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Gab es in Bremen im 19. Jahrhundert eine maritime Kultur?

Von kosmopolitischen Hanseaten und absonderlichen Seeleuten- Ein ethnohistorischer Beitrag zur Debatte über Küstengesellschaften

Jan C. Oberg

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Bremen eine beispiellose seewirtschaftliche Blüte. Die Studie geht den kulturellen Folgen dieser Entwicklung nach und verbindet ethnologische Methoden mit historischer Recherche. Der Autor schildert die wirtschaftliche Bedeutung der Seefahrt, das Selbstverständnis und die Alltagspraxen des Bremer Bürgertums sowie das Verhältnis der Bremer zu in- und ausländischen Seeleuten. Er entdeckt soziale, kulturelle und räumliche Praxen der Distinktion und Exklusion und zeichnet den Prozess nach, in dem die kulturellen Stereotypen von hanseatischen Weltbürgern und absonderlichen Seeleuten entstanden. Das Konstrukt einer kultivierten Hansestadt mit einer vulgären Hafenkolonie ist bis heute Bestandteil des Bremer Selbstbildes. Die Idee der Küstengesellschaft nach Braudel dechiffriert Oberg am Beispiel des Nordseeraums als mental map und Produkt nationaler und global/lokaler Historiographien.
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II. Kultivierte Hanseaten und unkultivierte Seeleute: „Maritime“ Kultur in Bremen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

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Im Jahr 1800 reist der Theologe Johann Gottfried Hoche aus Hohenstein bei Erfurt durch Ostfriesland und besucht dabei auch Bremen. Die Stadt kommt ihm „im Ganzen genommen gut gebauet“ vor, ihre Straßen und öffentlichen Plätze jedoch findet er „für ihren Betrieb zu enge“ und „voll von Menschen, die kaufen und verkaufen.“ Der Handel erscheint ihm als das Element in Bremen, in dem die Menschen leben „wie der Fisch im Wasser“ (Hoche 1800; zit. nach Kasten 1946: 92). Auf dem Wasser der Weser findet er jedoch „nur wenige Schiffe, …eigentlich nur Kähne oder Boote“ (ebd.: 93). Einen ähnlichen Eindruck gewinnt der Groninger Pädagoge Berend Brugsma, als er 1834, mitten in einer für den Bremer Überseehandel wichtigen Phase, die Bremer Schlachte besichtigt: „die Schiffe, die wir hier sahen, waren nicht sehr zahlreich und von geringer Größe“ (Brugsma 1836/2007: 335). „Wir sahen… mit eigenen Augen, …dass die Weser, die durch Bremen fließt, wenig zu bedeuten hat“, schreibt 1826 auch der holländische Sprachwissenschaftler Bartold Henrik Lulofs (1827/2007: 302). Den mäßigen Hafenbetrieb fasst 1841/42 der Magdeburger Pastor und Portraitmaler Otto Friedrich Wehrhahn in seiner „Norddeutschen Reise“ (1841/42) mit dem markanten Satz zusammen: „Einen Hafen gibt es in Bremen nicht und darum auch keinen zu beschreiben.“ (Wehrhan 1842/2007: 392)

Die Weser war um 1800 so sehr versandet, dass größeren Seeschiffen die Fahrt nach Bremen nicht möglich war.72 Die Wesermündung zur Nordsee lag fünfzehn Meilen entfernt von der Bremer...

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