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Multimodale Kommunikation im Social Web

Forschungsansätze und Analysen zu Text–Bild-Relationen

Series:

Christina Margrit Siever

Multimodalität ist ein typisches Merkmal der Kommunikation im Social Web. Der Fokus dieses Bandes liegt auf der Kommunikation in Foto-Communitys, insbesondere auf den beiden kommunikativen Praktiken des Social Taggings und des Verfassens von Notizen innerhalb von Bildern. Bei den Tags stehen semantische Text-Bild-Relationen im Vordergrund: Tags dienen der Wissensrepräsentation, eine adäquate Versprachlichung der Bilder ist folglich unabdingbar. Notizen-Bild-Relationen sind aus pragmatischer Perspektive von Interesse: Die Informationen eines Kommunikats werden komplementär auf Text und Bild verteilt, was sich in verschiedenen sprachlichen Phänomenen niederschlägt. Ein diachroner Vergleich mit der Postkartenkommunikation sowie ein Exkurs zur Kommunikation mit Emojis runden das Buch ab.
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3 Social Web

3  Social Web

Bei den Stichworten Web 2.0, Social Media oder Social Web denken viele wahrscheinlich zunächst an Facebook, YouTube oder Wikipedia, da diese Communitys im Zentrum der öffentlichen Diskussion stehen.55 Diese Vermutung wird von einer Studie zur Nutzungsfrequenz der genannten Social-Web-Angebote bestätigt: Laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2012 waren 43 % der Onliner in Social-Networking-Communitys wie Facebook aktiv, 59 % besuchten Videoportale wie YouTube und 72 % benutzten Wikipedia (vgl. Busemann, Gscheidle 2012: 388). Darüber hinaus existieren jedoch neben den genannten Marktführern zahlreiche weitere Anwendungen (vgl. Schmidt 2013b: 331), darunter auch Flickr. Für das Jahr 2012 wurde die Nutzung von Foto-Communitys in der ARD/ZDF-Online-studie nicht erhoben, doch lagen die Anteile in den Jahren 2007 bis 2011 zwischen 15 und 25 %, also bedeutend niedriger als bei den zuvor genannten Communitys (vgl. Busemann, Gscheidle 2012: 387). Noch geringer fallen die Werte bei Twitter (2012: 4 %), Weblogs (2012: 7 %) und Social-Bookmarking-Diensten (2010: 2 %) aus (vgl. ebd.: 387).

In diesem Kapitel wird zunächst erläutert, was unter dem Terminus Social Web verstanden wird und was typische Merkmale des Social Webs sind (Kapitel 3 und 3.2). In Kapitel 3.2 werden die zentralen Communitys des Social Webs beleuchtet und kategorisiert und in Kapitel 3.3 wird ein Blick auf die Akteure und ihre Aktivitäten im Social Web geworfen. Die in diesen Teilkapiteln diskutierten technischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen sind für das Verständnis der im Social Web stattfindenden Kommunikationsprozesse unabdingbar: »Die sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit sich ausdifferenzierenden Schreibkonventionen in unterschiedlichen Domänen, Medien und sozialen Gruppen kann […] nicht ohne interdisziplinäre Bezüge zu den Sozial- und Kulturwissenschaften« (Albert 2013: 11–12) sowie den Medienwissenschaften auskommen. Und auch umgekehrt gilt, dass das Social Web interdisziplinär untersucht werden muss: »Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft sind ebenso notwendig wie politikwissenschaftliche, psychologische, juristische und soziologische Konzepte; nicht zu vergessen die Perspektiven von Betriebswirtschaftslehre ← 55 | 56 → und Wirtschaftsinformatik sowie die Reflexion von praktischen Erfahrungen aus Medienwirtschaft, Industrie, Politik sowie Markt- und Meinungsforschung« (Zerfaß et al. 2008: 11). Dass die Linguistik unerwähnt bleibt, kann möglicherweise darauf zurückgeführt werden, dass die Forschung in diesem Bereich noch in den Anfängen steckt.56 So bedauern auch Herring et al. (2013a: 23–24), dass Social-Networking-Communitys und Microblogs in ihrem Handbuch noch nicht berücksichtigt werden konnten, und sie konstatieren, dass ein Handbuch zur Pragmatik des Social Webs ein Desiderat darstellt.

Gerade weil das Social Web und insbesondere das Social Sharing in der linguistischen Forschung erst ansatzweise berücksichtigt worden sind, werden in diesem Kapitel die technischen und sozialen Grundlagen ausführlicher dargestellt. Wer sich ausschließlich für die Kommunikation im Social Web interessiert, kann zum Kapitel 3.4 übergehen. Dort werden die aus linguistischer Perspektive relevanten Merkmale der digitalen Kommunikation im Allgemeinen und der Kommunikation im Social Web im Besonderen diskutiert. Im Kapitel 3.5 schließlich folgt ein Ausblick auf das Social Semantic Web.

Umgangssprachlich wird der Terminus Internet (Kurzwort aus engl. international und network) häufig als Synonym zu World Wide Web verwendet, v. a. in den gekürzten Formen Web oder WWW. Dies rührt daher, dass das Hypertext Transfer Protocol (HTTP → WWW) neben dem Simple Mail Transfer Protocol (SMTP → E-Mail) das meistgenutzte Protokoll des Internets ist: »Das WWW stellt den multimedialen57 Teil des Internets dar. Per HTTP werden i. d. R. Hypertext-Dokumente von einem Web-Server geladen, die in einem Browser angezeigt werden. Möglich ist neben Text auch Bild, Film und Ton« (Wörterbuch der Medien(sprache)).

Mit Web 2.0, Social Web oder Social Media schließlich wird derjenige Teil des WWWs bezeichnet, der »sich z. B. durch Partizipation der Nutzer und deren Zusammenarbeit untereinander auszeichnet. Im Gegensatz zu einem hypothetischen ›Web 1.0‹ sind Nutzer des ›Web 2.0‹ nicht passiv, sondern aktiv« (Wörterbuch der Medien(sprache)). Zum ersten Mal öffentlich verwendet hat den Terminus Web 2.0 Eric Knorr im Dezember 2003 im CIO-Magazin (einem Fachmagazin für IT-Manager) mit dem Titel Fast-Forward 2010 – The Fate of IT. Ende 2004 trug ← 56 | 57 → eine Konferenz den Titel Web 2.0 und im Jahr 2005 gewann der Terminus durch einen im Internet publizierten Essay des amerikanischen Verlegers Tim O’Reilly (2005) an Popularität. In dem Essay wird beschrieben, inwiefern sich das Web 2.0 von früheren Phasen des WWWs unterscheidet (Schmidt et al. 2010: 256).

Web 2.0 ist als Marketing-Schlagwort entwickelt worden (vgl. Bettel 2009: 24) und wurde in kurzer Zeit äußerst populär, weshalb das Attribut 2.0 auch auf andere Bereiche übertragen wurde und erstaunlich oft auch in Titeln wissenschaftlicher Arbeiten verwendet wird. So findet man zum Beispiel die Wortschöpfungen »Lernen 2.0« (Hauschke, Stabenau 2010; Schön et al. 2011) oder »E-Learning 2.0« (Mayrberger 2010; Dittler 2009) für webbasiertes Lernen im Social Web, »Privatsphäre 2.0« (Reinecke, Trepte 2008), »Öffentlichkeit 2.0« (Bendrath, Sifft 2011), »Online-Dating 2.0« (Kleinschnittger 2011; Wirtz 2011), »Begrüßungen 2.0« (Graffe 2014), »Liebesbetrug 2.0« (Marx 2012), »Erinnerungskultur 2.0« (Mitterhofer 2013), »Bibliothek 2.0« (Danowski, Heller 2006; Bergmann, Danowski 2010) sowie »Katalog 2.0« (Kneifel 2010), »Literaturverwaltung 2.0« (Döbeli Honegger 2010), »Arbeitsorganisation 2.0« (Bergmann, Plieninger 2013), »Anschlusskommunikation 2.0« (Eble 2011), »Schlüsselqualifikationen 2.0« (Rolf 2011), »Rechtsextremismus 2.0« (Nieland, Anastasiadis 2009), »Wahlkampf 2.0« (Pape, Quandt 2010), »Wahlkampfführung 2.0« (Schwalm 2013) bzw. »Obamania 2.0« (Sieg 2009) für den von Barack Obama erfolgreich geführten Online-Wahlkampf. Mit dem Zusatz 2.0 wird in den genannten Beispielen zumeist auf die Möglichkeit der Partizipation und der Interaktivität verwiesen. Nicht zuletzt wird sogar von »Discourse 2.0« (Tannen, Trester 2013), »Kommunikation 2.0« (Arens 2014) oder von »Sprache 2.0«58 gesprochen, wenn der Frage nachgegangen wird, ob das Web 2.0 einen Einfluss auf den Sprachgebrauch hat. Eine weitere Übertragung und Steigerung des Schlagworts ist in der Bezeichnung »Deutsch 3.0« zu finden für »eine Initiative des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Duden, dem Institut für Deutsche Sprache und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.«59 Das Attribut 3.0 verweist auf die Zukunft, wie auch der Untertitel der Initiative deutlich macht: »Debatten über Sprache und ihre Zukunft«.

Der Terminus Web 2.0 wird allerdings von verschiedenen Seiten kritisiert (vgl. Androutsopoulos 2010b: 420; Ebersbach et al. 2011: 27; Kilian et al. 2008: 4; ← 57 | 58 → Schmidt 2008: 19). Die Kritik bezieht sich auf die Zahl 2.0, denn diese Bezeichnung stammt aus der Software-Entwicklung. Dort erhalten aktuellere Versionen eines Programms eine neue Versionsnummer (vgl. Schmidt et al. 2010: 256). Während die Nachkommastellen auf kleinere Veränderungen hinweisen, bezeichnet die Zahl vor dem Komma grundlegende Modifikationen. Dieses Bild passt jedoch nicht zum WWW, da das sogenannte Web 2.0 nicht trennscharf von der vorangegangenen Phase des World Wide Webs unterschieden werden kann. Doch gerade die »Suggestion von Fortschritt« durch die Versionsnummer hat laut Runkehl (2011: 53) dem Terminus Web 2.0 zum Erfolg verholfen. Wenngleich ein Fortschritt zweifelsohne vorhanden ist, handelt es sich nicht um eine abrupte Veränderung des WWWs (und schon gar nicht um eine ganzflächige), sondern um eine graduelle Weiterentwicklung (vgl. Kilian et al. 2008: 8; Schmidt 2008: 18). Neben einigen technischen Neuerungen zwischen dem Web 1.0 und dem Web 2.0 wie asynchrone Webseiten oder der starke Einsatz von Datenbanken, Skriptsprachen und Frameworks »spielt der Begriff auf eine gefühlte Veränderung des WWW während der letzten Jahre an« (Ebersbach et al. 2011: 27), d. h. auf eine veränderte Wahrnehmung des WWWs. Der Unterschied besteht hauptsächlich in neuen Kommunikationsmöglichkeiten sowie bisher noch nicht aufgetretenen Nutzungspraktiken des Internets. So existieren im Web 2.0 »neuartige Anwendungen […], [die] es jedem interessierten Teilnehmer ungewöhnlich leicht machen, die Rezipientenrolle gegen die Produzentenrolle zu tauschen und sich aktiv in das mediale Geschehen einzumischen« (Wehner 2008: 197). Darüber hinaus wird am Terminus Web 2.0 moniert, dass oftmals unklar bleibt, was alles unter Web 2.0 zu fassen und verstehen sei (vgl. Androutsopoulos 2010b: 420; Kilian et al. 2008: 4). Mit Blick in die Zukunft wäre darüber hinaus die Überlegung anzustellen, wie man – wenn eine Periodisierung des Webzeitalters vorgenommen werden soll – die kommenden Phasen benennen müsste. Statt von Web 3.0 oder Web 4.0 zu sprechen, wäre es sinnvoller, mit Bezug auf die typischen Merkmale des entsprechenden Zeitraums vom xy-Web oder yz-Web zu sprechen, also beispielsweise vom Semantic Web. Für die Verwendung des Terminus Web 2.0 spricht, dass man »den Anschluss linguistischer Überlegungen an interdisziplinäre und öffentliche Diskurse über Technologie, Gesellschaft und Kommunikation« (Androutsopoulos 2010b: 420) gewährleisten könnte. Allerdings scheint die Bezeichnung Web 2.0 nach einem Höhepunkt der Verwendung im Jahr 2007 mittlerweile rückläufig zu sein, wenn man sich beispielsweise die Daten von Google Trends ansieht, einem Service, der anzeigt, wie oft bestimmte Suchbegriffe in der marktführenden Internet-Suchmaschine Google eingetippt wurden. Dahingegen ist die Popularität des Terminus Social Media von 2009 an rasant gestiegen (vgl. Abbildung 2). ← 58 | 59 →

Abbildung 2:  Social Web, Social Media und Web 2.0 bei Google Trends60

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Gegen die Bezeichnung Social Media spricht, dass der Terminus Medium ins Spiel gebracht wird, handelt es sich doch bei den neueren Anwendungen des WWWs nicht um Medien im technologischen Sinne, wie der Medienbegriff in dieser Arbeit verwendet wird, sondern um Kommunikationsformen und Kommunikationsplattformen. Damit entspricht die Bezeichnung am ehesten einem kulturbezogenen Medienbegriff (vgl. Kapitel 2), der allerdings eher unüblich ist. Ebenso wenig kann man sagen, dass das WWW ein Medium ist; das Medium im technologischen Sinne ist der durch das Internet vernetzte Computer, das WWW ist lediglich ein – wenn auch der bedeutendste – Dienst des Internets. Der Terminus Social Media wird aus diesem Grund abgelehnt. Wie andere Wissenschaftler präferiere auch ich die Bezeichnung Social Web61 (vgl. Ebersbach et al. 2011: 27; Schmidt 2008: 22; Schmidt et al. 2010: 256), da er die oben aufgeführten Nachteile der Termini Web 2.0 und Social Media nicht aufweist und darüber hinaus impliziert, dass eine wichtige Komponente des Social Webs soziale Aktivitäten der Nutzerinnen und Nutzer sind, beispielsweise das Social Networking und das Social Sharing (vgl. Kapitel 3 und 3.2). Zuletzt sei noch erwähnt, dass Ebersbach et al. (2011: 32) das Social Web als Teilbereich des Web 2.0 ansehen. Unter Social Web verstehen sie die neuartigen Interaktionen und sozialen Strukturen der Userinnen und User, wohingegen der Terminus Web 2.0 auch die technischen Neuerungen miteinbezieht. Diese Spezifizierung ist jedoch unüblich und wird deshalb in dieser Arbeit nicht verwendet. ← 59 | 60 →

3.1  Typische Merkmale des Social Webs

Während Kilian et al. (2008: 7) postulieren, dass das Web 2.0 »Internet-Anwendungen und -Plattformen« umfasse, verstehen Ebersbach et al. (2011: 34) darunter nur Anwendungen des WWWs (d. h. im Browser funktionierende Angebote) und keine Applikationen, die eigene Software benötigen. Diese Einschränkung erscheint schon deshalb sinnvoll, weil die Termini Web 2.0 und Social Web sich auf das WWW beziehen. Dies bedeutet, dass beispielsweise virtuelle Welten, die üblicherweise softwarebasiert sind, nicht zum Social Web gerechnet werden können.62 Auch Programme für Instant Messaging oder Internet-Telefonie wie Skype können deshalb nicht zum Social Web gezählt werden. Dass aber auch hier die Trennlinie nicht ganz scharf gezogen werden kann, zeigen neuere technische Entwicklungen. So existieren mittlerweile etliche Programmier-Schnittstellen für verschiedene Kommunikationsplattformen wie beispielsweise Facebook und Skype. Damit können in einfachster Weise eine webbasierte und eine softwarebasierte Anwendung miteinander verknüpft werden (siehe Abbildung 3). Dadurch ist es mittlerweile möglich, dass eine Person bei Facebook eingeloggt und eine andere bei Skype angemeldet ist und sie miteinander chatten können, sofern das Skype-Programm mit dem Facebook-Account gekoppelt worden ist. Derart beschaffene Kommunikation sollte sicherlich auch zur Kommunikation im Social Web gezählt werden.

Abbildung 3:  Schnittstelle zwischen Skype und Facebook (Screenshot vom 08.11.2011)

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Neben der Kopplung von Kommunikationsplattformen sind auch Rekombinationen von Inhalten solcher Plattformen ein besonderes Merkmal des Social Webs, sogenannte Mashups63: »So können beispielsweise Fotos und Videos von Foto- und Videocommunity-Angeboten wie Flickr oder YouTube leicht in eigene ← 60 | 61 → Websites eingebettet werden oder mit Karten- oder Satellitenaufnahmen von Google Maps und entsprechenden Geodaten kombiniert werden« (Gerhards et al. 2008: 132, Herv. CMS).

