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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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Geschwister, Geschwisterlichkeit und Serien bei Robert Walser (Dagmar Bruss)

Geschwister, Geschwisterlichkeit und Serien bei Robert Walser

Dagmar Bruss

Abstract

Starting from Juliet Mitchell’s theory of sibling relations and Georg Simmel’s figure of the stranger, this article focuses on the importance of sibling relations in Robert Walser’s work. By tracing the way from the literal notion of siblings to an entire series of peers, its relevance for early 20th century’s mass society is shown.

Ist im Zusammenhang mit Robert Walser von Geschwistern die Rede, denkt man unwillkürlich an den ersten seiner drei Berliner Romane, Geschwister Tanner. Weil die dort auftretenden Geschwister aber, wie so viele der Figuren in Walsers Prosatexten, zugleich auf dessen reale Geschwister verweisen,1 gerät man ohne viele Umwege zu den Geschwistern Walser und von dort zu deren bekanntestem Paar: den Brüdern Karl und Robert Walser. Deren Geschichte habe „etwas von der Polarität eines Märchenstoffs“ – während der eine zu Lebzeiten als Maler erfolgreich war, der andere jedoch scheiterte, kehrt sich dieses Verhältnis nach dem Tod der beiden um. Robert Walser ist heute als Verfasser zahlloser Prosastücke und der Mikrogramme weithin bekannt, während der Maler und Bühnenbildner Karl Walser fast völlig in Vergessenheit geraten ist.2

Den Vergleich mit dem Märchen kann man allerdings über das Tertium der Polarität hinaus bemühen. Denn gerade unter den für unseren Kulturkreis so prägend gewordenen Grimmschen Märchen findet sich eine ganze Anzahl, in denen Geschwisterpaaren eine prominente Rolle zufällt. In Märchen wie Brüderchen und Schwesterchen oder Hänsel und Gretel verbünden sich die Geschwister angesichts der Erfahrung von Aussetzung und Verwahrlosung, die ihnen von Seiten der bösen Eltern oder Stiefeltern zu Teil wird. Man kann diese Beispiele tiefenpsychologisch durchaus als Hinweis auf eine von Außeneinflüssen unabhängige, primäre Geschwisterliebe deuten.3 Und genau darum soll es im vorliegenden Beitrag über Robert Walser gehen: Um eine horizontale ← 221 | 222 Ebene der Beziehungen, die im Begriff ist, sich strukturell von der genealogisch-vertikalen Dimension zu emanzipieren; dies betrifft sowohl den konkreten Sinn des Wortes ,Bruder‘ wie auch dessen metaphorische Verwendung. Damit rückt zugleich die biographische Perspektive der Walser-Brüder wieder in den Hintergrund. Vielmehr wird es mir um die in ausgewählten Texten Robert Walsers sedimentierten Geschwistererfahrungen und deren Strapazierfähigkeit für weitere gesellschaftliche Zusammenhänge gehen. Dass es um 1900 – jenseits der rein privat-biographischen – auch zu einer über mehrere Jahre andauernden Auseinandersetzung mit der darstellenden Kunst des Bruders kam, hat Dominik Müller in seinem Aufsatz Künstlerbrüder – Schwesterkünste. Robert und Karl Walser auf einleuchtende Weise gezeigt. Diese Auseinandersetzung trägt ähnliche Züge wie sie auch in anderem Zusammenhang in Walsers Texten zum Ausdruck kommt. So stiftet sie in Walsers zahlreichen Porträts großer Dichter Nähe zu den Porträtierten, während der eigene Bruder in den Malerporträts in eine stilisierende Distanz rückt. Auf diese Weise entstehe eine „einheitliche Familiengalerie, in welcher die fiktiven Brüder nun auch mit dem realen Bruder verschwistert sind“4.

Das hier skizzierte Prinzip der horizontalen Verkettung als ein Nebeneinander von leiblichen und metaphorischen Geschwistern soll bei Walser mit Blick auf die Zeit der Jahrhundertwende beleuchtet werden. Dabei gehe ich mit Peter Utz davon aus, dass Walser – trotz oder gerade wegen seiner Ausnahmestellung unter den Literaten seiner Zeit – ein besonders feines Sensorium für die zeitgeschichtlichen Umbrüche der Jahrhundertwende entwickelt hat.5 An vielen Stellen scheinen seine Texte von einem Geist der Brüderlichkeit durchweht zu sein. In der Erzählung Wenzel, in der Walser die Erfahrung seiner Stuttgarter Zeit mit ihren begeisterten Theaterbesuchen verarbeitet hat, wohnt ein siebzehnjähriger Drahtfabriklehrling einer Aufführung von Schillers Die Räuber bei. Die Szene, in der sich Franz Moor wie irr am Boden wälzt, löst im Publikum einen Protestruf aus, es entsteht ein Tumult, woraufhin der „betrunkene Neujahrsbruder […] hinausspediert“ wird. Fortan soll das Schillersche Drama mit den beiden die entgegengesetzten Prinzipien aufklärerische Rationalität und Sturm und Drang ← 222 | 223 verkörpernden Brüdern eine besondere Faszination auf den jungen Walser ausüben. So steht er seinem Bruder Karl im Jahr 1894 für ein Aquarell Modell, in dem er in einer von Karl Moors Räuberdasein inspirierten Kostümierung zu sehen ist. In dem sehr viel später erschienenen, unvollendeten Räuber-Roman bezieht sich Robert Walser unmittelbar auf dieses Aquarell:

Er trug einen Dolch im Gürtel. […] Die Augen blickten blau. Es lag gleichsam etwas Blondes in diesen Augen, die die Brüder der Wangen zu sein auf das Innigste vorgaben. Diese Behauptung erwies sich als schlichte Wahrheit.6

Man kann neben diesen noch zahllose weitere Beispiele für eine am Brüderlichen oder Geschwisterlichen inspirierte Metaphorik finden. Doch inwieweit ist dem romantisierenden Walser hier zu trauen? Und, dies die vielleicht entscheidende Frage: Wie steht es, am Beispiel von Geschwister Tanner und Der Gehülfe, mit den unmittelbaren Beziehungen der Geschwister und in welcher Weise strahlen sie auf die metaphorische Verwendung des Begriffs ab?

Dementsprechend ist die theoretische Einbettung meines Beitrags eine doppelte: Einerseits hinsichtlich der psychoanalytischen Verankerung der konkreten Beziehung zweier oder mehrerer Kinder innerhalb einer Familie. Zum anderen geht es um die Situierung der Thematik an der Schwelle zum 20. Jahrhundert und damit zu einer Moderne mit den beginnenden Erscheinungen des Großstadtlebens und der Anonymität der Massen. Vorab soll daher ein kurzer Abriss über Theorie und kulturwissenschaftliche Einordnung gegeben werden.

