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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Edited By Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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Adlige Geschwisterbeziehungen im 18. und 19. Jahrhundert – Ideale und gelebte Praxis (Denise von Weymarn-Goldschmidt)

Adlige Geschwisterbeziehungen im 18. und 19. Jahrhundert – Ideale und gelebte Praxis

Denise von Weymarn-Goldschmidt

Abstract

This article discusses the rarely examined horizontal aspects of family history, the interrelation of siblings within the Baltic German Nobility of the 18th and 19th century. It highlights their pragmatic approach to (illegitimate) half-, step- and foster-siblings. The examination of egodocuments reveals how the actual relationships differed from a social ideal.

Einleitung

Da ich neben Amalie immer die Inferiore war und schlechte deutsche Aufsätze über die meine unreife Entwicklung übersteigenden Themen schrieb, die Papa mit Missfallen las, so hielt er mich überhaupt für ganz untüchtig in Schulsachen. Das kränkte mich weniger als meinen für mich so eingenommenen Bruder.1

Das obige Zitat von Ida Baronin Wrangell ist typisch und atypisch zugleich: Typisch, weil es Aussagen über ein Vater-Kind-Verhältnis macht, atypisch, weil selten so viele Informationen in so wenigen Zeilen über Geschwisterbeziehungen enthalten sind. Ganz deutlich artikuliert sie das Gefühl, neben der (älteren) Schwester Amalie minderwertig zu sein und verweist nebenbei auf eine emotionale Verbundenheit mit dem (jüngeren) Bruder Nikolai, der wiederum unter der Zurücksetzung der Schwester leidet. Basierend auf Selbstzeugnissen deutschbaltischer Adliger2 geht der folgende Aufsatz der Frage nach, wer im Adel zu den Geschwistern gezählt wurde. In einem zweiten Schritt wird das soziokulturelle Ideal der Geschwisterbeziehung im 18. und 19. Jahrhundert den tatsächlich gelebten Formen gegenübergestellt. Die Untersuchung der horizontalen Beziehungsebene der Geschwister erlaubt einen weiteren Blick auf das zeitgenössische Familienverständnis, das bis dahin beinahe ausschließlich vertikal betrachtet wurde.

Wie verbreitet die vertikale Sichtweise ist, zeigt etwa ein Blick in das Lexikon der Geschichtlichen Grundbegriffe. Auf 48 Seiten werden dort unter dem ← 159 | 160 Lemma ,Familie‘ etliche Familienkonstellationen behandelt, wobei die unterschiedlichsten rechtlichen Verpflichtungen von Ehemann und Ehefrau in den verschiedenen Epochen sowie die Rechte und Pflichten gegenüber ihren Kindern betrachtet werden.3 Das Wort Geschwister fällt im ganzen Artikel nicht, noch existiert ein eigener Eintrag ,Geschwister‘. Ähnlich sieht es in anderen historischen Arbeiten der letzten dreißig Jahre aus: Heiratsstrategien und das Eltern-Kind-Verhältnis wurden untersucht, die Kindersterblichkeit, das generative Intervall, die Anzahl der Kinder oder die Erziehung und Ausbildung derselben. Die innerfamiliäre horizontale Beziehungsebene, die Geschwisterebene, gelangt nur selten in den Fokus: Wenn doch, dann handelt es sich häufig um Bruder-Bruder-Konflikte in Sukzessionsfragen oder um berühmte Männer und der Einfluss ihrer mehrheitlich unbekannten Geschwister.4

Im deutschen Sprachraum wurden bisher kaum Geschwisterbeziehungen unter historischer Perspektive betrachtet. Die Entwicklungspsychologie befasst sich seit den 1980er Jahren im angloamerikanischen, seit den 1990ern Jahren im deutschen Raum5 ausgiebig mit dieser Thematik, doch galten im 18. und 19. Jahrhundert andere Beziehungsstrukturen und Persönlichkeitskonzepte, so dass die aktuellen Erkenntnisse nicht ohne weiteres übernommen werden können.6 Hilfreiche Anregungen bieten gewisse ethnologische Studien, die Verwandtschaftssysteme aufzeigen wie den Kindertausch, Ehen unter Verwandten ← 160 | 161 oder die systematische Bevorzugung eines Geschlechts7 – Phänomene, die auch in westlichen Gesellschaften verbreitet waren.

Dass Geschwisterbeziehungen jenseits der Kunst und Mythologie8 bis heute nicht näher betrachtet werden, überrascht, handelt es sich doch hierbei um eine fundamental wichtige menschliche Beziehung. In Adelsfamilien stellte sie oft die primäre emotionale Verbindung dar, welche die Kinder in ihren Familien erlebten;9 Familien, die durch Ehearrangements zustande gekommen waren und von Leitideen wie Gehorsam, Repräsentation und Pflichten geprägt waren. Von Liebe zu den Eltern wurde zwar gesprochen, doch wurde darunter primär Respekt verstanden und nicht zwingend emotionale und schon gar nicht körperliche Nähe. Dass sich Historiker und Historikerinnen wenig mit Geschwisterbeziehungen beschäftigen, hängt nicht zuletzt mit der schlechten Quellenlage zusammen. Zeugnisse von Kindern sind rar und spiegeln oft die Handschrift der Erzieher wider, etwa wenn den Kindern vorgegeben wurde, wie ein Brief formgerecht aufzusetzen war. Doch Geschwisterschaft bezieht sich nicht nur auf die Kindheit, sie dauert ein Leben lang und kann selbst über den Tod des einzelnen hinaus als Vorstellung wichtig bleiben.10 Mit der Definition der Geschwisterschaft als einer lebenslänglichen Beziehung verbessert sich die Ausgangslage für die Quellensuche. Hier bieten sich Selbstzeugnisse an. Selbstzeugnisse sind Dokumente, die über das Leben des Autors oder der Autorin Auskunft geben und von ihm bzw. ihr selbst verfasst oder diktiert wurden. Die gängigsten Formen sind Briefe, Tagebücher, Autobiographien aber auch Testamente und in einem sehr breiten Verständnis Zeugenaussagen in Gerichtsakten.11 Gerade Tagebücher, Autobiographien oder Briefe scheinen geeignet, sich den gelebten ← 161 | 162 Beziehungen von Geschwistern anzunähern. Autobiographien12 bieten hierbei den Vorteil, dass sie Veränderungen von Beziehungen aufzeigen. In der rückblickenden reflektierten Aufzeichnung eines Lebens wird die besondere – positive oder negative – Rolle einzelner Personen deutlich. Dem gegenüber stehen Tagebücher, welche die momentanen Befindlichkeiten wiedergeben, Befindlichkeiten, die auch Gedanken, welche dem geltenden Ideal widersprechen, enthalten können, insbesondere wenn die Tagebücher nicht für eine Veröffentlichung gedacht waren. Gerade weil die Geschwisterschaft als eine lebenslängliche Beziehung verstanden wird, müssen die Selbstzeugnisse nicht eine ganze Lebensspanne abdecken. Selbst Dokumente, die nur eine kurze Zeitspanne umfassen, können aussagekräftig sein. Deshalb sind für die Auswertung auch Dokumente brauchbar, die nur gewisse Lebensabschnitte beschreiben. Da die relativ überschaubare Gruppe der deutschbaltischen Adligen ein vielfältiges, meist unveröffentlichtes, autobiographisches Schrifttum hinterlassen hat, wurden für den vorliegenden Artikel Zeugnisse dieser wenig bekannten Gruppe ausgewertet.

