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Multimodale Kommunikation im Social Web

Forschungsansätze und Analysen zu Text–Bild-Relationen

Series:

Christina Margrit Siever

Multimodalität ist ein typisches Merkmal der Kommunikation im Social Web. Der Fokus dieses Bandes liegt auf der Kommunikation in Foto-Communitys, insbesondere auf den beiden kommunikativen Praktiken des Social Taggings und des Verfassens von Notizen innerhalb von Bildern. Bei den Tags stehen semantische Text-Bild-Relationen im Vordergrund: Tags dienen der Wissensrepräsentation, eine adäquate Versprachlichung der Bilder ist folglich unabdingbar. Notizen-Bild-Relationen sind aus pragmatischer Perspektive von Interesse: Die Informationen eines Kommunikats werden komplementär auf Text und Bild verteilt, was sich in verschiedenen sprachlichen Phänomenen niederschlägt. Ein diachroner Vergleich mit der Postkartenkommunikation sowie ein Exkurs zur Kommunikation mit Emojis runden das Buch ab.
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8 Kommunikation über Bilder und Kommunikation im Bild

8  Kommunikation über Bilder und Kommunikation im Bild

Kommunikation auf Flickr kann als Kommunikation über Kunst gewertet werden. In Kapitel 8 wird die Kommunikation auf Flickr im Bereich der Kunstkommunikation diskutiert und verortet. Kommunikation über Bilder kann auf Flickr auch im Bild stattfinden, und zwar über die Notizfunktion. Zunächst wird die Notizenkommunikation im Web allgemein und spezifisch auf Flickr in Kapitel 8.2.1 anhand von einigen Beispielen näher erläutert. Um eine historische Perspektive der Kommunikation im Bild aufzuzeigen, werden diese Beispiele in Kapitel 8.2.2 aufgegriffen und mit Bildinschriften auf Postkarten verglichen.

8.1  Kommunikation über Bilder

Über Bilder kann in Foto-Communitys einerseits mittels Notizen und andererseits mittels Kommentaren kommuniziert werden. Diese Art der Kommunikation kann als Teilbereich der Kommunikation über Kunst aufgefasst werden.

Die linguistische Forschung zur Kunstkommunikation408 stellt ein Forschungsdesiderat dar, dessen sich Hausendorf (2005; 2006; 2007a; 2010a; 2010b; 2011; 2012) in verschiedenen Arbeiten angenommen hat. Während es in seinen Arbeiten vor allem um mündliche Kommunikation in Kunstausstellungen geht, findet die Kommunikation auf Flickr schriftlich statt. Die Frage, ob es sich bei Flickr-Bildern überhaupt um Kunstwerke handelt, ist natürlich berechtigt. Betrachtet man die Fotos auf der Startseite von Flickr, so kann tatsächlich ein hoher fotografischer Qualitätsstandard festgestellt werden (vgl. Meier 2009: 189), weshalb diese Fotografien durchaus als Kunstwerke bezeichnet werden können. Doch gibt es objektive Kriterien, die eine Unterscheidung in Kunstwerk und Nicht-Kunstwerk erlauben? Stöckl (2004b: 118) gibt auf die Frage, was ein Bild zu einem Kunstwerk mache, folgende Antwort:

      »In der Tat erhebt sich die Frage, ob es perzipierbare formale und gestalterische Aspekte von bildlichen Darstellungen gibt, die diese in den Augen der Rezipienten zu Kunst (i. S. von Kunstfertigkeit also) machen oder ob es stärker die situative Verwendung ästhetischer Bilder ist – d. h. das Ausstellen bzw. Präsentieren in Galerien und Katalogen, ← 313 | 314 → also letztlich der GESELLSCHAFTLICHE BILDVERWENDUNGSORT – die uns das Kriterium Ästhetizität signalisiert. Letzterer Fall hätte dann eher mit der sozialen Praktik Kunst als Verwendungskontext von Bildern etwas zu tun als mit inhaltlichen oder formalen Aspekten der Darstellungen.«

Welchen Artefakten jedoch das Prädikat Kunstwerk überhaupt zugewiesen wird, ist folglich eine komplexe Frage, die sowohl von Individuen als auch von Institutionen in kontroversen Diskursen erörtert wird (vgl. Warnke 2008: 23).409 Thim-Mabrey (2007: 100) stellt zu Recht fest, dass es nicht das Ziel einer linguistischen Analyse der Kunstkommunikation sei, zu definieren, was Kunst ist; ohnehin könne die Praxis der Kommunikation über Kunst auch auf nicht-künstlerische Bilder angewandt werden.

Profi-Fotografien410 kann zumeist Kunststatus zugesprochen werden, solchen von Amateuren nur bedingt. Bei einer Gesamtzahl von über 8 Milliarden Fotos auf Flickr (Stand: Dezember 2012) ist klar, dass die Qualität der Bilder auf einem Spektrum zwischen Kunstwerken und Schnappschüssen ohne künstlerische Ambitionen anzusiedeln ist und somit nicht alle Fotos der Kategorie Kunst zugerechnet werden können.

Kommunikation über Kunst wiederum kann sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem, welche der in Tabelle 23 aufgelisteten grundlegenden Parameter zum Tragen kommen. Die Gruppierung in den beiden Spalten entspricht den prototypischen Formen der Kommunikation über Kunst. Selbstverständlich existieren zahlreiche Mischformen, so beispielsweise die Kunstführung, die zwar der professionellen Kommunikation über Kunst zuzurechnen ist, jedoch medial mündlich ausfällt. Die in der linken Spalte aufgeführte institutionalisierte Kommunikation über Kunst, wie sie beispielsweise in Form von Rezensionen oder Kunstkritiken auftritt, wurde bereits sprachwissenschaftlich erforscht (vgl. Hausendorf 2011: 530; Thim-Mabrey 2007: 102). Studien – insbesondere empirische – zur »nicht-öffentlichen, nicht-professionalisierten und nicht-gedrucktschriftlichen [sic!], also zu privaten und mündlichen Formen des Kommunizierens über Kunst unter Laien« (Hausendorf 2011: 530) stellen noch immer eine Forschungslücke dar. ← 314 | 315 →

Tabelle 23:  Parameter der Kommunikation über Kunst

KommunikationsteilnehmendeExpertinnen und ExpertenLaiinnen und Laien
Modalitätgeschriebene Sprachegesprochene Sprache
Zugänglichkeitöffentlichnicht-öffentlich
Kommunikationsinhaltnicht-privatprivat
räumliche DimensionDistanzNähe
zeitliche Dimensionasynchronsynchron

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Betrachtet man die Kommunikation über Bilder in Foto-Communitys, kann konstatiert werden, dass es sich um eine Mischform der beiden genannten prototypischen gesellschaftlichen Praxen der Kommunikation über Kunst handelt. Diese Form der Kommunikation über Kunst mittels Kommentaren und Notizen ist bisher noch nicht untersucht worden. Es handelt sich dabei um asynchrone, öffentliche, schriftbasierte Kommunikation der Distanz; die Kommunikationsteilnehmenden sind überwiegend Laiinnen und Laien und der Kommunikationsinhalt ist zumeist eher privater Natur. Die Kommunikation in Foto-Communitys zeichnet sich überdies dadurch aus, dass die Kommunikation stets vor dem Kunstwerk bzw. sogar auf dem Kunstwerk und quasi in Gegenwart411 des Künstlers stattfindet. Es ist von einem Einfluss dieser Anwesenheit auf die Bewertung von Bildern auszugehen: Vermutlich wird tendenziell eher positive Kritik geäußert. Sollte einem Nutzer oder einer Nutzerin eine Fotografie nicht gefallen, wird dies wohl eher durch Nicht-Kommentieren kundgetan. Negative Kommentare stellen ein größeres Risiko dar als keine Kommentare. Weil – wie in Kapitel 3.2 erläutert – das Social Networking eine unerlässliche Voraussetzung in Social-Sharing-Communitys darstellt, werden die Nutzenden darauf bedacht sein, ihre Kontakte zu pflegen und sie nicht mit negativen Kommentaren vor den Kopf zu stoßen. Kunstkommunikation stellt generell eine riskante Kommunikationspraxis dar – nicht nur in Gegenwart der Künstlerin oder des Künstlers, sondern auch vor anderen Nicht-Kunstschaffenden. Die Kommunikation über Kunst wird somit selbst zur Kunst (vgl. Hausendorf 2005: 99). Man kann sich einerseits mit Nichtwissen oder einem nicht mehrheitsfähigen Geschmacksurteil blamieren, oder aber man läuft Gefahr, dass die Kunstkommunikation zu einer »sich selbst genügende[n], selbstverliebte[n] und selbstgefällige[n] Vergewisserung des eigenen Kunstken ← 315 | 316 → nertums« wird (vgl. ebd.: 101), also ein »pseudo-intellektuelle[s] Gerede« oder ein »üble[s] übliche[s] Kunstgeschwätz«, wie Hausendorf (2006: 80) aus Woody Allens Film Manhattan zitiert. In einem solchen Fall dient die Kunstkommunikation zumeist lediglich Selbstdarstellungs- und Positionierungszwecken (vgl. Kindt 2007: 68).

