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Von Memel bis Allenstein

Die heutigen Bewohner des ehemaligen Ostpreußens: Memelland, Kaliningrader Gebiet, Ermland und Masuren - 2 Teile

by Andrzej Sakson (Author)
©2016 Monographs 1168 Pages
Open Access

Summary

Der Autor zeigt den Verlauf der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Prozesse in den Regionen Memelland, Kaliningrader Gebiet, Ermland und Masuren nach 1945 auf. Er vergleicht ihre jeweiligen Entwicklungen kritisch miteinander und rekurriert dabei auf die Nationalbildungsprozesse im späten 19. Jahrhundert sowie die Ereignisse am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Analysen stützen sich auf eigene soziologische Feldforschung. Zahlreiche Interviews, direkte und indirekte Beobachtungen sowie quantitative Untersuchungen wurden durch Archivstudien und durch die Auswertung von amtlichen Dokumenten, Memoiren, Fachliteratur sowie Presseezeugnissen ergänzt.

Table Of Contents

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Teil 1
  • Titel
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einführung
  • Kapitel I Vom Prußenland zu Ostpreußen
  • 1. Die Prußen
  • 2. Der Staat des Deutschen Ordens und der brandenburgischen Kurfürsten
  • 3. Ostpreußen in den Grenzen des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918)
  • 3.1. Masuren
  • 3.2. Ermländer
  • 3.3. Preußisch-Litauer
  • 3.4. Königsberg – Ostpreußens Hauptstadt
  • Kapitel II Deutsches, litauisches und polnisches Ostpreußen (1918-1939)
  • 1. Friedensvertrag von Versailles – Ostpreußens erste Teilung
  • 2. Die Volksabstimmung vom 11. Juli 1920
  • 3. Ostpreußen in der Weimarer Republik
  • 4. Die „Nationalsozialistische Revolution“ in Ostpreußen (1933-1939) und ihre Folgen
  • 5. Nationalitätenverhältnisse im deutschen Ostpreußen
  • 5.1. Preußisch-Litauer und Masuren
  • 5.2. Die polnische Bewegung im Ermland und im Marienburger Land
  • 6. Litauisch-Preußen – das Memelland
  • 6.1. Das Problem der Preußisch-Litauer (Lietuvininkai)
  • 7. Polnisch-Preußen – das Soldauer Gebiet
  • 7.1. Die Masuren-Frage
  • Kapitel III Ostpreußens Größe und Untergang (1939-1945)
  • 1. Das Neue Ostpreußen
  • 1.1. Verwaltungsgliederung
  • 1.2. Terror und Verbrechen
  • 1.2.1. Memelland und Soldau
  • 1.2.2. Die eingegliederten Gebiete: Regierungsbezirk Zichenau, Kreis Suwalken, Bezirk Bialystok
  • 1.3. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter
  • 2. Ostpreußens Vernichtung
  • 2.1. Operation Ostpreußen
  • 2.2. Evakuierung und Flucht
  • Kapitel IV Die alten und neuen Bewohner (1945-1950)
  • 1. Das Memelland (Klaipėdos Kraštas) in den Grenzen des Mutterlandes
  • 1.1. Klaipėda – vollständiger Bevölkerungsaustausch
  • 1.2. Litauische Autochthone
  • 1.2.1. Lage und Rechtsstatus der einheimischen Bevölkerung
  • 1.2.2. Zwischen Litauen und Deutschland
  • 1.3. Siedler
  • 1.4. Deportationen
  • 1.5. Zwangskollektivierung
  • 2. Sonderzone – Vom Königsberger zum Kaliningrader Gebiet
  • 2.1. Sowjetische Besatzung und Einverleibung – Entstehung der Herrschaft und der Verwaltungsstruktur
  • 2.2. Sowjetisierung der Namen
  • 2.3. Die Lage der deutschen Bevölkerung und ihre Aussiedlung
  • 2.4. Sowjetische Siedler
  • 2.4.1. Siedlungsverlauf in den „neuen Gebieten“
  • 3. Von Ostpreußen zu Ermland und Masuren
  • 3.1. „Polnische Anrechte“ auf Ostpreußen
  • 3.2. Die sowjetisch-polnische Doppelherrschaft
  • 3.3. Bezirk Masuren/Woiwodschaft Olsztyn – Verwaltungsgliederung
  • 3.4. Alt- und Neueinwohner
  • 3.4.1. Deutsche – die Aussiedlungen
  • 3.4.2. Ermländer und Masuren – die Verifizierung der Volkszugehörigkeit
  • 3.4.2.1. Kreis Działdowo
  • 3.4.3. Siedler
  • 3.4.4. Grenzländer (Kresowiacy)
  • 3.4.5. Ukrainer – die Aktion Weichsel
  • 3.5. Das Verhältnis zur deutschen Vergangenheit
  • 3.5.1. Politik der „Entdeutschung“
  • 3.5.2. Beseitigung der „Symbole deutscher Herrschaft“
  • 3.5.3. Eliminierung des „deutschen Geistes“
  • 3.5.4. Aneignung der Kulturlandschaft
  • 3.5.5. Repolonisierung der Autochthonen
  • Kapitel V Schwieriges Wurzelnschlagen. Die Zeit des realen Sozialismus (1950-1990)
  • 1. Kleinlitauen in den Grenzen des sozialistischen Vaterlandes
  • 1.1. Die Mythologie „Preußisch-Litauens“ und das deutsche Kulturerbe
  • 1.2. Herausbildung neuer Gemeinschaften
  • 1.2.1. Ausreisen der einheimischen Bevölkerung als Ausdruck der sozialen Desintegration
  • 1.3. Klaipėda
  • 2. Das Kaliningrader Gebiet – ein Musterland für den Homo Sovieticus
  • 2.1. Wirtschaftliche Lage
  • 2.2. Kolchosen- und Sowchosensystem. Änderungen in der Siedlungsstruktur
  • 2.3. Kaliningrad
  • 2.3.1. „Alles Deutsche zerstören“
  • 2.3.1.1. Zerstörung von Kirchen und Sprengung des Königsberger Schlosses
  • 2.3.2. Hin zu einer neuen Ikonosphäre
  • 2.3.3. „Progressive Kultur“ – Identitätswandel
  • 3. Ermland und Masuren – sozialer und wirtschaftlicher Wandel
  • 3.1. Stalinisierung (1949-1955)
  • 3.2. Vom Oktober 1956 bis zum Untergang des real existierenden Sozialismus
  • 3.3. Allenstein – Olsztyn
  • Abbildungen
  • Abbildungsnachweis
  • Index
  • Teil 2
  • Titel
  • Inhaltsverzeichnis
  • Kapitel VI: Postmigrationsgesellschaften im Transformationsprozess
  • 1. Das unabhängige Litauen
  • 1.1. Memelland, Preußisch-Litauen, Kleinlitauen oder Westlitauen?
  • 1.1.1. Demographische Prozesse und Umstrukturierung der regionalen Wirtschaft
  • 1.1.2. Untergang des Kolchossystems
  • 1.1.3. Das Verhältnis zur historischen Vergangenheit
  • 1.1.3.1. Der Verein der Preußisch-Litauer „Mažoji Lietuva“ (Kleinlitauen)
  • 1.1.3.2. Die deutsche Minderheit
  • 1.1.3.3. Evangelisch-lutherische Kirche
  • 1.1.4. Probleme mit dem historischen Erbe des Memellandes
  • 1.2. Klaipėda. Ein neues Gesicht der Stadt
  • 2. Die Exklave Kaliningrad
  • 2.1. „Vertrautwerden“ mit der neuen Heimat
  • 2.2. Umgeben von der NATO und der Europäischen Union
  • 2.3. Soziale Probleme
  • 2.3.1. Arm und reich. Soziale Schichtung
  • 2.3.2. Gesellschaftliche Missstände
  • 2.3.3. Korruption
  • 2.4. Marginalisierung des ländlichen Raums
  • 2.5. Neue Siedlungsaktion
  • 2.5.1. Einwanderung von Polen und Deutschen aus Kasachstan
  • 2.6. Russisch-Preußen/Kaliningrader Preußen
  • 2.7. Vom Kollaps zur Stabilisation und einer neuen Wirtschaftskrise
  • 2.8. Kaliningrad. Regionalhauptstadt von heute
  • 2.8.1. Kaliningrad oder Königsberg? Das Verhältnis zur Vergangenheit
  • 2.8.1.1. „750 Jahre Kaliningrad“
  • 2.8.1.2. Wiederaufbau des Königsberger Schlosses?
  • 2.8.2. „Kaliningrad meine Heimat“. Identifikationsprobleme
  • 2.8.3. Zukunft des „Kaliningrader Problems“
  • 3. Woiwodschaft Ermland-Masuren
  • 3.1. Änderungen der Verwaltungsstruktur
  • 3.2. Transformation der Wirtschaft
  • 3.2.1. Soziale Folgen der Reformprozesse
  • 3.2.1.1. Gewinner und Verlierer oder soziale Schichtung und Arbeitslosigkeit
  • 3.2.1.2. Die soziale Katastrophe in den ehemaligen staatlichen Agrarbetrieben
  • 3.2.2. Wandel lokaler Postmigrationsgemeinschaften
  • 3.3. Nationalitätenverhältnisse
  • 3.3.1. Gibt es noch Masuren und Ermländer?
  • 3.3.2. Deutsche
  • 3.3.3. Ukrainer
  • 3.3.4. Gemeinschaft der Grenzländer (Kresowiacy)
  • 3.4. Atlantis des Nordens oder der neue Regionalismus
  • 3.5. Verwahrer oder Nachfolger der deutschen Vergangenheit?
  • 3.5.1. Verhältnis zu historischen Gedenkstätten
  • 3.5.2. Konflikt um ein Denkmal in Nakomiady. Eine Fallstudie
  • 3.6. Polnisches oder deutsches Eigentum?
  • 3.6.1. Streit in Narty oder ein „neues polnisches Westerplatte“
  • 3.6.2. Das Verhältnis zu den deutschen Vermögensrückforderungen
  • 3.7. „Ich liebe Olsztyn“
  • 3.7.1. Die Stadt im Bewusstsein ihrer Einwohner
  • 3.7.2. Ringen mit der deutschen und der kommunistischen Vergangenheit
  • Kapitel VII: Neue Identitäten im Lichte eigener Forschung
  • Schlusswort, oder: Was von Ostpreußen geblieben ist
  • Abbildungen
  • Abbildungsnachweis
  • Bibliografie
  • Index
  • Reihenübersicht