Wer wird zu den Geschwistern gezählt?

Der Begriff der Geschwister ist mit jenem der Familie verbunden. Betrachtet man westliche Adelsfamilien, so kommen Konzepte vom „Ganzen Haus“,13 die sämtliche Bewohner eines Hauses zur Familie zählen, nicht in Frage, denn ein wesentliches Merkmal dieser Schicht war die deutliche Abgrenzung von den arbeitenden Schichten, so dass auf der nominellen Ebene keine statusniedrigeren Personen zur Familie gezählt wurden. Anders konnte das auf der emotionalen Ebene aussehen; dort konnten durchaus statusniedrigere Leute wie ein altgedientes Kindermädchen zur Familie zugehörig empfunden werden. Margaretha ← 162 | 163 Hildebrandt, eine Schneiderstochter, die von allen nur Haninka genannt wurde, war während 50 Jahren im Hause von Jenny von Vegesacks Großeltern und Eltern tätig. Zu ihrem 80. Geburtstag schenkten ihr Jenny und ihre Geschwister zwei goldene Kerzenständer. Auf dem einen standen die innerfamiliären Rufnamen aller Jungen, auf dem anderen diejenigen der Mädchen. Als Haninka starb, gab Jennys ältester Bruder eine Todesanzeige auf.14 Die heutige Definition der Kernfamilie – Mutter, Vater und gemeinsame Kinder – wird den Verhältnissen im 18. und 19. Jahrhundert auch nicht gerecht. Zu berücksichtigen gilt, dass in diesem Zeitraum noch eine viel höhere Sterblichkeit herrschte, jede Krankheit konnte tödliche Folgen haben und Mütter im Kindbett waren besonders gefährdet. Weil jemand die Rolle der verstorbenen Frau übernehmen musste, heirateten verwitwete Väter in der Regel relativ schnell wieder. Aus diesem Kontext heraus kam es häufig zu dem heute sogenannten Phänomen der „Patchworkfamilien“. Stiefmütter, Halbgeschwister und Stiefgeschwister waren keine Seltenheit. Hier ist auf einen unterschiedlichen Sprachgebrauch der analytischen Begriffe Stief- und Halbgeschwister bei Sophie Ruppel und der Autorin hinzuweisen. Werden die beiden Konstellationen im Sprachgebrauch der Verfasserin und der Schweiz klar getrennt, fallen sie bei Ruppel zusammen.15 Im Folgenden werden unter Halbgeschwistern Kinder verstanden, die nur einen gemeinsamen Elternteil haben. Stiefgeschwister hingegen stammen aus früheren Ehen des neuen Ehepaares und sind nicht direkte Blutsverwandte. Da im Adel Ehen zwischen Vettern und Cousinen vielfach als unproblematisch betrachtet wurden, können Stiefgeschwister natürlich auf entfernteren Wegen miteinander verwandt sein. Die unterschiedlichen Verwendungsweisen zeigen sich auch in den entsprechenden Artikeln in Zedlers Grossem vollständigem Universallexicon aller Wissenschaften und Künste von 1731–1754. Dort werden unter dem Lemma ,Halb-Bruder‘ Halb- und Stiefbrüder gleichgesetzt, während im Artikel ,Schwester‘ „Stiefschwestern“ aufgeführt und als Personen, „welche sowohl unterschiedliche Väter, als Mütter haben“ definiert werden.16 Die Unterscheidung in Voll-, Halb- und Stiefgeschwister ist eine analytische Unterscheidung, die in den Quellen selbst nicht immer vorgenommen wird, doch in der Regel rekonstruierbar ist. Sollen die gemeinsamen Eltern betont werden, so wird in den ← 163 | 164 Selbstzeugnissen von leiblichen Geschwistern gesprochen. Die Differenz kann also im Bedarfsfall aktiviert werden. In den Tagebüchern und autobiographischen Schriften des deutschbaltischen Adels werden Halbgeschwister entweder unspezifisch als Geschwister oder aber als Stiefgeschwister bezeichnet. Dass die Unterscheidung Halb- und Stiefgeschwister nicht gemacht wird, überrascht, hat der Unterschied doch weitreichende erbrechtliche Konsequenzen.

