385 Diese grobe Altersstruktur wird in einem nächsten Schritt auf 5-Jahres-Alterskohorten aufgeteilt.386 Dies geschieht mittels der Altersstruktur der Erwerbstätigen für das Jahr 2009, die ebenfalls in dieser Abstufung vorliegt. Um die jahresgenaue Altersstruktur der nichtärztlichen Beschäftigten zu erhalten, wird die Altersstruktur nach Altersjahren in Deutschland im Jahr 2009 verwendet und eine Altersverteilung von 16 bis 64 Jahren erzeugt. Diese Verteilung orientiert sich an dem durchschnittlichen Alter bei Ausbildungsbeginn und dem gesetzlichen Renteneintrittsalter.387

Die Berechnung der Ersatzbedarfe, d.h. der Renteneintritte der nichtärztlichen (RN) erfolgt demnach analog zu den ärztlichen Berufen zu:

← 142 | 143 → (2.31)

image

Der Zeitpunkt t1 bezeichnet das Startjahr 2009. Das zuvor definierte durchschnittliche Renteneintrittsalter wird mit RE bezeichnet.

5.1.5 Zukünftiges Angebotspotenzial

Als Summe der bisher genannten Größen ergibt sich das zukünftige Arbeitspotenzial im Gesundheits- und Pflegewesen. Folgende Komponenten beinhaltet das Arbeitsangebot:

Der Bestand image an ärztlichen Berufen zum Startjahr in Vollzeitäquivalente, die einer ärztlichen Tätigkeit nachgehen. Differenziert nach Alter, Fachrichtung, Einrichtung, Geschlecht und Region.

Der Bestand image an nichtärztlichen Berufen zum Startjahr in Vollzeitäquivalente, die einer Beschäftigung in den Einrichtungen des Gesundheitsund Pflegewesens nachgehen. Differenziert nach Alter, Fachrichtung, Einrichtung, Geschlecht und Region.

Die zukünftigen Neuzugänge image an ärztlichem Personal aus Studienabsolventen in Vollzeitäquivalente, die für die Einrichtungen im Gesundheits- und Pflegewesen zur Verfügung stehen. Differenziert nach Fachrichtung, Einrichtung, Geschlecht, Jahr und Region.

Die zukünftigen Neuzugänge image an nichtärztlichem Personal aus Ausbildungsabsolventen in Vollzeitäquivalente, die für die Einrichtungen im Gesundheits- und Pflegewesen zur Verfügung stehen. Differenziert nach Beruf, Einrichtung, Geschlecht, Jahr und Region.

Die Renteneintritte image des ärztlichen Personals und die Renteneintritte image des nichtärztlichen Personals. Differenziert nach Fachrichtung bzw. Beruf, Einrichtung, Geschlecht, Jahr und Region.

Für das gesamte Arbeitsangebot ist eine Differenzierung nach Geschlecht nicht mehr erforderlich, da geschlechtsspezifische Teilnahme- und Vollzeitquoten bereits bei der Berechnung der Bestände bzw. Neuzugänge in VZÄ berücksichtigt wurden.

Dagegen müssen die Renteneintritte image des ärztlichen Personals und die Renteneintritte image des nichtärztlichen Personals mit der Vollzeitquote image bzw. image in VZÄ umgerechnet werden.

← 143 | 144 → Für das zum Zeitpunkt t=j zur Verfügung stehende Arbeitsangebot in Vollzeitäquivalente ergibt sich demnach:

(2.32)

image

5.2 Modellierung der Nachfrageseite

In Kapitel 3 wurden die wesentlichen quantitativen und qualitativen Einflussfaktoren auf die Nachfrageseite zusammengetragen. Die Modellierung dieser Einflussfaktoren ist sehr komplex, bei deren Berücksichtigung im Berechnungsmodell sind zwei Dinge zu beachten:

1. Die Modellierung des Berechnungsmodells erfolgt auf makroökonomischer Ebene.

2. Die Möglichkeiten bei der Modellierung der Nachfrageseite sind entscheidend von der verfügbaren Datenbasis abhängig.

Gerade der letzte Punkt ist für die Praktikabilität der Durchführung der mathematischen Modellierung entscheidend. Vor diesem Hintergrund muss geprüft werden, ob mit der vorhandenen Datenbasis und gegebenenfalls durch Näherungen oder Vereinfachungen vertretbare Ergebnisse erzielt werden können, die die zukünftige Arbeitsnachfrage möglichst exakt approximieren.

Grundsätzlich sind zur Bestimmung der Nachfrage verschiedene Möglichkeiten denkbar:

1. Bereits im Rahmen des Kapitels 2.1 wurde der einfachste Ansatz dargestellt, der den Bedarf über ein festgelegtes Verhältnis von Einwohnern zu Gesundheitspersonal bestimmt. Zwar ist dieses Verfahren leicht verständlich und anwendbar, es klammert jedoch wichtige Charakteristika des Arbeitsangebots (Anzahl der Arbeitsstunden) und der Bevölkerung (demografische Struktur) aus.388

2. Daneben gibt es die Möglichkeit, die zukünftige Nachfrage aus der aktuellen Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen abzuleiten, in dem das aktuelle Leistungsniveau mit den zukünftigen demografischen Profilen verknüpft wird. Allerdings fehlt es häufig an verlässlichen Information ← 144 | 145 → bzw. Daten über die Inanspruchnahme bzw. Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Abgesehen davon, dass dies von einer Reihe soziokultureller Faktoren (Bildung, Geschlecht, Familienstand, pers. Einstellungen, etc.) abhängig ist, die nur sehr schwer beobachtbar und aus den makroökonomischen Daten nicht bestimmbar sind.389

3. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Personalbedarfe im Gesundheitsund Pflegewesen aus der alters- und geschlechtsspezifischen Morbiditätsentwicklung (Inzidenz- und Prävalenzraten) abzuleiten. Die sich daraus ergebenden Gesundheitsbedürfnisse als Differenz zwischen aktuellem und gewünschtem Gesundheitszustand führen, wie in Kapitel 3.1 gezeigt, zum abgeleiteten Bedarf nach Gesundheitsleistungen, der wiederum zur Personalnachfrage führt. Allerdings ist auch hier die Definition und die Messung von Gesundheitsbedürfnissen schwierig, da diese ebenfalls stark von den bereits genannten soziokulturellen Faktoren beeinflusst werden.390

Ausgehend von diesen Möglichkeiten werden im Folgenden die Modellrestriktionen aufgrund der Datenbasis erläutert bevor anschließend die Nachfragemodellierung im Gesundheits- und Pflegewesen vorgestellt wird.

