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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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Kinder Israels und Gottes Kinder – Geschwisterlichkeit in der Hebräischen Bibel und im Neuen Testament (Rainer Kessler)

Kinder Israels und Gottes Kinder – Geschwisterlichkeit in der Hebräischen Bibel und im Neuen Testament

Rainer Kessler

Abstract

In the early Christian communities the idea that all members of the Jewish people are one family because they belong to the same lineage is combined with the idea that all those who believe in Christ are children of God and, in consequence, brothers and sisters. This article shows this metaphor’s roots in the Hebrew Bible itself.

Die folgenden Zeilen widmen sich der metaphorischen Verwendung der Rede von Geschwisterlichkeit im Neuen Testament. Sie fragen danach, wie diese begründet wird, oder anders gesagt, wer eigentlich als gemeinsamer Vater (oder gemeinsame Eltern) der metaphorischen Geschwister angesehen wird. Des Weiteren gehe ich sodann den Wurzeln dieser Vorstellung in der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament der christlichen Bibel, nach.

Natürlich gibt es in den Schriften des Neuen Testaments auch leibliche Geschwister. Jesus selbst hatte eine ganze Schar von Brüdern und Schwestern, von denen wir einige sogar mit Namen kennen. Als er einmal in der Synagoge in Nazaret lehrt, fragen die Leute: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt seine Mutter nicht Maria, und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? Und leben nicht alle seine Schwestern bei uns?“ (Mt 13,55f. par. Mk 6,3). Auch unter Jesu Anhängerschaft gibt es Geschwister, z.B. Jakobus und Johannes, die im Reich Gottes gerne an seiner Seite sitzen möchten (Mt 20,20-23 par. Mk 10,35-40). In seinen Beispielerzählungen verwendet Jesus gelegentlich das Motiv des Geschwisterpaares, und zwar als Kontrastmotiv. Einmal erzählt er von zwei Brüdern, die der Vater zur Arbeit schickt. Der eine sagt erst „Nein“, geht dann aber hin, der andre sagt „Ja“, geht aber nicht hin (Mt 21,28-32). Oder das berühmte Gleichnis vom verlorenen Sohn, den der Vater nach allen Verfehlungen wieder aufnimmt, worüber der immer anständig gebliebene Bruder wenig erfreut ist (Lk 15,11-32).

Doch nicht von solchen leiblichen Geschwistern soll, wie gesagt, im Folgenden die Rede sein.

Ich gehe in meinen Ausführungen zur metaphorischen Rede von Geschwisterlichkeit von dem aus dem Neuen Testament vielfach belegten Brauch der Christusgläubigen aus, sich als Brüder und Schwestern zu verstehen und sich auch so anzureden. Paulus adressiert so die Empfängerinnen und Empfänger ← 105 | 106 seiner Briefe (Röm 1,13; 7,1.4 u.ö.). Die Predigten der Apostelgeschichte richten sich an die Geschwister (Apg 1,16; 2,29; 3,17 u.ö.), und ansonsten ist Bruder bzw. Schwester der übliche terminus technicus für die Bezeichnung der Mitchristen.1

Das Griechische hat kein Wort für ,Geschwister‘. Es verwendet dazu den Plural von ἀδελφός (adelphós), ,Bruder‘. Wenn nicht ausdrücklich nur Männer angeredet sind, ist dieser Plural korrekt nicht mit ,Brüder‘, sondern mit ,Geschwister‘ oder ,Brüder und Schwestern‘ wiederzugeben. Es verhält sich so wie im Spanischen und Portugiesischen, wo es kein Wort für ,Eltern‘ gibt und stattdessen der Plural los padres bzw. os pais verwendet wird. In 90% der Fälle ist eine Übersetzung von los padres / os pais mit „die Väter“ einfach falsch. Genauso sind die griechischen ἀδελφοί (adelphoí) in der Regel ,Geschwister‘ und nicht ,Brüder‘.

Der Gebrauch als Anrede unter der Christusanhängerschaft ist offenkundig metaphorisch. Nun mag die Metapher durchaus eine gewisse Haltung transportieren, die man als Geschwisterlichkeit bezeichnen kann. In ihr käme „die Horizontale der Verbundenheit untereinander, die sich dem Engagement für die gleiche Sache verdankt, zum Ausdruck“2. Doch hat Geschwisterlichkeit in Wirklichkeit oft viel mehr mit Rivalität bis hin zu erbitterter Feindschaft zu tun als mit Solidarität und Liebe. Wie dem auch sei, was auf jeden Fall für Geschwisterlichkeit konstitutiv ist – ob in Solidarität oder in Rivalität –, ist die gemeinsame Abstammung. Wir sind Brüder und Schwestern dadurch, dass wir dieselben Eltern haben.