Neben Halb- und Stiefgeschwistern existierten noch Pflegegeschwister. Im Todesfall eines Elternteils wurden Kinder häufig zu Verwandten gegeben, bis sich die Situation in der Herkunftsfamilie geklärt hatte.17 Auch zu Erziehungszwecken wurden Kinder teilweise mehrere Jahre bei Verwandten untergebracht. Dabei konnte es durchaus vorkommen, dass ein Onkel oder eine Tante einen Neffen oder eine Nichte zur Erziehung einforderte, so etwa Fürst Michael Barclay de Tolly, der seine Schwestertochter Auguste Christine von Lueder zur Erziehung in sein Haus nehmen wollte, weil er selbst keine Tochter hatte.18 Diese Einforderungen waren in der Regel an das Versprechen gekoppelt, den Kindern eine bessere Zukunft zu bieten. Je nach Stellung der Eltern gegenüber diesem Bruder oder dieser Schwester konnte so eine Forderung nicht ohne weiteres abgelehnt werden.

Wer soll nun alles zur adligen Kernfamilie gezählt werden? Für dieses Problem bieten sich Ansätze aus der Netzwerkanalyse,19 wie sie in der Soziologie verbreitet sind, an. Aus den Selbstzeugnissen wird das Familienverständnis der Autorinnen und Autoren rekonstruiert, indem man alle Personen erfasst, die als Familienmitglieder, insbesondere als Geschwister, genannt werden. In den Autorenbenennungen wird ersichtlich, ob der Autor bzw. die Autorin Halb-, Stief-, illegitime Halbgeschwister oder Pflegegeschwister als zur Familie zugehörig oder nicht zugehörig auffasste. Dieses Familiennetz muss weder mit dem Stammbaum noch mit juristischen Definitionen übereinstimmen. Es können Familienzweige fehlen, weil Verwandte aufgrund eines Fehlverhaltens ausgeschlossen wurden, gleichzeitig können Personen auftauchen, die nicht blutsverwandt sind, aber trotzdem eine wichtige Rolle für die Familie spielen. Dieses Netzwerk gibt aber nicht nur über die Ebene der Schreibenden und ihrer Geschwister Auskunft, sondern auch über jene der Eltern; dann etwa, wenn Stief- oder Halbgeschwister der Eltern einfach als Onkel oder Tante bezeichnet werden. In gewissen Fällen gibt dieses Vorgehen selbst über die Geschwister ← 164 | 165 beziehungen der Großeltern Auskunft. Gerade bei großem Altersunterschied zwischen leiblichen Brüdern und Schwestern der Großeltern oder zu ihren Halbgeschwistern konnten diese als Groß(stief)onkel respektive Groß(stief)tante noch immer eine Rolle spielen.

Anhand von multiplexen Netzwerken sollen die Geschwisterbeziehungen näher betrachtet werden. Aus der ersten Ebene, der Benennung der Familienmitglieder, wird deutlich, wer als Geschwister aufgefasst wurde, und zwar in der eigenen wie auch der elterlichen und großelterlichen Generation. Über dieses Familiennetz wird ein zweites aufgespannt, indem danach gefragt wird, wen die Autoren um Rat oder um Hilfe bitten. Darüber wird ein drittes Netz gelegt, das die besonderen emotionalen Verbindungen aufzeigt. Ebene zwei und drei überschneiden sich vielfach; Nahestehende bittet man leichter um Hilfe. Trotzdem gibt es auch deutliche Unterschiede: Diese Abweichungen verdeutlichen diejenigen Beziehungen, die auf Rollenerwartungen basieren, etwa die Pflicht des Stammhalters, seine Geschwister standesgemäß auszustatten oder die Erwartungen an ledige Schwestern, sich in einem Haushalt der Familie nützlich zu machen. Fehlen gewisse Verbindungen, weil der Stammhalter nie um Rat oder Hilfe gebeten wurde respektive die ledige Schwester nie in einem familiären Haushalt mithalf, scheint die Geschwisterbeziehung nach zeitgenössischem Verständnis gestört zu sein. Eine Ausgangslage kann noch so gut erscheinen und muss trotzdem nicht zu einem freundschaftlichen Geschwisterverhältnis führen: Christoph von Campenhausen war bereit, für seinen 31 Jahre jüngeren Halbbruder Balthasar die Patenschaft zu übernehmen und legte damit die Basis für eine enge Beziehung. Nach dem Tod des Vaters wurde er Balthasars Vormund. Trotz dieser doppelten Funktion scheint das Verhältnis sehr distanziert gewesen zu sein, nennt Balthasar Christoph in seinem Tagebuch doch nur „mein Bruder, der H[err] Regierungsrath“. Auf der ersten Ebene haben wir hier eine klare Benennung des Halbbruders als Bruder. Auf der zweiten Ebene des Rats und der Verpflichtungen erfolgt die Übernahme der Vormundschaft für die jungen Halbgeschwister durch den Stammhalter. Die Übernahme der Patenschaft gehört zwar noch zur zweiten Ebene, stellt allerdings eine gute Voraussetzung für die dritte Ebene der emotionalen Verbindung dar. Doch erfolgt bei den Brüdern Campenhausen dieser Schritt nicht, was wohl am problematischen Verhältnis von Christoph und seiner Stiefmutter Juliana lag.20 ← 165 | 166

Das Ideal der Geschwisterbeziehung

Die Beziehung von Brüdern und Schwestern wird gesellschaftlich zum Archetypus der Beziehung zwischen Männern und Frauen stilisiert, allerdings als asexuelle Verbindung. Für die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bestand das ideale Geschwisterpaar jeweils aus einem Bruder und einer Schwester.21 Aber dass eine deutschbaltische Adlige acht Kinder gebar, kam immer wieder vor. Auch wenn normalerweise nicht alle Geschwister überlebten, hatten die meisten Familien immer noch mehr als zwei Kinder. Das Ideal bestand also neben den tatsächlichen Familienverhältnissen. Die Idealisierung des gemischtgeschlechtlichen Geschwisterpaares weist aber auch darauf hin, dass für eine gut funktionierende Gesellschaft beide Geschlechter mit den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften relevant sind.

