Show Less
Open access

Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Edited By Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
Show Summary Details
Open access

Zwischen Macht und Ohnmacht – Zur Bedeutung der Kaiserschwestern im Principat von Augustus bis Commodus (27 v. Chr. – 192 n. Chr.) (Sandra Kaden)

Zwischen Macht und Ohnmacht – Zur Bedeutung der Kaiserschwestern im Principat von Augustus bis Commodus (27 v. Chr. – 192 n. Chr.)

Sandra Kaden

Abstract

In the Roman Principate, due to her familial relationship, the emperor’s sister occupied a special position among the domus Augusta. By exploiting her dynastic potential and presenting her as a female role model, she made a vital contribution to the strengthening of the brotherly auctoritas. When demonstrating an alternative to the current leadership, her connection to opposing forces, however, were regarded as a menace to the brother’s imperial existence.

Einleitung

Mit einem dreitägigen Staatsakt besiegelte Augustus im Jahr 27 v. Chr. das Ende der römischen Republik und stellte die entscheidenden Weichen für die Etablierung einer neuen Regierungsform in Rom, den Principat. Als Erster unter Gleichen (princeps) regierte er fortan unter dem Deckmantel der wiederhergestellten Republik (res publica restituta) an der Spitze des Staates.

Mit dem Princeps stand auch dessen Familie, die domus Augusta, als neues Zentrum der Macht im Fokus der Öffentlichkeit. Innerhalb des Kaiserhauses nahmen die weiblichen Mitglieder eine bedeutende Stellung ein, auch wenn ihnen nach römischer Auffassung eine Herrschaftspartizipation grundsätzlich verwehrt blieb.1 Neben den Müttern und Ehefrauen waren es vor allem die Schwestern, die aufgrund ihrer familialen Bindung ein ganz besonderes Nahverhältnis zum Kaiser kennzeichnete, das sich nach Ann-Cathrin Harders wie folgt charakterisieren lässt:

Die Kaiserschwester befand sich […] in einer fast konkurrenzlos nahen verwandtschaftlichen Position zum Kaiser, und im Gegensatz zur Kaisermutter oder zur Ehefrau des princeps teilte sie aufgrund der gleichen Filiation mit dem Kaiser das dynastische Prestige. Während die Kaisergattin ihren Status allein vom Ehemann ableiten konnte, verwies die kaiserliche Schwester aufgrund der gleichen Abstammung auf die dynastische Linie, den Namen und die Blutsverwandtschaft.2 ← 137 | 138

Für die Kaiserschwestern bildeten die genannten Vorzüge die Voraussetzung für eine gesonderte Position, die ihnen im Herrschaftsgefüge per se zukam, deren präzise Bestimmung allerdings weitreichende Fragen aufwirft. Konkret gilt es zu klären, welche Auswirkungen sich durch die naturgemäße Rangzuweisung für die betroffenen Frauen im gesellschaftspolitischen Alltag ergaben. Diesbezüglich ist es erforderlich, die spezifischen Privilegien und Pflichten sowie die daran geknüpften Handlungs- und Gestaltungsoptionen herauszuarbeiten, die den Schwestern durch die brüderliche Politik ermöglicht wurden. Auf Grundlage der erzielten Resultate lässt sich die Frage nach dem Vorhandensein eines zeitlich übergreifenden Systemcharakters stellen, innerhalb dessen die individuellen Schwesternpersönlichkeiten als singuläre oder repräsentative Phänomene zu beurteilen sind. Anhand ausgewählter Fallbeispiele soll im Folgenden die Signifikanz der Kaiserschwestern in ihrem substantiellen Gehalt aufgezeigt und in ihren Kontinuitäten bzw. Zäsuren bewertet werden.3

Die Untersuchung konzentriert sich auf die Zeit von Augustus bis Commodus, womit sie eine zwei Jahrhunderte währende Epoche umfasst, in der insgesamt 18 Kaiser das römische Reich regierten. Für diese lassen sich 21 Schwestern nachweisen, von denen 15 aufgrund einer unzureichenden Quellenbasis bzw. durch den frühzeitigen Tod vor Regierungsantritt ihres Bruders für die folgende Analyse ungeeignet sind.4 Es verbleiben lediglich sechs Frauen, die den Voraussetzungen einer angemessenen Bearbeitung im vordefinierten Zeitraum unter den genannten Fragestellungen entsprechen: für die iulischclaudische Dynastie Octavia (minor), Schwester des Augustus, sowie Drusilla, Agrippina (minor) und Livilla, Schwestern des Caligula; für die ulpischantoninische Dynastie Marciana, Schwester des Traian, und Lucilla, Schwester des Commodus.

Die Betrachtung der genannten Personen erfolgt vornehmlich anhand von Schriftzeugnissen, deren analytischer Gebrauch aufgrund eines allgemein tendenziösen Charakters von vornherein mit schwerwiegenden Interpretationsproblemen behaftet ist. Im Kontext einer bewusst angelegten Herrscherkritik erfolgte die Darstellung der weiblichen Mitglieder der domus Augusta über das ← 138 | 139 Aufzeigen von Tugenden und Lastern, die dem römischen Werte- und Normenkanon entsprachen. Die Frauen sind damit in erster Linie als literarisch konstruierte Figuren fassbar, wohingegen sie als historische Persönlichkeiten kaum in Erscheinung treten. Neben den Schriftquellen interessieren die materiellen Hinterlassenschaften, die nicht nur zu einer erweiterten Perspektive beitragen, sondern die historiographischen Aussagen durch das Aufdecken von Diskrepanzen zuweilen sogar korrigieren.5

Octavia (minor) und Augustus

Als Octavia zwischen den Jahren 12 und 9 v. Chr. verstarb,6 wurden ihr von ihrem Bruder Augustus außergewöhnliche Ehren erwiesen, die ihren herausgehobenen Status innerhalb der domus Augusta bekundeten. Auf die Anordnung einer öffentlichen Staatstrauer folgte die prunkvolle Aufbahrung ihres Leichnams im Tempel des Divus Iulius, wo der Princeps selbst die Totenrede hielt. Nach einer zweiten Rede, vorgetragen von ihrem Schwiegersohn Drusus maior auf der Rostra des Forum Romanum, geleitete man die Verstorbene in einer Prozession durch Rom bis zum Mausoleum des Augustus, wo sie schließlich neben ihrem Sohn Marcellus beigesetzt wurde. Mit dieser bewusst genealogisch angelegten Inszenierung wurde sie nicht nur als bedeutendes Mitglied der iulischen Familie hervorgehoben, sondern innerhalb jener durch die ihr gewidmete Grabinschrift „OCTAVIA C(ai) F(ilia) SOROR AVG[VSTI CAESARIS]“ für alle Zeiten auf den Status einer Kaiserschwester festgelegt.7

Seine Entsprechung fand diese Bestimmung in der literarischen Überlieferung, die Octavia in ihren Schilderungen zum Principat vornehmlich als ← 139 | 140 Schwester des Augustus erwähnt.8 Die Beziehung zum Bruder wird dabei fast ausnahmslos als ein von Einvernehmen gekennzeichnetes Verhältnis beschrieben, das sich insbesondere durch emotionale Verbundenheit ausgezeichnet habe. So berichtet Seneca (ad Pol. cons. 15,3), römischer Philosoph und Zeitzeuge des Augustus, anlässlich von Octavias Tod von der großen Trauer, die den Princeps durch den Verlust der „teuerste[n] Schwester“ (soror carissima) erfasste.9

Auch Plutarch (Ant. 31,2) lässt es sich in seiner Biographie zu Octavias zweitem Ehemann M. Antonius nicht nehmen, die „große Liebe zu dieser Schwester“ zu erwähnen, die, so der Autor weiter, „eine Frau von vortrefflichen Eigenschaften gewesen sein soll“ (εστεργε δ’ύπερφυως τήν άδελφήν, χρήμα θαυμαστόν φς λέγεται γυναικός γενομένην). Welche Charakteristika dies im Einzelnen waren, gibt Plutarch nur oberflächlich wieder, indem er an späterer Stelle (Ant. 31,4) Octavias Schönheit (κάλλος), Ehrwürdigkeit (σεμνότης) und Klugheit (νουν εχειν) preist.10 Erst unter Heranziehung weiterer antiker Autoren lässt sich dieses positive Octavia-Bild präzisieren. Wiederholt hervorgehoben werden ihre Fruchtbarkeit (fertilitas), die sie mit der Geburt von insgesamt fünf Kindern unter Beweis gestellt hatte, ihre Haushaltsführung und fürsorgliche Erziehung der eigenen sowie ihrer Stiefkinder (facilitas), ihr pflichtgemäßes Verhalten gegenüber Göttern und Menschen (pietas), demonstriert an dem Respekt und der Loyalität, die sie ihrem Bruder als Princeps sowie ihrem verstorbenen Sohn angedeihen ließ, schließlich ihre Tüchtigkeit in der Wollarbeit (lanificia), womit sie die ökonomische Produktivität ihres Hauses sinnbildlich zum Ausdruck brachte. Die genannten Vorzüge zusammengenommen, repräsentierte Octavia das Bild einer vorbildhaften matrona Romana, die die traditionellen Wertvorstellungen der Republik mustergültig verkörperte. Sie fügte sich damit vortrefflich in die von Augustus propagierte moralische Erneuerung der Gesellschaft ein, durch die dem römischen Volk nach Beendigung einer jahrzehntewährenden Bürgerkriegsperiode die Restauration der staatlichen Ordnung suggeriert werden sollte. Mehr noch: Durch ihr tugendhaftes Auftreten bestätigte sie ← 140 | 141 die gelungene Hauspolitik ihres Bruders, der als Familienoberhaupt (pater familias) für das matronenhafte Verhalten der weiblichen Familienmitglieder verantwortlich zeichnete, womit er sich ebenso als würdiger Staatslenker profilierte.11