Das Social Web umfasst also verschiedene webbasierte Anwendungen sowie die dabei entstehenden Daten und Beziehungsnetze der Nutzerinnen und Nutzer des Social Webs (vgl. Ebersbach et al. 2011: 37). Zweck des Social Webs sind der »Informationsaustausch, […] Beziehungsaufbau und deren Pflege, die Kommunikation und die kollaborative Zusammenarbeit« (ebd.: 38). Kilian et al. (2008: 7) betonen als wichtigen Aspekt des Social Webs die Rolle der Userinnen und User, die aktiv an der Wertschöpfung »durch eigene Inhalte, Kommentare, Tags oder auch nur durch ihre virtuelle Präsenz« beteiligt sind. Diese Art von Wertschöpfung wird auch User Generated Content (nutzergenerierte Inhalte) genannt, und sie ist typisch für das sogenannte Social Sharing, der zweiten wichtigen Komponente des Social Webs neben dem Social Networking (vgl. auch Kapitel 3.2); beide Komponenten setzen eine Partizipation voraus. Vor allem im Zusammenhang mit dem Social Sharing kann das Social Tagging als prototypische Praktik des Social Webs genannt werden, welche dem Informationsmanagement dient und durch die kollektive Wissensordnungen erstellt werden (vgl. Schmidt 2009a: 157).64 Ein weiteres Merkmal des Social Webs ist die Interaktivität, wobei damit sowohl die »sprachliche Interaktion von Individuen« als auch die »Reaktion des Computers auf menschliche Eingaben« (Jakobs 2011b: 74) gemeint ist.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das Social Web aus webbasierten Anwendungen (vgl. Kapitel 3.2) sowie den dadurch entstehenden Daten und sozialen Netzwerken65 besteht. Konstitutive Elemente des Social Webs sind die Interaktivität, die Partizipation und die Verknüpfungen einzelner Elemente, seien dies 1) Kommunikationsplattformen, 2) Inhalte (Mashups) oder 3) Modalitäten (vgl. Kapitel 7.5). ← 61 | 62 →

3.2  Zentrale Social-Web-Communitys

Betrachtet man die zehn meistbesuchten Websites nach der Statistik von Alexa66, so fällt auf, dass davon die Hälfte Anwendungen des Social Webs sind: Face-book (2), YouTube (3), Wikipedia (5), Blogger.com (7) und Twitter (9); das Social Web spielt demzufolge im WWW eine bedeutende Rolle. Mit den oben erwähnten Communitys sind die bekanntesten Vertreter des Social Webs genannt; Abbildung 4 zeigt hingegen, dass das Social Web aus unzähligen Anwendungen besteht, die teilweise ähnliche Ziele verfolgen und somit auch miteinander konkurrieren.

Abbildung 4:  Communitys des Social Webs nach Thematik67

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In Tabelle 2 sind zwei Übersichten zu Social-Web-Communitys68 nach Busemann und Gscheidle (2010: 361), Ebersbach et al. (2011: 37) und Kilian et al. (2008: 14) aufgeführt, die ich um die primären Tätigkeiten und typischen Vertreter der jeweiligen Communitys ergänzt habe. Der bereits erwähnte und im Jahr 2006 gegründete Microblogging-Dienst Twitter69 fehlt noch in den Aufstellungen von Ebersbach et al. (2008: 33) und Kilian et al. (2008: 14), wurde aber in der zweiten Auflage von Ebersbach et al. (2011: 37) nachgetragen.

Tabelle 2:  Social-Web-Communitys (ergänzt um primäre Tätigkeiten und typische Vertreter)

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Es stellt sich nun die Frage, nach welchen Kriterien die Anwendungen des Social Webs kategorisiert werden können. Laut Ebersbach et al. (2011: 37) wird in der Literatur häufig eine Dreiteilung anhand der Kriterien Information, Beziehung und Kommunikation vorgenommen. Der Kritik von Ebersbach et al., dass Kommunikation kein distinktives Merkmal darstellt, ist grundsätzlich beizupflichten. Allerdings ist anzufügen, dass der Kommunikation nicht in allen Social-Web-Anwendungen derselbe Stellenwert zukommt, weshalb die Relevanz der Kommunikation durchaus gewichtet werden kann: Kommunikation spielt in Social-Networking-Communitys eine zentrale, in Social-Gaming-Communitys eine periphere Rolle. Was den Aspekt der Beziehung betrifft, so wird dieser noch weiter differenziert in Identitätsmanagement70 (= Präsentation der eigenen Person) und Beziehungsmanagement71 (= Pflegen und Knüpfen von Kontakten) (vgl. Schmidt et al. 2010: 261). Meines Erachtens ist Ebersbach et al. (2011: 37) zuzustimmen, dass diese beiden Aspekte einander bedingen. Unter Informationsmanagement schließlich ist das »Auffinden, Rezipieren und Verwalten von relevanten Informationen« (Schmidt et al. 2010: 261) zu verstehen; dass das Social Tagging eine wichtige Rolle im Bereich des Informationsmanagements spielt, wird in Kapitel 5 zu zeigen sein.

Als Zwischenfazit lässt sich Folgendes festhalten: Während in Social-Networking-Communitys das Identitätsmanagement und das Beziehungsmanagement im Vordergrund stehen, ist bei Social-Sharing- und Social-Collecting-Communitys das Informationsmanagement von eminenter Bedeutung (vgl. Tabelle 3). ← 64 | 65 →

Tabelle 3:  Handlungskomponenten im Social Web (Schmidt 2010: 261)

Handlungskomponente

Tätigkeiten

Beispiele

Identitätsmanagement

(selektives) Präsentieren von Aspekten der eigenen Person (Interessen, Meinungen, Wissen, Erlebnisse…)

Ausfüllen einer Profilseite

Beziehungsmanagement

Pflege von bestehenden und Knüpfen von neuen Kontakten

Bestätigen oder Annehmen von Kontaktgesuchen; Verlinken von anderen Weblogeinträgen

Informationsmanagement

Auffinden, Rezipieren und Verwalten von relevanten Informationen

Einordnen von Informationen aus Wikis; Taggen einer Website; Abonnieren eines RSS-Feeds; Bewerten eines Beitrags (z. B. durch Punktevergabe oder Kommentieren)

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Ebersbach et al. (2011: 38–39) verorten die verschiedenen Anwendungen des Social Webs in einem Dreieck mit den Eckpunkten Beziehungspflege, Information und Kollaboration. Kommunikation ist als Basis stets in allen Bereichen mitgedacht (vgl. Griesbaum 2013: 563). Mit Informationsaustausch ist das Publizieren und Teilen von Information, also das Social Sharing gemeint, während unter Kollaboration das gemeinsame Sammeln und Generieren von Wissen verstanden wird (vgl. Ebersbach et al. 2011: 38). Eine ähnliche Einteilung nimmt Röll (2014: 269) in themenbezogene, austauschbezogene, transaktionsbezogene und unterhaltungsbezogene Anwendungen vor.72

In Abbildung 5 sind die genannten Bereiche nochmals aufgelistet, um den Aspekt der Unterhaltung ergänzt und den verschiedenen Arten von Communitys zugewiesen. Die in Tabelle 1 aufgeführte Consumer-Community73 und die Blogosphäre als weitere Kategorien des Social Webs sind in Abbildung 5 nicht explizit erwähnt. Meiner Ansicht nach ist es sinnvoll, diese beiden Communitys als spezi ← 65 | 66 → fische Ausprägungen der Social-Sharing- und der Social-Collecting-Communitys anzusehen. In Blogs wird im weitesten Sinne auch Wissen gesammelt und geteilt, und es erscheint gerechtfertigt, die Blogosphäre, d. h. sämtliche existierenden Weblogs als Community zu bezeichnen, da die Bloginhalte kommentiert werden und die Blogs mittels sogenannter Trackbacks74 via Backlinks untereinander vernetzt werden können (vgl. J. Schmidt 2006: 14). Am Beispiel der Blogs wird auch deutlich, dass sowohl der Informationsaustausch als auch die Kollaboration nicht strikt voneinander getrennt werden können; beides sind Elemente des Informationsmanagements. In Consumer-Communitys tauscht man Wissen über unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen aus; es handelt sich um Meinungsportale, bei denen Empfehlungen oder kritische Beurteilungen ausgesprochen und von anderen Nutzerinnen und Nutzern rezipiert werden können, Beispiele hierfür sind Ciao oder Epinion (vgl. Kilian et al. 2008: 14). Onlineshops wie Amazon sowie Marktplätze wie Ebay bieten oft mals ebenfalls Funktionen an, die für Consumer-Communitys typisch sind (Bewertungen, Rezensionen, Social Tagging).

Abbildung 5:  Kategorisierung der Social-Web-Communitys

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Abbildung 5 macht deutlich, dass das Social Web aus Communitys und deren Aktivitäten besteht. Die den einzelnen Communitys attribuierten Aktivitäten stellen ← 66 | 67 → selbstverständlich lediglich Schwerpunkte dar; die jeweils den anderen Communitys zugeordneten Hauptaktivitäten spielen daneben zwar ebenfalls eine Rolle, jedoch eine untergeordnete. Als Online-Communitys bezeichnen Ebersbach et al. (2011: 170) Gruppen von aktiven Mitgliedern einer Social-Web-Anwendung, die gemeinsame Ziele und Interessen verfolgen. Zahlreiche Studien belegen, dass es sich bei den Mitgliedern von Social-Networking-Communitys überwiegend um Offline-Bekanntschaft en handelt, die über das WWW zusätzlich gepflegt werden (vgl. Boyd, Ellison 2007: 221, Ebersbach et al. 2011: 108, Neuberger 2011: 59). Darüber hinaus existieren aber auch virtuelle Communitys. Damit bezieht man sich auf soziale Gruppen, die sich im Netz gebildet haben – die Bekanntschaft en wurden somit online geschlossen. Mit Online-Communitys sind in dieser Arbeit sowohl virtuelle als auch nicht-virtuelle Communitys gemeint. Es muss jedoch angemerkt werden, dass eine strikte Trennung zwischen virtuellen und nichtvirtuellen Gemeinschaft en häufig gar nicht möglich ist, sondern dass auch hier Mischformen existieren. Als Community können die Mitglieder einer einzelnen Anwendung des Social Webs wie beispielsweise der Social-Sharing-Site Flickr bezeichnet werden. Außerdem ist folgende Unterscheidung zu treff en: Th eoretisch ist es möglich, sich mit allen Userinnen und Usern dieser Community zu verbinden, praktisch bilden sich aber auf den Plattformen verschiedene Subcommunitys, die sich nach unterschiedlichen Interessen gruppieren.

Unter einer Online-Community kann auch die technische Umgebung selbst verstanden werden, welche die Entstehung solcher Benutzergruppen und deren Aktivitäten ermöglicht (vgl. Herring 2008). Zuweilen wird statt des Terminus Online-Community in der letztgenannten Bedeutung auch derjenige des Social Networking verwendet. So zählen zum Beispiel Boyd und Ellison (2007: 212) neben Facebook auch Twitter, Flickr und YouTube zu den »Social Network Sites« (SNS), was also bedeutet, dass keine Unterscheidung zwischen Social Sharing und Social Networking vorgenommen wird.75 Boyd und Ellison (2007: 216) sprechen von »›passion-centric‹ SNS« und sehen Social-Sharing-Communitys folglich als eine Subkategorie von Social-Networking-Communitys an. Auch Röll (2014: 265) fasst alle oben genannten Anwendungen unter dem Terminus soziale Netzwerke, er diff erenziert aber zwischen sozialen Netzwerken im engen und weiten Sinne. Unter sozialen Netzwerken im engen Sinne versteht er Communitys mit gemeinsamen Zielen und Interessen, bei denen Mitglieder im Allgemeinen unter Pseudonymen auft reten, was in meiner Terminologie den Social-Sharing-, den ← 67 | 68 → Social-Collecting- und Social-Gaming-Communitys entspricht. Als Netzwerke im weiten Sinne erachtet Röll Communitys, in denen Userinnen und User mit ihrem realen Namen agieren. Diese bezeichne ich als Social-Networking-Communitys (vgl. Abbildung 5).76 Während Röll unter dem Begriff soziale Netzwerke alle Arten von Online-Communitys zusammenfasst, wird in dieser Arbeit der Terminus Social-Web-Community als Hyperonym zu Social-Sharing-, Social-Networking-, Social-Collecting-, und Social-Gaming-Communitys verwendet.

Im Folgenden werden diese vier Typen von Communitys definiert und erläutert. Es muss vorab erwähnt werden, dass die Grenzen zwischen den Typen fließend sind (vgl. Schneider 2008: 118); die Nummerierung zeigt den Verbreitungsgrad77 der Communitys in absteigender Reihenfolge an:

1)  Social-Networking-Communitys:

     Bisweilen wird zwischen »Social Network Sites« und »Social Networking Sites«78 unterschieden. So argumentieren beispielsweise Boyd und Ellison (2007: 211), dass der Terminus Networking hauptsächlich für das Kennenlernen von Fremden verwendet werde, was aber oftmals in Social-Networking-Communitys nicht der Fall ist. Wenn hier der Terminus Social-Networking-Community genutzt wird, dann in der Bedeutung, die unter Networking im großen Wörterbuch der deutschen Sprache zu finden ist: »das Knüpfen und Pflegen von Kontakten, die dem Austausch von Informationen [und dem beruflichen Fortkommen] dienen« (Duden 2012, Herv. CMS). So ← 68 | 69 → cial-Networking-Communitys lassen sich in Business- und Fun-Communitys unterteilen (vgl. Döring 2003: 501, Kilian et al. 2008: 13, Röll 2014: 269). Eine häufig zitierte Definition von Social-Networking-Sites ist diejenige von Boyd und Ellison (2007: 211). Sie verstehen darunter webbasierte Anwendungen, welche es Individuen erlauben, »to (1) construct a public or semi-public profile within a bounded system, (2) articulate a list of other users with whom they share a connection, and (3) view and traverse their list of connections and those made by others within the system.« Ähnlich führen auch Ebersbach et al. (2008: 79) die Registrierung, die Erstellung von Profilseiten sowie die Beziehungen zu anderen Menschen, die man überwiegend aus dem Offline-Leben kennt, als Merkmale von Social-Networking-Communitys an. Boyd und Ellison erläutern weiter (2007: 219): Social-Networking-Communitys »are primarily organized around people, not interests.« Genau auf dieser Feststellung fußt die Unterscheidung zwischen Social-Sharing- und Social-Networking-Communitys, denn gerade bei Flickr geht es um das gemeinsame Interesse an der Fotografie oder an Bildern. Trotzdem zählen Boyd und Ellison – wie bereits oben erwähnt – auch solche Anwendungen zu den Social-Networking-Communitys, die ich den Social-Sharing-Communitys zurechne.

     Die Social-Networking-Communitys können auch als Kommunikationsplattformen bezeichnet werden, da Kommunikation in solchen Communitys eine weitaus größere Rolle spielt als in den anderen Social-Web-Anwendungen. Kommunikationsformen wie E-Mail (Messaging), Chat oder Pinnwandeinträge, die vor der Zeit des Social Webs einzeln verwendet wurden, sind auf solchen Kommunikationsplattformen vereint, was auch zu einem Multitasking der Community-Mitglieder führt. Für die Userinnen und User bedeutet dies, dass sie unkompliziert und auf verschiedenen Wegen miteinander kommunizieren können; für Forschende werden dadurch Datenerhebungen komplizierter, da sich Sequenzen von kommunikativen Akten auf mehrere Kommunikationsformen und gar auf mehrere Social-Web-Communitys verteilen können (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 48), die teilweise öffentlich zugänglich sind, zum Teil aber auch nicht.