Israel als genealogisch-ethnischer Verwandtschaftsverband

Wie verhält es sich nun mit solcher gemeinsamen Abstammung beim metaphorischen Gebrauch der Bezeichnung? Das Neue Testament selbst zeigt, dass die urchristliche Anrede als Brüder und Schwestern ihre Wurzeln in der Hebräischen Bibel und in der jüdischen Tradition hat. Ganz offenkundig ist das in neutestamentlichen Zitaten aus der Hebräischen Bibel. Da ist die Ankündigung Moses, Gott werde „einen Propheten wie mich […] aus der Mitte eurer Brüder [erwecken]“ (Zitat von Dtn 18,18 in Apg 3,22; 7,37). Hebr 2,12 zitiert Ps 22,23, wenn der Beter gelobt: „Ich werde deinen Namen meinen Brüdern ← 106 | 107 verkünden, inmitten der Gemeinde werde ich dich loben.“ Solcher, von der Hebräischen Bibel geprägter Sprachgebrauch liegt aber auch vor, wenn in der Jesusüberlieferung von Brüdern oder Geschwistern die Rede ist. Ich nenne nur einige Beispiele aus der Bergpredigt. Jesus legt das Verbot zu töten so aus: „Jeder, der seinem Brüder zürnt, sei dem Gericht übergeben“ (Mt 5,22). Vor dem Gang zum Altar fordert er auf, sich zuerst mit dem Bruder zu versöhnen, mit dem man im Streit liegt (Mt 5,23f.). Oder das bekannte Bildwort: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber nimmst du nicht wahr“ (Mt 7,3). Die Beispiele ließen sich reichlich vermehren.

Die Vorstellung, dass alle Israelitinnen und Israeliten Geschwister sind, wird nun in der Hebräischen Bibel tatsächlich mit der gemeinsamen Abstammung begründet. Alle stammen von Abraham und Sarah, von Isaak und Rebekka und von Jakob und den zwölf Söhnen, die er mit vier verschiedenen Frauen hatte, ab. Umfängliche Genealogien, wie wir sie vor allem in den fünf Büchern der Tora und dann in einer breit ausgebauten Genealogie in den ersten neun Kapiteln der Chronikbücher finden, ermöglichen es jedem Angehörigen des jüdischen Volkes, sich in dieser Abstammungslinie zu verorten. Die Bezeichnung der Israeliten als „Söhne Israels“ oder „Kinder Israels“ spiegelt dieses genealogische Denken wider, denn Jakob bekam nach dem Buch Genesis den Namen Israel (Gen 28,29; 35,10). Die „Kinder Israels“ sind die Nachfahren Jakobs.

Die ethnologische Forschung, vor allem an afrikanischen Gesellschaften, hat längst gezeigt, dass solche Genealogien meistens fiktiv sind. Sie sind auch veränderbar, sogar in recht kurzen Zeiträumen. Spalten sich Untergruppen von der Hauptgruppe dauerhaft ab, werden die Vorfahren aus der Genealogie entfernt, schließen sich bis dahin Fremde der Gruppe an, wird die Liste der gemeinsamen Vorfahren um den Ahn der neuen Gruppe ergänzt. Trotz dieser Variabilität ist der Zusammenhalt solcher auf gemeinsamer realer oder fiktiver Abstammung beruhender Gesellschaften in der Regel groß.3

Auch im Neuen Testament wird der Gedanke, dass Juden und Jüdinnen deshalb Geschwister sind, weil sie gemeinsame Vorfahren haben, aufgegriffen. Paulus spricht im Römerbrief ausdrücklich von „meinen Geschwistern, meinen Landsleuten nach dem Fleisch, die Israeliten sind, […] die die Väter haben […]“ (Röm 9,3-5).

Aus der Reihe der Patriarchen erhält in neutestamentlicher Zeit Abraham als gemeinsamer Vorfahr den Vorrang vor Jakob, wofür bereits in der Hebräischen Bibel der Grund gelegt wird. So heißt es bei Deuterojesaja: „Schaut auf Abra ← 107 | 108 ham, euren Vater, und auf Sarah, die euch geboren hat“ (Jes 51,2). Nach der Erzählung der Apostelgeschichte redet Stephanus, der der erste Märtyrer wird, die Mitglieder des Synhedrions mit „Brüder und Väter“ an und spricht gleich darauf von „unserem Vater Abraham“ (Apg 7,2). Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, lässt Paulus bei einer Predigt in einer Synagoge die Anwesenden als „Israeliten und Gottesfürchtige“ anreden, unterscheidet also zwischen Juden und Anhängern des Judentums aus den Völkern, die nicht konvertiert sind (Apg 13,16). Bei einer erneuten Anrede variiert Lukas dann so, dass es heißt: „Brüder, Söhne aus dem Geschlecht Abrahams, und Gottesfürchtige“ (Apg 13,26). Es ist ebenfalls Lukas, der verschiedene Gestalten im Evangelium von „unserem Vater Abraham“ (Lk 1,73; vgl. 3,8 par. Mt 3,9) oder nur vom „Vater Abraham“ (Lk 16,24) reden lässt. Schließlich ist auch bei Johannes in einer Diskussion Jesu vom „Samen Abrahams“, von „unserem Vater Abraham“ und „Kindern Abrahams“ die Rede, und immer geht es um Jüdinnen und Juden (Joh 8,37.39).4