Ambivalente Geschwister

In ihrem Kommentar zur Nikomachischen Ethik beschreibt Ursula Wolf die Geschwisterbeziehung als die unter den anderen verwandtschaftlichen „am wenigsten in der Familienbeziehung verankerte“. Denn „dieselbe Art der Freundschaft, die zwischen Geschwistern besteht, kann nach Aristoteles auch zwischen anderen Gleichaltrigen bestehen, die zusammen aufwachsen; diese Freundschaft gleicht der zwischen Gefährten“7. Die Annäherung des Brüderverhältnisses an das von Kameraden legt also eine gewisse Offenheit in der Definition der Geschwisterbeziehung nahe. Dieser bereits seit der Antike bekannten Perspektive entspricht eine abendländische Tradition der Priorisierung der Eltern-Kind-Beziehung. Lässt sie sich zum Teil mit der Offenheit der Geschwisterbeziehung ← 223 | 224 selbst erklären, so erscheint der blinde Fleck in Bezug auf laterale Beziehungen auf der anderen Seite bestimmten kulturellen Traditionen geschuldet. Dass die Kindheit im europäischen 17. Jahrhundert als prägende Phase des Menschseins entdeckt wurde, deren Studium jedoch den Erwachsenen vorbehalten war, führte zu einer ersten Beschränkung des Sichtfeldes. Ihre hermeneutische Engführung erfährt diese Tradition aber insbesondere um 1900 in Gestalt der Psychoanalyse, die ja gerade mit der Übertragung der Gefühle des Kindes gegenüber den Eltern auf das Verhältnis Patient-Analytiker operiert.8

In ihrer 2003 erschienenen Studie Siblings. Sex and Violence nimmt Juliet Mitchell eine Relektüre dieser Tradition vor. Während die Anwesenheit oder die Möglichkeit eines Geschwisterkindes in der klassischen Psychoanalyse auf eine sexuelle Beziehung der Mutter hindeutet – die Triade Vater-Mutter-Kind steht dabei im Zentrum –, weist Mitchell auf polygyne Verwandtschaftsverbände hin, bei denen die sexuelle Dimension von viel größerer Reichweite ist. Sexualität wird dort nicht primär „as genitality but as a many-faceted or a ,polymorphous‘ libidinal love“ verstanden, „a love that can love a range of objects with a range of feelings“9. Eine solche Art der Liebe hegt das Kleinkind immer auch für das neugeborene Geschwisterchen. Sie trägt noch narzisstische Züge und wird zugleich von einem Gefühl der Unwilligkeit durchkreuzt, bedeutet doch die Existenz des Neuankömmlings für das ältere Kind einen nunmehr unerreichbaren Platz.10 Die Liebe einem Wesen gegenüber, das ebenso ist wie man selbst, wird zeitgleich mit der Erfahrung empfunden, von einem Wesen, das den eigenen Platz eingenommen hat, verdrängt zu werden. Insofern kann die besondere Ambivalenz des Geschwisterverhältnisses als eine Aufgabe für die kindliche Psyche beschrieben werden, Hass und Gewalt in Liebe zu verwandeln. Mitchell schreibt: „loving one’s sibling like oneself is neither exactly narcissism nor object-love. It is narcissism transmuted by a hatred that has been overcome.“11 Geschwisterliebe und Geschwisterhass sind also aufs Engste miteinander verbunden.

Worin sich das Geschwisterverhältnis von dem Verhältnis zwischen Vater (oder Mutter) und Kind aber noch grundsätzlicher unterscheidet, ist die Tatsache, dass es die Zahl Zwei übersteigt: Indem es sich nicht auf die binäre Opposition zweier entgegengesetzter Geschlechter reduzieren lässt, stellt es eine ← 224 | 225 potentielle Vielzahl von Beziehungen dar.12 Analog zum Gesetz des Vaters, der mit Kastration droht, und dem Gesetz der Mutter, die dem Kleinkind bedeutet, dass es selbst noch keine eigenen Kinder hervorbringen kann und ein Kind neben anderen ist,13 wird die „Serialität“ anhand des „Antigone-Komplexes“ plausibel gemacht. Es ist die Figur der Antigone, die als lebendes Symbol dafür steht, dass es nicht nur einen Bruder zu beerdigen gilt, sondern zwei, im Sinne eines „even if they are different from each other and at war, they are equal in death“14. Nicht Oppositionen, sondern graduelle Unterschiede innerhalb einer Reihe bestimmen das Geschwisterverhältnis, weshalb Mitchell fordert: „We need a place in psychoanalytical theory for the minimal difference that needs to be set up between sisters and brothers to turn replication into seriality“15; eine neben der vertikalen Dimension des Ödipuskomplexes zweite, horizontale Dimension, deren Herausforderung in einem sensiblen Austarieren der gleichen Position in der Geschwisterreihe bei dennoch vorhandenen Unterschieden liegt, der Herausforderung der „likeness in unlikeness, unlikeness in likeness“16. Geschwister kann es stets mehrere oder viele geben, was die Dimension dehnbar macht für andere laterale Beziehungen.

Der Fremde bei Georg Simmel

Gegenüber dem 19. Jahrhundert, das zumeist mit dem Glauben an den Fortschritt und ein Fortschreiten von Geschichte verbunden wird, manifestiert sich der Riss im genealogischen Prinzip am anbrechenden 20. Jahrhundert als Figuration von Gottes Tod und dem Sturz des Vaters. Die damit einhergehenden Veränderungen schlagen sich im Gesellschaftlichen und Politischen in Gestalt der Demokratie nieder. Doch werden mit dem rituellen Vatermord nicht zugleich auch alle Machtungleichgewichte beseitigt. Nicht nur bleibt das väterliche Gesetz in Gestalt einer zu respektierenden Grenze in Kraft, auch ist die ← 225 | 226 neue Gleichheit unter den Söhnen fraglich und droht ihrerseits in eine Fratriarchie zu münden.17

In seiner Philosophie des Geldes beschreibt Georg Simmel die Tendenz zur potenziell unendlichen Multiplikation sozialer Kontakte. Bindungen werden zunehmend austauschbar, der moderne Großstadtmensch steht in abstrakter, durch Geld vermittelter Beziehung zu anderen.18 Vor diesem Hintergrund einer grundsätzlichen, unüberwindlichen Distanz zwischen den Individuen der Moderne entwirft Simmel seinen Typus des Fremden:

Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potenziell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.19

