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Wenn Hände eine neue Sprache lernen

Gestikerwerb bei französisch-, spanisch- und russischsprachigen Deutsch-L2-Lernern

Galina Putjata

Gefühle. Gedanken. Emotionen. Dem, was die Sprache zu beschreiben vermag, wird oft erst durch eine Bewegung der Hand Nachdruck verliehen. Dabei unterliegt auch die Gestik sprachlicher und kultureller Variation. Was geschieht, wenn wir den sprachlichen Code wechseln? Verbleibt uns die Gestik als identitäres Merkmal oder passen sich auch unsere Hände der neuen Sprache an? Ausgehend von authentischen Interviews mit spanisch-, französisch- und russischsprachigen Deutschlernern wird empirisch die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen des Gestikerwerbs beantwortet. An der Schnittstelle zwischen Gestikforschung und Zweitspracherwerb angesiedelt, bietet das Buch eine Annäherung an die Prozesse der Gestikherausbildung.
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Teil I Ich gestikuliere, also bin ich. Relevanz von Gestik und Gestenerwerb

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“One cannot not communicate.”14 Mit diesem Kommunikationsaxiom revolutionierte der Amerikaner Paul Watzlawick 1967 die Kommunikationsfoschung und postulierte, dass ein Individuum sich stets in Interaktion mit seiner Umwelt befindet. So wie wir uns nicht nicht verhalten können, können wir auch nicht nicht kommunizieren. Denn die Botschaft einer sprachlichen Äußerung wird nicht nur von ihrem verbalen Inhalt bestimmt. Unsere Körperhaltung, Gestik und Mimik sind in vergleichbarem Maß Teil der Kommunikationssituation wie das gesprochene Wort. Sie sind ein bedeutendes Medium der zwischenmenschlichen Kommunikation. Zahlreiche psychologische Studien belegen, dass neben stimmlichem Volumen und Intonation, Blickkontakt, Körperhaltung und interpersonaler Distanz auch die Gestik ein integraler Bestandteil der sozialen Organisation und Regulation von interpersonaler Kommunikation ist. So konstatierte 1967 der amerikanische Soziologe Albert Mehrabian, dass allein die Körpersprache eines Vortragenden für bis zu fünfundfünfzig Prozent des Informationsflusses bei Präsentationen verantwortlich sei.15 Selbst wenn diese Zahlenangaben sehr kritisch zu lesen sind, bestätigen neuere Untersuchungen von Gestikforschern die herausragende Bedeutung der Körpersprache.16

Neben der sozialpsychologischen Forschung liefert auch die Linuistik neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der nonverbalen Kommunikation. Demnach besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Sprache und Gestik. Zahlreiche Studien zeigen, dass Worte und Gesten nicht nebeneinander produziert werden, sondern inhaltlich, funktional und temporal genauestens aufeinander abgestimmt sind. Unter allen nonverbalen Zeichen sind Handbewegungen, mit denen Menschen ihren Diskurs untermalen, am engsten mit der verbal geäußerten Sprache verknüpft. Nach einer einleitenden Übersicht über den linguistischen Stellenwert der Gestikforschung sowie die Interdependenz...

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