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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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„Hiermit Gott befohlen und seyd hübsch alle, ihr viere brüderlich, ihr zwei schwesterlich, getreu“ – Die Darstellung von Geschwisterbeziehungen in den Kinder- und Hausmärchen in ihrem soziokulturellen Kontext (Jenny Vorpahl)

„Hiermit Gott befohlen und seyd hübsch alle, ihr viere brüderlich, ihr zwei schwesterlich, getreu“1– Die Darstellung von Geschwisterbeziehungen in den Kinder- und Hausmärchen in ihrem soziokulturellen Kontext

Jenny Vorpahl

Abstract

This article assorts eight types of relations between siblings in the Children’s and Household Tales of the Brothers Grimm. Changes in the different editions of the collection and social conditions in the 19th century are considered in the analysis and interpretation of the siblingconstellations, which are anything but black and white. In fact they supported a bourgeois family ideal.

Einführendes

Ein Viertel, genauer gesagt 48 von 200 Erzählungen der Kinder- und Hausmärchen2 erwähnen Geschwister. Hinzu kommen elf weitere, welche sich nur in früheren Ausgaben zwischen 1812 und 1850 finden sowie vier Kinderlegenden, die ab der zweiten Auflage 1819 den Anhang füllen. In diesen insgesamt 63 Texten begegnet der Leser in 29 Fällen Brüdern, in 19 Schwestern und in 18 gemischtgeschlechtlichen Geschwisterbeziehungen. Die Darstellung neutraler bis positiv-harmonischer Beziehungen überwiegt mit 37 Fällen im Vergleich zu 29, welche von einem konfliktgeladenen Verhältnis zeugen. Lediglich vier Mal wird die Bezeichnung ,Bruder‘ nicht im Sinne leiblicher Geschwisterlichkeit verwendet. Trotz dieser allein quantitativen Relevanz des Geschwisterthemas in den Märchen wurde es im Gegensatz zu den Mutter-Bildern bisher innerhalb der Forschung kaum in den Blick genommen. Auch in der geschichtswissenschaftlichen Forschung zu Auswirkungen von Aufklärung, Industrialisierung und Nationalismus auf Familienkonstellationen, Schichtverhältnisse, Erziehungsideale und Geschlechterrollen sind Geschwister, wenn überhaupt, nur Randfiguren. Dieser Umstand ist u.a. der Tatsache geschuldet, dass vorhandene Selbstzeug ← 179 | 180 nisse kaum auf Geschwisterverhältnisse eingehen.3 Laut demographischer Studien lag die Kinderzahl in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch bei durchschnittlich sechs Kindern.4 Kontrafaktisch dazu finden sich in den KHM vornehmlich zwei oder drei Geschwister. Möglichen Gründen dieser Feststellungen soll im Folgenden nachgegangen werden, indem v.a. nach Funktionen der Geschwisterfiguren in den Erzählungen gefragt wird.

Bestandsaufnahme

Typen geschwisterlicher Beziehungen in den Kinder- und Hausmärchen

Nimmt man die 63 Erzählungen genauer in den Blick, lassen sich acht Typen ausmachen, welche in weiten Teilen gemeinsame Motive und Handlungssequenzen in Bezug auf die Geschwisterkonstellationen und ein ähnliches Geschwisterbild aufweisen.5

Dem ersten Typ ,Geschickte Brüder‘ sind vier Erzählungen zuzuordnen, welche z.T. Züge eines Schwanks tragen: Tischchen deck dich, Goldesel und← 180 | 181Knüppel aus dem Sack (KHM 36), Die drei Glückskinder (KHM 70), Die drei Brüder (KHM 124), Die vier kunstreichen Brüder (KHM 129). Sie zeichnen sich darin aus, dass keine Bevorzugung und Benachteiligung einzelner der drei oder vier Brüder durch den Vater zu erkennen und ein brüderlich-freundliches Verhältnis ablesbar ist. Motivation für einen Weggang vom Vaterhaus ist entweder das Problem der Erbfolge oder einer Mangelsituation. Obwohl diese Ausgangssituation potenziell konfliktfördernd ist, stellen sich die eingeschlagenen Lebenswege nicht als Konkurrenz, sondern als fairer Wettstreit oder gegenseitige Ergänzung dar. Einvernehmen, Treue und Nähe der Brüder werden als Leitmotive stilisiert.

Ein zweiter Typ ,Treue Geschwisterpaare‘ erzählt vom gegenseitigen Beistand von gemischtgeschlechtlichen Geschwistern in Notzeiten. Das gemeinsam ertragene Leid lässt sie aneinander besonders festhalten. In Brüderchen und Schwesterchen (KHM 11), Hänsel und Gretel (KHM 15), Das Lämmchen und Fischchen (KHM 141) ist eine Stiefmutter Quelle des Unglücks, in Die Wassernixe (KHM 79) eine funktional ähnliche weibliche Figur. Fundevogel (KHM 51) stellt eine Besonderheit im Kontext von Geschwisterbeziehungen dar, da der Held ein Findelkind und die Heldin somit nicht seine leibliche Schwester ist. Ungeachtet dessen agieren die beiden wie sonst die leiblichen Geschwisterpaare dieser Gruppe. Ihre Loyalität und Zuneigung bringen sie bisweilen durch Schwüre lebenslanger Treue zum Ausdruck. Außer der Flucht bleibt den Geschwistern dieser Kategorie noch das sogenannte Wiedergängermotiv im Sinne des Erscheinens und erlösenden Wiederbelebens Verstorbener nach einem gewaltsamen Tod.

Unter den dritten Typ ,Antagonistische Stiefschwestern‘ lassen sich sechs Märchen subsumieren: Die drei Männlein im Walde (KHM 13), Aschenputtel (KHM 21), Frau Holle (KHM 24), Der liebste Roland (KHM 56), Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein (KHM 130) und Die weiße und die schwarze Braut (KHM 135).6 Da die genannten Märchen besonders bekannt sind, ist diese Konstellation prägend für das Geschwisterbild der KHM geworden.7 Konstitutiv ← 181 | 182 für diese Gruppe sind die Belohnung des mit positiven Charaktereigenschaften ausgezeichneten Mädchens und die Bestrafung ihrer boshaften Stiefschwestern. Des Weiteren ist das beschriebene Verhältnis von einseitiger Rivalität geprägt, d.h. sie wird lediglich durch die Stiefschwestern angeregt, gegebenenfalls unterstützt durch deren Mutter. Das demütige Verhalten der Heldin trägt indirekt zur Steigerung von Neid- und Hassgefühlen der anderen Familienmitglieder bei, welche sie geduldig erträgt. Als erzählerisches Mittel dient das Schwesternverhältnis der Hervorrufung einer Notsituation, aus welcher die Heldin gerettet werden muss. Grundlage ist häufig die Ungleichbehandlung durch die Eltern, vornehmlich der Stiefmutter. Stilistisch funktioniert die Gegenüberstellung durch plakative Zuschreibungen von kontrastierenden Eigenschaften wie gut vs. böse, schön vs. hässlich oder weiß vs. schwarz. Schwester und Stiefschwester verkörpern jeweils Ideale und deren Gegensatz.

Der vierte Typ ,Das Jüngste als Erlöser‘ zeichnet sich durch seine besondere Komplexität aus. Die zwölf Brüder (KHM 9), Die sieben Raben (KHM 25), Die sechs Schwäne (KHM 49) und Der Löwe und der Frosch (KHM 129a) stehen einander in den Geschwistermotiven besonders nahe. Brüder werden verwünscht und verwandeln sich in Tiere. Aus dieser Lage kann sie nur die aufopferungsbereite Schwester erlösen. Bisweilen ist ihre Existenz sogar Ursache für die Not der Brüder. Die Geschwister erretten sich gegenseitig.8 In Das singende, springende Löweneckerchen (KHM 88) und Die drei Schwestern (KHM 82a) ist es der Vater, welcher seine Kinder in eine erlösungsbedürftige Lage treibt, indem er die Töchter in Anwendung des Jephta-Motivs (vgl. Ri 11,30-39) an Tierbräutigame verspricht. Die Rolle der Schwestern beschränkt sich hier auf die Herausstellung der Jüngsten und die Anregung des Handlungsfortgangs. Die Begegnungen zwischen den gesuchten Geschwistern innerhalb dieses Typs sind stets von großer Herzlichkeit und Intimität bestimmt, auch wenn sie einander vorher gar nicht kannten.

Ein fünfter Typ ,Das erfolgreichste jüngste Geschwisterkind‘ meint die Erzählungen Der Bärenhäuter (KHM 101), Das Waldhaus (KHM 169), Das Meerhäschen (KHM 191), Die Kristallkugel (KHM 197)9 und die erste Kinderlegende der Sammlung Der heilige Joseph im Walde. Leibliche Geschwister müssen eine Prüfung bestehen, wobei das jüngste Kind als siegreicher Held hervorgeht, ohne dass eine Feindseligkeit zwischen den Geschwistern Erwähnung findet. ← 182 | 183

Die Herabsetzung des Jüngsten ist Wesensmerkmal des sechsten Typs Antagonistische leibliche Geschwister‘, welchem dreizehn Erzählungen zugeordnet werden können. Davon berichten elf von Brüdern.10 Es handelt sich eher um eine Sonderform des zuvor umrissenen Typs, da auch hier dem jüngsten Geschwisterglied mehr Erfolg beschert ist als den älteren. In der gegensätzlichen Zuschreibung von Attributen ähneln die Geschwister dieses Typs den Stiefschwestern aus Typ drei, was z.B. besonders in Der Bärenhäuter (KHM 101) deutlich wird. Einen Gegensatz bilden Armut und Reichtum, wovon vor allem Simeliberg (KHM 142) und Die Rübe (KHM 146) handeln. Der arme Bruder kommt zufällig zu Reichtum, bleibt aber redlich und steht dem neiderfüllten, raffgierigen Bruder gegenüber, dem die Nachahmung misslingt. In seiner gewalttätigen Einforderung von Anerkennung durch die spöttischen Brüder fällt daher der Jüngste in Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein (KHM 54) in dieser Reihe auf.11

Ein zweiter Gegensatz besteht in dumm und klug, welcher in Der singende Knochen (KHM 28), Die Bienenkönigin (KHM 62), Die drei Federn (KHM 63), Die goldene Gans (KHM 64), Dat Erdmänneken (KHM 91), Der goldene Vogel (KHM 57) und Das Wasser des Lebens (KHM 97) präsentiert wird. Ausschlaggebend für die Charakterisierung ist die Handlungsmotivation: Während die vermeintlich listigeren Brüder aus Hochmut handeln, gelingt dem angeblich Dummen jede Prüfung aufgrund seines guten Herzens. In KHM 28, 57, 97 und 146 münden Ärger und Neid sogar in brüderliche Mordversuche durch die Älteren. KHM 62, 63 und 64 gehören zu den sogenannten „Dummlingsmärchen“ entsprechend des Spottnamens für den jüngsten Bruder, der sich im Gegensatz zu den älteren durch Mitgefühl und Freundlichkeit auszeichnet. Drei Prüfungen decken deren Fehlverhalten und die Stärken des verkannten Bruders auf, der stets mit Hilfe dankbarer Wesen aufsteigt. Die Arglosigkeit bewirkt, dass die herabgesetzten Geschwister auch nach ihrem Aufstieg nie auf Vergeltung aus sind, sondern immer wieder Vertrauen schenken. Wie beim dritten Typus entzieht sich der zurückgesetzte Held dem Kreislauf aus Rache, dem die unverbesserlichen Geschwister zum Opfer fallen und findet so ,automatisch‘ zum Glück.

