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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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Geschwisterlichkeit als sozialethische Matrix des Volkes Israel in der Tora (Daniel Vorpahl)

Geschwisterlichkeit als sozialethische Matrix des Volkes Israel in der Tora

Daniel Vorpahl

Abstract

The Tora tells not alone about biological siblings, but uses the word ‘brothers’ likewise in a broader meaning. The figuratively use of sibling-terms reaches from an institutionalized status of legal protection within the extended family, to an allegorical abstraction as a collective brotherhood of tribal comrades, to an instrumentalization as a national etiological brotherhood for the purpose of historical interpretation of Israel’s relations to neighboring people. This article exposes how all this is already laid out in the stories of biological brothers and sisters within the Tora to work out a socio-ethical matrix for Israel’s sense of national identity.

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die 30 Artikel umfassende UN-Menschenrechtscharta bedeutet ein ausdrückliches Bekenntnis zur freiheitlichen Gleichstellung und Wertschätzung aller Menschen. Und sie ist nicht etwa ein westliches Diktum, sondern hat Ideengeber und Vorläufer in verschiedensten Kulturkreisen.1

Artikel 1 dieser Menschenrechtserklärung beginnt in der offiziellen deutschsprachigen Fassung wie folgt:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.2

Der Begriff der Brüderlichkeit ist hier zweifelsohne dem legendären Schlachtruf der Französischen Revolution, „liberté, égalité, fraternité“, entlehnt. Auch die anderen beiden Begriffe dieser Losung, Freiheit und Gleichheit, finden sich in der UN-Menschenrechtserklärung wieder.3 Demnach steht der „Geist der Brüderlichkeit“ an dieser Stelle als ein weltumspannendes Instrument zur Wahrung der Menschenrechte, zum Erhalt von Frieden und gegenseitiger Wertschätzung. ← 85 | 86 Tatsächlich war die Fraternité-Forderung der Französischen Revolution vielleicht der früheste Zeitpunkt, zu dem der Begriff der Brüderlichkeit tatsächlich eher als geschlechteräquivalente Geschwisterlichkeit gemeint war, insofern er keinen Männerbund auszurufen suchte, sondern die soziopolitische Gleichstellung verschiedener gesellschaftlicher Klassen anstrebte.4

Blickt man auf die gemeinhin populärsten Geschwister der Tora,5 so scheint ein ,friedliches Miteinander‘ zumindest nicht vorrangig konstitutiv für deren Zusammenleben und Auskommen. Insbesondere aus der diametralen Umsetzung der gesetzten Erbfolge ergeben sich wiederholt Konflikte zwischen älteren und jüngeren Geschwistern. Denn bevorzugte jüngere Geschwister kennt die Tora einige: Abel gegenüber Kain, Isaak anstelle von Ismael, Josef vor seinen Brüdern, Efraim gegenüber Manasse oder Rachel gegenüber Leah.6

Dieser ersteindrückliche Konflikt-Befund hinsichtlich Geschwistern in der Tora lässt sich allerdings nicht anhand des antiken Alters ihrer Texte gegenüber der freiheitlich aufgeklärten UN-Menschenrechtscharta erklären. Schließlich kann die Tora in einiger Hinsicht als Vorreiter neuzeitlichen Rechtsverständnisses gelten,7 während auch im Jahre 2014 noch immer schlimmste Menschenrechtsverletzungen dokumentiert werden mussten.

Auch die Erkenntnisse soziologischer und psychologischer Geschwisterforschung zeichnen ein wesentlich differenzierteres Beziehungsbild als das der reinen Geschwisterliebe.8 Und wer aus der persönlichen Erfahrung eigener ← 86 | 87 Geschwister zu schöpfen vermag, wird Geschwisterlichkeit womöglich auch vielmehr als ein jahrelanges Auskommen und Festhalten aneinander erlebt haben, trotz zahlreicher Differenzen – und zwar genau deshalb, weil man eben im engsten Sinne verwandt ist.

Ein Stück weit gehorcht leibliche Geschwisterlichkeit schlichtweg dem Gesetz der biographischen Ausweglosigkeit, was die Toleranzschwelle gegenüber Geschwistern nicht selten vergrößert, mitunter nahezu ins Unendliche ausdehnen mag. Solch individualistische Aspekte von Geschwisterlichkeit ließen sich durchaus auch im Rahmen einer kulturanthropologischen Behandlung des Gegenstandes reflektieren. Doch halte ich es für elementar, persönliche Geschwistererfahrungen offensiv in die Vorreflexion dieses Begriffes einzubeziehen, da eine kulturgeschichtliche Betrachtung von Geschwisterlichkeit für jeden mit entsprechender familiärer Prägung nicht an eben deren Reflexion vorbeiführt. Dieser individuelle Blickwinkel sollte offen ausgesprochen werden, um klar ins Bewusstsein zu gelangen und dort von objektiver wissenschaftlicher Erkenntnis differenziert werden zu können. Nur so werden Vorkenntnis und individuelle Prägung zu einer bewussten Bereicherung der Forschung: als Motivation und Inspiration, aber auch als Mahnung zu weitgehender wissenschaftlicher Objektivität. Eben jene Form der Vorreflexion ist im Übrigen auch einer der ersten methodischen Schritte bibelwissenschaftlicher Hermeneutik und demnach ein idealer Einstieg in die Untersuchung des Geschwisterbegriffes der Tora.

Eine gewisse Spannung wohnt der Geschwisterlichkeit nicht nur in ihrer jeweiligen individuellen familialen Ausprägung inne. Sie ergibt sich in besonderem Maße auch für deren Begriff, sobald er in einem übertragenen Sinne Anwendung findet. So bedeutet die weltpolitische „Brüderlichkeit“, wie sie die UNMenschenrechtscharta lanciert, die ideologische Instrumentalisierung eines allegorisch fixierten Begriffes.9 Dabei bleibt jedoch bislang weitgehend ungeklärt, inwiefern dieser allegorische Begriff auf die Erfahrung leiblicher Geschwisterlichkeit zurückgeht, also auf welche derer vermeintlichen Eigenschaften oder Aspekte er rekurriert. Diese mangelnde Reflexion ist umso er ← 87 | 88 staunlicher, als dass der Geschwisterbegriff gar keinen anderen Ursprung haben kann als den der biologischen Verwandtschaft.

Was also ist mit einer Geschwisterlichkeit gemeint, die wie selbstverständlich ein positives, gemeinschaftsstiftendes Ideal, wie das der allgemeinen Menschrechte oder des Freiheitsgeistes der Französischen Revolution, verkörpern soll, dafür aber einen Begriff verwendet, der in der individuellen und sozialen Erfahrungswelt für ein wesentlich ambivalenteres, um nicht zu sagen schwieriges Beziehungsverhältnis steht?

Von der familialen Lebenswelt bis zur Allegorisierung und schließlich Ideologisierung von Geschwisterlichkeit müssen vielschichtige Prozesse kultureller Tradierung und Transformation überwunden werden. Diese Prozesse sind keineswegs eine Erfindung der Moderne. Sie lassen sich bereits innerhalb der Antike feststellen und nachvollziehen. So auch in der Tora, als einer der ältesten und komplexesten Zusammenstellungen von Textzeugnissen antiker Sozialisation und Kulturbildung. Bereits innerhalb jener narrativen Texte, die von den eingangs erwähnten streitenden Geschwistern handeln, ist so etwas wie eine idealisierte Institutionalisierung und schließlich eine allegorische Übertragung von Geschwisterlichkeit angelegt. Die Entwicklung von einem leiblich-biographischen hin zu einem idealisiert-allegorischen Geschwisterbegriff lässt sich daher auch innerhalb der Tora beobachten und untersuchen. Die daraus ermittelbaren Prozesse der Entwicklung und Wandlung des Geschwisterbegriffs können und sollen freilich nicht als allgemeingültige Phänomene erschlossen werden. Ich möchte sie aber im Folgenden als einen Ausgangspunkt einer Kulturgeschichte des Geschwisterbegriffs innerhalb eines frühen literarischen Dioramas verstehen und darlegen.