Ausweitung der Geschwistermetaphorik im Neuen Testament

So weit also geht das Neue Testament noch nicht über das hinaus, was aus der Hebräischen Bibel und im Judentum üblich und bekannt ist. Doch dabei bleibt es nicht. Die Erfahrung – und ihre gläubige Interpretation –, dass mit der Auferweckung Jesu von den Toten die Endzeit angebrochen ist, führte dazu, dass nun auch

Menschen aus den Völkern der Botschaft von Jesus Glauben schenkten, als sie von griechisch sprechenden Juden außerhalb des Landes Israel verkündigt wurde. Weil damit Gott selbst sie durch seinen Geist dazu bewegte, ,sich von den Götzen zu Gott zu wenden …‘ (1 Thess 1,9), hielt man es nicht für angemessen, daß diese Menschen – soweit sie Männer waren – sich auch noch nachträglich beschneiden lassen, also Juden werden mussten.5

In den Gemeinden der Christusgläubigen gibt es also neben Jüdinnen und Juden, die sich auf ihre Abstammung von den Erzeltern berufen können, Menschen aus ← 108 | 109 den Völkern, die genauso dazu gehören, ohne vorher jüdisch geworden zu sein. Und auch diese sind Brüder und Schwestern.

Diese Differenz ist in den neutestamentlichen Schriften noch allgegenwärtig. Paulus spricht die Mitglieder der korinthischen Gemeinde als Geschwister an. Aber in einer bestimmten Situation erinnert er sie an die Zeit, „als ihr Völker wart“, oder: „als ihr noch Heiden wart“6 (1 Kor 12,2). Die Verkündung der Beschlüsse des sogenannten Apostelkonvents von Jerusalem wird nach Apg 15,23 mit den feierlichen Worten eingeleitet: „Die Apostel und Ältesten, eure Geschwister, grüßen die Geschwister aus den Völkern in Antiochia, Syrien und Kilikien.“ Alle sind Brüder und Schwestern, die jüdischen Christusgläubigen und jene aus den Völkern, die keine Juden geworden sind; aber die letzteren werden gezielt als „Geschwister aus den Völkern“ angeredet. Wenn aber alle Brüder und Schwestern sind, wie lässt sich dann gemeinsame Abstammung als wesentliches Kennzeichen von Geschwistern denken? Denn an der leiblichen Herkunft – „nach dem Fleisch“, wie Paulus sagt (Röm 9,3) – kann man sich demnach nicht mehr orientieren.

Ich sehe zwei Antworten auf diese Frage, wobei die zweite streng genommen nur die Kurzfassung der ersten ist. Beginnen wir also mit der Langfassung. Der zufolge sind auch die nichtjüdischen Geschwister „Kinder Abrahams“, nur eben nicht nach dem Fleische, sondern aus dem Glauben. So argumentiert Paulus vor allem im Galaterbrief. Demzufolge wurde Abraham selbst aus Glauben gerecht, wie Paulus mit dem Zitat aus Gen 15,6 belegt: „Er glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet“. Außerdem sah die Schrift selbst Paulus zufolge voraus, dass Gott die Heidenvölker aus Glauben gerecht machen würde. Deshalb hat er Abraham vorweg verkündet: „In dir werden alle Völker gesegnet werden“, ein Zitat aus Gen 12,3. Eigentlich genügt diese Argumentation aus Gal 3,6-9 schon, um zu zeigen, dass „die aus dem Glauben Lebenden gesegnet werden, zusammen mit dem glaubenden Abraham“ (3,9). Aber verstärkend fügt Paulus noch den Hinweis hinzu, dass das Gesetz vom Sinai überhaupt erst 430 Jahre später entstanden sei (Gal 3,17). Gerechtigkeit entsteht also, wenn sie lange vor dem Gesetz zugesprochen werden kann, nicht aus dem Gesetz, sondern aus dem Glauben. Wie könnte dieses Gesetz, das nur den Juden, nicht aber den Völkern gegeben ist, die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt, hinfällig machen?

Paulus geht noch einen Schritt weiter. In Gal 3,29 formuliert er: „Wenn ihr Christus angehört, dann seit ihr Same Abrahams, Erben gemäß der Verheißung.“ Hier wird der Begriff „Same“, griechisch σπέρμα (spèrma), der auf genealogi ← 109 | 110 sche, auf leibliche Nachkommenschaft zielt, verwendet. Abraham hat gewissermaßen eine zweifache Nachkommenschaft, die Jüdinnen und Juden, die fleischlich aus seinem Samen hervorgegangen sind, und die Christusgläubigen aus den Völkern, die aufgrund ihres Glaubens „Same Abrahams“ sind. Derselbe Paulus sagt von sich: „Ich bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, dem Stamm Benjamin“ (Röm 11,1). Er gehört zur biologischen Nachkommenschaft Abrahams. Aber er kennt eben auch die, die aufgrund ihres Glaubens „Same Abrahams“ sind.