Im Kontext kaiserlicher Selbstpräsentation sind auch Augustus’ baupolitische Maßnahmen zur Neugestaltung Roms zu sehen, in die er Octavia bewusst miteinbezog. So ließ er die Porticus Metelli, eine Säulenhalle, nach erfolgreichem Wiederaufbau plakativ in Porticus Octaviae umbenennen. Indem er Octavia auf diese Weise als Patronin des Monuments auswies und ihr eine allgegenwärtige Präsenz im römischen Stadtbild zubilligte, dokumentierte er zugleich ihren hohen Stellenwert, den sie innerhalb der domus Augusta einnahm. Octavia selbst engagierte sich durch die Stiftung einer Kunstsammlung eigeninitiativ an der Ausgestaltung des Baus. Ferner ließ sie dort eine öffentliche Bibliothek mit lateinischen und griechischen Werken einrichten und gab sich auch sonst durch den regen Austausch mit bedeutenden Schriftstellern und Gelehrten als eine im hohen Maße gebildete Frau (matrona docta). Welche Wirkkraft von dieser Position ausging, zeigt sich an dem Einfluss, den sie als Vermittlerin bei der Durchsetzung etwaiger Bittgesuche an den Kaiser geltend machen konnte.12 Durch diese vielfältigen kulturellen Handlungen nahm Octavia aktiv an der kaiserlichen Fürsorgepolitik teil und trug über die Steigerung ihrer eigenen Beliebtheit wesentlich zur Mehrung des brüderlichen Ansehens (auctoritas) bei, was diesem wiederum die erforderliche Legitimierung und Stabilisierung seiner Herrschaft verschaffte.13 ← 141 | 142

Am deutlichsten zeigt sich Octavias Signifikanz im Bereich der augusteischen Nachfolgepolitik. Um seine Macht zu erhalten und die Kontinuität des Principats zu wahren, bestand für Augustus die dringlichste Aufgabe in der Etablierung einer Dynastie. Die Voraussetzungen dafür gestalteten sich jedoch denkbar ungünstig, da ihm ein eigener männlicher Nachkomme zeitlebens verwehrt blieb. Neben den beiden Stiefsöhnen, Tiberius und Drusus (maior), die von seiner Gattin Livia stammten, konnte er lediglich auf eine Tochter, Iulia (maior), aus einer früheren Ehe verweisen. Angesichts dieser Familienkonstellation stellte Octavia als Blutsverwandte des Augustus und darüber hinaus als Mutter eines Sohnes, dem 42 v. Chr. geborenen M. Claudius Marcellus, die entscheidende dynastische Stütze für ihren Bruder dar.14 Entsprechend wurde Marcellus durch eine intensive politische Förderung, zahlreiche Ehrerweisungen und die 25 v. Chr. vollzogene Eheschließung mit Iulia (maior) eine beträchtliche Stellung von Augustus zuerkannt, womit Letzterer seine Bestrebungen hinsichtlich einer Herrschaftsfortsetzung über den iulischen Familienzweig klar zum Ausdruck brachte.15 Octavia, die durch die Hervorhebung ihres Sohnes zusätzlich an Prestige gewann, rangierte jetzt innerhalb der domus Augusta noch vor der Kaisergattin Livia, deren eigene Söhne hinter Marcellus zurückstanden.16

Als Marcellus zwei Jahre später unerwartet verstarb, war dies für Octavia mit erheblichen gesellschaftlichen Konsequenzen verbunden. Ihre Position erfuhr eine deutliche Schmälerung, da eine Partizipation am Ruhm und Ansehen des Sohnes allenfalls noch postum erfolgen konnte und auch dessen Ehe mit der Kaisertochter Iulia (maior) kinderlos geblieben war.17 Weitaus verheerender wirkte sich daneben die persönliche Isolation Octavias aus, in die sie sich, folgt man den Schilderungen Senecas, aufgrund ihrer maßlosen Trauer begab. Betrof ← 142 | 143 fen waren davon nicht nur ihre Kinder und Enkel, sondern selbst der Princeps, dem Octavia fortan die erforderliche Wertschätzung verweigert und stattdessen mit innerer Bosheit gezürnt haben soll.18 Mit einer derart missachtenden Haltung widersprach Octavia ihrer Tadellosigkeit als Mutter und Schwester zutiefst. Dass Augustus ihr dennoch anlässlich ihres Todes ein ehrerbietendes Verhalten nicht verweigerte, demonstriert dessen Willen, das öffentliche Bild von der Eintracht (concordia) des Kaiserhauses unbedingt aufrechtzuerhalten. An der Seite ihres Sohnes begraben und als Schwester des Augustus definiert, wurde Octavia noch im Tode ausschließlich in jenen zwei Rollen effektvoll in Szene gesetzt, die sie zu Lebzeiten und postum innerhalb der domus Augusta zu spielen hatte.

Drusilla, Agrippina (minor), Livilla und Caligula

Die Schwestern des C. Caesar Germanicus (Caligula), dem dritten iulischclaudischen Kaiser, treten in erster Linie durch die vielfältigen und zum Teil außergewöhnlichen Ehrungen in Erscheinung, die ihr Bruder für sie veranlasste. Aufsehen erregt in diesem Zusammenhang eine römische Kupferprägung, die Caligula unmittelbar nach seiner Princepserhebung zwischen den Jahren 37 und 38 emittieren ließ. Während der Münzavers den lorbeerbekränzten Kopf des Princeps darstellt, zeigt die Reversabbildung Drusilla, Agrippina und Livilla, ausgestattet mit Füllhörnern und weiteren göttlichen Attributen, als die personifizierten Gottheiten Securitas, Concordia und Fortuna in Ganzkörpergestalt.19 Die Münze stellt in doppelter Hinsicht eine Novität der römischen Reichsprägung dar, denn zum ersten Mal wurden an dieser Stelle lebende Frauen des Kaiserhauses mit ihrem Portrait und Namen, des Weiteren in expliziter Götterangleichung öffentlich präsentiert. Vordergründig diente eine derartige Inszenierung dazu, den herausragenden Status der Schwestern unter der Regierung ihres Bruders reichsweit zu verkünden. Überdies evozierte die Verknüpfung mit den genannten Gottheiten einen politischen Kontext, in welchem die Frauen neben dem Kaiser als entscheidende Garanten einer zukunftsverheißenden Regierung fungierten. Weitere Privilegien und Ehrerweisungen verstärken diesen Eindruck. Neben dem Erhalt der vestalischen Vorrechte (darunter die Befreiung von der Geschlechtsvormundschaft) und der Zuweisung von Ehrenplätzen bei der Austragung von Spielen wurden die Schwestern in die Eidesformeln auf den Kaiser ← 143 | 144 und die öffentlichen Gelübde einbezogen. Wiederholt hob man sie auf diese Weise in ihrer staatstragenden Bedeutung hervor.20

Waren bis dahin alle drei Schwestern als Einheit geehrt worden, so wurde Drusilla durch weitergehende Gunstbezeugungen eine Sonderrolle in der kaiserlichen Politik zugewiesen, über die Sueton in seiner Caligula-Vita (24,1f.) ausführlich Auskunft gibt:

Man glaubt, daß er [Caligula] von den Schwestern Drusilla die Jungfernschaft geraubt hat, als er noch im Knabenalter war, […]; er […] behandelte sie in aller Öffentlichkeit wie seine rechtmäßig angetraute Gattin. Auch als Erbin seines Vermögens und als Nachfolgerin in der Regentschaft setzte er sie ein, als er erkrankte. Als sie starb, ordnete er den Stillstand der Gerichte an; und es wurde als Verbrechen, auf das die Todesstrafe stand, angesehen, zu lachen, zu baden, mit den Eltern, der Frau oder den Kindern gemeinsam zu speisen. Der Schmerz über den Verlust war ihm unerträglich; so verließ er plötzlich bei Nacht Hals über Kopf die Stadt und eilte nach Kampanien, dann nach Syrakus, dann machte er wieder kehrt und kam schnell nach Hause; er hatte sich den Bart stehen und das Haar wachsen lassen. Seitdem hat er niemals mehr bei sehr gewichtigen Angelegenheiten, selbst nicht einmal mehr vor versammeltem Volk oder vor den Soldaten, einen Eid abgelegt, ohne bei der „Gottheit Drusilla“ zu schwören. (übers. v. Hans Martinet)