5.2.1 Modellrestriktionen aufgrund der Datenbasis

Wie in Kapitel 3.5 dargestellt, ist die zukünftige Morbiditätsentwicklung entscheidend für die Nachfrage nach Gesundheitspersonal. In Deutschland werden zwar Morbiditätsstatistiken geführt, routinemäßig erhobene und belastbare bevölkerungsbezogene Daten liegen jedoch nur für den stationären Bereich des deutschen Gesundheitswesens bzw. die Einrichtungen des Pflegewesens vor. Dort werden im Rahmen der Krankenhausstatistik bzw. der Statistik der Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen detaillierte Diagnosedaten nach Alter und Geschlecht bereitgestellt. Eine differenzierte Statistik der Pflegefälle ist ebenfalls verfügbar (vgl. Kapitel 4.4.2.1). Für die ärztliche Versorgung im ambulanten Bereich existiert ein solch ausführliches Datengerüst bisher allerdings nicht.391 Vorhandene Datensätze in Deutschland, wie beispielsweise die Abrechnungsdaten der vertragsärztlichen Versorgung oder die Diagnosedaten der privaten Krankenversicherung in Deutschland, liefern keine ausreichend validen Ergebnisse, um auf dieser Datenbasis eine vollständige Analyse der Krankheitshäufigkeiten der Bevölkerung durchzuführen. Auf diesem Gebiet besteht noch ← 145 | 146 → erheblicher Forschungs- und Diskussionsbedarf.392 Für diese Arbeit bedeutet dies, dass für eine Abbildung des alters- und geschlechtsspezifischen Morbiditätsgeschehens in den ambulanten Einrichtungen auf andere Statistiken zurückgegriffen werden muss. In den Diagnosedaten der Krankenhäuser werden Krankheitsfälle nach der ICD10-Klassifizierung kategorisiert. Diese Gliederungsmöglichkeit wird in der Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes auch für die ambulanten Einrichtungen im Gesundheitswesen bereitgestellt, so dass die KKR als Ersatz für eine detaillierte Morbiditätsstatistik eingesetzt werden muss.

Eng verknüpft und aus der Morbiditätsentwicklung abgeleitet sind die sich daraus ergebenden Gesundheitsbedürfnisse und, wie in Kapitel 3.1 gezeigt, folgt daraus der Bedarf nach Gesundheitsleistungen, der wiederum zur Personalnachfrage führt. Um diesen Kausalzusammenhang im Berechnungsmodell herstellen zu können, fehlt es allerdings an geeigneten Datensätzen. Zum einen können den einzelnen Krankheiten nach ICD10-Klassifizierung keine konkreten Leistungen zugeordnet werden. Die verfügbare makroökonomische Datenbasis sieht eine solche Zuordnung nicht vor. In der Gesundheitsausgabenrechnung (GAR) werden zwar einzelne Leistungsarten – darunter ärztliche Leistungen oder pflegerische und therapeutische Leistungen – erfasst, eine Zuordnung zu Krankheiten (ICD10-Kategorien) ist jedoch nicht möglich.393 Zum anderen folgt daraus, dass auch keine Zuordnung der Nachfrage nach Leistungen zur Personalnachfrage möglich ist.

Es müssen demnach andere Kennzahlen gebildet werden, um auf die Personalnachfrage in den Einrichtungen des Gesundheitswesens schließen zu können. Dies wird in Kapitel 5.2.2 aufgegriffen. Nicht berücksichtigt werden können bei dieser Kennzahlbildung auf makroökonomischer Ebene individuelle Faktoren und Präferenzen, die die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen beeinflussen. Es können nur jene individuellen Faktoren implizit berücksichtigt werden, die in den vorhandenen Datensätzen zu gesamtgesellschaftlichen Daten wie Alter, Geschlecht und Krankheit zusammengefasst werden. Andere, dort nicht enthalte Faktoren, die aber laut Kapitel 3.3 auch eine Auswirkung auf die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen haben, können nicht erfasst und berücksichtigt ← 146 | 147 → werden. Dazu gehören beispielsweise das Bildungsniveau, Erwerbstätigkeit und das Gesundheitsverhalten.

Die zukünftige Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und damit auch Gesundheitspersonal wird zudem vom medizinisch-technischen Fortschritt beeinflusst. Dieser generiert nicht nur neue, bisher unbekannte Behandlungsmöglichkeiten, sondern erfordert häufig auch eine Spezialisierung des Personals. Obwohl es als unbestritten gilt, dass die Auswirkungen des medizinisch-technischen Fortschritts in vielen Bereichen – nicht nur im Gesundheits- und Pflegewesen – spürbar sind, gibt es allerdings wenig belastbare Analysen über die Wirkungszusammenhänge und die Auswirkungen des medizinisch-technischen Fortschritts. Das Ausmaß lässt sich nicht eindeutig quantifizieren, je nach verwendeter Kennzahl394 ergibt sich ein differenziertes Bild.395 Eine Quantifizierung der zukünftigen Auswirkungen des medizinisch-technischen Fortschritts kann im Rahmen dieser Arbeit somit nicht vorgenommen werden.

Eine für die zukünftige Personalnachfrage entscheidende Kennzahl, die vom medizinisch-technischen Fortschritt positiv beeinflusst wird, ist die Arbeitsproduktivität. Allerdings können mit den vorhandenen Daten keine geeigneten Produktivitätskennzahlen ermittelt werden, die die Ausbringungsmenge in Relation zum Ressourceneinsatz (bspw. Gesundheitspersonal) beschreiben. Zum einen stellt sich die Frage, was die Ausbringungsmenge des Gesundheitswesens darstellt. Als Output des Gesundheitswesens kann sicherlich ein allgemein besserer Gesundheitszustand verstanden werden, der zu einer höheren Lebenserwartung, zu weniger Krankentage, etc. führt. Zum anderen gestaltet sich die Messbarkeit dieser Größe schwierig. Rein monetäre Größen wie Gesundheitsausgaben oder Krankheitskosten sind dafür nicht das richtige Maß, weil sie nur den monetär bewerteten Ressourcenverbrauch darstellen, nicht aber den Output bewerten. Würde die Arbeitsproduktivität in den Krankenhäusern beispielsweise als Relation von Berechnungs- und Belegungstagen zu beschäftigtem Personal in Vollzeitäquivalenten definiert, entwickelte sich die Arbeitsproduktivität in der Vergangenheit sogar negativ, da die Summe der Berechnungs- und Belegungstage stetig abnahm, während die Beschäftigung in Vollzeitäquivalente weiter anstieg. Aus den genannten Gründen wird im Rahmen dieser Arbeit von der Modellierung einer Produktivitätskennzahl abgesehen.

Aufgrund der bereits genannten, jeweils eigenen Statistiken für die zentralen Einrichtungen, fehlt es zudem an Daten, die die Verflechtung der Einrichtungen untereinander abbilden. Beispielsweise geht einer stationären Behandlung in ← 147 | 148 → vielen Fällen eine ambulante Behandlung bzw. eine ambulante Diagnosestellung voran, in der Regel gefolgt von einer ambulanten Nachbehandlung.396 Eine statistische Datenbasis, vor allem krankheitsspezifisch, wie sich diese Patientenströme zwischen den Einrichtungen bewegen bzw. welche ambulant getroffene Diagnose in welchem Umfang eine stationäre Behandlung nach sich zieht, liegt nicht vor.

Der in dieser Arbeit erarbeitete Ansatz zur Modellierung der Nachfrage kann als eine Kombination der vorne beschrieben zweiten und dritten Möglichkeit der Nachfragemodellierung beschrieben werden. Nach Sichtung der verfügbaren Datenbasis (siehe Kapitel 4.4) kommen zum einen Krankheitskosten zur Ableitung der Nachfrage in Betracht. Die Krankheitskosten stellen die mit der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen verbundenen Kosten dar (vgl. Kapitel 4.1), die somit ein Maß für die Inanspruchnahme darstellen. Zum anderen spiegeln die Diagnosedaten der Krankenhäuser sowie der Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen die alters- und geschlechtsspezifischen Prävalenzen und Inzidenzen im stationären Bereich wider, die mit einer Zeitkomponente (Verweildauer) kombiniert werden können. Ferner kann die Inanspruchnahme im Pflegewesen anhand der zur Einstufung in die Pflegestufen angesetzten täglichen Pflegedauer bestimmt werden.