Die Figur des Fremden findet sich klar in einen räumlichen Kontext eingebettet. Er ist innerhalb eines bestimmten Raums – der Raum hier verstanden als „eine Tätigkeit der Seele“20 – fixiert, bringt aber in ihn von draußen kommende Qualitäten ein. Ist das Verhältnis zwischen Menschen grundsätzlich von der Spannung zwischen Nähe und Entfernung geprägt, bedeutet „Fremdsein“ nichts anderes, als „daß der Ferne nah ist“21. Andererseits hat sich, in historischer Betrachtung, der Übergang zu rationelleren politischen Gebilden, wie Simmel zeigt, empirisch oft durch die Abkehr von bluts- bzw. stammesverwandtschaftlichen Organisationsprinzipien hin zu territorialen vollzogen. Zwangsläufig wurden dann qualitativ verschiedenste Elemente politisch vereinigt, deren einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie sich lokal berühren.22 Mit Blick auf meine weiteren Überlegungen könnte man auch sagen: Das moderne Nebeneinander bedeutet keine Wesensähnlichkeit. ← 226 | 227

Bruder oder Freund in Geschwister Tanner

Auf ihre Frage, an wen Simon Tanner einen Brief verfasst habe, erhält dessen neue Vermieterin die Antwort, es handele sich um einen inzwischen in Paris lebenden Freund. Es schließt sich eine Lebensbeschreibung an, aus der hervorgeht, dass es in Wirklichkeit um Simons eigenen Bruder, Kaspar Tanner, geht. Simon hält der sichtlich irritierten Vermieterin folgenden Kurzmonolog:

Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! Solch einen Bruder muß man Freund nennen, wenn man die richtige Bezeichnung haben will. Wir sind nur zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, und das ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als wir noch Brüder waren, packten wir uns eines Tages am Halse, beidseitig, und wollten uns den Garaus machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid und der Haß nichts Außerordentliches. Wenn Freunde sich hassen, gehen sie auseinander; wenn Brüder sich hassen, denen das Geschick das Zusammenleben unter einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde zu. Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.23

In dem Zitat ist eine ganze Reihe von Komplexen gebündelt. Geht man chronologisch vor, ist da zunächst die Rivalität zwischen den Brüdern, die, ganz im Gegensatz zum Wahlcharakter einer Freundschaft, kein Entkommen zulässt. Glaubt man Simons Schilderung, dann reichten Neid und Hass in der Vergangenheit sogar bis zu dem Wunsch nach Auslöschung des jeweils anderen. In der Retrospektive erscheint diese Unversöhnlichkeit wie eine längst vergangene Zeit. Und tatsächlich geht der Zweifel an der „Bruderliebe“ scheinbar ohne Umweg in die Bezeichnung des Bruders als Freund über. Indem für Simon „Freund […] die richtige Bezeichnung“ für einen Bruder wie Kaspar ist, kehrt er Montaignes Diktum, dass „in Wahrheit […] Bruder ein schöner Name“ für „Freund“ sei, gleichsam um.24 Der Ausweg aus einer solchen identifizierenden Logik, innerhalb derer Unterschiede eingeebnet werden, indem die Fiktion eines gemeinsamen Ursprungs unterstellt wird, ist die von Mitchell postulierte minimal difference. Nicht nur bezieht Simon vor der Vermieterin seinem eigenen Bruder gegenüber Distanz, indem er ihn zuerst als „ein Freund in Paris“ ins Gespräch einführt. Auch substituiert er, mit vollem Bewusstsein, den verpflichtenden Charakter der Verwandtschaft durch die Freiheit, die dem Akt der Wahl eines Freundes eigen ist.

In einer anderen Episode wohnt Simon einem Gespräch zwischen zwei Wirtshausgästen bei. Sie unterhalten sich über einen begabten, jungen Mann, der, allen hochfliegenden Erwartungen zum Trotz, nach etlichen Stationen und ← 227 | 228 Stellen im In- und Ausland geisteskrank geworden und schließlich in der Irrenanstalt gelandet sei. Simon erkennt in ihm seinen Bruder Emil wieder, schiebt jedoch die Vermutung des Erzählers, bei dessen Leiden handle es sich um eine Familienkrankheit, harsch beiseite:

Was da? In der Familie? Da irren Sie sich, mein edler Herr Erzähler. […] Entdecken Sie an mir vielleicht auch so etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich auch ins Irrenhaus kommen? Das müßte ich ohne Zweifel, wenn es in der Familie läge, denn ich bin auch aus der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder. Ich schäme mich durchaus nicht, einen nur unglücklichen und keineswegs verderblichen Menschen offen meinen Bruder zu nennen. […] Die Menschen denken immer gleich an grausige Vererbung und so weiter. (GT, S. 237f.)

Es folgt ein flammendes Bekenntnis zu den Lehren, die die jüngeren Geschwister von dem jetzt unglücklichen Bruder empfangen hatten: „[Z]u einer Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel waren, [.] tranken wir das Feuer der Begeisterung für die Kunst“ (GT, S. 239). Wenn auch in anderer Weise als bei Kaspar, begegnen sich auch hier Simons Wunsch nach Ausschöpfung der vollen Potenzialität der Bruderbeziehung einerseits und der Widerwille gegen die als fesselnd begriffenen familiären Bande, seien sie nun genealogischer oder psychosozialer Natur. In dem Beispiel rückt Emil, der für Simon einst so wichtige Bruder, in weite Ferne.

Ferne Wege, nahe Wege

In seiner episodischen Struktur, dem ständigen Wechsel von einer Arbeitsstelle zur nächsten, einem Wohnort zum folgenden, einer menschlichen Begegnung zur anderen, lässt der Roman Geschwister Tanner den Gedanken an einen langen Spaziergang aufkommen. Trotz zahlreicher, von der Forschung festgehaltener Parallelen kann man Simon Tanner damit im Gegensatz zu dem Wanderer sehen, wie er seine ideale Verkörperung in Gestalt von Eichendorffs Taugenichts gefunden hat.25 Denn im Unterschied zum Taugenichts, der seine Erfüllung endlich in einer göttlich-überhöhten Form der Liebe findet26, ist Simons ← 228 | 229 Weiterziehen auf kein bestimmbares Ziel gerichtet. Ich meine, man kann in ihm vielmehr den Typus des Fremden im Sinne von Simmel sehen. Dabei kommt es besonders auf die Potenzialität an: Die „Gelöstheit des Kommens und Gehens“ nicht überwindend, könnte er „potenziell stets weiterziehen“. In diesem Raum, der Möglichkeitsraum bleibt, ohne sich aktualisieren zu müssen, manifestiert sich Walsers ateleologischer Weltentwurf.27

Der Gestus des ständigen Unterwegsseins überträgt sich auch auf die Beziehungen zum Anderen.28 In einem fortwährenden Prozess der Anziehung und Abstoßung beschreibt Walser die Begegnungen seiner Figuren. Auch direkt, über die räumliche Einbettung, besteht ein Bezug zu dem Fremden bei Simmel: Einmal handelt es sich bei dem Raum um einen, der physisch durchschritten wird, zweitens findet man ihn auch im übertragenen Sinn wieder. Ohne die Bedeutung der Mutterbeziehung im Werk Walsers schmälern zu wollen, bietet sich ein Blick auf die ihm zugrundeliegende „Psycho-Logik“ aus der Perspektive der Geschwisterbeziehung an.29 Anhand von zwei Beispielen soll gezeigt werden, wie sich hinter und jenseits der Mutterbeziehung Räume für die Geschwisterdimension auftun und wie, zweitens, die Rollen zwischen Mutter und Schwester fließend ineinander übergehen können.