Mit solchen Äußerungen knüpfte Sueton an jene Topoi moralischer Verwerflichkeit an, die für die antike Tyrannenzeichnung charakteristisch waren. Indem er Caligula ein inzestuöses Verhältnis mit der leiblichen Schwester21 sowie ein maßloses, zuweilen in Wahnsinn und Willkürherrschaft mündendes Trauerverhalten bei deren Tod unterstellte,22 rechtfertigte er eine retrospektive Herrscherkritik, die in erster Linie als Negativbeispiel für die kaiserlichen Repräsentanten seiner eigenen Gegenwart diente.23 Ebenfalls in diesen Kontext fällt die Aussage um Caligulas testamentarische Verfügung, die Drusilla im Falle seines Todes ← 144 | 145 nicht nur als Erbin des Vermögens, sondern auch der Herrschaft vorsah. Da nach römischer Auffassung eine weibliche Regentschaft als undenkbar galt, muss eine derartige Behauptung zwangsläufig als weitere Provokation Suetons gedeutet werden, womit das Bild vom unsittlichen Kaiser unterstrichen werden sollte. Über Caligulas Nachfolgeambitionen zu diesem Zeitpunkt ist damit nichts Konkretes gesagt. Es ist lediglich davon auszugehen, dass im Todesfall des Kaisers seinem Schwager und engem Vertrauten, M. Aemilius Lepidus, die Ausübung der Regierungsgeschäfte in Platzhalterfunktion zugefallen wäre. Drusilla als dessen Ehefrau hätte in dieser Situation aufgrund ihrer direkten Abstammung von Augustus die Principatsnachfolge durch die Geburt iulischer Söhne gesichert.24 Wie zuvor Octavia wurde Drusilla auf diese Weise, noch vor den die gleiche Herkunft aufweisenden Geschwistern Agrippina und Livilla, in ihrer dynastischen Wertigkeit für den Bruder hervorgehoben.25

Unter den postumen Ehren, die Sueton als Handlungen Caligulas anlässlich von Drusillas Tod im Jahr 38 aufzählt, verdient die Erwähnung ihrer Vergöttlichung besondere Aufmerksamkeit.26 Sie musste von den Zeitgenossen als radikale Maßnahme wahrgenommen werden, zieht man in Betracht, dass zuvor einzig die Imperatoren Iulius Caesar und Augustus eine Divinisierung erfahren ← 145 | 146 hatten. Neben dem augenscheinlichen Effekt, das Andenken seiner Schwester auf diese Weise dauerhaft in der römischen memoria zu verankern, ist ein gewisser Eigennutzen Caligulas unverkennbar. Nicht nur als Urenkel des Divus Augustus, sondern nunmehr als Bruder einer Diva sorori partizipierte er an einer göttlichen Aura, die ihn dem Kreis des auf Gleichrangigkeit basierenden römischen Gemeinwesens entrückte und in eine übergeordnete Sphäre aufsteigen ließ.27

Insgesamt betrachtet, dienten die von Caligula seinen Schwestern entgegengebrachten Ehrungen vornehmlich einer politischen Zweckmäßigkeit. Durch das demonstrative Herausstellen aller drei Frauen wurden sie der Öffentlichkeit nicht nur als zentrale Persönlichkeiten innerhalb des Staatsgefüges präsentiert, sondern über ihre gemeinsame Abkunft zudem als Repräsentanten des iulischen Geschlechts glorifiziert. Für Caligula erwies sich Letzteres in zweifacher Hinsicht als vorteilhaft: Zum einen erlaubte es ihm den Rückbezug auf den Dynastiebegründer Augustus, in dessen Herrschertradition er sich bewusst stellte, um der eigenen Regierung Legitimation zu verleihen. Zum anderen war damit die Weiterführung der Dynastie über den iulischen Familienzweig aufgezeigt, obgleich es ihm selbst an eigenen männlichen Nachkommen mangelte.28 Ob neben diesen rationalen auch emotionale Beweggründe das Handeln Caligulas bestimmten, ist in Anbetracht der kollektiven Erfahrung des gewaltsamen Todes der Mutter und Brüder während der tiberianischen Regierungszeit durchaus erwägenswert.29 Rückschlüsse auf das Geschwisterverhältnis als solches oder gar auf politische Einflussmöglichkeiten seitens der Frauen können damit allerdings nicht gezogen werden, da die Überlieferung lediglich ein einseitiges Beziehungsgeflecht widerspiegelt, innerhalb dessen die Schwestern ausschließlich in der Rolle der Ehren empfangenden Objekte zum Tragen kommen.30 ← 146 | 147

Eine modifizierte Quellenwahrnehmung erfolgt erst mit der Nachricht über Livillas und Agrippinas Verwicklung in die Verschwörung, welche sich im Jahr 39 gegen den Kaiser formiert hatte. Dem Komplott vorausgegangen war Caligulas Eheschließung mit der schwangeren Milonia Caesonia, auf die nur kurze Zeit später die Geburt der Tochter Iulia Drusilla folgte, die Caligula über die entsprechende Namensgebung sogleich als sein Kind anerkannte.31 Damit war die Absicht einer Erbfolge über die eigene Nachkommenschaft und die Zurücksetzung der verbliebenen Schwestern in ihrer dynastischen Bedeutung für den brüderlichen Principat endgültig aufgezeigt.32 Für außerhalb der Kaiserfamilie stehende männliche Personen boten die Frauen in dieser Situation den entscheidenden Anknüpfungspunkt, über den ein Zutritt zum Machtzentrum möglich erschien. Nur vor diesem Hintergrund ist schließlich die Behauptung hinsichtlich einer Liaison beider Kaiserschwestern mit Lepidus verständlich, der nach Drusillas Tod massiv an kaiserlicher Popularität eingebüßt und sich daraufhin an die Spitze des Aufstands gestellt hatte. Wie konkret sich Agrippinas und Livillas Beteiligung gestaltete, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, doch offenbarte ihre bloße Anbindung an die oppositionellen Kräfte ein Missverhältnis, das die Beziehung zum Bruder augenblicklich bestimmte.33 Dieser musste ein solches Gebaren als aufrührerische Geste und existenzielle Bedrohung seiner Herrscherposition werten, weswegen die Reaktion nach Aufdeckung der Verschwörung entsprechend unnachgiebig ausfiel: Lepidus wurde hingerichtet, die leiblichen Schwestern in die Verbannung geschickt.34 Die Geschehnisse hatten ← 147 | 148 Caligula unumwunden vor Augen geführt, welches Gefahrenpotenzial sich aus dem dynastischen Kapital seiner Schwestern für ihn selbst ergab.35

Marciana und Traian

Für Ulpia Marciana ging die Regierungsübernahme ihres Bruders M. Ulpius Traianus im Jahr 98 mit einer imposanten Standeserhöhung einher. In den Rang einer Kaiserschwester versetzt, galt sie nunmehr als exklusives Mitglied der domus Augusta, womit sie schlagartig im Fokus der Öffentlichkeit stand. Auch in der antiken Überlieferung findet sie erstmalig in dieser neuen Position Erwähnung.36 Ihre Darstellung folgt dabei im Wesentlichen einem Idealbild, wie es im plinianischen Panegyrikus (Paneg. 84,1) zum Ausdruck kommt. In der Lobrede, die neben Traians Werdegang, seiner Adoption durch den vorherigen Princeps Nerva sowie seinem Lebens- und Regierungsstil auch das kaiserliche Privatleben thematisiert, äußert sich der jüngere Plinius über Marciana wie folgt:

Und nun deine Schwester! Wie lebt sie im Bewusstsein, deine Schwester zu sein! Wie erkennt man an ihr dein offenes Wesen, dein ehrliches Herz, deinen redlichen Sinn! Würde sie jemand mit deiner Frau [Pompeia Plotina] vergleichen, dann müssten ihm Zweifel kommen, ob eine richtige Lebensführung mehr das Ergebnis einer guten Erziehung oder einer edlen Geburt ist. (übers. v. Werner Kühn)

Die wiedergegebene Passage demonstriert eindrucksvoll den Stellenwert, der Marciana im Principat des Traian beigemessen wurde. So preist Plinius sie als Person von edler Abstammung, die neben einer makellosen Lebensweise auch eine sittenreine Gemütsart vorzuweisen habe. Sie folge damit dem brüderlichen Vorbild, zu dessen Spiegelbild und Aushängeschild sie avanciert. Der Umstand schließlich, dass sie neben der Ehefrau Traians überhaupt Erwähnung in der plinianischen Schrift findet, lässt sie als eine der ranghöchsten Damen des römischen Imperiums erscheinen.37 ← 148 | 149

Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Ehrungen, die Marciana zu Lebzeiten von ihrem Bruder im reichlichen Maße zuteil wurden und die, jede für sich, eine Novität für eine Kaiserschwester darstellten. Bereits kurz nach Traians Regierungsantritt bot ihr der Senat den Ehrennamen Augusta an, dessen tatsächliche Verleihung spätestens im Jahr 105 erfolgte, nachdem sie die Ehre zunächst in aller Bescheidenheit (modestia) abgelehnt hatte.38 Daneben wurden zwei neugegründete Provinzstädte nach Marciana benannt, die ihre allgegenwärtige Präsenz als wichtige Vertreterin der gens Ulpia über die Stadtgrenzen Roms hinaus gewährleistete.39 Ferner bekam sie im Jahr 112 das Ehrenmünzrecht zugesprochen, welches sie zur Prägeherrin erhob und damit zur Herausgabe eigener Münzserien ermächtigte.40 Noch im selben Jahr erschienen Aurei und Denari, die das mit Hochsteckfrisur und Stephane geschmückte Portrait Marcianas auf dem Avers abbildeten. In der Umschrift, die ihren Namen im Nominativ anführt, wird sie als Augusta und Schwester des Traian ausgewiesen: MARCIANA AVG(usta) SOROR IMP(eratoris) TRAIANI. Eine Erweiterung erfährt Marcianas Rollenspektrum mit der Reversdarstellung, die ihre Tochter Salonia Matidia (maior) in Gestalt der Pietas, sitzend im Beisein von zwei kleinen Figuren, zuweilen gedeutet als deren eigene Kinder Vibia Sabina und ← 149 | 150 Mindia Matidia (minor), zeigt.41 Die bildkompositorische Inszenierung der weiblichen Angehörigen des ulpischen Familienzweigs über zwei, wenn nicht gar drei Generationen hinweg hebt die staatstragende Signifikanz von Marcianas Nachkommenschaft hervor. Aufgrund der Tatsache, dass Traian selbst kinderlos geblieben war, kam es darauf an, über die repräsentative Demonstration der schwesterlichen fecunditas (Fruchtbarkeit, Kinderreichtum) die gesamte domus Augusta in dieser Eigenschaft herauszustellen.42 Unter Berücksichtigung der zuvor aufgeführten Ehren war damit die traianische Präferenz zu einer dynastisch konzipierten Herrschaftsnachfolge unmissverständlich offengelegt.

Nur kurze Zeit nach dieser Münzemission, am 29. August 112, verstarb Marciana, womit die Reihe an außergewöhnlichen Ehrungen jedoch nicht abbrach, sondern sogar noch an Exklusivität gewann. So folgte auf den Tod der Kaiserschwester deren unverzügliche Divinisierung, was durch eigene Konsekrationsprägungen eilends im Reich propagiert wurde.43 Für Traian, der sich auf keine blutsmäßigen Verwandtschaftsbeziehungen zu früheren principes stützen konnte, bot Marciana den entscheidenden Anknüpfungspunkt, nicht nur der eigenen Herrschaft, sondern der gesamten gens Ulpia einen göttlichen Legitimationsrahmen (domus divina) zu verschaffen.44 Nur folgerichtig erscheint in ← 150 | 151 diesem Zusammenhang die sofortige Erhebung der Kaisernichte Matidia (maior) zur Augusta, die jetzt offiziell den Platz der Mutter einnahm, um so die Weiterführung der ulpischen Familie nach außen sinnbildlich zu kommunizieren.45

Zur öffentlichkeitswirksamen Verbreitung der angestrebten dynastischen Kontinuität wurde neben dem numismatischen, epigraphischen wie archäologischen Material46 auf weitere Medien zurückgegriffen. Erhalten ist ein Sardonyx aus traianischer oder hadrianischer Zeit, auf dem sich die Abbildung von insgesamt vier Personen befindet: auf der rechten Seite Kaiser Traian mit seiner Gattin Plotina, ihnen gegenüber seine Schwester Marciana und deren Tochter Matidia (maior). Die im Staffelportrait angeordneten Paare weisen eine markante Platzierung auf: Während die Geschwister Traian und Marciana ebenbürtig im Vordergrund rangieren, erscheinen Plotina und Matidia hinter den beiden zurückgesetzt nur im zweiten Glied.47 Mit dem gewählten Figurenarrangement kann auch dieses Zeugnis als Bestätigung der herausragenden Position Marcianas herangezogen werden, die ihr in erster Linie aufgrund ihres Schwestern- und Mutterdaseins im Principat des Bruders zugeschrieben wurde. Wie die zuvor aufgeführten Ehren erlaubt jedoch auch diese Quelle weder Rückschlüsse auf ihre politischen Einflussmöglichkeiten noch generelle Aussagen über das Beziehungsverhältnis, wie es sich zwischen Marciana und Traian realiter gestaltete. Für die Nachwelt bleibt Marciana zuletzt einzig in der objekthaften Stellung greifbar, die ihr Bruder ihr als Trägerin des ulpischen Blutes zum Zweck der Durchsetzung eigener Herrschaftsvorstellungen auferlegte.48

Mit dieser offensiv angelegten Inszenierung der Kaiserschwester wurde schließlich auch das Grundprinzip des „Adoptivkaisertums“ ad absurdum geführt, wonach die Kaiserernennung nicht mehr auf Basis einer Erbmonarchie, sondern durch die Adoption des Besten erfolgen sollte.49 Eine dynastisch orientierte Familienpolitik, wie sie für Augustus und Caligula in Bezug auf Octavia und Drusilla nachgewiesen werden konnte, erschien mit diesem Anspruch überflüssig. Unweigerlich musste sich eine derartige Entwicklung auf die Position ← 151 | 152 der Kaiserschwester auswirken, für die zumindest hinsichtlich ihres dynastischen Potenzials ein erheblicher Bedeutungsverlust zu erwarten war. Mit der Betrachtung Marcianas sind solche Überlegungen eindeutig widerlegt, offenbart sich doch gerade an ihrer Person der Widerspruch, der zwischen dem neuem Herrschaftsprinzip und dessen faktischer Umsetzung vorherrschte.

Lucilla und Commodus

Als M. Aurelius Commodus Antoninus im Jahr 180 mit 18 Jahren die Regentschaft über das römische Imperium übernahm,50 konnte seine zwölf Jahre ältere Schwester Annia Aurelia Galeria Lucilla bereits auf eine beachtenswerte Lebensbilanz verweisen, die aus ihrer frühen Integration in die dynastische Konzeption des Vaters, Kaiser M. Aurel, resultierte. So war sie zum Zeitpunkt des Herrschaftsantritts ihres Bruders seit annähernd anderthalb Dekaden im Besitz des Augusta-Titels51 und des Ehrenmünzrechts52. Ferner nahm sie als Ehefrau des L. Verus53, der von 161 bis zu seinem Tod 169 als gleichrangiger Princeps neben M. Aurel amtierte, den Status einer Kaisergattin ein und zählte zumindest für diesen Zeitraum gemeinsam mit ihrer Mutter Faustina (minor) zu den ranghöchsten Frauen im Reich. Die wenig später erfolgte zweite Eheschließung mit dem kaiserloyalen und erfolgreichen Feldherrn Ti. Claudius Pompeianus bestätigte ihre herausgehobene Stellung innerhalb der domus Augusta und dürfte durch die zeitnahe Geburt eines Sohnes eine weitere Festigung erfahren haben.54 ← 152 | 153

Dokumentiert wird Lucillas zentrale Familienposition durch die antike Überlieferung, in der sie neben fünf anderen weiblichen Geschwistern die mit Abstand höchste Präsenz aufweist.55 Quellenbasierte Rückschlüsse, die das Verhältnis zu Commodus erhellen, lassen sich jedoch erst mit dessen Herrschaftsantritt ziehen. In den entsprechenden Schriftzeugnissen wird die Geschwisterbeziehung durchweg negativ gezeichnet. Sie zeigen Lucilla als eine der führenden Agitatoren eines fehlgeschlagenen Verschwörungskomplotts gegen den Kaiserbruder und infolgedessen als Opfer seiner Sanktionierungsmaßnahmen, die zunächst in Verbannung, später sogar mit ihrer Hinrichtung endeten.56

Während über die Beteiligung der Kaiserschwester an der wohl bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 18157 ausgeführten Verschwörung gegen Commodus in den Quellen Einigkeit besteht,58 zeigt sich hinsichtlich Lucillas funktionalen Anteils an der Erhebung sowie ihrer diesbezüglichen Ambitionen ein ambivalentes Bild. Von den zeitgenössischen Historiographen Cassius Dio und Herodian wird Lucilla als initiative Kraft hinter dem gescheiterten Mordanschlag dargestellt. Als zentrales Motiv verweist Dio auf den Hass, den Lucilla gegenüber dem Ehemann ihrer Tochter und Neffen ihres eigenen Gatten, C. Pompeianus Quintianus, gehegt haben soll, woraufhin sie diesen zu dem Anschlag überredete und damit seinen Tod besiegelte. Die Darstellung des Schwiegersohns als Lucillas Handlanger findet sich auch bei Herodian, der als Ursache ihres Verhaltens allerdings die Zurücksetzung hinter die Kaisergattin Bruttia Crispina anführt.59 Beide antike Autoren benennen damit ausschließlich niedere Beweggründe, die bei der Kaiserschwester ein zügelloses Hervorbrechen weiblicher Charakterschwächen wie Eifersucht und ein übersteigertes Geltungs- wie Machtbedürfnis evozierten.60 Ein moderateres Bild von der Kaiserschwester ← 153 | 154 zeichnet nur die Historia Augusta. In diesem spätantiken Geschichtswerk tritt Lucilla in Reaktion auf den despotischen Herrschaftsstil ihres Bruders als aktive Mitverschwörerin neben dem ihr verwandtschaftlich verbundenen Senator M. Ummidius Quadratus sowie dem Gardepräfekten Tarrutenius Paternus in Erscheinung. Vor dem Hintergrund des von Commodus bewirkten staatsbedrohenden Zustands, den alle drei Personen mithilfe ihrer Tat zu beenden trachteten, erfährt deren gemeinsame Handlung zwangsläufig eine positive Konnotation.61