Der siebte Typ ,Treue Zwillingsbrüder‘ ist mit nur zwei Erzählungen in den KHM vertreten. Die zwei Brüder (KHM 60) und Die Goldkinder (KHM 85) er ← 183 | 184 zählen von Zwillingen, die nach dem Aufwachsen bei Zieheltern in die Welt aufbrechen.12 Als sich ihre Wege trennen, versprechen sie „sich brüderliche Liebe bis in den Tod“13. Sobald einer der beiden in Lebensgefahr ist, eilt der Bruder ohne Zögern zu Hilfe. In beiden Märchen ist das Wiedersehen innig und herzlich geschildert. Dennoch kommt es in KHM 60 aufgrund eines Missverständnisses zu einem Brudermord, der rückgängig gemacht werden kann, sodass sich die Treue des fälschlich beschuldigten Bruders zeigt. In dieser Erzählung wird selbst bei einem Zwillingspaar die Unterscheidung in älterer und jüngerer Bruder vorgenommen und der jüngere als der aktive, erfolgreiche Held des Märchens ausgestaltet, während der andere seitenlang in Vergessenheit gerät.

In Typ acht ,Verbündete als Brüder‘ wird die Bezeichnung ,Bruder‘ als Anrede verwendet, um einen Fremden zum Verbündeten zu machen oder zu beschwichtigen. So ruft der Fuchs dem Wolf in Der wunderliche Spielmann (KHM 8) in seiner Not „Bruder Wolf, komm mir zu Hilfe“14 zu. In Bruder Lustig (KHM 81) spiegelt der titelgebende Spitzname den Charakter des Protagonisten wider. Er bewegt den heiligen Petrus mittels Anreden wie „Bruderherz“15 zu Unterstützung oder Nachsicht. Auch in Des Teufels rußiger Bruder (KHM 100) ist die Bezeichnung eines abgedankten Soldaten titelbestimmend und in einem kumpelhaften Sinne gemeint, da der Soldat dem entdämonisierten Teufel so selbstbewusst und unerschrocken gegenübertritt wie Bruder Lustig dem Petrus. Der schankhafte Euphemismus zeugt von dem Agieren auf Augenhöhe. Vergleichbar ist weiterhin Der Stiefel von Büffelleder (KHM 199). Wieder wird ein Weggefährte über ein Charakteristikum identifiziert, diesmal als „Bruder Wichsstiefel“. Dies sind die einzigen Erzählungen der Sammlung, die die Geschwisterbezeichnung in einem übertragenen, durchaus positiven Sinne verwenden.

Auffällige Änderungen zwischen 1810 und 1857 am Beispiel dreier ,Geschwistermärchen‘16

Bekannt ist die Einfügung oder Verstärkung moralisch-pädagogischer Absichten hinsichtlich bürgerlicher Ideale von Arbeits- und Gehorsamsverpflichtungen, ← 184 | 185 Familiensinn und christlicher Frömmigkeit durch die Brüder Grimm. Doch muss betont werden, dass Jakob und Wilhelm Grimm sich zwar offensichtlich literarischer Vorlagen bedienten, aber dabei häufig verschiedene Versionen zusammenfügten oder eine geeigneter scheinende bevorzugten.17 Sie notierten sich die zentralen Motive und Handlungsstränge, die sie dann immer weiter ausformulierten. Diminutive, veranschaulichende Ergänzungen, das Ersetzen von Fremdwörtern, vermehrt verwendete direkte Rede, Streichung von satirischen Bemerkungen oder sexuellen Anspielungen sowie formelhafte Wiederholungen sind nur einige der Methoden, die die Herausgeber anwandten und welche dazu beitrugen, die Sammlung für damalige Maßstäbe kindgerechter zu gestalten. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Urfassungen von 1810 eher Exzerpten entsprechen und die Endfassungen von 1857 bisweilen den doppelten Umfang aufweisen.18 Zur Verdeutlichung der Veränderungen innerhalb Märchen mit ausgeprägten Geschwisterfiguren wurden exemplarisch drei Erzählungen ausgewählt, die ein relativ großes Maß an Umgestaltung erfahren haben. Sie vertreten einige der oben genannten Typen oder verbinden sogar zwei wie Die weiße und die schwarze Braut (KHM 135).

In der handschriftlichen Urfassung des Märchens Die zwölf Brüder bleibt der Entschluss des Königs, seine zwölf Söhne im Falle der Geburt eines Mädchens umzubringen, unbegründet.19 In der Endfassung von 1857 dient die Zusprechung des alleinigen Erbes durch das Mädchen der abmildernden Erklärung des väterlichen Mordplans. Die Brüder müssen also nach der Geburt einer Schwester um ihr Leben fliehen und schwören im Gegenzug, jedes Mädchen, das sie finden, zu töten. Die Zwölfzahl wird augenscheinlich aufgegriffen, um eine Verbindung zu den biblischen Jakobssöhnen herzustellen. Auch hier kommt dem jüngsten Sohn eine besondere Rolle zu: Während die traurige Königin zuerst alle ihre Söhne warnt, wird in der späteren Fassung ein inniges Gespräch zwischen dem Jüngsten, nun wie der jüngste biblische Sohn Benjamin genannt, ← 185 | 186 und der Mutter wiedergegeben, die einander in ihrer Not Trost zusprechen und einen Rettungsplan beschließen.20 Auch der mütterliche Segen zum Abschied und ihre fürsorgliche Zusicherung, jede Nacht für sie zu beten, fehlen in der Urfassung. Während ursprünglich jeder der Brüder im Wald abwechselnd mit der Haushaltsführung an der Reihe war, wird später dezidiert Benjamin damit beauftragt, mit der Begründung, er sei „der jüngste und schwächste“.21 Diese exklusive Stellung des Jüngsten gegenüber der übrigen, undifferenzierten Brüderschar hat immerhin eine geringfügige Grundlage in der Version von 1810. Dort hält der jüngste Bruder Fürsprache für das im Waldhaus eingetroffene Mädchen, indem er argumentiert, es könne ihnen doch den Haushalt machen, sodass sie von ihrem Racheschwur absehen. Begründet wird die Verschonung noch nicht mit der geschwisterlichen Verbindung, sondern mit ihrer Nützlichkeit.22 An die Stelle des zufälligen Findens der Brüder tritt die entschlossene Suche der Schwester. 1810 noch mit wenigen Eigenschaften ausgestattet, ist sie nun „gut von Herzen und schön von Angesicht und hatte einen goldenen Stern auf der Stirne.“23 Das Wiedersehen ist, wie der Abschied von der Mutter, von Emotionalität und Liebe geprägt: „Und sie fing an zu weinen vor Freude, und Benjamin auch, und sie küssten und herzten einander vor großer Liebe.“24 Die Brüder nehmen eine fast väterliche Position ein und blicken wohlwollend auf das fleißige Schwesterchen. Es wird in der Endfassung eine idyllische Hausgemeinschaft gezeichnet, die einen geordneten bürgerlichen Haushalt wiedergibt, in der die Männer ausziehen, um für den Lebensunterhalt zu sorgen, während die Frau den Haushalt „hübsch weiß und rein“25 hält.

Um die Opferbereitschaft der Schwester zu unterstreichen, wird die Erlösungsbedingung für die Rückverwandlung der unbeabsichtigt in Raben verwünschten Brüder als unmöglich realisierbar dargestellt. Ohne zu zögern, ist die Schwester bereit zu sterben, wenn sie nur ihre Brüder erlösen kann. Aus der ursprünglich kurzen Erwähnung der Rettung der Schwester vor dem Feuertod durch die Brüder wird sodann ein heldenhafter Akt. Zum vollständigen Glück ← 186 | 187 gehört nicht nur die Aufklärung der falschen Verleumdung und die Bestrafung der Gegenspielerin, sondern auch das gemeinsame Zusammenleben aller Geschwister bis zum Tod.

In den überarbeiteten Fassungen der Erzählungen mit dem jüngsten, einfältigen Bruder (Typ sechs) wird Wert darauf gelegt, gleich zu Beginn die Unterschiede zwischen den beiden älteren Brüdern und dem Jüngsten deutlich zu machen. Ursprünglich haben die Handlungen der Brüder noch stärker für sich gesprochen.26 1810 heißt der Jüngste in Die drei Federn noch „Däumling“, später dann „Dummling“.27 Die vom Vater gestellte Aufgabe ist 1857 mit der Suche nach einem passenden Erben begründet. Wiederholt wird angeführt, dass die älteren Brüder von dem Jüngeren meinen, er habe keinen Verstand und sei daher ungeeignet als Nachfolger. Selbst als er drei Aufgaben in Folge aufs Beste erfüllt, beharren sie auf ihrer Einschätzung und drängen ihren nachgiebigen Vater bis aufs Äußerste, immer weitere Prüfungen zu stellen. Diese Hetze gegen den Bruder fehlt 1810 und ist 1812 nur in Ansätzen vorhanden. Über die Qualität ihrer Bemühungen wird 1810 nichts bemerkt, hingegen wird 1812 sogar gesagt, dass der Dummling seine Brüder übertroffen hatte, obwohl sie sich bemüht hatten, aus aller Herren Länder das Schönste beizubringen.28 Ab 1819 wird hingegen immer wieder ihre Nachlässigkeit betont, da sie sich auf das Versagen des Bruders verlassen, obwohl er zu einer immer ernster zu nehmenden Konkurrenz wird und am Ende aller Widerspruch verstummt. Ergänzt ist auch der Schluss: „Also erhielt er die Krone und hat lange in Weisheit geherrscht.“29 Er weist auf die Funktion der Dummlings-Geschichten in den KHM hin, die vor dem Hintergrund älterer Vorlagen deutlicher wird. Sie sollen dazu anhalten, das gute Wesen hinter einer tölpelhaften, schwächlichen oder hässlichen Fassade zu erkennen: „Aus dem Gewand des Tölpels schält sich ein gewitzter Dümmling, der über die Geringschätzung seiner Umwelt und über die hergebrachte Ordnung triumphiert.“30← 187 | 188

Gravierende Änderungen hat das Märchen Die weiße und die schwarze Braut, welches 1810 noch Die goldene Ente hieß, bereits nach der ersten Bearbeitungsphase erfahren. Es gab keine Gegenüberstellung durch die leibliche Tochter der Tante, sondern die hilfsbereite, fleißige und schöne Pflegetochter hat für sich gesprochen und wird entsprechend mit Gaben anstelle von Tränen belohnt. Ihre Verwandlung in eine Ente ist ein Unfall, den die Tante ausnutzt und ihre Tochter als Braut für den König ausgibt. Diese war nur „lange nicht so schön und anmutig“31 und stirbt nach der Aufdeckung des Betrugs. 1812 gibt die leibliche Tochter nicht mehr einer guten Fee, sondern Gott spöttische Antworten, weswegen sie mit Hässlichkeit und einem schwarzen Äußeren bestraft wird. Aus der Tante wurde die Stiefmutter der Protagonistin. Letztere antwortet im Gegensatz zur früheren Fassung selbstbewusst auf die Frage nach drei Wünschen, dass sie Schönheit und Reichtum und nach göttlicher Ermahnung auch die ewige Seligkeit begehrt. Die hexenartige Stiefmutter arbeitet mit ihrer neidischen Tochter jetzt Hand in Hand, um die Konkurrentin aus dem Weg zuräumen.32