Dementsprechend wurden für diese Arbeit die Veränderungen der Altersund Geschlechtsstruktur sowie die sich daraus ergebenden Morbiditäts- und Pflegerisiken der Bevölkerung als zentrale Punkte für die Prognose der Nachfrage nach Fachkräften im Gesundheits- und Pflegewesen angesehen. Die gesamte Personalnachfrage wurde für die beiden Sektoren Gesundheits- und Pflegewesen unterschiedlich berechnet und wird im Folgenden erläutert.

5.2.2 Gesundheitswesen

Wie bereits dargestellt, wird die Nachfrage nach Personal im Gesundheitswesen maßgeblich durch die zukünftig zu erwartende Morbiditätsstruktur der Bevölkerung bestimmt. Um diese prognostizieren zu können, wurde zunächst eine Analyse der alters- und geschlechtsspezifischen Morbiditätsstruktur der Vergangenheit durchgeführt.

Es gibt allerdings keinen Datensatz, der die Gesamtmorbidität der Bevölkerung beschreibt. Die Morbiditätsstruktur ist immer an eine Diagnose gekoppelt. Diese Diagnosen werden in den Einrichtungen des Gesundheitswesens gestellt. ← 148 | 149 → Entsprechend finden sich einrichtungsspezifische Morbiditätsstatistiken. Während für den stationären Bereich detaillierte und öffentlich zugängliche Statistiken vorliegen, fehlen diese aufgrund bekannter Probleme der Ermittlung für den ambulanten Bereich (siehe Kapitel 5.2.1)

Für den Bereich der stationären Versorgung sind aus der Krankenhausstatistik sehr umfangreiche Diagnosedaten nach ICD10-Klassifikation der Krankheiten vorhanden, die die Verknüpfung unterschiedlichster Gliederungsmerkmale erlauben. Zentraler Sachverhalt (Zielgröße), die für das weitere Vorgehen relevant sind, sind Anzahl der Fälle, Berechnungs- und Belegungstage sowie durchschnittliche Verweildauer. Letzteres ergibt sich als Quotient von Belegungstagen und Anzahl der Fälle. Somit werden nicht nur Gesundheitsbedürfnisse in Form von Krankheitsfällen in der Statistik erfasst, sondern es ist in gewissen Grenzen auch eine Aussage über die korrespondierende Inanspruchnahme von stationären Leistungen möglich. Über den Umfang der Berechnungs- und Belegungstage bzw. die durchschnittliche Verweildauer kann der zeitliche Umfang der Inanspruchnahme bestimmt werden.

Zunächst wurde aus den Diagnosedaten der Krankenhäuser eine krankenhausspezifische Morbiditätsquote (MKH) nach Alter (a)397, Geschlecht (g) und Krankheit (k)398 für die Jahre (j) von 2000 bis 2009 berechnet. Dafür wurden die Anzahl der Krankheitsfälle (MFKH) in Bezug zur Anzahl der Bevölkerung (BV), ebenfalls differenziert nach Alter, Geschlecht und Jahr, gesetzt.

(3.1)

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Diese Quote wurde auf Deutschlandebene berechnet und anschließend das arithmetische Mittel über die zurückliegenden Jahre zu gebildet. Durch die große Grundgesamtheit und die Durchschnittsbildung wird die Quote robust gegen Ausreißer. Die Diagnosedaten liegen für die Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen (VR) in gleicher Spezifität vor, so dass dort auf die gleiche Art und Weise Morbiditätsquoten errechnet werden können.

(3.2)

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Diese alters- und geschlechtsspezifischen Morbiditätsquoten und werden im nächsten Schritt dazu verwendet, die in Zukunft anfallend Morbiditätslast in den einzelnen Bundesländern zu prognostizieren. Durch die Verknüpfung ← 149 | 150 → mit den altersgruppen- und geschlechtsspezifischen Bevölkerungsprognosen der Bundesländer (r) können so realistische Ergebnisse über die zu erwartenden Krankheitsfälle für die beiden stationären Einrichtungstypen in den einzelnen Regionen berechnet werden.

(3.3)

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Bzw.

(3.4)

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Neben der Anzahl der Krankheitsfälle ist auch die fallspezifische Verweildauer entscheidend für die zukünftigen Personalbedarfe. Die durchschnittliche Verweildauer in Krankenhäusern über alle Krankheitsfälle ist in der Vergangenheit kontinuierlich gesunken. Während im Jahr 2000 die durchschnittliche Verweildauer noch bei 9,7 Tagen lag, ging sie bis zum Jahr 2009 auf 8,0 Tage zurück.399 Für die Prognose wurde allerdings von einer trendmäßigen Fortschreibung abgesehen, da diese Entwicklung bis zum Ende des Prognosehorizonts – zumindest aus heutiger Sicht – nicht plausibel erscheint.400 Aus diesem Grund wurden die alters-, geschlechts-, und krankheitsspezifischen Verweildauern auf dem Wert von 2009 eingefroren, die entsprechende Konstante lautet image bzw. image.

.

Damit ergibt sich der Leistungsumfang (L) zu:

(3.5)

image

Bzw.

(3.6)

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Für den ambulanten Bereich des Gesundheitswesens mangelt es wie in Kapitel 5.2.1 bereits angedeutet an solch differenzierten Morbiditätsstatistiken. Allerdings steht in ähnlicher Detailtiefe die Krankheitskostenrechnung (KKR) auch für den ambulanten Bereich des Gesundheitswesens zur Verfügung. Da in der KKR lediglich der monetär bewertete Ressourcenverbrauch von Waren und Dienstleistungen abgebildet wird, die den direkten Gesundheitsausgaben gegenüberstehen, können sie als Indiz für die Nachfrage nach Gesundheitsleistung ← 150 | 151 → herangezogen werden. Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen ist wiederum von den Gesundheitsbedürfnissen abgeleitet.

Die Krankheitskostenrechnung lässt allerdings nicht die Merkmalskombination der Gliederungsmerkmale der Diagnosedaten der stationären Einrichtungen zu. Entweder ist eine differenzierte Betrachtung der Krankheitskosten für die ICD 10 Kategorien nach Jahren (j), Geschlecht (g) und Alter (a) möglich oder nach Jahren, Geschlecht und Einrichtung (e). Die Kombinationsmöglichkeit zwischen Alter und Einrichtung fehlt, eine direkte Bestimmung der Kombination von geschlechts-, alters- und einrichtungsspezifischen Krankheitskosten ist somit nicht möglich. Aus diesem Grund wird zunächst über alle Einrichtungen hinweg für jedes Geschlecht der Anteil der Krankheitskosten einer Alterskohorte401 (KA) an den gesamten Krankheitskosten der ICD10 Kategorie bestimmt.

(3.7)

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Anschließend werden die einrichtungsspezifischen Krankheitskosten jeder ambulanten Einrichtung mit diesen Anteilen multipliziert, um alters-, geschlechts- und einrichtungsspezifischen Krankheitskosten für die zurückliegenden Jahre in den ambulanten Einrichtungen zu erzeugen.

(3.8)

KKa,e,g,j,k = KAa,g,j,k * KKe,g,j,k

Dabei wird explizit mit der Annahme gearbeitet, dass sich die altersspezifische Verteilung der Krankheitskosten in den Einrichtungen des ambulanten Sektors genauso verhält, wie deren Verteilung über alle Einrichtungen hinweg. Die dadurch möglicherweise auftauchende Verzerrung der Verteilung der Krankheitskosten wird zugunsten einer Altersspezifität auf Einrichtungsebene in Kauf genommen. Dieses Vorgehen wird auch für die Rettungsdienste verwendet.