Im Roman Der Gehülfe bringt Joseph als rechte Hand des Ingenieurs und Erfinders Tobler zusammen mit dessen Familie einige Monate in der „Villa zum Abendstern“ zu. Hier fungiert eine Kindheitserinnerung Josephs ex negativo als Scharnier für eine Vermittlung im Sinne des Gesetzes der Mutter. Das Erlebnis eines unbeschwerten Zusammenseins der Kinder und ihrer Mutter in einer Sandsteingrube am Waldrand – angesichts der seit langem währenden Schwermut der Mutter ein kleines Wunder – lenkt den Blick auf die überstarke Sensibilität, die ← 229 | 230 die Kinder für deren Empfindlichkeiten entwickeln mussten,30 und damit zugleich auf die Leerstelle, die sich auftut, wenn die Mutter der ihr zukommenden Vermittlung zwischen den Kindern nicht mehr gewachsen ist. Auch lange Zeit danach bleibt Josephs Sensorium für einen Ausgleich unter den Geschwistern geschärft, wenn er über die unterschiedliche Behandlung der Kinder der Familie Tobler reflektiert. Nicht Mutterliebe ist es, die er dabei sinnierend einklagt, sondern die fehlende Gerechtigkeit. Gegenüber der „kleine[n], verhutzelte[n] und verschuggte[n] Silvi“ (DG, S. 97) wird ihre engelsgleiche Schwester Dora nach Strich und Faden verwöhnt. Und auch wenn von den beiden Brüdern Edi der Scheue, Walter dagegen der Hansdampf ist, sind beide Buben insgesamt besser gestellt als Silvi, da „in gewissen Familien [… ] Knaben höher im allgemeinen geschätzt [sind] als Mädchen“ (DG, S. 111). „[E]in sehr ungleichmäßiges Viereck“ stellen die Tobler-Kinder aus Josephs Sicht dar. Das Bild wird weiter getrieben, wenn davon die Rede ist, wie sich das „unregelmäßige Viereck“ verschiebt und „die Kinder [sich] zerstreuen, jedes in seine Art und Weise hinein, in die Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen, und in den Weltraum rund um das Haus Tobler herum [.] in die Demütigungen und in die kosenden Worte“ (DG, S. 113f.). Schließlich fragt sich Joseph, ob die Bewegung der vier nicht sogar einen „gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder des Toblerschen Unternehmungenschiffes aus [übe]“ (DG, S. 114), einer Unternehmung, deren Niedergang sich schon abzuzeichnen beginnt.

Mit dem Verweis auf das „Unternehmungenschiff“ deutet sich in dem unregelmäßigen Viereck, das in seine unterschiedlichen Richtungen strebt, die Verbindung von Mikro- und Makrokosmos an. Man kann es insofern auch als Bild für eine nicht mehr zähmbare Disparatheit der Moderne lesen, deren Erkenntnis bei Joseph zum Abschied von der Idee des Sozialismus führen musste. Von ihm und seiner älteren Freundin Klara wird nämlich rückblickend gesagt: „Sie liebten beide, wie es damals Mode war, die ,Menschheit‘“ und, in Bezug auf das diffuse Becken ,Sozialismus‘:

Unter dem Namen ,Sozialismus‘ hatte sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich, eine zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe und um die Körper der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen […] Die Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr geräuschvoll als ernst. […] Was nur immer mit den Verhältnissen und Ordnungen der Welt unzufrieden war, ← 230 | 231 schloß sich dieser leidenschaftlichen Gedanken- und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was die Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakeelmachern und Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten die Feinde dieses ,Gedankens‘ mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln. Die ganze Welt, Europa und die übrigen Erdteile, so hieß es damals unter den jungen und halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese Idee zu einer fröhlichen Menschenversammlung […]. (DG, S. 134f.)

Diese expressionistische Beschreibung – man kann darin eine Bezugnahme auf das historische Zürich um 1900 sehen31 – greift das Thema der Solidarität im Sinne einer universalisierten Idee der Brüderlichkeit auf.32 Sie bezieht jedoch zugleich Distanz zu einer pauschalisierenden Haltung, wie sie sich unter dem Etikett ,Sozialismus‘ zu verbergen schien. Unter all dem Wust an unterschiedlichen politischen Positionen, von reformistischen bis hin zu anarchosyndikalistischen, zeichnet sich als gemeinsamer Nenner lediglich die allgemeine Tendenz zur Massengesellschaft ab. Sie spiegelt sich auch in den Bezügen auf die Welt der kleinen Angestellten, an deren Übergang Josephs Stellung als Gehülfe in der Toblerschen Unternehmung zu sehen ist. Denn während die Dienerschaft in dem alten Sozialmodell noch Teil der ,Familie‘ war, tritt der Angestellte ab den 1890er Jahren zunehmend in seiner ausschließlichen Funktion als abhängig Beschäftigter auf die Bildfläche.33 In dem hier nur skizzenhaft angerissenen Übergang von einem Nachdenken Josephs über das auseinanderstrebende Viereck der Tobler-Geschwister, über die Phase des brüderlich angehauchten ,Sozialismus‘ bis hin zu dem Abschied davon zeichnet sich die Ausweitung der horizontalen Linie weit über die innerfamiliäre Sphäre hinaus ab.