Des Weiteren fungiert der leibliche Bruder der Protagonistin als Heiratsmittler zwischen seiner Schwester und dem Königssohn. In der Fassung von 1810 führen die Geschwister nach dem Tod ihres königlichen Ehemannes gemeinsam „ein ruhiges Leben bis an ihr gottseliges Ende.“33 In der redigierten Fassung ist der Bruder der engste Vertraute der Schwester, dem sie ihr Leid klagt, und er wiederum betet sie so sehr an, dass er ein Bild von ihr malt, um sie jederzeit betrachten zu können: „Alle Tage ging er davor stehen und dankte Gott für das Glück seiner lieben Schwester.“34 Die innige geschwisterliche Beziehung wird durch die eingefügte formelhafte Rede auf der Reise noch verstärkt und durch die beiden Antagonistinnen ausgenutzt. Die Rolle der Schwester als Wiedergängerin wird durch die direkte Rede mit dem allabendlichen Erkundigen nach dem Wohl des zwischenzeitlich gefangenen Bruders in den Vordergrund gerückt. So wird stärker deutlich, dass sie die Befreiung des Bruders erwirkt. Das Märchen endet nicht mehr mit der Vereinigung der Geschwister, sondern in der Ehe mit dem König, während der Bruder mit Ruhm und Reichtum belohnt wird. ← 188 | 189

Zusammenfassend kann man die zunehmend besondere Rolle des Jüngsten, die Erhöhung der Emotionalität hin zur innigen Geschwisterliebe, die gesteigerte Aufmerksamkeit bezüglich der Rettungsfunktion und Opferbereitschaft sowie die stärkere Ausformung der Widersacherrollen bei konkurrierenden Geschwistern feststellen. Mehr Gewicht erhalten idyllische Familienbilder sowie fromme Züge der positiv besetzten Figuren.35 Die Umarbeitung von Die zwölf Brüder und auch von Die sechs Schwäne sowie zahlreiche Wiederbegegnungsszenen zwischen Geschwistern36 verweisen auf eine Betonung der unsichtbaren Verbindung zwischen leiblichen Geschwistern, deren Wege sich trennen, die aber eigentlich zusammengehören. Selbst wenn sie einander unbekannt sind, resultiert aus der Blutsverbindung eine verantwortungsbewusste Zuneigung für die Geschwister in Notsituationen.37 Die zunehmende Kontrastierung zwischen feindlich gesonnenen Geschwistern macht deutlich, dass solch eine Geschwisterbeziehung im Gegensatz zur ersten weniger Bindungspotenzial besitzt, was häufig mit der fehlenden Blutsverwandtschaft begründet wird.38 Diese „Schwarz-Weiß-Malerei“ – z.T. im wörtlichen Sinne – vereinfacht eine klare Zuordnung aus moralischer Sicht.

Das Geschwisterbild in den Kinder- und Hausmärchen

Die klassische Komposition des Märchens lässt sich stark vereinfacht in drei Schritten beschreiben: eine Mangelsituation oder ein Konflikt erfordert die Bewältigung von Prüfungen, welche zu Rettung und Aufstieg führen.39 Warum ← 189 | 190 wird dabei gerade in der Exposition so häufig auf Geschwisterbeziehungen zurückgegriffen? Laut Weber-Kellermann geben das Eltern-Kind-Schema, das Geschwister-Schema oder das Brautwerbungsschema „dem Märchen das Gerüst und die Möglichkeit variierender Entfaltung.“40 Den abstrakten Stil des Märchens kennzeichnen vor allem die starken Kontraste und Extreme, die Typenhaftigkeit und Leuchtkraft der Figuren sowie eine schnell voranschreitende, einsträngige Handlung.41 Lüthi zufolge sind die Handlungsträger keine vielschichtigen Persönlichkeiten, die fähig zur Veränderung sind, sondern repräsentieren einen bestimmten Typus.42 Geschwisterkonstellationen dienen als Kontrastmittel, um verschiedene Charakterzüge auf Figuren zu verteilen und einander gegenüberzustellen. Inhaltliche Oppositionen finden sich am häufigsten in formal gleichwertigen Situationen wie drei Prüfungen, die nacheinander alle Geschwister eines Märchens auf sich nehmen.43 Sicher kann man auch jeweils drei Freunden oder Kameraden verschiedene Aufgaben und Eigenschaften zuweisen. Doch Geschwister teilen Elternhaus und Heimat, haben einen gemeinsamen Ursprung, von dem aus die unterschiedliche Entwicklung besonders deutlich ablesbar ist. In der Regel wird nicht ohne Weiteres ersichtlich, warum eines der Kinder gut und schön genannt werden kann, während andere böse und hässlich geraten sind. Zudem können eigene lebensweltliche Erfahrungen zeigen, dass Geschwister unter vergleichbaren Umständen äußerst verschiedene Charakterzüge mitbringen und ausbilden.

Die harmonische Darstellung von Geschwistern lässt selten charakterliche oder äußerliche Differenzierungen unter ihnen erkennen. Sie treten vor allem als symbiotische Einheit auf, deren Trennung nicht auf Dauer angelegt ist. Ihr ← 190 | 191 Glück besteht wesentlich darin, zusammen zu bleiben. Solche persistenten Verbindungen sind v.a. bei Geschwisterpaaren des ersten, zweiten und vierten Typs zu finden. Die meisten harmonischen Geschwistererzählungen handeln von Geschwistern verschiedenen Geschlechts oder von Brüdern, seltener von Schwestern.44 Im Unterschied zu jenen, welche ihren Weg gemeinsam gehen, handeln die geschickten Brüder (Typ eins) und Erlöserkinder (Typ vier) während des Hauptteils der Erzählung – der Prüfungszeit – separat. In Typ eins und zwei gibt es keinen durchweg dominierenden Helden. Bei letzteren wird die Zusammengehörigkeit sogar durch die Titel unterstrichen: Brüderchen und Schwesterchen, Hänsel und Gretel, Das Lämmchen und Fischchen, Schneeweißchen und Rosenrot. In Typ vier ist stets das jüngste Kind Held des Märchens, seine Geschwister fungieren als verkörperte Prüfungsaufgabe. Ihre Erlösungsbedürftigkeit lässt die Qualitäten der Hauptfigur aufscheinen, welche dementsprechend auch detaillierter charakterisiert wird. Die Geschwister als Objekt der Rettung treten als undifferenzierte Gruppe auf, von der bisweilen nur das jüngste Kind kurz heraustritt.45 Sowohl Brüder als auch Schwestern treten als Retter und treue Gefährten auf. Zwillingsbrüder verkörpern entweder entsprechend der Kontrastästhetik Gegensätze oder ihre Ähnlichkeit wird zur Täuschung gebraucht. Trennung und glückliche Wiedervereinigung funktioniert übergreifend. Zwar wird in Märchen selten auf Empfindungen der Handelnden eingegangen – es sei denn, sie sind handlungsfördernd –, aber einträchtige Geschwisterbeziehungen bieten am ehesten Raum, um emotionale Verbindungen, Familienidylle und Verantwortungsgefühl zu zeigen, was die Brüder Grimm nutzten.

Die antithetische Beschreibung von Stiefschwestern bezieht sich sowohl auf äußerliche als auch charakterliche Unterschiede, während konkurrierende Brüder ohne die Hervorhebung optischer Merkmale auskommen. Selten geraten gemischtgeschlechtliche Geschwister miteinander in einen Konflikt.46 Auch das Schema der missglückten Nachahmung wird nur bei gleichgeschlechtlichen Ge ← 191 | 192 schwistern angewendet.47 Mit Blick auf die Geschwisterkonstellation bergen Differenzen hinsichtlich innerer und äußerer Werte, des Alters, des Verhältnisses zu den Eltern sowie der fehlenden Blutsverwandtschaft Konfliktpotenzial. Konkurrenz im Sinne eines Mitbewerbens um ein bestimmtes Gut, wie dem Erbe der Eltern, materieller Güter oder der Zuneigung eines potenziellen Ehepartners ist ohne Zweifel häufig in Märchen anzutreffen, muss aber keinesfalls negativ konnotiert sein, wie Vertreter des ersten Typs verdeutlichen. Bisweilen wird die Konkurrenzsituation lediglich von einer Partei forciert, wie mehrere Beispiele aus Typ drei sowie fünf und sechs zeigen.48 Zweifellos einträchtige Schwestern sind nur Schneeweißchen und Rosenrot.

Die Gegenüberstellung von Geschwistern impliziert ein enormes Identifikationspotential für Leser und Hörer der Märchen. Sie können klar Partei ergreifen und die Verwerflichkeit von Handlungen scheint durch ihre nahe verwandtschaftliche Bindung noch gesteigert. Das Verhalten der Protagonisten gegenüber den Geschwistern zeigt hingegen, wie man sich eigentlich gegenüber den Seinigen verhalten sollte: brüderlich oder schwesterlich nachsichtig, treu, hilfsbereit und aufopfernd. Werden die Antagonisten entsprechend des Gerechtigkeitsprinzips bestraft, dann meist nicht direkt durch ihr ehemaliges Opfer, dessen Reinheit dadurch gewährt bleibt, sondern z.B. über die Instanz eines Erlösers.

Aufgrund der gesteigerten Aufmerksamkeit, die die Brüder Grimm den jüngsten Geschwistern zukommen ließen, welche bereits innerhalb ihrer Vorlagen oft eine besondere Stellung eingenommen hatten, stellt sich die Frage nach möglichen Gründen für dieses bevorzugte Schema in Geschwistermärchen. Die Position des Jüngsten und seine Interaktion mit den Geschwistern bietet eine Erzählstruktur, an der sich das Herauskristallisieren einer Figur als Held sowie bestimmte Abläufe und Botschaften besonders gut ausbilden lassen. Folgt man Lüthi, müssen die älteren Geschwister falsch handeln, um die Notsituation zu konstruieren, welche die Handlung initiiert, und um am Helden das richtige Verhalten zu demonstrieren. Dieses Gerüst trifft man in Dreibrüder- oder Dreischwestermärchen am häufigsten, was wiederum mit der in Märchen beliebten ← 192 | 193 Dreizahl korreliert, die Steigerungen und Kontraste durch die beiden Älteren und das Exeptionsprinzip mit dem Jüngsten als Ausnahme ermöglicht. Zu diesen stilistischen Funktionen gehört auch das Gesetz des Achtergewichts, dem zufolge bei Aufzählungen das wichtigste Glied am Schluss steht.49