Auf Basis dieser Ergebnisse wird ebenfalls eine einrichtungsspezifische Krankheitskostenquote (K) nach Alter (a), Geschlecht (g) und Krankheit (k) für die Jahre (j) von 2002 bis 2008 berechnet. Dafür werden die Krankheitskosten (KK) in Bezug zur Anzahl der Bevölkerung (BV), ebenfalls differenziert nach Alter, Geschlecht und Jahr, gesetzt.

(3.9)

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← 151 | 152 → Anschließend wird der Mittelwert Ka,e,g,k dieser Quote nach Alter, Einrichtung, Geschlecht und Krankheiten über die Jahre 2002 bis 2008 ermittelt und im nächsten Schritt mit den altersgruppen- und geschlechtsspezifischen Bevölkerungsprognosen der Bundesländer (r) verknüpft. Auf diesem Weg kann der in Zukunft in den ambulanten Einrichtungen nachgefragte Bedarf nach Waren und Dienstleistungen (KK) ausgedrückt in Krankheitskosten bestimmt werden.

(3.10)

KKa,e,g,k,j,r = Ka,e,g,k * BVa,g,j,r

In einem nächsten Schritt kann mit Hilfe der zu erwartenden Krankheitsfälle die Nachfrage nach ausgewählten ärztlichen und nichtärztlichen Berufen bestimmt werden. In diesem Schritt wurde auch eine berufs- und fachgruppenspezifische Zuordnung zu verschiedenen Morbiditätskategorien vorgenommen, um die Nachfrage nach bestimmten Berufen möglichst realistisch schätzen zu können.

Neben einer manuellen Zuordnung von ICD10 Kategorien zu Berufsklassen bzw. Fachrichtungen, insbesondere bei den ärztlichen Berufen, wurde im Rahmen dieses Schritts auch eine Statistik der „Häufigste Diagnosen in Prozent der Behandlungsfälle in Arztpraxen in Nordrhein“402 verwendet (siehe Tabelle A-4 im Anhang). Sie lassen ergänzende Rückschlüsse darüber zu, welche Krankheiten maßgeblich von welchen Facharztrichtungen behandelt werden. Die Zuordnung ist in Tab. 5-2 dargestellt.

Tab. 5-2: Zuordnung von ICD10 Kategorien zu Berufen – Ärzte

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Quelle: Eigene Darstellung.

← 152 | 153 → Diese Zuordnung hat den Zweck, den hoch spezialisierten Facharztrichtungen jene Krankheiten zuzuordnen, die maßgeblich die Nachfrage nach diesen Facharztrichtungen bestimmen. Einigen Facharztrichtungen, wie beispielsweise der Gruppe der Chirurgen und Orthopäden sowie den Radiologen wurden alle Krankheiten gegenübergestellt, da in allen Krankheitskategorien Operation bzw. radiologische Untersuchungen anfallen können.

Ferner wird davon ausgegangen, dass mit abnehmendem Spezialisierungsgrad die Nachfrage nach bestimmten Fachrichtungen immer weniger von einzelnen Krankheiten abhängig ist. Insbesondere für die beiden größten nichtärztlichen Gruppen im Gesundheits- und Pflegewesen, die medizinischen Fachangestellten sowie die Gesundheits- und Krankenpflege (-helfer) kann konstatiert werden, dass die Nachfrage auf diesem hohen Aggregat von allen Krankheitskategorien getrieben wird. Unter diesen Berufsordnungen werden auch etliche Spezialisierungsgrade wie beispielsweise Hebammen zusammengefasst. Folglich wird für die Ermittlung der Nachfrage nach nichtärztlichen Berufen keine Zuordnung von ICD10 Kategorien zu nichtärztlichen Berufen mehr vorgenommen, sondern stattdessen die jeweilige Größe für alle Krankheitsfälle verwendet (vgl. Tab. 5-3).

Tab. 5-3: Zuordnung von ICD10 Kategorien zu Berufen – Sonstige Berufe

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Quelle: Eigene Darstellung.

Im nächsten Schritt muss eine Beziehung zwischen den Krankheitskosten im ambulanten Bereich bzw. den Krankheitsfällen im stationären Bereich und den Beschäftigten in jenen Sektoren hergestellt werden. Dieser Quotient aus Krankheitskosten im ambulanten bzw. Leistungen im stationären Sektor zu beschäftigtem Personal (in Vollzeitäquivalenten) stellt ein Maß für den personellen Ressourcenbedarf ← 153 | 154 → in den Einrichtungen des Gesundheitswesens dar. Dieses Vorgehen ist aufgrund der verfügbaren Datenbasis als derzeit einzig durchführbare Lösung zu bewerten.

Für die Ermittlung der Quotienten ist die zuvor vorgestellte Zuordnung von ICD10 Kategorien (k) zu Berufen maßgeblich. Konkret bedeutet dies, dass beispielsweise den beschäftigten Augenärzten im ambulanten Sektor des Gesundheitswesen lediglich die Krankheitskosten der ICD10-Kategorie „H00-H59, Krankheiten des Auges und der Augenanhangsgebilde“ zur Ermittlung des Quotienten zugeordnet werden (vgl. Tabelle 5-2). Dagegen werden allen beschäftigten Krankenschwestern, -pfleger, Hebammen im stationären Sektor des Gesundheitswesens die Summe der Behandlungstage aller Diagnosen gegenübergestellt.

Die jeweilige Größe der Krankheitskosten bzw. die der Leistungsdaten und die jeweilige Ist-Beschäftigung werden für die Quotientenbildung aus dem Jahr 2009 gewonnen. Auf eine Durchschnittsberechnung der zurückliegenden Jahre wurde verzichtet, weil dieses Vorgehen beobachtbare Entwicklungen der letzten Jahre konterkariert. So ist beispielsweise die Beschäftigung in Krankenhäusern (in VZÄ) kontinuierlich gestiegen, während das Produkt aus Fallzahl und durchschnittlicher Belegungsdauer kontinuierlich zurückging.403 Eine Durchschnittsbildung würde diese Entwicklung vermutlich verzerren.

Die Größen Krankheitskosten (KK) im ambulanten Bereich bzw. Leistungsumfang (L) im stationären Bereich werden für die Quotientenbildungen nur nach Einrichtungen (e) und ICD10 Kategorie (k) differenziert. Dies kann aus den vorhandenen Statistiken ohne eigene Berechnung abgeleitet werden. Für die Beschäftigung in VZÄ ist die Differenzierung nach Beruf (b) und Einrichtung (e) ausreichend. Es wurde das Maß Krankheitsfälle pro VZÄ bzw. Krankheitskosten pro VZÄ berechnet.

Damit ergibt sich für die Ärzte in ambulanten Einrichtungen der Quotient , differenziert nach Beruf (b) und Krankheit (k) sowie Einrichtung (e) zu:

(3.11)

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Für die nichtärztlichen Berufe ist keine Zuordnung von ICD10 Kategorien vorgesehen, sondern es werden pro Beruf (b) alle Kategorien zugeordnet. Deshalb wird der Quotient KN lediglich nach Einrichtung (e) und Berufen (b) differenziert und ergibt sich zu:

(3.12)

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← 154 | 155 → Für den stationären Bereich ist die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen L, als Produkt von Krankheitsfällen (MF) und Verweildauer (VD) differenziert nach ICD10 Kategorien (k) und Einrichtung (e) entscheidend. Zunächst werden die in Gleichung 3.5 und 3.6 definierten Größen image und image für das Jahr 2009 zu Le,k bzw. zu Le summiert. Daraus ergibt sich für den Quotienten der ärztlichen Berufe

(3.13)

image

und für den Quotienten der nichtärztlichen Berufe LN

(3.14)

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Mit diesen Quotienten kann nun die zukünftige Personalnachfrage bestimmt werden. Zunächst wird Gleichung 3.10 summiert zu

(3.15)

image

Bzw. zu

(3.16)

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Und Gleichung 3.5 und 3.6 summiert zu

(3.17)

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Bzw. zu

(3.18)

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Die gesamte Personalnachfrage im Gesundheitswesen (GN) in Vollzeitäquivalenten in den Jahren (j) nach Beruf (b), Einrichtung (e), und Bundesland (r) ergibt sich aus den Gleichungen 3.11 bis 3.18 demnach zu

(3.19)

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← 155 | 156 → 5.2.3 Pflegewesen

In Anlehnung an die Berechnung der Nachfrage im Gesundheitswesen, wurde für die Berechnung der Nachfrage im Pflegewesen zunächst eine Vergangenheitsanalyse durchgeführt. Dabei wurden aus Daten der Pflegestatistik altersgruppen- und geschlechtsspezifische Pflegequoten für die drei Pflegestufen in den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen ermittelt.