Zwischen Mutter und Schwester

Wenn die Realität im Großen wie im Kleinen auch aus den Fugen ist – im Traum bleibt die mütterlich-vermittelnde Instanz noch intakt. Gegen Ende von Geschwister Tanner sieht Simon seine empfindsame Freundin und einstige Zimmerwirtin Klara Agappaia in einer Pariser Wohnung, wie sie eine Zimmertür nach der anderen öffnet, um ihm seine Geschwister vorzuführen. Paris bietet sich als Ort der Traumhandlung für Simon an, weil sein Bruder Kaspar dorthin gegangen ist, um zu malen. Auf ihrem Rundgang zeigt Klara, die als Zauberin ← 231 | 232 auftritt, Simon zuerst den ältesten, in der Romanwirklichkeit väterlichkonservativen Bruder Klaus, dessen Fleiß sie lobt, auf dessen Liebe und Sorge um Simon sie aber gleichzeitig hinweist. Das Bild von Klaus schwindet und es öffnet sich eine weitere Tür, hinter der die aufgebahrte Schwester Hedwig auftaucht. Hier zeigt sich Klaras Rolle als Vermittlerin besonders deutlich. Denn sie wirbt bei Simon um Verständnis für Hedwigs zartes Wesen, das den Grobheiten des Lebens im Traum offenbar nicht standhalten konnte: „Wie sie [Hedwig] wortlos scheidet: so mädchen- und blumenhaft! Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest das lange nicht so, wie ich als Freundin“ (DG, S. 223). Andererseits werden die Rollen der beiden Frauen im Traum invertiert: Hatte Klara noch kurze Zeit nach ihrer ersten Begegnung mit Hedwig einen Brief an diese verfasst, in dem sie ihre ganze Bewunderung für die Schwester Simons ausgedrückt hatte – dieser war in ihrer Eigenschaft als Pflegerin der eigenen Mutter und als Lehrerin der überlegene Part zugekommen34 –, so ist Klara im Traum die Fürsorgende, die zwischen den Geschwistern um Ausgleich bemüht ist; zum Beispiel, wenn sie Simon in Erinnerung ruft: „Ihr [Kaspar und Simon] ließt sie [Hedwig] leiden, das, das war schmerzhaft“ (GT, S. 223). Schließlich lässt sie eine dritte Tür aufgehen, hinter der sich das Atelier von Simons liebstem Bruder Kaspar befindet. Da die Arbeit am Kunstwerk es verlange, alles auf den Schaffensprozess zu konzentrieren, dürfe dieser nicht gestört werden.

Zwischen Traum und Wirklichkeit kommt es zu einer Verkehrung von Mutter- und Schwesterrolle. In Wirklichkeit sind beide Frauen eher Schwestern denn Mütter: Hedwig als leibliche Schwester und Klara als schwesterliche Freundin der beiden Tanner-Geschwister. Über ihre Freundschaft zu Simon, ihre Liebe zu Kaspar und ihre Bewunderung für Hedwig reiht sie sich unmerklich in den Reigen der Geschwister ein. Was aber zeigen die mütterlichen Anteile im Kontext dieses Beitrags? Die Verlagerung der Vermittlertätigkeit Klaras in den Traum und damit in einen von der Wirklichkeit separierten Ort, stellt, im Sinne Freuds, den Wunsch Simons nach einer regulierenden mütterlichen Instanz zwischen den Geschwistern dar. Und damit macht er zugleich dessen Fehlen in der Realität des Romangeschehens nur allzu deutlich; Simons Bewusstsein für die Geschwisterperspektive wird geschärft. Dass sie sich über den Kreis der leiblichen Geschwister hinaus erstreckt, wird zudem aus dem Verweis auf das Tätigkeitsfeld des Pflegerischen deutlich. Während Hedwig als Erzieherin arbeitet ← 232 | 233 und die eigene Mutter pflegend umsorgt hatte, wird Klara als „Königin der Armen“ (GT, S. 295) zur Wohltäterin.

Geschwister und Serien

Eine ganz ähnliche Konzeption der Serie, wie sie für Mitchell eingangs mit dem Begriff der Serialität angeklungen ist, findet man bei Deleuze und Guattari in ihrer Schrift über Franz Kafka. Den Autoren zufolge stellt die laterale Beziehung zur Schwester, aber auch zu anderen gleichgestellten Figuren in den Texten einen Ausweg aus den verfahrenen Vater-Beziehungen in Kafkas Werk dar. Nur die Beziehungen zu Geschwistern und deren Fortsetzbarkeit in gesellschaftlich offenen Serien – die Autoren geben das Beispiel Schwester – Dienstmädchen – Huren – erlaubten es der jeweiligen Figur, sich zu ,entfamilialisieren‘ und durch die Ausbildung seitlicher Fluchtlinien eine gewisse Freiheit vom väterlichen Gesetz zu erlangen.35

Als eine Serie unter anderen erscheint bei Walser die der ,leiblichen Schwester – Krankenschwester – Fremden‘. Dies lässt sich mithilfe einer weiteren Stelle aus Der Gehülfe verdeutlichen. Als Joseph bei Frau Tobler eine Narbe am Hals bemerkt, fragt er nach deren Herkunft. Frau Tobler

erzählte […] Joseph den Hergang der Operation. Wie man sie aufgefordert habe, in einen großen, leeren Saal zu treten, in welchem nichts anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett oder Gestell und vier gleichmäßig angezogene Krankenschwestern. Diese Schwestern hätten eine wie die andere ausgeschaut, so leer und fühllos. Ihre Gesichter seien einander so ähnlich gewesen wie vier gleich große und gleichfarbige Steine. […] Nicht ein Zug, nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit sei um sie herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck der Härte und der Herzensverlassenheit gemacht. (DG, S. 64. Hervorhebungen D.B.)

Indem Frau Tobler, die sonst so Souveräne, Joseph hier ihre schwache Seite anvertraut, gleicht sich der Statusunterschied zwischen beiden zusehends an. In ihrem Erlebnis im Operationssaal wird die ihrem eigentlichen Auftrag nach der Fürsorge und Nächstenliebe verpflichtete Krankenschwester mit den denkbar unmenschlichsten Folgen der Uniformität der Masse im frühen 20. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Wie Kopien voneinander erscheinen die leeren und fühllosen Schwestern in der Erzählung der Frau Tobler. Mit Mitchell könnte man daher sagen, sie seien im Status des Immer-Gleichen, der Reproduktion ← 233 | 234 (replication) stecken geblieben. Erst mithilfe eines minimalen Abstands (minimal difference) kann daraus eine Serie werden, die es erlauben würde, den Anderen als Anderen und damit vom Ich Verschiedenen anzusehen.