Derartige Kommunikation über Kunst wird teilweise als Phrasendrescherei empfunden und deshalb auch persifliert, so beispielsweise in folgendem Flickr-Kommentar: »Ein sehr-sehr hübsches florales Blumen-Dekor im Entree-Bereich des Anwesens.«412 In diesem Fall deutet die Lexik (floral, Dekor, Entree) auf eine gehobene Stilschicht hin, da es sich um eher selten verwendete Lexeme handelt (vgl. Michel 2002: 795). Sandig (2006: 291–292) weist zu Recht darauf hin, dass Einzellexeme oftmals nur schwer einer Stilschicht zugeordnet werden können; vielmehr muss auch der Kontext betrachtet werden. Die genannten Lexeme lassen sich aufgrund ihres lateinischen bzw. französischen Ursprungs allesamt im Fremdwörter-Duden finden und können deshalb als überneutrale Lexeme gewertet werden: Ein überneutrales Lexem »gilt als gewählt, d. h. als vom Sprecher/Schreiber bewusst sorgfältig ausgesuchter Ausdruck gegenüber dem entsprechenden der neutralen kommunikativen Prädispositionsebene zugehörenden« (Ludwig 2002: 792). Dass der Kommentar nicht ernst gemeint sein kann, wird im Kontrast zum kommentierten Foto deutlich, auf dem eine verrostete Blumenschale vor einer zerfallenden Hütte abgebildet ist. Darüber hinaus läuft die Kommunikation im betreffenden Album insgesamt in einem fiktiv-spielerischen Modus ab (vgl. Müller 2010: 242–250). Die Antwort des Fotografen lautet dementsprechend: »jetzt redest so, als wolltest du einen ernsthaften kommentar abgeben ;-)«. Der andere Nutzer wiederum reagiert darauf mit einer Persiflage der Kommunikationspraxis unter Fotografen: »Nun, es ist mir zwar ein Rätsel wie Du bei diesem gleißenden Licht mit -2/3EV und einer Blende von 6,3 auf der Brennweite 135 mm und sogar ISO 200 so ein Hochkantfoto schiessen konntest aber sonst hättest Du bestimmt nicht diese ultra-kurze Belichtung von 0,005 sek hinbekommen :-) […].« Die gewählte Terminologie verweist eindeutig auf das Fachgebiet des Fotografierens; einem Laien bzw. einer Laiin dürfte das Wissen fehlen, dass das Akronym EV für Exposure Value, also den Lichtwert, steht, und dass ISO – benannt nach der International Organization for Standardization – die Filmempfindlichkeit413 angibt. Auch Blende, Brennweite und Belichtung müssen verstanden und die dazugehörigen Zahlenwerte interpretiert werden können. ← 316 | 317 → Kindt (2007: 63) hält fest, dass einschlägige Fachsprache oftmals dazu verwendet wird, das eigene (Kunst-)Kennertum zu demonstrieren und sich somit selbst einen Expertenstatus zuzuschreiben. Das im Notiztext angefügte Emoticon jedoch weist darauf hin, dass der Kommentar scherzhaft aufzufassen ist, nicht zuletzt deshalb, weil es in Fettdruck gesetzt wurde.

Fachsprache wird allerdings in einigen Subcommunitys auf Flickr auch ernsthaft verwendet. Als Beispiel sei folgender Kommentar zu einem Blumen-Bokeh angeführt:

      »Hm finde ein ziemlich unruhiger Hintergrund und der Focus ist etwas verrutscht zudem sieht man etwas eine Chromatische Apporation an den Grashalmen (sieht man auch an meiner Prachtlibelle die auf der Blume sitzt)... aber ansonsten ein sehr nettes Bild. Wird Zeit das ich mal wieder was knipse... bis bald Gruß Armin.«414

Der Fotograf, der keiner Subcommunity anzugehören scheint, in welcher Fachsprache Usus ist, goutiert die Verwendung der Fachtermini jedoch überhaupt nicht: »Danke für die netten Worte *wundert sich* nächstes mal bitte auf deutsch schreiben, finde ich sinniger. Ich möchte gern verstehen worum es geht und nicht mit Fachbegriffen beworfen werden, ist doch peinlich, ehrlich.«

Die oben besprochene Persiflage wird durch die Musterhaftigkeit der Kommunikation über Kunst ermöglicht, denn wiederkehrende Problemstellungen führen zu routinehaft eingespielten Lösungen (vgl. Hausendorf 2011: 526). Kommunikation über Kunst ist eine Kommunikationspraxis »mit typischen kommunikativen Aufgaben, typischen Strategien zur Bewältigung dieser Aufgaben und – nicht zuletzt – typischen sprachlichen Formen« (Hausendorf 2005: 99). In seinen frühen Arbeiten unterschied Hausendorf (2006: 74) die folgenden vier zentralen kommunikativen Aufgaben: Beschreiben, Deuten, Erläutern und Bewerten.415 In Hausendorfs Aufsätzen vor 2011 war die Aufgabe des Bezugnehmens lediglich implizit im vorausgesetzten Zugzwang des Wahrnehmens und Zeigens vorhanden (vgl. Hausendorf 2007a: 31), in den späteren Arbeiten ist die Aufgabe des Bezugnehmens explizit als fünfte Aufgabe aufgeführt (vgl. Hausendorf 2011: 518). Mehrere der fünf kommunikativen Aufgaben, die sogleich auch noch einzeln diskutiert werden, können in einem einzigen Satz oder Satzglied gleichzeitig gelöst werden (vgl. Hausendorf 2006: 75): »Linguistisch gesehen geht es dann darum, diese ← 317 | 318 → Formen grammatisch und lexikalisch zu analysieren, so dass hervortritt, welche Aspekte der sprachlichen Formgebung für die Realisierung eines bestimmten Mittels zur Lösung einer bestimmten Aufgabe kommunikativ ausgenutzt werden können« (Hausendorf 2012: 100). Zwischen den bereits angesprochenen Ebenen der kommunikativen Aufgaben und den lexikalisch-grammatischen Formen auf der sprachlichen Ebene setzt Hausendorf (2012: 99) also noch die Ebene der pragmatisch-semantischen Mittel an, das heißt Verfahren und Strategien zur Lösung der kommunikativen Aufgaben.

Die erste kommunikative Aufgabe bei der Kommunikation über Kunst ist das Bezugnehmen. Durch Bezugnahmen kann das Bezugsobjekt eruiert und somit die Frage, worum es geht, beantwortet werden (vgl. (Hausendorf 2011: 518). Man kann mit Hausendorf auch von einer Ko-Orientierung sprechen: »Die für die Interaktion gerade relevanten Wahrnehmungen im Raum müssen ausgewählt und etabliert werden« (Hausendorf 2010b: 178). Bei der schriftlichen Kommunikation über Kunst ist eine solche »Wahrnehmung des Wahrnehmens« (Hausendorf 2006: 90) durch Zeigen im Normalfall nicht möglich, weshalb die Aufgabe des Bezugnehmens über deiktische Ausdrücke gelöst werden muss. Bei der Kommunikation in der Foto-Community Flickr jedoch kann mittels Hoverboxen (vgl. Kapitel 8.2.1) auf Ausschnitte von Bildern gezeigt werden, weshalb sprachlich realisierte deiktische Bezugnahmen eher in Kommentaren unterhalb der Bilder zu erwarten sind. Indem durch deiktische Verweise ausgesagt wird, wo man was sieht, rückt das (sprachliche) Zeigen in die Nähe des Beschreibens (vgl. ebd.: 91).

So kann festgestellt werden, dass die Aufgabe des Beschreibens für gewöhnlich zusammen mit den anderen kommunikativen Aufgaben bearbeitet wird (vgl. ebd.: 89). In Bezug auf Bilder lautet die Frage, die es in diesem Fall zu beantworten gilt, was es zu sehen gibt und auf welche Weise es festgehalten ist. Hausendorf (2006: 93) unterscheidet die folgenden fünf typischen Mittel und Formen des Beschreibens: 1) Materialität/Beschaffenheit, 2) Format/Größe, 3) Dinge/Umrisse/Formen, 4) Sichtbarkeit und 5) Unbeschreibbarkeit/Unsagbarkeit. Die ersten beiden Punkte können als »formale Relationen«, Nummer 3 und 4 als »Erschließungsrelationen« (Stock, Stock 2008: 124) bezeichnet werden (vgl. Kapitel 5.7). Der Aspekt der Unbeschreibbarkeit verweist auf die Schwierigkeiten, die es beim Beschreiben geben kann, dass demnach den Beschreibenden die Worte fehlen, um das Gesehene ausdrücken zu können (vgl. Hausendorf 2006: 94). Das Beschreiben von Bildern kann als »transkriptives Verfahren« (Jäger 2010: 316) bezeichnet werden, das heißt, es wird versucht, das sogenannte Präskript – in diesem Fall das Bild – mittels Sprache anders oder überhaupt lesbar zu machen (vgl. Holly 2011b: 36). Die Unbeschreibbarkeit kann demzufolge als gescheitertes Transkriptionsverfahren charakterisiert werden. Bei der sprachlichen Realisierung sind es ← 318 | 319 → die Verba Sentiendi, die typischerweise zur Lösung der Aufgabe des Beschreibens verwendet werden (vgl. Hausendorf 2010b: 184).