Ermittelt wurden die Pflegequoten (P) aus der Datenquelle „Pflegebedürftige (absolut, je 100.000 Einwohner, in Prozent)“ mit den Gliederungsmerkmalen Alter404 (a), Jahre (j), Geschlecht (g), Pflegestufe405 (k) und Art der Betreuung406 (e). Für die Jahre 1999 bis 2009 wird die Anzahl der Pflegefälle (PF) in Bezug zur Anzahl der Bevölkerung (BV), ebenfalls differenziert nach Alter, Geschlecht und Jahr, gesetzt.

(3.20)

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In Kapitel 3.4.1.1 wurden unter dem Stichwort „Kompressionsthese“ die Auswirkungen einer steigenden Lebenserwartung auf die Pflegebedürftigkeit (in Form der Pflegequote) aufgezeigt. Im Rahmen der Kompressionsthese führt die steigende Lebenserwartung zu sinkenden Pflegequoten. Die Analyse der ermittelten Pflegequote hat für die Vergangenheit keine klaren und allgemeingültigen alters-, geschlechts- und einrichtungsspezifischen Entwicklungen diesbezüglich gezeigt. Auch andere Untersuchungen gehen von eher konstanten altersspezifischen Pflegeprävalenzraten aus.407 Aus diesem Grund wird von einer Modellierung im Sinne der Kompressionsthese abgesehen. Um eine Pflegequote zu bestimmen, die robust gegen Ausreißer ist, wird das arithmetische Mittel Pa,g,e,k der Jahre 1999 bis 2009 auf Deutschlandebene ermittelt.

Anschließend werden die Pflegequoten mit den altersgruppen- und geschlechtsspezifischen Bevölkerungsprognosen der Bundesländer (r) verknüpft, um die Pflegefälle nach Pflegestufen in den einzelnen Einrichtungen des Pflegewesens und den Regionen zu erhalten.

(3.21)

PFa,g,e,k,j,r = Pa,g,e,k * BVa,g,j,r

← 156 | 157 → Für den weiteren Verlauf der Berechnung ist die Differenzierung nach Alter und Geschlecht nicht mehr notwendig, hier kann folglich die Summe bestimmt werden.

(3.22)

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Von der Gesamtzahl aller Pflegefälle nach Einrichtung, Pflegestufe, Jahr und Region muss nun auf die benötigten Personalressourcen in den Einrichtungen und Regionen zu den jeweiligen Jahren geschlossen werden. Dazu bieten sich zwei grundlegende Vorgehen an. Ein Weg besteht darin, über den im SGB XI, §15 festgelegten Pflegeaufwand in Minuten für die einzelnen Pflegestufen auf die benötigen Personalressourcen zu schließen. Allerdings heißt es dort in Absatz 3:

„Der Zeitaufwand, den ein Familienangehöriger oder eine andere nicht als Pflegekraft ausgebildete Pflegeperson für die erforderlichen Leistungen der Grundpflege und hauswirtschaftlichen Versorgung benötigt…“

Dies bedeutet, dass der dort veranschlagte Zeitansatz408 für den Pflegeaufwand für die Laien- bzw. Angehörigenpflege veranschlagt wurde und nicht mit dem Zeitaufwand einer professionellen Pflegekraft gleich gesetzt werden kann. Dieses Vorgehen würde sich demnach dazu eignen, den Personalbedarf für die informelle Pflege zu bestimmen, die im Rahmen dieser Arbeit allerdings nicht quantifiziert werden soll.

Für die in den ambulanten und stationären Einrichtungen des Pflegewesens professionell versorgten Pflegefälle ist dagegen ein anderes Vorgehen sinnvoll. Für die vollstationär versorgten Pflegefälle können die zur Versorgung notwendigen Personalressourcen über länderspezifische Pflegeschlüssel (PS) ermittelt werden. Dieser Schlüssel gibt das Verhältnis von Pflegebedürftige (Pflegefälle, PF) zu Vollzeitkraft, eine Personaleinheit in Vollzeitäquivalente (PEVZÄ) an. In den Pflegeschlüsseln wird die notwendige pflegerische Versorgung (24 Stunden, 7 Tage in der Woche) differenziert nach Pflegestufen (k) abgebildet.

(3.23)

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Der Pflegeschlüssel umfasst dabei die Bruttoarbeitszeit, inkl. Urlaub, Krankheits- und Fortbildungszeiten.409 Diese Schlüssel variieren zwischen den Bundesländern und Pflegestufen (Vgl. Tabelle A-1 im Anhang).

← 157 | 158 → Im Vergleich zu anderen Kennzahlen für die Nachfrageberechnung, wird auf eine Durchschnittsbildung über die Bundesländer verzichtet und stattdessen auf die bestehenden länderspezifischen Pflegeschlüssel PSk,r zurückgegriffen. Dadurch wird aufgrund der abweichenden Schlüssel verhindert, in der Nähe des Startjahres nicht zu große Verzerrungen zu erzeugen. Würde ein über alle Bundesländer gemittelter Pflegeschlüssel verwendet, käme es in einzelnen Regionen bereits zu Beginn der Prognose zu einer deutlichen Abweichung zwischen Personalangebot und -nachfrage.

Für die ambulanten Pflegedienste gibt es keine per Rahmenvertrag auf Landesebene festgelegten Pflegeschlüssel.410 Da der Gesetzgeber bei der Beurteilung und Einstufung von Pflegefällen in Pflegestufen keine Unterscheidung zwischen ambulanten und stationären Pflegeeinrichtung vornimmt, wird im Folgenden angenommen, dass die länderspezifischen Pflegeschlüssel auch für die ambulanten Einrichtungen Anwendung finden. Damit wird unterstellt, dass Pflegefällen einer Pflegestufe die gleiche pflegerische Leistung zukommt, unabhängig von der Einrichtung in der sie betreut werden.

Mit Hilfe der länderspezifischen Pflegeschlüssel und den regional zu erwartenden Pflegefällen, können anschließend die in den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen zur Versorgung notwendigen Personalressourcen in Vollzeitäquivalenten (PRVZÄ) berechnet werden. Dabei wird die Summe über alle Pflegefälle (k) ermittelt, um zur Gesamtzahl des benötigten Personals in VZÄ für die Einrichtungen (e) in den Regionen (r) und Jahren (j) zu gelangen.

(3.24)

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Um daraus auch die berufsspezifische Nachfrage bestimmen zu können, wird wiederum die in der Vergangenheit beobachtbare Berufsstruktur in den ambulanten und stationären Einrichtungen des Pflegewesens analysiert und der Anteil eines Berufs an allen Berufen in der Einrichtung (BS) bestimmt.