Die stufenweise Abstraktion des Geschwisterbegriffs

Innerfamiliale Anwendung

Das Wortfeld des Geschwisterbegriffs ist im biblischen Hebräisch recht übersichtlich. Für Bruder (images Pl. images) und Schwester (images Pl. images) gibt es jeweils nur ein Wort. Für gemischtgeschlechtliche Gruppen wird die maskuline Pluralform images verwendet.10 Jedoch reicht die Anwendung und Bedeutung der hebräischen Bruder- und Schwester-Begriffe wesentlich weiter. ← 88 | 89

Leibliche Geschwister gehören zunächst einmal, gemäß der Tora, zu den engsten Verwandten,11 worüber uns vor allem Lev 18 aufklärt, wenn dort der Geschlechtsverkehr unter den nächsten Verwandten verboten wird. Auch soll man Geschwistern Unterstützung angedeihen lassen, sie nicht übervorteilen, keine Zinsen von ihnen nehmen12 und die Frau des eigenen Bruders ggf. durch die Leviratsehe absichern (Dtn 25,5-9; Gen 38,6-11). Letztere Aufforderung richtet sich zunächst eindeutig an den Schwager images der Witwe (Dtn 25,5), überträgt sich aber im Falle dessen Todes bzw. Fehlen auf den nächsten männlichen Verwandten (Rut 2,20 u. 3,12). Im Buch Genesis (Bereschit) treten schließlich gar Formen eines Fratriarchats zutage,13 wenn sich Abram, nach dem frühen Tod seines Vaters (Gen 11,31f.), des Sohnes seines ebenfalls verstorbenen Bruders Haran (11,27f.) annimmt (12,4f.).

All diese ethischen und sozialen Verhaltensrichtlinien gegenüber Geschwistern lassen auf eine besondere Wertschätzung, aber auch Reinheit der Geschwisterbeziehung schließen.14 Worauf sich diese allerdings begründen, gilt es hier noch zu ermitteln. Ich werde daher im letzten Teil meines Artikels konkreter auf die leiblichen Geschwister der Tora zu sprechen kommen. Um den Prozessen der Entwicklung des Geschwisterbegriffs von seinem leiblich-biographischen Ursprung hin zu dessen übertragener Anwendung nachzuspüren, also gewissermaßen nach dem allegorischen Fußabdruck der Geschwisterlichkeit in anderen soziokulturellen Ebenen zu suchen, sei jedoch zunächst nicht der „Fuß“ selbst, sondern tatsächlich dessen jeweiliger „Abdruck“ betrachtet.

Verfolgen wir also zuerst, auf welche Weise der Geschwisterbegriff der Tora über leibliche Geschwister hinausgehend allegorisiert bzw. institutionalisiert, wenn nicht gar instrumentalisiert wird. Dabei lassen sich mehrere Abstraktionsstufen feststellen. Ausgehend von leiblichen Geschwistern finden wir zunächst die Ausdehnung des Geschwisterverständnisses auf verwandtschaftliche Beziehungen im weiteren Sinne, und das in voller sprachlicher Konsequenz, obgleich das biblische Hebräisch auch über alternative Begriffe verfügt. ← 89 | 90

Als Abram und sein Neffe Lot – nach dem Tode beider Väter – über ihre Viehherden in Streit geraten, befriedet Abram Lot mit den Worten „Wir sind doch verbrüderte Männer“15 (Gen 13,8). Auch als Lot später in Not gerät und Abram ihm helfen will, wird Lot unmittelbar „Bruder“ (Gen 14,14.16) Abrams genannt. M.E. kann hier nicht allein das lexikographische Argument geltend gemacht werden, der hebräische Bruder-Begriff images bezeichne schlichtweg auch den Verwandten im Allgemeinen.16 Gerade für die Bezeichnung ,Neffe‘ stehen im biblischen Hebräisch auch alternative Wendungen zur Verfügung, allen voran der „Sohn des Bruders“ images wie er auch auf Lot an anderer Stelle Anwendung findet (Gen 12,5 u. 14,12).

Obwohl das biblische Hebräisch verschiedene Verwandtschaftsbegriffe kennt,17 wird der Begriff ,Bruder‘ also innerhalb der eigenen Sippe auf Verwandte dritten oder gar vierten Grades ausgedehnt, und das nicht erst wenn – wie im Falle Abrams und Lots – der jeweils nähere Verwandte bereits gestorben ist. In der anthropologischen bzw. ethnosoziologischen Erforschung von Verwandtschafterminologien kennt man dieses wechselhafte System zur Bezeichnung von Verwandtschaftstypen unter dem Begriff des ,bifurcate merging‘. Verwandte gleichen Grades werden demnach unterschiedlich bezeichnet, beispielsweise die Brüder der Eltern mütterlicherseits als ,Onkel‘, väterlicherseits dagegen ebenfalls als ,Vater‘.18 Dieses differente Bezeichnungssystem mag der Regulierung von innerfamilialen Eheschließungen dienen oder auch schlicht unterschiedlich empfundene und gelebte Nähe zu Verwandten gleichen Grades zum Ausdruck bringen, wobei die Anwendung der Bezeichnungen auch je nachdem variieren kann, ob über die Verwandten in der dritten Person gesprochen wird oder sie direkt angeredet werden.19 Bei der hier dargelegten Handhabung des Brüderbegriffes innerhalb der Tora werden jedoch dieselben Verwandten sowohl in indirekter als auch in direkter Rede entweder mit dem regulären Verwandtschaftsbegriff oder als ,Bruder‘ bezeichnet (Gen 14,12.14.16). Der Grund des Wechsels der Verwandtschaftsbezeichnung, genauer die Ausdehnung ← 90 | 91 des Geschwisterbegriffes auf Verwandte dritten oder vierten Grades, kann in der Tora demnach nicht systematischer Natur sein.

Der Erklärungszugang zur innerfamilialen Ausdehnung des Geschwisterbegriffs in der Tora dürfte stattdessen in deren jeweiligem situativen Kontext liegen bzw. in der Gemeinsamkeit aller entsprechenden Situationen bestehen. In Gen 29,13 wird Labans Neffe Jakob als „Sohn seiner [gemeint ist Laban, D.V.] Schwester“ images bezeichnet, zwei Verse später aber von seinem Onkel als „mein Bruder“ (images 29,15) angeredet. Laban, der im Folgenden den Lohn für Jakobs Dienstzeit aushandeln will und ihm schließlich seine ältere Tochter Lea anstatt der vereinbarten jüngeren Rachel unterschiebt (Gen 29,25), dürfte hier mit voller Absicht von dem nächstmöglichen Verwandtschaftsbegriff Gebrauch machen. Denn es zeigt sich, dass die Praxis der Anrede naher und ferner Verwandter als ,Bruder‘ jeweils vorrangig zur eigenen Vorteilsbildung Anwendung findet. Dies geschieht innerhalb von Streitigkeiten (Gen 13,8; 31,32.37.46.54), Notlagen (14,14) oder anderen Situationen von existenzieller Relevanz (29,4; Num 36,2), wie etwa wenn sich Misael und Elizafan der Leichname ihrer Großcousins – hier „Brüder“ genannt – annehmen sollen (Lev 10,4). Auch Jakob bezeichnet sich gegenüber der von ihm auf Anhieb geliebten Rachel als Bruder ihres Vaters und Sohn Rebekkas (Gen 29,12), schafft damit Vertrauen und schickt nicht zuletzt die Legitimität ihrer späteren Heirat vorweg.