Doch wie ist das stets beste jüngste Kind anthropologisch zu fassen? Entsprechend bekannter Erbfolgeregeln sollte man meinen, das älteste Kind hat eine Vorrangstellung. Zudem stellt das erste Kind eine einzigartige Erfahrung für die Eltern dar und muss deren Aufmerksamkeit noch nicht mit anderen Geschwistern teilen. Der Sonderstatus kann aus einer vermeintlichen Bedürftigkeit als kleinstes und damit schwächstes Kind resultieren, während die Älteren bereits eigenständiger agieren können. Diese Stellung kann Zuneigung und Behüten durch die Eltern und älteren Geschwister bedeuten, aber auch ein Streben des Jüngsten nach Aktivität, Anerkennung und Vertrauen. Das Etikett als unter- schätzter ,Dummling‘ mag daher rühren, dass der Jüngste bislang stets hinter den Älteren zurückgeblieben war und seine scheinbare Dummheit an äußerlichen Zügen abgelesen wurde. Nur verharrt er im Märchen nicht in dieser Erniedrigung, sondern findet zufällig einen Weg, seine Brüder doch noch zu übertreffen und seine eigentlichen Qualitäten zu entfalten. Sein Zurückstecken scheint ein besonderes Mitgefühl gegenüber Anderen zu wecken und steht im Gegensatz zu seinen egoistischen Brüdern. Das Schicksal des Jüngsten als erniedrigter Schwächster, der trotz seiner Unfähigkeit Bedeutendes erreichen kann, bietet großes Identifikationspotenzial.50 Als Verkörperung eines Wunschtraumes impliziert die Gestalt des verkannten Jüngsten, der über alle Widerstände hinweg erfolgreich ist, die Bestrafung der Widersacher sowie den Sieg der Gerechtigkeit.51 Zudem zeugt dieses Schema von einem zentralen Anliegen der Märchen: Es stellt den Zusammenhang von Schein und Sein in Frage und fordert so dazu auf, sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen zu lassen.52

Resümierend ist festzustellen, dass Helden der KHM ihre Geschwister brauchen, meist dringender als die Eltern. Häufig ist es sogar das Versagen der Eltern in Form von Vernachlässigung, Erniedrigung oder Verwünschung, das ← 193 | 194 Geschwister in die Rollen gegenseitiger Beschützer, treuer Begleiter und Retter in der Not wachsen lässt. Als Gegenspieler drängen sie die Herabgesetzten in eine rettende Situation und bessere Stellung. So gut wie nie sind die Eltern handlungsbegleitend, sondern Ausgangspunkt und eventuell auch Heimat, zu der die Helden zurückkehren. In seltenen Fällen verfolgt die Stiefmutter die Stieftochter weit in die Handlung hinein. Märchenväter mischen sich in die innerfamiliären Probleme selten ein, bleiben oft passiv oder machtlos. In ihrer Distanz zu Erziehungsfragen und dem Auftreten auf der Bühne bei Eheschließungen scheinen sie dem bürgerlichen Rollenbild zu entsprechen, in ihrer Schwäche jedoch nicht.53 Häufiger sind es Geschwister, die auch in der Zeit der Prüfungen gegenwärtig sind, was lebensweltlicher Realität entsprechen kann, da eine Gemeinsamkeit zwischen Geschwistern darin besteht, dass sie in der Regel aus dem Elternhaus ausziehen und untereinander vergleichen können, wie der jeweils andere seinen Weg geht.

Die Kinderlegende Der heilige Joseph im Walde bleibt das einzige Stück der Sammlung, in dem ein Geschwisterkind vorkommt, das ambivalente Züge trägt: Drei Töchtern wird nacheinander die gleiche Aufgabe gestellt und sie müssen sich durch Freundlichkeit, Selbstlosigkeit und Gehorsam bewähren. Während die älteste Schwester unartig und böse war, war „die zweite schon viel besser, obgleich sie auch ihre Fehler hatte, die jüngste aber war ein frommes, gutes Kind.“54 Dementsprechend zeigt auch die Vergeltung der Handlungen eine Abstufung. Sonst stellen Märchengeschwister als abschreckende Beispiele oder nahezu unerreichbare Ideale Extreme dar, deren Erfolg und Misserfolg als Anregung zur Besserung des eigenen Verhaltens in den Dienst genommen wurde. Realistisch erscheinende Einzelerfahrungen von Geschwistern finden sich entsprechend des konsequenten Stils des Märchens zu Schicksalen innerhalb einer wirklichkeitsfernen Welt verabsolutiert.55

Erzählenswert, traditionstüchtig ist immer nur, was die banale Alltäglichkeit übersteigt. Deshalb kommen hier die extremen Formen der Kommunikation zwischen Geschwistern besonders zur Geltung: der Wettstreit, die Auseinandersetzung bis aufs Blut einerseits, und die durch nichts auf der Welt zu erschütternde Geschwister ← 194 | 195 treue andererseits. Das übliche in der Realität sind dagegen Mischungsverhältnisse, wechselnde Stimmungen und Haltungen […].56

Das Geschwisterbild der Kinder- und Hausmärchen in seiner erzieherischen Funktion und dessen sozio-kultureller Kontext

Einflussfaktoren auf Stellung und Funktion der Kinder- und Hausmärchen

Vor allem Jack Zipes hat Lüthis Diktum, die poetisch-ästhetische Form von Märchen sei ein Selbstzweck und alles nicht den formalen Gattungskriterien Entsprechende seien fremde Ausschmückungen, revidiert.57 Er hat darauf aufmerksam gemacht, dass seit Ende des 18. Jahrhunderts

educated writers purposely appropriated the oral folk tale and converted it into a type of literary discourse about mores, values, and manners so that children would become civilized according to the social code of that time.58

Durch die „literary ’bourgeoisification’ of oral tales“59 wollten die Brüder Grimm die allgemeine Akzeptanz der bisher stiefmütterlich behandelten Volksliteratur fördern. Jacob und Wilhelm Grimms Anschauung zufolge sind Märchen letzte Überreste deutscher Volksdichtung und tragen Fragmente einer genuin deutschen Mythologie, welche ihre Verwandtschaft mit skandinavischen und keltischen Traditionen bezeugen.60 Die Wiederentdeckung altdeutscher Überlieferungen hatte einheitsstiftende und patriotische Funktionen vor dem Hinter ← 195 | 196 grund der Wirren der Napoleonischen Jahre.61 Nationalistische Tendenzen zeigen sich im Überarbeitungsprozess, z.B. im Ersetzen von französischen Fremdwörtern sowie am Aussortieren von Märchen, die eine zu offensichtliche Nähe zu französischen und italienischen Vorgängern aufwiesen. Denn die „Märchen sollten den Kindern des Bürgertums, das damals als innovatorische Kraft in Gesellschaft und Kultur gelten konnte, die Vergangenheit und den geistigen Besitz des deutschen Volkes näherbringen.“62 Sie dienten der Integration in die Gesellschaft durch die Bestärkung der Normen und Werte, die sie legitimierten und trugen.

Die Umgestaltung durch Wilhelm Grimm bestand daher nicht zuletzt in einer stärkeren Hervorhebung moralischer Grundsätze unter Einbeziehung religiöser Motive: „Wilhelm Grimm hat bei seiner Bearbeitung häufig für diese [moralische] Instanz Gott eingesetzt oder die impliziten Anforderungen explizit gemacht, um die Moral oder die ,gute Lehre‘, die sich aus dem Verlauf der Handlung ergibt, zu verdeutlichen.“63 Durch eine symbolische Sprache und exemplarische Charaktere sollten Märchen Verstehenszugänge zu Glaubenswahrheiten und ethischem Verhalten ermöglichen, die vor allem kleinen Kindern mit rationalen Erklärungen nur schwer zu vermitteln sind.64

Das deutsche Bürgertum des 19. Jahrhunderts war zu großen Teilen durch eine zunehmende Distanzierung vom kirchlichen Leben geprägt, gehörte ← 196 | 197 dennoch mehrheitlich dem Protestantismus an. Gerade in der zweiten Jahrhunderthälfte zeichnete sich eine abnehmende Bedeutung von Religion und Kirche ab.65 Das muss einer innerfamilialen Religionspraxis, vor allem im Rahmen der Kindererziehung nicht widersprechen. Hier konnten weiterhin Gebete, biblische Geschichten, Gebote und Gesänge eine Rolle spielen, während andere Bürger eine religiös indifferente Haltung einnahmen und religiöse Gepflogenheiten weniger ausübten.66

Unabhängig von dem Grad, in dem die Ablösung der Wertorientierung von religiösen Begründungszusammenhängen fortgeschritten war, nutzten deutsche und englische Bürgereltern überdies die sozialmoralischen Religionsgebote, mehr oder minder entkleidet von ihrem sakralen Charakter, für die Kindererziehung. Ihre Zuhilfenahme erleichterte die Tradierung von bürgerlichen Lebensmaximen wie Fleiß, Bescheidenheit und nicht zuletzt Gehorsam. Gerade die patriarchale Struktur der Religion trug zur Stützung der Autorität des pater familias bei.67

Kinder waren Teil des bürgerlichen Familienideals und man widmete ihnen nun mehr Aufmerksamkeit, während traditionelle Moral- und Ordnungsvorstellungen nicht an Aktualität verloren. Einzelkinder waren trotz hoher Kindersterblichkeit und verschiedener Methoden der Geburtenbeschränkung die Ausnahme. Die wirtschaftlichen Entwicklungen, das niedrige Heiratsalter der Frauen und die sinkende Kindersterblichkeit führten zu einem Bevölkerungswachstum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Frühestens Ende des Jahrhunderts kann von einer Realisierung der Vorstellung einer bürgerlichen Kleinfamilie mit zwei bis drei Kindern gesprochen werden, wenn es auch noch häufig vier bis sechs Geschwister gab.68 Erst dann korrelierte die niedrige Geschwisterzahl mit der in den Märchen. Kinder bedeuteten Arbeitskraft, Bestandssicherung und Zukunftshoffnung. Sie machten eine Familie als Gegenkonzept und Rückzugsort gegenüber Modernisierung und Versachlichung erst komplett. In diese Zeit fallen auch

die erstmalige Einrichtung von Kinderzimmern und die Herstellung von Kinderkleidung und Kinderspielzeug […]. Zugleich entsteht ein Bedarf nach Kinderliteratur, die sowohl Wissen vermitteln als auch eine moralische Erziehung ga ← 197 | 198 rantieren soll. Diese Marktlücke haben die Brüder Grimm mit den Kinder- und Hausmärchen gefüllt,69

sodass sie den Platz der Moralerzählungen einnehmen konnten,70 welche aufgrund ihrer „penetrant hervorstechenden Moral“71 abgelehnt wurden. Dies entspricht der Auffassung der Grimms, wenn sie die KHM als Erziehungsbuch verstehen, das keiner zusätzlichen Erklärungen bedarf, da die Poesie in ihrer natürlichen Unschuld und Kraft Wahrheit überträgt, während sie unterhält.72

Märchen erzählen nicht von Individuen, sondern von Funktionsträgern. Als Rolleninhaber leisten sie in einer Zeit der Wandlung und Entwicklung sozialer Systeme ihren Beitrag zur Etablierung, Stabilisierung und, während der regen Rezeption der KHM im 19. Jahrhundert, zur Aufrechterhaltung dieser Syste ← 198 | 199 me.73 So wurden u.a. innerhalb eines Systems der Zweigeschlechtlichkeit Charakteristika wie Aktivität und Rationalität im Gegensatz zu Passivität und Emotionalität als natürlich gegebener Teil des männlichen bzw. weiblichen Wesens erklärt.74 Die aus der Anpassung an Kapitalismus und Industrialisierung entstandene Arbeitsteilung, Individualisierung und Mobilität mündete einigen Sozialtheoretikern zufolge in das Konzept der affektiven Kleinfamilie mit Eltern und Kindern, welches guter Mutterschaft, liebevollen Eltern-Kind- und harmonischen Geschwisterbeziehungen Raum bot.75 Die zunehmend betonte Verantwortung der Eltern in der Kindererziehung baute auf der Verstärkung der natürlichen Bande zwischen Eltern und Kinder auf. Deren Überhöhung bedeutete eine Aufwertung der Blutsverwandtschaft,76 welche sich auch in dem Überarbeitungsprozess der KHM spiegelt. Die Konzentration auf den Kult der Innerlichkeit in Abgrenzung zum Adel erklärt Rosenbaum mit dem Kompensationsbedürfnis des Bürgertums angesichts ihrer noch politischen Machtlosigkeit um die Jahrhundertwende. Bildung und die Pflege privater Beziehungen gaben ihnen in ihrer sozialen Situation Sicherheit und daraus entstehende Leitbilder beeinflussten wiederum soziales Handeln und somit gesellschaftliche Realität.77 Als be ← 199 | 200 liebtes Element in der Primärsozialisation konnten die Märchen die Übermittlung und Verinnerlichung dieser ,Selbstverständlichkeiten‘ fördern.78