5.   Nationalitätenverhältnisse im deutschen Ostpreußen

Infolge der Beschlüsse der Pariser Konferenz wurde von Ostpreußen ein Gebiet im Norden der Provinz (Memelland) abgetrennt, das 1923 an Litauen (Litauisch-Preußen) angegliedert wurde, und ein Gebiet im Süden, wo aus dem Kreis Neidenburg das Soldauer Gebiet (Polnisch-Preußen) herausgelöst und 1920 Teil Polens wurde. Im Ergebnis der Volksabstimmung von 1920 wurden im Grenzgebiet einige Ortschaften um Löbau dem polnischen Staat angeschlossen. Die Mehrheit der masurischen und ermländischen Bevölkerung sowie der Preußisch-Litauer verblieb allerdings in den Reichsgrenzen.

Das Schicksal der protestantischen Preußisch-Litauer (Lietuvininkai) und Masuren, die in den Grenzen Ostpreußens lebten, weist in den Jahren 1920-1944 viele Ähnlichkeiten auf. Gemeinsam ist ihnen die damals rasch fortschreitende Assimilation (Germanisierung), die im Verlust des ethnischen Selbstbewusstseins zum Ausdruck kam. Ähnliches vollzog sich auch unter der einheimischen Bevölkerung im Soldauer Gebiet und im Memelland.

5.1.   Preußisch-Litauer und Masuren

Die evangelische Konfession und die Tatsache, dass die Preußisch-Litauer und Masuren nicht in den Staaten lebten, aus denen sie stammten, d. h. in Litauen bzw. Polen, führten dazu, dass sich beide Gruppen nicht nur von ihren deutschen Nachbarn, sondern auch von den katholischen Litauern und Polen „jenseits der Grenze“ stark unterschieden. Die Preußisch-Litauer und Masuren, aber auch die katholischen Ermländer bildeten im Laufe der Geschichte eine soziale Gruppe, die zwischen Litauertum/Polentum und Deutschtum gewissermaßen schwebte und eine eigene Wertewelt schuf. Dazu gehörten eigene Sprache und Kultur, Bindung an den Heimatort und Loyalität gegenüber den Behörden ihres Wohnstaates.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sahen sich die Preußisch-Litauer und Masuren mit den „Urteilen der Geschichte“ konfrontiert, die in ihrem Fall eine Aufteilung der staatlichen Zugehörigkeit des bisher kohärenten Wohngebiets zwischen Ostpreußen und Memelland bzw. Soldauer Gebiet mit sich brachten. Die Masuren waren (ähnlich wie die Ermländer) vor die Wahl (masurisch: „welunek“) gestellt, sich in der Volksabstimmung von 1920 für Polen oder für Deutschland (Ostpreußen) zu entscheiden. Für Grenzlandgesellschaften, zu welchen die Masuren, Ermländer und Preußisch-Litauer zählen, bedeutete dies oftmals die Notwendigkeit dramatischer Wahlentscheidungen, worauf die „autochthone“, „einheimische“ oder „alteingesessene“ Bevölkerung nicht vorbereitet war. Sie wurde ← 68 | 69 → mit einer aggressiven Ideologie von Staaten konfrontiert, die gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen ihre eigenen unterschiedlichen Ziele verfolgten und sie für die deutsche, litauische bzw. polnische Sache zu gewinnen versuchten. Für die „Gruppen dazwischen“, ethnische Gemeinschaften also, die sich ihrer Eigenart bewusst waren, blieb somit wenig Platz und Verständnis in der ungleichen Auseinandersetzung zwischen dem deutschen, litauischen und polnischen Staat.

Die Preußisch-Litauer und Masuren, die 1920-1944 in Ostpreußen lebten, waren nicht nur wegen des deutschen Nationalismus, der seinen Triumph in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches feierte, zur Niederlage verurteilt. Sie bedeutete den Verlust der Eigenart und Identität sowie eine preußisch-deutsche Assimilation. Dies war de facto der Anfang vom Ende der Masuren und Preußisch-Litauer als jahrhundertealte Volksgruppen.

Bis zur Angliederung des Memellandes 1923 an Litauen war die Lage der Preußisch-Litauer alles anderes als typisch. In den Jahren 1920-1923, d. h. während der „französischen Besatzung“ in Memel und Umgebung, gab es gemeinsame litauische Organisationen für das Memelland und das übrige Ostpreußens. Von großer Bedeutung für die litauische Bewegung in Ostpreußen zwischen den beiden Weltkriegen waren die Jahre 1914-1920. In jener Zeit haben sich zwei wichtige Zentren herauskristallisiert: Memel und Tilsit. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und insbesondere die Besetzung des „russischen Litauens“ durch deutsche Truppen brachten Großlitauen und Preußisch-Litauen (Kleinlitauen) auf quasi natürliche Weise enger zusammen. In beiden Gebieten wurden Tendenzen wirksam, die das kaiserliche Deutschland als „großlitauisch“ bezeichnete. Durch die Niederlage Deutschlands konnten diese nun offen artikuliert werden.

Bereits im November 1918 verteilten „litauische Aktivisten“ auf Marktplätzen und Straßen der Städte in den Kreisen Memel und Heydekrug (später Teil des Memellands) sowie Tilsit und Ragnit Flugblätter und riefen zum Anschluss Preußisch-Litauens an Großlitauen auf. Ein Nationalkomitee für Preußisch-Litauen wurde ins Leben gerufen, das Deutschland für die nationale Unterdrückung und Zerstörung des litauischen Geistes kritisierte und die Abtrennung des nördlichen Ostpreußens von Deutschland und seine Angliederung an Großlitauen forderte64. Es wurde versucht, die internationale Gemeinschaft für den Fall zu interessieren65. ← 69 | 70 → In 24 Gemeinden wollten die Litauer deutsche Beamte durch litauische ersetzen. Es wurde ein litauischer Nationalrat gebildet. Gefordert wurde auch der Anschluss von neun preußisch-litauischen Kreisen an Litauen, in denen die Preußisch-Litauer vermeintlich die Mehrheit der Einwohner stellten66. Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, wurde im Februar 1919 in Memel die Memeler Litauervereinigung ins Leben gerufen. In Tilsit entstand im März desselben Jahres ein Litauerklub, und die Vereinigung Birute nahm ihre Tätigkeit wieder auf. Durch den Zusammenschluss mehrerer Organisationen wurde die Vereinigung der Litauer Preußens gegründet. Begonnen wurde mit dem Aufbau eines Netzwerks von Vertrauensleuten und mit der Aufstellung von Räten (Tarybas), die die Abgeordneten zur Obersten Nationaltaryba der Preußisch-Litauer wählen sollten. Deutschland reagierte auf all diese Aktivitäten scharf und intervenierte auf internationaler Bühne. Man befürchtete, dass Ostpreußen mehr als ein Fünftel seiner Fläche mit fast einem Viertel seiner gesamten Einwohnerschaft verlieren könnte, sollten die Ziele der „litauischen Separatisten“ verwirklicht werden. Die endgültige Entscheidung fiel auf der Friedenskonferenz in Versailles, wo im Artikel 99 die Abtrennung des Memellandes von Ostpreußen beschlossen wurde. Das Memelland sollte zu einem besonderen Kondominium der alliierten Mächte werden. In den übrigen Gebieten, die in den Grenzen Deutschlands verblieben, „erlahmte die litauische Bewegung nach einem stürmischen und an nationalen und politischen Aktivitäten reichen Jahr 1919“67. Es brauchte einige Jahre, bevor ein erneuter Versuch zur Selbstorganisation durch die Preußisch-Litauer unternommen wurde, nicht zuletzt auf eine Anregung seitens der polnischen Aktivisten in Ostpreußen68. ← 70 | 71 →

