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Morgenland und Moderne

Orient-Diskurse in der deutschsprachigen Literatur von 1890 bis zur Gegenwart

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Axel Dunker and Michael Hofmann

Die Ereignisse nach dem 11. September 2001 und die jüngsten gesellschaftlichen Umbrüche im Nahen Osten, der Irak-Krieg, der Bürgerkrieg in Syrien, der fortdauernde Konflikt in Afghanistan, aber auch die interkulturellen Probleme innerhalb Deutschlands machen deutlich, wie wichtig die Bilder und Vorstellungen sind, die sich der «Westen» vom traditionell auf den Begriff des «Orients» gebrachten Nahen und Mittleren Osten macht. Die Beiträge dieses Bandes geben Aufschlüsse über das Verhältnis von Identität und Alterität, von Selbst- und Fremdbildern im Verhältnis der deutschen Kultur und Gesellschaft zum «Orient».
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Jan Gerstner: Zwischen Rausch und Fremdenlegion. Friedrich Glausers Ma­ghreb

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„Der Orient ist nicht nur eine Landschaft, sondern auch ein seelischer Bezirk“, schreibt Hugo Ball im Oktober 1915 in sein Tagebuch: „Wenn Opiumesser und Morphinisten Aufschlüsse zu geben für nötig hielten, so fände man, daß sie sich eine Welt erbauen, die unserem ach so normalen Europa leider verloren ging oder ihm immer fehlte.“1

Im Kontext der historischen Avantgarden, so auch in Balls Dada-Tagebuch, ist die Stilisierung europäischer Alteritätsentwürfe zur geistigen Alternative Europas nicht ungewöhnlich, wenngleich hier häufiger auf ‚Neger‘ oder ‚Primitive‘ rekurriert wurde als auf den Orient.2 Balls auch im Hinblick auf europäische Orient-Diskurse relativ konventionelle Verbindung des geografisch und kulturell Fremden mit dem Bereich des psychisch und sozial Verdrängten führt zugleich zwei Themen zusammen, die das Leben eines der Beteiligten an den Züricher Dada-Soiréen entscheidend bestimmen sollten. Friedrich Glauser, der Ball wohl 1917 über Tristan Tzara kennenlernte,3 litt bis zu seinem Lebensende unter seiner Morphium-Sucht und verbrachte als Fremdenlegionär zwei Jahre, von 1921 bis 1923, in Algerien und Marokko.

In seinem Bericht über den Züricher Dada-Kreis, der trotz oder gerade wegen der Distanz, die Glauser dem Dadaismus gegenüber wahrte, zu den interessantesten Zeugnissen über dessen Anfänge zählt, erwähnt er einen Auftritt Balls, in dem die primitivistische Geste in einen eigentümlichen Kontrast zu seinen ← 77 | 78 → eigenen späteren Erfahrungen tritt: „Ich werde ihn immer vor mir sehen, wie er am Klavier sitzt...

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