In ihrem Aufsatz über Geschwister als Metapher im Spätmittelalter verweist Gabriela Signori darauf, dass der (metaphorische) Gebrauch von Bruder und Schwester für eine Nähe, die Gleichheit impliziert, steht. Dem gegenüber steht der übertragene Gebrauch von Vater/Mutter respektive Tochter/Sohn, der ein Abhängigkeitsverhältnis verdeutlicht.22 Der norddeutsche Hochadel des 17. Jahrhunderts pflegte in seinen Briefen ausgiebig diese Metaphorik. Wer statusmäßig den gleichen Rang belegte, durfte, wenn man sich nahe stand, als Bruder oder Schwester bezeichnet werden. War diese Nähe nicht gegeben, griff man auf den Begriff des Cousins zurück.23 Diese Anrede verweist auf die Zugehörigkeit zur Adelsfamilie. Doch jenseits dieses hochadligen ritualisierten Gebrauchs haftete dem Begriff der Geschwister bereits im Spätmittelalter die Vorstellung der Gleichheit an. Eine Gleichheit, die relativ zu sehen ist und die immer wieder von den Faktoren „Geburtenrang“, „Geschlecht“ und „Ehestand“ beeinflusst wurde. Wurde allerdings keines der Geschwister über Maßen bevorzugt oder benachteiligt, d.h. sein Erbteil widersprach nicht den sozial anerkannten Regeln betreffend Geburtenrang und Geschlecht, akzeptierte eine Mehrheit der Geschwister diese nur bedingte Gleichheit.24 ← 166 | 167

Das soziokulturelle Ideal im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts beschwört die Einigkeit unter den Geschwistern, die Schutz- und Absicherungsaufgabe des Stammhalters sowie die Unterstützung des Stammhalters durch die jüngeren Geschwister, auch wenn das schmerzliche Konsequenzen wie ein Eheverzicht zur Folge haben konnte. Trat eine Familie nicht geschlossen auf, konnten andere Familien diese Schwäche für ihre Interessen nutzen, womit wiederum ein Machtverlust der eigenen Familie drohte. Scherten einzelne Familienmitglieder aus der gesellschaftlichen Ordnung aus, drohte der ganzen Familie ein Reputationsverlust. Dass diese Einigkeit insbesondere zwischen Brüdern nicht immer gegeben war, zeigen die väterlichen testamentarischen Ermahnungen, individuelle Konflikte zum Wohle der Familie beizulegen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen.25 Da Schwangerschaftsverhütung nicht toleriert war, wurden Kinder bis zum Ende der fruchtbaren Phase einer Frau gezeugt, was wiederum zu einem großen Altersunterschied zwischen den Geschwistern führen konnte. Dies konnte zur Folge haben, dass einige Geschwister gar nie längere Zeit zusammen unter einem Dach lebten, insbesondere, wenn die Ältesten Jungen waren und zu Ausbildungszwecken außer Haus weilten.

Das Ideal sieht die Vorherrschaft des Erstgeborenen vor, doch ist von einer doppelten Geburtenrangfolge auszugehen: einerseits diejenige der Jungen, andererseits diejenige der Mädchen. In den einzelnen Geburtenrangfolgen gilt ein Senioritätsprinzip, das aber bei ähnlich alten gegengeschlechtlichen Geschwistern situationsbedingt aufgebrochen und innerfamiliär gestaltet werden konnte. Solche Geburtenrangfolgen waren nicht stabil. Berücksichtigt man die Mortalitätsrate, so konnte sich die geschwisterliche Hierarchie über längere Zeit mehrfach verändern.26 Von besonders großem Einfluss war der Tod des Stammhalters. Oft ist die Rede vom Konfliktpotenzial, welches die Bevorzugung des erstgeborenen Sohnes gegenüber den Nachgeborenen in sich birgt. Doch war die Rolle des Stammhalters nicht immer beneidenswert: Von ihm wurde erwartet, dass er heiratet und Kinder zeugt, egal, ob er wollte oder nicht. Auch sollte er die Familiengüter übernehmen, völlig unabhängig von seinen landwirtschaftlichen oder verwalterischen Fähigkeiten. Mit dieser Situation sah sich die Familie Stenbock nach dem Tod des Großvaters konfrontiert. Als Majoratshof konnte das Gut nicht vom Gutsverwalter Nikolai Stenbock übernommen werden, sondern fiel an den ältesten Sohn seines ältesten verstorbenen Bruders. Der neue Majoratsherr, Eric Stenbock, war ein verschwenderischer, opiumsüchtiger junger Mann, der sich nicht im Geringsten für das Gut interessierte. Sowohl Nikolai als nicht erbberechtigter Sohn wie auch Eric als Stammhalter waren mit ← 167 | 168 ihren Rollen nicht glücklich: Doch die unterschiedlichen Lebenseinstellungen verhinderten eine pragmatische Lösung.27

Die beruflichen Wahlmöglichkeiten der nachgeborenen Söhne waren oft größer als jene der Erstgeborenen. Ihrem Stand entsprechend stand ihnen eine Offizierslaufbahn, eine Beamtenkarriere oder die Stelle eines Gutsverwalters bevor. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde vermehrt auch ein Studium toleriert. Starb nun der Erstgeborene, musste der Zweitgeborene seine Ziele aufgeben und die Verwaltung der väterlichen Güter übernehmen. Starb mit dem Stammhalter der einzige Sohn, verbesserten sich die Erb- und Heiratschancen der Töchter. Welche würde den passenden Kandidaten finden, dem man die Stammgüter mit in die Ehe geben konnte? Dies konnte zur Rivalität unter den Schwestern führen, denn die älteste Tochter erbte nicht zwingend das repräsentative Familiengut, wie das Beispiel der Familie von Wistinghausen zeigt, wo Schloss Leal (estnisch Lihula) an die drittgeborene Tochter Anna und ihren Mann Baron Buxhoeveden überging.28 Auch im Erwachsenenalter stehen Männer nicht automatisch über ihren Schwestern. Insbesondere ältere Schwestern, die mit einflussreichen Persönlichkeiten verheiratet waren, gaben ihr Mitspracherecht und ihren Einfluss in der Herkunftsfamilie nicht ohne Weiteres auf. Die effektive Geschwisterhierarchie unterlag somit einer steten Aushandlung. Obwohl man vom ältesten Bruder erwartete, dass er seine Schwestern ihrem Rang entsprechend verheiraten würde, bestanden erwachsene Geschwistergruppen nicht nur aus Verheirateten. Schwestern, die von Anfang an für die Pflege der Eltern bestimmt worden waren, finanzielle Engpässe, die dazu führten, dass gewisse Geschwister erst spät oder nie heiraten konnten, oder Witwenschaft führten dazu, dass zu den meisten Geschwistergruppen Alleinstehende gehörten.29