(3.25)

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Aus der in der Vergangenheit für jedes Jahr beobachtbare Berufsstruktur wird das arithmetische Mittel BSVZÄb,e,r berechnet.

Die zukünftige Nachfrage nach Personal im Pflegewesen (PN) nach Beruf (b), Einrichtung (e), Jahr (j) und Bundesland (r) wird demnach bestimmt zu

← 158 | 159 → (3.26)

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Das Ergebnis ist die berufsspezifische Nachfrage nach Vollzeitäquivalenten in den ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen. Sie wird differenziert nach Berufen (b), Einrichtungen (e), Jahren (j) und Bundesländern (r).

5.2.4 Zukünftige Nachfrage

Als Summe der bisher genannten Größen ergibt sich das zukünftige Nachfragepotenzial im Gesundheits- und Pflegewesen aus:

Der Nachfrage in den Einrichtungen des Gesundheitswesens image nach Vollzeitäquivalenten. Differenziert nach Beruf, Einrichtung, Jahr und Region (vgl. Kapitel 5.2.2).

Der Nachfrage in den Einrichtungen des Pflegewesens image nach Vollzeitäquivalenten. Differenziert nach Beruf, Einrichtung, Jahr und Region (vgl. Kapitel 5.2.3).

Für die zum Zeitpunkt t=j nachgefragten Personalressourcen in Vollzeitäquivalente ergibt sich demnach:

(3.27)

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5.3 Kritische Würdigung

In dieser Arbeit wird die Erstellung eines umfassenden und sektorübergreifenden empirischen Berechnungsmodells zur Ermittlung der zukünftigen Personalbedarfe und des Personalangebots in den ambulanten und stationären Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesen in Deutschland und den Bundesländern angestrebt. Im Vergleich zu bisher bestehenden Bedarfsprognosen, die in der Regel lediglich Teilbereiche des Gesundheits- und Pflegewesen betrachten, in dem sowohl einzelne Berufe als auch Einrichtungen herausgegriffen werden, besteht das Ziel darin, eine einrichtungs- und berufeübergreifende Bedarfsprognose zu erstellen. Dabei sollen sowohl die für die gesundheitliche und pflegerische Versorgung wichtigen Berufsordnungen bzw. Berufsklassen als auch Einrichtungen betrachten werden, um den Verflechtungen des Gesundheits- und Pflegewesens besser Rechnung zu tragen. Neben der regionalen, einrichtungs- und berufsspezifischen Differenzierung sollten zentrale und wichtige Einflussfaktoren berücksichtigt werden. Zudem wurde angstrebt, dies ausschließlich aufbauend ← 159 | 160 → auf bestehenden amtlichen Statistiken durchzuführen, die in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden.

Die Beurteilung dieses Vorhabens bedarf einer differenzierten Betrachtung zwischen dem Personalangebot und der Personalnachfrage. Auf der Angebotsseite konnte die Heterogenität sowie die berufs- und einrichtungsspezifische Verflechtung neben diesen beiden Dimensionen auch durch die Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Region und Jahr herausgestellt werden. Dabei wurde zwischen neun ärztlichen Berufsklassen und sieben nichtärztlichen Berufsordnungen unterschieden sowie die Beschäftigten aus insgesamt sieben unterschiedliche Einrichtungen in das Berechnungsmodell mit aufgenommen. Mit diesen Berufen werden knapp 69,4% der in jenen Einrichtungen laut Gesundheitspersonalrechnung Beschäftigten abgebildet.

Um diese Kombination der Dimensionen auch auf regionaler Ebene in den Bundesländern zu erreichen, muss bei der Berechnung der Ist-Beschäftigung in den nichtärztlichen Berufen im Ausgangsjahr 2009 jedoch ein Top-Down Ansatz durchgeführt werden. Dieser Ansatz ist insbesondere aufgrund fehlender und umfangreicher Beschäftigungsstatistiken für die nichtärztlichen Berufe im ambulanten Bereich des Gesundheitswesens annahmegetrieben. Dadurch kann es zu Verzerrungen in der Abbildung der Ist-Beschäftigung in den Regionen kommen. Dagegen lagen für die ärztlichen Berufsklassen detaillierte bundeslandspezifische Beschäftigungsstatistiken vor.

Die Entwicklung der Nachfrageseite wird maßgeblich durch die zukünftige Bevölkerungsentwicklung getrieben, die von den statistischen Landesämtern bis zum Jahr 2030 fortgeschrieben wird. Aus diesen detaillierten Bevölkerungsprognosen und den zurückliegenden Diagnosedaten der Krankenhäuser und den Pflegestatistiken kann ein gutes Abbild der zukünftigen Morbiditätslast der Bevölkerung für diese Einrichtungen gezeichnet werden. Weniger stabil ist die Vorhersage der ambulant anfallenden Morbidität, die lediglich aufgrund der ambulanten Krankheitskosten prognostiziert wurde. Die ambulanten Krankheitskosten alleine lassen aber noch keine Rückschlüsse auf die Inanspruchnahme zu. Die ambulante Abrechnungssystematik sieht vor, dass Ärzte nur quartalsweise Fallpauschalen für behandelte Patienten erhalten, die tatsächliche Anzahl der Arztbesuche des gleichen Patienten in jenem Quartal sind für die Vergütung nicht entscheidend. Da die tatsächliche Anzahl der Arztbesuche somit nicht explizit in den Krankheitskosten abgebildet ist, spiegeln die Krankheitskosten eventuell nicht den tatsächlichen Bedarf wider.

Obwohl bei der Modellierung der Nachfrageseite alle Sektoren des Gesundheits- und Pflegewesens berücksichtigt wurden, zeigt das getrennte Vorgehen für die ambulanten und stationären Einrichtungen des Gesundheitswesens bzw. des Pflegewesens, dass sich die Interdependenzen zwischen den Einrichtungen ← 160 | 161 → mit den vorhandenen Daten nicht modellieren lassen. Es fehlt beispielsweise in den vorhandenen Daten ein abbildbarer Zusammenhang, welche ambulante Behandlung oder Diagnose einen stationären Aufenthalt nach sich zieht, welche Leistungen dort notwendig werden und wie lange der Aufenthalt dauert. Die komplexen nachfrageseitigen Verflechtungen können auf diese Weise nicht berechnet werden, es sind lediglich statische und einrichtungsspezifische Bedarfsprognosen für die einzelnen Sektoren im Gesundheits- und Pflegewesen möglich.

Neben den Interdependenzen zwischen den Einrichtungen existieren in der Praxis auch aufgabenspezifische Abhängigkeiten zwischen den Berufen, insbesondere zwischen ärztlichen und pflegerischen Berufen, aber auch zwischen ärztlichen und eher administrativ tätigen Berufen (bspw. Sprechstundenhelfer/medizinische Fachangestellte). So wurde in der Vergangenheit bereits intensiv diskutiert, wie im Zuge einer zunehmenden Arbeitsbelastung die Aufgaben zwischen diesen Berufen vor dem Hintergrund einer möglichst effizienten Aufgabenerledigung neu verteilt werden könnten. Aus Kostengesichtspunkten geht es dabei vor allem um die Delegation von der höheren Qualifikationsebene (Ärzte) auf die niedrigere (nichtärztliches Personal), ohne dabei die Qualität der Leistung zu verringern. Einer solchen Delegation stehen bisher allerdings noch rechtliche Haftungsbestimmungen im Wege, die den Ärzten die persönliche Leistungspflicht (Diagnose, Heilung, etc.) zuspricht. Damit auch das nichtärztliche Personal ärztliche Leistungen erbringen dürfen, müssen zunächst Haftungszuständigkeiten geklärt werden.411 Aus diesem Grund wurde nicht der Versuch unternommen, diese Aufgabendelegation im Berechnungsmodell abzubilden.