2)  Social-Sharing-Communitys:

     In Social-Sharing-Communitys79 können Userinnen und User Inhalte unterschiedlicher Art (z. B. statische und dynamische Bilder, Audiodateien) mit ← 69 | 70 → anderen Community-Mitgliedern und auch passiven Benutzerinnen und Benutzern der Plattform teilen. Diese Ressourcen können anonym (d. h. unter einem Nickname) zur Verfügung gestellt und von anderen aktiven Nutzerinnen und Nutzern geordnet und bewertet werden. Schließlich ist eine Unterteilung in öffentliche, teilöffentliche und nicht-öffentliche80 Inhalte möglich (vgl. Ebersbach et al. 2011: 119). Den einzelnen Userinnen und Usern stehen viele Möglichkeiten mit dem Umgang ihrer Inhalte zur Verfügung. So kann beispielsweise festgelegt werden, ob die Inhalte nur rezipiert oder auch heruntergeladen werden können. Darüber hinaus können auch über sogenannte Creative-Commons-Lizenzen81 die Rechte an den Inhalten durch die Nutzerinnen und Nutzer selbst festgelegt werden. Die bereitgestellten Daten werden im besten Fall von den Userinnen und Usern der Community mit Metainformationen wie Tags oder Beschreibungstexten versehen, damit einzelne Inhalte auch über die Suchfunktion gefunden werden können. Dieses sogenannte Social Tagging (vgl. Kapitel 5) ist ein Grund dafür, dass auch von Social Sharing gesprochen wird, das von Lerman und Jones (2007: 1) benannte Social Browsing ist ein weiterer. Unter Social Browsing verstehen die Autorinnen, dass in Social-Sharing-Communitys die Inhalte von Kontakten rezipiert werden. In ihrem Beitrag zeigen sie, dass das Social Browsing den größten Teil der User-Aktivitäten ausmacht; dies wiederum bedeutet, dass dem Social Tagging keine entscheidende, dem Social Networking hingegen eine große Relevanz zukommt: »This is best explained by social browsing, which predicts that the more reverse contacts a user has, the more likely his or her images are to generate views« (Lerman, Jones 2007: 6). Ein Ziel von Userinnen und Usern von Social-Sharing-Communitys besteht darin, dass möglichst viele andere Mitglieder der Community ihre Inhalte rezipieren und wenn möglich auch kommentieren oder bewerten. Dahinter steht der Wunsch nach sozialer Anerkennung in der Community (vgl. Griesbaum 2013: 571). Auf den meisten Social-Sharing-Sites werden mittels eines Algorithmus, der die sogenannten Page Impressions und User-Aktivitäten auswertet, interessante Inhalte ermittelt und präsentiert. Social Browsing hat demnach zur Folge, »that images by photographers with large social networks are more likely to be selected for Flickr‘s front page« (Lerman, Jones 2007: 2). So bezeichnen Lerman und Jones ← 70 | 71 → (2007: 1) die Kontakte in einer Social-Sharing-Community als »the social network backbone of social media sites«. Das Social Networking ist folglich eine Conditio sine qua non für das Social Sharing und so verfügen Social-Sharing-Sites ebenfalls über die Möglichkeit, Profilseiten und Kontaktlisten zu erstellen, plattforminterne Nachrichten zu verschicken oder in Foren zu diskutieren. Aufgrund dieser Kommunikationsmöglichkeiten, die für Social-Networking-Sites typisch sind, postulieren Boyd und Ellison (2007: 216), dass die Social-Sharing-Sites zu Social-Networking-Sites geworden seien. Tatsächlich gibt es die oben aufgeführten Gemeinsamkeiten zwischen den zwei Arten von Communitys, dennoch unterscheiden sie sich, wie bereits ausgeführt, durch ihre Ziele und die primären Tätigkeiten ihrer Userinnen und User, weshalb es sinnvoll erscheint, zwischen Social-Networking- und Social-Sharing-Communitys zu differenzieren. Für Social-Networking-Sites (noch) nicht, für Social-Sharing-Sites hingegen typisch ist auch die Unterscheidung zwischen kostenlosen Accounts und Premium-Accounts82, welche gegen Bezahlung zusätzliche Funktionen bieten (z. B. zusätzlicher Speicherplatz, Einsicht in Besucherstatistiken, keine Werbung, Kennzeichnung als Premium-Mitglied etc.).83

3)  Social-Collecting-Communitys:

     Der Terminus Social-Collecting-Community kann als Synonym zu der bisher in der Literatur verwendeten Bezeichnung Knowledge-Community aufgefasst werden, denn gesammelte Daten entsprechen normalerweise einem bestimmten zusammengetragenen Wissen.84 Der englische Ausdruck collecting kann etymologisch auf lateinisch colligere für sammeln zurückgeführt werden. Ebenfalls auf colligere geht das Adjektiv kollektiv zurück, und in diesem doppelten Sinne ist der Terminus Social Collecting auch zu verstehen: Gemeinschaftlich werden Informationen gesammelt. Man mag einwenden, dass von Userinnen und Usern publiziertes Wissen nicht zwangsläufig gesammelt sein ← 71 | 72 → muss, sondern auch selbst generiert sein kann. Selbst hervorgebrachtes Wissen zählt selbstverständlich ebenfalls zum Social Collecting, denn auch dieses Wissen wird in einer Community gesammelt und allenfalls weiterverbreitet. Zu Social-Collecting-Communitys werden Anwendungen wie Wikis und Bookmarking-Dienste gezählt, bei denen die Mitglieder der Community kollaborativ Wissen zusammentragen (vgl. Kilian et al. 2008: 13). Ein bekanntestes Beispiel für eine Social-Collecting-Community ist das Wiki Wikipedia, das als eine der wichtigsten Anwendungen des Social Webs überhaupt gilt (vgl. Klebl, Borst 2010: 243). Während Wikis überwiegend auf der Zeichenmodalität Sprache beruhen und Bilder lediglich der Illustration dienen, gewinnen mittlerweile Social-Collecting-Communitys an Bedeutung, bei denen Bilder im Mittelpunkt stehen. Ein prominenter Vertreter ist die Anwendung Pinterest, bei der meist fremde Bilder auf sogenannten Pinboards gesammelt und mit einem kurzen Text von maximal 500 Zeichen versehen werden: »Das angesprochene Integrieren von fremden Bildern in eigene Fotoalben ist – (fast) unbeschadet von geltendem Urheberrecht – längst eine übliche Praxis geworden« (Walser, Neumann-Braun 2013: 164). Die Abgrenzung von Social-Collecting- zu Social-Sharing-Communitys beruht also auf der Unterscheidung, ob Inhalte selbst erstellt oder lediglich zusammengetragen werden, wobei eine solche Differenzierung selbstredend nicht immer ganz klar gezogen werden kann. Bei der Einordnung von Anwendungen jedoch kann beurteilt werden, welche Aktivität in der Community vorherrscht.

4)  Social-Gaming-Communitys:

     Social-Gaming-Communitys spielen eine untergeordnete Rolle im Social Web. So wurden beispielsweise virtuelle Spielwelten wie Second Life 2008 lediglich von 5 % aller Nutzerinnen und Nutzer jemals besucht (vgl. Fisch, Gscheidle 2008: 358). Streng genommen können hier nur Communitys dazugezählt werden, in denen Spiele im WWW angeboten werden: sogenannte Browserspiele. Es werden allerdings oftmals auch Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPG) wie beispielsweise World of Warcraft dazu gezählt, bei denen sehr viele Nutzerinnen und Nutzer gemeinsam über das Internet spielen85, oder auch die erwähnte virtuelle Welt Second Life, in der keine eigentliche Spielhandlung86 vorhanden ist (vgl. Kilian et al. 2008: 14). ← 72 | 73 → Für World of Warcraft und auch für Second Life muss allerdings ein Programm (ein sogenannter Client) installiert werden, weshalb diese Anwendungen nicht zum Social Web gezählt werden können. Allerdings stellt sich die Frage, ob nicht im Zuge des sogenannten Cloud Computing87 bald auch solche Software browserbasiert ausgeführt wird, wodurch diese Spiele zu Browserspielen mutieren würden und dann ebenfalls zum Social Web gezählt werden könnten.

Es ist im Zusammenhang mit den erwähnten Schwerpunkten der einzelnen Social-Web-Communitys (vgl. Abbildung 5) wichtig zu erwähnen, dass einerseits bei den Anwendungen des Social Webs, bei denen User Generated Content produziert wird, die Kommunikation eine wichtige Rolle für die Generierung der Inhalte oder die Diskussion über diese spielt. Andererseits werden auch in Social-Networking-Communitys, bei denen die Kommunikation einen zentralen Platz einnimmt, Inhalte geteilt. Der Unterschied zwischen Social-Networking-Communitys und Social-Sharing- oder Social-Collecting-Communitys besteht darin, dass Social-Networking-Communitys nicht ergebnisorientiert sind.

Dass die primäre Tätigkeit in Social-Networking-Communitys die Kommunikation ist, sei sie nun verbal oder nonverbal88, kommt auch deutlich in der Erläuterung der Community auf der Facebook-Startseite zum Ausdruck: »Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.«89 Bei diesen Inhalten kann es sich sowohl um Text als auch um statische oder dynamische Bilder handeln, die über den Button »Teilen« (vgl. Abbildung 6) publiziert werden können (in der englischen Version ist der Button allerdings mit »Post«90 beschriftet). ← 73 | 74 →

Abbildung 6:  Teilen von Inhalten auf der Social-Networking-Site Facebook91

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Auf der Social-Sharing-Site Flickr wird mit dem ehemals verwendeten Werbeslogan »Share your photos. Watch the world« oder dem aktuellen »Share your life in photos« ebenfalls die primäre Tätigkeit des Sharings hervorgehoben.92

Wenn Arten von Communitys durch die primären Tätigkeiten ihrer Userinnen und User unterschieden werden, stellt sich bei der Zuordnung einzelner Anwendungen zu den vier verschiedenen Arten von Communitys natürlich stets die Frage, was denn tatsächlich die primäre Tätigkeit einer Anwendung darstellt. Als Beispiel seien die Nightlife-Communitys genannt, die im Folgenden kurz skizziert werden:

      »In der Schweiz gehören Nightlife-Communitys zu den beliebtesten virtuellen Handlungskontexten (post-)adoleszenter Jugendlicher. Die wichtigen Portale tragen aussagekräftige Namen wie Tilllate, Partyguide, Usgang, Festzeit sowie Lautundspitz. Sie sind in der Gesamtschweiz und teilweise darüber hinaus tätig. In ihrem Namen ziehen Fotografen wie Paparazzi von einer Party zur nächsten und stellen Porträt-Bilder der Gäste her, die sich im Internet betrachten lassen. Die passive Nutzung der Portale erlaubt das Betrachten von Party-Fotografien und Veranstaltungskalendern.« (Neumann-Braun, Astheimer 2010: 10, Herv. CMS)

Für die aktiven Nutzerinnen und Nutzer wiederum »stellt die Pflege eigener Profile, das Hinzufügen von Freunden und das Betrachten der Profile anderer Mitglieder zentrale Handlungsroutinen in Nightlife-Communitys dar, die stark an die Praktiken innerhalb von Social Network Sites wie Facebook, Netlog, StudiVZ oder MySpace erinnern« (ebd.: 11, Herv. CMS). Darüber hinaus erinnern die Nightlife-Communitys aber auch an Foto-Communitys, die typische Vertreter von Social-Sharing-Communitys sind. Im Zentrum der Kommunikation stehen Fotos, die allerdings nicht von den Userinnen und Usern, sondern von den durch die Betreibenden der Nightlife-Communitys angestellten Partyfotogra ← 74 | 75 → finnen und -fotografen hochgeladen werden; allerdings ist es den Community-Mitgliedern auch möglich, eigene Fotos im Profil zu veröffentlichen. Es kann demzufolge nicht von Social Sharing im engen Sinne gesprochen werden, doch können Nightlife-Communitys auch nicht als Social-Networking-Communitys bezeichnet werden. Neumann-Braun und Wirz (2010: 171) konnten zwar für die Nightlife-Community Festzeit eine an sich nicht vorgesehene Nutzung als Social-Networking-Community feststellen, denn Party-Themen rückten in den Hintergrund und die 5,5 Millionen Privatbilder dominieren die 250.000 offiziellen Partybilder. Trotzdem wird von den Plattform-Betreibenden auf die Implementierung von typischen Funktionen der Social-Networking-Communitys verzichtet.93 Das Beispiel der Nightlife-Communitys zeigt deutlich, dass es Communitys gibt, die Eigenschaften verschiedener Social-Web-Communitys aufweisen und folglich nicht eindeutig einer bestimmten Art von Community zugeordnet werden können.

Zum Schluss sei auf die Tendenz verwiesen, dass es den Userinnen und Usern immer häufiger möglich gemacht wird, verschiedene Social-Web-Communitys, die sie nutzen, miteinander zu verknüpfen. Kauft man beispielsweise bei Amazon ein, so kann ein gekauftes Produkt nicht nur getaggt, bewertet und rezensiert werden, sondern man kann auch via Facebook oder Twitter mitteilen, welche Produkte man erworben hat (vgl. Abbildung 7).

Abbildung 7:  Getätigte Einkäufe bei Amazon auf Facebook oder Twitter mitteilen (14.11.2011)

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Immer häufiger können auch Accounts einer Anwendung für eine andere verwendet werden, so ist es beispielsweise möglich, sich einen Flickr-Account auf Basis eines Google- oder Facebook-Kontos zu erstellen (vgl. Abbildung 8). ← 75 | 76 →

Abbildung 8:  Schnittstelle zwischen Flickr und Google bzw. Facebook94

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Da Nutzerinnen und Nutzer oft Mitglieder verschiedener Communitys sind, ist es zeitintensiv, die aktuellen Aktivitäten der Kontakte in allen Communitys zu verfolgen. Es erscheint daher naheliegend, dass mehrere Anwendungen in einer übergeordneten gekoppelt werden, dass also »Meta Social Networks« (Ebersbach et al. 2008: 97) entwickelt werden. Es existieren bereits erste Formen; so kann beispielsweise im Personal Information Manager Outlook der Firma Microsoft ein sogenannter Outlook Social Connector installiert werden. Neben den E-Mails werden nach der Installation in Outlook auch die Neuigkeiten von Kontaktpersonen aus Facebook, dem Windows Live Messenger oder aus den Business-Communitys LinkedIn, XING und Viadeo angezeigt. Eine solche Entwicklung von »Meta Social Networks« scheint evident zu sein in Anbetracht der neu entstandenen Social-Networking-Site Google+ des Unternehmens Google sowie des Dienstes So.cl des Microsoft-Konzerns, die beide in Zukunft eine Konkurrenz für den Marktführer Facebook darstellen könnten. Da die Nutzerinnen und Nutzer kaum gewillt sind, sich in drei verschiedenen Social-Networking-Communitys aktiv zu beteiligen, können diese neuen Social-Networking-Sites jedoch nur erfolgreich sein, wenn es eine einzige Oberfläche geben wird, über die unterschiedliche Anwendungen abgerufen werden können, bzw. wenn die Daten verschiedener Plattformen synchronisiert werden.95 Ob man sich bei Google+, bei So.cl oder bei Facebook einloggt, ist dann bloß noch eine Frage der persönlichen Vorliebe, vergleichbar mit den heutigen unterschiedlichen Präferenzen bei der Wahl von E-Mail-Programmen.96 ← 76 | 77 →

Ein weiterer Grund, der für das Entstehen von »Meta Social Networks« spricht, ist, dass nicht nur das Abrufen von Daten unterschiedlicher Anwendungen, sondern auch das Einspeisen von Neuigkeiten in den verschiedenen Communitys aufwändig ist. So wird bei Twitter vorgeschlagen: »Poste Tweets auf Deinem Face-book-Profil«97, oder bei Flickr hochgeladene Fotos können automatisch auch bei Facebook angezeigt werden, was folglich die Kommunikation über automatische Mechanismen vervielfacht. Durch offene Schnittstellen (APIs = Application Programming Interfaces) können überdies verschiedene Anwendungen des Social Webs zu sogenannten Mashups kombiniert werden (vgl. Schmidt 2008: 23).

Als knappes Fazit dieser Ausführungen bleibt festzuhalten: Die wichtigsten Communitys des Social Webs bilden Social-Networking-Communitys, gefolgt von Social-Sharing- und Social-Collecting-Communitys, wohingegen reine98 Social-Gaming-Communitys weniger populär sind, wie auch das Fehlen dieser Art von Communitys im Alexa-Ranking (vgl. Fußnote 66) zeigt. Die Erläuterung zu den einzelnen Formen von Communitys hat gezeigt, dass Grenzziehungen nicht immer eindeutig möglich sind und dass es im Bereich der Ziele von Community-Mitgliedern sowie bei den primären Tätigkeiten Überschneidungen gibt.

Im folgenden Kapitel wird erläutert, inwiefern sich die Nutzerinnen und Nutzer von Anwendungen des Social Webs aufgrund ihrer Tätigkeiten voneinander unterscheiden.

3.3  Akteure im Social Web

Das Social Web wird gelegentlich auch als »Mitmach-Netz« bezeichnet (vgl. z. B. Ebersbach et al. 2011: 29, Sutter 2010: 56, Meier 2009: 187). So ist es allen Nutzern des WWWs möglich, sich in den im vorangegangenen Teilkapitel präsentierten Communitys zu beteiligen. Dies gelingt umso besser, je einfacher und intuitiver die Anwendungen des Social Webs bedient werden können (vgl. Kilian et al. 2008: 10). Das entsprechende Stichwort ist hier Usability (vgl. dazu grundlegend Nielsen, Loranger 2006), welches den deutschen Ausdrücken »Nutzbarkeit, Brauchbarkeit und Nutzerfreundlichkeit« (Bucher 2001: 46) entspricht.

Die Usability ist also Grundlage für eine breite Partizipation, doch nutzen die Userinnen und User die Social-Web-Anwendungen tatsächlich aktiv? Verschie ← 77 | 78 → dene Studien zeigen, dass die aktiven Nutzerinnen und Nutzer einen geringen Prozentsatz ausmachen: Von den Bloggerinnen und Bloggern sind es 75 %, die ausschließlich rezipieren und nicht selbst Beiträge produzieren; bei der freien Enzyklopädie Wikipedia haben nur 6 % der Nutzerinnen und Nutzer bereits einmal einen Text(-baustein) verfasst (vgl. Sutter 2010: 50). Auch bei YouTube sind es lediglich 7 % der Userinnen und User, die selbst Videos hochladen (vgl. Schmidt et al. 2010: 258). Die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 fielen ähnlich aus: Nur 3 % der Nutzerinnen und Nutzer haben Wikipedia-Beiträge bearbeitet und 7 % haben schon einmal Videos hochgeladen (vgl. Busemann, Gscheidle 2011). Diese Zahlen sagen jedoch nichts über die Aktivitätsfrequenz aus (vgl. für Ergebnisse zu Flickr das Kapitel 9.1). Für die meisten Social-Web-Communitys gilt für den Partizipationsgrad die sogenannte 90:9:1-Regel: 90 % sind Lurker99 und produzieren niemals eigene Inhalte, 9 % der Nutzerinnen und Nutzer tun dies nur gelegentlich, während lediglich 1 % die Mehrzahl aller Inhalte verfasst (vgl. Griesbaum 2013: 567).