Ein großes Konfliktpotenzial zwischen Geschwistern bargen Erbschaften. Doch bereits vorher gab es immer wieder Rivalitäten, vor allem um die Gunst der Eltern wurde gebuhlt.30 Die untersuchten Quellen weisen in eine unerwartete Richtung, nämlich dass Mütter eher ihren ältesten Sohn bevorzugten, während für die Väter das Geschlecht des Lieblingskindes zweitrangig war. Ida Baronin Wrangell kommentierte die Situation folgendermaßen: ← 168 | 169

In meiner ersten Kindheit glaubte ich, es sei höchst unglücklich und ungünstig, das mittelste Kind zu sein, und bis in das erwachsene Alter argumentierte ich: „Über das älteste Kind freuen sich die Eltern immer am meisten, und das jüngste wiederum bleibt der Liebling aller.“31

In ihrer Wahrnehmung spielte die Kategorie Geschlecht überhaupt keine Rolle. In die Ausbildung der Söhne wurde mehr investiert, dies stieß vor allem bei wissbegierigen gelehrsamen Schwestern auf wenig Verständnis und führte teilweise zu Neid auf den Bruder. Doch es gab auch Brüder, die das Potenzial ihrer Schwester erkannten und sie dann unterrichteten – mit oder ohne die Zustimmung der Eltern. Nikolai von Wrangell bereitete es sichtlich Vergnügen, seine Schwester Margarethe in die Algebra einzuführen. Seine Zufriedenheit drückte er mit der foppenden Bemerkung aus, sie sei nicht zu „knüppeldumm“32. Ebenfalls geschlechtlich beeinflusst war der Bewegungsdrang, den man den Kindern zugestand. Doch fällt in den autobiographischen Schriften deutschbaltischer Adliger aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, dass Frauen ebenfalls vom wilden gemeinsamen Herumtoben während des Sommeraufenthalts berichten. Strikt getrennt waren nur die Badezeiten. Kamen die Geschwister ins heiratsfähige Alter, beeinflusste die Anzahl der Bewerber die Position der einzelnen Schwestern, vor allem, wenn die jüngere Schwester mehr Bewerber als die ältere hatte. Die Anzahl der Bewerber spiegelte zu einem gewissen Teil die gesellschaftliche Akzeptanz der jungen Frau wider, was wiederum ihre innerfamiliäre Machtposition verändern konnte. Eine gute Partie mit einem höherstehenden Partner färbte zwar auf alle Geschwister positiv ab, brachte aber auch einen gewissen Leistungsdruck mit sich. Die geschiedene Elisa von der Recke beklagte sich in ihrem Journal wiederholt darüber, dass man von ihr, als der Schwester der Herzogin von Kurland, eine standesgemäße Garderobe und Haushaltung erwartete, gesellschaftliche Erwartungen, die Ausgaben verursachen, die sie sich in ihrer prekären finanziellen Situation nicht leisten könne.33 Die Aufforderung der Herzogin an Elisa, sie auf ihrer Reise zu begleiten, war als Gunstbeweis gedacht, wurde aber zur finanziellen Herausforderung, wollte es sich Elisa von der Recke nicht wieder mit ihrer jüngeren Halbschwester verscherzen. ← 169 | 170

In Diskursen zur Herrschaftsstruktur werden Familie und Reichsführung symbolisch gleichgesetzt. Eine wohl funktionierende Familie mit dem Hausherrn an der Spitze entspricht einem gut funktionierenden Reich mit König, Kaiser oder Zar an der Spitze. Die Familienangehörigen, vor allem Ehefrau und Kinder, stehen für die Reichsangehörigen. Verändert sich in breiten Kreisen die Gestaltung des Familienlebens, hat dies Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben und vice versa haben gesellschaftliche Reformen Auswirkungen auf das familiäre Leben. Exemplarisch sei hier auf die Veränderung der indirekten Anerkennung von illegitimen Kindern des deutschbaltischen Adels im 18. und 19. Jahrhundert verwiesen.34 – eine Zeit, in der es teilweise möglich war, illegitime Kinder zusammen mit ihren legitimen Halbgeschwistern zu erziehen.35 Einen anderen Weg wählten die Brüder Karl (1756–1816) und Joachim Otto von Tiesenhausen (1777–1813) mit ihren insgesamt neun illegitimen Kindern.36 Indem alle illegitimen Kinder den Familiennamen Hausen erhielten, gaben sie einen Hinweis auf die wahre Vaterschaft. Joachim Otto muss von den außerehelichen Kindern seines älteren Bruders gewusst haben, sonst hätte er nicht den gleichen Familiennamen gewählt. Mit dem frei gewählten, ähnlichen Familiennamen schufen sie gleichzeitig für die illegitimen Kinder eine eigene Familie. Im deutschbaltischen Adel bestand durchaus eine gewisse Erwartungshaltung, dass sich ein Vater um seine illegitimen Kinder zu kümmern habe. So schrieb Elisa von der Recke ihrer Freundin Mademoiselle Stoltz empört von den zerlumpten Bauernjungen, die Gänse und Schweine hüten und ihrem Mann sehr ähnlich sähen. Die Empörung bezog sich dabei auf ihren Mann, der die Jungen zerlumpt herumlaufen ließ. Zudem bemerkte sie, wären es Mädchen gewesen, hätte sie versucht, sie ins Haus zu nehmen.37 Sie wäre also bereit gewesen, die vorehelichen Kinder zusammen mit ihren legitimen Kindern zu erziehen. Dies stellt eine Lebensform dar, die durch das Aufkommen der romantischen Vorstellung der ,Liebesheirat‘ im 19. Jahrhundert und der damit verbundenen restriktiveren Sexualmoral in bürgerlichen Kreisen verpönt wurde. Als alte Frau schrieb ← 170 | 171 Theophile von Bodisco während des Zweiten Weltkriegs ihre Erinnerungen nieder. Doch sie konnte noch immer ganz offen darüber sprechen, dass einer ihrer Onkel in erster Ehe mit der illegitimen Tochter des Grafen Berg verheiratet war und dass jene Tante eine ganz gräfliche Erziehung erhalten hatte.38 Weder die Tante noch die gemeinsame Tochter Adda, Theophiles Cousine, werden in den Erinnerungen in irgendeiner Weise wegen der Illegitimität diskreditiert. Die bürgerlichen Vorstellungen der ,Liebesheirat‘ und die daraus resultierenden Folgen, wurden vom Adel somit nur teilweise aufgenommen. Da es äußerst schwierig ist, Selbstzeugnisse von nicht anerkannten außerehelichen Adelskindern zu finden, kann über deren Erfahrungen nur spekuliert werden. Die oben erwähnten Beispiele zeigen jedoch, dass es von der völligen Distanzierung der Väter bis zur Erziehung im familiären Kreis alles gab.