Allerdings wird dieser etwas umständliche Weg, die Geschwisterlichkeit aller Christusgläubigen aus dem Volk Israel und den übrigen Völkern zu begründen, im Neuen Testament in der Regel abgekürzt. Dort heißt es einfach: „Ihr seid alle Söhne und Töchter Gottes durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 3,26). Von Abraham ist nicht die Rede. Nach dem Prolog des Johannesevangeliums sind die, die den in die Welt gekommenen Logos aufgenommen haben, zu Gottes Kindern geworden (Joh 1,12). Noch abgekürzter werden die Empfänger des Kolosserbriefs als „Geschwister in Christus“ angeredet (Kol 1,2). Ja selbst die ausdrückliche Erwähnung des Christusglaubens, der die Gläubigen aus den Völkern mit denen aus Israel gleichstellt, kann wegfallen. Ebenso kann nämlich davon die Rede sein, dass die, die „vom Geist Gottes getrieben“ sind, „Kinder Gottes“ sind. Im „Geist der Kindschaft“ rufen sie: „Abba! Vater!“ (Röm 8,14-15). Ohne die Nennung von Christus oder dem Geist können die Christusgläubigen schließlich einfach als „Kinder Gottes“ bezeichnet werden (Phil 2,15). Dass auch bei dieser Vorstellung der Gedanke des gemeinsamen Vaters zugrunde liegt, zeigt der 1. Johannesbrief. Denn er setzt die „Kinder Gottes“ mit solchen gleich, die „aus Gott gezeugt“ sind (1 Joh 3,9).

Es ist ein langer Weg von der genealogisch konstruierten Geschwisterlichkeit des Volkes Israel bis hin zu dem Gedanken, dass alle, die an den Gott Israels glauben, Gottes Kinder sind, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft. Wir haben gesehen, dass für die Vorstellung einer genealogischen Gemeinschaft aller Jüdinnen und Juden in der Hebräischen Bibel der Grund gelegt ist. Die Frage, der ich nun nachgehen will, ist, ob auch die Vorstellung einer Gotteskindschaft der Glaubenden über die genealogische Abstammungslinie von Abraham und Jakob hinaus in der Hebräischen Bibel Wurzeln hat oder ob hier das Neue Testament einen Weg geht, der über die Schrift des Alten Testaments hinausgeht.

Die Gotteskindschaft Israels

Es geht im Folgenden nicht mehr um die Vorstellung vom Judentum als genealogischem Verwandtschaftsverband. Diese ist im Neuen Testament zwar aufge ← 110 | 111 nommen, aber eben auch ausgeweitet. Auch diese Ausweitung hat, meinem Verständnis nach, ihre Wurzeln in der Hebräischen Bibel. Dazu sind zwei Gedankenlinien zu verfolgen, die zunächst gar nichts miteinander zu tun haben. Die erste spricht von einer Gotteskindschaft der Israelitinnen und Israeliten, die nicht über ihre gemeinsame Abstammung von den Erzeltern definiert ist.

Es finden sich in der Hebräischen Bibel etliche Stellen, die eine Gotteskindschaft Israels voraussetzen, ohne dass der Gedanke eines genealogisch konstruierten Verwandtschaftsverbandes eine Rolle spielt. Sie lassen sich noch einmal differenzieren in solche, die von einer kollektiven, und solche, die von einer individuellen Gotteskindschaft sprechen.

„Israel ist mein erstgeborener Sohn“ (Ex 4,22), so soll Mose nach der Exoduserzählung zum Pharao sagen. Er soll ihm weiter sagen, dass der Pharao „meinen Sohn“ ziehen lassen soll, ihm zu dienen. Andernfalls werde er den erstgeborenen Sohn des Pharao töten (Ex 4,22f.). Jhwh7 und Pharao stehen sich gegenüber. Das ist die Grundkonstellation der gesamten Exoduserzählung.8 Beide haben einen Sohn. Beim Pharao ist es der Thronfolger. Bei Jhwh ist es sein Volk Israel. Der Gedanke wird beim Propheten Hosea aufgegriffen, wenn er das Exodusereignis in die Worte Jhwhs fasst: „Aus Ägypten rief ich meinen Sohn“ (Hos 11,1).