Bei der aktiven Nutzung des Social Webs bestehen also zwischen den verschiedenen Userinnen und Usern beträchtliche Unterschiede. Gerhards et al. (2008: 129) verorten den Mitgestaltungsgrad im Social Web »auf einem Kontinuum von rein betrachtender Nutzung bis hin zur Herausgabe von Inhalten.« Rezeption und Produktion sind folglich Pole, zwischen denen sich die verschiedenen Userinnen und User bewegen, wobei es zu bedenken gilt, dass auch die rezeptive Nutzung ein produktives Element in sich birgt (vgl. Wehner 2008: 210–211). So wird die Popularität von Inhalten auf Social-Sharing-Sites unter anderem über die Seitenaufrufe (Page Impressions) ermittelt. Und auch Bublitz (2012: 165) stellt fest: »It is not by chance that the metacommunicative term user is generally ambivalent between passivity and activity« (Herv. im Original). Nutzende von Social-Web-Anwendungen können wiederum verschiedene Rollen auf dem Kontinuum zwischen aktiv-gestaltender und passiv-rezipierender Nutzung einnehmen. Hierfür wurde das Portmanteau-Wort Prosument gebildet, eine Kombination aus Produzent und Konsument; die englischsprachige Variante lautet Produser, gebildet aus production und user (vgl. Schmidt et al. 2010: 258). Von Produsage schließlich spricht man, wenn Userinnen und User Inhalte rezipieren und diese wiederum nutzen, um Inhalte zu produzieren. Es geht also um das »Aufgreifen, Zitieren, Kommentieren und Weiterverbreiten von Inhalten anderer Personen« (vgl. Schmidt 2008: 35). ← 78 | 79 →

Aus diesen verschiedenen Nutzungsvarianten lassen sich Typologien von Social-Web-Nutzerinnen und -Nutzern ableiten. Gerhards et al. (2008: 138–147) unterscheiden aufgrund von Nutzungsmotiven acht verschiedene Typen von Nutzerinnen und Nutzern des Social Webs: 1) Produzenten, 2) Selbstdarsteller, 3) Spezifisch Interessierte, 4) Netzwerker, 5) Profilierte Nutzer, 6) Kommunikatoren, 7) Infosucher und 8) Unterhaltungssucher. Diese Nutzertypen definieren Gerhards et al. (2008: 138–147) wie folgt:

       1)  Produzenten publizieren Inhalte mit einem Anspruch auf künstlerischen (z. B. Musikerinnen und Musiker, Fotografinnen und Fotografen) oder journalistischen Gehalt.

       2)  Selbstdarsteller publizieren im Gegensatz zu den Produzenten Inhalte, bei denen die eigene Person im Vordergrund steht.

       3)  Spezifisch Interessierte nutzen das Social Web, um sich mit anderen über spezielle Interessen oder Hobbys auszutauschen.

       4)  Netzwerker haben das Ziel, im Social Web Kontakte zu knüpfen oder bestehende zu pflegen, im Vordergrund steht also der Austausch mit anderen Menschen.

       5)  Profilierte Nutzer nutzen das Social Web in idealtypischer Weise, indem sie sich selbst darstellen, mit anderen Menschen Kontakte pflegen und knüpfen, Inhalte (Texte, Bilder oder Musik) veröffentlichen, oftmals verbunden mit einem spezifischen inhaltlichen Interesse.

       6)  Kommunikatoren verwenden das Social Web nicht um Inhalte oder sich selbst zu präsentieren, sondern um mit Menschen zu kommunizieren; dabei geht es in erster Linie aber nicht um das Knüpfen und Pflegen von Kontakten, sondern um die Kommunikation über Inhalte, die jedoch weniger eng themengebunden sind als bei den spezifisch Interessierten.

       7)  Infosucher nutzen das Social Web überwiegend passiv zur Informationssuche.

       8)  Unterhaltungssucher legen Wert auf Unterhaltungsaspekte, im Gegensatz zur Nutzergruppe der Infosucher, bei denen Informationsaspekte im Zentrum stehen. Zu den Unterhaltungssuchern gehören beispielsweise Nutzer, die sich Filme in der Video-Community YouTube ansehen, ohne sie zu kommentieren.

Es bleibt unklar, worin Gerhards et al. einen Nutzen in der Unterscheidung zwischen spezifisch Interessierten und Kommunikatoren sehen. Meines Erachtens können die Kommunikatoren zu den spezifisch Interessierten gezählt werden. Auch die Definition des profilierten Nutzers erscheint mir fragwürdig. Einen eigenen Nutzertyp für Userinnen und User anzusetzen, die all den genannten Aktivitäten im Social Web nachgehen, ist nicht vonnöten. Es ist vielmehr festzuhalten, dass die überwiegende Mehrheit der Userinnen und User nicht einem einzigen Nutzertypen, sondern zumeist mehreren zugeordnet werden können und müssen, weshalb – wie bereits erwähnt – der Terminus Produser geprägt wurde. Die Nutzerinnen und Nutzer des Social Webs bewegen sich nicht selten auch in verschiedenen Communitys mit jeweils unterschiedlichen Motiven. Aus ← 79 | 80 → diesem Grund ist die Bezeichnung Rollen von Ebersbach et al. (2011: 124) sehr gut gewählt: So wie Schauspielerinnen und Schauspieler in unterschiedliche Rollen schlüpfen können, so kann ein User oder eine Userin des Social Webs heterogene Verhaltensmuster an den Tag legen und somit Charakteristika mehrerer Nutzungstypen aufweisen. Abbildung 9 veranschaulicht die Nutzungsmotive, die den Aktivitäten der verschiedenen Nutzertypen zugrunde liegen.

Abbildung 9:  Nutzertypen und ihre Nutzungsmotive im Social Web

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Bezogen auf Social-Sharing-Communitys, zu denen auch die in dieser Arbeit untersuchte Plattform Flickr gezählt wird, haben Ebersbach et al. (2011: 124–125) drei verschiedene Rollen unterschieden, welche die Nutzerinnen und Nutzer ausfüllen können: Produzierende, Rezipienten sowie Bewerter. Die Produzierenden entsprechen dem von Gerhards et al. definierten Nutzertypen des Produzenten, die Rezipienten sind den Unterhaltungssuchern gleichzusetzen. Die Bewerter sind dazwischen angeordnet: Sie stellen keine eigenen Inhalte ins Netz, helfen aber Inhalte von anderen zu organisieren, indem sie diese kategorisieren (beispielsweise durch das sogenannte Social Tagging), kommentieren oder bewerten.

Damit eine Social-Sharing-Community funktionieren kann, müssen also stets Userinnen und User die Rollen der Produzierenden einnehmen. Ihnen müssen die Bewertenden folgen, die ihre Tätigkeit erst aufnehmen können, sobald Inhalte verfügbar sind. Rezipienten schließlich sind für das Funktionieren einer Community nicht von primärer Bedeutung. Stegbauer und Rausch (2001) bezeichnen im Titel ihres Aufsatzes die passiven Teilnehmenden, sogenannte Lurker, als »schweigende Mehrheit«. Laut Stegbauer und Rausch (2001: 48; 55) sind die Lurker in ← 80 | 81 → allen virtuellen Kommunikationsräumen in der Überzahl; dennoch werden sie von aktiven Userinnen und Usern als Trittbrettfahrer und Voyeure diffamiert, da sie zur Entwicklung und zum Fortbestehen einer Community nichts beitragen. Doch es gilt zu bedenken, dass es zu einem Information Overload kommen könnte, wenn auch die Rezipienten die Rolle der Produzierenden einnehmen würden (vgl. ebd.: 50). Darüber hinaus kann auf den Vorwurf des Voyeurismus entgegnet werden, dass Lurker neben den Bewertenden das Publikum darstellen, auf das die Produzierenden angewiesen sind: »Ein Autor, der Material auf einer Sharing-Plattform zur Verfügung stellt, erwartet auch ein gewisses Publikum. Es ist daher Aufgabe und auch geldwertes Ziel, hohe Besucherzahlen zu haben« (Ebersbach et al. 2011: 124). Allerdings erlangen nur wenige Inhalte ein großes Publikum. Der größte Teil des User Generated Content erreicht nur wenige Personen, d. h. die Aufmerksamkeitsverteilung folgt dem sogenannten Power Law (vgl. Schmidt 2011: 77 sowie Abbildung 19 auf Seite 106).

Abschließend kann konstatiert werden, dass sich im Social Web die starren Grenzen zwischen Produzierenden und Rezipierenden aufgeweicht haben. Die Userinnen und User können zahlreiche Rollen auf einer Skala zwischen aktiver und passiver Nutzung einnehmen, wobei die Mehrheit zu wenig aktivem Verhalten tendiert. Damit einher geht auch die Auflösung der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem (vgl. Sutter 2010: 49), was in Kapitel 6.4 genauer ausgeführt wird.

3.4  Typische Merkmale der Kommunikation im Social Web

Die Kommunikation im Social Web stellt einen Teilbereich der digitalen Kommunikation dar, welche wiederum ein Spezialfall medialer Kommunikation ist (vgl. Kapitel 2.3). Es kann im Social Web zwischen bekannten, veränderten und komplett neuen Phänomenen unterschieden werden (vgl. Herring et al. 2013a: 14). Folglich trägt die Kommunikation im Social Web auch Züge der Web(-1.0)-Kommunikation. Im vorliegenden Kapitel wird deshalb zunächst auf typische Merkmale digitaler Kommunikation im Allgemeinen eingegangen, bevor konkret auch spezifische Charakteristika der Kommunikation im Social Web näher beleuchtet werden. Um die Kommunikation im Social Web zu charakterisieren, müssen einerseits die Kommunikationsbedingungen wie beispielsweise technische oder situative Faktoren betrachtet werden. Andererseits sind auch die sprachlichen Merkmale darzustellen – Bieswanger (2013: 463) spricht von »micro-linguistic structural features« – und es ist zu fragen, inwiefern diese von den Kommunikationsbedingungen determiniert sind. ← 81 | 82 →

Herring (2007: 11) weist darauf hin, dass die von ihr genannten Kommunikationsbedingungen nicht zwangsläufig einen Einfluss auf die sprachliche Realisierung haben müssen (sogenannter technologischer Determinismus), dass sie jedoch zumindest in manchen Fällen einen Einfluss haben. Die zehn für die digitale Kommunikation relevanten, kommunikationsform-spezifischen Faktoren100 sind laut Herring (2007: 13) Synchronizität, Nachrichtenübertragung101, Persistenz102, Zeichenbegrenzung, Zeichenmodalitäten, Anonymität, Zugänglichkeit, (aktives) Blocking103, Zitierfunktion und Nachrichtenlayout104. Außerdem müssen situative Faktoren wie die Anzahl der Kommunikationspartner und die Kommunikationsrichtung, soziolinguistische Faktoren der Kommunikationsteilnehmenden, das Kommunikationsziel, der Kommunikationsinhalt, Kommunikationsnormen105 und verwendete Sprachen oder Varietäten berücksichtigt werden (vgl. ebd.: 18–19).

Die Vielzahl von Variablen hat zur Folge, dass »keine verallgemeinernden Aussagen zum Auftreten bestimmter sprachlicher Mittel« (Dürscheid 2004: 148) abgegeben werden können, d. h. es gibt genauso wenig eine Internetsprache wie eine Sprache der E-Mails (vgl. Androutsopoulos 2006: 420). Dessen ungeachtet hält sich insbesondere in den Massenmedien hartnäckig der »Mythos von der Netzsprache« ← 82 | 83 → (Dürscheid 2004: 149). Bis zu einem gewissen Maß ist dieser Mythos den frühen wissenschaftlichen Arbeiten der 1990er-Jahre zur digitalen Kommunikation geschuldet, die teilweise noch von der Annahme einer Internetsprache ausgingen (vgl. Bieswanger 2013: 465). Wenn wir uns noch einmal die in Abbildung 1 (auf Seite 35) aufgeführten Ebenen der Kommunikation in den digitalen Medien vor Augen führen, so wird deutlich, dass die Ebene der Kommunikationsformen für Analysen sprachlicher Merkmale zu unspezifisch ist; vielmehr sollten Untersuchungen zu bestimmten Kommunikat-Sorten innerhalb einer Kommunikationsform durchgeführt werden. Erst in einem weiteren Schritt lassen sich verschiedene Kommunikat-Sorten in einer Kommunikationsform vergleichen oder die Realisierung derselben Kommunikat-Sorte in unterschiedlichen Kommunikationsformen. Doch selbst innerhalb ein und derselben Kommunikationsform sowie Kommunikat-Sorte gibt es große interindividuelle Variation, wie beispielsweise für die Verwendung von Emoticons, Inflektiven und Aktionsbeiträgen106 im Chat gezeigt werden konnte (vgl. Storrer 2013: 351). Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass die typischen sprachlichen Merkmale selbstverständlich auch in erheblichem Maße von der verwendeten Einzelsprache abhängig sind, weshalb auch sprachvergleichende Studien von Interesse sind (vgl. etwa Siever, Schlobinski 2013).

Wenn also von typischen Merkmalen der Kommunikation im Social Web die Rede ist, so sind damit Merkmale gemeint, die frequent und in mehreren Kommunikat-Sorten des Social Webs auftreten, nicht aber in allen zwangsläufig vorkommen müssen. Dies gilt auch für die vier typischen »micro-linguistic structural features of computer-mediated communication« (Bieswanger 2013: 463). Bieswanger (2013: 464) bietet einen aktuellen und umfassenden Überblick über Arbeiten, in denen solche Merkmale beschrieben werden, und zwar Emoticons, Nonstandardschreibung, Abkürzungen107 und Nonstandardinterpunktion. Androutsopoulos (2007: 84) nennt ebenfalls vier typische Charakteristika digitaler Kommunikation: Versprechsprachlichung, mimisch-kinesische Kompensation, Ökonomisierung und Graphostilistik. Die Kategorien der beiden Autoren ergänzen sich teilweise, überschneiden sich jedoch auch. Unter mimisch-kinesischen ← 83 | 84 → Kompensierungsverfahren fasst Androutsopoulos Emoticons, Inflektive und Abkürzungen108 zusammen und hält fest, dass diese Kompensierungsverfahren »vermutlich die einzige wirklich internetspezifische Innovation« (ebd.: 82) darstellen. Graphostilistische Aspekte sind ein Teilbereich der Nonstandardschreibung – der Terminus von Bieswanger (2013: 472) ist demzufolge weiter gefasst als derjenige von Androutsopoulos. Bieswanger subsumiert unter Nonstandardschreibung zusätzlich orthographische sowie typographische Fehler, konsequente Groß- oder Kleinschreibung und »the representation of spoken language«109 (ebd.: 473). Abkürzungen schließlich können als Teilbereich der Ökonomisierung erachtet werden, doch inkludiert die Ökonomisierung weitere Aspekte wie die konsequente Kleinschreibung (vgl. Androutsopoulos 2007: 83). Im Folgenden werden nun die einzelnen Merkmale im Detail diskutiert.

Was Abkürzungen in der digitalen Kommunikation betrifft, so können folgende Gründe für ihre Verwendung ausgemacht werden: Der Tippaufwand soll verringert und somit die Tippgeschwindigkeit erhöht werden, insbesondere in der (quasi-)synchronen Kommunikation. Darüber hinaus kann das kreative Spiel mit der Sprache als eine Ursache für Abkürzungen gelten (vgl. Bieswanger 2013: 476).110 Es muss allerdings konstatiert werden, dass beträchtliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Einzelsprachen auszumachen sind, wobei das Englische zwar die meisten Abkürzungen aufweist, bei weitem jedoch nicht in dem Ausmaß, wie oftmals durch Medieninstitutionen suggeriert wird (vgl. ebd.: 476).

Auch für das Deutsche stellt Bieswanger (2013: 475) mit Blick auf die Forschungsliteratur zur SMS- und Instant-Messaging-Kommunikation fest, dass die Häufigkeit von Abkürzungen derart gering ausfällt, dass in Frage gestellt werden muss, ob Abkürzungen überhaupt als typisches Merkmal dieser Kommunikationsformen gelten können. Auch in der von Bieswanger nicht berücksichtigten Monographie zur Sprachökonomie von Siever (2011c) wird dieser Befund bestätigt. In einer empirischen Analyse wurden Texte aus verschiedenen, stark raumbegrenzten Kommunikationsformen verglichen: Alpenpanorama111, Fahrgastfernsehen, Nachrichtenticker, Kleinanzeigen der deutschen Tagespresse, Kassenbons sowie SMS-Mitteilungen. Interessant ist nun der Befund, dass das ← 84 | 85 → SMS-Korpus im Vergleich mit den anderen verwendeten Korpora mit 0,9 % den zweitgeringsten Anteil an Kurzwörtern112 aufweist (vgl. ebd.: 198); bei den Kurzwort-Wortbildungen113 steht das SMS-Korpus mit 0,1 % gar an letzter Stelle (vgl. ebd.: 213). Auch die quantitative Ökonomie durch Morphemreduktion114 (vgl. ebd.: 233), durch Wortgruppenellipsen (vgl. ebd.: 375), durch Wortkreuzung (vgl. ebd.: 258) und durch Vermeidung von Numeralia bis Zwölf (vgl. ebd.: 251) sind im SMS-Korpus im Vergleich zu den anderen Korpora am seltensten anzutreffen. Bei der quantitativen Ökonomie durch Abkürzungen steht das SMS-Korpus ebenfalls an zweitletzter Stelle (vgl. ebd.: 343).