Zum wichtigsten Zentrum für die Verteidigung der litauischen nationalen Rechte stieg Tilsit auf. In dieser Grenzstadt an der Memel entstanden und wirkten die wichtigsten Organisationen der Preußisch-Litauer. 1925 wohnten deutschen Behörden zufolge in Ostpreußen nur 4 600 Personen litauischer Nationalität. Dies hätte lediglich 1,79 % der Gesamtbevölkerung in den fünf „litauischen Kreisen“ Labiau, Pillkallen, Tilsit, Ragnit und Niederung ausgemacht. Die litauischen Aktivisten bezifferten die Zahl derer, die Litauisch sprachen bzw. verstanden, auf etwa 100 000. Beide Schätzungen wichen von den tatsächlichen Gegebenheiten ab. Andere Quellen gaben diese Zahl mit ca. 60 000 bzw. 20 000 an69. Die zuletzt genannte Zahl erscheint am wahrscheinlichsten.

Im Jahr 1930 gab es auch die Vereinigung der Litauer in Deutschland mit ca. 2 800 Mitgliedern. Sie übernahm die Schirmherrschaft über andere kleinere Organisationen mit Sitz in Tilsit: Litauischer Gesangsverein (44 Mitglieder), Litauischer Frauenverband (58 Mitglieder), Litauischer Arbeiterverein (108 Mitglieder), Litauischer Presseverband (8 Mitglieder) sowie Litauischer Klub und Litauischer Schriftstellerverband. Aktiv war auch die Preußisch-Litauische Volkspartei (285 Mitglieder), die in den Wahlen von 1932 im Regierungsbezirk Gumbinnen nur 83 Stimmen (davon in Tilsit: 22) und im Regierungsbezirk Königsberg 41 (Königsberg-Stadt: 11) erhielt70.

In Tilsit kam nunmehr die Zeitung „Naujasis Tilţės Keleivis“ heraus71. Nachdem der Genfer Kongress 1930 die Preußisch-Litauer als nationale Minderheit anerkannt hatte, wurde mit dem Aufbau eines privaten litauischen Schulsystems begonnen. 1931 wurde in Tilsit der Rat litauischer Schulen in Ostpreußen gegründet. Es war geplant, etwa ein Dutzend Dorfschulen (unter anderem in den Ortschaften Gilge, Schillgallen und Sentainen) zu errichten. In Tilsit wurden zwei ← 71 | 72 → Litauischkurse durchgeführt72. Letztendlich ist es nicht gelungen, eine einzige litauische Schule zu eröffnen73. Ähnlich war es in Masuren.

Auf Hindernisse stieß auch die Abhaltung von Gottesdiensten in litauischer Sprache. Laut Kirchenstatistiken fanden „litauische Gottesdienste“ im Jahr 1937 nur in Skirwieth (ca. 40 Besucher), in Skaisgirren, Ragnit, Groß Lenkeningken und Lasdehnen (je ca. 30 Personen) sowie in neun weiteren Ortschaften (wo am Gottesdienst je weniger als 20 Gläubige teilnahmen) statt. Diese Gottesdienste wurden nur von zwei Priestern mit Litauischkenntnissen (darunter von einem Deutschen) abgehalten74.

Die Lage der Preußisch-Litauer gestaltete sich ähnlich wie bei den Masuren sehr schwierig. Die fortgeschrittene Assimilation, geringe materielle Hilfe und Unterstützung durch die Behörden in Kaunas sowie die rücksichtslose Germanisierungspolitik der Königsberger Regierung waren die drei wichtigsten Gründe für das Schwinden der ethnischen Eigenart der Preußisch-Litauer.

Die deutschen Behörden bezeichneten die „natürliche Eindeutschung ohne Druck und Zwang“ der Preußisch-Litauer und Masuren als „Verdeutschung“. Diese vollzog sich bereits im Kaiserreich, dann in der Weimarer Republik und auch im Dritten Reich, oftmals in Form einer direkten Druckausübung administrativer, wirtschaftlicher und psychologischer Art. Die Deutschen verspotteten die Preußisch-Litauer nicht selten als „dumme Litauer“ oder „litauische Barbaren“. Ähnliches widerfuhr den Masuren, wovon unter anderem die verächtliche Redewendung „Wo sich aufhört die Kultur, beginnt zu leben der Masur“ zeugt.

Die preußisch-deutschen Behörden betrieben gegenüber den Preußisch-Litauern und Masuren eine Politik der langsamen, aber systematischen Germanisierung. Dies war umso leichter, als diese Bevölkerungsgruppen über keine eigenen Eliten, kein Bürgertum und auch keine aufgeklärte Bauernschaft verfügten75. Insbesondere vertraten die Nationalsozialisten den Standpunkt, die alten Masuren oder Litauer könnten „mit ihrer Eigenart dahinsiechen“. Es durfte allerdings nicht zugelassen werden, dass ein junger Litauer oder Masure etwa nicht Deutscher wäre76. Der Weg ← 72 | 73 → zum „Deutschtum“ führte über einzelne Assimilationsstufen: von der freiwilligen bis hin zur Zwangsassimilation (besonders zur Zeit des Dritten Reiches).

Der Erste Weltkrieg hatte ebenfalls einen starken Einfluss auf die Lage der masurischen Bevölkerung. Gemeinsame Kriegserlebnisse, die Kampfbeteiligung der Masuren an verschiedenen Fronten und große Hilfe anderer Regionen Deutschlands beim Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen trugen zur Vertiefung des Verhältnisses der Masuren zum deutschen Staat bei. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges intensivierte sich der kulturell-gesellschaftliche, sprachliche und staatliche Assimilationsprozess an das Deutschtum unter den jüngeren Generationen der masurischen Bevölkerung.

Große Bedeutung für die fortschreitende Entnationalisierung der Masuren hatten die Migrationsprozesse sowie der Verlauf und die Resultate der Volksabstimmung vom 11. Juli 1920. Der soziale Aufstieg junger Masuren, der das Heraustreten aus einer in sich geschlossenen territorialen Gruppe bedeutete, wurde mit der sozialen Assimilation im Deutschen Reich gleich gesetzt. Die Kenntnisse der polnischen Sprache schwanden allmählich. Unter dem Assimilationsdruck wuchs unter der masurischen Bevölkerung das Bewusststein für die lokale Bindung, die sprachliche und religiöse Gemeinschaft sowie das Gefühl der Andersartigkeit gegenüber den Polen und – in gewissem Grade – auch gegenüber den Deutschen. Am treffendsten wurde diese Selbsteinschätzung der masurischen Bevölkerung 1921 von Adolf Szymański in seiner Doktorarbeit Die wirtschaftliche Lage der Masuren in Ostpreußen veranschaulicht. Er schrieb: „Ihre polnische Abstammung und Sitten und die deutsche Tradition, die polnischen Nachnamen und die deutschen Vornamen, die polnische Sprache und die deutsche Schrift, die polnischen ← 73 | 74 → Sprichwörter und die deutschen Lieder, die slawische Religiosität und die evangelische Konfession sind die wichtigsten Wesensmerkmale der Masuren“77.

Dieser Umstand begünstigte – insbesondere in den zwanziger Jahren – verschiedene autonome bzw. sog. separatistische Tendenzen78. Sie resultierten aus dem spezifischen masurischen Patriotismus. Dieser gründete auf der Überzeugung, dass die Masuren einen besonders großen Anspruch auf das masurische Land hätten. Die aus dem Reich zugezogenen späteren Ansiedler wurden als fremdes Element betrachtet, dessen Ansprüche viel bescheidener seien79. Solche Organisationen wie die Masurische Selbstwehr, die Masurenvereinigung in Lyck oder auch der Masurenbund von Kurt Obitz und die Zeitschrift „Cech“ profilierten sich mit der Losung „Masuren den Masuren“80. Zu Recht setzten die deutschen Behörden Forderungen nach der masurischen Autonomie mit einer Stärkung des Polentums gleich. Diese Organisationen, die von der Bevölkerung eine relativ breite Unterstützung erfuhren und sich in ihrem Programm auf eine Eigenart beriefen, die auf der polnischen Sprache und eigenen Traditionen beruhte, hätten künftig die Grundlage für eine polnische Bewegung bilden können.