Wenn Israel Jhwhs Sohn ist, dann ist Jhwh Israels Vater. Dtn 32,6 spricht von ihm als „dein Vater, der dich geschaffen hat, der dich gemacht und gefestigt hat“. Angeredet ist dabei das Volk. Auch bei Jeremia taucht der Gedanke auf, wenn es im Mund Jhwhs heißt: „Ich bin für Israel zum Vater geworden, und Efraim, er ist mein Erstgeborener“ (Jer 31,9). Jer 3 verwendet eine Ehemetaphorik, nach der Jhwh die Rolle des Ehemannes und Israel die der Ehefrau einnimmt. Israel wird also als weibliche Gestalt vorgestellt, von der es in einer gewissen Verkehrung der Rollen heißt, sie habe eben noch „Mein Vater!“ gerufen (Jer 3,4).9 Denselben Ausruf „Mein Vater!“ erwartet Jhwh dann im selben Kapitel auch noch von der Frau Israel für die Zukunft (Jer 3,19). ← 111 | 112

Es lässt sich feststellen, dass die Beziehung zwischen Jhwh und Israel in die Metaphorik einer Vater-Sohn- oder Vater-Tochter-Relation gekleidet werden kann. Israel als Kollektiv ist Kind Gottes.

Einen Schritt näher an die neutestamentliche Rede von den Brüdern und Schwestern als Söhnen und Töchtern Gottes kommt die Vorstellung der Hebräischen Bibel, dass nicht nur Israel als Kollektiv Kind Gottes ist, sondern jedes einzelne Glied des Volkes, ohne dass von einer gemeinsamen Abstammung von den Erzeltern als den gewissermaßen leiblichen Vorfahren die Rede wäre. In Dtn 14,1 wird ein neuer Abschnitt von Gesetzesbestimmungen mit der Anrede eingeleitet: „Kinder seid ihr Jhwhs, eures Gottes.“ In Ps 73 spricht das betende Ich davon, bei einer bestimmten Art zu reden, „hätte ich das Geschlecht deiner Kinder“ verraten (73,15). An beiden Stellen sind die Israeliten als Einzelne Kinder Gottes. Im Blick auf die Beendigung der Zerstreuung lässt Deuterojesaja Gott zum Norden und zum Süden sagen: „Bring meine Söhne aus der Ferne und meine Töchter vom Ende der Erde“ (Jes 43,6). Hier wird also nicht nur geschlechtsübergreifend von Kindern, sondern ausdrücklich von Söhnen und Töchtern Gottes geredet.

Wie bei der kollektiven Vorstellung von Israel als Sohn Gottes entsprechen sich auch bei der individualisierten Redeweise die Kindschaft der Israeliten und die Vaterschaft Gottes. In Mal 2,10 wird die Vorstellung von Gottes Vaterschaft in die Form einer rhetorischen Frage gekleidet: „Haben wir nicht alle einen einzigen Vater?“ Tritojesaja drückt das selbe affirmativ-positiv aus: „Nun aber bist doch du, Jhwh, unser Vater“ (Jes 64,7). Dominiert in diesen Texten noch das Kollektiv, indem von „wir“ und „unserem Vater“ die Rede ist, so erscheint im hebräischen Text von Jesus Sirach im 2. Jahrhundert v.d.Z. auch die individuelle Redeweise, bei der Gott als „mein Vater“ angeredet wird: „Ich will dich preisen, mein Gott, meine Rettung, / ich will dich loben, mein Gott, mein Vater […]“ (Sir 51,1 hebr.).10

In der Tat „drückt die Metapher von der Gotteskindschaft […] eine besonders enge, eben nahezu familiäre Zugehörigkeit aus“.11 Alle Stellen aber, ob sie kollektiv oder individualisiert von der Gotteskindschaft sprechen, erwähnen die genealogische Abstammung, die ja in gewisser Weise diese „nahezu familiäre Zugehörigkeit“ verdoppelt, mit keinem Wort. Sie bereiten damit die neutestamentliche Rede, dass alle Glaubenden Kinder Gottes und somit Schwestern und Brüder seien, vor. Am weitesten geht dabei Jes 63,16. Denn diese Stelle kontras ← 112 | 113 tiert als einzige die Vorstellung, dass die Israeliten Kinder Gottes sind, mit der, dass sie Kinder Abrahams sind. Es heißt da: „Du [sc. Gott] bist doch unser Vater! Abraham hat nichts von uns gewusst, und Israel kennt uns nicht. Du, Jhwh, bist unser Vater […]“. „Offensichtlich wird hier die Vaterschaft Gottes der Vaterschaft der Erzväter Abraham und Jakob gegenübergestellt, ja Gott wird regelrecht gegen jene ausgespielt.“12 Allerdings wird damit nicht etwa die Abstammung der Israeliten von Abraham und Isaak geleugnet. Sie ist vielmehr vorausgesetzt. Aber, wie Claus Westermann kommentiert, „Gott ist in einer vollkommen anderen Weise Israels Vater als Abraham und Jakob Väter des Volkes sind; er ist lebendiger, gegenwärtiger Vater, er weiß, er kennt, er sieht.“13

In der Hebräischen Bibel ist nie die Rede davon, dass andere als die Kinder Israels Söhne oder Töchter Gottes sind. Aber indem in Jes 63,16 die Geschwisterlichkeit der Israelitinnen und Israeliten primär in der Gotteskindschaft und nur sekundär in der Abstammung von Abraham und Jakob begründet wird, wird eine Voraussetzung geschaffen, dass im Neuen Testament dann auch die, die zum Glauben an den Gott Israels gekommen sind, Kinder Gottes und somit Geschwister heißen können.