Folgende drei Formen der quantitativen Ökonomie hingegen sind im SMSKorpus vergleichsweise frequent, doch können sie nicht als Abkürzungen im Sinne von Fußnote 107 gelten: Bei der quantitativen Ökonomie durch Logogramme und ikonische Zeichen liegt das SMS-Korpus im mittleren Bereich (vgl. ebd.: 362) und bei derjenigen durch nicht-native Lexik wird das SMS-Korpus nur vom Alpenpanorama-Korpus übertroffen (vgl. ebd.: 309). Bei der quantitativen Reduktion durch Spatium-Tilgung steht das SMS-Korpus ebenfalls an zweiter Stelle. Insgesamt lässt sich folglich feststellen, dass Abkürzungen in der interpersonalen digitalen Kommunikation zwar vorkommen, allerdings im Vergleich mit anderen Merkmalen nicht besonders frequent und folglich auch nicht typisch sind.

Während bei Bieswanger (2013: 473) – wie bereits erwähnt – die konzeptionelle Mündlichkeit als Teilbereich der Nonstandardschreibung klassifiziert wird, stellt bei Androutsopoulos (2007: 81–82) die »Versprechsprachlichung« eine eigene Kategorie dar – und dies aus gutem Grund, wie sich noch zeigen wird. Gemeint ist damit die konzeptionelle Mündlichkeit in medial schriftlichen Texten, die von der medialen Mündlichkeit unterschieden werden muss: »Nur mediale Mündlichkeit bezieht sich auf die phonische Realisierung von Sprache, konzeptionelle Mündlichkeit dagegen meint die in einer Äußerung gewählte Ausdrucksweise« (Dürscheid 2011b: 179). Koch und Oesterreicher (2008: 200), auf die das Modell der medialen und konzeptionellen Mündlichkeit und Schrift ← 85 | 86 → lichkeit zurückgeht115, nennen die Prozesse der konzeptionellen Verschiebungen Vermündlichung bzw. Verschriftlichung.116 Dürscheid (2011b: 179) betont, dass die Ausdrücke Gespräch, gesprochene Sprache und Mündlichkeit klar voneinander abgegrenzt werden sollten: Der am engsten gefasste Terminus ist derjenige des Gesprächs, der dialogische, gesprochene Sprache meint, wohingegen gesprochene Sprache darüber hinaus auch monologische Sprache einschließt. Mündlichkeit schließlich umfasst sowohl mediale als auch konzeptionelle Mündlichkeit. Folglich erscheint es sinnvoll, den von Koch und Oesterreicher (2008: 200) vorgeschlagenen Terminus Vermündlichung demjenigen der Versprechsprachlichung vorzuziehen. Für konzeptionell mündliche Texte hat U. Schmitz (2006a: 192) den Ausdruck sekundäre Schriftlichkeit geprägt.117 Androutsopoulos spricht in Bezug auf digitale Medien präzisierend von der »Orientierung schriftbasierter Netzkommunikation an Strukturen und Organisationsmustern informeller gesprochener Sprache« (Androutsopoulos 2007: 81, Herv. CMS). Anders gesagt: Wenn von Vermündlichung die Rede ist, so sind Merkmale des – insbesondere informellen – Gesprächs gemeint, die in medial schriftlichen Texten verwendet werden. Ein Grund dafür, dass konzeptionell mündliche Texte verfasst werden, besteht darin, dass Nachrichten in den digitalen Medien »nur minimal zeitversetzt hin und her wechseln können, […], als befände man sich in einem Gespräch. Daraus resultiert auf Produktionsseite eine konzeptionell mündliche Ausdrucksweise, auf Rezeptionsseite eine Toleranz gegenüber diesem informellen Schreiben« (Dürscheid 2011b: 183). Das Zitat bezieht sich auf SMS-Kommunikation, die als asynchrone Kommunikationsform einzustufen ist. Quasisynchrone oder ← 86 | 87 → synchrone digitale Kommunikationsformen sind nochmals stärker an der konzeptionellen Mündlichkeit ausgerichtet als asynchrone (vgl. Dürscheid 2004: 155; Storrer 2010: 2219).

Merkmale der konzeptionellen Mündlichkeit sind laut Storrer (2010: 2219) eine variationsarme Lexik, ein parataktischer Satzbau sowie eine kommunikative Grundhaltung, die sich am Alltagsgespräch orientiert. Zum Bereich der Lexik zählt Storrer nicht nur umgangssprachliche und dialektale Ausdrücke sowie ein häufiger Gebrauch von Partikeln, Interjektionen und Floskeln, sondern auch Akronyme, Inflektive und Emoticons. Meines Erachtens können jedoch Emoticons nicht der Lexik zugerechnet werden, bzw. höchstens dann, wenn man den Terminus weit fasst und darunter ebenfalls Bildzeichen versteht, wie sie in Onlineforen, Skype oder WhatsApp neuerdings verfügbar sind (vgl. Bieswanger 2013: 470 sowie Kapitel 7.7). Solche Bildzeichen können dann anstelle eines Lexems stehen und aus diesem Grund allenfalls der Lexik zugeordnet werden. Akronyme können im Gegensatz zu den Inflektiven zwar zur Lexik gezählt werden, doch weder Akronyme noch Inflektive sind Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit.

Landert und Jucker (2011: 1428) zählen im Zusammenhang mit Onlinekommentaren zu Zeitungsartikeln typische Merkmale der Sprache der Nähe sowie der Sprache der Distanz auf der Ebene der Lexik, der Syntax, der Pragmatik und der Orthographie auf (vgl. Tabelle 4).118

Tabelle 4:  Typische Merkmale der Sprache der Nähe/Distanz (nach Landert/Jucker 2011: 1428)

Sprache der Nähe

Sprache der Distanz

umgangssprachliches Vokabular

formelles, wissenschaftliches Vokabular

Satzfragmente

vollständige Sätze

einfache Syntax

komplexe Syntax

informelle Anredeformen (Nicknames/Kosenamen)

formelle Anredeformen (Titel und Nachnamen)

Nonstandardinterpunktion

Standardinterpunktion

Nonstandardschreibung

Standardorthographie ← 87 | 88 →

Was die Bereiche der Lexik, der Syntax und der Pragmatik betrifft, so entspricht die Sprache der Nähe beim Schreiben in den digitalen Kommunikationsformen der konzeptionellen Mündlichkeit, die Sprache der Distanz der konzeptionellen Schriftlichkeit. Die von Bieswanger (2013: 464) ebenfalls erörterten Aspekte der Nonstandardschreibung und der Nonstandardinterpunktion gehören dem informellen Sprachgebrauch an, der für viele Kommunikationsformen des Social Webs typisch ist. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass Abweichungen von der Standardinterpunktion und -orthographie unterschiedliche Ursachen haben können und demzufolge nicht in jedem Fall ein Zusammenhang mit der konzeptionellen Mündlichkeit besteht. In der Literatur wird zumeist unterschieden zwischen Rechtschreib- und Tippfehlern sowie weiteren Arten von Nonstandardschreibung wie beispielsweise graphostilistischen Schreibungen, auch wenn oftmals nicht eindeutig entschieden werden kann, ob hinter der Normabweichung eine Intention steckt (vgl. ebd.: 472). Kurze Planungszeiten, die charakteristisch sind für die genannte, am Alltagsgespräch orientierte kommunikative Grundhaltung (vgl. Storrer 2010: 2219), können wiederum als Grund für Tipp- und teilweise auch Rechtschreibfehler angesehen werden. Auch bei der Nonstandardinterpunktion existieren unterschiedliche Varianten auf einem Kontinuum zwischen dem gänzlichen Fehlen von Satzzeichen und exzessiven Satzzeicheniterationen (vgl. Bieswanger 2013: 476).

Es bleibt abschließend festzuhalten, dass die aktuelle Tendenz der Zunahme von konzeptionell mündlichen Texten nicht auf die digitalen Medien zurückgeführt werden kann. Vielmehr ist »die Tendenz zur Vermündlichung der geschriebenen Sprache […] eines der herausragenden Merkmale der neueren Sprachgeschichte« (Sieber 1998: 53).119 Es kann allerdings angenommen werden, dass die genannte Entwicklung hin zur konzeptionellen Mündlichkeit durch die digitalen Medien verstärkt wird (vgl. Storrer 2010: 2220).

Wie in Kapitel 3 erläutert, handelt es sich beim Übergang vom »Web 1.0« zum Social Web um eine graduelle Weiterentwicklung, weshalb auch anzunehmen ist, dass darin die diskutierten typischen sprachlichen Merkmale der Kommunikation nicht grundlegend voneinander abweichen.120 Sofern die technischen und situativen Bedingungen identisch sind, wird sich ein Chat-Log eines Facebook-Chats nicht wesentlich von einem Instant-Messaging-Log unterscheiden. Es ist ← 88 | 89 → allerdings anzumerken, dass im Social Web auch neue Kommunikationsformen wie Status-Updates, Kommentare zu Videos und Fotos, Tags oder Bearbeitungsseiten auf Wikipedia entstanden sind (vgl. Herring et al. 2013a: 13). Doch auch bei neuen Kommunikationsformen gilt es zu fragen, ob sie nicht Analogien zu herkömmlichen Kommunikationsformen aufweisen. Neu ist allerdings, dass die Kommunikationsplattformen des Social Webs verschiedene Kommunikationsformen in sich vereinen, was dazu führen kann, dass Sequenzen kommunikativer Akte über mehrere Kommunikationsformen verteilt sind. Darüber hinaus können Tendenzen beobachtet werden, dass sich charakteristische Merkmale für die Kommunikation im Social Web herausbilden, die zu einem bestimmten Teil auf die technischen Veränderungen zurückgeführt werden können:

      »Während im Web 1.0 die (aktive bzw. Inhalte produzierende) Teilhabe wesentlich an Expertenwissen geknüpft war, ist dies nunmehr nicht erforderlich. Früher waren Kenntnisse über Betrieb und Wartung eines FTP-Servers erforderlich, um Daten (Texte/Bilder/Videos) im Internet für andere Nutzer zum Download anzubieten. Heute werden derlei Systeme im Web 2.0 von Anbietern (für Bilder: Flickr; für Videos: YouTube) vorgehalten, die lediglich die Kenntnis der Bedienung von grafischen Nutzeroberflächen erwarten, wie sie jedem Computerbesitzer vertraut sind.« (Runkehl 2013: 55)

Diese technische Vereinfachung sowie die Zunahme an Breitbandanschlüssen121 ermöglichen es mittlerweile vielen Menschen122, in den digitalen Medien multi-modal zu kommunizieren. So nennen auch Barton und Lee die Multimodalität als einen von zehn Gründen, weshalb Forschung im Bereich der digitalen Medien notwendig ist: »People combine semiotic resources in new ways and they invent new relations between language and other modes of meaning making« (Barton, Lee 2013: 15). Eine vergleichsweise neue Art der multimodalen Kommunikation stellt die Notizenkommunikation im Bild dar (vgl. Kapitel 8.2.1), Grundlegendes zur Multimodalität ist in Kapitel 7 nachzulesen. Weitere aktuelle Tendenzen der digitalen ikonographetischen Kommunikation werden in Kapitel 7.7 erläutert.

Neben der Multimodalität spielt auch der Multilingualismus123 im Social Web eine zentrale Rolle. Dennoch sind Aspekte der Mehrsprachigkeit wie beispiels ← 89 | 90 → weise Code-Switching im Vergleich zu anderen sprachlichen Merkmalen der digitalen Kommunikation bisher kaum untersucht worden (vgl. Androutsopoulos 2013: 667). Paolillo (2011: 1) konstatiert, dass die digitale, multilinguale Kommunikation erst in Ansätzen erforscht wurde. Auch Morel et al. (2012: 262) stellen für die Kommunikationsform SMS fest, dass erst wenige Studien hierzu vorliegen. Sie konstatieren zudem, dass in den bisherigen Studien zu Code-Switching formale Aspekte vernachlässigt wurden, d. h. es wurde nicht analysiert, zwischen welchen Spracheinheiten (Morphemen, Lexemen, Redewendungen, einzelnen oder mehreren Sätzen) gewechselt wurde (vgl. ebd.: 262).

In Communitys wie Flickr treffen Userinnen und User aus verschiedenen Ländern und entsprechend verschiedenen Sprachen mit unterschiedlichen Kompetenzen aufeinander. Ammon (2010: 103) spricht von interlingualer Kommunikation, wenn Kommunikationsteilnehmende verschiedener Sprachen miteinander kommunizieren. Er differenziert zwischen symmetrischer und asymmetrischer inter-lingualer Kommunikation, wobei asymmetrisch die Kommunikation zwischen Muttersprachlern und Nicht-Muttersprachlern meint. Symmetrisch könne einerseits heißen, dass die gewählte Sprache als Lingua franca verwendet wird und von keinem Kommunikationsteilnehmenden die Muttersprache ist. Andererseits liege symmetrische interlinguale Kommunikation bei polyglotten Dialogen vor, bei denen die Beteiligten aktiv ihre Muttersprache verwenden und passiv die jeweils anderen Sprachen verstehen. Sowohl die symmetrische als auch die asymmetrische interlinguale Kommunikation setzt Multilingualismus bei mindestens einem oder einer Kommunikationsteilnehmenden voraus, doch Multilingualismus innerhalb einer sozialen Gemeinschaft liegt nur dann vor, wenn – wie beispielsweise bei polyglotten Dialogen – mehrere Sprachen in der Kommunikation verwendet werden. Von Interesse sind dabei einerseits Dialoge, bei denen Sprachwechsel in Sequenzen kommunikativer Akte vorkommen, andererseits auch das Code-Switching innerhalb einzelner kommunikativer Akte.

Androutsopoulos (2013: 671–672) unterscheidet in Bezug auf die digitale Kommunikation fünf verschiedene Formen von Multilingualismus:

1)  Das multilinguale Internet insgesamt, das von Nutzerinnen und Nutzern verschiedenster Sprachen genutzt wird. So kann eine Social-Sharing-Community wie Flickr Teil-Communitys umfassen, in denen in verschiedenen Einzelsprachen kommuniziert wird. ← 90 | 91 →

2)  Die Ko-Existenz von verschiedenen Einzelsprachen auf Websites in verschiedenen Texten wie redaktionellen Inhalten, User Generated Content, Werbung oder Nutzer-Kommentaren.

3)  Texte wie Website-Namen, Nicknames, Slogans, Signaturen oder Navigationsleisten, die in einer anderen Sprache verfasst sind als der Rest der Website, um die Identität einer Person oder Institution zu betonen.

4)  Reaktionen auf Inhalte, die nicht in derselben Sprache verfasst sind wie der Inhalt.

5)  Code-Switching innerhalb einzelner kommunikativer Akte.

Für die vorliegende Arbeit ist der Multilingualismus in verschiedener Hinsicht relevant. Da in erster Linie der Gebrauch der deutschen Sprache in der multilingualen Community Flickr analysiert werden sollte, musste für die Datenerhebung eine Teilcommunity ausgewählt werden, in der möglichst viele deutschsprachige Texte zu finden waren (vgl. Kapitel 9.1). Auch bei der Analyse der Tags spielt der Multilingualismus eine Rolle: Es stellt sich zum Beispiel die Frage, unter welchen Umständen eine Zeichenfolge einer bestimmten Sprache zugerechnet werden kann (vgl. Kapitel 9.2.2). Bezüglich der Untersuchung von Folksonomien (vgl. Kapitel 5.3) sind intersprachliche semantische Relationen wie beispielsweise Übersetzungen von Bedeutung, insbesondere auch aus der Perspektive des Retrievals (vgl. Kapitel 5). Ebenso lassen sich bei Notizen mehrsprachige Dialoge finden, vgl. beispielsweise Tabelle 29 auf Seite 287. Da in der vorliegenden Arbeit der Untersuchungsschwerpunkt jedoch nicht auf der multilingualen Kommunikation liegt, bleibt das von Androutsopoulos (2013: 688) formulierte Forschungsdesiderat weitgehend bestehen, Code-Switching-Phänomene in Social-Networking- und Social-Sharing-Communitys zu analysieren. Großes Potential bieten diesbezüglich auf Flickr sicherlich die Kommentare zu den Fotos, die sich einerseits auf vorangegangene Kommentare, andererseits auf den Bildtitel oder die Bildbeschreibung beziehen und dementsprechend sprachlich angepasst werden können.

Als ein weiteres Merkmal der Kommunikation im Social Web kann die Nonverbalität genannt werden. Gemeint sind damit Aktivitäten wie das Anklicken des Like-Buttons124, des Poke-Buttons, des Share-Buttons oder das Versenden und Beantworten von Freundschafts-Anfragen, die auch als »Ein-Klick-Kom ← 91 | 92 → munikation« (Neumann-Braun, Wirz 2010: 165) bezeichnet werden können. Im Gegensatz zu Kommentaren, die getippt werden müssen und daher einen gewissen Aufwand darstellen, ist das Drücken eines Buttons äußerst ökonomisch125. Der Like-Button wird nicht nur verwendet um auszudrücken, dass man vom Inhalt begeistert ist. Teilweise wird er auch benutzt um zu signalisieren, dass ein bestimmter Inhalt rezipiert wurde. In anderen Communitys gibt es analoge Möglichkeiten, auf Google+ beispielsweise den +1-Button oder auf Flickr und Twitter die Kennzeichnung als Favorit mittels eines Sterns. Neuerdings wird in vielen Anwendungen ein Herz-Symbol in der Funktion des Like-Buttons verwendet, so in Pinterest, Foursquare, Airbnb, Tumblr und Instagram (vgl. Steinschaden 2013). Neben solchen einfachen Ratings kann User Generated Content teilweise auch mittels Anklicken von Sternen auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet werden (vgl. Ebersbach et al. 2011: 121). In der Nightlife-Community Partyguide kann man Bilder mit einem Klick beurteilen, indem man ein lachendes oder ein weinendes Emoticon auswählt. Davor gab es ebenfalls eine Ein-Klick-Bewertung, bei der man von den Attributen cool, genial, witzig, süss, langweilig, sexy, heiss, traurig und doof eines auswählen konnte. Die Auswahlmöglichkeiten machen deutlich, dass die Attribute sich auf den Bildinhalt und nicht auf die Qualität oder Entstehungsart des Fotos beziehen. Eine ähnliche Ein-Klick-Bewertung findet sich in der Kunst-Sharing-Community deviantART (vgl. Kapitel 4.2), wobei dort die Wirkung des Kunstwerkes auf den Betrachter im Vordergrund steht: love, joy, wow, mad, sad, fear und neutral stehen zur Auswahl.