Das Erläutern von Bildern lässt sich nicht nur der Kunstkommunikation, sondern auch der Wissenskommunikation zuordnen, denn durch das Lösen der kommunikativen Aufgabe wird die Frage beantwortet, was man über das Kunstwerk weiß. Eine Antwort darauf kann nicht aufgrund der Wahrnehmung, sondern muss auf der Basis von (Vor-)Wissen oder (Aus-)Bildung gegeben werden (vgl. Hausendorf 2006: 81). Die typischen Eigenschaften des Erläuterns sind demzufolge die Thematisierung von Wissen oder Nichtwissen (vgl. Hausendorf 2010b: 184). Sofern Expertinnen und Experten die Aufgabe des Erläuterns lösen, handelt es sich dabei um Kunstkommunikation als Fachkommunikation und die sprachliche Form ist folglich fachsprachlich (Hausendorf 2006: 82). Als Beispiele für Mittel des Erläuterns nennt Hausendorf (2006: 84) das (Gesamt-)Werk einer Künstlerin oder eines Künstlers, Biographisches, Tradition und Geltung (Genre).

Vom Erläutern unterscheidet sich das Deuten dadurch, dass nicht gewusst, sondern gemutmaßt wird. Konsequenterweise wird deshalb in der Kunstkommunikation von Laiinnen und Laien die Aufgabe des Deutens öfter gelöst als in derjenigen von Expertinnen und Experten (vgl. Hausendorf 2011: 522). Beim Deuten wird versucht, eine Antwort zu geben auf die Frage, was dahintersteckt, wobei die Deutung, die als Interpretation deklariert werden sollte, begründet und plausibilisiert werden muss (vgl. Hausendorf 2012: 113). In Foto-Communitys sind die Künstler stets ›anwesend‹, d. h. sie werden darüber informiert, wenn über ihr Kunstwerk geschrieben wird. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass das Deuten auf Flickr eine unbedeutende Rolle spielt, da den Fotografinnen und Fotografen direkt Fragen gestellt werden können, falls es den Rezipierenden an bestimmtem Wissen mangelt. Darüber hinaus gibt es bei Fotografien tendenziell weniger zu deuten als bei abstrakter Kunst.416 Als Beispiele für Mittel des Deutens führt Hausendorf (2006: 87) folgende auf: Absicht/Willen/Intention, Symbol/Allegorie, Bedeutung und Aussage. Was die sprachliche Form betrifft, so ist für das Deuten »die Thematisierung einer Mitteilungsabsicht im Modus des unsicheren Für-Wahr-Haltens« (Hausendorf 2010b: 184) typisch. Hausendorf bezieht sich hier auf von Polenz (2008: 219), der für die Sprechereinstellung des unsicheren Für-Wahr-Haltens die folgenden sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten nennt:

  performative Verben (ich vermute, ich nehme an/glaube/meine/halte für wahrscheinlich etc.) ← 319 | 320 →

  prädikative Hauptsätze (Es ist wahrscheinlich/damit zu rechnen, dass…; Es scheint so, als ob…)

  Modaladverbien (wahrscheinlich, vermutlich, gewiss, offenbar, sicher(-lich), vielleicht, eventuell etc.)

  Modalpartikeln (wohl, etwa)

  Modalverben in epistemischem Gebrauch (können, müssen, dürfen

In der Kommunikation über Kunst nimmt das Bewerten eine zentrale Stellung ein. In der Antwort auf die Frage, was vom Kunstwerk zu halten sei, können die Kommunizierenden ihr Gefallen oder Missfallen ausdrücken (vgl. Hausendorf 2006: 76). Als kennzeichnende Mittel des Bewertens nennt Hausendorf (2012: 115) Gefallen/Geschmack, Rang/Wert, Wirkung/Eindruck sowie Qualität. Über die sprachliche Ebene kann gesagt werden, dass das Verb gefallen und das Adjektiv schön in der Kommunikation über Kunst äußerst frequent sind (vgl. Hausendorf 2006: 76–77). Thim-Mabrey (2007: 108) konstatiert bezüglich wertender Lexeme, dass neben stark wertenden Ausdrücken417 das einfach qualifizierende Adjektiv gut »schon fast als mit guten Gründen vorenthaltenes Lob verstanden werden muss.« Von Polenz (2008: 218–219) weist darauf hin, dass ein Unterschied gemacht werden sollte zwischen bewertenden Sprecherhandlungen, bei denen die Bewertung im Zentrum steht, und bewertenden Sprechereinstellungen, die eher nebenbei geäußert werden, beispielsweise in adverbialen oder attributiven Zusätzen, Modalpartikeln und Modalverben oder Wort-Konnotationen. Schließlich bleibt zu sagen, dass Bewertungen oftmals sehr kurz ausfallen (vgl. Hausendorf 2006: 77).

Kommunikation über Bilder kann innerhalb oder außerhalb von Bildern stattfinden. Da die Kommunikation im Bild – wie bereits festgestellt – bisher kaum von der Forschung beachtet wurde, wird im kommenden Teilkapitel detailliert darauf eingegangen.

8.2  Kommunikation im Bild

Bei der Produktion von multimodalen Kommunikaten kann sowohl ein Text bebildert als auch ein Bild betextet werden. Stöckl (2004b: 251) merkt kritisch an, dass die Funktionsrichtungen Visualisierung bzw. Vertextung eng miteinander verbunden sind und es folglich nicht gerechtfertigt sei, von einer Visualisierung und somit von einer einseitigen, logozentrischen Gerichtetheit auszugehen. Im Folgenden soll nun explizit die konträre Ausrichtung im Mittelpunkt stehen, das heißt die Vertextung von Bildern, denn Notizen werden dem Bild stets nachträglich hinzugefügt. Werden ← 320 | 321 →

Bilder mit Text versehen, so kann dies zum einen in Form von Bildunterschriften o. Ä. geschehen, der Text wird also neben dem Bild platziert. Zum andern können Texte auch innerhalb des Bildes angebracht werden – Stöckl (2004b: 27) spricht hier von »applizierte[r] Schrift im Bild«. Bezüglich der räumlichen Positionierung von Text und Bild unterscheidet Stöckl (2011c: 56) zwei Arten: »Entweder folgt Sprache auf das Bild oder umgekehrt (linearisiertes Muster) oder sie sind räumlich-grafisch ineinander integriert (simultanes Muster).« Burger und Luginbühl (2014: 180) konstatieren für Fernsehbilder, dass es zwei Verwendungsweisen von Schrift in Bildern gibt, und zwar Texte, die bereits in den gefilmten Bildern enthalten sind, sowie solche, die nachträglich elektronisch ergänzt werden (sogenannte Inserts). Erstere bezeichnen Burger und Luginbühl (ebd.) in Anlehnung an die Terminologie der Narratologie als intradiegetisch, Letztere als extradiegetisch. Aufgrund des begrenzten Raumes muss es sich bei den extradiegetischen Texten, um die es im Folgenden gehen wird, um »kleine Texte« (Hausendorf 2009: 5) handeln.

8.2.1  Notizenkommunikation im Web

Insbesondere im Web lassen sich Beispiele für Bilder mit extradiegetischen Texten finden. Zuweilen wird schon durch die benutzte Technik deutlich, dass die Texte dem Bild nachträglich hinzugefügt wurden: Auf Bildern können sogenannte Hoverboxen418 platziert werden. Wie der englische Name bereits sagt, sind dies schwebende Texte, die zusammen mit einer transparenten Pop-up-Box419 erscheinen, wenn man mit der Maus über das mit einem extradiegetischen Text versehene Bild fährt (sogenannte Mouseover-Position). Sind auf einem Bild mehrere Hoverboxen angebracht, werden bei Mouseover-Position zunächst alle Boxen angezeigt. Um die Notiztexte lesen zu können, muss wiederum der Mauszeiger über das entsprechende Notizfeld geführt werden, d. h. es sind niemals alle Notiztexte eines Bildes gleichzeitig sichtbar.420 ← 321 | 322 →

Als Beispiel für Notizenkommunikation im Web sei zunächst die Suchmaschine Bing von Microsoft genannt. Das Suchfeld auf der Startseite ist in ein täglich wechselndes Hintergrundbild eingebettet, welches mit Hoverboxen versehen ist. Diese extradiegetischen Texte bieten Fragen oder Erklärungen und enthalten allesamt Hyperlinks, die auf – meist weiterführende oder beantwortende – Text- oder Bildersuchanfragen verweisen. In Abbildung 62 beispielsweise gelangt man über den Ankertext Dabei sieht man meist nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs zur Bing-Bildersuche mit den Ergebnissen zum Suchterm Eisberg. Das Personalpronomen man referiert auf den Nutzer oder die Nutzerin, der bzw. die den Link anklicken soll; das Adverb meist sagt aus, dass auf den meisten Bildern des Suchergebnisses die Spitze von Eisbergen zu sehen ist, was für Fotografien, nicht aber für Infografiken, die seltener zu finden sind, gilt. Dem Ankertext geht der Satz Solche schwimmenden Berge sind auf jeden Fall sehr eindrucksvoll voraus. Mit dem Demonstrativpronomen solche wird einerseits auf den abgebildeten Eisberg Bezug genommen, andererseits wird ausgesagt, dass weitere Eisberge, die gleich beschaffen sind, ebenfalls eindrucksvoll sind, wovon man sich durch den Klick auf den Ankertext überzeugen soll.