Als Gemeinsamkeit aller drei antiken Schilderungen erweist sich schließlich die Beschreibung der Umsetzung des Anschlagplans, den Lucilla mittels des bewussten Rückgriffs auf männliche Verbündete aus ihrer familiären Umgebung zu realisieren suchte. Sie selbst tritt dem Betrachter als souveräne Frau entgegen, die im Wissen um ihre Position innerhalb der domus Augusta eine Veränderung auf dem Kaiserthron zu bewirken beabsichtigt, auch wenn dies unweigerlich den Sturz des eigenen Bruders zur Folge haben musste. Noch stärker als zuvor bei Agrippina (minor) und Livilla unter Caligula lassen sich damit anhand von Lucillas Person die weitreichenden Handlungsoptionen einer Kaiserschwester aufzeigen.62 Nichtsdestotrotz unterlag schließlich auch ihre Darstellung einer literarischen Funktionalisierung, die in erster Linie auf die Negativzeichnung des Bruders abzielte. Dessen grausames Gebaren gegenüber der leiblichen Schwester sowie die ausbleibende Unterbindung der in seiner domus vorherrschenden Disharmonie stellten bevorzugte topische Elemente dar, die der exemplarischen Bestätigung seiner Tyrannenhaftigkeit entsprachen.63

Fazit

Im römischen Principat kam der Schwester des Kaisers eine exponierte Stellung innerhalb der domus Augusta zu, die ihr eine entscheidende gesellschaftspolitische Position im Machtgefüge zu eröffnen vermochte. Neben dem Erlangen diverser Ehrerweise und Privilegien mit zum Teil weitreichenden Gestaltungs ← 154 | 155 optionen schloss dies konkrete Pflichten für die Frauen ein, die jedoch an die individuellen Kaiservorstellungen einer bestimmten Herrschaftspraxis geknüpft waren. Mit der Betrachtung der unterschiedlichen Fallbeispiele lassen sich dennoch wiederkehrende Rollenzuweisungen aufzeigen, die in ihrer Musterhaftigkeit eine zeitenübergreifende und personenunabhängige Konstante aufweisen.

Als Repräsentantin der höchsten domus kam der Kaiserschwester in erster Linie eine Vorbildfunktion zu. Über eine sittenkonforme Handlungs- und Verhaltensweise trug sie wesentlich zur Stärkung der kaiserlichen auctoritas bei, auf der die herrschaftliche Legitimation vornehmlich basierte. Für die gesamte Spanne des betrachteten Zeitraums erwiesen sich die idealisierten Wert- und Tugendgrundsätze der Republik hierfür als normgebend. Das Ansehen der Kaiserschwester erfuhr durch die Übertragung zusätzlicher Auszeichnungen und Sonderrechte eine eindrucksvolle Steigerung, was sich wiederum auf die gesamte domus Augusta glorifizierend auswirkte. Selbst die postume Ehrung ließ sich noch gewinnbringend für den brüderlichen Principat gestalten, so dass sie im Fall ihrer consecratio sogar einen göttlichen Herrschaftsanspruch evozierte.

Der sichtbarste Ausweis einer übergeordneten Signifikanz der Kaiserschwester lag jedoch in ihrer dynastischen Wirkmächtigkeit, die ihr aus derselben Abstammung und Blutsverwandtschaft zum Princeps erwuchs und sie vor allen anderen Kaiserfrauen auszeichnete. Mit der Funktionalisierung dieses Potenzials ergab sich aus Kaiserperspektive eine ambivalente Situation: Eine positive Vereinnahmung lag vor, wenn der Bruder in Ermangelung leiblicher Abkömmlinge alternativ auf den schwesterlichen Nachwuchs zurückgriff, um auf diese Weise eine Herrschaftskontinuität über die eigene gens zu gewährleisten. Negativ erwies es sich hingegen, wenn sich die Kaiserschwester ihrer herrschergeschlechtlichen Qualifikation in Abhängigkeit männlicher Unterstützung bemächtigte und den Bruder durch bewusstes Opponieren in dessen unmittelbarer Existenz bedrohte. Insbesondere letzteres zeigt deutlich, dass eine einvernehmliche Geschwisterbeziehung im Kaiserhaus stets eine Grundvoraussetzung für stabile Herrschaftsverhältnisse bildete, auch wenn diese keinen umfassenden Schutz vor eventuellen Usurpationsversuchen bieten konnte.

Insgesamt ist damit wiederholt auf die außerordentliche Relevanz der kaiserlichen Schwester verwiesen. Von allen Beteiligten, an erster Stelle vom Kaiser selbst, wurde sie in dieser Wertigkeit wahrgenommen, deren ausgreifende Geltungsmöglichkeiten sich in einem Zeitraum von 200 Jahren nicht wesentlich wandelten. Vielmehr erlaubte die zunehmende Systemfestigung des Principats ein vielgestaltigeres Angebot, die Kaiserschwester zweckdienlich in der Öffentlichkeit zu inszenieren, was diese andererseits befugte, die ihr gebotenen Handlungs- und Gestaltungsspielräume in ihrem kapazitären Gehalt bis zum ← 155 | 156 Letzten auszuschöpfen. Damit war die Spannweite von Macht auf der einen und Ohnmacht auf der anderen Seite für jede Kaiserschwester praktisch vorgegeben, innerhalb derer die individuelle Ausgestaltung die einzelnen Schwesternpersönlichkeiten in ihrer Einzigartigkeit kennzeichnete.

Literatur

Alexandridis, Annetta: Die Frauen des römischen Kaiserhauses. Eine Untersuchung ihrer bildlichen Darstellung von Livia bis Iulia Domna. Mainz 2004.

Barrett, Anthony A.: Agrippina. Sex, Power, and Politics in the Early Empire. London 1996.

Brandt, Hartwin: Marcellus „successioni praeparatus“? Augustus, Marcellus und die Jahre 29–23 v. Chr., in: Chiron 25 (1995), S. 1-17.

Fischer, Robert A.: Fulvia und Octavia. Die beiden Ehefrauen des Marcus Antonius in den politischen Kämpfen der Umbruchszeit zwischen Republik und Principat. Berlin 1999.

Hahn, Ulrike: Die Frauen des römischen Kaiserhauses und ihre Ehrungen im griechischen Osten anhand epigraphischer und numismatischer Zeugnisse von Livia bis Sabina. Saarbrücken 1994.

Harders, Ann-Cathrin: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. München 2008.

Hekster, Olivier: Commodus. An emperor at the crossroads. Amsterdam 2002.

Hemelrijk, Emily A.: Matrona Docta. Educated women in the Roman élite from Cornelia to Julia Domna. London u.a. 1999.

Kunst, Christiane: Die Rolle der Römischen Kaiserfrau. Eine Einleitung, in: dies.; Riemer, Ulrike (Hrsg.): Grenzen der Macht. Zur Rolle der römischen Kaiserfrauen. Stuttgart 2000, S. 1-6.

Kunst, Christiane: Frauenzimmer in der römischen domus, in: Harich-Schwarzbauer, Henriette; Späth, Thomas (Hrsg.): Gender Studies in den Altertumswissenschaften. Räume und Geschlechter in der Antike. Trier 2005, S. 111-131.

Kunst, Christiane: Livia. Macht und Intrigen am Hof des Augustus. Stuttgart 2008.

Meise, Eckhard: Untersuchungen zur Geschichte der Julisch-Claudischen Dynastie. München 1969.

Priwitzer, Stefan: Faustina minor – Ehefrau eines Idealkaisers und Mutter eines Tyrannen. Quellenkritische Untersuchungen zum dynastischen Potential, zur Darstellung und zu Handlungsspielräumen von Kaiserfrauen im Prinzipat. Bonn 2009.

Roche, Paul A.: The public image of Trajan’s family, in: Classical Philology [CPh] 97 (2002), S. 41-60.

Sandels, Friedrich: Die Stellung der kaiserlichen Frauen aus dem julisch-claudischen Hause. Darmstadt 1912.

Seelentag, Gunnar: Taten und Tugenden Traians. Herrschaftsdarstellung im Principat. Wiesbaden 2004.

Späth, Thomas: ,Frauenmacht‘ in der frühen Kaiserzeit? Ein kritischer Blick auf die Konstruktion der ,Kaiserfrauen‘, in: Dettenhofer, Maria H. (Hrsg.): Reine Männersache? Frauen in Männerdomänen der antiken Welt. Köln u.a. 1994, S. 159-205. ← 156 | 157

Temporini, Hildegard: Die Frauen am Hofe Trajans. Ein Beitrag zur Stellung der Augustae im Principat. Berlin, New York 1978.

Wallinger, Elisabeth: Die Frauen in der Historia Augusta. Wien 1990.

Watkins, Thomas H.: Colonia Marciana Traiana Thamugadi: Dynasticism in Numidia, in: Phoenix 56 (2002), S. 84-108.

Winterling, Aloys: Caligula. Eine Biographie. 3. Aufl., München 2004.