Im Zusammenhang mit der Krankenschwester, die ihre Tätigkeit in den Dienst des Nächsten stellt, ergibt sich als weiteres mögliches Glied der Serie die Ordensschwester im christlichen Gewand. Tatsächlich tauchen Bezugnahmen auf das Christentum in Geschwister Tanner meist in Verbindung mit weiblicher Konnotation auf: Zum einen ist es Klara als Helferin der Armen, zum anderen sind es die christlichen Wanddekorationen im Zimmer eines befreundeten Krankenwärters, die Simon den Gedanken eingeben, eine Schwester des Wärters habe das Zimmer in dieser Weise ausgeschmückt. Auch darüber hinaus gibt es bei Walser zahlreiche, oft versteckte Anklänge an das Christentum, insbesondere in seiner pietistischen Variante.36

Zum Schluss

Auch das Ende von Geschwister Tanner scheint zunächst in eine Utopie universaler Geschwisterlichkeit zu münden. „Sind wir nicht alle zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen Planeten, Geschwister? Brüder und Schwestern? Brüder zu Schwestern, Schwestern zu Schwestern und wieder Schwestern zu Brüdern?“ (GT, S. 312) fragt die Vorsteherin des Volkskurhauses Simon am Ende des Romans. Doch es geht auch pragmatischer: „[E]in Bruder“, fährt sie fort, „muß ja nicht gerade zu den feinsten und erlesensten Menschen gehören und kann doch, vielleicht aus, sagen wir, etwas abgemessener Entfernung, Bruder sein.“ (GT, S. 312f.) An kaum einer anderen Stelle findet sich die Verwendung der wörtlichen und der metaphorischen Komponenten des Begriffs ,Bruder‘ und ,Geschwister‘ in so unmittelbarer Nähe wie an dieser. Während er hier im Kontext eines Übergangs von „Christenpflicht“ zu „Menschenpflicht“ steht, mutmaßt die Vorsteherin über den ihr fremden Simon, er müsse wohl „bedeutende Menschen zu Geschwistern haben“ (GT, S. 319).

Auch der Übergang von Christenpflicht zu Menschenpflicht entspricht einem Weg, der auf der horizontalen Ebene zurückgelegt wird. Was so ansetzt wie eine Utopie der Geschwisterlichkeit, entpuppt sich bei näherer Lektüre der beiden besprochenen Walser-Romane als sensible, aber weitgehend unsentimentale Zustandsaufnahme einer Zeit und deren Beziehungsmuster. Die Texte ← 234 | 235 machen plausibel, wie der Geschwisterbeziehung mit der wachsenden Uniformität der Massen am Beginn des 20. Jahrhunderts eine bislang ungeahnte Relevanz als kleinster Einheit beliebig ausdehnbarer kollateraler Beziehungen erwächst.

In Der Gehülfe kann die Figur Wirsich, vormals Angestellter, als so ein Bruder aus „abgemessener Entfernung“ gelten, wie ihn die Vorsteherin des Volkskurhauses aus Geschwister Tanner im Sinn hat. Die Ungerechtigkeiten, die Joseph im Verhältnis der Tobler-Kinder umtreiben, lassen ihn auch hinsichtlich seines wegen Trunkenheit entlassenen Vorgängers nicht los. Immer wieder ist es ihm um Ausgleich zwischen Wirsich und dem bald gar nicht mehr so souveränen Tobler zu tun. Nicht um euphorische Verbrüderungsgesten geht es dabei, vielmehr um eine innere Haltung Josephs, die die sozialen Unebenheiten im Modus der Reflexion auszugleichen sucht. Der Bezug auf die Raumdimension ergibt sich aus dem Weg, der durchschritten wird von dem jeweils nächsten Vertrauten oder Bruder zu einem Kameraden wie dem betrunkenen Wirsich. Als er diesen – aus seiner neuen Stellung frisch entlassen – in trostlosem Zustand im Wirtshaus trifft, spricht auch Joseph dem Alkohol ziemlich zu, „um dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stück Verständnis näher zu rücken, indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und Verstand beinahe unpassend gewesen wäre.“ (DG, S. 284f.) Dennoch führt die Annäherung an Wirsich nicht zu einer Freundschaft, schon gar nicht zu einer Identifizierung mit dem Los des Kameraden. Dieser bleibt auf Distanz. Vielmehr spiegeln sich im Verhältnis zu ihm die ganze Ambivalenz der Geschwisterbeziehung und deren Fortsetzbarkeit zu einer potenziell unendlichen Serie.

Die Bedeutung, die Fremdheitserfahrungen und das Oszillieren zwischen Ferne und Nähe für das Schreiben Walsers haben, ist verschiedentlich dargestellt worden.37 Die Ausweitung einer immer schon ambivalenten Geschwisterbeziehung auf die Beziehungen der horizontalen Linie schlechthin – ein raumgreifender Prozess – bringt ein weiteres Zitat von Deleuze und Guattari über Kafkas Prozeß noch einmal auf den Punkt:

Der Vater und die Mutter (z.B. Verwandlung) sind nahe und in Distanz; sie sind Emanationen des Gesetzes. Die Schwester jedoch ist nicht nahe: Sie ist nebenan, in Kontiguität und Ferne. Desgleichen der Beamte und Bürokrat: Der „andere“ Beamte ist immer nebenan, in Kontiguität und Ferne.38← 235 | 236

Die Verbindung von Geschwistern und Raum erwächst aus dem Nebeneinander, in dem die Serie zum Ausdruck kommt. Auch der Walser-Bewunderer Kafka, der so tief in die Wucherungen der Angestelltenwelt eingedrungen ist, hat dafür ein Gespür entwickelt. Im Vergleich dazu zeigt sich die horizontale Verkettung in Der Gehülfe noch weitgehend über den Umweg der Reflexion, den Joseph nimmt. Dessen so sehr um Ausgleich bemühtes, vermittelndes Denken macht – gerade indem es zumeist beim Denken bleibt – das Fehlen einer gesetzgebenden mütterlichen Instanz nur umso stärker offen. Und damit lenkt es den Blick auf die Beziehungen der Geschwister, Kameraden und weiter Entfernten untereinander.

Quellen und Literatur

Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit. München 1996.

Bichsel, Peter: Reading Geschwister Tanner, in: The Review of Contemporary Fiction, Vol. 12, No. 1 (1992), S. 66-78.

Blok, Anton: The Narcissism of Minor Differences, in: ders.: Honour and Violence. Cambridge 2001, S.115-135.

Böschenstein, Bernhard: Zu Robert Walsers Dichterporträts, in: Deuchler, Florens u.a. (Hrsg.): Von Angesicht zu Angesicht. Porträtstudien. Bern 1983.

Deleuze, Gilles; Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt/Main 1976.

Echte, Bernhard; Meier, Andreas (Hrsg.): Die Brüder Karl und Robert Walser. Maler und Dichter. Stäfa 1990.

Fischer, Anton: Der Weg zum Anderen in Robert Walsers „Räuber“-Roman. Norderstedt 1995.