Die Berufung auf die Brüderlichkeit fungiert in den Erzählungen der Tora also immer wieder als Vertrauensgrundlage, zur Einforderung gewisser Rechte und in Gefahrensituationen noch konkreter als Schlichtungsargument, um zumindest eine unmittelbare Eskalation zu vermeiden. Doch nur an drei Stellen der Tora gilt dies entsprechend auch für den Schwester-Begriff: Sowohl Abraham als auch Isaak geben ihre Frauen gegenüber Fremden als ihre Schwestern aus, so dass sie selbst am Leben bleiben, ja gar um ihrer vermeintlichen Schwester willen gut versorgt werden.20 Um ihr eigenes Leben zu schützen, setzen beide Stammväter Sarah bzw. Rebekka körperlicher Gewalt und Entwürdigung aus.21 Gerade an diesen Stellen mag man wieder darauf verweisen, dass der Schwester-Begriff images auch allgemein die Verwandte bezeichnen kann.22 Verstanden wird er in allen drei Texten jedoch als Ausdruck einer Beziehung, die von der Ehe ausgeschlossen ist. Vor allem aber belegt bereits die dementsprechende Argumentation Abrahams in Gen 20,12 ihrem eigenen Kontext nach, dass die ← 91 | 92 Anwendung des Geschwisterbegriffs, ohne nähere Spezifikation, existenzstabilisierende Konsequenzen nach sich zieht bzw. genau diese auch zum Ziel hat.

Soweit lässt sich festhalten, dass Geschwisterlichkeit im erweiterten familialen Sinne in der Tora als Vertrauens- und Rechtsschutzstatus fungiert. Hintergrund der Inanspruchnahme einer solchen innerfamilialen Immunität dürften die zugleich an leibliche Geschwisterlichkeit geknüpften Pflichtverhältnisse sein: So hatten Geschwister, spätestens nach dem Tode der gemeinsamen Eltern, füreinander Verantwortung zu übernehmen; bzw. rückten nahe Verwandte – wie etwa Abram gegenüber Lot – in diesen geschwisterlichen Verpflichtungsstatus. Im Alten Orient, als Handlungsschauplatz biblischer Erzählungen, bedeutete dies den Gesetzen der Ökonomie nach in erster Linie, Bruder oder Schwester bzw. deren Hausstand im eigenen Haushalt aufzunehmen und zu versorgen, sofern sie selbst dazu nicht in der Lage waren.23 Seine konsequenteste Anwendung erlebt dieser Grundsatz dann im Levirat, der Heirat der kinderlosen Witwe mit dem Bruder ihres verstorbenen Mannes. Auch wenn die praktische Ausübung dessen in der Regel erst im Todesfall der Eltern bzw. des Bruders erforderlich wurde, bestand das Bewusstsein um diese Verantwortung von jeher unter Geschwistern.

Aktive wie passive Verantwortung – vor allem im ökonomischen Sinne – und daraus folgende Rücksichtnahme und Unterstützung sind demnach innerhalb der Tora zentrale Merkmale des familialen Status der Geschwisterlichkeit. Eben diese Merkmale werden durch den Geschwister-Begriff (images oder images) auf das Verhältnis zu Verwandten dritten und vierten Grades ausgedehnt. Da ein familialer Status, wie der der Geschwisterlichkeit, in erster Linie die Beziehung von Verwandten, vor allem hinsichtlich ihrer Rechte und Pflichten, bestimmt,24 werden also mittels der Zuschreibung bestimmter Verwandtschaftskategorien innerhalb des Familien- bzw. Sippenverbandes der Israeliten zugleich auch „soziale Handlungsmuster beschrieben“25 bzw. weiter transportiert.

In einem Fall innerhalb der Tora reicht diese Ausdehnung des Geschwisterbegriffs, als eine Art Chiffre eingeforderten Sozialverhaltens, sogar über die unmittelbare Familien-, Stammes- oder Volksebene hinaus:26 Als Lots Haus in ← 92 | 93 Sodom – wo er als Fremder lebt (Gen 19,9) – belagert wird, redet er die aufgebrachte Menge als „Brüder“ an und versucht, sie zu beschwichtigen (19,7). Wieder wird der Geschwisterbegriff im Kontext einer Notsituation und im Gemahnen an gegenseitige Verantwortung verwendet. Doch vor dem Hintergrund der bisherigen Erkenntnisse zu genau solcher Verwendung des Geschwisterbegriffs in Momenten mit akutem sozialen Konfliktpotenzial wirkt Lots Geschwisterappell gegenüber fremden Pöbeln wie eine bloße Schlichtungsformel. Es handelt sich um den augenscheinlich verzweifelten Versuch, Geschwisterlichkeit gegenüber Fremden, zu denen keinerlei genealogische Verbindung besteht, verbal als Rechtsschutzstatus in Anspruch zu nehmen. Doch während der Geschwisterbegriff auf der erweiterten Familienebene sehr wohl dergestalt institutionalisiert ist, verfehlt er hier offenbar seine Wirkung (Gen 19,9), scheint als Allegorie für Rücksichtnahme und Verantwortung nicht stark genug. Lot wird weiterhin hart bedrängt und nur durch das Eingreifen der anwesenden Gottesboten gerettet (Gen 19,9f.). Dass er mit seinem Appell an die Brüderlichkeit gegenüber Fremden einen Einzelfall in der Tora27 darstellt und damit zudem ohne Erfolg bleibt, mag dafür sprechen, dass der Geschwisterbegriff zwar auf der erweiterten Familienebene zu einer Art Rechtsschutzstatus institutionalisiert worden ist, dessen Geltungsbereich aber jenseits der Verwandtschaftsebene zur bloßen Allegorie wird, sich als solche jedoch nicht instrumentalisieren lässt, sondern jäh endet. An anderen Stellen zeigt die Tora wiederum von diesem Schema entkoppelte Entwicklungen des Geschwisterbegriffs, die ihn an sich aus der Familienebene abstrahieren. Ein Phänomen, das nicht ungewöhnlich ist für einen Schriftkorpus, der eine ausgesprochen heterogene Text- und Traditionsgeschichte, aber auch eine ebensolche Systematik und Theologie aufweist.

Volksgeschichtliche Anwendung

In den meisten deutschen Bibelübersetzungen bleibt die Abstrahierung des Geschwisterbegriffs – und der mit ihm verbundenen sozialen Handlungsrichtlinien – von Personen mit gemeinsamen Eltern auf weitere Ebenen sozialer Gemeinschaft leider nicht durchgängig transparent. Findet etwa im Hebräischen eine Wendung wie images („ein Mann zu seinem Bruder“)28 Anwendung, so lautet diese in der Übertragung ins Deutsche meist „einer zum andern“ oder ← 93 | 94 schlichtweg „einander“. Der verallgemeinernden Bedeutung einer solcher Wendung nach ist auch genau das gemeint,29 aber die deutschen Übersetzer assimilieren bereits den Schritt der Abstraktion, der im Hebräischen les- bzw. hörbar bleibt: Dass auch das Mit- und das Voneinander, die gemeinschaftliche Zuordnung von einem und dem anderen, seine Wurzeln im Geschwisterbegriff hat.