Wood, Susan E.: Diva Drusilla Panthea and the Sisters of Caligula, in: American Journal of Archaeology [AJA] 99, 3 (1995), S. 457-482. ← 157 | 158 ← 158 | 159 →


1      Bewusst grenzten sich die Römer auf diese Weise von den hellenistischen Monarchien des Ostens ab. Vgl. Kunst, Christiane: Die Rolle der Römischen Kaiserfrau. Eine Einleitung, in: dies.; Riemer, Ulrike (Hrsg.): Grenzen der Macht. Zur Rolle der römischen Kaiserfrauen. Stuttgart 2000, S. 1-6, insb. S. 1.

2      Harders, Ann-Cathrin: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. München 2008, S. 308f.

3      In der Forschung haben diese Fragen bisher kaum Beachtung gefunden. Für die Bruder-Schwester-Beziehung in der Republik hat Harders eine Studie vorgelegt, die ausblickartig auch die Kaiserzeit bis Caligula berücksichtigt (vgl. Harders: Soror, S. 297-311).

4      Der Vollständigkeit halber seien diese zumindest namentlich erwähnt: Octavia (maior) (Augustus); Claudia Livia Iulia (Claudius); Sulpicia (Galba); Flavia Domitilla (minor) (Titus und Domitian); Cocceia (Nerva); Domitia Paulina (Hadrian); Annia Cornificia Faustina (M. Aurel); Ceionia Fabia und Ceionia Plautia (L. Verus); Domitia Faustina, Annia Aurelia Galeria Faustina, Fadilla, Cornificia und Vibia Aurelia Sabina (Commodus). Adoptivschwestern wurden generell von der Untersuchung ausgeschlossen.

5      Zur antiken Historiographie vgl. Späth, Thomas: ,Frauenmacht‘ in der frühen Kaiserzeit? Ein kritischer Blick auf die Konstruktion der ,Kaiserfrauen‘, in: Dettenhofer, Maria H. (Hrsg.): Reine Männersache? Frauen in Männerdomänen der antiken Welt. Köln u.a. 1994, S. 159-205, insb. S. 181-196. Zur statuarischen, epigraphischen und numismatischen Überlieferung vgl. Alexandridis, Annetta: Die Frauen des römischen Kaiserhauses. Eine Untersuchung ihrer bildlichen Darstellung von Livia bis Iulia Domna. Mainz 2004.

6      Eine exakte Datierung von Octavias Sterbejahr ist aufgrund der teils differenten (Cons. ad Liviam 69f.; Dio 54,35,4f.; Suet. Aug. 61,2), teils unpräzisen Quellenaussagen (Liv. per. 140,2; Sen. dial. 15,3; Zonar. 10,34) nicht möglich.

7      AE 1928, 88 = CIL VI 40356 = AE 1994, 219. Zu den Beisetzungsfeierlichkeiten vgl. Dio 54,35,4f. Zur genealogischen Ausdeutung der augusteischen Handlungen vgl. u.a. Fischer, Robert A.: Fulvia und Octavia. Die beiden Ehefrauen des Marcus Antonius in den politischen Kämpfen der Umbruchszeit zwischen Republik und Principat. Berlin 1999, S. 123. Für die z.T. beispiellosen postumen Ehrungen für Octavia vgl. Harders: Soror, S. 302f. u. Sandels, Friedrich: Die Stellung der kaiserlichen Frauen aus dem julischclaudischen Hause. Darmstadt 1912, S. 33f.

8      Octavias Präsenz in den Zeugnissen zum augusteischen Principat ist verglichen zur Zeit vor dem Herrschaftsantritt ihres Bruders stark reduziert, was auf Augustus’ Bemühen um die Etablierung eines neuen Frauenbilds zurückzuführen ist. Dieses hielt entgegen spätrepublikanischer Praxis die weiblichen Familienangehörigen bewusst aus der Öffentlichkeit heraus. Vgl. Kunst, Christiane: Frauenzimmer in der römischen domus, in: Harich-Schwarzbauer, Henriette; Späth, Thomas (Hrsg.): Gender Studies in den Altertumswissenschaften. Räume und Geschlechter in der Antike. Trier 2005, S. 111-131, hier S. 122-128.

9      Vgl. ferner Suet. Aug. 61,2; Cons. ad Liviam 441f.

10    Unpräzise in seiner Würdigung bleibt auch Valerius Maximus (9,15,2), der Octavia als „die erhabenste und tadelloseste Schwester“ (soror clarissima ac sanctissima) beschreibt.

11    Zu Octavias fertilitas: Liv. per. 140,2; Plin. nat. 19,241; 37,11; Plut. Ant. 87,3; facilitas: Dio 51,15,7; Plut. Ant. 87,1f.; Prop. 3,18,11; pietas: Hor. c. 3,14,5–7 (Götter, Augustus); Plut. Mc. 30,6; Prop. 3,18,11f.; Sen. ad Marc. cons. 2f. (Marcellus); lanificia: Suet. Aug. 73. Nach Fischer (Fulvia und Octavia, S. 222) vereinigte das „Geschwisterpaar […] damit alles […], was man in Rom mit traditioneller Moral und Weltanschauung in Verbindung bringen konnte.“ Zur domus disciplina des Augustus vgl. Kunst, Christiane: Livia. Macht und Intrigen am Hof des Augustus. Stuttgart 2008, S. 120.

12    Zur Porticus Octaviae und ihrer kulturellen Ausgestaltung: Dio 49,43,8; Liv. per. 140,2; Ov. ars 1,69f.; 3,391; Plin. nat. 34,31; 35,114. 139; 36,15f. 22. 24. 28f. 34f. 42; Plut. Mc. 30,6; Suet. Aug. 29,4; Vell. 1,11,3. Belegt ist Octavias Einsatz für den Architekten Vitruv, der ihr Dank abstattet, vgl. Vitr. 1, praef. 2f. Zu weiteren intellektuellen Kontakten mit z.T. patronalem Hintergrund vgl. Hemelrijk, Emily A.: Matrona Docta. Educated women in the Roman élite from Cornelia to Julia Domna. London u.a. 1999, S. 104-108.

13    Vgl. Fischer: Fulvia und Octavia, S. 115. Auch Strabon (5,3,8) lobt Octavias persönliches und materielles Engagement zur Verschönerung Roms. Voraussetzung dafür bildete das Recht einer eigenständigen Vermögensverwaltung, welches die Kaiserschwester seit 35 v. Chr. aufgrund ihrer Befreiung von der Geschlechtsvormundschaft (tutela mulierum) besaß, vgl. Dio 49,43,8.

14    Der Sohn stammte aus Octavias erster Ehe mit C. Claudius Marcellus, der 40 v. Chr. verstarb. In den Quellen wird Marcellus stets als Sohn der Octavia und/oder Neffe des Augustus bezeichnet, wohingegen die Rolle des leiblichen Vaters auffälligerweise unerwähnt bleibt (Ausnahme: Plut. Mc. 30,6). Auch auf Octavias übrige Kinder griff Augustus zum Zweck der Machtsicherung zurück. Vgl. Harders: Soror, S. 303f.; Fischer: Fulvia und Octavia, S. 109-112. Daneben engagierte sich Octavia selbst an der Heiratspolitik ihrer (Stief-)Kinder, so belegt für Marcella (maior) (Plut. Ant. 87,4f.; dagegen: Suet. Aug. 63,1f.) und Kleopatra Selene (Plut. Ant. 87,2).

15    Anders Brandt, Hartwin: Marcellus „successioni praeparatus“? Augustus, Marcellus und die Jahre 29–23 v. Chr., in: Chiron 25 (1995), S. 1-17, der sich gegen die Auffassung von Marcellus als designierter Thronfolger ausspricht. Die diesbezügliche Forschungskontroverse zusammenfassend: Harders: Soror, S. 306 und Anm. 154.

16    Nach Kunst: Livia, S. 126f. stand Livia deutlich in Octavias Schatten.

17    Insofern verwundern die Gerüchte nicht, wonach Livia die Hauptschuld am Tod des Marcellus zukam, vgl. Dio 53,33,4 (allerdings mit Zweifeln). Ein angespanntes Verhältnis zwischen Kaiserschwester und -gattin suggeriert auch Sen. ad Marc. cons. 2.

18    Vgl. Sen. ad Marc. cons. 2.

19    RIC I, S. 110, Nr. 33. Über die entsprechenden Namenszusätze sind die weiblichen Figuren eindeutig als die Schwestern des Caligula identifizierbar.

20    Zu den Ehrungen: Dio 59,3,4. 7,4. 9,2. 22,9; Suet. Cal. 15,3f. (wirft Caligula „Popularitätshascherei“ [popularitas] vor). Eine staatspolitische Motivation unterstellen u.a. Alexandridis: Frauen, S. 90 u. Wood, Susan E.: Diva Drusilla Panthea and the Sisters of Caligula, in: AJA 99, 3 (1995), S. 457-482, hier S. 461.

21    Vgl. auch Dio 59,11,1; Ios. ant. Iud. 19,2,5. Ein Verhältnis mit allen drei Schwestern äußern: Aur. Vict. 3,10f.; Dio 59,3,6. 22,6. 26,5 (Xiph.; Exc. Val.); Suet. Cal. 24,1; 36,1.

22    Kritik an Caligulas Trauerverhalten übt auch Sen. ad Pol. cons. 17,4f. Dagegen Meise, Eckhard: Untersuchungen zur Geschichte der Julisch-Claudischen Dynastie. München 1969, S. 103, der nicht daran zweifelt, dass „diese große Trauer Caligulas bei aller Überspanntheit seiner Handlungsweise echt war, daß er seine Schwester sehr geliebt hatte“.

