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Goethes «Torquato Tasso» und die historische Dichtergestalt

Reinhard Travnicek

Der historische Tasso ist mehr als stoffgeschichtliche Quelle für Goethes Drama. Mit kenntnisreicher EinfMit kenntnisreicher Einfühlung in das Krisenhafte einer historischen Spätzeit hat Goethe den italienischen Renaissancedichter zum Sinnbild für die gesellschaftliche, existentielle und künstlerische Problematik des modernen Dichters gemacht. Anhand der Dichtungskonzeption lassen sich epistemologische Konvergenzen, aber auch Divergenzen zwischen Renaissance und Goethezeit untersuchen. Die Renaissance kennt noch keinen autonomen Subjektsbegriff und auch keine vom höfischen Repräsentationsanspruch freie Kunst. Goethes Tasso erhebt gerade diese Forderungen zur Maxime und ebnet dadurch den Weg zu Romantik und Moderne.
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Vorbemerkung

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Torquato Tasso war dem Publikum der Goethezeit als Dichter von weltliterarischem Rang vertraut. Vor allem sein Hauptwerk Gerusalemme liberata (Das befreite Jerusalem)1 wurde noch gelesen und war überdies ein beliebter Stoff der Opernbühne.2 Auch über die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Dichters war man unterrichtet.3 Heute ist der historische Tasso nahezu vergessen, und selbst germanistische Fachpublikationen zeichnen häufig ein undifferenziertes Bild der zeit- und ideengeschichtlichen Ausgangslage.

Goethes Drama zeugt von großer Detailkenntnis des historischen Dichters und seines Umfelds, es muss also eine nicht unwesentliche Affinität ← 9 | 10 → des deutschen Klassikers zu Gestalt und Epoche bestanden haben.4 Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem geistesgeschichtlichen Kontext der späten Renaissance dürfte daher auch interessante Aspekte für das Verständnis Goethes erbringen. Dabei soll es nicht nur um Quellenstudien5 gehen, das vorrangige Anliegen der Arbeit besteht darin, jene Epochenstrukturen aufzuzeigen, die einerseits den historischen Tasso als Repräsentanten der Spätrenaissance bestimmen, andererseits Goethes Tasso als Produkt der frühen Weimarer Klassik und ihrer ideengeschichtlichen Konfiguration ausweisen. Dabei soll der historische Tasso mehr als nur Stoffmaterial im Sinne einer Vorgeschichte des Goetheschen Dramas liefern. Im Mittelpunkt der Überlegungen wird zwar der Tasso-Text und seine Auslegung stehen; in die Deutung soll aber zugleich der jeweils relevante historische Befund mit einfließen, sodass Goethes Figur in einer Zusammenschau mit dem Dichter der Renaissance gelesen werden kann. Idealiter entstehen dabei zwei unterschiedliche Epochenprofile mit teils konvergierenden, teils divergierenden Merkmalen. Viele Ideen, die in der Renaissance grundlegend...

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