In diesem Sinne wird der Geschwisterbegriff schließlich vor allem in den Büchern Exodus (Schemot) bis Deuteronomium (Dewarim), der Geschichte von Auszug und Wüstenwanderung des Volkes Israel, über die Familienebene hinaus auf die Bezeichnung der Volksgenossen ausgeweitet, und zwar auch in deren konkreter Anrede mit der zumeist kollektiven maskulinen Pluralform „Brüder“ images.30 Und abermals geschieht dies vorrangig in Kontexten sozialer Spannung sowie im Appell zur gegenseitigen Rücksichtnahme.31 Es sind überwiegend gemeinschaftliche Notlagen, wie die Sklaverei in Ägypten oder der Hunger und andere Sorgen während der Wüstenwanderung, die den Geschwisterbegriff im Volkskollektiv Israel evozieren (Ex 2,11; 4,18; Num 20,3), da sie der eine mit dem anderen brüderlich teilt (Ex 10,23; 16,15; Num 14,4). Doch auch der Streit der Volksbrüder untereinander findet Erwähnung und soll geschlichtet werden (Dtn 1,16). Immerhin annähernd positiv kontextualisiert findet sich der Brüderbegriff allein im futuristischen Ausblick auf die Landnahme, die Gebiets- und Ämterverteilung des Volkes Israel (Dtn 3,18.20; 18,7.15).32

Gemäß dem situativen Kontext seiner Anwendung bringt der Geschwisterbegriff auch auf der Volksebene keine besondere emotionale Nähe zum Ausdruck, sondern mahnt an die kollektive Verantwortung für- sowie die gegenseitige Rücksichtnahme aufeinander. Dass er überhaupt auf diesen Bereich adaptiert werden kann, liegt nicht allein an einer etablierten hebräischen Redensart wie images (sinngemäß „einer dem anderen“), die den Geschwisterbegriff enthält. Die Bezeichnung ,Bruder‘ als direkte Anrede unter Volksgenossen basiert vor allem auf dem identitätsstiftenden Bewusstsein vom Ursprung der ← 94 | 95 zwölf Stämme Israels als den zwölf Söhnen Jakobs (Num 18,2; Dtn 18,2; Ri 20,13.23). Nicht ohne Grund macht die Geschichte um Josef und seine elf Brüder (Gen 37–47) knapp ein Drittel der gesamten Stammelternerzählungen im Buch Genesis aus. Sie ist die familiengeschichtliche Grundlage der während des Exodus etablierten Volksstruktur der zwölf Stämme Israels.

Das Verständnis gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und gegenseitiger Rücksichtnahme basiert innerhalb der Tora demnach auf der direkten Übertragung familialer Strukturen auf das Nationalbewusstsein. Diese Beobachtung wird auch aus historischer Perspektive bestätigt, wenn etwa Rainer Kessler in seiner Sozialgeschichte des alten Israel zu dem ähnlichen Schluss gelangt, dass die „Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen […] seit den vorstaatlichen Anfängen die Basis der Gesellschaft Israels“33 darstellten. Insbesondere für jene frühen Phasen gesellschaftlichen Wachstums, in denen es dem Volk Israel noch an staatlichen Strukturen mangelte, spricht Kessler von einer „verwandtschaftsbasierten Gesellschaft“34. Dieser geschichtliche Befund steht zweifelsohne auch in unmittelbarem Zusammenhang mit der Erfahrung des Babylonischen Exils (597–539 v.d.Z.), auf deren Grundlage wiederum die Entstehung der meisten der hier zitierten Texte der Tora historisch-kritisch ins 6.–5. Jahrhundert v.d.Z. verortet wird.35 Demnach versuchte man offenbar gezielt, den Mangel identitätsstiftender Gesellschaftstrukturen in Babylonien – aber auch das Zerreißen tatsächlicher Familienbande infolge der Entwurzelung durch das Exil – mithilfe der literarischen Re-Etablierung familialer Strukturen, u.a. in Genealogien, zu kompensieren.36 Die entstandenen Genealogien und Familiengeschichten erklären aber mitunter auch Fremdvölker zu Brüdern Israels und bringen dabei eine dunkle Kehrseite der Geschwisterlichkeit zum Vorschein, wie etwa in der an die Sintflut anschließenden Geschichte um Noah und seine drei Söhne: Sem, Ham und Jafet (Gen 9,18-29). Nachdem Ham die Blöße seines Vaters aufgedeckt hat, bedecken Jafet und Sem ihren Vater mit abgewendetem Blick (Gen 9,23). Hams Tat wird als ausgesprochen verwerflich verurteilt (Gen 9,24f.; vgl. Lev 18,7). In der Folge gehen aus Jafet die Völker nördlich Israels hervor (Gen 10,1-5), aus Sem entstehen die Semiten (11,10-26), einschließlich Israel. Ihr Bruder Ham ← 95 | 96 jedoch wird zum Ursprung des Sklavenhauses Mizraim (Ägypten) sowie der Kanaanäer, den Siedlungserzfeinden des Volkes Israel (10,6).

Ein grundähnlich angelegtes Beispiel stellt das Schwesternpaar der Töchter Lots dar: Die Ältere stiftet die Jüngere dazu an, gemeinsam ihren Vater betrunken zu machen und jeweils mit ihm zu schlafen (Gen 19,30-35). Aus dem verwerflichen Inzest gehen zwei Söhne hervor: Moab, der Stammvater der Moabiter, und Ben-Ammi, Stammvater der Ammoniter (Gen 19,36-38). Beide Völker werden später streng verurteilt und geraten immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Israeliten (Num 21,24.29; 22,3-6; Dtn 23,4).

Die volksätiologische Intention dieser beiden Beispielerzählungen dürfte nahezu offensichtlich sein: Die vorgeordneten Genealogien und Familiengeschichten dienen dazu, die Stammväter von Feindesnationen gezielt zu denunzieren. Bemerkenswert ist, dass dafür ausgerechnet Geschwisterbeziehungen zugrundegelegt werden.

Gerade aus dem divergenten Handeln von Geschwistern, die nicht nur dem gleichen, sondern einem gemeinsamen, ethisch normativen Verwandtschaftsverhältnis unterliegen, lässt sich ein verwerfliches Fehlverhalten feindlich gesinnter Völker bzw. derer Stammväter generieren. Neben den Eltern – deren Ehrung laut der Tora allerhöchsten Stellenwert besitzt (Ex 20,12; Lev 19,3 u.ö.) – nehmen Geschwister den engsten familialen Beziehungsstatus ein. Entsprechend hoch sind die an diese familiale Nahbeziehung angelegten ethischen Normen37 und umso verwerflicher folglich auch deren Missachtung. Diese Kehrseite der Geschwisterlichkeit kommt in den gegebenen Beispielen zum Tragen. Im Falle Sems, Hams und Jafets geschieht dies vor allem dadurch, dass sich an den Geschwistern auf absolut ebenbürtigem Niveau das Einhalten und die Missachtung ethischer Normen gegenüberstellen lassen, bei denen es auf familialer Ebene jeweils um Vergehen gegenüber dem Vater geht.