Groddeck, Wolfram u.a. (Hrsg.): Robert Walsers „Ferne Nähe“. Neue Beiträge zur Forschung. München 2007.

Hong, Kil-Pyo: Selbstreflexion von Modernität in Robert Walsers Romanen „Geschwister Tanner“, „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“. Würzburg 2002.

Mächler, Robert: Robert Walser und das Christentum, in: Kerr, Katharina (Hrsg.): Über Robert Walser. Bd. 2. Frankfurt/Main, 1978, S. 115-124.

Matt, Peter von: Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur. München, Wien 1995.

Mitchell, Juliet: Siblings. Sex and Violence. Cambridge 2003.

Montaigne, Michel de: Essais. Frankfurt/Main 1998.

Müller, Dominik: Künstlerbrüder – Schwesterkünste. Robert und Karl Walser, in: Stadler, Ulrich (Hrsg.): Zwiesprache. Beiträge zur Theorie und Geschichte des Übersetzens. Stuttgart, Weimar 1996, S. 382-395.

Petri, Horst: Geschwister – Liebe und Rivalität. Die längste Beziehung unseres Lebens. Zürich 1994.

Prill, Meinhard: Aus dem Leben eines Taugenichts, in: Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers Neues Literatur Lexikon. Bd. 5. München 1989, S. 72-74. ← 236 | 237

Rüsch, Lukas: Ironie und Herrschaft. Untersuchungen zum Verhältnis von Herr und Knecht in Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“. Königstein 1983.

Sauvat, Catherine: Vergessene Weiten. Eine Robert Walser-Biographie. Frankfurt/Main 1995. Schmidt-Hellerau, Cordelia: Der Grenzgänger. Zur Psycho-Logik im Werk Robert Walsers. Zürich 1986.

Schuller, Marianne: Moderne. Verluste. Literarischer Prozess und Wissen. Basel, Frankfurt/Main 1997.

Simmel, Georg: Die Philosophie des Geldes. Hrsg. v. David P. Frisby; Klaus Christian Köhnke, in: Georg Simmel Gesamtausgabe. Bd. 6. Hrsg. v. Otthein Rammstedt. Frankfurt/Main 1989.

Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Leipzig 1908.

Utz, Peter: Tanz auf den Rändern. Robert Walsers „Jetztzeitstil“. Frankfurt/Main 1998.

Utz, Peter: „Eigentümlich, zwiefach, übertragen“: Figuren des Fremden bei Robert Walser, in: Caduff, Corina (Hrsg.): Figuren des Fremden in der Schweizer Literatur. Zürich 1997, S. 18-35.

Villwock, Peter: Räuber Walser. Beschreibung eines Grundmodells. Würzburg 1993.

Wagner, Karl: Herr und Knecht: Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“. Wien 1980.

Walser, Robert: „Der Spaziergang“, in: ders.: Dichtungen in Prosa. Bd. 5: Komödie. Geschichten und Der Spaziergang. Hrsg. v. Carl Seelig. Genf, Frankfurt/Main 1961, S. 259-343.

Walser, Robert: Der Gehülfe. Hrsg. von Jochen Greven. Zürich, Frankfurt/Main 1985.

Walser, Robert: Geschwister Tanner. Frankfurt/Main 1975.

Wolf, Ursula: Aristoteles’ „Nikomachische Ethik“. Darmstadt 2007.

Zimmermann, Hans D.: Walser und die pietistische Ethik, in: Chiarini, Paolo (Hrsg.): „Immer dicht vor dem Sturze …“. Zum Werk Robert Walsers. Frankfurt/Main 1987, S. 237-251.

Zoll, Rainer: Was ist Solidarität heute? Frankfurt/Main 2000. ← 237 | 238← 238 | 239 →


1      Zur Problematik des Ineinandergreifens von Leben und Werk bei Robert Walser vgl. unter anderen Sauvat, Catherine: Vergessene Weiten. Eine Robert Walser-Biographie. Frankfurt/Main 1995, S. 7f., sowie Villwock, Peter: Räuber Walser. Beschreibung eines Grundmodells. Würzburg 1993, S. 7-11.

2      Vgl. Echte, Bernhard; Meier, Andreas: Einleitung, in: dies. (Hrsg.): Die Brüder Karl und Robert Walser. Maler und Dichter. Stäfa 1990, S. 5-6, insb. S. 5.

3      Vgl. Petri, Horst: Geschwister – Liebe und Rivalität. Die längste Beziehung unseres Lebens. Zürich 1994, S. 21ff.

4      Müller, Dominik: Künstlerbrüder – Schwesterkünste. Robert und Karl Walser, in: Stadler, Ulrich (Hrsg.): Zwiesprache. Beiträge zur Theorie und Geschichte des Übersetzens. Stuttgart, Weimar 1996, S. 382-395, hier S. 382. Von Böschenstein stammt der Ausdruck der „brüderlichen Spiegelbilder“ sowie die Metapher des Bruders im Sinne einer Wahlverwandtschaft zu den Porträtierten, vgl. Böschenstein, Bernhard: Zu Robert Walsers Dichterporträts, in: Deuchler, Florens u.a. (Hrsg.): Von Angesicht zu Angesicht. Porträtstudien. Bern 1983, S. 286-292; hier S. 289 u. 292.

5      Vgl. dazu Utz, Peter: Tanz auf den Rändern. Robert Walsers „Jetztzeitstil“. Frankfurt/Main 1998.

6      Beide Zitate nach Echte, Meier: Karl und Robert Walser, S. 42. (Hervorhebung D.B.)

7      Wolf, Ursula: Aristoteles’ „Nikomachische Ethik“. Darmstadt 2007, S. 22. Die entsprechenden Stellen bei Aristoteles sind folgende: Nikomachische Ethik, 1161b33ff. und 1162a9ff. Als Kriterium von Lust und Nutzen der besonderen Freundschaft zwischen Verwandten wird hier die Enge der Lebensgemeinschaft angegeben.

8      Zu den kulturellen Traditionen vgl. Mitchell, Juliet: Siblings. Sex and Violence. Cambridge 2003. Außerdem: Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit. München 1996, S. 23-41.

9      Mitchell: Siblings, S. 10.

10    Vgl. ebd., S. 10.

11    Ebd., S. 36.

12    Vgl.: „As a part of a series, girls and boys are ,equilateral‘, in other words, they are not defined by what is missing. Girls and boys explore what is there, not what is not.“ Ebd., S. 128.

13    Vgl.: „One is a child in the same position as one’s sibling in regard to one’s parent or parents, as one’s peers in relation to one’s teacher or boss, but one is also different: there is room for two, three, four or more.“ Ebd., S. 53.