Abbildung 62:  Bing-Startseite mit eingeblendeter Hoverbox421

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Auch in Social-Sharing- und Social-Networking-Communitys ist das Anbringen von Hoverboxen möglich. In Social-Networking-Communitys können normalerweise Personen über Hoverboxen markiert und gleichzeitig das Foto mit deren ← 322 | 323 → Profil verlinkt werden. Um keine Persönlichkeitsrechte von abgebildeten Nutzerinnen und Nutzern zu tangieren, wurde statt eines Beispiels aus einer Social-Networking-Community mit Abbildung 63 ein Beispiel von Flickr mit Puppen gewählt.

Abbildung 63:  Mit Notizen markierte Personen422

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Bei Flickr können sowohl Personen markiert als auch allgemeine Notizen hinzugefügt werden. Im Gegensatz zu anderen Systemen, in denen die Form und Größe der Hoverbox festgelegt ist, können diese beiden Faktoren auf Flickr selbst bestimmt werden.423 Die Notiztexte erscheinen – sofern sie nicht von der Bildurheberin oder dem Bildurheber erstellt worden sind – ergänzt mit dem Usernamen der Verfasserin oder des Verfassers (vgl. Abbildung 65 oder 66) in einem mit Farbe hinterlegten Textfeld neben der Hoverbox. Für eine Notiz stehen 300 Zeichen zur Verfügung, also etwa der doppelte Umfang eines Tweets (140 Zeichen) oder einer SMS (160 Zeichen). Dass diese Zeichenzahl bei Weitem nicht ausgeschöpft wird, sondern Notizen durchschnittlich lediglich 35 Zeichen umfassen, habe ich bereits andernorts gezeigt (vgl. Müller 2012a: 54 sowie die Resultate in Kapitel 9.3.1).

Die Notizen in Abbildung 64 und 65 und fallen mit 26 bzw. 25 Zeichen sogar noch kürzer aus. In beiden Notizen wird sowohl mit dem Lokaladverb hier als auch mit der Hoverbox auf einen bestimmten Teil des Bildes verwiesen. In ← 323 | 324 → Abbildung 64 wird die Aussage durch 3a planta ergänzt: Zwar ist auf dem Foto ersichtlich, dass das dritte Stockwerk abgebildet ist. Da es sich um die Wohnung in einem Urlaub in Spanien handelt, wird jedoch mittels Codeswitching zusätzlich versucht, Lokalkolorit zu vermitteln. Der Notiztext Hier sitze ich gerade :-D in Abbildung 65 ist auf den ersten Blick irritierend, da auf der Bank niemand zu sehen ist.424 Wie aus Ergebnissen der Gestenforschung bekannt ist, kann jedoch »nicht nur auf Anwesendes gezeigt werden […], das wahrnehmbar ist, sondern auch auf Vorgestelltes« (Fricke 2007: 6). Der angefügte Smiley kann als Hinweis auf einen fiktiv-spielerischen Modus der Kommunikation interpretiert werden.425 Döring (2003: 296) führt folgende Merkmale für spielerisches Sozialverhalten an: »Freiwilligkeit, Spontaneität, Überraschung, intrinsische Motivation, Spaß, Aktivitätszentrierung (anstelle von Zielorientierung) und Fiktionalität (›Als-Ob‹, ›Was-Wäre-Wenn‹).« Theatralität, basierend auf Fiktionalität, ist also nicht nur eine »spielerisch genutzte Qualität von synchroner Online-Kommunikation« (ebd.: 298), sondern auch von asynchroner (vgl. Müller 2010: 242–250).

Abbildung 64:  Notiz bei Flickr426

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Abbildung 65:  Notiz bei Flickr427

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Abbildung 66:  Notiz bei Flickr428

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Das Spiel in Abbildung 65 wird von einem anderen Nutzer fortgeführt: Mit der Aufforderung Rutsch maln Stückchen... ;-o) in der zweiten Notiz wird auf die Aussage Hier sitze ich gerade :-D reagiert. Der spielerische Modus im Sinne der Fiktionalität in der Notizenkommunikation kann als Reaktion auf die in der Bildbeschreibung geäußerte Aufforderung Take a rest and sit down! :o) verstanden werden. Es handelt sich folglich in diesem Beispiel um fiktive Referenzen. Wie von Polenz (2008: 119) ausführt, kann auf fiktive Dinge Bezug genommen werden, »wenn man deren Existenz für eine bestimmte Phase des Kommunikationsverlaufs (für einen Satz, einen Textabschnitt, einen ganzen Text oder Textzyklus)« annimmt.

Etwas anders sieht das Verweisen auf einen Menschen in einem Bild aus, wenn die Person wie in Abbildung 66 tatsächlich auf dem Foto abgebildet ist. Sachs-Hombach und Schirra (2011: 116) weisen allerdings darauf hin, dass beim deiktischen Verweis auf ein Foto lediglich auf die Abbildung und nicht auf die Person referiert wird: »Die Person ist natürlich im Bild, das heißt: zu sehen in dem mithilfe des Bildes vergegenwärtigten situativen Kontext« (ebd.: 116, Herv. im Original).

Eigennamen429 – wie auch beispielsweise der Username *Yvonnne* in Abbildung 66 – werden in der Sprachphilosophie zu den sogenannten Nominatoren gezählt. Einerseits verweist das Personalpronomen ich in Abbildung 66 auf die abgebildete Person, andererseits wird ihr zugleich ein Eigenname zugeordnet. Nominatoren umfassen darüber hinaus auch deiktische Verweise und definite Kennzeichnungen (vgl. Sachs-Hombach, Schirra 2011: 100–101). Kennzeichnungen referieren auf Individuen und bestehen im Deutschen zumeist aus einer Nominalphrase mit definitem Artikel (vgl. Ebert et al. 2010: 335). Ein Beispiel finden wir in Abbildung 67: Der höchste Punkt des Kanton Bern. Bei definiten Kennzeichnungen kann es zu zweierlei Problemen kommen: Es stellt sich erstens die Frage, worauf eine Kennzeichnung referiert, wenn kein Objekt existiert, auf das die Kennzeichnung zutrifft. Kommen hingegen mehrere Objekte in Frage, stellt sich zweitens das Problem, dass eruiert werden muss, worauf eine Kennzeichnung sich bezieht. In solchen Fällen muss eine zusätzliche Qualifizierung angefügt werden, damit die Einzigkeitsbedingung erfüllt werden kann (vgl. ebd.: 335), in Abbildung 67 also des Kanton Bern (und nicht: der Schweiz oder der Welt). ← 325 | 326 →

Wenn allerdings Kennzeichnungen – wie beispielsweise in Notizen – konkret in Zusammenhang mit einem Bild stehen, sollte es zu keinem der genannten Probleme kommen. Es sei angemerkt, dass in der Notiz in Abbildung 67 nicht nur mittels einer definiten Kennzeichnung, sondern auch mit dem Eigennamen Finsteraarhorn auf das Objekt referiert wird. Die beiden Ausdrücke sind somit koreferent.

Während demnach mit der Nomination auf konkrete Objekte verwiesen wird, werden mittels der Prädikation diesen Objekten Eigenschaften zugeschrieben (vgl. Sachs-Hombach, Schirra 2011: 100). In Abbildung 68 liegt mit dieses […] Haus zunächst eine Nomination in Form eines deiktischen Verweises vor. Mit dem Prädikator schön weist der Verfasser der Notiz dem erwähnten Objekt aus seiner subjektiven Sicht eine Eigenschaft zu.

Abbildung 67:  Notiz bei Flickr430

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Abbildung 68:  Notiz bei Flickr431

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Notizen können darüber hinaus dazu verwendet werden, Bilder mit Metainformationen zu versehen. Wie in Abbildung 63 können sie ähnlich wie Tags (Feuerwerk, Becher von Oma) ausfallen oder aber eine Funktion wie Bildkommentare ausüben. Notizen machen somit eine Kommunikation über das Bild im Bild möglich. Tags werden stets einem kompletten Bild zugewiesen. Untersucht man allerdings die Tag-Bild-Bezüge, so stellt man fest, dass die Tags sich sowohl holistisch als auch partiell auf das Bild beziehen können. Notizentexte hingegen verweisen stets nur auf den mit der Hoverbox markierten Ausschnitt des Bildes.