Die ambivalente Spannung der Geschwisterbeziehung gestaltet sich aber auch auf der Volksebene wesentlich komplexer denn in der Gegenüberstellung sozialethischer Fehlbarkeit und Rechtschaffenheit. So werden die Moabiter und Ammoniter in Dtn 2,9 und 2,19 wiederum mit Verweis auf Lot in Schutz genommen. Und noch deutlicher heißt es im selben Kapitel hinsichtlich der Nachfahren Esaus, dem Nachbarvolk Edom, dass sie als Brüder gelten, an denen Israel keinen Landgewinn gutzumachen habe (Dtn 2,4f.8). Demnach fungiert die volksätiologische Geschwisterbeziehung als ambivalentes Instrument der Geschichtsdeutung: Als Argument der Rücksichtnahme und Verantwortung unter Brüdervölkern einerseits (Num 20,14; Dtn 23,8) und als Abmahnung eklatanten Fehlverhaltens nahverwandter Nachbarvölker andererseits (Gen 9,18-29; 19,30- ← 96 | 97 38). Im Falle der Edomiter existiert mit der konfliktreichen Geschichte der Zwillingsbrüder Jakob und Esau zudem ein komplexer familiengeschichtlicher Hintergrund des geschwisterlichen Verhältnisses zu Israel.

Bis hierher sind im Wesentlichen drei Ausprägungen eines idealisiertallegorischen Geschwisterbegriffes innerhalb der Tora zu konstatieren: die Geschwisterlichkeit als institutionalisierter Rechtsschutzstatus auf der erweiterten Familienebene, die allegorische Abstraktion dieses Geschwisterverständnisses als kollektive Brüderlichkeit der Volksgenossen durch die unmittelbare Übertragung familialer Strukturen auf das Nationalbewusstsein des Volkes Israel und schließlich die Instrumentalisierung der volksätiologischen Geschwisterlichkeit zum Zwecke der Geschichtsdeutung von Israels Verhältnissen zu den Nachbarvölkern. Alle drei Formen begegnen vorrangig in Konfliktsituationen, meist im Sinne einer Deeskalation oder des Appells an gegenseitige Verantwortung und Rücksichtnahme bzw. auf der volksätiologischen Ebene auch als Grundlage der Schmähung einer Konfliktpartei.

Die leiblich-biographischen Grundlagen des Geschwisterbegriffs

Ich will mich nun abschließend der Frage zuwenden, ob und inwiefern die originär leiblich-biographischen Geschwisterbeziehungen der Tora Grundlage, Voraussetzung oder auch nur Ausgangspunkt der ermittelten Formen des übertragenen Geschwisterbegriffes bilden. Dabei gilt es von vornherein zu beachten, dass die Familiengeschichte in einigen der betreffenden Texte permanent an der Schwelle zur Volksebene steht. Dieses traditionsgeschichtliche Phänomen muss man als Leser von Genesis wie einen Grundrhythmus im Hinterkopf behalten, während man sich der Melodie folgender Familiengeschichten widmen mag.

Das erste leibliche Geschwisterpaar der Tora sind Kain und Abel. Die Handlung ihrer Geschichte ist weitläufig bekannt und mit wenigen Worten zusammengefasst: Kain und Abel bringen dem Ewigen die ersten Opfergaben dar, gemäß ihrem Broterwerb Feldfrüchte bzw. Fleisch und Fett (Gen 4,2-4). Der Ewige wertschätzt die Gabe Abels, nicht jedoch die Kains (Gen 4,4f.), den daraufhin der Neid packt, sodass er seinen Bruder Abel erschlägt (4,5.8). Eine vollkommen sinnlose Tat, zumal Kains Wut nicht gegen seinen Bruder Abel, sondern allenfalls gegen Gott hätte gerichtet sein müssen. Abel konnte nichts dafür, dass Gott ihn bevorzugt und auch der Leser erfährt nicht, was den Ewigen dazu bewog. Für die Aussage der Geschichte der beiden Brüder ist genau das aber letztlich irrelevant. Kain hatte weder das Recht noch eine plausible Rechtfertigung und noch nicht mal einen Vorteil davon, dass er Abel erschlug. Sein Totschlag ← 97 | 98 bleibt eine reine Affekthandlung, basierend auf der Unfähigkeit, das Handeln des Menschen und das Reagieren Gottes als zweierlei Ebenen zu betrachten.

Ein ähnliches Problem liegt dem Konflikt der Brüder Jakob und Esau zugrunde. Deren Mutter erhält vor der Geburt der Zwillinge die göttliche Prophezeiung, dass aus ihrem Leibe zwei Völker hervorgehen und das größere dem kleineren dienen werde (Gen 25,23). Rebekka macht jedoch keinen Unterschied zwischen den Völkern der Zukunft und ihren geborenen Söhnen, sieht in dem Jüngeren einen von Gott Auserwählten und meint zudem, für die Erfüllung Gottes Prophezeiung verantwortlich zu sein (Gen 27,6-17). Ihr Irrtum führt dazu, dass Jakob seinen Bruder Esau um dessen väterlichen Erstgeburtssegen betrügt (Gen 27,18-29). Als der schwer erschütterte Esau daraufhin seinen Bruder töten will, schickt Rebekka Jakob ins Ausland, zu ihrem eigenen Bruder Laban (Gen 27,41-44). Erst als Jakob zwanzig Jahre später von dort zurückkehrt, kommt es zum Wiedersehen der beiden Brüder. Dabei versucht Jakob, der sich vor Esaus später Rache fürchtet, seinen Bruder mit kostbaren Geschenken zu beschwichtigen (Gen 32,1-16), auf deren Annahme er besteht, um sich zu vergewissern, dass ihr Konflikt beigelegt ist (33,1-11).Von einer tatsächlichen Versöhnung der beiden Brüder kann jedoch kaum die Rede sein, insofern Jakob allein auf die symbolische materielle Entschädigung für den gestohlenen Segen insistiert (Gen 33,11).38 Bis dies erreicht ist, tritt Jakob gegenüber dem älteren Esau betont demütig auf, wirft sich sogar als seines Bruders Knecht mehrfach vor ihm nieder (Gen 32,5; 33,3.5.8). Kaum aber hat Esau den quasi materiell zurückerstatteten Segen angenommen (Gen 33,11), weist Jakob die zukunftsorientierten Beziehungsbemühungen seines Bruder jäh zurück und stößt ihn durch sein Desinteresse an Gemeinsamkeit und brüderlicher Nähe erneut vor den Kopf, bis dass die Zwillinge schließlich ohne einander aufbrechen (33,12-16). In der Folge wird Jakob vom Ewigen in Israel umbenannt und schließlich zum Stammvater des gleichnamigen Volkes (Gen 35,10f.21-26). Der Streit mit seinem Bruder Esau hatte auf diese Entwicklung letztlich keinerlei Einfluss. Er betraf allein die Familienebene und deshalb konnte er auch nur von den Brüdern selbst aus der Welt geschafft werden, ja musste es sogar, ehe die Volksgeschichte Israels ihren weiteren Lauf nehmen konnte.39