Geschwister nahmen auch in der Familie Grimm einen herausragenden Stellenwert ein und diese Form der verwandtschaftlichen Beziehung wurde über die Kinderjahre hinaus durch das gesamte gemeinsame Leben gepflegt. Jacob Grimm oblag nach dem frühen Tod der Eltern als Ältester die Leitung der sechs Geschwister, die dem Junggesellen wohl die am nächsten stehenden Personen waren. Die einzige Schwester führte lange den Haushalt. Hinzu kamen die Schwägerinnen, zu denen ebenfalls ein schwesterliches, im Sinne eines nahestehenden verwandtschaftlichen Verhältnisses bestand, sowie das gemeinsame Aufwachsen der Neffen und Nichten. Private und politische Umbrüche, Krankheiten und berufliche Schwierigkeiten forderten immer wieder das Verantwortungsgefühl und die gegenseitige Versorgungsbereitschaft der Geschwister. Jacob und Wilhelm Grimm teilten ein Leben lang Wohnung und Arbeit sowie Sorgen und Freuden des Familienlebens, ergänzten und achteten sich in ihren Neigungen und Temperamenten und waren somit lebendige Repräsentanten geschwisterlichen Zusammenhalts und brüderlicher Herzlichkeit. Bausinger führt hier den Nachruf Jacobs auf seinen Bruder Wilhelm an, in dem er die Festigkeit des geschwisterlichen Bandes als noch stärker beschreibt als das zwischen Eltern und Kinder, weil Geschwister ein ganzes und nicht nur ein halbes Leben teilen.79

Märchengeschwister und rollenadäquates Verhalten

Kaum eine Verwandtschaftsbeziehung ist in der Belletristik des 19. Jahrhunderts mit solch schönfärberischer Feder gezeichnet worden wie die zwischen Brüdern und Schwestern. Märchen, Balladen, Novellen, Romane und Dramen aus aller Welt schufen und popularisierten das Image einer besonderen Qualität und Intimität der geschwisterlichen Bindung. In Tagebüchern und Memoiren hingegen führten die Geschwister ein stiefschwesterliches und -brüderliches Dasein.80← 200 | 201

In Bezug auf die Geschwisterfiguren in den KHM und ihrer Funktion ist zu fragen, ob sie auch Erwartungen an bürgerliche Rollen transportierten.81 Hierzu zählt die Zuschreibung von geschlechtsspezifischen Attributen, sozialen Positionen und Aktivitäten. Weibliche Geschwister müssten sich dementsprechend durch Fleiß, Duldsamkeit, Heiratswillen auszeichnen und vor allem im häuslichen Familienverband als Hausfrau und Mutter tätig sein. Ihr Status hängt von dem ihres Vaters oder Mannes ab. Männliche Figuren müssten in die konkurrenzorientierte Arbeits- und Außenwelt ziehen. Das bürgerliche Leistungsethos ist bei Mädchen in Bezug auf ihre hauswirtschaftlichen, fürsorglichen und repräsentativen Qualitäten als zukünftige Ehefrau und bei Jungen im Hinblick auf den sozialen Aufstieg durch beruflichen Erfolg relevant.82 Entsprechend der klassischen Erbregelungen müsste wiederum ihr Alter bestimmend sein.83

Das frühe Sterben von Geschwistern und Trennungsphasen durch Ausbildung und Heirat ermöglichten damals engere Beziehungen nur in begrenztem Maß. Geschwisterharmonie war vor allem in den ersten Kinderjahren durch gemeinsames Erleben denkbar. Das Übernehmen von Verantwortung durch Ältere konnte sich positiv auf die Beziehung auswirken, bisweilen statt einem gleichberechtigten ein Erzieher-Zögling-Verhältnis entstehen lassen. Beides findet sich in KHM wie Hänsel und Gretel, Brüderchen und Schwesterchen, Das Lämmchen und Fischchen oder Die Zwölf Brüder. Unterschiedliche Positionen innerhalb der Geschwisterhierarchie führten aber auch zu gegenseitiger Geringschätzung und Bevormundung.84 Schon früh wirkten vorgeformte Zukunftsmuster trennend zwischen Brüdern und Schwestern. Dieser Ausschluss aus genuin weiblichen oder männlichen Bereichen und darauf ausgerichtete unterschiedliche Ausbildungsförderung führte zwar selten zur Revolte der Bürgertöchter und -söhne, aber doch zu Konflikten zwischen den Geschwistern. Eltern erwarteten von ihren Söhnen Selbstständigkeit, Durchsetzungsfähigkeit und ← 201 | 202 Wagemut, um sie auf zukünftige Führungspositionen vorzubereiten. Die frühe Absonderung in getrenntgeschlechtlichen Sozialisationsräumen erschwerte das Verständnis füreinander. Schon als Kinder sollten Töchter ihre Bedürfnisse hintanstellen, als moralische Instanz auf das Verhalten der Brüder ausstrahlen, aber sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern vernünftig und nachgiebig sein.85 Sie wurden mit Aufgaben im Haushalt und der Betreuung von Geschwistern beauftragt, während Jungen meist davon freigestellt waren. Eifersucht und Konkurrenz ergab sich häufig aus der Bevorzugung Einzelner, welche als Vorbild für die Geschwister dienen sollten. Man konkurrierte sowohl um Zuwendung als auch um Freiräume und Erbangelegenheiten. Als Erwachsene konnten Spannungen lebendig bleiben durch ein Wohlstandsgefälle zwischen den Geschwistern, wie es Brüder in KHM 142 und 146 widerspiegeln. Dennoch standen Geschwister unter dem Druck, zumindest nach außen die Loyalität in der Familie aufrecht zu erhalten und sich untereinander solidarisch zu verhalten, um das bürgerliche Familienkonzept als privaten und stabilen Rückzugsraum zu vertreten.86

Die Belohnung von Demut, Leidensfähigkeit, Opferbereitschaft, Fleiß und Schönheit steht bei Frauen in den KHM im Vordergrund. Dennoch werden sowohl von Helden als auch von Heldinnen Mut, Entschlossenheit, Gehorsam, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft demonstriert.87 Als Heldinnen ziehen auch Schwestern in die Welt und Brüder übernehmen mal den Haushalt, wenn es an Frauen mangelt. Alle sind generell heiratswillig, aber Heirat bleibt in Geschwistermärchen oft ein Nebeneffekt. Wird von Berufen gesprochen, handelt es sich stets um Männer. Frauen übernehmen häufig eine mütterliche Rolle, auch in Bezug auf ihre Geschwister. Die Auflösung problematischer Situationen, wie die Not und Drangsalierung von Protagonistinnen trotz ihres Fleißes und ihrer Demut, durch Belohnung und Bestrafung ermöglichte die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Normen. Innerhalb der KHM erfuhr nicht nur die Emotionalität der Mütter eine Intensivierung in der Darstellung, sondern auch die zwischen ← 202 | 203 Geschwistern. Brüder und Schwestern nehmen im Gegensatz zu Eltern oder anderen Verwandten sowohl die Rolle der Erlösungsbedürftigen als auch der Retter ein und können in Einzelfällen, wie KHM 9 zeigt, sogar in diesen Funktionen wechseln. Sie geben zumindest zeitweise aufgrund eines Pflichtgefühls gegenüber den Geschwistern ihre beschützende Heimat sowie ihre soziale Stellung auf. Laut Spörk sind es gerade die Frauen, deren Handeln sich vorrangig auf die Erlösung anderer auf Kosten eigener Bedürfnisse und Karriereziele konzentriert. Sie handeln stets aus Liebe und Treue und werden vor allem in Notsituationen aktiv.88 Durch hilfebedürftige Brüder können die Schwestern eine mütterliche Position einnehmen, was Vertreter des zweiten und des vierten Typs zeigen.89 Ist dies nicht der Fall, treten Brüder als ritterliche Retter auf. Die Vernachlässigung ihrer Position als Geschwister der Helden, um die eigene gesellschaftliche Position zu verbessern, zeichnet die Gegenspieler aus und wird bestraft.90 Geschwister mit einem einvernehmlichen Verhältnis haben also in erster Linie die Funktion, deutlich zu machen, dass das Wohl der Familienmitglieder an oberster Stelle steht. Außerdem sind gemischtgeschlechtliche Geschwisterharmonien eher denkbar, da z.B. eine Abgrenzung von Brüdern gegen Schwestern aufgrund deren geringerer Rechte weniger erforderlich war.

Bezeichnenderweise setzt die Herauslösung aus diesem Zwang materiellen Denkens, die Emotionalisierung und Aufwertung von Geschwisterbeziehungen vor allem bei Frauen und Mädchen an. Sie werden zum Sinnbild einer anderen, in Gefühlen der Zuneigung begründeten Geschwister- und Familienbeziehung.91

Geschwister in Konkurrenzsituationen sind hingegen auf einen Aufstieg, z.B. durch Heirat, ausgerichtet. Angesichts dessen, dass ein Heiratsanwärter gegebenenfalls nicht verheiratete Schwestern mitversorgen müsste und daher vor einer Heirat zurückschreckte, ist ein getrübtes schwesterliches Verhältnis nachvollziehbar. Ebenso ist die Nachfolgefrage angesichts mehrerer Brüder ein Streit ← 203 | 204 punkt sowie Vermögensteilung generell. Gerade die Figur des stigmatisierten Jüngsten oder Schwächsten spricht von Spannungen innerhalb von Familien. Ihr Triumph im Gegensatz zu bestraften Geschwistern widerspricht anscheinend dem Geschwisterideal, das durch die Identifikation mit dem Zurückgesetzten in den Hintergrund tritt. Das Märchenglück kann zwar auch hier im Zusammenführen der Geschwister bestehen, aber eben häufig auch in der Trennung von alten Familienbanden.92 Die Diskriminierung in ihrer Herkunftsposition kann als Rechtfertigung dafür dienen, dass ihnen die Verbesserung ihrer sozialen Position wichtiger ist als ihre Verpflichtungen gegenüber der Familie.93

Es finden sich also sowohl geschlechterspezifische Tugenden als auch allgemein verbindliche. Man kann weder von einem einheitlichen Geschwisternoch Geschlechterbild sprechen, vor allem wenn man alle Untergattungen der KHM einbezieht und nicht nur die sogenannten „Zaubermärchen“. Die Erzähltradition ist nicht nur durch bürgerliche, sondern auch bäuerliche, christliche, feudale und aufklärerische Einflüsse geprägt. Inwieweit Märchen sich tatsächlich auf die Sozialisation auswirken, ist von Individuum zu Individuum verschieden und bedingt durch weitere Faktoren.94 Ausgesuchte Kinderliteratur hat sicher eine Art Kontrollfunktion in der Ausbildung und Internalisierung konformen Rollenverhaltens ausgeübt.95 Der Erfolg der KHM darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser lange Zeit auf die gesellschaftliche Schicht beschränkt war, aus welcher sie, zumindest in ihrer überarbeiteten Fassung, stammten. Diese schichtspezifische Unterscheidung diente der Abgrenzung zu anderen Klassen wie dem Proletariat und wurde pädagogisch begründet: Die Märchenwelt und ihre Schätze würden in Kindern der Armen Sehnsüchte we ← 204 | 205 cken, die aufgrund ihrer begrenzten Möglichkeiten unerfüllt bleiben und somit zu Unzufriedenheit mit den gegebenen Verhältnissen führen würden.96 Hier zeigt sich schon ein nahezu aristokratisches Schichtbewusstsein des Bürgertums, das sich zwar ein mögliches Erarbeiten von höheren sozialen Stellungen auf die Fahnen schrieb, welches unabhängig von der Geburt sei, aber, als es sich etabliert hatte, doch nur innerhalb der eigenen Klassengrenzen funktionieren sollte.