Vergleicht man die Notizenkommunikation mit einem Face-to-Face-Gespräch, wird deutlich, dass den Hoverboxen die Funktion des Zeigens mittels (Zeige-)Finger432 oder Hilfsmitteln wie Stiften oder Laserpointern entspricht. ← 326 | 327 → Verbal realisierte Deiktika implizieren eine »Zeigegestennotwendigkeit« (Fricke 2012: 66); umgekehrt ist zu erwarten, dass bei Zeigegesten, seien sie redebegleitend oder im Falle von Hoverboxen in Bildern textbegleitend, auch häufig deiktische Ausdrücke verwendet werden.

Nutzerinnen und Nutzer von Foto-Communitys können – bei entsprechender Erlaubnis durch die Einstellungen des Urhebers bzw. der Urheberin der jeweiligen Fotoseite – zwischen Kommentaren unterhalb oder Notizen innerhalb des Bildes wählen. Die Kommunikation über Notizen besteht aus einer Kombination aus nonverbalem (Hoverbox) und verbalem Zeigen (Notiztext). Ein Vorteil dieser Art von Kommunikation ist der folgende: »In Zweifelsfällen und in Fällen, in denen es auf Details ankommt, hilft unter Anwesenden das Zeigen, dient es doch genau dazu, sinnliche Wahrnehmung(en) kommunikativ verläßlich [sic!] zu etablieren, also, wenn man so will, Wahrnehmung unmittelbar in die Kommunikation einzubinden« (Hausendorf 2006: 89–90). Ist das Zeigen, wie etwa in Flickr-Kommentaren, nicht möglich, so müssen Wahrnehmungen verbalisiert werden, wenn man auf ein Bild verweisen möchte. Folglich ist ein weiterer Vorteil der Kommunikation mittels Notizen die Sprachökonomie: »The verbalization of a certain perception […] indeed establishes its communicative relevance and, in this way, can be considered as functionally equivalent with deictic means […]. Pointing is, nevertheless, in most situations considerably more economical and effective than verbalizing perceptions« (Hausendorf 2003: 258).

Bei Flickr selbst wird die Funktion der Notizen wie folgt beschrieben: »notes […] allow you to annotate regions of photos, pointing out the people, places and things which make up the story.«433

Abbildung 69:  Sticky Note bei Diigo

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In fortschrittlichen Social-Bookmarking-Communitys wie beispielsweise Diigo lassen sich mit Sticky Notes Annotationen verfassen. Ähnlich wie mit Klebezetteln können hier Notizen auf Websites angebracht werden (vgl. Abbildung 69), diese müssen allerdings (noch) an textuellen Elementen festgemacht werden.

8.2.2  Bildinschriften auf Postkarten

Kommunikation im Bild gab es schon lange vor der Kommunikation im Web. In mittelalterlichen Handschriften beispielsweise lassen sich Spruchbänder finden, das sind »von Figuren gehaltene Rollen, Bänder etc. als Schriftträger« (Jakobi-Mirwald 1991: 33). Spruchbändern kommt dabei oftmals die Funktion von Sprechblasen in modernen Comics zu (vgl. Wittekind 1996: 343). Um 1200 herum waren Spruchbänder ein geläufiges Darstellungsmittel in Bildern; oftmals wurden mittels Spruchbändern auch Dialoge wiedergegeben (vgl. ebd.: 353). Solche Figurenrede findet sich nicht nur in Comics, sondern auch in Flickr-Notizen wieder (vgl. Kapitel 9.3.3). Doch gibt es darüber hinaus weitere kommunikative Funktionen von Notizen, die weder in Spruchbändern noch in Comics auszumachen sind, sondern vielmehr auf Postkarten. Um eine historische Perspektive weiterer kommunikativer Funktionen von Notizen aufzuzeigen, sollen im Folgenden Bildinschriften auf Postkarten näher beleuchtet und mit der Notizenkommunikation im Web verglichen werden.

Was die historische Entwicklung der Postkarte anbelangt, so muss im Hinblick auf Bildinschriften erwähnt werden, dass die ersten Postkarten keine Bilder enthielten, sondern nur Schrift.434 Der Versand von Bildpostkarten wurde erst 1885 von der Deutschen Reichspost offiziell erlaubt (vgl. Holzheid 2011: 271–272). Zunächst wurde der Sendertext bei Bildpostkarten auf der Bildseite platziert (vgl. ebd.: 280):

      »Tendenziell erhielten die Bilder ab den 1890er Jahren beinahe Seiten füllendes Format, wobei helle Farbzonen vorhanden waren, die als Übergangsbereich zwischen Bild und Textfläche optional vom Sender als Bildbereich oder als Schriftbereich definiert wurden. Da es sich bei den Bildern oftmals um Landschaften und städtische Ansichten handelte, wurden die Sendertexte als Himmelsschriften und Wegeschriften im Bild und entlang der freien Ränder geschrieben. Offensichtlich sollte primär die Bildaussage durch eine hinzugefügte Senderschrift nicht gestört werden, das Bild nicht verunreinigt werden. Als auffällig sind daher Kommunikate zu lesen, die nicht die behutsame Integration der Schrift aufweisen, sondern an prominenter Bildstelle oder auch schriftdeckend über die Bildfläche hinweg beschrieben sind.« (ebd.: 277)

Erst etwas später wurde die Trennung von Bild- und Textseite, wie sie noch heutzutage üblich ist, vorgenommen. Abbildung 70 ist ein Beispiel für eine Postkarte, die bereits ← 328 | 329 → über getrennte Bild- und Textseiten verfügt. Obwohl auf der Textseite ein kurzer Sendertext vorhanden ist, lässt sich auf der Bildseite eine Himmelsschrift finden: Samstag 4.9.09 – Partie zum Lauchensee. Schöngelegener Hauptort des oberen Lauchthal.

Abbildung 70:  Postkarte mit Himmelsschrift (ungelaufen, 4. September 1909)435

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Als Postkartenkommunikat definiert Holzheid (2011: 28) eine kommunikative Einheit, bestehend aus fünf möglichen Elementen:

       1)  Trägermaterial (in der Regel Karton)

       2)  Sendertext, bestehend aus Empfängeradresse, Textmitteilung(en) und fakultativer Angabe der Senderadresse

       3)  Senderbildelemente (selbstfabrizierte Bildanteile)

       4)  Trägertext (Formularaufdruck der Post, privatindustrielle Textapplikationen wie z. B. Legenden, Sprüche, Verse)

       5)  Trägerbildelemente (industrielle Bildapplikationen sowie weitere mögliche Zitate aus der Kultursymbolik wie z. B. Liedgut).

Die in Abbildung 70 zu sehende Postkarte enthält sowohl Trägerbildelemente als auch -texte.436 Diese intradiegetischen Texte sind von den extradiegetischen ← 329 | 330 → zu unterscheiden, also den Sendertexten, die sich wiederum auf die intradiegetischen beziehen können. Unter Sendertext sind »die von einem oder mehreren Sendern schriftlichen Hinzufügungen« (ebd.: 16) zu verstehen. In Abbildung 70 besteht der Sendertext, wie bereits erwähnt, aus einer Himmelsschrift und einer kurzen Notiz auf der Rückseite, die sowohl auf der Mitteilungs- als auch auf der Adressseite platziert ist. Folglich handelt es sich um eine ungelaufene Postkarte ohne Empfängeradresse. Senderbildelemente sind ebenfalls nicht vorhanden.

Auch nachdem die Trennung in Bild- und Sendertextseite vollzogen war, wurden gelegentlich noch Bildinschriften angebracht, zumeist auf fotografischen Abbildungen durch Index-Pfeile oder -Kreuze mit dokumentarischer Funktion wie beispielsweise die seit den Urlaubspostkarten der 1950er-Jahre bekannte Kennzeichnung der Unterkunft (vgl. ebd.: 292). Da die Postkartenkommunikation eine asynchrone Kommunikationsform darstellt, können Pfeile als Ersatz für den (Zeige-)Finger und somit als Hilfsmittel gesehen werden, die zwischen dem Text und dem Postkartenbild vermitteln: »Eine bedeutende Wende in der Zeichengeschichte des Pfeils resultiert aus der Tatsache, dass der Pfeil im Zielen das Potenzial zum Zeigen besitzt« (Storrer, Wyss 2003: 168).

Abbildung 71:  Postkarte mit Markierung der Unterkunft (ungelaufen, undatiert, Herv. CMS)

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In Abbildung 71 finden wir einen Pfeil, der zusammen mit dem Text Hier wohnen wir / im II. Stock auf die Fotografie verweist. Der Pfeil zeigt auf eine Kirche, die aber nicht gemeint sein kann. Bei näherem Hinschauen fällt der zweite Pfeil innerhalb des Bildes auf, der auf dem betreffenden Haus platziert ist. Vergleicht man die Postkarte mit der Flickr-Notiz in Abbildung 64, lässt sich unschwer erkennen, dass Bildinschriften auf Postkarten als Vorform der Notizenkommunikation im Web angesehen werden können.