Auch Josef, einer der zwölf Söhne Jakobs, droht von seinen Brüdern aus Neid getötet zu werden (Gen 37,18-20). Ruben, der Älteste der Geschwister, interveniert jedoch und hält seine Brüder von der Bluttat ab, so dass sie Josef ← 98 | 99 stattdessen in eine Zisterne werfen (Gen 37,21-24). Nachdem Josef von reisenden Händlern befreit worden ist, die ihn schließlich nach Ägypten verkaufen (Gen 37,28.36), finden seine Brüder nurmehr eine leere Zisterne vor und beschließen, dem gemeinsamen Vater den Tod Josefs vorzutäuschen (37,29-35). Nachdem Josef im Dienste des Pharao Karriere gemacht hat, erscheinen seine Brüder aufgrund einer Hungersnot in Ägypten (Gen 41,54–42,6). Während Josef seine Brüder wiedererkennt, bleibt ihnen seine Identität verborgen (Gen 42,7f.). Geraume Zeit lässt er sie im Unklaren und prüft mehrfach ihr Vertrauen und ihre Rechtschaffenheit, während sie erst nach Kanaan und dann wieder nach Ägypten zurückkehren (Gen 41,9–44,34). Doch irgendwann kann Josef nicht mehr an sich halten, gibt sich aus emotionalen Zwängen statt aus taktischem Kalkül zu erkennen und es kommt zu einer tränenreichen Versöhnungsszene (Gen 45,1-15). Dabei vergibt Josef seinen bestürzten Brüdern und hält sie sogar an, sich selbst nicht zu grämen, insofern sein Schicksal letztlich von Gott gefügt sei und zu einem glücklichen Ausgang für alle zwölf Brüder geführt habe (Gen 45,5-8), die sich nun aussprechen (45,15) und in der Folge die familiäre Basis der Zwölf-Stämme-Struktur Israels bilden (49,1-28).

Was sich aus diesen drei Geschwistergeschichten zwischen dem vierten und fünfundvierzigsten Kapitel des Buches Genesis ersehen und schlussfolgern lässt, ist eine allmähliche moralisch-sittliche Entwicklung, ein familialer Sozialisationsprozess, der anhand von Geschwisterbeziehungen das soziale Wachstum einer ganzen Gesellschaft nach- bzw. vorzeichnet. Während Kain seinen Bruder in blinder Wut erschlägt, gereichen die innerfamiliären Umstände im Falle Jakobs und Esaus zumindest dazu, die beiden Brüder rechtzeitig und auf ausreichende Distanz hin voneinander zu trennen, bis dass sie ihren Konflikt nach Jahren des Abstands beilegen. In der Josefsgeschichte schließlich sind die Brüder dann so weit entwickelt, dass sie zumindest einen Mord aus eigenem Antrieb unterbinden, ehe sie am Ende gar zu einer herzlichen Versöhnung finden.40

Das Buch Genesis demonstriert somit anhand von Geschwistergeschichten in einem fortlaufenden sozialethischen Narrativ bzw. einer entsprechend verflochtenen Traditionssammlung, dass innerfamiliale Konflikte aus sich selbst heraus eigenständig gelöst werden müssen und dass insbesondere zwischen der innerfamilialen Ordnung und der transzendenten Ordnung Gottes unterschieden werden muss. Darum taucht der Ewige in den letzten fünfzehn Kapiteln des Buches Genesis auch so gut wie gar nicht mehr auf. Erzählte Geschwisterlichkeit findet in der Tora vorrangig als Sozialisationsprozess statt. Die Funktionalität der Familie, erprobt durch schwere Konflikte, gilt dann als Basis der Stabilität der Gesellschaft. Insofern fungieren die Geschwistergeschichten des Buches ← 99 | 100Genesis als Grundstein einer sozialethischen Matrix des Volkes Israel, wie sie am Geschwisterbegriff der gesamten Tora manifest wird.

Die Lösung von Geschwisterkonflikten bedeutet somit letztlich für das gesamte Volk einen Gewinn und wird auch deshalb anhand des Geschwisterbegriffs gern bis auf die Volksebene hin abstrahiert. Dabei tritt der aus Geschwisterkonflikten tatsächlich zu extrahierende Gewinn für die Gesellschaft Israels nirgendwo mit so tragweiter Symbolkraft zutage wie bei den Schwestern Rachel und Leah. Für ihr Wetteifern um die Liebe ihres gemeinsamen Mannes Jakob finden sie eine konstruktive und vor allem biologisch effektive Lösung: Sie bemühen und streiten sich darum, jeweils so viele Kinder wie möglich von Jakob zu empfangen (Gen 29,31–30,24). Dies führt so weit, dass die beiden Schwestern untereinander aushandeln, mit wem der gemeinsame Ehemann die Nacht verbringen darf (Gen 30,14-16). Ihr Gebärwettstreit beschert Jakob am Ende zwölf Söhne – die zwölf Stämme Israels – und eine Tochter (Gen 30,21). Von der Familienebene aus betrachtet, lässt sich also sagen, dass sogar die Zwölf-Stämme-Struktur des Volkes Israel auf einem Geschwisterstreit beruht. Eine Perspektive, die ausgesprochen interessantes soziologisches Erkenntnispotential birgt: Geschwisterrivalität ist also auch eine Form von Wettbewerb; und gemäß eines konstruktiven Verständnisses dessen, kann genau dies im besten Falle ausgesprochen anspornend und motivierend auf alle Beteiligten wirken.

Familiale Strukturen und insbesondere Geschwisterbeziehungen fungieren in der Tora demnach nicht nur als Matrix des Nationalbewusstseins Israels. Mittels Geschwistergeschichten wird letztlich die sozialethische Basis für eine funktionierende Gesellschaft des Volkes Israel vorskizziert. Besonders nachdrücklich geschieht dies innerhalb des langwierigen Brüderkonflikts der Josefsgeschichte, wofür nochmals einige Eckpunkte deren Handlung ins Bewusstsein gerufen seien: Nachdem sie sich Josefs entledigt haben, belügen seine Brüder den gemeinsamen Vater Jakob hinsichtlich des Todes seines Sohnes (Gen 37,31f.). Erst kurz zuvor hatte Ruben noch gegen die Ermordung Josefs intervenieren müssen (Gen 37,21f.). In Ägypten verweigert Josef dann den Ehebruch mit der Frau seines Herrn Potifar (Gen 39,7-12). Deren Falschaussage bringt Josef jedoch ins Gefängnis (Gen 39,19f.), obgleich er weder Potifars Frau noch dessen Besitztümer begehrt hatte. Als Josefs Brüder dann wegen einer Hungersnot nach Ägypten und zurück nach Kanaan ziehen, machen sie sich wiederum vermeintlich des Diebstahls schuldig (Gen 44,1-12). – Diese wenigen Handlungsskizzen der Josefsgeschichte offenbaren ein Ensemble religionsgesetzlicher Marksteine: Elternehrung, Mord, Ehebruch, Diebstahl, Lügenaussagen und das Begehren des Nächsten Frau und Haus. Was hier narrativ vorgezeichnet wird, sind die sozialethischen Eckpfeiler des Dekalogs, der Mitte und halachisches Herzstück des an die Josefsgeschichte anschließenden Buches Exodus (Schemot) markiert. Inso ← 100 | 101 fern ist die Josefsgeschichte auch gezielte literarische Vorbereitung auf den folgenden Exodus des Volkes Israel. Zu dessen Durchführung wiederum formiert sich dann mit Aaron und Mose ein Brüderpaar, das sich erfolgreich ergänzt und dennoch seine Konflikte auszutragen hat (Num 12). Deren Quintessenz aber besteht darin, beiden Brüdern auf den Weg in ihre ureigene Rolle im Heilsplan Gottes und der Geschichte Israels zu verhelfen: als Anführer eines Volkes und als dessen Priester.