Das leitet über zu einer weiteren Gedankenlinie, die mit der Frage der Abrahamkindschaft oder Gotteskindschaft als Begründung der Geschwisterlichkeit des Volkes gar nichts zu tun hat.

Das Hinzutreten der Völker

Wir haben gesehen, dass die Geschwisterlichkeit im Neuen Testament auf doppelte Weise begründet wird. Die Angehörigen des Volkes Israel sind Geschwister, weil sie Nachfahren von Abraham und Sarah sind, „nach dem Fleisch“, wie es heißt. So steht es auch in der Hebräischen Bibel. Die Angehörigen aus den Völkern sind dagegen Geschwister, weil sie durch den Glauben an Jesus als den Messias zum Glauben an den Gott Israels gekommen sind. Sie sind Geschwister im Geist, im Glauben, in Christus. Und auch dieser Gedanke, dass die Völker zu Israel hinzutreten, hat seine Wurzeln in der Hebräischen Bibel. Und wie im Neuen Testament heißt das immer, dass die Gläubigen aus den Völkern in der Tat zu Israel hinzutreten und nicht, wie es später häufig verstanden wurde, an die Stelle Israels treten.14← 113 | 114

Schon der anfängliche Segen für Abram enthält die Völkerperspektive. Mit dem Befehl zum Aufbruch ins Land Kanaan empfängt Abram nicht nur selbst Segen, sondern bekommt seinerseits den Befehl, „Segen“ zu werden. Was das heißt, führt der folgende Vers aus, indem er Gott sagen lässt: „Segnen will ich, die dich segnen, und wer dich erniedrigt, den verfluche ich. In dir sollen gesegnet werden alle Sippen der Erde“ (Gen 12,3). Deutlich ist, dass es keinen Segen an Abraham und seinen Nachfahren vorbei gibt. Deutlich ist aber auch, dass es die Möglichkeit des Segens für alle Völker der Erde gibt. Diese Linie wird in verschiedenen Ausdrucksformen durch die Hebräische Bibel hindurch beibehalten. Nach der prophetischen Vision, die sich sowohl bei Jesaja als auch bei Micha findet (Jes 2,1-5 par. Mi 4,1-5), werden künftig die Völker zum Zion kommen und von dort Tora, also Weisung aus Gottes Mund, empfangen, die ihnen ein friedliches Miteinander ermöglicht. Deuterojesaja spricht von dem Gott Israels, der sich an „alle Enden der Erde“ wendet und dessen Wort unverbrüchlich ist: „Mir werden sich beugen alle Knie“ (Jes 45,22f.).

Der Perspektive für die Völker entspricht die Rolle Israels. Wie die Priester für das Volk vor Gott treten, soll Israel ein „Königreich von Priestern“ sein (Ex 19,6), das die Völker zum Gott Israels führt. Israel ist „Zeuge“ Jhwhs vor den Völkern (Jes 43,10; 55,4). Israel, der Knecht Gottes, wird zum „Licht für die Völker“ (42,6; 49,6f.).15 All diese Stellen eröffnen eine Perspektive für die Völker, ohne die der Gedanke des Neuen Testaments, dass Menschen aus den Völkern zum Glauben an den Gott Israels kommen und Brüder und Schwestern auch der Israeliten und Israelitinnen werden, nicht denkbar ist. All diese Stellen machen aber auch klar, dass es keinen Glauben an den Gott Israels und Vater Jesu Christi an Israel vorbei geben kann.

Am weitesten gehen einige Stellen der Hebräischen Bibel, die zwar den Unterschied zwischen dem Volk Israel und den übrigen Völkern nicht aufheben, aber seine Bedeutung auf erstaunliche Weise relativieren. So stellt Am 9,7 die rhetorische Frage: „Gehört ihr nicht genauso zu mir wie die Kuschiten, ihr Israelkinder – Spruch Jhwhs? Habe ich nicht Israel aus dem Land Ägypten heraufgeführt und die Philister aus Kaftor und Aram aus Kir?“ Gott ist und bleibt der Gott Israels. Aber er ist zugleich der Gott der Ägypter, der Philister und der Aramäer, und er hat seine eigene Geschichte mit ihnen. An einer der ← 114 | 115 jüngsten Stellen im Jesajabuch wird die Vision eines Dreierbundes zwischen Israel, Ägypten und Assur vor Augen gestellt. Sie endet mit dem Gotteswort: „Gesegnet ist mein Volk, Ägypten, und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbbesitz, Israel“ (Jes 19,25). Prädikate, die bisher Israel vorbehalten waren – „mein Volk“ (Ex 3,7.10; 5,1 u.ö.), „das Werk meiner Hände“ (Jes 64,7; vgl. 43,1; 44,2 u.ö.) – werden nun auf andere Völker übertragen. Und ebenfalls für die Zukunft sieht Sacharja voraus, dass sich viele Völker Jhwh anschließen werden. Und er lässt Gott sagen: „Sie werden mir zum Volk“ (Sach 2,15).