Resümee

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass Geschwisterlichkeit in den KHM in ihren überarbeiteten Fassungen vorrangig leibliche Verwandtschaftsbeziehungen meint, die u.a. der Darstellung verschiedener Ideale der bürgerlichen Gesellschaft dienten. Dabei gibt es Strukturen, die in erster Linie nur von Schwestern oder nur von Brüdern getragen werden, aber auch solche, die geschlechtsübergreifend funktionieren. Sowohl harmonische als auch konfliktgeladene Beziehungen haben erzähltechnische sowie pädagogische Funktionen. Sie ermöglichen eine klare Wertung von missglückten Geschwisterkonstellationen, die von Rivalität, Neid und Misshandlung geprägt sind, sowie die Bestärkung eines Zusammengehörigkeitsgefühls, familiärer Nähe und gegenseitiger Verantwortung. Ambivalente Beziehungen funktionieren offenbar weniger gut als Erzählschema und galten nicht als erzählenswert. In den seltenen Fällen konstruierter Geschwisterlichkeit handelt es sich um gemeinschaftsstiftende oder humorvollkameradschaftliche Momente.

Eine weiterführende intertextuelle Analyse und Interpretation von Geschwisterbeziehungen in anderen zeitgenössischen Märchensammlungen oder in vergleichbaren Volkserzählungen anderer Epochen, Regionen, Religionen und Gattungen wären mögliche zukünftige Forschungsbereiche.

Quellen und Literatur

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1      Aus der Vorrede eines Gedenkkalenders für die Geschwister von Jacob Grimm. Zit. nach: Denecke, Ludwig u.a.: Die Brüder Grimm in Bildern ihrer Zeit. Kassel 1980, S. 92.

2      Zugrunde liegt die sog. Ausgabe letzter Hand von 1857. Wird aus der Sammlung zitiert, so wird die Abkürzung des Werkes, die Nummer der Erzählung, des Bandes und der Seitenzahl angegeben, z.B.: KHM 3 I, 37. In der sog. Kleinen Ausgabe sind auch in ca. einem Viertel der Erzählungen Geschwister zu finden (14 von 50).

3      Gunilla-Friederike Budde widmet ihnen in ihren auf zahlreichen Briefen, Tagebüchern, Lebenserinnerungen, Autobiographien, Familienchroniken o.ä. beruhenden Untersuchungen nur wenige Seiten, während Beziehungen zwischen Eltern und Kindern detailliert nachgezeichnet werden. Vgl. dies.: Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung 1840–1914. Göttingen 1994, S. 256-262.

4      Vgl. Hausen, Karin: „… eine Ulme für das schwankende Efeu“. Ehepaare im Bildungsbürgertum. Ideale und Wirklichkeiten im späten 18. und 19. Jahrhundert, in: Frevert, Ute (Hrsg.): Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert. Göttingen 1988, S. 85-117, hier S. 97 sowie Rosenbaum, Heidi: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Frankfurt/Main 1996, S. 353f. Ende des Jahrhunderts sind es durchschnittlich nur noch drei Kinder. Vgl. ebd.

5      Die hier vorgenommene Einteilung konzentriert sich allein auf die Geschwisterbeziehung – folgt also nicht bekannten Klassifikationen von Märchentypen und Erzählmotiven wie von Antii Aarne, Stith Thompson und Hans-Jörg Uther. Die hier vorgenommene Unterteilung widerspricht diesem internationalen Index nicht, sondern hat einen anderen inhaltlichen Fokus. Im Rahmen dieses Beitrags ist auch nicht der Platz für eine Analyse der Feinstruktur der Erzählungen, wie sie z.B. Spörk, Ingrid: Studien zu ausgewählten Märchen der Brüder Grimm. Frauenproblematik, Struktur, Rollentheorie, Psychoanalyse, Überlieferung, Rezeption. Königstein/Ts. 1985 für einige Märchen bietet.

Einige Stücke der Sammlung können den folgenden Kategorien nicht zugeordnet werden, da sie keine vergleichbaren Handlungsverläufe aufweisen und so verschieden sind, dass man unter ihnen schwerlich weitere Typen ausmachen könnte. Z.T. sind es nur kurze Schwänke oder Kinderlegenden, aussortierte Fragmente oder ,Einzelstücke‘. In einigen sind Geschwister lediglich kurz erwähnt oder stehen unverbunden nebeneinander, sodass sich ihre Darstellung und Beziehung kaum analysieren lässt.

6      „Von dem Machandelboom“ (KHM 47) ist die einzige Darstellung von gemischtgeschlechtlichen Stiefgeschwistern in den KHM, welche zusätzlich die Besonderheit aufweist, dass die Stiefschwester die Erlösung des Stiefbruders ermöglicht.

7      Die Darstellung von Stiefgeschwistern spiegelt auch eine zeitgenössische Realität, die mit einer gesellschaftlich ungleichen Stellung einherging. Deren Relevanz sollte in den KHM aber nicht überschätzt werden, da nur sechs Märchen von Stiefschwestern sprechen. Eventuell ist diese Konstellation mit den KHM verhältnismäßig eng assoziiert, da bis auf KHM 56 alle in der sogenannten Kleinen Ausgabe enthalten sind, welche maßgeblich zum Erfolg der KHM beigetragen hat, der sich u.a. in zehn Auflagen innerhalb von 33 Jahren widerspiegelt.

8      In „Blaubart“ (KHM 62a) sind die Brüder weniger Erlöser als ritterliche Retter mit Hervorhebung des Jüngsten.

9      Da die einmütig handelnden Brüder als Rettungsobjekte und Helfer in Tiergestalt fungieren, besteht in diesem Fall auch große Nähe zu Typ eins und vier.

10    In „De drei Vügelkens“ (KHM 96) ist diese Konstellation mit Schwestern mit Hervorhebung der Ältesten besetzt. Die darin enthaltene zweite Geschwistergeneration realisiert den Geschwistertyp „Das Jüngste als Erlöser“. KHM 133 hebt sowohl die Älteste als auch die Jüngste hervor.

11    „Von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein und dem Horn“ (KHM 37a) ist eine kurze Variante von KHM 54 und stand 1812 in der Sammlung.

12    In KHM 60 ist eine Erzählung um zwei andere Brüder vorgeschaltet. Es handelt sich um den leiblichen Vater und den Onkel der Zwillinge, die den Kontrast arm und gut vs. reich und böse wiedergeben und somit Typ sechs entsprechen.

13    KHM 60 I, S. 317

14    KHM 8 I, S. 70.

15    KHM 81 I, S. 398f.

16    Diese Bezeichnung meint im Rahmen dieses Beitrags vereinfachend sämtliche Erzählungen, in welchen Geschwisterbeziehungen eine Rolle spielen, wenn diese auch nicht immer handlungsbestimmend sind.

17    Zum Nachvollziehen verschiedener Inhalte und Funktionszusammenhänge anderer Fassungen sowie der Überlieferungswege einzelner KHM vgl. Clausen-Stolzenburg, Maren: Märchen und mittelalterliche Literaturtradition. Heidelberg 1995; Mazenauer, Beat u.a.: Wie Dornröschen seine Unschuld gewann. Archäologie der Märchen. München 1998 u. Uther, Hans-Jörg: Märchen vor Grimm. München 1990.

18    Vgl. Derungs, Kurt: Die ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm. Handschriften, Urfassung und Texte zur Kulturgeschichte. Bern 1999, S. 9-22. Zu Arbeitsweisen, Gewährsleuten sowie der Quellenkritik: Rölleke, Heinz: „Alt wie der Wald“. Reden und Aufsätze zu den Märchen der Brüder Grimm. Trier 2006, S. 4. Lehnert, Nicole: Brave Prinzessin oder freie Hexe? Zum bürgerlichen Frauenbild in den Grimmschen Märchen. Münster 1996, S. 7f. u. 16ff. zeigt Filterprozesse auf, denen die Märchen unterlagen.

19    Vgl. Derungs: Die ursprünglichen Märchen, S. 86.

20    An KHM 9 wird die Stärkung der biologischen Mutter-Kind-Beziehung in der Endfassung, z.B. mittels wiederholten Anreden „Weine nicht, liebe Mutter“, „Liebstes Kind“, „Mein liebster Benjamin“, besonders deutlich. KHM 9 I, S. 72.

21    KHM 9 I, S. 73.

22    Vgl. Derungs: Die ursprünglichen Märchen, S. 36. Das bleibt auch 1812 noch so. Dort erbarmt sich der Jüngste wegen ihrer Schönheit und die anderen lassen von ihr ab, da sie den Haushalt führen wollte. Erst dann gibt sie sich als Schwester zu erkennen. Die Freude über die Zusammenkunft wird ohne Tränen, Küsse und Umarmungen erwähnt.

23    KHM 9 I, S. 73.

24    KHM 9 I, S. 74.

25    KHM 9 I, S. 75.

26    Vgl. die Vorstellung des Märchenpersonals in der Endfassung von „Die drei Federn“. In „Die Bienenkönigin“ wird 1857 der Jüngste als „Dummling“ vorgestellt, was 1810 noch fehlt. Die Verteidigung der Tiere gegenüber den Brüdern wird mit dem Mitgefühl des Jüngsten näher bestimmt. Abschließend wird betont, dass er sich mit der jüngsten und liebsten Königstochter vermählt. Vgl. Derungs: Die ursprünglichen Märchen, S. 57f.

27    Vgl. ebd., S. 60. Die Bezeichnung „Däumling“ stammt wahrscheinlich aus der Sammlung Charles Perraults. Dort ist in „Le petit poucet“ die Zartheit und Wortkargheit des jüngsten Sohnes Anlass anzunehmen, er sei dumm, was sich als Fehlschluss erweist.

28    Vgl. ebd., S. 147.

29    KHM 63 I, S. 346.

30    Mazenauer u.a.: Archäologie der Märchen, S. 295.

31    Derungs: Die ursprünglichen Märchen, S. 68.

32    Vgl. ebd., S. 245 und KHM 135 II, S. 230. Vergleichbar ist die Entwicklung zur stiefschwesterlichen Antagonistin in KHM 11 und 13. 1812 stehen sie noch ganz im Hintergrund, wandeln sich aber bis 1857 zur aktiven Mittäterin. Vgl. KHM 11 I, S. 84 und Derungs: Die ursprünglichen Märchen, S. 89f. Äußere Kontraste werden gekoppelt an charakterliche Defizite.