Fazit

Die in der Tora dargelegte Geschwisterlichkeit ist also bereits auf der leiblichbiographischen Ebene von Konflikten geprägt. In ihrer Gesamtheit widerspiegeln diese jedoch, insbesondere im Buch Genesis, die vorrangige Entwicklung und Notwendigkeit, solche Auseinandersetzungen aufzulösen. Dabei darf nicht der Fehler begangen werden, sämtlichen Geschwisterkonflikten der Tora einen glücklichen Ausgang zu attestieren und so am Ende zu deren positiver Verklärung beizutragen. Vielmehr stellten sich das Glück Jakobs, Josefs oder Leahs und Rachels nicht wegen, sondern trotz ihrer Geschwisterkonflikte ein, und zwar eben weil sie diese eigenständig lösen konnten.

An dieses Potenzial des Geschwisterbegriffs gemahnend, kommt die allegorische Übertragung dessen in der Tora ebenfalls überwiegend in Momenten sozialer Spannung zum Tragen und appelliert dann an gegenseitige Verantwortung und Rücksichtnahme. Die Verbundenheit, die durch den Geschwisterbegriff zum Ausdruck kommt, ist aber weder auf der erweiterten Familien-, noch auf der Volksebene und auch nicht in völliger Abstraktion emotionaler Natur. Wenn die Tora weitere sozialethische Verhaltensrichtlinien gegenüber Geschwistern ausgibt, sind diese nicht nur Ausdruck einer Wertschätzung, sondern streben vielmehr eine Vermeidung innerfamilialer Konflikte an, da die funktionierende, stabile Familie zugleich kleinste Zelle und Spiegelbild der Gesellschaft Israels ist. Geschwisterlichkeit in der Tora ist nicht per se Synonym für Verbundenheit, aber auch keine Allegorie für Streit und fehlenden Konsens, sondern Sinnbild für die Überwindung und Lösung von Konflikten.

In der Tat scheint es absurd, Geschwistern überhaupt von vornherein Nähe und Verbundenheit unterstellen zu wollen. Naturgemäß sind sie in eine Konkurrenzsituation hineingeboren, von der Liebe der Eltern und weiteren Verwandten bis hin zu materiellen Dingen des Alltags alles teilen zu müssen. Eltern stellt dies bis heute immer wieder vor die enorme Herausforderung, ihren Kindern Grundlagen für ein gutes Verhältnis zueinander zu vermitteln. Doch auch diese feien sie nicht vor chronischer Unterschiedlichkeit und stetiger Auseinandersetzung. Zugleich liegt darin, im Austragen und Überwinden von Konflikten, das ← 101 | 102 größte Pozential der Geschwistererfahrung, die erwiesenermaßen die sozialen Kompetenzen Heranwachsender stärkt.41

Geschwisterlichkeit lässt sich also nicht einfach in Geschwisterliebe und -hass klassifizieren. Denn Geschwister dienen letztlich auch der Reflexion, der Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Und ist diese Reflexion einmal angeregt, kann man ihr kaum mehr ausweichen. Geschwister konfrontieren einander permanent mit der eigenen Existenz und deren eingeschränkter Einzigartigkeit, allein schon dadurch, dass sie im gleichen Maße Kinder ihrer gemeinsamen Eltern sind. An Geschwistern lernt man deshalb nicht nur, sich selbst ins Verhältnis zu setzen, sondern auch die Beschränkung der eigenen Bedürfnisse. Diese Fähigkeit ist eine Grundvoraussetzung für gegenseitigen Respekt und Rücksichtnahme und kann demnach im Geschwisterbegriff als allegorisierte Matrix gesellschaftlichen Sozialverhaltens fungieren. Dabei können Geschwister gleichermaßen zur sozialen Gehhilfe wie auch zum schnürenden Korsett werden. Die Tora lehrt das Volk Israel und jeden anderen Leser mit ihm, durch die Überwindung von Geschwister-Konflikten darin das Gleichgewicht zu finden. Die anhaltende Auseinandersetzung, die jenes zum Ziel hat, ist jedenfalls laut der Tora der eigentliche Sinn allegorisch idealisierter Geschwisterlichkeit.

Quellen und Literatur:

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1      Exemplarisch lässt sich dies an der sogenannten „Goldenen Regel“ ersehen, die in jeweiliger geistesgeschichtlicher Autonomie in verschiedensten Kulturen, Glaubens- und Denkrichtungen weltweit nahezu gleichlautend formuliert worden ist. Vgl. Hertzler, Joyce: The Golden Rule and Society, in: Gensler, Harry J. u.a. (Hrsg.): Ethics. Contemporary Readings. New York u.a. 2004, S. 158-166, hier S. 159-162.

2      Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, in: Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2004, S. 54-59, hier S. 55.

3      Vgl. ebd., S. 55f. (Artikel 3, 7 und 10).

4      Jedoch kann keine Rede davon sein, dass sich demnach die gesellschaftliche Situation der Frau gebessert hätte. Vgl. dazu Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek b. Hamburg 2005, S. 150-153 sowie den Artikel von Helga Völkening „,Dann sei dir darüber im Klaren, daß du auch ein Bruder bist‘. Prämissen, Implikationen und Funktionen geschwisterbezogener Terminologie, Rezeption und Metaphorik – Versuch einer disziplinübergreifenden Systematisierung“ in diesem Band. Auch jüngst, seit 2014, müssen die Vereinten Nationen durch die Kampagne „HeForShe“ immer noch um das „brüderliche“ Eintreten von Männern im Kampf für geschlechtliche Gleichstellung werben. Vgl. www.heforshe.org.

5      Gemeint ist hier die schriftliche Tora im engsten Sinne der fünf Bücher Mose.

6      Vgl. Greenspahn, Frederick E.: When Brothers Dwell Together. The Preeminence of Younger Siblings in the Hebrew Bible. New York 1994, S. 13 u. Vaux, Roland de: Das Alte Testament und seine Lebensordnungen. Bd. 1: Fortleben des Nomadentums, Gestalt des Familienlebens, Einrichtungen und Gesetze des Volkes. Freiburg u.a. 1960, S. 79.

7      Vgl. dazu Azzola, Axel: Recht, Freiheit und Bündnis in der Tora. Grundlegungen für eine jüdische systematische Theologie. Berlin 2006, S. 26f. u. 56f. und Vorpahl, Daniel: „Es war zwar unrecht, aber Tradition ist es.“ Der Erstgeburtsrechts- und Betrugsfall der Brüder Jakob und Esau. Potsdam 2008, S. 83f.

8      Vgl. dazu Petri, Horst: Geschwister. Liebe und Rivalität. Die längste Beziehung unseres Lebens. Stuttgart 2006, S. 8-11 sowie den Artikel von Helga Völkening „Themen, Kontexte und Perspektiven sozial- und individualpsychhologischer Geschwisterforschung – Ein Überblick“ in diesem Band.

9      Der hier und im Folgenden verwendete Allegorie-Begriff beruht auf der Auffassung, dass die reale zwischenmenschliche Beziehung von Geschwistern jeweils mithilfe des Geschwisterbegriffs als rational fassbares Bild zur Darstellung eines abstrakten Begriffes dient. Jeweilige Bedeutung und Spektrum jenes abstrakten Begriffs sollen im Rahmen dieses Artikels ermittelt werden. Die Geschwisterlichkeit dient demnach also der Rationalisierung eines anderen, abstrakten Begriffes, womit eine Allegorie vorliegt.