Die Masuren bewohnten den Süden Ostpreußens, wo sie zahlenmäßig dominierten. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Zahl der polnischstämmigen Bevölkerung in den acht masurischen Kreisen Osterode, Neidenburg, Ortelsburg, Sensburg, Johannisburg, Lötzen, Lyck und Oletzko auf 350 000 ← 74 | 75 → 500 000 Personen geschätzt. Darin sind 18 000 Masuren nicht enthalten, die seit 1920 in den Grenzen des polnischen Staates lebten (Kreis Soldau)81. Im gleichen Jahr hatten die genannten acht Kreise insgesamt 451 000 Einwohner. Nach den damaligen Volkszählungen wohnten in den Städten 55 % Masuren und 45 % Deutsche, während sich die ländliche Bevölkerung zu 86 % aus Masuren und zu 14 % aus Deutschen zusammensetzte. Darunter waren 420 500 Protestanten und 30 500 Katholiken82. Nach der deutschen Volkszählung von 1925 wurde die Zahl der Masuren auf etwa 240 000 Personen geschätzt.

In der Zeit zwischen den Weltkriegen durchlief die polnische Bewegung in Masuren mehrere Entwicklungsstufen83. 1922 wurde der Bund der Polen in Deutschland eingetragen. In Masuren zählte er 287 Mitglieder (davon 225 Männer und 62 Frauen), die in 78 Ortschaften lebten. Dies waren 28,9 % aller Mitglieder dieses Bundes in Ostpreußen. Die meisten Mitglieder des Bundes der Polen konzentrierten sich in den Kreisen Ortelsburg (151 Personen in 43 Ortschaften) und Osterode (112 Personen in 22 Ortschaften)84.

Die mangelnden Erfolge der polnischen Bewegung in Masuren waren in gewissem Grade auf die Taktik des Bundes der Polen in Deutschland zurückzuführen. Die Mitgliedschaft im Bund stützte sich auf nationale Exklusivität und blieb in der Praxis Polen mit deutscher Staatsangehörigkeit und ausgeprägtem nationalen Bewusstsein sowie mit einer bestimmten politischen Orientierung vorbehalten85.

Die eigentlichen Misserfolge der polnischen Bewegung in Masuren sind aber darin zu sehen, dass zumal in den dreißiger Jahren diejenigen Gruppen zahlenmäßig zurückgingen, die ihre ethnische Eigenart hätten beibehalten wollen und können86. ← 75 | 76 → Beschleunigt hat sich auch der Schwund national indifferenter Gruppen87. Kennzeichnend für die polnische Bewegung war die Verflechtung der konservativen Strömung mit der Pflege polnischer Traditionen, während für die jungen Masuren das Deutschtum mit neuen Werten, Sitten, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen verbunden war. Der polnischen Bewegung in Masuren gehörten im Laufe der Zeit immer mehr ältere Menschen an. Im Jahr 1939 waren 30,5 % aller Mitglieder des Bundes der Polen in Masuren älter als 61 Jahre88. An der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg war die polnische Bewegung in Masuren nur noch rudimentär89. Trotzdem erschien in Ortelsburg bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Zeitschrift „Mazur“. Zuvor erschien das propolnische Blatt „Mazurski Przyjaciel Ludu“ (Masurischer Volksfreund). Trotz der Bemühungen des Bundes der Polen in Deutschland gelang es nicht, in Masuren auch nur eine Schule mit polnischer Sprache zu eröffnen. Ein Versuch scheiterte im Dorf Piasutten im Kreis Ortelsburg, weil kurz nach der Schuleröffnung 1932 der Lehrer Jerzy Lanc ← 76 | 77 → unter ungeklärten Umständen verstarb. Bescheidene Wahlerfolge konnten die Polnische Volkspartei (Polska Partia Ludowa) oder die Masurische Vereinigung (Zjednoczenie Mazurskie) verbuchen90. Ein wichtiges Element, das zur Stärkung und zum Erhalt des masurischen Selbstbewusstseins beitrug, waren Kenntnisse der polnischen Sprache und die spezifische masurische Religiosität. Neben der Zugehörigkeit zur evangelischen (unierten) Kirche bildeten die Masuren zahlreiche „Häuflein“ (Gromadki, daher die Bezeichnung der Gromadkibewegung). 1932 zählten sie 36 690 Gläubige91.

In der Unierten Kirche in Masuren fanden auch Gottesdienste auf Polnisch (sog. „masurische Gottesdienste“) statt. Der Druck seitens der deutschen Verwaltungs- und Kirchenbehörden hatte allerdings zur Folge, dass die Zahl dieser Gottesdienste zwischen 1929 und 1936 von 2 540 pro Jahr auf 1 480 fiel. Noch 1938 fanden die „masurischen“ Gottesdienste in 112 evangelischen Kirchen in acht Kreisen statt. So nahmen beispielsweise 1937 insgesamt ca. 25 000 Gläubige in der Superintendentur Passenheim an solchen Gottesdiensten teil. Durch die antimasurischen und antipolnischen Maßnahmen seitens der Behörden ging die Zahl der Gläubigen in dieser Superintendentur im Jahr 1938 nach offiziellen Angaben auf 177 Personen zurück. Kraft einer Behördenanordnung vom 24. November 1939 wurde ein Verbot für ganz Masuren erlassen, Gottesdienste auf Polnisch abzuhalten (in der Gemeinde Passenheim wurden sie erst im Juni 1940 abgeschafft)92.

Die Assimilationsprozesse der masurischen Bevölkerung waren in den zwanziger und dreißiger Jahren weit fortgeschritten, autonome Tendenzen im Schwinden begriffen; dies war sowohl auf repressive Maßnahmen als auch auf eine deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zurückzuführen. Das Verhältnis der masurischen Bevölkerung zum Polentum war recht differenziert. Wie Emilia Sukertowa-Biedrawina 1926 schrieb, ließen sich die Masuren in vier Gruppen einteilen: ← 77 | 78 →

      „1.   Jene, die polnisch sprechen und nationalbewusst sind;

      2.   Jene, die zu Hause polnisch sprechen, aber ohne Nationalbewusstsein und gleichgültig sind, sich vor der preußischen Faust fürchten;

      3.   Masuren deutscher Zunge, wie sie vom Senator Limanowski genannt werden, die in deutschen Schulen erzogen wurden, aber ihre rassische Eigenart empfinden und die Losung ‚Masuren den Masuren‘ gebrauchen;

      4.   Erklärte deutsche Patrioten, die alles Polnische, Eigene bekämpfen und im Dienst nationalistischer deutscher Organisationen stehen; ihre Devise ist: ‚masurisch heißt deutsch‘“93.

Diese Gliederung war auf die einzelnen Generationen der masurischen Bevölkerung übertragbar. Einige Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ließen sich unter anderem drei Gruppen unter der polnischstämmigen Bevölkerung unterscheiden: 1) die ältere Generation der über 50-Jährigen, die die stärkste Bindung zur polnischen Sprache und allem Polnischen an den Tag legte, obwohl sie nur in geringem Maße mit organisierten Formen der polnischen Bewegung in Kontakt stand; 2) die mittlere Generation der 30- bis 50-Jährigen, die sich gegenüber den Aktivitäten der polnischen Bewegung zwar nicht feindlich, aber doch eher gleichgültig verhielt und keine emotionale Bindung zum Polentum hatte. Diese Masuren beherrschten zwar die polnische Sprache, hatten aber Schwierigkeiten, auf Polnisch zu lesen, geschweige denn zu schreiben; 3) die jüngste Generation der unter 30-Jährigen, die, schon im nazistischen Geist erzogen, sogar gegenüber allem, was mit Polen zu tun hatte, feindlich eingestellt war.94

Ansätze eines nicht vollständig ausgebildeten polnischen Nationalbewusstseins, die bei den Masuren in den vorangegangenen Jahren noch festzustellen waren, wurden nun rudimentär. Die enorme chauvinistische Schlagkraft der jungen Generation trug zur beschleunigten Entwicklung eines neuen nationalen Kräftegefüges in Masuren bei.