Mit der in der Berechnungsmethodik vorgenommenen Nachfragemodellierung wird implizit unterstellt, dass das in der Vergangenheit bzw. im Startjahr beobachtbare Verhältnis von Gesundheitspersonal zu Leistungen bzw. Krankheits- und Pflegefällen angemessen war. Im Rahmen dieser Arbeit wird eine Beurteilung dieser Annahme weder angestrebt noch vorgenommen. Zum einen liegt die Beurteilung der Effizienz des Gesundheitswesens bzw. der gesundheitlichen Versorgung in den Händen der Versorgungsforschung und erfordert einen ganz anderen Ansatz als den hier vorgestellten. Zum anderen ist der gewünschte Versorgungsgrad, kurz das Verhältnis von Gesundheitspersonal zu Einwohnern, immer auch aus den Zielen der Gesundheitspolitik abgeleitet und Ausdruck gesellschaftlicher Werte und Normen. Insbesondere vor den sich abzeichnenden Personalengpässen gilt es zu beurteilen, ob das bisherige Versorgungsniveau auch in Zukunft aufrechterhalten werden kann oder ob andere Maßstäbe angesetzt werden müssen.

← 161 | 162 → Die bei der Berechnung der Nachfrageseite ermittelten Personalbedarfe stellen somit nicht den optimalen Bedarf im Sinne einer effizienten Versorgung dar, sondern entspringen vielmehr einer Status-Quo Fortschreibung. Diese Prognose verzichtet damit explizit auf die Fortschreibung von in der Vergangenheit beobachtbarer Trends und Entwicklungen. Damit wird der, zugegebenermaßen unsicheren zukünftigen Entwicklung – auch im Bezug zum medizinisch technisch Fortschritt, der neue Behandlungsverfahren und Therapiemöglichkeiten entstehen lassen wird – nicht in ausreichendem Maße Rechnung getragen und es können Verzerrungen auftreten. Insbesondere bei der durchschnittlichen Verweildauer im Krankenhaus zeigen neuere Daten eine weitere Reduktion, die so nicht im Modell abgebildet wurde. So lange die Projektionen mit den neusten Daten durchgeführt werden, ist dieser Sachverhalt eventuell zu vernachlässigen.

Arbeitsmärkte sind, wie in Kapitel 3.2 ansatzweise skizziert, dynamische Gebilde. Durch eine Reihe vieler Faktoren, wie sich veränderte Rahmenbedingungen, (globale) wirtschaftliche Impulse, Veränderungen in der Arbeitnehmerstruktur etc. kommt es fortlaufend zu Such- und Matchingprozessen auf dem Arbeitsmarkt. Somit sind Arbeitsangebot und -nachfrage keineswegs statische Größen, sondern können als Stromgrößen interpretiert werden. Diese Strömungen treten in vielfältiger Weise zwischen Berufen, zwischen Unternehmen und Wirtschaftszweigen und zwischen Regionen auf, um nur einige zu nennen. Auch im vorliegenden abgegrenzten berufs-, einrichtungs- und regionalspezifischen Untersuchungsgebiet treten Stromgrößen auf. Dabei muss zwischen Stromgrößen innerhalb des Untersuchungsgebiets und Stromgrößen in das Untersuchungsgebiet hinein oder aus dem Untersuchungsgebiet heraus unterschieden werden.

Letzteres wird maßgeblich durch Neuzugänge aus Studien- und Ausbildungsabsolventen, Renteneintritten und der Teilnahme der relevanten Berufe an der gesundheitlichen Versorgung (Teilnahmequote) bestimmt. Während die ersten beiden Größen zumindest als jährliche Stromgröße mit den vorhandenen Daten modelliert werden können, gestaltet sich die Modellierung der Teilnahmequote schwieriger. Dass dieser Sachverhalt ausreichender Berücksichtigung bedarf, wurde in Kapitel 3.4.2.2 herausgestellt. Zwar werden bereits einige Arbeitnehmer direkt nach beendeter Ausbildung nicht ihren erlernten Beruf ergreifen, dennoch ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Abgänger aus den relevanten Berufen erst im Laufe des Erwerbslebens aufgrund unterschiedlichster Ursachen einen neuen Beruf ergreift. Indizien dafür liefern die in Kapitel 2.2 präsentierten Studien. Dazu fehlen allerdings insbesondere berufsspezifische Daten, wie lange die Berufsverweildauer tatsächlich andauert und zu welchem Zeitpunkt der Austritt erfolgt. Die vorhandenen Daten lassen lediglich Momentaufnahmen zu, wie viele der relevanten Berufe aktuell oder in der Vergangenheit in den relevanten Einrichtungen gearbeitet haben und wie viele in anderen Wirtschaftszweigen ← 162 | 163 → tätig waren bzw. bei den Ärzten keiner ärztlichen Tätigkeit nachgingen. Eine Modellierung dessen ist möglich und wurde in Kapitel 5.1.2 genauer beschrieben, allerdings kann dies nur unter den dort genannten statischen Annahmen erfolgen.

Als wesentlich komplexer sind allerdings die Stromgrößen innerhalb der berufs-, einrichtungs- und regionalspezifischen Abgrenzung des Gesundheits- und Pflegewesens einzuschätzen. So ist zwar eine Momentaufnahme der Verteilung der Berufe über die Einrichtungen und Regionen hinweg, anhand der vorgestellten Datenquellen möglich, wie sie sich im Laufe ihres Berufslebens allerdings auf die Einrichtungen und Regionen verteilen, kann mit den vorhandenen Datensätzen nicht abgebildet werden. Ein Beispiel verdeutlicht diese Problematik besonders gut. Die Hochschulabsolventen im Fach Humanmedizin gehen nach der universitären Ausbildung in der Regel in die stationären Einrichtungen, um dort eine Facharztausbildung zu absolvieren. Dies kann u. a. an dem wesentlich geringeren Altersdurchschnitt der stationär tätigen Ärzte im Vergleich zu ihren ambulanten Kollegen festgemacht werden. Anschließend wird ein großer Teil der ausgebildeten Fachärzte wieder die Krankenhäuser verlassen, um sich ambulant niederzulassen oder in einer ambulanten Praxis als angestellter Arzt tätig zu werden. Datensätze, die die Modellierung dieses Prozesses in einem Berechnungsmodell ermöglichen würden, existieren allerdings nicht. Auch an dieser Stelle kann nur mit statischen Annahmen bezüglich der Verteilung der Hochschulabsolventen auf die Einrichtungen gearbeitet werden, die in Kapitel 5.1.3.1 näher erläutert wurden. Vergleichbar ist die Problematik bei nichtärztlichen Ausbildungsabsolventen (vgl. Kapitel 5.1.3.2).

Im folgenden Kapitel erfolgt die Analyse der Berechnungsergebnisse. Bei der Interpretation dieser Ergebnisse müssen die zugrundeliegenden Annahmen des Berechnungsmodells berücksichtigt werden. ← 163 | 164 →

_________________

368 Vgl. Afentakis/Böhm (2009), S. 26.

369 Vgl. Burkhart et al. (2012), S. 59.

370 Vgl. Kopetsch (2010), eigene Berechnung.

371 „Beschäftigte im Gesundheitswesen in 1.000. Gliederungsmerkmale: Jahre, Deutschland, Geschlecht, Art der Einrichtung, Berufe“ und „Vollkräfte (Vollzeitäquivalente) im Gesundheitswesen in 1.000. Gliederungsmerkmale: Jahre, Deutschland, Geschlecht, Art der Einrichtung, Berufe“

372 Unter 35 Jahre, 35 bis unter 40 Jahre, 40 bis unter 50 Jahre, 50 bis unter 60 Jahre, 60 bis unter 66 Jahre, 66 Jahre und älter.