Bei der Poke-Funktion wird ein Kontakt in einer Community – wie das englische Wort bereits sagt – angestupst, d. h. er erhält eine Nachricht, dass er angestupst wurde.126 Es handelt sich dabei um eine effiziente Möglichkeit, um mit Menschen (wieder) in Kontakt zu treten oder ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.127 Sowohl die Like- als auch die Poke-Funktion sind phatischer Natur ← 92 | 93 → und werden genutzt, um Nähe zu signalisieren oder die Aufmerksamkeit des Kommunikationspartners auf sich zu ziehen (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 59–60). Share-Buttons schließlich – auf Twitter nennt sich die Funktion retweet – werden dazu genutzt, fremde Inhalte an die eigenen Freunde oder Follower weiterzuleiten. Herring (2013: 12) postuliert, dass Retweets kein neues Phänomen des Social Webs seien, sondern »a modern form of the older practice in textual CMC of ›quoting‹ in asynchronous messages.« Dem kann nur bedingt zugestimmt werden: Beim Retweeten oder Teilen von Inhalten kann zwar ein eigener Kommentar hinzugefügt werden, er muss aber nicht unbedingt Bestandteil sein. Das Weiterleiten von Nachrichten ohne eigenen Kommentar ähnelt eher Kettenbriefen, wie sie einst auch via E-Mail populär waren: Texte oder Bilder sollen an andere weitergeleitet werden.

Die Folgen der genannten kommunikativen Praxen sind die Multiplizierung und Quantifizierung von Inhalten. Die beschriebenen Arten der nonverbalen Kommunikation können als (teil-)automatisierte Kommunikation bezeichnet werden: Das Anklicken des Like- oder Share-Buttons generiert in der Timeline automatische Nachrichten wie »Nutzername gefällt XY« bzw. »Nutzername hat XY geteilt«: »Auf die durchschnittliche Anzahl an ›Freunden‹ umgelegt sind mit einem einzigen Klick 130 kommunikative Teilprozesse verbunden, für die der/die Klickende nichts veranlassen muss« (Siever 2011b). Was diese Art von Multiplizierung betrifft, so handelt es sich um eine Huhn-Ei-Frage: Wird durch diese (teil-)automatisierte Kommunikation versucht, des »communication overload« (Siever 2013: 14) Herr zu werden, oder wird der Communication Overload durch die (teil-)automatisierte Kommunikation verursacht?

Die Multiplizierung von Nachrichten kann nicht nur innerhalb einer Community, sondern auch über Community-Grenzen hinweg stattfinden: Postings einer Community kann man sich automatisch auch in einer anderen anzeigen lassen, was das Kommunikationsaufkommen nochmals erhöht. Neben der bereits genannten Verknüpfung verschiedener Konten können dazu auch Dienste wie IFTTT (if this then that)128 verwendet werden. Mit IFTTT können 64 verschiedene Anwendungen129 gekoppelt werden und es werden unter bestimmten, vom Nutzer festzulegenden Bedingungen Aktionen ausgeführt. So können Fotos, die man in die Dropbox lädt, automatisch auf Flickr hochgeladen werden, Flickr-Fotos getweetet werden, mit einem bestimmten Tag versehene Fotos auf Flickr auto ← 93 | 94 → matisch bei Tumblr publiziert werden, bei Tumblr eingestellte Fotos automatisch auf Facebook gepostet werden und so weiter. Folglich kommt im Social Web der Quantifizierung eine bedeutendere Rolle zu: Die Aufmerksamkeit, die bestimmte Inhalte erzielen, wird auf Social-Web-Sites immer häufiger quantifiziert angegeben, beispielsweise in der Anzahl der Besucher, der Anzahl der (positiven) Bewertungen und der Häufigkeit des Teilens.

3.5  Social Web versus (Social) Semantic Web

Sowohl das Social Web als auch das sogenannte Semantic Web130 sind Formen des WWWs, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufkamen. Beider Ziel war eine qualitative Verbesserung des Webs; während das Social Web schnell populär wurde, fand die »Vision vom Semantic Web dagegen […] trotz vielfältiger und durchaus produktiver Aktivitäten bislang vergleichsweise selten den Weg aus dem akademischen Bereich und den Forschungslabors großer Unternehmen […] in die Medienrealität« (Schneider 2008: 114–115). Dieser Zusammenhang spiegelt sich auch in Google Trends wider: Zunächst ist zwar der Suchbegriff Semantic Web populärer, doch um die Jahre 2007 und 2008 herum kehrt sich die Gewichtung um (vgl. Abbildung 10).

Abbildung 10:  Social Web und Semantic Web bei Google Trends131

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Die Idee des Semantic Webs lautet, Daten im Web semantisch derart zu annotieren, d. h. mit Metadaten zu versehen, dass Computer dazu fähig sind, Infor ← 94 | 95 → mationen bedeutungsvoll zu kombinieren (vgl. Weller 2010: 53) bzw. semantisch zu deuten. Somit können Software-Agenten Aufgaben für Nutzerinnen und Nutzer erledigen (vgl. Ngonga Ngomo 2012: 11). Es handelt sich dabei um eine »intelligente Suche, welche von Suchmaschinen zu Antwortmaschinen führt« (Stanoevska-Slabeva 2008: 36). Diese Antwortmaschinen sind semantische Such-maschinen, die nicht aufgrund der einzelnen Suchbegriffe Resultate liefern, sondern eine natürlichsprachige Frage semantisch zu interpretieren versuchen.132 So können »auch Dokumente gefunden werden, in denen der Suchbegriff gar nicht vorkommt, vielleicht aber ein Synonym davon oder der englischsprachige Ausdruck dafür« (Blumauer, Pellegrini 2006: 21). Gibt man beispielsweise die Frage »Wie alt ist die Tochter des Präsidenten von Amerika?« in eine herkömmliche Suchmaschine ein, muss man sich die Antwort in den Treffern selbst suchen. Eine semantische Suchmaschine hingegen würde ermitteln, wer aktuell Präsident oder Präsidentin der USA ist, ob er bzw. sie eine Tochter hat und falls ja, wann diese geboren ist. Als Resultat bekäme man den Namen der Tochter, deren Geburtsdatum sowie das automatisch berechnete Alter oder die Auskunft, dass der aktuelle Präsident oder die aktuelle Präsidentin keine Tochter habe. Die wohl bekannteste Anwendung in diesem Bereich ist Siri von Apple, die seit Ende 2011 auf dem iPhone verfügbar ist. Der virtuellen Agentin Siri kommt die Funktion einer persönlichen Assistentin zu: Natürlich gesprochene Sprache wird verarbeitet, es werden Fragen beantwortet und Anweisungen ausgeführt. Auf die Frage »Brauche ich morgen einen Regenschirm?« reagiert Siri mit der Bereitstellung der Wettervorhersage, auf die Frage »Wo kann ich hier in der Nähe Pizza essen?« mit dem Vorschlag einiger italienischer Restaurants im Umkreis. Analog funktioniert die Social-Graph-Suche bei Facebook, die erst als Betaversion verfügbar ist, mit der man aber zukünftig Suchresultate für Anfragen wie »Restaurants in London, die meine Freunde besucht haben« oder »Personen, die gerne Fahrrad fahren und in Seattle, Washington wohnen« bekommen soll.133

Sowohl beim Semantic als auch beim Social Web spielt die Wissensorganisation eine eminente Rolle: Bei beiden geht es um die Bewertung von Inhalten. Während im Social Web die inhaltliche Klassifizierung in Folksonomien134 durch die verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer bottom-up vor sich geht, wird die Klassifikation im Semantic Web von Expertinnen und Experten top-down in ← 95 | 96 → Form von sogenannten Ontologien vorgenommen (vgl. Kap 5.4 sowie Schneider 2008: 124). In Ontologien werden Informationen so zueinander in Beziehung gesetzt, dass eine automatische Auswertung möglich wird.

In Anlehnung an den Terminus Web 2.0 für das Social Web wird beim Semantic Web zuweilen auch vom Web 3.0 gesprochen.135 Der Ausdruck Social Semantic Web (sozio-semantisches Web136) schließlich bezeichnet »die Vereinigung von umfangreichen Wissensdatenbanken, die von der Internet-Gemeinschaft kollaborativ erstellt werden, mit der Ausdrucksmächtigkeit und den Inferenzmechanismen des Semantic Web« (Gurevych 2010: 544). Die Forschung in diesem Bereich geht einerseits der Frage nach, was die Technologien des Semantic Webs vom Social Web lernen können, und evaluiert andererseits, wie die Techniken des Semantic Webs genutzt werden können, um die Werte von Social-Web-Angeboten zu erhöhen (vgl. Weller 2010: 78).

3.6  Synopse

Das Social Web zeichnet sich zum einen durch unscharfe Grenzziehungen, zum andern durch vielfältige Vernetzungen aus. So lässt sich das Social Web weder klar von einem früheren Stadium des WWWs noch von anderen Diensten des Internets wie beispielsweise internetbasierten Client-Anwendungen unterscheiden. Das Social Web umfasst verschiedene Communitys, den darin entstehenden User Generated Content sowie die sich bildenden sozialen Netzwerke zwischen den Nutzerinnen und Nutzern. Auch bei der Einordnung von Userinnen und Usern hinsichtlich ihrer Aktivität gibt es keine klaren Grenzen zwischen Produktion und Rezeption; die Nutzenden sind Prosumentinnen und Prosumenten und handeln sowohl produzierend als auch konsumierend. Sie nehmen dabei Rollen ein, die teils näher am Pol der Produktion, teils näher an demjenigen der Rezeption liegen. Obwohl das Social Web immer wieder als »Mitmachnetz« bezeichnet wird, führt diese Bezeichnung in die Irre: Zwar können sich theoretisch alle beteiligen, doch in der Praxis wird die Möglichkeit der Partizipation nur von wenigen genutzt. Die schweigende Mehrheit der Lurker liegt in vielen Social-Web-Communitys bei über 90 %. Würden jedoch die Rezipierenden zu Produzierenden, so könnte ← 96 | 97 → aufgrund eines Information Overloads nur ein Bruchteil des Publizierten rezipiert werden. Die Kategorisierung der Social-Web-Communitys hat gezeigt, dass keine strikte Grenzziehung zwischen den einzelnen Communitys möglich ist. Die Aspekte der Beziehungspflege, des Informationsaustauschs, der Kollaboration und der Unterhaltung spielen in den verschiedenen Communitys eine unterschiedlich große Rolle. Zudem kann man konstatieren, dass sich die Communitys zukünftig auch deshalb immer stärker aneinander angleichen werden, weil Funktionen, die in bestimmten Communitys bekannt und beliebt sind, in anderen ebenfalls implementiert werden.137 Als Beispiel hierfür kann die Einführung des Hashtags auf Facebook genannt werden: Das Social Tagging ist an sich eine typische Aktivität von Social-Sharing-Communitys und nicht von Social-Networking-Communitys. Bei den Letztgenannten stehen die Nutzerinnen und Nutzer sowie deren Profile und Freundschaftsnetzwerke im Zentrum. Social-Networking-Communitys sind Kommunikationsplattformen, auf denen die Userinnen und User zwischen verschiedenen Kommunikationsformen wählen können. Sowohl bei den Social-Sharing- als auch den Social-Collecting-Communitys sind hingegen die Inhalte am wichtigsten. Der Unterschied zwischen den beiden Arten von Communitys besteht darin, dass in Social-Sharing-Communitys überwiegend selbst erstellte Inhalte publiziert werden, wohingegen es bei Social-Collecting-Communitys hauptsächlich um das kollaborative Sammeln und kreative Zusammenstellen von fremden Inhalten geht. Dies gilt auch für die Wikipedia: Das in den Artikeln niedergeschriebene Wissen basiert zumeist auf zusammengetragenen Quellen. Reine Social-Gaming-Communitys spielen im Social Web eine äußerst geringe Rolle. Gespielt werden oftmals auch in Social-Networking-Communitys bereitgestellte Spiele.

Was die Vernetzung im Social Web betrifft, so wurden bereits die Vernetzung der Individuen sowie die Kombination von Kommunikationsformen auf einer Kommunikationsplattform erwähnt. Inzwischen können auch Communitys miteinander verknüpft werden, damit Kommunikate automatisch auch auf anderen Plattformen publiziert werden. Die veröffentlichten Inhalte wiederum sind häufig Rekombinationen von User Generated Content. Aus linguistischer Sicht ist insbesondere von Interesse, dass die Kommunikate oftmals multimodal sind, das heißt aus einer Verbindung von unterschiedlichen Modalitäten bestehen und die Bedeutung des Textes abnimmt (vgl. Kapitel 7.7). Nicht zuletzt sei erwähnt, dass auch die Kombination von verschiedenen Einzelsprachen, also der Multilingualismus, ein typisches Merkmal der Kommunikation im Social Web ist, das sich aus der Globalisierung und weltweiten Vernetzung ergibt. ← 97 | 98 →

Die genannten Aspekte der Multimodalität und des Multilingualismus sowie der Nonverbalität können als Charakteristika der Kommunikation im Social Web bezeichnet werden. Nicht, dass diese Faktoren in Prä-Social-Web-Zeiten nicht existiert hätten – dennoch kann eine enorme quantitative Zunahme dieser Phänomene beobachtet werden. Bei den weiteren im Kapitel 3.4 besprochenen typischen sprachlichen Merkmalen der digitalen Kommunikation wäre es lohnend zu untersuchen, inwiefern sich deren Gebrauch im Social Web von der früheren Phase des WWWs unterscheidet. Hierzu wären umfassende empirische Studien – nach Möglichkeit anhand von Big-Data-Korpora (vgl. Boyd, Crawford 2012: 663) – vonnöten, welche unterschiedliche Kommunikationsformen und darin wiederum verschiedene Kommunikat-Sorten berücksichtigen müssten und bei denen folglich kommunikationsform-spezifische Faktoren wie beispielsweise die zeitliche (Synchronizität, zeichen- oder beitragsweise Nachrichtenübermittlung, Persistenz), die räumliche (Zeichenbegrenzung, Nachrichtenlayout, Zitierfunktion und Zugänglichkeit) oder die semiotische Dimension (Zeichenmodalitäten) als Variablen konstant gehalten werden müssten. Bei vergleichenden Studien müssten zudem Situationsfaktoren wie die Anzahl der Kommunikationspartner und die Kommunikationsrichtung, soziolinguistische Aspekte der Kommunikationsteilnehmenden sowie Kommunikationsziele, -inhalte und -normen übereinstimmen. Kontrastiert man auf diese Weise Kommunikat-Sorten und Kommunikationsformen des Social Webs mit herkömmlichen, so könnte empirisch herausgearbeitet werden, welche sprachlichen (oder auch nicht-sprachlichen) Merkmale für die Kommunikation im Social Web typisch sind. Neben den diskutierten Phänomenen wie Emoticons, Inflektive, sprachökonomische Formen, Nonstandardschreibungen, Graphostilistik und Aspekte der konzeptionellen Mündlichkeit würden sich je nach Untersuchungsgegenstand weitere Aspekte finden lassen, die es zu berücksichtigen gilt. Treten einzelne Merkmale in mehreren Kommunikat-Sorten und Kommunikationsformen in unterschiedlichen Communitys auf, so können diese als typisch für das Social Web bezeichnet werden.