33    Ebd., S. 69.

34    KHM 135 II, S. 230. Vgl. auch Derungs: Die ursprünglichen Märchen, S. 244.

35    Die Protagonistinnen in KHM 21, 49, 161, KL 1 werden als fromm bezeichnet. Drei Mal (KHM 81, 100, 135) wünschen sich Hauptfiguren ewige Seligkeit. Die Hölle ist Schauplatz in KHM 81 und 100. In KHM 25, 101, 130, 169, KL 1 finden sich Gebetshandlungen.

36    Vgl. die herzliche Begrüßung unter Geschwistern in KHM 9, 25, 49, 60, 85, 129.

37    Vgl. KHM 9, 25 und 82a.

38    In der Sammlung steigt von 1812 bis 1857 die Anzahl toter guter leiblicher Mütter, deren Ersetzung durch böse Stiefmütter eine Verlagerung des Bösen weg von der guten leiblichen Mutter ermöglichen. Andere bleiben passiv im Hintergrund. Ab 1819 wird der Status „rechte Tochter“ und „Stieftochter“ und damit die fehlende Blutsbindung betont. Vgl. KHM 11,13, 24, 56, 135 sowie Blaha-Peillex, Nathalie: Mütter und Anti-Mütter in den Märchen der Brüder Grimm. Tübingen 2008, S. 63-90 u.ö. Eine Ausnahme stellt KHM 130 mit der schwer zu rechtfertigenden selektiven Mutterliebe dar. Die leibliche Geschwisterlichkeit ermöglicht offenbar sogar die Auflösung der Rivalität, da die Protagonistin den Schwestern vergibt.

39    Dem etablierten Gattungskonzept Lüthis zufolge, welches sowohl morphologische als auch phänomenologische Charakteristika berücksichtigt, kennzeichnet ein Märchen v.a. „die Neigung zu einem bestimmten Personal, Requisitenbestand und Handlungsablauf und […] zu einer bestimmten Darstellungsart (Stil).“ Lüthi, Max: Märchen. Stuttgart 2004, S. 25. Dabei muss beachtet werden, dass die KHM eine zentrale Grundlage der Analyse der Märchengattung darstellen und oft als Maßstab für folgende Sammlungen fungierten, sodass die Merkmale besonders gut mit ihnen in Einklang zu bringen sind.

40    Weber-Kellermann, Ingeborg: Die deutsche Familie. Versuch einer Sozialgeschichte. Frankfurt/Main 1981, S. 34. Vgl. Lüthi, Max: Familie und Natur im Märchen, in: ders.: Volksliteratur und Hochliteratur. Menschenbild, Thematik, Formstreben. Bern u.a. 1970, S. 63-78, hier S. 63.

41    Vgl. Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. Tübingen u.a. 2005, S. 25-36.

42    Vgl. ebd., S. 13-24. Gemeint ist ein Verzicht auf Tiefengliederung, etwa auf die nähere Beschreibung von Körperlichkeit, Innenwelt oder Umwelt der Figuren.

43    Vgl. Spörk: Studien, S. 135. Neben formalistischen Gründen argumentiert Max Lüthi mit einem seiner Ansicht nach märchentypischen Menschenbild, welches durch die Dominanz innerfamilialer Disharmonie im Gegensatz zur harmonischen Verbindung von Mensch und Natur gekennzeichnet sei. Selbst im Falle harmonischer Märchengeschwister seien die Familienbeziehungen als ganze gestört. Vgl. ders.: Familie und Natur, S. 63-78.

44    Insgesamt handelt es sich um 15 gemischtgeschlechtliche Geschwisterkonstellationen, 15 Mal sind es Brüder und sieben Mal Schwestern, wobei hier auch Geschwister berücksichtigt sind, deren Beziehung nicht näher charakterisiert wird, sie also neutral nebeneinander gestellt sind oder agieren. Daher kann man von wirklich harmonischen Schwestern lediglich in KHM 133 und 161 sprechen.

45    Einzig in „Blaubart“ ist dieses Verhältnis umgekehrt. Vgl. hier FN 10.

46    In KHM 11 agiert die Stiefschwester gegen Bruder und Schwester, wobei der Fokus auch hier auf der Schwester liegt. In dem 1812 bezeichnenderweise aussortierten Märchen KHM 8a agieren Brüder im Auftrag der Mutter gegen ihre Schwester. Ansonsten stehen sich in 19 Fällen Brüder und in 17 Fällen Schwestern gegenüber.

47    Die Nachahmung durch gleichgeschlechtliche Geschwister macht den Unterschied jeweils noch eindringlicher, zumal sich die Prüflinge in Situationen bewähren sollen, die z.T. geschlechterspezifisch zugeordnet werden wie Kampfsituationen oder Hausarbeit.

48    Genau genommen implizieren die Begriffe ,Konkurrenz‘ und ,Rivalität‘ ein aktives Streben mindestens zweier Personen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin u.a. 2011, S. 524 u. 769. In den Märchen wird meist nur von den Antagonisten eine Konkurrenzsituation unterstellt und provoziert. Selbst wenn z.B. Aschenputtel vereinzelt aus ihrer Passivität ausbricht, geschieht dies nicht offensichtlich als Mittel zum Gewinn, zu dessen Annahme sie erst aufgefordert werden muss. Vgl. auch KHM 13 und 24.

49    Vgl. Holbek, Bengt: Art. Achtergewicht, in: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 1. Berlin u.a. 1977, Sp. 65.

50    Laut Lüthi ist jeder Mensch „letztlich immer irgendwie ein solcher ,Jüngster‘ […] ein Schwacher und Kleiner, dem es doch gegeben ist, Mächtiges zu besiegen und Großes zu erreichen“. Zit. nach: Horn, Katalin: Art. Jüngste, Jüngster, in: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 7. Berlin u.a. 1993, Sp. 801. Die unterhaltende und didaktische Funktion des Jüngsten und Kleinsten hatte bereits Charles Perrault erkannt und bewusst eingesetzt. Vgl. Clausen-Stolzenburg: Literaturtradition, S. 361.

51    Vgl. Horn: Jüngste, Sp. 808.

52    Vgl. ebd., Sp. 806.

53    Vgl. KHM 13, 15, 21, 49, 60, 88, 169.

54    KL 1 II, S. 431.

55    Ingeborg Weber-Kellermann weist darauf hin, dass Märchen Gesellschaftskonflikte wie den gesellschaftlichen Standeswechsel auf Familienniveau zeigen können. Zugleich warnt sie davor, Märcheninhalt mit sozialer Wirklichkeit zu identifizieren, da dies nur bei einzelnen Phänomenen möglich sei. Vgl. dies.: deutsche Familie, S. 35-37.

56    Bausinger, Hermann: Geschwister gehen bis zum Rhein … . Perspektiven der Volkstradition, in: Klosinski, Gunther (Hrsg.): Verschwistert mit Leib und Seele. Geschwisterbeziehungen gestern – heute – morgen. Tübingen 2000, S. 21-30, hier S. 29.

57    Das Märchen als pädagogisches Werkzeug zu verstehen, würde seiner Ansicht nach dessen Degradierung bedeuten. Er wendet sich damit v.a. gegen André Jolles‘ Annahme des Waltens einer naiven Moral im Märchen. Vgl. Lüthi: Form und Wesen, S. 83f. Er gesteht jedoch die verschiedene kontextabhängige Ausprägung des Märchenstils ein, sodass die reine Grundform selten verwirklicht wird. Vgl. ebd., S. 94.

58    Zipes, Jack D.: Fairy tales and the art of subversion. The classical genre for children and the process of civilization. Milton Park u.a. 2012, S. 3, vgl. auch S. 6. Die Attraktivität der Märchen erklärt er u.a. mit der dortigen stark hierarchisierten Welt, in der jeder aufsteigen kann. Vgl. ebd., S. 7f. Gunilla-Friederike Budde belegt anhand einer „Bestsellerliste” deutscher und englischer Kinderliteratur im 19. Jh., wie Geschichten individuelle Leistung als Weg zu materieller Unabhängigkeit und gesellschaftlichem Ansehen statt geburtsständische Privilegien propagierten. Die KHM belegten in Deutschland Platz zwei und in England den elften Platz. Vgl. dies.: Bürgerleben, S. 112 u. 129.

59    Zipes: art of subversion, S. 59.

60    Vgl. Clausen-Stolzenburg: Bürgerleben, S. 41f. Die oft diskutierte Behauptung der Brüder, alles Gesammelte treu zu bewahren, bezieht sich v.a. auf die Inhalte. Dass Erzählungen Umwandlungsprozessen in formaler Hinsicht unterlagen, war ihnen durchaus bewusst, wovon ihre Vorreden und Anmerkungen zeugen. Vgl. ebd., S. 44ff.

61    Vgl. Schmitt, Ludwig E. (Hrsg.): Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Werke. Forschungsausgabe. Bd. 31, Abt. 2: Die Werke Wilhelm Grimms. Kleinere Schriften 1. Hildesheim u.a. 1992, S. 12.

62    Spörk: Studien, S. 51.

63    Solms, Wilhelm: Die Moral von Grimms Märchen. Darmstadt 1999, S. 97. Dementsprechend wurde mit jeder neuen Auflage der Anteil jener Märchen größer, die eine Veränderung in Bezug auf Gottesfurcht, Frömmigkeit und Anstand erfuhren. Vgl. Kitzler, Marianne: Kirchenlehre und Märchen. Wien 2010, S. 180.

64    Werden in den Geschwistermärchen Gott, Engel oder Heilige bemüht, handelt es sich meist um kurze Anmerkungen, die selten eine handlungsfördernde Rolle spielen. Sie stellen einen losen Zusammenhang her zu „Zuständigkeitsbereichen“ Gottes oder greifen Traditionen der Heiligenverehrung auf. Zugleich wirkt die scheinbar beiläufige Erwähnung von Gott, Engeln, Frömmigkeit oder Gebet in den untersuchten Erzählungen selbstverständlich. „Der liebe Gott“ als beschützende und lenkende Instanz, welche in der Not angerufen wird, wird in den Geschwistermärchen KHM 9, 11, 13, 21, 24, 25, 28, 83, 85, 100 und 180 genannt. In KHM 135 ist er sogar aktiver Teil des Märchenpersonals als Prüfer und Richter der Tugenden und Laster der Schwestern. Laut Kitzler handelt es sich um sekundäre Einfügungen und atmosphärisches Beiwerk, die Geschehnisse mit dem Wirken Gottes in Verbindung bringen sollen, was der Märchenleser von sich aus nicht tun würde. Vgl. ebd., S. 66-78. Zur Erklärung biblisch oder christlich anmutender Züge in den KHM vgl. Clausen-Stolzenburg: Literaturtradition.

65    Budde führt als Indikatoren für Kirchennähe und -ferne Zahlen zu Gottesdienstbesuchen an. Inklusive der Pfarrfamilien besuchten lediglich 23% regelmäßig den Gottesdienst. Vgl. Budde: Bürgerleben, S. 385f.

66    Vgl. McLeod, Hugh: Weibliche Frömmigkeit, männlicher Unglaube? Religion und Kirchen im bürgerlichen 19. Jahrhundert, in: Frevert: Geschlechterverhältnisse, S. 134-156, hier S. 141f.

67    Budde: Bürgerleben, S. 392.

68    Vgl. ebd., S. 402. Das Zusammenleben von mehreren Generationen und Verwandtschaftsgraden war noch lange der Normalfall. Vgl. ebd., S. 254.