Ohne solche Aussagen könnte das Neue Testament nicht davon sprechen, dass Menschen aus den Völkern zu Israel hinzutreten und im Glauben an Jesus als den Messias zu Geschwistern der Kinder Israels werden können. Der Gedanke der Geschwisterlichkeit im Neuen Testament – dies wollte ich zeigen – ersetzt nicht das Motiv einer genealogisch-ethnisch begründeten Geschwisterlichkeit der Israeliten. Er lässt diese vielmehr weiter in Geltung, ergänzt sie aber um den Gedanken einer Geschwisterlichkeit aus Glauben, indem er Menschen aus den Völkern zu Israel hinzutreten lässt. Doch auch dieser Gedanke hat seine tiefen Wurzeln in der Hebräischen Bibel, die sowohl von einer Gotteskindschaft ohne Bezug auf die genealogische Abstammung sprechen kann als auch den Gedanken des Hinzutretens der Völker zu Israel kennt.

Ausblick

Der Gedanke der Geschwisterlichkeit hat eine große Karriere gemacht. In den Klöstern sind die Mönche Brüder und die Nonnen Schwestern. Die französische Revolution feierte die Brüderlichkeit der Freien und Gleichen: liberté – égalité – fraternité. Es ist die Brüderlichkeit der Bürger. Auf dem Rütli verbindet Schiller den Gedanken der Freiheit mit dem der nationalen Einheit:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,

In keiner Not uns trennen und Gefahr

(Schiller, Wilhelm Tell 2,2).

Derselbe Schiller kann in der Ode An die Freude die Brüderlichkeit aber auch universal vorstellen. Er besingt die Freude:

Alle Menschen werden Brüder,

Wo dein sanfter Flügel weilt.

Seid umschlungen, Millionen!

Diesen Kuß der ganzen Welt!

Brüder – überm Sternenzelt

muß ein lieber Vater wohnen. ← 115 | 116

Ich lasse den Genderaspekt hier beiseite, da in dieser Welt ohnehin nur Brüder und Väter sichtbar wurden, keine Schwestern und Mütter. Wir konnten sehen, dass die Bibel Alten und Neuen Testaments schon weiter war. Der äußerst knappe Ausblick will nur auf eines aufmerksam machen, was sich beim Studium der Geschwisterlichkeitsgedanken in Hebräischer Bibel und Neuem Testament aufdrängt. Es genügt nicht, nur von Brüdern und Schwestern zu sprechen. Man muss auch fragen, durch welche Art gemeinsamer Abstammung – auch wenn man „Abstammung“ dabei metaphorisch auffasst – solche Geschwisterlichkeit zustande kommt. Auch Schiller braucht einen „lieben Vater“, der über dem Sternenzelt wohnt, damit alle Menschen Brüder werden können.

Quellen und Literatur

Böckler, Annette: Gott als Vater im Alten Testament. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zu Entstehung und Entwicklung eines Gottesbildes. Gütersloh 2000.

Crüsemann, Frank: Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel. Gütersloh 2011.

Evangelien, in: Neutestamentliche Apokryphen. Hrsg. v. Wilhelm Schneemelcher. Bd. 1. Tübingen 1987.

Fischer, Georg: Jeremia 1–25. Freiburg u.a. 2005.

Grund, Alexandra: „Wer steht mir bei wider die Übeltäter?“ (Ps 94,16), in: Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh) 26 (2011), S. 55-84.

Kessler, Rainer: Die Ägyptenbilder der Hebräischen Bibel. Ein Beitrag zur neueren Monotheismusdebatte. SBS 197. Stuttgart 2002.

Kessler, Rainer: Kyros und der eved bei Deuterojesaja. Gottes Handeln in Macht und Schwäche, in: Crüsemann, Marlene; Jochum-Bortfeld, Carsten (Hrsg.): Christus und seine Geschwister. Christologie im Umfeld der Bibel in gerechter Sprache. Gütersloh 2009, S. 141-158.

Kessler, Rainer: Sozialgeschichte des alten Israel. Eine Einführung. 2. Aufl., Darmstadt 2008.

Roloff, Jürgen: Die Kirche im Neuen Testament. GNT, NTD Ergänz. 10. Göttingen 1993.

Soden, Hans von: ἀδελφός und ἀδελφή, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT). Bd. 1. Stuttgart 1933, S. 144-146.

The Book of Ben Sira in Hebrew. A Text Edition of All Extant Hebrew Manuscripts and a Synopsis of All Parallel Hebrew Ben Sira Texts. Hrsg. v. Pancratius C. Beentjes. Leiden u.a. 1997.

