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Kanon und Literaturgeschichte

Facetten einer Diskussion

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Edited By Ina Karg and Barbara Jessen

Kanonbildung ist mit Literaturgeschichtsschreibung und der Auswahlproblematik eng verbunden. Stets muss über die Aufnahme oder den Verzicht auf Werke und Autoren eine Sinn- und Bedeutungszumessung im Kommunikationsfeld Literatur vorgenommen werden. Dieser Aufgabe stellte sich die Sektion 11 des Germanistentages 2013 in Kiel. Die hier versammelten Tagungsbeiträge lassen sich folgenden Themenfeldern zuordnen: Zunächst wird Grundsätzliches zur Kanontheorie und Kanonbildung besprochen. Anschließend finden Orte der Vermittlung Erwähnung: Dichterhäuser, Literaturmuseen, Universitäten, Schulen, Theater. Schließlich beschäftigen sich die Beiträge mit übersehenen Epochen und Literaturen: Kinder- und Jugendliteratur, Mittelhochdeutsche Literatur, Drittes Reich, DDR-Literaturgeschichte, Theaterlandschaft um 1800, Interkulturelle Literatur und vergessene Autor(inn)en.
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Erzählen vom heimlichen Blick. Ein Plädoyer für themengeleitete Kanonisierung zur Integration vormoderner Texte in den Deutschunterricht

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← 162 | 163 →Ulla Reichelt und Hans Rudolf Velten

Auf die Frage, wie er sich die Literatur des Mittelalters in der Schule vorstelle, antwortete Deutschlands damals einflussreichster Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in einem SPIEGEL-Interview zum Literaturkanon von 2001 folgendermaßen:

Zwei – nicht zu lange – Auszüge aus dem Nibelungenlied müssen sein. Das Allerwichtigste aus dem deutschen Mittelalter ist, glaube ich, die Lyrik Walthers von der Vogelweide, von ihm sollte man mindestens fünf Gedichte behandeln. Aus der Epoche des Minnesangs empfehle ich überdies einige wunderbare (und nicht Zeit raubende!) Kleinigkeiten. Auf Wolfram von Eschenbach muss man in der Schule verzichten, leider auch auf Gottfried von Straßburg.1

Die Aussage verschleiert mit Wörtern wie „das Allerwichtigste“, „mindestens“ und „wunderbare“ das magere Minimalprogramm, das Reich-Ranicki vorschwebt. Mit diesem hat er die Wirklichkeit im Deutschunterricht an vielen Schulen vermutlich treffender beschrieben, als er ahnen konnte. Wenn dort mittelalterliche Sprache und Literatur behandelt werden, dann meist in Auszügen solcher kanonischen Texte wie dem Nibelungenlied oder als einzelne Lieder oder Sprüche (vielfach Walthers von der Vogelweide): Eine ökonomische Auswahl und ein Kanon der ‚wichtigsten‘ Werke, – häufig gemeinsam mit Bildmedien und Informationen über ‚das Mittelalter‘ –, prägen sowohl Schulbücher als auch Lehrpläne. Was die Schulbücher angeht, wird nach der ‚Kompetenzorientierung‘ verfahren, wobei die Vermittlung wichtigen Kontextwissens, das zum Verständnis der vormodernen Literatur und ihrer spezifischen ‚Mittelalterqualität‘ ← 163 | 164 →notwendig ist, auf der Strecke bleibt. Ina Karg hat die zahlreichen didaktischen Defizite der...

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