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre bewirkten die nationenbildenden Prozesse tendenziell eine Umwandlung der Masuren in Deutsche. Die polnische Kultur hatte nicht dieselbe Wirkungskraft wie die deutsche. In dieser Hinsicht waren die Prozesse nicht miteinander vergleichbar. Besonders deutlich wurde das während der Naziherrschaft in Deutschland. Die Zeit vor der Machtergreifung der NSDAP zeichnete sich in Masuren durch eine Eigentümlichkeit aus, wie sie in anderen Gegenden des Reiches, in denen eine ethnisch polnische Bevölkerung lebte, wie zum Beispiel im Ermland, unbekannt war. Ein Ausdruck dieser Eigentümlichkeit war die starke Unterstützung, die in den zwanziger Jahren der rechten ← 78 | 79 → Deutsch-Völkischen Freiheitspartei (DVFrP) und dem Völkischnationalen Block, die als NSDAP-Vorgänger gelten, zuteil wurde. Die nationalsozialistische Bewegung verbuchte zu Beginn der dreißiger Jahre in Masuren außerordentliche Erfolge. Nach den Wahlen von 1930 war die NSDAP in den Wahlkreisen Lyck und Ortelsburg eine der stärksten Parteien; bei den Wahlen am 31. Juni 1932 konnten die Nationalsozialisten im Regierungsbezirk Allenstein 53,4 % aller Stimmen auf sich vereinen (im Wahlkreis Ortelsburg bekamen sie 66 % Stimmen und im Wahlkreis Lyck sogar 70,6 %). Auch in den übrigen masurischen Wahlkreisen, wie Neidenburg, Johannisburg, Lötzen und Oletzko, sprachen sich mehr als 60 % für die nationalsozialistische Partei aus. Die Wahlergebnisse in Masuren waren für die Nazifunktionäre eine große Überraschung95.

Im Gegensatz zum katholischen Ermland konnten die Kandidaten der polnischen Wahllisten in Masuren in den zwanziger und dreißiger Jahren keine nennenswerten Ergebnisse verbuchen. Die Erfolge der Nazipartei in dieser Region stützten sich unter anderem auf zahlreiche Besuche Adolf Hitlers in Masuren96 und die Ausrichtung verschiedener „vaterländischer“ Feierlichkeiten97. Dieses Phänomen lässt sich durch die allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage in Masuren erklären. Nicht erfüllte Versprechen, die die deutschen Behörden bei der Volksabstimmung gemacht hatten, enttäuschten die Wähler der Traditionsparteien. Diese Enttäuschung wurde noch gesteigert, je mehr die Rentabilität in der Landwirtschaft zurückging, was Verarmung und Not bei vielen Bauernfamilien nach sich zog. Die Lage wurde durch die Wirtschaftskrise verschärft, die es unmöglich machte, zur Arbeitssuche in die Industriegebiete des Reiches abzuwandern. Das Zusammenspiel dieser Faktoren führte dazu, dass weite Teile der Bevölkerung die Lage kritisch sahen und radikale Einschnitte forderten. Unter solchen Rahmenbedingungen fielen demagogische Argumente der Nationalsozialisten auf fruchtbaren Boden. Die Parolen der „nationalsozialistischen Revolution“, wonach Masuren Deutsche seien98, fanden bei den Masuren Anklang. Immer ← 79 | 80 → häufiger bezeichneten sie sich selbst als „Deutsch-Masuren oder hielten sich für Deutsche. Um jene Masuren zu gewinnen, deren nationales Zugehörigkeitsgefühl nicht stark ausgeprägt war, wussten die Nazi-Behörden – neben Gewährung materieller Vorteile – die Pflege des masurischen Brauchtums geschickt zu nutzen, indem sie dieses als Ausdruck einer eigenen deutschen Subkultur präsentierten. In der Propaganda verbreitete sich die Forderung, den Masuren im öffentlichen Leben Privilegien einzuräumen.

Besonders empfänglich für die Argumente der Nationalsozialisten zeigte sich die junge Generation, die einer starken Indoktrinierung durch alle Institutionen des totalen Staates ausgesetzt war: Schule, Jugendorganisationen, „vaterländische“ Organisationen, Militär usw.99 Die deutschen Behörden ließen sich durch den Grundsatz leiten, „den Sterbenden nicht zu stören“, und legten den ganzen Germanisierungsdruck auf die junge Generation der Masuren. Losungen und Formen, mit denen die masurische Jugend für Deutschland gewonnen werden sollte, waren auch deswegen attraktiv, weil sie den Anschein erweckten, ihr würden innerhalb der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gleiche Chancen eingeräumt. Die junge Generation der Masuren sprach meist Deutsch und äußerte sich über ihr Masurentum oftmals mit Unwillen. Polen wurde in der Regel durch das Prisma negativer Stereotype, wie „Polacken“ oder „polnische Wirtschaft“, wahrgenommen, die mit großer Intensität durch alle staatlichen Institutionen und den gesamten perfekt funktionierenden nationalsozialistischen Propagandaapparat geformt und verbreitet wurden100.

Die soziale und nationale Demagogie des Nationalsozialismus, seine innen- und außenpolitischen Erfolge, Terror, Vernichtung und Zerstörung alles dessen, was nicht zu seinen Idealen passte, hatten wesentlichen Einfluss auf das Bewusstsein der masurischen Bevölkerung. Durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit (Straßenbau, Meliorationen usw.), die Gewährung günstiger Darlehen (sog. „Entschuldung der Gutsbetriebe“), mit denen unter anderem neue Gebäude, Elektrifizierung, Kanalisation und Mechanisierung der Dörfer finanziert wurden101, sowie ← 80 | 81 → die spezielle Politik von Erleichterungen und Krediten für das deutsch-polnische Grenzland (Kreise Osterode, Neidenburg, Ortelsburg, Johannisburg und Lyck) trug die nationalsozialistische Regierung dazu bei, dass die Identifikation mit dem deutschen Volk und Staat deutlich zunahm. Im Lichte aktueller Forschungen bleibt allerdings offen, inwieweit sich die Masuren mit der nationalsozialistischen Bewegung identifizierten und sie unterstützten102.

5.2.   Die polnische Bewegung im Ermland und im Marienburger Land

Im katholischen Ermland und dem Marienburger Land (poln. Powiśle), d. h. den vier westpreußischen Kreisen, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Ostpreußen angegliedert wurden, lebte eine große Gruppe Polen und propolnisch Gesinnter. Nach der verlorenen Volksabstimmung lebte die polnische Bewegung hier relativ schnell wieder auf. Ihr Ziel war es, die Rechte der polnischen Minderheit zu verteidigen, die polnische Sprache zu pflegen und die polnische Identität zu erhalten.

Bereits im November 1920 wurde der Bund der Polen in Ostpreußen gegründet. Nach der gesamtdeutschen Konferenz der Polen in Berlin 1922 wurde der Bund der Polen in Deutschland (BdPiD) ins Leben gerufen. Ermland, Marienburger Land und Masuren bildeten den 4. Bezirk der Organisation. Die wichtigsten Aufgaben des Bundes wurden wie folgt definiert: Aufbau eines polnischen Schulwesens, Bildungs- und Kulturarbeit sowie wirtschaftliche Betätigung. Knapp drei Viertel der Mitglieder des BdPiD in Ostpreußen stammten in den Jahren 1923-1939 aus dem Ermland (73,3 %). Im Marienburger Land wohnten 12 %, in Masuren 14 %. Es lassen sich drei große Beitrittswellen zum Bund unterscheiden: 1930 während der Einrichtung eines polnischen Schulwesens, 1934 nach der Un ← 81 | 82 → terzeichnung der deutsch-polnischen Regierungsvereinbarung und 1938 vor den Vorbereitungen zum Kongress der Polen in Berlin. Die Bund-Mitglieder lebten im Bezirk Ermland in insgesamt 142 Ortschaften (darunter in drei Städten: Allenstein, Bischofsburg und Wartenburg); in den Jahren 1922-1939 hatte die Organisation hier insgesamt 1 477 Mitglieder. Die meisten Zirkel des Bundes gab es in den Kreisen Allenstein (117) und Bischofsburg (22)103.

Das Hauptzentrum der polnischen Bewegung in Ostpreußen war Allenstein. Hier saß die Redaktion der einflussreichen Allensteiner Zeitung „Gazeta Olsztyńska“ (Auflage 885 Stück im Jahr 1935). Rege Aktivitäten entfaltete das Polnische Haus, in dem viele Institutionen beheimatet waren: Bund der Polen in Deutschland, Bibliothek, polnische Schule und Kindergarten, eine polnische Bank und andere polnische Einrichtungen (Singvereine, Pfandfinder usw.). Es gab hier auch eine Herberge und einen Restaurantsaal, in dem zahlreiche Treffen durchgeführt wurden104.