10    Vgl. Gesenius, Wilhelm: Hebräische Grammatik. Überarb. v. E. Kautzsch, Leipzig 1909, S. 490 (§ 146d). Die Subsummierung von Schwestern bzw. Brüdern unter einem grammatisch eingeschlechtlichen Begriff gilt in vielen Sprachen, im Deutschen etwa für die Verwendung des Wortes ,Geschwister‘, ursprünglich eine Pluralform für den Begriff ,Schwester‘. Vgl. Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 5. Leipzig 1854–1961, Sp. 4003.

11    Ferner zählen dazu Mutter, Vater, Tante und Onkel. Grundsätzlich gilt zudem, dass auch Halbgeschwister als Geschwister zählen. Vgl. Lev 18,11; 2 Sam 3,2f. u. 13,4 sowie dazu Wolff, Hans W.: Anthropologie des Alten Testaments. München 1990, S. 273 (FN 9).

12    Vgl. Lev 25,25.35-37; Dtn 15,2f. und dazu Wolff: Anthropologie, S. 273f.

13    Vgl. ebd., S. 271.

14    Als Reinheit ist hier v.a. die ethische und sexuelle Unschuld in der Begegnung von Geschwistern, wie generell engster Verwandter, zu verstehen. Allerdings spricht Friedrich Fechter Lev 18 einen normativen Stellenwert zumindest für die früheste Zeit des Volkes Israel ab. Vgl. Fechter, Friedrich: Die Familie in der Nachexilszeit. Untersuchungen zur Bedeutung der Verwandtschaft in ausgewählten Texten des Alten Testaments. Berlin u.a. 1998, S. 314.

15    Sämtliche Übersetzungen von Bibelzitaten stammen vom Autor, auf der Grundlage der Biblia Hebraica Stuttgartensia/images Hrsg. v. Karl Ellinger; Wilhelm Rudolph u.a. Stuttgart 2007.

16    Vgl. Gesenius, Wilhelm: Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament. Berlin u.a. 2013, S. 32.

17    So etwa images für ,Onkel‘, ,Verwandter‘ oder ,Neffe‘, images für ,Bekannter‘ oder ,Verwandter‘, images für ,Verwandtschaft‘, ,Verwandter‘ oder ,Freund‘ und images für Stammverwandte‘, ,Volksgenosse‘ oder ,Verwandter‘. Vgl. ebd., S. 243, 634, 1191 u. 1251f.

18    Vgl. Weisberg, Dvora E.: Levirate Marriage and the Family in Ancient Judaism. Waltham 2009, S. 52f.

19    Vgl. ebd.

20    Vgl. Gen 12,11-16; 20,2 u. 26,7.

21    Eine Entwürdigung meint hier, neben der in der Tora unerwähnt bleibenden persönlichen Demütigung der Frauen, vor allem die theologisch relevante Bedrohung der ethnischen Unversehrtheit der stammelterlichen Erblinie Israels. Vgl. Gen 20,3-7 u. 26,10.

22    Vgl. Gesenius: Handwörterbuch, S. 35.

23    Vgl. Blenkinsopp, Joseph: The Family in First Temple Israel, in: Perdue, Leo G. u.a. (Hrsg.): Families in Ancient Israel. Louisville 1997, S. 48-103, hier S. 76 u. Meyers, Carol: The Family in Early Israel, in: ebd., S. 1-47, hier S. 23 u. 32-35. Lot und Abraham trennen sich dann, nachdem Lot ökonomisch unabhängig geworden ist. Vgl. Gen 13,5-10. Dennoch leistet Abraham ihm auch danach noch Hilfe. Vgl. Gen 14,12-16.

24    Vgl. Weisberg: Levirate, S. 52.

25    Fechter: Familie, S. 119.

26    Als vermeintlicher zweiter Fall könnte allenfalls Gen 29,4 gelten, wo Jakob nach seiner Ankunft in Padan Aram auf unbekannte Viehhirten trifft und diese vorsorglich als seine Brüder anspricht, ohne wissen zu können, dass es sich um Nachfahren Harans, seines Großonkels (11,31), handelt. Jakob könnte zunächst davon ausgehen, dass die Viehhirten nicht mit ihm verwandt sind, obwohl dies tatsächlich im weiteren Sinne der Fall ist.

27    Ein paralleles Ereignis findet sich jedoch in Ri 19,23, wo es ebenfalls einen als Fremden in der Stadt Lebenden betrifft (Ri 19,16).

28    Diese und ähnliche Wendungen, auch in femininen Wortformen, finden sich in Gen 9,5; 13,11; 26,31; 37,19; 42,21; 42,28; Ex 10,23; 16,15; 25,20; 26,3.5.6; 37,9; Lev 7,10; 26,37 und Num 14,4.

29    Dies beweisen insbesondere Ex 25,20; 26,3.5.6.17 u. 37,9, wo die Wendungen „einer zum anderen“ images bzw. „eine mit der anderen“ images nicht auf Menschen, sondern auf Gegenstände angewandt werden.

30    Dies geschieht mehr als dreißig Mal in den Büchern Exodus bis Deuteronomium. Die seltenere Singularform „Bruder“ findet sich dabei ausschließlich in Lev 25,36; Dtn 1,16; 15,3.7.9.11; 17,15; 19,18f.; 22,1-4 u. 23,20f.

31    Vgl. Ex 2,11; 4,18; 32,27; Lev 25,46; Num 32,6; Dtn 1,16; 15,3.7.11; 22,1-4; 23,20f.

32    Außerhalb der Tora kulminiert der Geschwisterbegriff interessanter Weise kaum zur Bezeichnung des Beziehungsverhältnisses der Bruderstaaten Israel und Juda (2 Sam 19,13) und sogar nur ein einziges Mal in der Hebräischen Bibel im Begriff der Bruderschaft images und zwar hinsichtlich der bedrohten Verbindung Judas und Israels (Sach 11,14). Vgl. Gesenius: Handwörterbuch, S. 34 sowie dazu Wolff: Anthropologie, S. 273.

33    Kessler, Rainer: Sozialgeschichte des Alten Israel. Darmstadt 2006, S. 175.

34    Ebd., S. 57. Vgl. dazu auch Fechter: Familie, S. 119.

35    Vgl. dazu Römer, Thomas: Die Entstehung des Pentateuch: Forschungsgeschichte, in: ders. u.a. (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. Die Bücher der Hebräischen Bibel und die alttestamentlichen Schriften der katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen. Zürich 2013, S. 120-137, hier S. 135f. sowie Nihan, Christophe; Römer, Thomas: Die Entstehung des Pentateuch: Die aktuelle Debatte, in: ebd., S. 138-164, hier S. 160-162.

36    Vgl. Kessler: Sozialgeschichte, S. 142.

37    Vgl. Lev 18,6; 19,17; 25,25.35-37 u. Dtn 15,2f.

38    Vgl. Vorpahl: Erstgeburtsrechts- und Betrugsfall, S. 49.

39    Vgl. ebd., S. 59. Eine symbolische Vorwegnahme der Überwindung des Brüderkonflikts wie auch der volksgeschichtlichen Umbenennung Jakobs findet sich in der in vielerlei Hinsicht rätselhaft bleibenden Kampfszene mit einem Boten Gottes am Ufer des Jabbok in Gen 32,23-33. Vgl. dazu ebd., S. 43-47.

40    Vgl. ebd., S. 58.

41    Vgl. den Artikel von Helga Völkening „Themen, Kontexte und Perspektiven sozial- und individualpsychhologischer Geschwisterforschung – Ein Überblick“ in diesem Band.