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Das Experiment Blum

Die Volksfront in Frankreich und das Ende der Dritten Republik 1936 – 1940

Elisabeth Bokelmann

Soziale Unruhen und politische Ausschreitungen kennzeichnen in den frühen 1930er Jahren die Vorgänge in zahlreichen europäischen Staaten, darunter auch Frankreich. Nach einem blutigen Aufstand antiparlamentarischer Kräfte in Paris, der die Instabilität der republikanischen Ordnung aufzeigt, erklären sich die Parteien des Mitte-Links-Spektrums zu einem Zusammenschluss bereit und gewinnen nach einem engagiert geführten Wahlkampf das Mandat der Wähler. Als Ministerpräsident der Koalition des Front populaire fungiert der Sozialist Léon Blum, der es sich zur Aufgabe macht, überfällige Reformen zu realisieren. Sowohl innenpolitische Zwänge als auch die außenpolitische Bedrohung durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland engen den Spielraum der Volksfront ein und tragen zum dramatischen Ende der Dritten Republik bei.
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Einleitung

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Bei der Betrachtung zurückliegender Zeiträume geraten in den Blick der Nachgeborenen mitunter Zusammenhänge und Kontinuitäten, die es nahe legen, Zuordnungen, Einteilungen und Periodisierungen vorzunehmen. Die auf diese Weise strukturierten und häufig unter einem Oberbegriff gefassten Phasen erscheinen dann tendenziell als „geschlossene Räume“, die eine weitgehend gleichförmige, durch ein wesentliches Charakteristikum gekennzeichnete Entwicklung suggerieren. So erscheint bei manchen Autoren die Periode von 1914–1945 als „Der europäische Bürgerkrieg“1, bei anderen als „Der Zweite 30jährige Krieg“2. So sehr dieses Vorgehen dazu beiträgt, bestimmte zeitlich bedingte Besonderheiten herauszuarbeiten, so sehr beinhaltet es das Risiko, Abweichungen aus dem zugrunde gelegten Schema zu vernachlässigen. Vor allem wird die Technik der „geschlossenen Räume“ der Tatsache nicht gerecht, dass die Menschen, die in der Vergangenheit lebten, ihren zeitlichen Kontext als ergebnisoffen erlebten und ihre Zukunft – ihre eigene wie die ihres Gemeinwesens – durch ihre Entscheidungen und Handlungen zu gestalten glaubten.

Ein Zeitabschnitt, für den diese „Offenheit der Zukunft“ als bestimmendes Element gelten kann, ist die Volksfront-Periode in Frankreich, die als „expérience Blum“3 in die französische Zeitgeschichte einging. In der Wahrnehmung der Zeitgenossen nahm diese Zeitspanne in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Dazu trug sowohl die Art und Weise ihrer Entstehung bei, die aus einem spektakulären Revirement politischer Kräfte resultierte, wie auch das Reformprogramm der Volksfront-Bewegung, das in der Bevölkerung kollektive Erregung auslöste. Eine tragische Note, die noch heute mancherlei Fragen ← 9...

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