Zu den gesellschaftlichen Herausforderungen gehörten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts russische Reformen, denen viele Deutschbalten feindlich gegenüber standen und die den Zugang zu den gewohnten Verwaltungsstellen erschwerten, sowie fallende Getreidepreise in den 1880er Jahren39, welche in weiten Kreisen des Adels zu einer einsetzenden Pauperisierung führten. Die Stammhalter waren wiederholt nicht in der Lage, ledigen Schwestern eine ausreichende Mitgift zu stellen. Einige adlige Frauen waren gezwungen, einem Broterwerb nachzugehen, wobei nur Tätigkeiten zur Verfügung standen, die mit ihrem Stand und der Frauenrolle vereinbar waren: Erziehen, Musik oder Pflege. Etliche Frauen nutzten die Gunst der Stunde und erwarben eine höhere Bildung und das Lehrerinnendiplom. Inzwischen war der Beruf der Lehrerin gesellschaftlich akzeptiert und ledige Schwestern genossen einen gewissen Grad an Unabhängigkeit. Manchmal ermöglichten gerade diese ledigen Schwestern den Kindern ihrer finanzschwachen Geschwister die Ausbildung, indem sie sie selbst unterrichteten oder für deren Ausbildung aufkamen.

Schlussfolgerungen

Im 18. und 19. Jahrhundert standen sich widersprechende Ideale gegenüber: Einerseits wies der Begriff der Geschwister auf eine Gleichheit hin, andererseits stellte man sich die idealen Geschwister als ein gemischtgeschlechtliches Paar mit einem älteren, führenden und vorsorgenden Bruder und einer jüngeren dienenden Schwester vor. In heutigen Rückprojektionen auf vergangene Gesellschaften sind Vorstellungen von der Bevorzugung des Erstgeborenen und der Zurücksetzung der Mädchen weit verbreitet. Dieses Bild ist nicht völlig falsch, es ist jedoch zu relativieren. Allein die hohe Anzahl von Geschwistern, bei der ← 171 | 172 längst nicht immer das erstgeborene Kind ein Junge war, und die hohe Mortalitätsrate führten zu wesentlich komplexeren Konstellationen, als es das Ideal vorsah. Insbesondere die Kategorien ,Geschlecht‘ und ,Position in der Geburtenrangfolge‘ sind sich oft widersprechende Größen, die im Einzelfall geklärt werden müssen – und zwar von Fall zu Fall, weil sich einmal die Kategorie ,Geschlecht‘ im anderen Fall die Kategorie ,Geburtenrangfolge‘ bei denselben Geschwistern durchsetzen konnte. Ob nur leibliche Geschwister als Geschwister gezählt wurden oder auch (illegitime) Halb-, Stief- oder Pflegegeschwister ist stark vom Untersuchungszeitraum sowie vom Definitionsrahmen abhängig, denn die persönlich-emotionale, die familiäre, die gesellschaftliche und die juristische Ebene sind nicht deckungsgleich. Aus den Quellen geht hervor, dass eine Mehrheit der deutschbaltischen Adligen auf der sprachlichen und der persönlich-emotionalen Ebene kaum leibliche von legitimen Halbgeschwistern unterschied. In den autobiographischen Schriften und Tagebüchern wird die analytische Dichotomie von Halb- und Stiefgeschwister aufgehoben. Damit werden letztlich Voll-, Halb- und Stiefgeschwister auf der sprachlichen Ebene gleichgesetzt. Irrelevant sind die Unterschiede deshalb nicht, doch werden sie nur in kritischen Situationen betont. Obwohl der Adel einen vielfältigen Pragmatismus im Umgang mit illegitimen Kindern an den Tag legte, wurden diese nicht automatisch zu den Halbgeschwistern gezählt. Ein Vater hatte verschiedene Möglichkeiten, ein illegitimes Kind zu unterstützen. Holte er es zur Erziehung in sein Haus, legte er den Grundstein für eine offizielle Geschwisterbeziehung.

Wie die oben erwähnte Benennungspraxis gezeigt hat, funktioniert die Netzwerkanalyse zur Erforschung von Geschwisterbeziehungen auf der ersten Ebene der Benennung problemlos. Um mit den Angaben aus den autobiographischen Schriften ein dichtes komplexes, mehrlagiges Netzwerk aufzuspannen, ist die Datenlage auf der Ebene der Pflichten und der Ebene der emotionalen Verbundenheit in den meisten Fällen zu dünn. Trotzdem hilft dieses Vorgehen, die einzelnen Funktionen von Geschwisterschaft zu unterscheiden und näher zu analysieren.