Abbildung 72:  Postkarte mit Bildinschriften, gelaufen 1905 (Holzheid 2011: 372)

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Der in Abbildung 72 gezogene Kreis mit der Beschriftung Luftbad ist einer Foto-Community-Notiz erstaunlich ähnlich. Interessanterweise werden auf dieser Postkarte außerdem drei weitere Mittel verwendet, um die Aufgabe des Bezugnehmens zu lösen: 1) der bereits erwähnte Pfeil (Speisesaal), 2) die direkte Beschriftung von Objekten (Liegehalle, Kurhaus) sowie 3) das Kreuz und die dazugehörige Legende Das Kreuz bezeichnet meine Lufthütte hinter der Waldecke. Während 1) und 2) als Varianten von ›Notizen‹ gesehen werden können, gibt es für 3) ebenfalls eine Entsprechung in Foto-Communitys. Wie ich in Müller (2012a: 55) gezeigt habe, lassen sich auch bei Flickr Notizen finden, die lediglich die Aufgabe des Bezugnehmens erfüllen. In dazugehörigen Kommentaren wird wiederum auf die Notiz verwiesen und es werden weitere kommunikative Aufgaben erfüllt. ← 331 | 332 →

Die direkte Beschriftung von Objekten dient der Lösung der kommunikativen Aufgabe des Beschreibens. Die in Social-Networking- und Social-Sharing-Communitys übliche Praxis des Markierens und Beschriftens von Personen verfügt ebenfalls über einen Vorläufer in der Postkartenkommunikation. Wie in Abbildung 73 zu sehen ist, wurden die beiden bürgerlich gekleideten Mädchen mit den Namen Else R. und Ida R. versehen. Es handelt sich dabei allerdings nicht um die tatsächlichen Namen der Abgebildeten, sondern um die Adressatinnen der Postkarte. Nach Holzheid (2011: 288) sollte durch die Gleichsetzung einer positiv konnotierten Bildfigur mit der Adressatin die phatische Qualität der Kommunikation erhöht werden.

Abbildung 73:  Postkarte mit Bezeichnung von Personen, gelaufen 1898 (Holzheid 2011: 399)

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Auch in Abbildung 74 wurde der auf der Karte abgebildete Mann mit dem Namen Joseph versehen – in diesem Fall ist es aber der Absender, der sich mit dem Abgebildeten identifiziert. Der Name ist, wie auch die Adresse, in lateinischer Schrift verfasst; für die Textmitteilung hingegen wurde die deutsche Kurrentschrift, die damals übliche Schreibschrift, gewählt.437 Das Nebeneinander von ← 332 | 333 → deutschen und lateinischen Schriftarten eröffnete den Schreibern Möglichkeiten zur kreativen Gestaltung von Texten. So verwendete der eben genannte Joseph in einer weiteren, an dieselbe Frau gesendeten Postkarte (vgl. Abbildung 75) für den Namen sowie die Wortform geeilt ebenfalls lateinische, für den restlichen Mitteilungstext jedoch deutsche Buchstaben. Durch die Verwendung einer anderen Schriftart wird der Text hervorgehoben; bei geeilt geschieht dies zusätzlich durch die typographische Auszeichnung des Unterstreichens. Die Verwendung unterschiedlicher Schriftarten innerhalb eines Schriftsystems ist eine Möglichkeit, die beim Verfassen von Notizen in Foto-Communitys nicht gegeben ist; lediglich verschiedene Schriftsysteme können gewählt werden, was sich für einsprachige Kommunikation jedoch nicht eignet.

Abbildung 74:  Liebespostkarte (gel., 26.08.1908)

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Abbildung 75:  Liebespostkarte (gel., 16.08.1908)

image ← 333 | 334 →

Die Schriftrichtung ist eine weitere Komponente, die – im Gegensatz zu Notizen in Foto-Communitys – auf Postkarten beliebig ausgestaltet werden kann.438 In Abbildung 75 ist nach der Grußformel Die herzlichsten Grüße & Küsse sendet der Name des Absenders (dein Joseph) sowie das Lemma Wiedersehen in Spiegel-schrift gesetzt, d. h. die eigentlich dextrograde lateinische Schrift wird linksläufig geschrieben. Darüber hinaus ist der auf dem Kleid der Frau angebrachte Text 12 1/2 Uhr hier gut angekommen Joseph vertikal statt horizontal ausgerichtet. Dass dieser Text wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt worden ist, lässt sich aufgrund der unterschiedlichen Schriftfarbe, die auf einen dunkleren Stift hinweist, vermuten; liest man den Mitteilungstext oben rechts auf der Karte, wird klar, dass dieser Text bei der Abreise, der hellere bei der Ankunft verfasst wurde: Unter der deinem Sonnen- / schirm geh ich gern, bis die / Stunde schlägt daß wo es / heißt es ist die höchste Zeit / jetzt heißts zu Bahn geeilt. In Foto-Community-Notizen hingegen ist weder eine Auswahl der Schriftfarbe noch der Schriftart möglich. Nicht nur die Schriftrichtung, sondern überhaupt die Platzierung und Form von Textzeilen kann bei handschriftlichen Texten beliebig vorgenommen werden. In Abbildung 74 beispielsweise ist der Text bogenförmig angeordnet: siehst du etwas freundlicher wie gewöhnlich / Ein frohes Wiedersehen macht / Freude. Das Lexem Freude ist exakt zwischen den Gesichtern des sich an- bzw. wiedersehenden Liebespaares gesetzt, kann dementsprechend mit dem Bild zusammen als Wiedersehensfreude verstanden werden.

Postkarten, die für die Liebeskommunikation genutzt wurden und werden, zeichnen sich einerseits durch ausgesprochen private Kommunikationsinhalte aus, andererseits sind Ansichtskarten ›geöffnete Briefe‹. Im Russischen macht dies bereits die Bezeichnung deutlich: Die Ansichtskarte wird открытка genannt, abgeleitet von открытый, das sowohl Adjektiv (offen) als auch Partizip des Verbs открыть (geöffnet) sein kann, auf Deutsch also die Offene oder die Geöffnete. Wahrscheinlich liegt dem Ausdruck ursprünglich eine Form wie открытая карта (offene Karte), открытая почта (offene Post) oder открытая почтовая карточка (offene Postkarte) zugrunde.439 Im Deutschen nannte man die Drucksachenkarte, eine Vorläuferform der Postkarte mit Einsatz im geschäftlichen Bereich, ebenfalls offene Karte. Diese Offenheit der Postkarte bringt es mit sich, dass sie als teilöffentliche Kommunikationsform eingestuft werden muss. Teilöffentliche Kommunika ← 334 | 335 → tion findet in einem Kommunikationsraum statt, der nicht frei zugänglich ist; im Zusammenhang mit Social-Networking-Communitys hat Dürscheid (2007: 30) erläutert, dass eine Einladung zur Teilnahme notwendig ist und somit konkret einzelne Personen von der Kommunikation ausgeschlossen werden können.

In Bezug auf Postkarten kann festgehalten werden, dass unterschieden werden muss »zwischen einer exklusiven privaten Rezeption, in der nur der designierte Adressat die Botschaft aufnimmt, im Gegensatz zu einer inklusiven offenen Rezeption, in der zusätzlich ein weiterer Zirkel an eingeweihten Rezipienten den Briefinhalt zur Kenntnis nimmt« (Holzheid 2011: 73, Herv. im Original). Häufig also wurden Postkarten – ebenso wie Briefe – im Familien- oder Freundeskreis laut vorgelesen, was einer Teilöffentlichkeit440 gleichkommt. Im Gegensatz zu Briefen signalisierte man mit der Verwendung einer Postkarte deutlich, »dass das Kommunikat durch das Umfeld des designierten Adressaten rezipiert werden darf/kann« (ebd.: 139). Was die sprachliche Ausgestaltung von Sendertexten betrifft, kann festgestellt werden, dass wohl gerade in der Liebeskommunikation nach Möglichkeiten gesucht wurde, private Nachrichten chiffriert zu übermitteln. Durch solche Verschlüsselungen waren Postkartenkommunikate zwar zugänglich im Sinne von rezipierbar, doch nur für die direkten Adressatinnen und Adressaten dechiffrierbar und die Bedeutung erschließbar. Schlaefer (2002: 55) nennt in Bezug auf Geheimsprachen verschiedene Manipulationsmöglichkeiten auf lexikalischer Ebene, so beispielsweise die Veränderung der Ausdrucksseite von bekannter Lexik durch Umstellung von Silben oder Einschüben von Vokalen und Konsonanten. Auch die Konventionalität der Zuordnung von Zeicheninhalt und Zeichenform kann missachtet werden: »Bei solchen Manipulationen wird der Nichteingeweihte durch die formale Gleichartigkeit der gemeinsprachlichen und geheimsprachlichen Lexeme über deren inhaltliche Unterschiede getäuscht« (ebd.: 55).

Eine weitere Möglichkeit, geheime Nachrichten zu übermitteln, stellte das Anbringen von Liebesbotschaften unter der Briefmarke dar (vgl. Holzheid 2011: 338). Auch die Briefmarke selbst konnte der nonverbalen Kommunikation dienen: Je nach Winkel, in dem die Marke aufgeklebt wurde, und je nach verwendetem Briefmarkenschlüssel441 konnte man der Empfängerin oder dem Empfänger eine versteckte Botschaft zukommen lassen. Auch der Sender der Postkarten in Abbildung 74 und 75 brachte die Briefmarken in einem 45°-Winkel ← 335 | 336 → an. In Holzheid (2011: 310) befindet sich eine Übersicht von 13 verschiedenen Briemarkenschlüsseln, nach welchen die gewählte Ausrichtung der Briefmarke Ich liebe Dich unendlich, Komme bald, Ein Kuss/Mich nicht vergessen, Du bist mein Glück, Schreibe sofort etc. heißen kann.