69    Solms: Moral, S. 42. In diesem Zusammenhang kam damals die Frage auf, inwieweit die KHM für die Kinder geeignet seien und Wilhelm Grimm äußerte sich diesbezüglich in einem Brief vom 19.11.1812 wie folgt: „daß wir bei den Kindermärchen recht eigentlich den Wunsch haben, es möge ein Erziehungsbuch werden, da ich mir nichts ernährender, unschuldiger und erfrischender weiß für kindliche Kräfte und Natur“. Schnack, Ingeborg u.a.: Briefe der Brüder Grimm an Savigny. Bd.1. Berlin 1953, S. 143. Vgl. Rölleke, Heinz (Hrsg.): Kinder- und Hausmärchen. Mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Bd. 1. Stuttgart 2008, S. 17. Einwände, die dargestellte Derbheit in den Märchen sei für Kinder nicht geeignet, erwiderte er mit der Aussage, sie hätten als Kinder schließlich schon die Bibel gelesen. Vgl. Steig, Reinhold (Hrsg.): Achim von Arnim und Jacob und Wilhelm Grimm. Stuttgart 1904, S. 266. In der Vorrede zu den KHM meint er, man dürfe „gewisse Zustände und Verhältnisse, wie sie täglich vorkommen“, nicht verbergen und Eltern könnten eine Auswahl treffen, wenn sie dies für angebracht halten. Rölleke, Heinz: Originalanmerkungen. Bd. 1. S. 17.

70    Sog. „Moralische Geschichten“ wurden von Pädagogen und Geistlichen seit den 1780er Jahren verfasst, um als didaktisches Instrument zur Exemplifizierung bürgerlicher Tugenden zu dienen. Damit haben sie „den Märchen der Romantiker als moralische Gattung den Weg“ geebnet. Vgl. Alzheimer, Heidrun: Moral im Kinderbuch des 18. Jahrhunderts. Die Moralische Geschichte als Wegbereiterin des Märchenbooms im 19. Jahrhundert, in: Beisbart, Ortwin u.a. (Hrsg.): Märchen. Geschichte – Psychologie – Medien. Hohengehren 2007, S. 7-28, hier S. 7f. u. 15.

71    Franz, Kurt: „Sagen lassen sich die Menschen nichts, aber erzählen kann man ihnen alles“. Das Volksmärchen als Erziehungs- und Bildungsmedium vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, in: ders. (Hrsg.): Märchenwelten. Das Märchen aus der Sicht verschiedener Fachdisziplinen. Baltmannsweiler 2008, S. 72-102, hier S. 75. Dem Lesebuchherausgeber Dittmar zufolge werden durch die Märchen „gottinnige Gefühle“ und „sittliche Gesinnung“ gefördert, da aus ihnen „die gute Lehre und die Anwendung auf die Gegenwart sich so leicht von selbst ergibt, wie eine gute Frucht aus einer gesunden Blüte ohne Zuthun der Menschen“. Zit. nach: ebd., S. 76.

72    Vgl. Auswertung der Vorreden in Clausen-Stolzenburg: Literaturtradition, S. 48f.

73    „Das Märchen leistet diese Stabilisierung, in dem es den Helden in Situationen gelangen läßt, die vom Kind als Konflikte erlebt werden und deren Lösung ihm Einsichten in Möglichkeiten und Konsequenzen von rollen(in)adäquatem Verhalten gibt.“ Spörk: Studien, S. 13.

74    Vgl. Lehnert: Frauenbild, S. 5f. Die Verlagerung der Legitimation der Vorherrschaft des Mannes über die Frau von einst religiösen und ökonomischen auf biologische Grundlagen ermöglichte ein Bestehen dieser vor den Diskursen der Aufklärung. Vgl. Blaha-Peillex: Mütter, S. 18.

75    Edward Shorter, Max Weber oder Laurence Stone gelten als Vertreter solcher Modernisierungstheorien. Jack Goody erinnert daran, dass traditionale Gesellschaften trotz ökonomischer Nöte und hoher Kindersterblichkeit Zuneigung, Individualismus und elterliche Autorität kannten. Ebenso findet sich in bürgerlichen Schichten die Priorität von Pflicht gegenüber der Liebe. Vgl. ders.: Geschichte der Familie. München 2002, S. 204-214.

76    Vgl. Rosenbaum: Formen der Familie, S. 268.

77    Vgl. ebd., S. 259-263 u. 272-276. Auch die Wertschätzung der individuellen Leistung durch Tüchtigkeit diente der Erarbeitung einer gesellschaftlichen Position in Anbetracht der fehlenden sozialen Verortung. Diese Aufstiegsorientierung bieten auch verschiedene KHM, wenn Fleiß und Tüchtigkeit belohnt werden und Statuswechsel relativ leicht möglich erscheinen. Rosenbaum erklärt, dass die frühbürgerlichen Ideale, vertreten durch Beamte und Gelehrte, sich angesichts des aufgestiegenen Wirtschaftsbürgertums wandelten. Im Kaiserreich dominierten weniger Bescheidenheit und Innerlichkeit, sondern der repräsentative Lebensstil. Die zunehmende politische Rolle und ökonomische Macht lässt sie von einer Aristokratisierung sprechen. Zugleich rückte die Arbeit an sich mehr in den Mittelpunkt. Vgl. ebd., S. 310-330.

78    Die synchrone Verbreitung und Wechselwirkung von Kulturidealen und den KHM ändert nichts daran, dass weder das eine noch das andere als detailgetreue Widerspiegelung der realen Gesellschaft aufgefasst werden sollte. Die Umsetzung der Prinzipien war von Familie zu Familie und Generation zu Generation verschieden.

79    Vgl. Bausinger: Volkstradition, S. 24. In „Die Brüder Grimm in Bildern ihrer Zeit“ geben Denecke u.a. mit Korrespondenzen und Bildzeugnissen Einblick in die Gemeinschaft der Grimm-Geschwister sowie in die zahlreichen familienähnlichen Freundschaften, die dem Geselligkeitsideal der Zeit entsprochen zu haben schienen.

80    Budde: Bürgerleben, S. 256.

81    Die Verwendung des Begriffs ,bürgerlich‘ für einen sozialen Status erfolgt meist assoziativ statt systematisch. Kriterien wie Besitz, Beruf, Bildung und Geschmack ergeben einen bürgerlichen Lebensstil, dem u.a. autobiographische Zeugnisse nach 1800 als Maßstab dienen. Der Gebrauch materieller Güter, Bezug auf ideelle Werte und deren Umsetzung fungieren als Identitätsmodell und Distinktionsmittel. Vgl. Kaschuba, Wolfgang: Deutsche Bürgerlichkeit nach 1800. Kultur als symbolische Praxis, in: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Bürgertum im 19. Jahrhundert. Bd. 3. München 1988, S. 9-44, hier S. 10-20.

82    Vgl. Budde: Bürgerleben, S. 115 u. 121. So schreiben Kinder rückblickend den Eltern verschiedene Qualitäten zu – bei dem Vater zählt der berufliche Werdegang und Verdienste, bei der Mutter die äußere Erscheinung. Vgl. ebd., S. 150.

83    Hermann Bausinger belegt, dass im dörflichen Milieu das „ständige Ineinander von Kooperation und Konkurrenz“ zwischen Geschwistern v.a. im Hinblick auf Erbverteilungen stark ausgeprägt war. Vgl. ders.: Volkstradition, S. 21f.

84    Vgl. Budde: Bürgerleben, S. 256-261.

85    Geschwister berichten, dass Schwestern belehrend und mütterlich auftraten, während bei Brüdern Weichlichkeit als unmännlich deklariert wurde. Vgl. ebd., S. 204, 210 u. 222. Budde stellt fest, dass „die Jungen ihre Männerwelt en miniature vehement vor dem Eindringen von Schwestern, Cousinen und Nachbarinnen zu schützen trachteten, […]. Besonders wenn es darum ging, ihre Knabenverachtung für Mädchen nachzuempfinden, zeigten sich die Autobiographien bemüht, […] mit Nachdruck die mangelnde Eignung der Schwestern für ihre wilde Welt zum Ausdruck zu bringen.“ Ebd., S. 203.

86    Vgl. Bausinger: Volkstradition, S. 25.

87    Z.B. sind die Erlöserkinder in KHM 49 und 82a nicht von ihren Rettungsvorhaben abzubringen, obwohl sie eindringlich von den Geschwistern vor der Lebensgefahr gewarnt werden.

88    Vgl. Lehnert: Frauenbild, S. 25f. u. Spörk: Studien, S. 58. „Der Großteil der behandelten Texte zeigt jedoch die Gebundenheit der Märchenheldin an die familiäre Arbeits- und Gehorsamspflicht, auch wenn ihr die gesellschaftliche Position mehr Macht und Freiräume zubilligen würde.“ Aber ihre Unterordnung führt immer zur Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung, z.B. vom Hausmädchen zur Hausfrau. Ebd., S. 213.

89    Dem Aufgehen der Schwesternfiguren in der Mutterrolle widerspricht in KHM 49 die Missachtung des Wohls der eigenen Kinder zugunsten der Erlösung der Brüder.

90    Vgl. Spörk: Studien, S. 85 u. 120.

91    Bausinger: Volkstradition, S. 23. Dabei mussten gerade in finanziell angespannten Situationen Mädchen hinsichtlich Bildung und Ausstattung zurückstecken, da der elterliche Ehrgeiz sich dann auf die Ausbildung des Sohnes konzentrierte. Umso wichtiger war somit das Üben in Nachsicht und Verzicht für andere durch die Schwestern, was sich mit dem Schwesternbild der KHM deckt. Vgl. Rosenbaum: Formen der Familie, S. 360f.

92    Vgl. Bausinger: Volkstradition, S. 21-30.

93    Ingrid Spörks Einschätzung zufolge, welche auf einer Analyse der sog. „Mutter-Märchen“ in den KHM basiert, werden Konflikte in diesem Märchentypus nicht ausgetragen, sondern „verschoben“. So werden ungünstige familiäre, bzw. gesellschaftliche Grundstrukturen nicht in Frage gestellt und es gebe in den KHM kein wirkliches weibliches Analogon zu Heldenmärchen. Vgl. dies.: Studien, S. 215 u. 240.

94    Kay F. Stone untersuchte Reaktionen von Amerikanern auf Märchen. Z.B. erklärt sie die Beliebtheit des Aschenputtel-Märchens u.a. mit dem amerikanischen Idealbild einer Haus- und Ehefrau sowie dem Traum vom sozialen Aufstieg und die Verstärkung der Inhalte durch Filme, Lieder und andere soziale Kontakte. Vgl. dies.: Mißbrauchte Verzauberung. Aschenputtel als Weiblichkeitsideal in Nordamerika, in: Doderer, Klaus (Hrsg.): Über Märchen für Kinder von heute. Weinheim u.a. 1983, S. 78-93. Nicole Lehnert stellt Untersuchungen vor, die durch den Vergleich mit anderen Märchensammlungen die Kulturabhängigkeit und Widersprüchlichkeit von Geschlechterbildern aufzeigen. Vgl. dies.: Frauenbild, S. 16-24.

95    Der Büchertausch zwischen gemischtgeschlechtlichen Geschwistern zeigt, dass dies nicht immer umgesetzt wurde. Vgl. Budde: Bürgerleben, S. 129.

96    Vgl. Richter, Dieter u.a.: Märchen, Phantasie und soziales Lernen. Berlin 1974, S. 25f.