Im Verlauf des Lebens dehnte sich das ursprünglich horizontale Netz bestehend aus Schwestern und Brüdern aus, und es wurden auch Geschwister der (Stief-)Eltern und Kinder der eigenen Geschwister integriert. Dabei verband sich die horizontale Ebene mit der vertikalen. Somit spielten Geschwisterbeziehungen in den adligen Familien des 18. und 19. Jahrhunderts eine Generationen übergreifende Rolle. ← 172 | 173

Quellen

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Literatur

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Knackmuss, Susanne: „Meine Schwestern sind im Kloster …“ Geschwisterbeziehungen des Nürnberger Patriziergeschlechts Pirckheimer zwischen Klausur und Welt, Humanismus und Reformation, in: Historical Social Research, Vol. 30, No. 3 (2005), S. 80-106.

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Schwab, Dieter: Familie, in: Brunner, Otto; Conze, Werner; Koselleck, Reinhart: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 2 (1. Aufl. 1975), 1. Studienauflage. Stuttgart 2004, S. 253-301.

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Whelan, Heide W.: Adapting to Modernity. Family, Caste and Capitalism among the Baltic German Nobility. Ostmitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart. Bd. 22. Köln 1999. ← 174 | 175

Wilhelmi, Anja: Lebenswelten von Frauen der deutschen Oberschicht im Baltikum (1800–1939). Eine Untersuchung anhand von Autobiografien. Veröffentlichungen des NordostInstituts. Bd. 10. Wiesbaden 2008.

Zedlers Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste, Leipzig 1731–1754 (www.zedler-lexikon.de). ← 175 | 176 ← 176 | 177 →


1      Aus den Erinnerungen der Ida Baronin Wrangell (ca. 1843–1925 od. 1926), enthalten in Andronikow, Fürst Wladimir: Margarethe von Wrangell. Das Leben einer Frau 1876–1932. Aus Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen. München 1935, S. 21.

2      Die russischen Ostseeprovinzen Estland, Livland und Kurland, die den Territorien der heutigen Staaten Estland und Lettland entsprechen, wurden von einer deutschsprachigen lokalen Herrscherschicht verwaltet, welche den deutschbaltischen Adel bildete. Ein ausführlicher Überblick bietet Pistohlkors, Gert von (Hrsg.): Baltische Länder. Berlin 1994.

3      Vgl. Schwab, Dieter: Familie, in: Brunner, Otto u.a. (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 2. Stuttgart 2004, S. 253-301.

4      Zum Beispiel skizziert Rosine De Dijn das Leben von Großmutter, Mutter, Tante, Schwester, Gemahlin und unehelicher Tochter von Karl V. Dijn, Rosine De: Des Kaisers Frauen. Eine Reise mit Karl V. von Flandern durch Deutschland bis in die Estremadura. Stuttgart 1999. Susanne Knackmuss berichtet von den Beziehungen des Humanisten Willibald Pirckheimer (1470–1530) zu seinen verschiedenen Schwestern im Kloster. Knackmuss, Susanne: „Meine Schwestern sind im Kloster …“. Geschwisterbeziehungen des Nürnberger Patriziergeschlechts Pirckheimer zwischen Klausur und Welt, Humanismus und Reformation, in: Historical Social Research, Vol 30, No. 3 (2005), S. 80-106.

5      Vgl. Frei Gerlach, Franziska: Geschwister. Ein Dispositiv bei Jean Paul und um 1800. Berlin, Boston 2012, S. 36.

6      Persönlichkeitskonzepte sind kulturell und historisch zu kontextualisieren. Die Psychologie arbeitet mit dem Bewussten, Vorbewussten und Unbewussten respektive Ich, Es und Über-Ich Konzepte, die auf Sigmund Freud zurückgehen. Kritik an einer Anwendung von Freudschen Konzepten an einer vorfreudschen Gesellschaft übt Greyerz, Kaspar von: Ego-Documents: The Last Word?, in: German History (2010), Vol. 28, S. 273-282, hier S. 280. Ähnliche Überlegungen siehe auch Ruppel, Sophie: Verbündete Rivalen. Geschwisterbeziehungen im Hochadel des 17. Jahrhunderts. Köln 2006, S. 21 oder Bähr, Andreas u.a.: Räume des Selbst. Eine Einleitung, in: ders. u.a. (Hrsg.): Räume des Selbst. Selbstzeugnisforschung transkulturell. Köln u.a. 2007, S. 1-12, hier S. 3.

7      Vgl. ausführlicher Ruppel: Rivalen, S. 15-21.

8      Verschiedene Kulturen führen die Entstehung der Menschheit auf ein Geschwisterpaar zurück. Legendär sind die Geschwisterkonflikte der griechischen und römischen Götter.

9      Vgl. Ruppel: Rivalen, S. 11. Dies ist die einzige der Verfasserin bekannte deutsche Monographie zu Geschwistern.

10    So feierte Elisa von der Recke den Geburtstag ihres Bruders noch lange nach seinem Tod. Wiederholt schlossen sich auch Freunde dieser Gedenkfeier an. Siehe die Aufzeichnungen in: Träger, Christine (Hrsg.): Elisa von der Recke: Tagebücher und Selbstzeugnisse. Leipzig 1984.

11    Zum Umgang mit Selbstzeugnissen siehe etwa Claudia Ulbrich oder Kaspar von Greyerz. Krusenstjerns Aufsatz zeigt die ganze Bandbreite an möglichen Formen der Quellengattung der Selbstzeugnisse. Ihre grundlegenden Überlegungen lassen sich problemlos auf das 18. und 19. Jahrhundert übertragen. Vgl. Krusenstjern, Benigna von: Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Beschreibendes Verzeichnis. Berlin 1997, insb. S. 18.