14    Ebd., S. 128.

15    Ebd., S. 151. Dass sich die Nichteinhaltung minimaler Unterschiede zwischen benachbarten Gruppen und Ethnien in Form von Gewaltausbrüchen und ,Bruderkriegen‘ niederschlagen kann, zeigt Anton Blok mit Blick auf Freuds Begriff des „Narzißmus der kleinen Differenzen“. Vgl. Blok, Anton: The Narcissism of Minor Differences, in: ders.: Honour and Violence. Cambridge 2001, S. 115-135.

16    Mitchell: Siblings, S. 125.

17    Vgl. Matt, Peter von: Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur. München, Wien 1995, S. 327-335. Zum Mythos des Vatermords und der Suche nach den Grenzen des väterlichen Gesetzes am Beginn der Moderne bei Freud vgl. Schuller, Marianne: Moderne. Verluste. Literarischer Prozess und Wissen. Basel, Frankfurt/Main 1997, S. 111f.

18    Vgl. Simmel, Georg: Die Philosophie des Geldes. Hrsg. v. David P. Frisby; Klaus Christian Köhnke, in: Rammstedt, Otthein (Hrsg:): Georg Simmel Gesamtausgabe. Bd. 6. Frankfurt/Main 1989, S. 254ff. u. S. 542f.

19    Simmel, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Leipzig 1908, S. 685.

20    Ebd., S. 616.

21    Ebd., S. 685.

22    Vgl. ebd., S. 691-695.

23    Walser, Robert: Geschwister Tanner. Frankfurt/Main 1975, S. 213f. Im Folgenden als GT im Text zitiert.

24    Vgl. Montaigne, Michel de: Essais. Frankfurt/Main 1998, S. 99.

25    Vgl. dazu Bichsel, Peter: Reading Geschwister Tanner, in: The Review of Contemporary Fiction, Vol. 12, No. 1 (1992), S. 66-78. Bezeichnendes Beispiel für Walsers Affinität zu diesem Modus der Fortbewegung ist darüber hinaus „Der Spaziergang“, vgl. Walser, Robert: Der Spaziergang, in: ders.: Dichtungen in Prosa. Bd. 5: Komödie. Geschichten und Der Spaziergang. Hrsg. v. Carl Seelig. Genf, Frankfurt/Main, S. 259-343.

26    Der Taugenichts bleibt ohne Namen, als „romantische Allegorie auf ein menschliches Leben, das sich 'Gottes Führung' empfiehlt“, siehe Prill, Meinhard: Aus dem Leben eines Taugenichts, in: Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers Neues Literatur Lexikon. Bd. 5. München 1989, S. 72-74, hier S. 73.

27    Vgl. dazu Hong, Kil-Pyo: Selbstreflexion von Modernität in Robert Walsers Romanen „Geschwister Tanner“, „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“. Würzburg 2002, S. 1650.

28    In seiner Dissertation zu Walsers „Räuber“-Roman untersucht Fischer den Weg des Protagonisten zum Anderen mithilfe der Philosophie Emmanuel Lévinas’, vgl. Fischer, Anton: Der Weg zum Anderen in Robert Walsers „Räuber“-Roman. Norderstedt 1995.

29    Schmidt-Hellerau verwendet den Begriff der Psycho-Logik im Sinne der Analyse einer das Werk Walsers durchziehenden fiktiven Figur, um Aufschluss über die beim Schreiben wirkenden unbewussten Impulse zu erhalten. Bei der Nachzeichnung der Psychogenese der Figur des Grenzgängers – dieser Verhaltenstypus entspricht der Erfahrung, die sich in Walsers Werk vermittelt –, beschränkt sich die Autorin jedoch „trotz unseres Wissens um die Geschwister Robert Walsers“ auf die Eltern-Kind-Triade, vgl. Schmidt-Hellerau, Cordelia: Der Grenzgänger. Zur Psycho-Logik im Werk Robert Walsers. Zürich 1986, S. 23. Diese Beschränkung ist hier Gegenstand der Kritik.

30    „Die Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter, ob sie böse war oder nicht, nein, sie schaute gütig und im übrigen gemessen gradaus“. In: Walser, Robert. Der Gehülfe. Hrsg. v. Jochen Greven. Zürich, Frankfurt/Main 1985, S. 102. Im Folgenden als DG im Text zitiert.

31    Vgl. Rüsch, Lukas: Ironie und Herrschaft. Untersuchungen zum Verhältnis von Herr und Knecht in Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“. Königstein 1983, S. 195.

32    Zum Zusammenhang der Begriffe Brüderlichkeit und Solidarität vgl. u.a. Zoll, Rainer: Was ist Solidarität heute? Frankfurt/Main 2000, S. 34-77.

33    Zum Sozialmodell des „ganzen Hauses“ vgl. Wagner, Karl: Herr und Knecht. Robert Walsers Roman „Der Gehülfe“. Wien 1980, S. 148f.

34    Vgl. dazu Simon: „Meine Mutter und meine Schwester Hedwig ergeben in meinem Kopf immer ein innig verbundenes und zusammengewobenes Bild. Hedwig hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und gepflegt, wie man ein kleines Kind pflegen muß.“ (GT, S. 324).

35    Vgl. Deleuze, Gilles; Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt/Main 1976. Die Autoren bringen die unterschiedlichen Freiheitsgrade in der Eltern-Kind- bzw. der Bruder-Schwester-Beziehung mit zwei unterschiedlichen Arten des Inzests in Verbindung, dem paranoischen und dem Schizo-Inzest, vgl. S. 93. Darauf kann im gegebenen Zusammenhang nicht weiter eingegangen werden.

36    Für nähere Ausführungen zu dem Thema vgl. Mächler, Robert: Robert Walser und das Christentum, in: Kerr, Katharina (Hrsg.): Über Robert Walser. Bd. 2. Frankfurt/Main 1978, S. 115-124 sowie Zimmermann, Hans D.: Walser und die pietistische Ethik, in: Chiarini, Paolo (Hrsg.): „Immer dicht vor dem Sturze …“. Zum Werk Robert Walsers. Frankfurt/Main 1987, S. 237-251.

37    Vgl. u.a. Groddeck, Wolfram u.a. (Hrsg.): Robert Walsers „Ferne Nähe“. Neue Beiträge zur Forschung. München 2007. Sowie Utz, Peter: „Eigentümlich, zwiefach, übertragen“: Figuren des Fremden bei Robert Walser, in: Caduff, Corina (Hrsg.): Figuren des Fremden in der Schweizer Literatur. Zürich 1997, S. 18-35.

38    Deleuze; Guattari: Kafka, S. 107. (Hervorhebungen D.B.)