Während die digitale Kommunikation der Prä-Social-Web-Phase mittlerweile sprachwissen-schaftlich in extenso erforscht wurde, ist die Anzahl der Publikationen zur Kommunikation im Social Web recht überschaubar. Da die sprachlichen Merkmale im Social Web oftmals denjenigen der herkömmlichen digitalen Kommunikation ähneln, seien hier in aller Kürze die wichtigsten Titel der germanistischen Literatur genannt.138 Seit den frühesten Arbeiten zur deutschsprachigen digitalen Kommunikation wie dem Sammelband von Weingarten (1997) und ← 98 | 99 → der Monographie von Runkehl, Schlobinski und Siever (1998: 90) sind unzählige Detailanalysen erschienen.139

Vor allem die Kommunikationsformen Chat und E-Mail sind umfassend untersucht worden (vgl. Storrer 2010: 2218). Zum Chat sind die Arbeiten von Beißwenger (2000: 37; 2004; 2005; 2007; 2010; 2013) und die von ihm bzw. ihm und Storrer herausgegebenen Sammelbände (Beißwenger 2002a, 2002b; Beißwenger, Storrer 2005) hervorzuheben. Namentlich die Thematik der konzeptionellen Mündlichkeit im Chat zog das Interesse der Forschenden auf sich (Bader 2002: 52; Dürscheid 2003; Dürscheid, Brommer 2009; Hess-Lüttich, Wilde 2003: 167; Storrer 2001a: 452; Thaler 2007: 147). Gut untersucht ist auch der Gebrauch von schweizerdeutschen Dialekten im Chat (Aschwanden 2001; Gerber 2006; Siebenhaar 2005a, Siebenhaar 2005b, Siebenhaar 2006a, Siebenhaar 2006b, Siebenhaar 2006c). Darüber hinaus lassen sich Analysen zu den verschiedensten Themengebieten finden, so beispielsweise eine Stilanalyse des Chats (Luckhardt 2009), ein Aufsatz zum Thema Sprachstil und Sprachvariation im Chat (Storrer 2013), eine diachrone Studie (2000–2010) zur Verwendung von Inflektivkonstruktionen (Henn-Memmesheimer, Eggers 2010), die kommunikative Handlung des Streitens (Luginbühl 2003) oder auch Arbeiten zu spezifischeren Themen wie der kontrastiven Untersuchung von deutschen und schwedischen Gesprächspartikeln (Nilsson 2013) sowie der Analyse der innovativen Schriftlichkeit im Chat mit besonderem Fokus auf den Gebrauch der modalen Verben (Albert 2013). Zum Instant Messaging gibt es nur vereinzelt Studien, was wahrscheinlich auf die schwierigere Datenerhebung zurückgeführt werden kann. Genannt sei für das Deutsche die Arbeit von Kessler (2008) und ergänzend der aktuelle Hand-buchartikel von Baron (2013) für das Englische.

Zur Kommunikationsform E-Mail sei in erster Linie der Sammelband von Ziegler und Dürscheid (2002) erwähnt, in dessen Beiträgen verschiedene Aspekte der E-Mail-Kommunikation analysiert wurden. Dürscheid (2002a; 2005a; 2006; 2009) hat sich zudem in mehreren Beiträgen der E-Mail-Kommunikation gewidmet. Als frühe Publikationen zur beruflichen wie auch privaten E-Mail-Kommunikation können die Aufsätze von Janich (1994), Günther und Wyss (1996) und Pansegrau (1997) genannt werden. Hervorgehoben sei schließlich der Beitrag von Elspaß (2002: 27), in dem Analogien zwischen E-Mails und Auswandererbriefen des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufgezeigt werden. Diese Studie macht deutlich, ← 99 | 100 → dass nicht nur Vergleiche verschiedener digitaler Kommunikationsformen von Interesse sind, sondern auch solche mit analogen. Wenn beispielsweise Sprachökonomie als typisches Merkmal der digitalen Kommunikation angeführt wird, so muss gefragt werden, ob es nicht vielmehr ein typisches Merkmal raumbegrenzter Textsorten darstellt. So konnte Siever (2011c: 398) in seiner Analyse folgende Reduktionsskala für raumbegrenzte Textsorten aufstellen: »Bons (54 %) > Kleinanzeigen 2005 (34 %) > Kleinanzeigen 1955 (32 %) > Alpenpanorama (21 %) > SMS-Mitteilungen (14 %) > Newsticker (6 %) > Fahrgastfernsehen (6 %)«. Hieran zeigt sich deutlich, dass das Vergleichsobjekt entscheidend ist: Im Vergleich mit anderen raumbegrenzten Textsorten liegen SMS-Nachrichten im Mittelfeld, zieht man aber Zeitungsartikel (3 %) zum Vergleich heran, so erscheinen SMS natürlich als Texte mit einem hohen Anteil an sprachökonomischen Formen.

Auch zur SMS-Kommunikation sind zahlreiche Artikel erschienen.140 Besonders hingewiesen sei an dieser Stelle auf das internationale Projekt sms4science, in dem für das Deutsche ein Teilprojekt zur SMS-Kommunikation in der Deutsch-schweiz durchgeführt wird.141 Sowohl die SMS- als auch die E-Mail-Kommunikation ist mittlerweile rückläufig. Stattdessen werden Kommunikationsplattformen des Social Webs oder Apps wie WhatsApp verwendet. Auch in diesem Bereich sind demnach diachrone Studien ein Desiderat.

Zur digitalen Kommunikation in Prä-Social-Web-Zeiten sei abschließend auf weitere Sammelbände zum Thema (Androutsopoulos et al. 2006; Beißwenger et al. 2004; Siever et al. 2005; Schlobinski 2006b) sowie auf das kürzlich erschienene Handbuch »Pragmatics of Computer-Mediated Communication« (Herring et al. 2013b) verwiesen, welches überwiegend einen Überblick über die englischsprachige Forschung, jedoch in manchen Beiträgen auch über die deutschsprachige gibt (Androutsopoulos 2013; Bieswanger 2013; Dürscheid, Frehner 2013; Gruber 2013; Paolillo, Zelenkauskaite 2013; Thurlow, Poff 2013). Im Handbuch konnte allerdings die Kommunikation im Social Web nicht berücksichtigt werden; eine Ausnahme bildet der Beitrag zum Blogging (Puschmann 2013).

Nennenswerte Arbeiten der germanistischen Linguistik zur Kommunikation im Social Web sind in dem von Siever und Schlobinski (2012) herausgegebenen Sammelband sowie im Deutschunterricht-Themenheft »Sprache und Kommunikation im Web 2.0« (Schlobinski, Siever 2012) zu finden. In dem von Bedijs und ← 100 | 101 → Heyder (2012b) publizierten Sammelband ist der Beitrag von Kallweit (2012) zu graphostilistischen Schreibvarianten hervorzuheben, die der Autor in historische Schreibtraditionen einordnet. Für das Englische sind insbesondere zwei Werke interessant, einerseits der von Tannen und Trester (2013) edierte Sammelband zum »Discourse 2.0«, andererseits die Monographie von Barton und Lee (2013), in der die Kommunikation im Social Web im Zentrum steht. Jucker und Dürscheid (2012: 39) schließlich konstatieren, dass neue Kommunikationsformen neue Analysetools benötigen und schlagen eine Terminologie vor, die die Realität der aktuellen digitalen Kommunikation adäquater beschreibt.

Zum Themenbereich Social-Networking-Sites ist die Studie von Tuor (2009) nennenswert, in der Pinnwandeinträge in den Communitys studivz, Seniorweb, XING und Facebook analysiert wurden. Brommer und Dürscheid (2012) haben die Kommunikation von Jugendlichen bei Facebook untersucht und auch in Dürscheid et al. (2010: 138–141) sind Texte von Jugendlichen in den Social-Networking-Communitys Facebook und Netlog auf graphischer und stilistischer Ebene analysiert worden. Im Zusammenhang mit der Diskussion um private und öffentliche Kommunikation betrachtet Dürscheid (2007) auch die Kommunikation auf MySpace. Thelwall (2009) hat eine Studie zu englischsprachigen MySpace-Kommentaren vorgelegt. Pérez-Sabater (2012) hat englischsprachige Pinnwandeinträge auf Facebook-Präsenzen verschiedener Universitäten bezüglich der (In-)Formalität der Sprache analysiert. Am Beispiel des Konzepts Freund schließlich haben Dürscheid und Brommer (2013) Überlegungen zum Sprachwandel durch Social-Networking-Communitys angestellt.

Zu Weblogs und Microblogs liegen je eine internationale, sprachvergleichende Studie (vgl. Schlobinski, Siever 2005; Schlobinski, Siever 2013), zum Microblogging einige Analysen zu deutschsprachigen (vgl. Demuth, Schulz 2010; Moraldo 2009b, Moraldo 2012; Siever 2012b) sowie englischsprachigen Tweets (vgl. Honeycutt, Herring 2009; Lee 2011) vor. Zu Wikipedia sind zwei Beiträge zum textorientierten bzw. interaktionsorientierten Schreiben auf Wikipedia erschienen (Storrer 2012, Storrer 2013), in denen Artikelseiten mit Diskussionsseiten verglichen wurden. Kallass (2012) hat den kollaborativen Schreibprozess auf Wikipedia untersucht. Zum Sprachgebrauch in Consumer-Communitys liegt meines Wissens nur eine einzige Arbeit vor: Imo (2012) hat anhand von Produktbeschreibungen in einem Online-Auktionshaus konstatiert, dass das informelle Schreiben nicht als Indikator für Sprachverfall gewertet werden kann.

Zu Social-Sharing-Communitys gibt es noch kaum sprachwissenschaftliche Untersuchungen. Frobenius (2011; 2013) hat Eröffnungssequenzen und Zeigegesten in ← 101 | 102 → Video-Blogs auf YouTube analysiert, Demarmels (2010) zeigt an FanVids142 auf You-Tube die multimodale kulturelle Praxis des Mashups auf. Androutsopoulos (2010a; 2010b) schließlich beschreibt den Dialektgebrauch auf YouTube. Auch linguistische Arbeiten zu Foto-Communitys wie Flickr liegen noch kaum vor. Untersucht wurde bisher Flickr als multilinguale Community (vgl. Lee, Barton 2011; Barton, Lee 2013: 45–48), der metasprachliche Diskurs über Englisch-Kompetenzen von Nicht-Muttersprachlern auf Flickr (vgl. Lee 2013), der Diskurs über das Lernen auf Flickr (Barton 2012) sowie das Stancetaking143 im Tourismus-Diskurs auf Flickr (Thurlow, Jaworski 2011). In diesen Untersuchungen wurde vor allem das Englische berücksichtigt, in den Studien zur multilingualen Kommunikation zusätzlich das Spanische und Chinesische. Zum Deutschen liegen bisher lediglich zwei Publikationen zur Notizen-Kommunikation vor (vgl. Müller 2010, Müller 2012a).

Abschließend kann man konstatieren: Das Social Web beeinflusst und verändert »die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Realität nachhaltig« (Runkehl 2012: 9). Da sich im digitalen Zeitalter mit der Gesellschaft auch die kommunikativen Praktiken grundlegend verändern, ist weitere (linguistische) Forschung in diesem Bereich von großer Relevanz. »Wandel ist für die Wissenschaft gleichzeitig Notwendigkeit und Herausforderung« (Podschuweit, Roessing 2013: 1). So ist es für die Linguistik ein Segen, dass neue Kommunikationsformen, neue kommunikative Praktiken und somit auch neue Untersuchungsobjekte entstehen, doch gleichzeitig ist es auch ein Fluch, da die Forschung mit den aktuellen Veränderungen kaum mithalten kann. Um aktuelle linguistische Forschung betreiben zu können, scheint eine Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftsdisziplinen deshalb zwingend geboten: »Die adäquate Auseinandersetzung mit sich schnell und drastisch verändernden kommunikativen Haushalten erfordert nicht zuletzt Offenheit für die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen im Sinne von Multi-, Inter- und Transdisziplinarität« (Jakobs 2011a: 92). Forschung, die möglichst auf dem neuesten Stand ist, ist nicht zuletzt deshalb notwendig, weil Wandel oftmals zugleich als Fortschritt und auch als Bedrohung wahrgenommen wird. Aufgrund von soliden, empirischen Analysen können Ängste in Bezug auf Veränderungen rationalisiert, relativiert und vielleicht überwunden werden. ← 102 | 103 →


55     YouTube und Wikipedia haben bereits den Eintrag in den Duden geschafft, auch twittern ist – im Gegensatz zu Facebook – im großen Wörterbuch der deutschen Sprache verzeichnet (vgl. Duden 2012). In der 2013 erschienenen 26. Auflage des Rechtschreib-Dudens ist jedoch auch ein Lemma zu Facebook zu finden (vgl. Duden 2013).

56     Auch in weiteren Disziplinen sind Forschungslücken vorhanden. Neuberger (2011: 35) weist darauf hin, dass Social-Networking-Communitys bislang hauptsächlich aus sozialpsychologischer und pädagogischer Sicht empirisch untersucht worden sind.

57     Unter Multimedia wird im Wörterbuch der Medien(sprache) Folgendes verstanden: »Computer-Systeme bzw. computergesteuerte Systeme oder Geräte, die Audio, Video und Daten (Text, Grafik, Töne) integrieren bzw. als/zur Darstellung vereinen.«

58     Vgl. beispielsweise Runkehl (2011: 104) oder den Titel einer Veranstaltung des Europäischen Forums Alpbach: »Sprache 2.0: Wie neue Medien unsere Sprache verändern«, http://www.alpbach.org/de/vortrag/sprache-2-0-wie-neue-medien-unsere-spracheverandern/ (18.08.2013).

59     http://www.goethe.de/lhr/prj/d30/ive/deindex.htm (23.09.2014). Für diesen Hinweis danke ich Christa Dürscheid.

60     http://www.google.de/trends?q=social+web%2C+social+media%2C+web+2.0&ctab=0&geo=all&date=all&sort=0 (24.06.2013).

61     Ein Nachteil dieses Terminus kann allerdings darin gesehen werden, dass es keinen entsprechenden Ausdruck für das Web 1.0 gibt.

62     Als bekannter Vertreter für eine virtuelle Welt sei Second Life genannt.

63     »Der Begriff ›Mashup‹ (von engl. mash: vermischen) kommt aus dem Musikgeschäft und bezeichnet die Erstellung eines Remix, einer Mischung aus bereits bestehenden Liedern, die neu miteinander kombiniert werden. Übertragen auf das Internet ist damit eine Applikation gemeint, auf der Informationen aus verschiedenen Webressourcen bzw. Sites zusammengestellt und daraus ganz eigene Kreationen entwickelt werden« (Ebersbach et al. 2011: 154).

64     Schmidt (2013a: 138–144) unterscheidet drei typische Praktiken des Informations-managements im Social Web: 1. Das Bereitstellen und Verbreiten von Informationen, 2. das kollaborative Bearbeiten von Informationen und 3. das soziale Filtern von Informationen, wobei das Social Tagging dem sozialen Filtern zuzurechnen ist. Die genannten Praktiken sind sowohl durch die technischen Bedingungen als auch durch soziale Normen und Erwartungen geprägt und tragen »zu einem Strukturwandel von Öffentlichkeit bei, indem zur professionellen Vermittlung von Informationen auch die partizipative und die technisierte Intermediation tritt« (Schmidt 2013a: 148).

65     Gemeint sind hier soziale Netzwerke im soziologischen Sinne. Meines Erachtens ist es sinnvoll, den Anglizismus Social-Networking-Community für soziale Netzwerke im Internet zu verwenden, den deutschen Terminus hingegen für den Begriff aus der Soziologie.

66     http://www.alexa.com/topsites (08.11.2011). Im Alexa-Ranking werden die weltweit 100 000 meistbesuchten Domains ermittelt.

67     http://www.ethority.de/weblog/social-media-prisma/ (13.08.2013).

68     Social-Web-Community und Social-Web-Anwendung werden in der vorliegenden Arbeit quasisynonym verwendet, wobei Social-Web-Community den Aspekt der Gemeinschaft stärker in den Vordergrund rückt, Social-Web-Anwendung sowie Social-Web-Site beziehen sich mehr auf die technischen Aspekte.

69     Twitter kann sowohl als Social-Sharing- als auch als Social-Collecting-Community angesehen werden, je nachdem, ob die eingebundenen Bilder oder verwendeten textuellen Inhalte selbst erstellt oder lediglich gesammelt und geteilt werden.

70     Zur Identitätsarbeit in einem weiteren Sinne am Beispiel von Facebook siehe Bolander, Locher 2010.

71     Zuweilen ist auch von »Kontaktmanagement« (Kneidinger 2010: 50) die Rede.

72     themenbezogen = Knowledge-Communitys; austauschbezogen = Social-Sharing-Communitys; transaktionsbezogen = Social-Networking-Community und unterhaltungsbezogen = Social-Gaming-Communitys. Auch Stanoevska-Slabeva (2008: 17) unterscheidet zwischen content- und beziehungsortientierten Plattformen sowie virtuellen Welten, d. h. bei ihr sind Social-Collecting- und Social-Sharing-Communitys in einer Kategorie zusammengefasst.

73     Schneider (2008: 118) bezeichnet diese Kategorie als Social Commerce.

74     Unter Trackbacks versteht man eine Art von Zitationssystem, bei dem eine Verfasserin oder ein Verfasser automatisch benachrichtigt wird, sobald jemand seinen Text zitiert.

75     Auch in Jucker und Dürscheid (2012: 48) wird Twitter zu den Social-Networking-Sites gezählt.

76     Die Attribuierungen eng bzw. weit sind meines Erachtens kontraintuitiv gewählt, da das Beziehungsmanagement vor allem in Social-Networking-Communitys und nicht in Social-Sharing- oder Social-Collecting-Communitys von Bedeutung ist. In den letztgenannten spielt die Beziehungspflege eine geringere Rolle, weshalb solche Communitys – wenn überhaupt – als soziale Netzwerke im weiteren Sinne bezeichnet werden sollten.