Wengst, Klaus: Was ist das Neue am Neuen Testament, in: Crüsemann, Frank u.a. (Hrsg.): Ich glaube an den Gott Israels. Fragen und Antworten zu einem Thema, das im christlichen Glaubensbekenntnis fehlt. KT 168. Gütersloh 1999, S. 25-28.

Westermann, Claus: Das Buch Jesaja. Kapitel 40-60. ATD 19. Göttingen 1966. ← 116 | 117 →


1      Es ist bezeichnend für die lange Zeit herrschende Genderblindheit, wenn H. von Soden in seinem einschlägigen Artikel im Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament in „1. Leibliche Geschwisterschaft“ und „2. Geistliche Bruderschaft“ unterteilt. Es gibt aber keineswegs nur leibliche Schwestern, sondern durchaus auch geistliche, vgl. ausdrücklich Mt 12,50 par. Mk 3,35; Röm 16,1; 2 Kor 7,15; 9,5; Phlm 2; Jak 2,15; 2 Joh 13.

2      Roloff, Jürgen: Die Kirche im Neuen Testament. Göttingen 1993, S. 82.

3      Vgl. die zusammenfassenden Bemerkungen zum Konzept genealogisch strukturierter Gesellschaften in Kessler, Rainer: Sozialgeschichte des alten Israel. Eine Einführung. Darmstadt 2008, S. 60-62.

4      Dass dieser Sprachgebrauch auch außerhalb des neutestamentlichen Kanons besteht, zeigt z.B. das Nazaräerevangelium, in dem Jesus zu dem Reichen sagt: „… siehe, viele deiner Brüder, Söhne Abrahams, starren vor Schmutz …“; zit. nach Evangelien, in: Neutestamentliche Apokryphen. Hrsg. v. Wilhelm Schneemelcher. Bd. 1. Tübingen 1987, S. 135.

5      Wengst, Klaus: Was ist das Neue am Neuen Testament, in: Crüsemann, Frank u.a. (Hrsg.): Ich glaube an den Gott Israels. Fragen und Antworten zu einem Thema, das im christlichen Glaubensbekenntnis fehlt. Gütersloh 1999, S. 25-28, hier S. 27.

6      So die Zürcher Bibel 2007.

7      Im Judentum, beginnend mit der Hebräischen Bibel, wird der Name Gottes nicht ausgesprochen. Geschrieben wird er nur mit den Konsonanten „Jhwh“, die meist als „Adonaj“ gesprochen wurden und werden. Im Gefolge der griechischen Übersetzung der Hebräischen Bibel, die den Gottesnamen mit „Kyrios“ wiedergibt, hat sich in christlichen Übersetzungen die Wiedergabe mit „der Herr“ eingebürgert.

8      Kessler, Rainer: Die Ägyptenbilder der Hebräischen Bibel. Ein Beitrag zur neueren Monotheismusdebatte. Stuttgart 2002, S. 111-114.

9      Nach Fischer, Georg: Jeremia 1–25. Freiburg u.a. 2005, S. 187 „verläßt [die Anrede … ,Mein Vater!’] die bisher vorherrschende Ehemetaphorik“.

10    Hebräischer Text nach: The Book of Ben Sira in Hebrew. A Text Edition of All Extant Hebrew Manuscripts and a Synopsis of All Parallel Hebrew Ben Sira Texts. Hrsg. v. Pancratius C. Beentjes. Leiden u.a. 1997, S. 91.

11    Grund, Alexandra: „Wer steht mir bei wider die Übeltäter?“ (Ps 94,16), in: Jahrbuch für Biblische Theologie 26 (2011), S. 55-84, hier S. 78 (Anm. 111).

12    Böckler, Annette: Gott als Vater im Alten Testament. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zu Entstehung und Entwicklung eines Gottesbildes. Gütersloh 2000, S. 284.

13    Westermann, Claus: Das Buch Jesaja. Kapitel 40-60. Göttingen 1966, S. 312. Zu weiteren Deutungen der Stelle vgl. den Exkurs bei Böckler: Gott, S. 284-286.

14    Zum Folgenden vgl. grundlegend Crüsemann, Frank: Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel. Gütersloh 2011, S. 192-204.

15    Vorausgesetzt ist, dass der sogenannte ,Gottesknecht‘ in Deuterojesaja in seinem Wirken darauf abzielt, „dass Israel so wird wie er“, so dass man „von einer perspektivischen Identifizierung’ von eved [= Knecht] und Israel sprechen“ kann; Zitate: Kessler, Rainer: Kyros und der eved bei Deuterojesaja. Gottes Handeln in Macht und Schwäche, in: Crüsemann, Marlene; Jochum-Bortfeld, Carsten (Hrsg.): Christus und seine Geschwister. Christologie im Umfeld der Bibel in gerechter Sprache. Gütersloh 2009, S. 141-158, hier S. 150.