Entscheidend für die Herausbildung einer nationalen Identität ist neben Familie, Kirche und eigenem Staat das Schulsystem, wo als wichtigster Träger der kollektiven Identifikation die Sprache gepflegt und entwickelt wird. Bereits 1920 konnten noch vor der Volksabstimmung in 17 Dörfern, vornehmlich im Ermland, Schulen mit polnischer Sprache (mit 976 Schülern) und 10 polnische Kindergärten eröffnet werden. Nach der gewonnnen Volksabstimmung haben deutsche Behörden mit der Liquidierung dieser Einrichtungen begonnen, denn laut den geltenden Vorschriften hätte es „keine Rechtsgrundlage“ für deren Betrieb gegeben105. 1921 wurde der Polnisch-Katholische Schulverein im Ermland (Polsko-Katolickie Towarzystwo Szkolne na Warmię) gegründet. Der Polnischunterricht in den deutschen Schulen wurde erst 1926 möglich. Erste private Schulen wurden 1929 in vier Dörfern (Neu Wuttrienen, Dietrichswalde, Neu Kaletka und Schönfelde) errichtet. 1929-1939 gab es in Ostpreußen insgesamt 24 polnische Grundschulen (darunter 15 im Ermland106 ← 82 | 83 → und neun im Marienburger Land). Im Durchschnitt nahmen zwischen 108 und 200 Schüler im Ermland und etwa 120 im Marienburger Land am Unterricht teil. In diesen Schulen arbeiteten insgesamt 108 Lehrer, wovon 19 aus ermländischen Dörfern stammten. 1937 wurde das erste polnische Gymnasium Ostpreußens in Marienwerder eröffnet. Es gab auch Kindergärten und Klubräume107, 26 polnische Bibliotheken108 und Pfadfinderstämme, Jugendzirkel, Theatergruppen usw.109

Eine wichtige Rolle bei der Pflege der polnischen nationalen Identität fiel der katholischen Kirche zu. Laut den Ermittlungen des Bundes Deutscher Osten (BDO), einer Organisation, die zur Verbreitung des Deutschtums und der Bekämpfung der polnischen und litauischen Nationalbewegung ins Leben gerufen wurde (1936 zählte der BDO im Süden der Provinz nicht weniger als 11 000 Mitglieder, vorrangig Lehrer, Beamte und Priester), nahmen etwa 6 000 Gläubige (von insgesamt knapp 40 000 polnischen Ermländern) im Jahr 1938 an „polnischen Gottesdiensten“ im Ermland teil; die meisten davon in den Pfarrgemeinden Wuttrienen (fast alle Gläubige), Stabigotten (500 von 1 500 Gläubigen) und Schönbrück (400 von 1 200 Gläubigen)110, und dies obwohl die ostpreußischen Behörden mit Beginn des Dritten Reiches einen breit angelegten Kampf gegen jegliche Anzeichen der polnischen Bewegung aufgenommen hatten. Um der Bevölkerung das Polentum zu verleiden bzw. sie davon abzubringen, bedienten sich die Behörden einer breiten Palette von Maßnahmen, angefangen von „traditionellen wilhelminischen“ Schritten, wie dem Anbieten materieller Vorteile (günstige Kredite, Tilgung von Steuerrückständen) über Möglichkeiten beruflichen Aufstiegs usw. bis hin zu den „neuen“, für den totalitären Staat charakteristischen. Vor Erpressung, Gewalt oder Terror schreckte man nicht zurück.

Ähnlich wie in Masuren und Preußisch-Litauen schritt der Assimilationsprozess auch im Ermland und dem Marienburger Land rasch voran111. Die zivilisatorische Attraktivität des Dritten Reiches und die rücksichtslose Bekämpfung des Polentums schränkten die Wirkungsmöglichkeiten der polnischen Bewegung grundlegend ein. ← 83 | 84 → Immer mehr Polen im Ermland und polnische Ermländer wurden zu deutschen Ermländern oder Deutschen. Die Germanisierung (Assimilation) vollzog sich auch unter den anderen Minderheiten, die in der Provinz lebten: den Juden, Russen (Altgläubigen), französischen Hugenotten, niederländischen Mennoniten oder Salzburger Exulanten. Zu einem Symbol dieser Bestrebungen wurden die (bereits seit den zwanziger Jahren) massiv betriebenen Ortsumbenennungen112.

Ein weiteres Symptom für den Niedergang des multikulturellen Ostpreußens war das Schicksal der dortigen Juden. 1925 lebten in dieser Provinz 11 337 voll assimilierte Juden, die auch „Deutsche mosaischen Glaubens“ genannt wurden. Sie machten 0,5 % aller Einwohner Ostpreußens (1925: insgesamt 2,256 Mio. Personen) aus. Die größten jüdischen Zentren waren Königsberg, Tilsit, Insterburg, Memel und Allenstein. Bereits 1933 kam es zu körperlicher Gewalt und feindlichen Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung, und dies trotz ihrer vollen Loyalität gegenüber dem deutschen Staat113. Angesichts der nationalsozialistischen Gesetzgebung und des zunehmenden Terrors flohen erste Juden aus Ostpreußen, es kam zu ersten Morden und Vertreibungen. In der „Kristallnacht“ am 9. November 1938 wurden die meisten Synagogen in Ostpreußen (unter anderem in Königsberg, Insterburg oder Ortelsburg114) niedergebrannt und zerstört.

Mit voller Unterstützung durch die Bevölkerung wurden jüdische Geschäfte boykottiert und zerstört, jüdische Friedhöfe geschändet. Ihres Vermögens beraubt (sog. „Arisierung“) und terrorisiert, gingen die Juden zunächst nach Berlin. Manchen gelang die Flucht ins Ausland115. Nach dem Anschluss des Memellandes an das Dritte Reich im März 1939 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs widerfuhr ein ähnliches Schicksal den polnischen und litauischen Aktivisten in Ostpreußen. ← 84 | 85 →


64    Deutschland befürchtete, die nördlichen Gebiete Ostpreußens zu verlieren, und gründete im November 1918 in Memel einen Ausschuss zur Bekämpfung der russisch-litauischen Bestrebungen zur Loslösung ostpreußischer Gebietsteile in Stadt Memel und Kreis Memel. B. Koziełło-Poklewski, Litwini Pruscy między Litwą a Prusami (1918-1920), in: Zagadnienia narodowościowe w Prusach Wschodnich w XIX i XX wieku, pod red. J. Jasińskiego, Olsztyn 1993, S. 105 f.

65    In einem im Januar 1919 in Dänemark veröffentlichten „Aufruf der Litauer in Ostpreußen“ ersuchten sie die internationale Öffentlichkeit um Hilfe, weil sie „von der ganzen Welt abgeschnitten und von den Deutschen unterdrückt“ würden. Im Aufruf lesen wir unter anderem: „Wir Preußisch-Litauer zählen in ganz Ostpreußen 200 000 und im übrigen Deutschland 150 000. (…) Wir haben unsere Sprache, unsere Eigentümlichkeiten und unsere Kultur bewahrt und fühlen uns eins mit unsern Brüdern in Großlitauen. (…) Unsere Losung kann nur sein ‚Los von Deutschland‘“. Ebenda, S. 107 f.

66    Es waren folgende Kreise: Kleipėda (Memel), Tilžė (Tilsit), Šilokarciama (Heydekrug), Ragainė (Ragnit), Labgava (Labiau), Isrutis (Insterburg), Gumbinė (Gumbinnen), Stalupėnai (Stallupönen) und Pilkalai (Pillkallen).

67    Ebenda, S. 119.

68    Jan Baczewski, polnischer Abgeordneter im preußischen Landtag, Ermländer und Aktivist der polnischen Bewegung in Ostpreußen, sah Ähnlichkeiten im Schicksal der polnischen und der litauischen Minderheit in der Provinz und initiierte 1923 eine Kooperation mit Litauern in Tilsit. Mehr darüber schreibt M. Szostakowska in ihrer Studie Litwini Pruscy w latach 1918-1933 w świetle materiałów Archiwum Akt Nowych w Warszawie, in: Polacy, Litwini, Niemcy w kręgu wzajemnego oddziaływania. Z zagadnień Litwy Pruskiej i stosunków niemiecko-litewskich i polsko-litewskich w drugiej połowie XIX i XX wieku (do 1939 roku), pod red. A. Skrzypka, S. Szostakowskiego, Olsztyn 1992, S. 106-115.

69    Ebenda, S. 105. Vgl. auch: N. Strakauskaitė, Der Einfluss politischer Faktoren auf das kleinlitauische Schulwesen 1871-1933, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 113, 118.

70    Vgl. M. Szostakowska, Litwini…, S. 110; J. Tauber, Überlegungen zur Bedeutung der kleinlitauischen Bewegungen in Ostpreußen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Erster Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000. Die Hauptaktivisten waren: Wilhelm Storost, ein angesehener litauischer Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Vydunas publizierte, Enzys Jagomastas und der propolnisch eingestellte Wilhelm Mačiulaitis.

71    Vor 1914 wurde das Blatt von etwa 8 000 Abonnenten gelesen; ihre Zahl schrumpfte bis 1931 auf nur etwa eintausend. Vgl. M. Szostakowska, Z problematyki mniejszości litewskiej w Prusach Wschodnich. Nieznana relacja informatora polskiej służby konsularnej w Królewcu z 1931 roku, in: Kommunikaty Mazursko-Warmińskie 1990, Nr. 104, S. 71.