Doch auch ohne explizite oder implizite Liebesbotschaften konnten Postkarten – insbesondere Bildpostkarten – für die phatische Liebeskommunikation eingesetzt werden. Die beiden Postkarten in Abbildung 74 und 75 gehören zu einer mehrteiligen Serie, die oftmals im Sinne eines Präsentes verschickt wurden (vgl. ebd.: 325).

8.3  Synopse

In der linguistischen Forschung war die Kunstkommunikation lange Zeit ein unerforschtes Gebiet, insbesondere die Kunstkommunikation von Laiinnen und Laien. Bisher galt, dass sich Expertinnen und Experten überwiegend medial schriftlich, Laiinnen und Laien hingegen hauptsächlich medial mündlich über Kunst äußerten. Die Kommunikation über Kunst in Social-Sharing-Communitys stellt insofern ein Novum dar, als hier Laiinnen und Laien medial schriftlich über Fotos kommunizieren. Da die Kommunikation öffentlich zugänglich ist, bilden solche Daten eine gute empirische Basis, um Kunstkommunikation von Laiinnen und Laien umfassender zu untersuchen.

Hausendorf (2011: 524) hat in seinen Untersuchungen fünf zentrale kommunikative Aufgaben ausgemacht, die – gemeinsam auftretend – für die Kommunikation über Kunst typisch sind: Bezugnehmen, Beschreiben, Deuten, Erläutern und Bewerten. Vergleicht man diese Aufgaben mit den Tätigkeiten, die für die Indexierung eines Bildes notwendig sind (vgl. Kapitel 5.6), können einige Parallelen festgestellt werden. Das Bezugnehmen in der Kunstkommunikation entspricht der Nomination, d. h. den Bezügen auf Gegenstände (vgl. Stöckl 2011c: 54). Das Beschreiben von Bildern kann mit der Ofness gleichgesetzt werden, also dem Benennen von Bildinhalten. Das Deuten entspricht der Aboutness, die in Kapitel 5.6 als Symbol- und Metaphernebene definiert wurde.442 Das Erläutern schließlich setzt Weltwissen und somit Fachkenntnisse voraus, welches der Isness in der Informationswissenschaft gleichkommt. Folglich sind es eher Fachpersonen als Laiinnen und Laien, die erläutern. Der Hauptunterschied zwischen den Aufgaben vor dem Kunstwerk und denjenigen bei der Bildindexierung liegt in ← 336 | 337 → der Prädikation, das heißt in der Eigenschaftszuweisung: Während in konventionellen Wissensorganisationssystemen keine Prädikationen vorgesehen sind, ist das Bewerten vor dem Kunstwerk die dominante und primäre Aufgabe (vgl. Hausendorf 2006: 81). Bei der Bewertung sollte allerdings weiter differenziert werden, ob sie sich auf das gesamte Bild oder nur auf Teile davon bezieht. Insbesondere bei Notizen ist zu erwarten, dass häufig Ausschnitte von Bildern bewertet werden. Darüber hinaus können sich Bewertungen zu Flickr-Fotos nicht nur auf das Foto als solches, sondern auch auf die abgebildeten Gegenstände beziehen. Werden diese positiv beurteilt, kann darin auch eine indirekte positive Wertung des Fotos gesehen werden.

Bei der Notizenkommunikation handelt es sich um ein simultanes Muster, d. h. der Text ist räumlich in das Bild integriert (vgl. Stöckl 2011c: 56). Notizen werden im Nachhinein elektronisch hinzugefügt, es sind also extradiegetische Texte (vgl. Burger, Luginbühl 2014: 180). Notizen zeichnen sich durch zwei Aspekte aus: Erstens ist die Kommunikation flüchtig, die Hoverboxen mit dem Notiztext erscheinen lediglich bei Mouseover-Position. Ausschließlich durch Screenshots kann das Kommunikat für die Analyse fixiert werden. Zweitens sind Notizen – im Gegensatz zu den Kommentaren – nicht mit einem Zeitstempel versehen, d. h. die chronologische Reihenfolge kann bestenfalls anhand des Inhalts oder der Anordnung der Notizen erschlossen werden (vgl. Kapitel 9.3.5).443

Kommentare innerhalb des Bildes sind keineswegs eine Novität: Bereits in mittelalterlichen Handschriften und auch in Comics wird mittels Figurenrede den Abgebildeten wörtliche Rede anhand von Sprechblasen in den Mund bzw. anhand von Spruchbändern in die Hand gelegt (vgl. Wittekind 1996: 352). Bei Notizen lassen sich weitere kommunikative Funktionen feststellen, die in Sprechblasen oder Spruchbändern nicht vorkommen, jedoch durchaus in Postkarten. Aus diesem Grund wurden Bildinschriften auf Postkarten ausgewählt, um die kommunikativen Funktionen mit denjenigen der Notizen zu vergleichen. Die kursorische Analyse von Bildinschriften brachte zutage, dass insbesondere das Bezugnehmen und die Beschreibung zentrale Funktionen darstellen.444 Vor allem die dokumentarische Funktion der Kennzeichnung durch ← 337 | 338 → Index-Pfeile und -Kreuze stellt eine beliebte Praktik der Bezugnahme dar. Das Beschreiben, das heißt die Nomination von Gegenständen oder Personen, ist die zweite Hauptfunktion von Bildinschriften auf Postkarten (vgl. Abbildung 73 und 74). Während in Notizen darüber hinaus weitere kommunikative Funktion relevant sind (vgl. Kapitel 9.3.3), fällt bei den Postkarten die Ausgestaltung des Notiztextes vielfältiger aus. So können auf Postkarten verschiedene Schriftarten eines Schriftsystems gemischt werden, zudem ist die Schriftrichtung und -farbe frei wählbar.

In der bisherigen Forschung folgten die analysierten Kommunikate meist dem linearisierten Muster. Kommunikate mit simultanem Muster, insbesondere solche mit extradiegetischen, also nachträglich ergänzten Texten, wurden kaum untersucht. So wäre eine Analyse von Bildinschriften auf Postkarten auf empirischer Basis ebenso wünschenswert wie Untersuchungen zu Kommentaren auf Werbeplakaten oder anderen Kommunikaten, die mit extradiegetischem Text versehen werden.

Die linguistische Forschung zum Thema Kunstkommunikation ist noch relativ jung, weshalb erst wenige einschlägige Publikationen dazu vorliegen. Die Arbeiten von Hausendorf (2007a; 2010a; 2010b; 2011; 2012) sind für die hier interessierende Laienkommunikation vor dem Kunstwerk zentral. Nennenswert ist zudem der von Hausendorf (2007b) herausgegebene interdisziplinär ausgerichtete Sammelband zum Thema Kunstkommunikation, insbesondere aus linguistischer Sicht der Beitrag von Thim-Mabrey (2007). In der bereits erwähnten, von Ekkehard Felder und Andreas Gardt herausgegebenen Handbuch-Reihe »Sprachwissen« wird auch ein Band zum Thema »Sprache in der Kunstkommunikation« erscheinen, herausgegeben von Heiko Hausendorf und Marcus Müller.

Was die Notizenkommunikation betrifft, so hat sich außer mir (2010; 2012a) noch niemand aus linguistischer Sicht damit beschäftigt. Im Folgenden seien die wenigen Arbeiten aus anderen Fachbereichen genannt, in denen Notizen näher analysiert wurden. Die Narratologin Marie-Laure Ryan (2012: 113) greift in ihrem Beitrag zum Zusammenhang von Narratologie und Raum ein Flickr-Beispiel heraus: Der Urheber des Fotos notierte auf einer Landkarte mittels Notizen Erinnerungen an seine Kindheit. P. Schmitz (2006b: 672) hat 850 Fotoseiten mit Notizen erhoben und diese analysiert. Er geht davon aus, dass mit Notizen überwiegend relevante Bildausschnitte markiert werden. Dies will er sich für zweierlei zunutze machen: Zum einen hat Schmitz ein Tool entwickelt, mit dem man mithilfe von Notizen den sogenannten Ken-Burns-Effekt erzielen kann. Es handelt sich dabei um eine Filmtechnik, bei der anhand von Schwenk- und Zoom-Effekten aus statischen Bildern dynamische gemacht werden. Zum andern hat Schmitz schon lange ← 338 | 339 → vor Zeiten445 des responsiven Webdesigns446 und noch vor Anbruch der Post-PCÄra erkannt, dass die Bildanpassung für kleinformatige Geräte – beispielsweise Smartphones oder Tablets – eine wichtige Rolle spielt. Bei der Auswahl des Bildausschnitts sollen die Notizen zurate gezogen werden. In diesem Zusammenhang also hat Schmitz analysiert, welche Verwendungsarten von Notizen überhaupt existieren (vgl. Kapitel 9.3.3).