23    Zur Widerlegung des Inzestvorwurfs als bewusste Falschinformation Suetons vgl. Barrett, Anthony A.: Agrippina. Sex, Power, and Politics in the Early Empire. London 1996, S. 54. Vgl. ferner Winterling, Aloys: Caligula. Eine Biographie. München 2004, S. 7-11 u. 175-180, der Caligula zudem vom Ruf des „wahnsinnigen“ Kaisers entlastet.

24    Angedeutet bei Dio 59,22,6f. Caligula hatte die Heirat zwischen seiner Schwester und Lepidus, dem er daraufhin eine bevorzugte politische Behandlung angedeihen ließ, selbst initiiert. Die tiefe Freundschaft, die beide Männer augenscheinlich verband, wurde zuweilen von der antiken Historiographie in ein sexuelles Verhältnis umgedeutet, vgl. Suet. Cal. 36,1; Dio 59,11,1. 22,6. Die Ansicht von Lepidus als prädestinierten Thronfolger ist in der Forschung weit verbreitet. Vgl. u.a. Meise: Untersuchungen, S. 109; vorsichtiger: Barrett: Agrippina, S. 58.

25    Dass neben Drusilla die anderen Schwestern eine unterminierte Rolle in Caligulas Nachfolgeplänen spielten, zeigt die abschätzige Behandlung, die er seinem im Jahr 37 geborenen Neffen, dem späteren Kaiser Nero, und dessen Mutter Agrippina (minor) angedeihen ließ, vgl. Suet. Ner. 6,2. Dazu Meise: Untersuchungen, S. 100f.; ferner Barrett: Agrippina, S. 57, der außerdem betont, dass weder Agrippinas noch Livillas Ehemann unter Caligula eine Herausstellung erfuhren, vgl. ebd., S. 54f. u. 58.

26    Vgl. auch Sen. apocol. 1,2f. Nach Dio 59,11,1-6. 13,8f. 24,7f. wurde Drusilla ein Kult als weibliche Universalgottheit (Πάνθεά) eingerichtet, womit sie den Rang einer gewöhnlichen Staatsgottheit übertraf. Zur consecratio und den Ehren, die Drusilla zu Lebzeiten Caligulas als diva zukamen, vgl. Sandels: Stellung, S. 46-49. Über ihre göttliche Verehrung v.a. in den östlichen Provinzen führt Hahn, Ulrike: Die Frauen des römischen Kaiserhauses und ihre Ehrungen im griechischen Osten anhand epigraphischer und numismatischer Zeugnisse von Livia bis Sabina. Saarbrücken 1994, S. 151-168 den quellenprofunden Nachweis. In der römischen Münzprägung wird an Drusillas Konsekration auffälligerweise nicht erinnert. Den fehlenden numismatischen Befund deutet Wood: Diva, S. 462 als bewusste Vermeidung Caligulas, Diva Drusilla mit Divus Augustus sowie der verstorbenen Mutter Agrippina (maior) gleichzustellen.

27    Vgl. ebenso die politische Deutung bei Wood: Diva, S. 460.

28    Die Schwestern als Herrschaftslegitimierung bei Barrett: Agrippina, S. 53 und als „dynastische Alternative“ bei Harders: Soror, S. 310.

29    Nach Winterling: Caligula, S. 61 waren die Schwestern zu Caligulas Regierungsbeginn aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit dessen „engste[] Vertraute[]“. Ähnlich Barrett (Agrippina, S. 53f.), der Caligulas Handlungen als „an element of genuine and naive affection“ wertet, die das „close bond between Caligula and his sisters“ unterstreichen. Dagegen Harders: Soror, S. 309.

30    Eine politische Einflussnahme der Schwestern auf den Bruder wird in der Forschung dennoch angenommen. Vgl. Winterling: Caligula, S. 69. Zu Drusilla vgl. Meise: Untersuchungen, S. 100. In keinem Fall dürfen die Ehren jedoch mit faktischer Macht gleichgesetzt werden, wie Späth (,Frauenmacht‘, S. 190) betont: „Die Vorrechte von Frauen erweisen sich letztlich als Privilegien, die der Kaiser beansprucht […]: keine der Auszeichnungen verleiht einer Frau in irgendeiner Weise eine Magistratsaufgabe oder eine institutionelle politische Position.“

31    Zur Heirat s. Dio 59,23,7; Suet. Cal. 25,3f.; Geburt und Ehren der Tochter bei Dio 59,28,7 (Xiph.; Exc. Val.); Ios. ant. Iud. 19,1,2; Suet. Cal. 25,3-26,1; 42. Über die kindliche Namensgebung zollte Caligula der Diva Drusilla postumen Tribut und vertraute seiner Tochter deren besonderen Schutz an. Vgl. Wood: Diva, S. 460.

32    Vgl. Harders: Soror, S. 309f., die eine dynastische Umorientierung Caligulas annimmt. Ähnlich Meise: Untersuchungen, S. 104f.

33    In den Quellen wird die Verschwörungsbeteiligung der Schwestern höchstens angedeutet: Dio 59,22,8. 23,1; Suet. Cal. 24,3. Trotz der insgesamt spärlichen Quellenaussagen fehlt es in der Forschung nicht an möglichen, v.a. herrschaftspartizipatorischen Motiven, welche die Schwestern zum Aufbegehren gegen ihren Bruder veranlasst haben sollen, wobei gerade Agrippina, ganz im Sinne von Tacitus (ann. 14,2,2), aufgrund ihrer späteren Position als Kaisergattin (Claudius) und Kaisermutter (Nero) immer wieder eine Sonderrolle attestiert wird. Vgl. z.B. Meise: Untersuchungen, S. 111, insb. S. 119.

34    Zur Verbannung vgl. Dio 59,3,6; Suet. Cal. 29,1f.; 39,1; Suet. Ner. 6,3f. Als Beleg der Tyrannei Caligulas wird die Bestrafung von den antiken Berichterstattern zuweilen als ungerecht dargestellt, vgl. Dio 59,23,8; 60,4,1; Suet. Cal. 24,3. Dagegen Winterling: Caligula, S. 106, der Caligulas Vorgehen als „milde Behandlung“ wertet, was die „enge Beziehung“ zwischen den Geschwistern dokumentiere; ähnlich Barrett: Agrippina, S. 69. Nicht zuletzt spricht die pietätvolle Behandlung von Caligulas Leichnam durch beide Schwestern nach deren Rückkehr aus der Verbannung für ein ungebrochen enges Geschwisterverhältnis, vgl. Suet. Cal. 59.

35    Vgl. Harders: Soror, S. 310f.

36    Fakten über Marcianas Leben vor dem Jahr 98 sind spärlich. Nur das Geburtsdatum zwischen 44 und 62 sowie die Ehe mit Salonius und die Geburt der Tochter Salonia Matidia (maior) sind gesichert. Vgl. dazu Temporini, Hildegard: Die Frauen am Hofe Trajans. Ein Beitrag zur Stellung der Augustae im Principat. Berlin, New York 1978, S. 184-187.

37    Die wahrscheinlich im Jahr 101 publizierte Version des Panegyrikus stellt die stark überarbeitete, vielleicht sogar eine gänzliche Neufassung der am 1. September 100 von Plinius vorgetragenen gratiarum actio dar, die er anlässlich seines Antritts als Suffektkonsul im Senat hielt. Mit dieser Rede erwies er dem anwesenden Kaiser den traditionsgemäßen Dank für das erworbene Amt, das zugleich den Höhepunkt seiner bisherigen politischen Karriere markierte. Zum panegyrischen Charakter der Rede und seinen Auswirkungen vgl. Roche, Paul A.: The public image of Trajan’s family, in: CPh 97 (2002), S. 41-60.

38    Vgl. Plin. Paneg. 84,6-8. Neben dem Motiv der Bescheidenheit führt Plinius die recusatio auf den Umstand zurück, dass Traian zur selben Zeit noch nicht offiziell pater patriae war, womit auf die Vermeidung einer Gleichstellung von Kaiser und Kaiserschwester angespielt wurde. Dazu und den Datierungsproblemen von Senatsangebot und recusatio vgl. Temporini: Frauen, S. 23-27, die in Marcianas Augusta-Benennung „nicht nur eine formale Ehrung, sondern die Zuerkennung einer wenn auch abgeleiteten realen staatspolitischen Stellung“ sieht, vgl. ebd., S. 41f. Auch Hahn: Frauen, S. 253, Anm. 11, betont das Außergewöhnliche der Ehrung, mit der „nicht einmal Caligula […] seine Schwester Drusilla […] ausgezeichnet“ hatte.

39    In Numidia legte Traian im Jahr 100 die Stadt Colonia Marciana Traiani Thamugadi an. Vgl. Watkins, Thomas H.: Colonia Marciana Traiana Thamugadi: Dynasticism in Numidia, in: Phoenix 56 (2002), S. 84-108, der neben Marciana ebenso die kaiserlichen Eltern, Marcia und M. Ulpius Traianus (pater), als Reverenzsubjekte im Stadtnamen annimmt. Eine weitere traianische Neugründung aus dem Jahr 106 stellte Marcianapolis in Thracia dar. Zum legendären Entstehungsanlass vgl. Iord. Get. 92f. Zur Datierung und politischen Relevanz der Stadt vgl. Temporini: Frauen, S. 88-90 u. 188f.