72    Ebenda, vgl. auch: N. Strakauskaitė, Der Einfluss…, S. 76-79.

73    M. Szostakowska, Litwini…, S. 114.

74    Vgl. A. Hermann, Preußisch-Litauer und die Evangelische Kirche Ostpreußens 1871-1933, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Erster Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 107.

75    Vgl. B. Piotrowski, Mniejszość litewska w Prusach Wschodnich (do lat osiemdziesiątych XIX wieku), in Lituano-Slavica Posnaniensia. Studia Historia Bd. IV, 1990, S. 63.

76    Der litauische Konsul in Tilsit bemerkte: „Bekanntlich geht die litauische Jugend in den [deutschen – A.S.] Schulen unter und wächst zu Hakenkreuzlern [Hitler-Anhängern – A.S.] heran. Die junge Generation gehört uns nicht mehr, dabei fehlen uns große Intellektuelle, die sich der Germanisierungswelle widersetzen könnten“. Zit. nach: M. Szostakowska, Z problematyki mniejszości…, S. 71. 1939 schrieb Kurt Forstreuter in seiner Arbeit Memelland:
„Jeder Litauer, der sich aus der Bauernmasse befreite und einen sozialen Aufstieg erfuhr, wurde zum Deutschen. Es geschah nicht, weil Druck ausgeübt wurde, sondern weil es bis auf die Kirche und die Volksschule keine anderen Möglichkeiten gab, sich in litauischer Sprache zu üben. (…) Somit vollzog sich ohne staatlichen Eingriff, auf eine ganz natürliche Art die weitere Sättigung des Litauertums mit deutschem Geist“ (Elbing 1939, S. 40). Der litauische Aktivist aus Tilsit, Storost, fasste 1916 diese Frage folgendermaßen zusammen: „Das Verhalten der preußisch-deutschen Regierung war das, dass sie bemüht war, die deutsche Kultur unter den Litthauern zu pflegen, deutsche Bildung dem Litthauer zu übermitteln. Auch ohne besondere Maßnahmen verbreitet sich naturgesetzlich eine höhere Kultur gegenüber einer anderen. Die Entnationalisierung der Litthauer wurde darum in deutschen Kreisen als ein natürlicher Vorgang betrachtet“. Zit. nach: W. Hubatsch, Masuren und Preußisch-Litauen in der Nationalitätenpolitik Preußens 1870-1920, „Zeitschrift für Ostforschung“ 1965, H. 4, S. 663. Vgl. auch: O. Prusaite, Preußisch-Litauen und seine Germanisierung, Tilsit 1933; D. Kaunas, Mažosios Lietuvos Spaustuvės 1524-1940 metais, Vilnius 1987.

77    A. Szymański, Die wirtschaftliche Lage der Masuren in Ostpreußen, Königsberg 1921, S. 2.

78    Im Jahr 1920 schrieb das Masurische Volksabstimmungskomitee: „Der Masure kennt nur den polnischen Katholiken, kennt nur das polnische Elend, kennt nur den armen, armen Arbeiter, der zu ihm arbeiten kommt, kennt den jüdischen Schmuggler, nur solche Polen kennt der Masure. Daher ist ‚Polen‘ für den Masuren ein Synonym für Minderwertigkeit, niedere Kultur, Armut. Kaum klettert ein Masure die soziale Leiter hinauf, schon fühlt er sich besser, beginnt sich sogar der Sprache zu schämen, die er von Zuhause mitbringt, als einer ungebildeten Sprache“ (W. Wrzesiński, Plebiscyty na Warmii i Mazurach oraz na Powiślu w roku 1920, Olsztyn 1974, S. 89).

79    Ebenda, S. 108.

80    Das polnische Konsulat in Allenstein charakterisierte die Aktivitäten des Masurenbundes folgendermaßen: „Sie betrachten die Masuren als ein eigenständiges Volk, das zwar Polnisch spricht, sich von den Polen jedoch durch Glauben, Mundart und Kultur unterscheidet. Deutschland sehen sie als ihr großes Vaterland an, in dessen Rahmen die Masuren ihre regionale Eigenart bewahren sollten. Auf dem Boden einer bedingungslosen Loyalität gegenüber dem Deutschen Reich strebte der Masurenbund nach dem Erhalt der ethnischen Eigenart bei gleichzeitiger Hervorhebung des polnischen Volksstands“. W. Wrzesiński, Ruch polski na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1920-1939, Olsztyn 1973, S. 182. Vgl. auch: Demokratie in Masuren, in: Cech 1930, Nr. 2; Wir sind Masuren, in: Cech 1930, Nr. 11; Loyalität, in: Cech August 1929; Zur Lage, in: Cech 1930, Nr. 3, und Macht Schluss mit der Idiotisierung der Masuren, in: Cech 1932, Nr. 3-4.

81    W. Wrzesiński, Ruch polski…, S. 22; ders., Kwestia mazurska na Działdowszczyźnie w latach 1920-1939, „Komunikaty Mazursko-Warmińskie“ 1959, Nr. 3, S. 264.

82    Vgl. F. M. Leyk, Ocena dotycząca położenia i nastroju ludności miejscowego pochodzenia na terenie mazurskim i propozycje względnie wnioski mające na celu usunięcie złego oraz pogłębienie ich świadomości narodowościowej, Szczytno 1954 (Typoskript in der Sammlung des Autors).

83    Vgl. W. Wrzesiński, Ruch polski…

84    B. Łukaszewicz, W. Wrzesiński, IV Dzielnica Związku Polaków w Niemczech 1922-1939, Olsztyn 1982, S. 13-16.

85    Vgl. W. Wrzesiński, Związek Polaków w Niemczech wobec problemów świadomości narodowej (1922-1939), in: Kwartalnik Historyczny 1968, Nr. 3, S. 607.

86    Der Pflege der masurischen Eigenart dienten die in den dreißiger Jahren von der Zeitschrift „Mazur“ propagierten „Masurischen Nationalgebote“:

      „1.   Ziel meines Lebens ist, Gott und dem Masurischen Volke zu dienen; damit diene ich auch dem wohlverstandenen Eigenwohl.

      2.   Ich weiß genau, dass ich Bürger des Deutschen Reiches bin und dem Staat das gebe, was diesem billig zusteht. Ich achte das deutsche Volk und die deutsche Sprache, aber fordere die gegenseitige Ehre und Achtung für das Masurische Volk und seine Muttersprache.

      3.   Ich bin stolz und es gereicht mir zum Glück, dass Gott mich als einen Masuren schuf.

      4.   Ich bin mir dessen bewusst, dass mein Masurisches Volk und seine geliebte Muttersprache und Heimat über alles Irdische teuer und heilig sein muss.

      5.   Ich bin mir der großen Verantwortung bewusst, die auf mir gegenüber dem Masurischen Volk lastet. Ich weiß, dass ich wie alle Masuren und Masurinnen für die Zukunft des Vaterlandes verantwortlich bin.

      6.   Hart und unbeugsam verteidige ich meine Sprache, mein Land und meine Ehre, die ich von den Ahnen zum Erbe erhielt.

      7.   Ich haben den starken Willen, diese Verteidigungsschlacht gerecht bis zum guten Ende zu führen.

      8.   Ich glaube stark an mein Masurisches Volk, an seine glückselige Zukunft, an seine höhere Vorsehung und Mission.

      9.   Im alltäglichen Leben gehe ich anderen Masuren und Masurinnen mit gutem Beispiel voran.

      10.   Ich fürchte keine Widrigkeiten noch Schwierigkeiten. Gott wird uns in schlechten Zeiten nicht verlassen, denn Er bezwingt jedes noch so große Übel“. (vgl. Mazur 1938, Nr. 94).

        Vgl. F. Leyk, Pamięć notuje i utrwala. Wspomnienia, Warszawa 1969.

87    Signifikant für diesen Prozess war das schwache Engagement in den Kampf um eigene Rechte. „Mazurski Przyjaciel Ludu“ [Masurischer Volksfreund] schrieb am 28.07.1926 (Nr. 59): „In Masuren herrschte schon immer Gleichgültigkeit. Als ihr Gottesdienst aus den Kirchen verbannt wurde, protestierten die Masuren fast gar nicht. Mit Gelassenheit nahmen sie solche Anordnungen hin, kraft deren ihre eigenen Kinder Religionsunterricht in einer fremden statt der Muttersprache erteilt wird. In Masuren wurde der Polnischunterricht aus den Schulen verbannt, und wieder schwiegen die Masuren. Heute können die Masuren den Polnischunterricht in Schulen fordern, aber sie tun es nicht. Die Deutschen machen mit den Masuren, was sie wollen, da die Masuren zu gefügig sind und mit sich machen lassen, was den Deutschen gefällt“.