Zhang et al. (2011) zeigen in ihrem Artikel, inwiefern sich mit Notizen versehene Flickr-Bilder als Trainingsmaterial für Objekterkennungssysteme nutzen lassen. Im Artikel von Jeong et al. (2011) schließlich ist das Ziel, aufgrund von ersten Notizen-Analysen Desiderate für die weitere Forschung zu formulieren. Potential sehen die Autoren – wie auch Zhang et al. – im Bereich Objekterkennungssysteme, darüber hinaus in der Untersuchung von emotionalen Reaktionen der Nutzerinnen und Nutzer auf Bilder sowie die Voraussage von Reaktionen auf Bilder aufgrund von sogenannten Sentimentanalysen. Sentimentanalysen (auch: Sentiment Detection) sind ein Teilgebiet des Text Minings und dienen dem Ziel, die Einstellung von Nutzerinnen und Nutzern aufgrund ihrer Texte automatisch zu eruieren. Damit sind diese Analysen insbesondere für die Marketingforschung besonders interessant, doch ließe sich mit einem solchen Ansatz sicherlich auch die bisherige linguistische Forschung zu Emotionen in Text-Bild-Relationen (vgl. Demarmels 2009; Ortner 2011) gewinnbringend ausbauen. ← 339 | 340 → ← 340 | 341 →


408   Unter Kunstkommunikation wird nicht nur Kommunikation über Kunst, sondern auch diejenige mit und durch Kunstwerke(n) verstanden (vgl. Hausendorf 2011: 510–511).

409   Auch diese Diskurse zum Thema, was Kunst überhaupt sei, können der Kunstkommunikation zugerechnet werden (vgl. Hausendorf 2006: 67).

410   Profi-Fotografinnen und Fotografen nutzen Flickr vor allem als PR-Plattform.

411   Gemeint ist nicht, dass die Kunstschaffenden und die Rezipierenden gleichzeitig anwesend sind, sondern vielmehr, dass (a-)synchrone Kommunikation zwischen den beiden überhaupt stattfinden kann (in einem virtuellen Raum).

412   http://www.flickr.com/photos/mbiker/2234263781/ (28.05.2013).

413   Bei digitalen Kameras entsprechend die Empfindlichkeiten von Digitalfotosensoren.

414   http://www.flickr.com/photos/schattengefluester/4895027254 (15.07.2013).

415   Hausendorf (2006: 96) weist darauf hin, dass es sich bei diesen Aufgaben um allgemeine kommunikative Aufgaben handelt, die demnach auch in anderen Kontexten anzutreffen sind. Die Aufgaben sind lediglich in dieser Kombination charakteristisch für die Kommunikation über Kunst.

416   Eine Ausnahme stellen Fotos dar, die als Bilderrätsel konzipiert sind und bei denen erraten werden soll, was auf dem Bild(-ausschnitt) abgebildet ist.

417   Gemeint sind Ausdrücke der verstärkenden und überhöhenden Begeisterung, welche die sogenannte Exaltationskommunikation ausmachen (vgl. Thim-Mabrey 2007: 105).

418   Auch im Bereich der Werbung wird eine ähnliche Technik eingesetzt. Herkömmliche Werbeanzeigen in Pop-up-Fenstern können mit Pop-up-Blockern ausgeblendet werden, die sich immer mehr verbreitenden Hover Ads (auch Layer Ads, also Schichtanzeigen) hingegen (noch) nicht.

419   Eine andere Form des Pop-ups neben dem traditionellen Pop-up sind die sogenannten Tooltips. Bei graphischen Benutzeroberflächen erscheinen bei Mouseover-Position Beschreibungstexte, die den Nutzerinnen und Nutzern Informationen liefern.

420   Dies stellt insbesondere eine Herausforderung bei der Datenerhebung dar: Notiztexte können nur mittels Screenshots abgespeichert werden, wobei für jede einzelne Notiz ein separater Screenshot notwendig ist. Für die Darstellung in einem Buch wie dem vorliegenden müssen die einzelnen Screenshots übereinander kopiert werden.

421   http://www.bing.com/ (18.10.2012).

422   www.flickr.com/photos/mesiplus/342916185/ (29.05.2013).

423   Die einzige Vorgabe ist die rechteckige Form, doch können Länge und Breite beliebig festgelegt werden.

424   Denkbar – wenn auch nicht sehr wahrscheinlich – wäre allerdings auch die Situation, dass der oder die Urheberin der Notiz mit einem mobilen Gerät sich auf die im Foto abgebildete Bank gesetzt und die Notiz dort geschrieben hat.

425   An anderer Stelle habe ich an einem exzessiv mit Notizen versehenen Flickr-Album, in dem in spielerischem Modus kommuniziert wurde, gezeigt, dass in über 30 % der darin verfassten Notizen Emoticons verwendet wurden (vgl. Müller 2010: 246).

426   http://www.flickr.com/photos/derpuett/2866058702/ (07.07.2013), Ausschnitt.

427   http://www.flickr.com/photos/gluecksklee/2902101171/ (07.07.2013), Ausschnitt.

428   http://www.flickr.com/photos/krinna/527646951/ (07.07.2013), Ausschnitt.

429   Eigennamen werden nicht nur zur Bezeichnung von Personen verwendet, »sondern auch für Städte, Staaten, Flüsse, Seen, Meere, Berge, Himmelskörper und Sternbilder genauso wie für abstrakte oder in der tatsächlichen Welt nichtexistente Objekte« (Ebert et al. 2010: 335).

430   http://www.flickr.com/photos/40826712@N00/575838708/ (07.07.2013), Ausschnitt.

431   http://www.flickr.com/photos/happycat/545103678/ (07.07.2013), Ausschnitt.

432   »Die Zeigegeste als redebegleitende Geste ist durch eine große Formvariabilität gekennzeichnet. Die deiktische Funktion des hinweisenden Zeigens ist nicht an die tendenziell konventionalisierte Form der typischen Zeigefingergeste gebunden« (Fricke 2007: 155).

433   http://blog.flickr.net/en/2004/05/09/news-2004–5-09/ (29.05.2013).

434   Einen umfassenden historischen Überblick zur Postkarte bietet Holzheid (2011).

435   Gelaufen bzw. ungelaufen sind die üblichen Fachtermini für versendet bzw. nicht versendet. Alle Postkarten ohne Quellenangabe befinden sich im Besitz der Verfasserin.

436   Auf der Vorderseite sind dies Lauterbach bei Gebweiler O.-Els./Blumenthal und auf der Rückseite auf der linken Mitteilungsseite Mitteilungen sowie der Hersteller der Postkarte, Kunstverlag J. Kuntz, Gebweiler; auf der rechten Adressseite ist POSTKARTE/An/in zu lesen.

437   In der Umgangssprache werden teilweise unkorrekterweise alle deutschen Schreibschriften als Sütterlinschrift bezeichnet. Darunter jedoch sind nur die vom Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin im Auftrag des preußischen Kultusministeriums 1911 entwickelten deutschen und lateinischen Schulausgangsschriften zu fassen (vgl. Strauch, Rehm 2007: 411). Insbesondere die deutsche Schulausgangsschrift, die auf der deutschen Kurrentschrift basierte, erlangte größere Bekanntheit.

438   Auf Flickr ist eigentlich nur dextrograde Schrift vorgesehen. Es wäre lediglich möglich, einen sogenannten Upside Down Text zu verfassen, was aber sehr umständlich wäre: Der Text wird um 180° gedreht, indem er durch möglichst ähnliche, gedrehte Zeichen gebildet wird: ʇxǝʇ uʍop ǝpısdn.

439   Für diesen Hinweis danke ich Daniel Henseler.

440   Holzheid (2011: 139) verwendet dafür die Bezeichnung »familiale Mikroöffentlichkeit«.

441   In Holzheid (2011: 310) befindet sich eine Übersicht von 13 verschiedenen Briemarkenschlüsseln.

442   Da die Kommunikation über Flickr-Bilder stets in »Anwesenheit« der Foto-Urheberin oder des -Urhebers stattfindet, ist zu vermuten, dass Deutungen oftmals in Frage- statt in Aussagesätzen formuliert werden.

443   Wie in Kapitel 9.3.3 erläutert, ist es zwar möglich, über den Quelltext der Seite die Reihenfolge zu eruieren, doch dürften dies die meisten Flickr-Nutzenden nicht wissen. Von denjenigen, die darum wissen, wird zudem kaum einer von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

444   Selbstverständlich müsste dies in einer weiterführenden Arbeit an einem größeren Postkarten-Korpus überprüft werden.

445   Bei Google Trends taucht das responsive Webdesign erstmals Mitte 2011 auf.

446   Unter Responsive Webdesign versteht man Folgendes: »Layout und Programmie-rung einer Webpräsenz, die je nach Endgerät ein spezifisches Layout mit einem entsprechenden (möglichst optimalen) Informationsumfang bietet« (Wörterbuch der Medien(sprache)). Mittels responsivem Webdesign wird also versucht, die teilweise erheblichen Unterschiede betreffend Größe und Auflösung von Displays unterschiedlicher Geräte auszugleichen.