12    Weil sie eine zusätzliche Perspektive ermöglichen, sind Autobiographien von Laien für den Historiker genauso aussagekräftig wie die Zeugnisse von Prominenten. Diese Einschätzung steht jener von Philippe Lejeune gegenüber. Lejeune vertritt die Meinung, der Leser einer Autobiographie müsse den Text in den anderen Schriften dieses Autors verorten können, was seine Aussagekraft steigern würde. Den Autobiographien von unbekannten Autoren fehle der Bezugsrahmen, so Lejeune. Vgl. Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt, in: Niggl, Günter: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Darmstadt 1989, S. 214-257, hier S. 227.

13    Das Konzept des „Ganzen Hauses“ basiert auf Otto Brunners Aufsatz: Das „ganze Haus“ und die alteuropäische „Ökonomik“, in: ders. Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte. Göttingen 1968, S. 103-127. Eine kurze und prägnante Kritik hat etwa Claudia Opitz verfasst. Opitz, Claudia: Neue Wege der Sozialgeschichte? Ein kritischer Blick auf Otto Brunners Konzept des ,Ganzen Hauses’, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft 20 (1994), S. 88-98.

14    Vgl. DSHI 110 Campenhausen 591: Jenny von Vegesack, Bilder der Vergangenheit. Ca. 1920, S. 20 u. 23.

15    Vgl. Ruppel: Rivalen, S. 171-176.

16    Das Universallexicon von Zedler ist ein Sammelwerk verschiedenster Autoren, weshalb der unterschiedliche Sprachgebrauch leicht zu erklären ist. Leider sind die jeweiligen Verfasser der Artikel nicht aufgeführt, so dass man keine Rückschlüsse über ihre Herkunft ziehen kann. Zedlers Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1731–1754). Bd. 12, Sp. 228 und Bd. 36, Sp. 480.

17    Vgl. Whelan, Heide W.: Adopting to Modernity. Family, Cast and Capitalisme among the Baltic German Nobility. Köln 1999, S. 107.

18    Vgl. Weymarn, Auguste Christine von (geborene von Lueder): Erinnerungen aus meinem Leben. Druckort unbekannt, wahrscheinlich 1887.

19    Zur Einführung siehe etwa Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele. Wiesbaden 2006.

20    Vgl. DSHI 110 Campenhausen 91: Ein Diarium so wohl von meinem Geschlecht als von meinen eigenen Geburt wie auch Was in meinem und meiner Familie Leb-Zeit an Merckwurdigkeiten vorgekommen. Geschrieben und aufgezeichnet von Helena Juliana von Campenhausen gebohrne von Straelborn, ca.1773; und DSHI 110 Campenhausen 205: Abschrift des Tagebuchs Senateur Balthasar von Campenhausen 1757, 1761–1769, 1776–1783, 1791, 1793, hier 1757–1764.

21    Vgl. Davidoff, Leonore: Kinship as a Categorial Concept: A Case Study of Nineteenth Century English Siblings, in: Journal of Social History, No. 2 Kith and Kin: Interpersonal Relationships and Cultural Practices, Vol. 39 (Winter 2005), S. 441-428, hier S. 414.

22    Vgl. Signori, Gabriela: Geschwister: Metapher und Wirklichkeit in der spätmittelalterlichen Denk- und Lebenswelt, in: Historical Social Research, Vol. 30, No. 3 (2005), S. 15-30, hier S. 17.

23    Vgl. Ruppel: Rivalen, S. 66-73.

24    Vgl. Harris, Amy: That Fierce Edge: Sibling Conflict and Politics in Georgian England, in: Journal of Family History Vol. 37 (2012), S. 159 u. 167.

25    Vgl. Ruppel: Rivalen, S. 52.

26    Vgl. Harris: Fierce Edge, S. 163.

27    Vgl. Wistinghausen, Henning von (Hrsg.): Theophile von Bodisco. Versunkene Welten. Erinnerungen einer estländischen Dame. Weißenhorn 1997, S. 71-75.

28    Vgl. den Stammbaum zu Theophile von Bodisco, in: ebd. (Buchdeckel).

29    Vgl. Harris: Fierce Edge, S. 156.

30    Vgl. Wilhelmi, Anja: Lebenswelten von Frauen der deutschen Oberschicht im Baltikum (1800–1939). Eine Untersuchung anhand von Autobiografien. Wiesbaden 2008, S. 146.

31    Aus den Erinnerungen von Ida Baronin Wrangell, enthalten in Andronikow: Margarethe von Wrangell, S. 17. Kein Autor, keine Autorin sagt von sich selbst, dass er oder sie der Liebling von Mutter oder Vater gewesen sei. Es wird nur die Bevorzugung der andern erwähnt. Erst eine Summe von Einzelheiten lassen Rückschlüsse auf die Lieblingskinder von Mutter oder Vater zu – allerdings gebrochen durch die subjektive Wahrnehmung der Berichtenden.

32    Aus Briefen Daisy (Margarethe) Wrangells an Ebba Husen, enthalten in: ebd., S. 62.

33    Vgl. Träger: Elisa von der Recke.

34    Vgl. Amburger, Erik: Erfundene Familiennamen für illegitime Kinder insbesondere in den baltischen Provinzen und in Russland, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 41. Jhrg., Heft 4 (1993), S. 562-577.

35    Ein besonders eindrückliches Beispiel stellt Emilie Colline (1791–1893) dar, die in der Abwesenheit ihrer jüngeren legitimen Halbbrüdern, den von Bergs, das Familiengut leitete und die Familie vor Ort repräsentierte. Das französische „colline“ bedeutet wörtlich übersetzt „Hügel“, was als Entsprechung für das deutsche „Berg“ gesehen wird.

36    Vgl. Amburger: Familiennamen, S. 567.

37    Vgl. den Brief Elisa von der Reckes an Mademoiselle Stoltz, 6. Juli 1771, in: Rachel, Paul (Hrsg.): Elisa von der Recke. Aufzeichnungen und Briefe aus ihren Jugendjahren. Leipzig 1900, S. 194.

38    Vgl. Wistinghausen: Theophile von Bodisco, S. 51.

39    Vgl. Whelan: Adapting, S. 297.