77     Vergleiche dazu auch Kapitel 4.

78     Der englische Terminus wird aus folgenden Gründen verwendet: 1) Der Terminus ist gebräuchlicher als die deutschen Varianten Vernetzungsplattformen oder soziale Netzwerke, 2) soziales Netzwerk hat weitere Bedeutungen, beispielsweise in der Soziologie (vgl. Fußnote 65), was einen Zusatz wie online, virtuell o. Ä. zur Spezifizierung notwendig macht, z. B. Computer-Supported Social Networks (Frohner 2010: 123) oder Soziale Online-Netzwerke (Griesbaum 2013: 565); durch die Verwendung des englischen Terminus im Deutschen soll deutlich gemacht werden, dass webbasierte Netzwerke gemeint sind, 3) für Social-Sharing-Site existiert keine geeignete deutschsprachige Entsprechung (die Bezeichnung »objektzentrierte Software« (Ebersbach et al. 2008: 33) ist ungebräuchlich); es ist sinnvoll, deshalb analog zu dieser Nomenklatur auch von Social-Networking-Sites zu sprechen.

79     Andere Bezeichnungen, die man dafür in der Literatur findet, sind video hosting web-sites (Frobenius 2011: 815), File Sharing Communitys (Kilian et al. 2008: 13), social media sites (Lerman, Jones 2007: 1), Mediaplattformen, content sharing sites oder media sharing sites (Androutsopoulos 2010b: 422).

80     Terminologie nach Dürscheid (2007), vgl. Kapitel 6.

80     Vgl. Weitzmann (2010) oder Kapitel 4. Bei Abbildung 4 auf Seite 43 handelt es sich um ein Creative-Commons-Bild. Unten rechts sind Piktogramme zu sehen, welche bedeuten, dass der Name des Urhebers oder der Urheberin genannt werden muss und eine Weitergabe nur unter gleichen Bedingungen möglich ist.

82     Bei Twitter wird zwischen verifizierten und nicht-verifizierten Userinnen und Usern unterschieden, um die Authentizität von Twitterern garantieren zu können: http://support.twitter.com/articles/313322-das-neue_twitter-uber-verfizierte-konten (25.06.2013).

83     Siehe z. B. http://www.flickr.com/upgrade oder http://www.ipernity.com/pro (13.08.2013) sowie Kapitel 4.2.

84     Der Terminus Social-Collecting-Community wird bevorzugt, da in der Kategorisierung der Social-Web-Communitys die Aktivität der Nutzer und nicht die generierten Produkte aus diesen Aktivitäten in den Vordergrund gestellt werden soll (vgl. Abbildung 5).

85     Eine medienlinguistische Analyse von Online-Spielen haben Diekmannshenke und Lohoff (2012) vorgelegt.

86     Das meisterverkaufte PC-Spiel überhaupt ist Die Sims, das auch keine eigentliche Spielhandlung hat; die Onlineversion dieses Spiels ist wegen mangelnden Erfolgs eingestellt worden (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sims, 11.07.2013).

87     »Unter Cloud Computing wird im Allgemeinen das Auslagern von Daten, Software und Programmierumgebungen ins Internet – in die metaphorische ›Datenwolke‹ – verstanden. Statt die Programme auf der Festplatte des eigenen Computers zu installieren, bezieht sie der Anwender oder die Anwenderin aus dem Web. Die Dateien werden ebenfalls im Internet abgelegt; dadurch kann mit verschiedenen Endgeräten von überall her darauf zugegriffen werden« (Rey 2011: 4).

88     Beispiele für nonverbale Kommunikation bei Facebook sind der Button »Gefällt mir« (englisch: Like) oder der Poke-Button, mit welchem man einer Person mitteilen kann, dass man an sie denkt (vgl. dazu ausführlicher Kapitel 3.4).

89     https://www.facebook.com (14.11.2011). Neuerdings wird jedoch stärker der Aspekt des Social Networkings betont: »Verbinde dich mit Freunden und deiner Umgebung auf Facebook« (25.06.2013).

90     Auch im Deutschen existiert das Verb »posten« und könnte statt »Teilen« verwendet werden: »pos|ten <lat.-it.-fr.-engl.>: (EDV) sich mit Fragen, Antworten, Kommentaren bei Newsgroups im Internet beteiligen« (Duden 2007a). Mittlerweile heißt es jedoch auch in der deutschen Version von Facebook »Posten« (28.02.2013).

91     https://www.facebook.com (29.11.2011).

92     http://www.flickr.com (14.11.2011).

93     Gemeint sind konkret Statusmeldungen, plattforminterne Nachrichten und Pinnwandeinträge (vgl. Pfeffer et al. 2011: 129).

94     http://www.flickr.com/ (24.10.2011). Die Formulierung »Flickr liebt Sie« mischt zwei heutzutage inkompatible Aspekte. Die Liebe als Teil des Familienlebens oder Sexual-verhaltens kann als privater Kommunikationsinhalt gewertet werden (vgl. Kapitel 6), wohingegen die formelle Anredeform dem Nicht-Privaten zuzuordnen ist. Gerade im Internet ist eine solche Formulierung besonders absurd, da es dort bekanntlich üblich ist, sich zu duzen (vgl. Dürscheid 2007: 38). Abgesehen davon enthält die Formulierung einen skurrilen Anthropomorphismus.

95     Ein Beispiel dafür ist Joinbox, eine Anwendung, über welche E-Mails, Twitter- und Facebook-Aktivitäten eingesehen werden können (weitere Communitys wie Google+, LinkedIn und XING hätten in Zukunft auch abrufbar sein sollen, mittlerweile wurde die Anwendung jedoch wieder eingestellt), vgl. dazu http://futurezone.at/produkte/7678-joinbox-schweizer-bauen-die-ultimative-inbox.php#vor (07.07.2013).

96     Für diesen Hinweis danke ich Torsten Siever.

97     https://twitter.com/settings/profile (07.07.2013).

98     Allerdings können auch auf der Social-Networking-Site Facebook Spiele gespielt werden; so ist die beliebteste Facebook-Anwendung das Spiel FarmVille mit einem Höchst-stand von 80 Millionen Nutzern im Februar 2010 (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/FarmVille, Version vom 15.04.2013).

99     Etymologisch kann das Wort vom Englischen to lurk (belauschen) hergeleitet werden.

100   In Herrings (2007: 13) Terminologie: »medium factors«. Die Übersetzungen der einzelnen Faktoren wurden relativ frei anhand der Erläuterungen in Herrings Artikel und in Anlehnung an Termini der deutschsprachigen Literatur vorgenommen. Die englischen Bezeichnungen lauten wie folgt: Synchronicity, Message transmission, Persistence of transcript, Size of message buffer, Channels of communication, Anonymous messaging, Private messaging, Filtering, Quoting und Message format (Herring 2007: 13).

101   Gemeint ist damit, ob Nachrichten zeichenweise oder beitragsweise übermittelt werden. In der deutschsprachigen Literatur ist die Unterscheidung in synchron und quasi-synchron üblich (vgl. Dürscheid 2003: 44). Meines Erachtens müssen die Faktoren Synchronizität und Nachrichtenübertragung nicht einzeln aufgeführt werden, sondern können – wie auch die Persistenz – der zeitlichen Dimension zugerechnet werden.

102   Eine Kommunikationsform mit äußerst geringer Persistenz ist die seit Kurzem populäre Anwendung Snapchat: Die Nachrichten werden je nach Einstellung nach 1 bis 10 Sekunden automatisch gelöscht.

103   Im Englischen heißt es Filtering, gemeint ist aber – folgt man Herrings Erläuterungen – das Blocking. In der Umgangssprache werden Filtern und Abblocken häufig synonym verwendet, doch sind es eigentlich inverse Gegenstücke: Unter Filtering versteht man Software, die aus einer Informationsmenge die gewünschten Informationen extrahiert (herausgefiltert), während beim Blocking Unerwünschtes abgewehrt wird (vgl. Kuhlen 2004: 197).

104   Gemeint sind die räumliche Anordnung und insbesondere auch die Gegebenheit, ob die Informationen chronologisch oder umgekehrt chronologisch aufgeführt werden.

105   Beispielsweise Netiquetten (vgl. Frehner 2008: 41–43).

106   Darunter versteht man Kommunikationsbeiträge, die in einigen Chats, insbesondere in Plauderchats, generiert werden können und mit denen die Chattenden sich selbst in der 3. Person Handlungen, Einstellungen oder Zustände zuschreiben können.

107   Die Termini abbreviations und shortenings verwendet Bieswanger (2013: 474) synonym und versteht darunter »all lexical forms that are made up by fewer characters than the full form of a word or a combination of word«, und zwar »initialisms, clippings, contractions, letter/number-homophones, phonetic spellings, and word-value characters« (Bieswanger 2007: 3–4).

108   Als Beispiel angeführt ist das Initialkurzwort »LOL« (Laughing Out Loud), das neuerdings auch im Duden (2012) mit der diatechnischen Angabe »EDV-Jargon« zu finden ist: »drückt [meist in geschriebenem Text] große Heiterkeit aus«.

109   In der deutschsprachigen Literatur meist als konzeptionelle Mündlichkeit bezeichnet.

110   Die Kreativität jedoch spielt genauso bei gänzlich unökonomischen Formen eine wichtige Rolle (vgl. Siever 2006: 78).

111   TV-Sendung mit Kurzinformationen zu live präsentierten Kamerabildern in den Alpen.

112   Kurzwörter können als »Prototypen sprachlicher Ökonomie schlechthin betrachtet werden« (Siever 2011c: 100) und sind von Abkürzungen dadurch abzugrenzen, dass Letztere nur graphisch, Erstere auch phonisch realisiert werden können.

113   Diese sind definiert als »Komposita, deren erste Konstituente ein bereits existierendes KURZWORT mit einem eigenen BL [= Basislexem, CMS] ist, z. B. Uni-Alltag oder WAA-Gegner« (Kobler-Trill 1994: 23–24, Herv. im Original).

114   Die Morphemreduktion umfasst die Determinansreduktion, die Reduktion auf das Determinans sowie Klammerformen (vgl. Siever 2011c: 198).

115   Der ursprüngliche Beitrag wurde noch vor dem Beginn des Internetzeitalters publiziert (vgl. Koch, Oesterreicher 1985). Insbesondere in der Forschung zu digitalen Medien wurde das Modell häufig rezipiert, kritisiert und erweitert (z. B. Dürscheid 2003, Dürscheid 2004; Landert, Jucker 2011; Reeg 2011; Thaler 2007). Koch und Oesterreicher gehen in zwei neueren Publikationen (2007: 358–359; 2011: 14) auf die Rezeption im Zusammenhang mit den digitalen Medien und die diesbezüglich vorgeschlagenen Erweiterungen ihres Modells – im Gegensatz zu einem 2008 publizierten Beitrag – kurz ein und konstatieren, dass das Modell auch in Zeiten der digitalen Medien seine Gültigkeit behält. Albert (2013: 55–66) ist diesbezüglich anderer Meinung. Sein Hauptkritikpunkt lautet, dass ohne stichhaltige Indizien Phänomene digitaler Schriftlichkeit auf die konzeptionelle Mündlichkeit zurückgeführt werden und dass »Sprachwandelprozesse bzw. innovative Entwicklungen in der Schriftsprachlichkeit […] so von vorneherein nicht adäquat erfasst und beschrieben werden« (Albert 2013: 65) können.

116   Die Prozesse der medialen Transkodierung hingegen nennen sie Verlautlichung bzw. Verschriftung.

117   Bisher hat sich der Terminus nicht durchgesetzt, für eine Kritik an der Terminologie siehe Wetzchewald (2012: 132).

118   Bei Koch und Oesterreicher (1985: 23) ist von »Sprache der Nähe« und »Sprache der Distanz« die Rede, Landert und Jucker (2011) sprechen von »language of immediacy« und »language of distance«. Dürscheid (2003: 50–51) stellt jedoch überzeugend dar, dass diese Terminologie unglücklich gewählt ist – insbesondere in Anbetracht der Anwendung des Modells auf digitale Kommunikationsformen.

119   Sieber (1998) zeigt in seiner Monographie unter dem Terminus Parlando Vermündlichungstendenzen in schulischen Texten auf. Parlando ist aber, wie Dürscheid (2011b: 182–185) gezeigt hat, nicht mit konzeptioneller Mündlichkeit gleichzusetzen.

120   Mit einer diachronen Studie könnte empirisch untersucht werden, ob und inwiefern sich die sprachlichen Merkmale verändert haben.

121   Mitte 2012 verfügten 72,9 % aller Haushalte in Deutschland über einen Breitbandanschluss von mindestens 16 Mbit/s, womit sogar eine Übertragung von HD- und 3-D-Videos möglich ist (vgl. Martens, Herfert 2013: 111).

122   Vergleiche dazu die Ausführungen in Kapitel 6.4 zum Digital Divide.

123   Unter Multilingualismus wird der »Zustand einzelner Personen oder einer sozialen Gemeinschaft [verstanden], die sich bei der täglichen Kommunikation mehrerer unterschiedl. Spr.n bedienen« (Glück 2010: 445). Mit multilingualer Kommunikation ist in der vorliegenden Arbeit gemeint, dass man sich in einer Community in mehreren Sprachen verständigt, wobei der Multilingualismus einzelner Personen dafür natürlich unabdingbar ist.

124   Der Like-Button wurde am 9. Februar 2009 bei Facebook eingeführt, man erkennt ihn am Daumen-hoch-Symbol und er stellt den berühmtesten Vertreter für ein sogenanntes Social Plugin dar. Dies bedeutet, dass der Button nicht nur bei Facebook angeklickt, sondern auf jeder beliebigen Website implementiert werden kann (vgl. Steinschaden 2010: 200).

125   Ökonomisch kann hier sowohl im Sinne von kommunikativer Effizienz als auch in Bezug auf die Wirtschaft verstanden werden: Durch die intensiv genutzte Ein-Klick-Kommunikation können beträchtliche Datenmengen über die Nutzerinnen und Nutzer gesammelt werden, die für den Werbemarkt von großer Bedeutung sind.

126   Mittlerweile ist von Facebook sogar eine App namens Poke verfügbar, mit der sich sowohl Pokes als auch Fotos, Videos und Sprachnachrichten versenden lassen und die als Konkurrenz zu Snapchat verstanden werden kann (vgl. http://futurezone.at/digitallife/13139-poke-facebook-macht-anstupsen-zur-app.php, 25.06.2013).

127   Diese Funktion ist bereits vom Instant Messaging bekannt: Meldet sich ein Kommunikationspartner längere Zeit nicht zu Wort, kann man mit einem Klick die Aufmerksamkeit gezielt auf sich lenken.

128   https://ifttt.com/wtf (04.07.2013).

129   Beispielsweise Delicious, Dropbox, Evernote, Facebook, Flickr, Instagram, LinkedIn, Tumblr, Twitter, WordPress oder You-Tube (vgl. https://ifttt.com/channels, 04.07.2013).

130   Vgl. auch Kapitel 5.4, in dem im Zusammenhang mit dem Social Tagging detaillierter auf das Semantic Web eingegangen wird.

131   http://www.google.com/trends/explore#q=social%20web%2C%20semantic%20web&cmpt=q(01.10.2012).

132   Die marktführende Suchmaschine Google kündigte im März 2012 an, in Zukunft ebenfalls semantische Suche zu ermöglichen (vgl. Ihlenfeld 2012).

133   https://www.facebook.com/about/graphsearch (11.07.2013).

134   Gemeint ist damit die Gesamtheit aller innerhalb eines Systems vergebenen Tags, vgl. Kapitel 5.3.

135   Evans (2009: 15) weist darauf hin, dass der Terminus Web 3.0 nicht nur in dieser Bedeutung, sondern auch für dreidimensionale Informationsräume wie beispielsweise Second Life verwendet wird. Schließlich wird auch das Social Semantic Web als Web 3.0 bezeichnet (vgl. Weller 2010: 78).

136   Zuweilen werden auch die Termini »Semantic Social Web« (Cena et al. 2013: 2) oder »Social Adaptive Semantic Web« (ebd.: 6) verwendet.

137   Ebersbach et al. (2011: 277) vermuten, dass die Trennung in die einzelnen Social-Web-Communitys nicht nur aufgeweicht, sondern gar komplett aufgehoben wird.

138   Der Artikel von Bieswanger (2013) bietet einen umfassenden Überblick über die gesamte sprachwissenschaftliche Forschung in diesem Gebiet.

139   Auf http://www.mediensprache.net/de/literatur/sind über zweieinhalbtausend Titel zur digitalen Kommunikation zu finden, überwiegend aus der Sprachwissenschaft, teils auch aus anderen Fachgebieten.

140   Exemplarisch seien genannt: Dittmann et al. 2007; Döring 2002; Dürscheid 2002a, Dürscheid 2002b; Dürscheid, Stark 2011; Günthner 2011; Schlobinski 2001; G. Schmidt 2006; Siever 2005 und Siever 2012b.

141   Auf der Website des Projekts sind auch sämtliche Publikationen aufgelistet: http://www.sms4-science.uzh.ch/research/publikationen_en.html (27.06.2013).

142   Unter Fan-Videos wird Folgendes verstanden: »Fans schneiden aus dem Bildmaterial ihrer Lieblingsfernsehserien eigene Filme zusammen. Meist bleibt das Filmmaterial nicht so bestehen, wie es im Original ausgestrahlt wurde, sondern Bild und Ton werden zu Gunsten ästhetischer Effekte verändert« (Demarmels 2010: 253).

143   »Stancetaking entails the various ways people position themselves with respect to the things they say or do themselves, or with respect to the things other people say or do. This positioning is typically associated with evaluative comments or behaviours which may be explicit […] or implicit« (Thurlow, Jaworski 2011: 231).