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Das Experiment Blum

Die Volksfront in Frankreich und das Ende der Dritten Republik 1936 – 1940

Elisabeth Bokelmann

Soziale Unruhen und politische Ausschreitungen kennzeichnen in den frühen 1930er Jahren die Vorgänge in zahlreichen europäischen Staaten, darunter auch Frankreich. Nach einem blutigen Aufstand antiparlamentarischer Kräfte in Paris, der die Instabilität der republikanischen Ordnung aufzeigt, erklären sich die Parteien des Mitte-Links-Spektrums zu einem Zusammenschluss bereit und gewinnen nach einem engagiert geführten Wahlkampf das Mandat der Wähler. Als Ministerpräsident der Koalition des Front populaire fungiert der Sozialist Léon Blum, der es sich zur Aufgabe macht, überfällige Reformen zu realisieren. Sowohl innenpolitische Zwänge als auch die außenpolitische Bedrohung durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland engen den Spielraum der Volksfront ein und tragen zum dramatischen Ende der Dritten Republik bei.
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2. Politische Strukturen

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2.1. Die Parteien der „etablierten Ordnung“

Die Parteien des „ordre établi“, die das rechte Spektrum der französischen Parteienlandschaft bildeten, stellten keine geeinte politische Kraft dar, sondern unterschieden sich deutlich in ihrer Zusammensetzung, ihrer Bedeutung und ihrer Zielsetzung. Nur unter den Vorzeichen „Antikommunismus, Wirtschaftsliberalismus, Nationalismus“ ergab sich zeitweise eine labile Zusammenarbeit. Einige der gemäßigt-rechten Gruppierungen gründeten ihr Selbstverständnis auf die Errungenschaften der Revolution und strebten den Fortbestand der sozialen Ordnung im Rahmen der Republik an. Mitunter hatten sie ihrer Parteibenennung die Begriffe „links“, „revolutionär“ oder radikal“ beigefügt, was aber keinen Rückschluss auf ihre politische Orientierung zulässt. Andere mehr an wirtschaftlichen Gesichtspunkten und Interessen orientierte Bewegungen strebten weniger die Realisierung ideologischer Grundsätze an als die Durchsetzung von Kapitalinteressen. Ultrakonservative Gruppen hingegen sahen ihr Ziel in der Wiedereinführung traditioneller, hierarchisch gegliederter Gesellschaftsmodelle, allen voran die monarchistisch ausgerichtete „Comité de l’Action française“, die wegen ihres Extremismus, Antisemitismus und Nationalismus 1926 von Papst Pius XI. als unvereinbar mit den Grundsätzen der katholischen Kirche verurteilt worden war. Ebenso hatten andere klerikal orientierte Fraktionen in der Vergangenheit restaurative Zielsetzungen verfolgt, vollzogen aber ab 1926 im Zusammenhang mit der neuen päpstlichen Politik20 eine Kehrtwendung und öffneten sich den Anliegen der sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten.

Die rechts stehenden französischen Parteien waren keine Parteien im eigentlichen Sinn mit entsprechenden Organisationen, sondern eine Art Honorationen - Komitees. Ihre Mandatsträger wurden nicht von einer Parteibasis gewählt, ← 23 | 24 → sondern rekrutierten...

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