40    Um die familiäre Eintracht innerhalb der domus Augusta außenwirksam zu präsentieren, war auch Traians Ehefrau Plotina durch Ehrenmünzrecht, Augusta-Titel und eine ihr gewidmete Stadtbenennung ausgiebig geehrt worden. Auch Plinius (Paneg. 84,3-5) betont in diesem Sinne ausdrücklich die Ranggleichheit beider Frauen (par fortuna).

41    RIC II, S. 299, Nr. 742. Matidia (maior) ist durch die beigefügte Umschrift MATIDIA AVG(ustae) F(ilia) eindeutig identifiziert. Zur Deutung der Pietas-Referenz (Schleierattribut) „als das die Abfolge der Generationen verbindende Glied“ zur Betonung des dynastischen Gedankens vgl. Seelentag, Gunnar: Taten und Tugenden Traians. Herrschaftsdarstellung im Principat. Wiesbaden 2004, S. 354f. u. 450-453; hier: S. 451.

42    Ähnlich Temporini: Frauen, S. 193f.; zurückhaltender Alexandridis: Frauen, S. 21.

43    Zu funus und consecratio vgl. Fast. Ost. 22,39-43. Nachweislich handelt es sich bei dem abgewandelten Konsekrationszeremoniell (Divinisierungsbeschluss vor Leichenverbrennung) um ein singuläres Phänomen. Vgl. Temporini: Frauen, S. 194-235. Zu den Konsekrationsmünzen, die bedeutende Neuerungen aufwiesen, vgl. RIC II, S. 299f., Nr. 743-750. Neben der Benennung Marcianas als DIVA AVGVSTA MARCIANA auf dem Avers ist v.a. die Vielgestaltigkeit der Reversbilder auffällig, die neben bekannten Motiven (carpentum: Nr. 746, 749; Elefantenbiga: Nr. 747, 750) auch die bisher ausschließlich für Divus Augustus verwendete Adlerdarstellung zeigt (Nr. 743-745,748). Als zusätzliches Element sind die Reverse erstmalig durch die Legende CONSECRATIO gekennzeichnet (Ausnahme: Nr. 747, 750). Das numismatische Material wird ausführlich diskutiert bei Temporini: Frauen, S. 201f., 236-243 u. 255-257.

44    Vgl. Temporini: Frauen, S. 234. Neben Marciana ließ Traian im Jahr 113 seinen leiblichen Vater konsekrieren, der bereits vor Regierungsantritt seines Sohnes verstorben und zudem niemals Augustus war. Auch für ihn wurden Konsekrationsmünzen geprägt, die ihn auf einem Exemplar gemeinsam mit Traians Adoptivvater, Divus Nerva, zuzüglich der Umschrift DIVI NERVA ET TRAIANVS PATER abbilden, vgl. RIC II, S. 297, Nr. 726f. Nach Seelentag: Taten, S. 451 ließ sich durch die Herausstellung beider Väter Traians Anspruch auf die eigene Divinisierung verbinden.

45    Im römischen Münzbild wird Matidia fortan als MATIDIA AUG(usta) DIVAE MARCIANEA F(ilia) bezeichnet, vgl. RIC II, S. 300f., Nr. 758-761.

46    Vgl. z.B. den zu Ehren Traians 115 gefertigten Bogen am Hafen von Ancona. Dazu Temporini: Frauen, S. 258 und Anm. 280.

47    Zur ikonographischen Auswertung vgl.. Temporini: Frauen, S. 258.

48    Im Endeffekt war es Traians Anliegen, ein bestimmtes Bild seiner domus zu präsentieren, das mit der Wirklichkeit nur wenig gemeinsam haben musste, solange es in der Öffentlichkeit in seiner intendierten Form wahrgenommen und akzeptiert wurde. Vgl. die diesbezüglichen Ausführungen bei Roche: The public image, S. 60.

49    Eine solche Idealverklärung hatte sich aus dem biologischen Zufall ergeben, dass es den Kaisern Nerva bis Antoninus Pius an leiblichen Söhnen mangelte.

50    Mit Commodus, den sein Vater M. Aurel als designierten Thronfolger aufgebaut hatte, trat nach annähernd 100 Jahren wieder ein leiblicher Sohn die Principatsnachfolge an.

51    Die in der Forschung kontrovers diskutierte zeitliche Bestimmung der Verleihung des Augusta-Titels muss spätestens im Jahr 165 und damit noch vor der Geburt von Lucillas erstem Kind erfolgt sein, wie eine Inschrift aus Dakien nahelegt, vgl. CIL III 1307. Dazu Wallinger, Elisabeth: Die Frauen in der Historia Augusta. Wien 1990, S. 64.

52    Zum Ehrenmünzrecht vgl. die numismatischen Zeugnisse, die Lucillas Namen im Nominativ (LVCILLA AVGVSTA) nennen: RIC III, S. 274-276 u. 352-355, Nr. 755, 759, 764-766, 768-770, 772f., 779-781, 785-787, 1728-1731, 1736-1741, 1744, 1746, 1751f., 1754f., 1760, 1765f., 1768 u. 1777f. Über Prägebeginn und -ende, die zwischen Lucillas Annahme des Augusta-Titels und ihrem Tod im Jahr 182 liegen, herrscht in der Forschung große Uneinigkeit. Dazu Alexandridis: Frauen, S. 284, Anm. 1213.

53    Vgl. H.A. M.A. 7,7; 9,4-6; Ver. 2,4; Dio 71,1,3 (Xiph.); Herodian. 1,8,3.

54    Zur Eheschließung mit Pompeianus: Herodian. 1,8,3. Vgl. auch H.A. M.A. 20,6f., wo aufgrund der niederen Geburt des Pompeianus eine Statusminderung für Lucilla, die doch immerhin „Augusta und Tochter einer Augusta war“ (Augusta esset et Augustae filia), suggeriert wird. Der Ehegatte selbst hatte durch die Heirat mit Lucilla die besten Aussichten auf eine Herrschaftsübernahme, sollte M. Aurel etwas zustoßen. Vgl. Priwitzer, Stefan: Faustina minor – Ehefrau eines Idealkaisers und Mutter eines Tyrannen.

Quellenkritische Untersuchungen zum dynastischen Potential, zur Darstellung und zu Handlungsspielräumen von Kaiserfrauen im Prinzipat. Bonn 2009, S. 191 und Anm. 111.

55    Aufschlussreich erweist sich das numismatische Material, auf dem von allen Töchtern M. Aurels ausschließlich Lucilla Berücksichtigung findet. Vgl. die Beispiele in Anm. 52.

56    Vgl. Dio 73,4,5 (Xiph.); H.A. Comm. 4,4; 5,7f.

57    Zu den Datierungsschwierigkeiten vgl. Hekster, Olivier: Commodus. An emperor at the crossroads. Amsterdam 2002, S. 52.

58    Eine Ausnahme bildet die Schilderung des Ammianus Marcellinus (29,1,17), in der Lucilla keine Erwähnung findet. Dazu vgl. Hekster: Commodus, S. 53, Anm. 76.

59    Vgl. Dio 73,4,3–6,1 (Xiph.); Herodian. 1,8,4-6. Zur Deutung von Lucillas vermeintlichem Neid und Ehrgeiz als topische Elemente konkurrierender Kaiserfrauen vgl. Priwitzer: Faustina, S. 192 und Anm. 116. Bereits ihren ersten Ehemann L. Verus soll Lucilla aus Eifersucht zu dessen Schwester ermordet haben, vgl. H.A. Ver. 10,3-5.

60    Lucillas moralische Verwerflichkeit wurde durch den Vorwurf des Ehebruchs mit dem Schwiegersohn (Dio 73,4,4 [Xiph.]) und M. Ummidius Quadratus (Herodian. 1,8,4), einem Verwandten und Hauptbeteiligten der Verschwörung, noch unterstrichen. Nach Dio (73,4,5 [Xiph.]) gebärdete sich Lucilla demnach „ebenso wenig einwandfrei und sittlich gefestigt wie ihr Bruder Commodus“ (ἠ γάρ Λουκίλλα οὐδὲν ἐπιεικεστέρα οὐδὲ σωφρονεστέρα τοῦ ἀδελφοῦ Κομμόδου), zu dessen Abbild sie degradiert wurde. Lucilla und Commodus erscheinen damit als negatives Pendant zu Marciana und Traian, die in ihrer Ebenbürtigkeit die römischen Wertvorstellungen mustergültig verkörperten, womit sie dem gesamten Reich zum Wohle gereichten.

61    H.A. Comm. 4,1-4. Zur Darstellung der Verschwörung und den involvierten Personen in der Historia Augusta vgl. Wallinger: Historia Augusta, S. 66-69. Zur staatsnutzenden Stilisierung der Tat vgl. Priwitzer: Faustina, S. 158.

62    Vgl. Hekster (Commodus, S. 25), der auf die Gefahren der verwandtschaftlichen Bande im Kaiserhaus für die Princepsstellung aufmerksam macht.

63    Detailliert dazu Priwitzer: Faustina, S. 108-159, insb. S. 122-126.