373 Vgl. Kultusministerkonferenz der Länder (2009). Nach der Berechnung der vorliegenden Daten wurde von der KMK eine neuere Prognose der Studienanfänger bis zum Jahr 2025 vorgelegt. Diese neuere Prognose geht von deutlich höheren Studienanfängerzahlen aus. So werden für das Jahr 2020 knapp 76.000 mehr Studienanfänger erwartet. Die KMK begründet dies u.a. mit einer stark gestiegenen Bildungsbeteiligung in schulischen Bildungsgängen, die zur Hochschulreife führen, mit einer steigenden Zahl der Studienanfänger mit im Ausland erworbener Hochschulzugangsberechtigung, der Aussetzung der Wehrpflicht, etc. Vgl. Kultusministerkonferenz der Länder (2012). Auswirkungen dieser neuen Prognosen wurden in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt.

374 Die Weiterbildung zum Facharzt ist mittlerweile Voraussetzung für die die Neuansiedlung im ambulanten Bereich.

375 Aufgrund von vereinzelt mehreren Weiterbildungen, kommt es zu Doppelzählungen.

376 Von Relevanz waren dabei lediglich die prognostizierten Schüler und Absolventen beruflicher Schulen, da in der Vorausberechnung bereits die Übergänge von allgemeinbildenden zu berufsbildenden Schulen berücksichtigt wurden. Vgl. Kultusministerkonferenz der Länder (2007). Nach der Berechnung der vorliegenden Daten wurde von der KMK eine neuere Prognose der Schul- und Ausbildungsabsolventen bis zum Jahr 2025 vorgelegt. Die aktuellere Vorausberechnung geht von knapp 2% weniger Schüler- und Absolventenzahlen im Referenzjahr 2020 aus. Vgl. Kultusministerkonferenz der Länder (2011), S. 11. Auswirkungen dieser neuen Prognosen wurden in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt.

377 Vgl. Statistisches Bundesamt (mehrere Jahre).

378 Wirtschaftszweig 86, 87 und 88 laut Wirtschaftszweigklassifikation 2008 (WZ2008).

379 Bei einem Großteil der nichtärztlichen Gesundheitsdienstberufe liegt der Frauenanteil bei ca. 85% oder höher, vgl. Kapitel 3.4.2.1.

380 Es ist beispielsweise möglich, dass aus gesundheitlichen Gründen gegen Ende der Erwerbstätigkeit ein anderer Beruf ergriffen werden muss.

381 Expertenauskunft der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV).

382 Bezüglich der Abgrenzung vgl. Kapitel 4.3.2.

383 Deutsche Rentenversicherung Bund, Tabelle 103.

384 Unter 35 Jahre, 35 bis unter 40 Jahre, 40 bis unter 50 Jahre, 50 bis unter 60 Jahre, 60 bis unter 66 Jahre, 66 Jahre und älter.

385 Unter 35 Jahre, 35 bis unter 50 Jahre, 50 Jahre und älter.

386 15 bis unter 20 Jahre, 20 bis unter 25 Jahre, 25 bis unter 30 Jahre, 30 bis unter 35 Jahre, 35 bis unter 40 Jahre, 40 bis unter 45 Jahre, 45 bis unter 50 Jahre, 50 bis unter 55 Jahre, 55 bis unter 60 Jahre, 60 bis unter 65 Jahre.

387 Das gesetzliche Renteneintrittsalter beträgt 65 Jahre. Durch die in den verwendeten Erwerbstätigenstatistiken dargestellten Alterskohorten und das skizzierte Vorgehen, war es jedoch erforderlich, die obere Grenze bei unter 65 Jahren bzw. 64 Jahren anzusetzen. Die nächst höhere Alterskohorte fasst alle über 65 Jahre zusammen, so dass damit keine Verteilung erzeugt werden konnte. Da das angenommene Renteneintrittsalter niedriger liegt, ist diese Ungenauigkeit zu vernachlässigen.

388 Vgl. Dussault et al. (2010b), S. 9f.

389 Vgl. Dussault et al. (2010b).

390 Vgl. Ebd., S. 9ff.

391 Vgl. Behrendt (2009), S. 1099.

392 Vgl. Behrendt (2009), S. 1108.

393 Ob es in den stationären Einrichtungen durch die DRG-Systematik im Einzelnen möglich ist, entzieht sich der Kenntnis des Autors. Im ambulanten Bereich ist diese Zuordnung aufgrund der quartalsweisen Abrechnung des Arztes mit den Krankenkassen nicht zweifelsfrei möglich. Zwischen den in einem Quartal diagnostizierten Befunden und den verschriebenen Leistungen kann kein direkter Zusammenhang hergestellt werden. Vgl. Ebd.

394 Zum Beispiel: Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE), FuE-Beschäftigte, Anteil neuer Produkte am Umsatz, etc.

395 Vgl. Ostwald (2009), S. 21ff.

396 Eine Ursache der bereits skizzierten sinkenden Verweildauer in Krankenhäusern könnte beispielsweise sein, dass die Nachsorge zunehmend in den (günstigeren) ambulanten Sektor verschoben wird.

397 In 5 Jahres-Schritten von unter 5 Jahre, 5 bis unter 10 Jahre,…, 90 bis unter 95 Jahre sowie 95 und älter.

398 Krankheiten nach den 19 ICD10 Hauptkategorien.

399 Vgl. GBE (2013f). Zum Zeitpunkt der Berechnung waren die Daten für das Jahr 2009 verfügbar. Am 05.02.2013 wurden auf der Seite der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE) die Daten für das Jahr 2011 ergänzt. Die durchschnittliche Verweildauer über alle Krankheitsfälle hat sich weiter auf 7,7 Tage reduziert.

400 Bei einer trendmäßigen Reduzierung der durchschnittlichen Verweildauer würde diese im Jahr 2030 etwa 4,3 Tage betragen.

401 Die Alterskohorten der Krankheitskostenrechnung sind weiter gefasst: Unter 15 Jahre, 15 bis unter 30 Jahre, 30 bis unter 45 Jahre, 45 bis unter 65 Jahre, 65 bis unter 85 Jahre, 85 Jahre und älter.

402 Gliederungsmerkmale: Jahre, Nordrhein, Geschlecht, ICD10, Arztgruppe.

403 Vgl. GBE (2013f); GBE (2013e).

404 In 5 Jahres-Schritten von unter 5 Jahre, 5 bis unter 10 Jahre,…, 90 bis unter 95 Jahre sowie 95 und älter.

405 Hier werden nur die Fälle der Pflegestufen I, II und III berücksichtigt.

406 Ambulante Pflege, vollstationäre Pflege, teilstationäre Pflege, Pflegegeld.

407 Vgl. Rothgang et al. (2010), S. 9f.

408 Pflegestufe I: min. 90 Minuten; Pflegestufe II: min. drei Stunden; Pflegestufe III: min. fünf Stunden.

409 Vgl. Wipp (2013).

410 Jede selbständige ambulante Einrichtung schließt im Rahmen der Zulassung Rahmenverträge mit den Pflege- und Krankenkassen ab.

411 Vgl. Ehrhard et al. (2011), S. 113ff.