88    B. Łukaszewicz, W. Wrzesiński, IV Dzielnica…, S. 14.

89    Vgl. W. Wrzesiński, Ruch polski…

90    Ebenda.

91    Die Mitglieder der Gromadkibewegung nahmen zwar aktiv am Leben der „offiziellen“ lutherischen Kirche teil, beteiligten sich aber auch in ihren Gemeinschaften, die von Laien und nicht von Priestern geführt wurden. Diese Bewegung entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts und trug zum Erhalt der polnischen Sprache bei, in erster Linie durch die Gottesdiensten, die in der Regel in privaten Häusern und auf Polnisch gefeiert wurden. Ebenfalls auf Polnisch wurden religiöse Schriften, wie „Głos Ewangelijny“ [Stimme des Evangeliums] oder „Trąba Ewangelijna“ [Trompete des Evangeliums], verbreitet. Die Anführer der Gromadkibewegung, allen voran Reinhold Barcz, sprachen sich in ihrer missionarischen Tätigkeit für den Erhalt und die Pflege der masurischen Traditionen aus und suchten dabei Unterstützung bei den polnischen Protestanten. Vgl. R. Otello, Problemy narodowościowe w kościele ewangelickim na Mazurach w latach 1918-1945, Olsztyn 2003, S. 59-98.

92    P. Sowa, Cena polskości, Warszawa 1976, S. 116-123.

93    E. Sukertowa-Biedrawina, Dawno a niedawno. Wspomnienia, Olsztyn 1965, S. 147.

94    W. Wrzesiński, Problemy świadomości narodowej ludności polskiej na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1920-1939, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1962, Nr. 1, S. 137.

95    Vgl. D. Hertz-Eichenrode, Die Wende zum Nationalsozialismus im südlichen Ostpreußen 1930-1932, „Olsztyńskie Studia Niemcoznawcze“ Bd. 1, 1986, S. 110.

96    Im Wahlkampf hielt sich Hitler mehrmals in Masuren auf. Mit dem Flugzeug oder Pkw besuchte er viele große und kleine Städte und Dörfer. So legte er beispielsweise am 19.-20. April und am 15.-17. Juni 1932 die Strecke von Hohenstein nach Lyck zurück und besuchte dabei Waplitz, Neidenburg, Ortelsburg, Schwentainen, Rudczanny, Schimonken, Johannisburg, Nikolaiken usw. Auf der Durchreise begegneten ihm enthusiastische Menschenmassen mit Bannern, wie „Das deutsche Masuren grüßt den Führer des kommenden Deutschlands“ oder „Gebt Hitler die Macht, rettet die Heimat!“. Ebenda, S. 110-112.

97    Am 5. Juni 1931 wurde beispielsweise in Ortelsburg ein großer „Deutscher Tag“ mit Aufmärschen, Kranzniederlegungen usw. veranstaltet.

98    In der deutschen Literatur wurde während des Nationalsozialismus die These aufgestellt, die Masuren gehörten zum germanischen Kulturkreis. Ihre Sprache habe deutsche Wurzeln und in ihren Adern fließe seit Anbeginn deutsches Blut. Vgl. G. Tilk, Masuren erwacht. Der Sieg der nationalsozialistischen Revolution, in: Masurischer Kalender 1934, S. 57-60; W. Schusmus, Die germanischen und altdeutschen Wurzeln der masurischen Volkskultur, ebd. S. 44-45; J. Zachau, Die deutsche Herkunft unserer Familiennamen in Masuren, ebd. S. 57-60.

99    Vgl. Z. Lietz, Ostdeutscher Heimatdienst. Materiały do antypolskiej działalności z lat 1927-1933, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie Nr. 1-2/1959, S. 193-206.

100  Vgl. R. Bahr, Wspomnienia z lat 1933-1945. Typoskript in der Sammlung des Autors; R. Gelles, Rola szkoły niemieckiej w kształtowaniu obrazu Polski i Polaków w okresie międzywojennym, Wrocław 1986.

101  Das System verschiedener Vergünstigungen und finanzieller Hilfen für die Landwirtschaft in den ersten Jahren der NSDAP-Herrschaft präsentiert R. Grunberger in seinem Werk Historia społeczna Trzeciej Rzeszy, Bd. 1, Warszawa 1987, S. 237-244.

102  Vgl. D. Hertz-Eichenrode, Die Wende…, S. 114. Die Zunahme der Mitgliederzahl der NSDAP in den Krisenjahren 1929-1932, die in Ostpreußen zu beobachten war, wurde durch das Ortelsburger Blatt „Mazur“ aufmerksam verfolgt. Die NS-Gefahr wurde nach Ansicht der Redaktion durch die Masuren nicht wahrgenommen. Über masurische NSDAP-Mitglieder schrieben sie: „Nur der dumme Ochse folgt seinem Schlächter“ (Mazur 1932, Nr. 32). Vgl. auch Mazur 1932, Nr. 23. Die masurische Problematik, darunter die Zeit des Nationalsozialismus, behandeln die Autoren von vier Monographien: A. Sakson, Mazurzy – społeczność pogranicza [Die Masuren – eine Grenzlandgesellschaft], Poznań 1990; A. Kossert, Preußen, Deutsche oder Polen? Die Masuren im Spannungsfeld des ethnischen Nationalismus 1870-1956, Wiesbaden 2001; ders., Masuren. Ostpreußens vergessener Süden, Berlin 2001; R. Blanke, Polish-speaking Germans? Language and national identity among the Masurians since 1871, Köln/Weimar/Wien 2001. In keiner Sprache erschien bisher eine umfassende Darstellung zur Geschichte der Preußisch-Litauer.

103  Vgl. A. Szyfer, Warmiacy. Studium tożsamości, Poznań 1996, S. 102-105; B. Łukaszewicz, W. Wrzesiński, IV Dzielnica…; S. Achremczyk, Historia Warmii i Mazur od pradziejów do 1945 r., Olsztyn 1992. In den Jahren 1935-1936 existierten im Ermland 29 BdPiD-Zirkel mit 925 Mitgliedern, neun Zirkel gab es im Marienburger Land (660 Mitglieder) und einen in Masuren (65 Mitglieder). W. Wrzesiński, Ruch polski…, S. 255.

104  Die Aktivitäten des Polnischen Hauses und seine Bedeutung für die polnische Bewegung werden in zahlreichen Erinnerungen der Ermländer erwähnt: u.a. M. Zientara-Malewska, Śladami twardej drogi, Warszawa 1966; J. Baczewski, Wspomnienia Warmiaka, Warszawa 1961; J. Boenigk, Minęły wieki a myśmy ostali, Warszawa 1957; O. Grot, W kręgu spraw ojczystych, Olsztyn 1982; W. Knosała, Była nas gromadka spora, Olsztyn 1972; F. Kwas, Wspomnienia z mojego życia, Olsztyn 1957, M. Lengowski, Na Warmii i w Westfalii, Warszawa 1972.

105  Vgl. T. Filipowski, W obronie polskiego trwania, Olsztyn 1989, S. VI-VII, A. Szyfer, Warmiacy…, S. 88 f.

106  Unter anderem in Gillau, Groß Leschno, Plautzig, Groß Purden, Woritten und Wemitten. Vgl. Kronika katolickiej szkoły polskiej w Nowej Kaletce [Chronik der katholischen polnischen Schule Neu Kaletka], zum Druck vorbereitet von B. Koziełło-Poklewski, W. Wrzesiński, Olsztyn 1979; Kronika szkoły polskiej w Worytach na Warmii, oprac. T. Filipkowski, Z. Lietz, Olsztyn 1979.

107  Vgl. B. Koziełło-Poklewski, W. Wrzesiński, Szkolnictwo polskie na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1919-1939, Olsztyn 1980, S. 232-234; T. Filipkowski, Nauczyciele polscy w Niemczech 1919-1939, Olsztyn 1992; W. Wrzesiński, Ruch polski…, S. 167 f.

108  J. Wróblewski, Biblioteki polskie na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1881-1939, Olsztyn 1968.

109  Vgl. A. Szyfer, Warmiacy…, S. 107.

110  P. Sowa, Tropem spadkobierców hakaty. Antypolska działalność Bund Deutscher Osten na Warmii i Mazurach (1933-1939), Warszawa 1978, S. 78-81.

111  Zunehmend versammelte die polnische Bewegung ältere Menschen in ihren Reihen. Nicht weniger als 61 % der Mitglieder waren über 60-Jährige; Jugendliche machten lediglich 6,4 % aus. A. Szyfer, Warmiacy…, 104.

112  An der Bahnstrecke Königsberg-Tilsit wurden nach 1933 acht Ortschaften umbenannt, an Namen litauischer Herkunft zum Beispiel Szargillen in Eichenrode, Groß Skaisgirren in Kreuzingen, Uszballen in Mühlenau. Gängige Praxis war dies auch in Masuren (z.B. Czerwonka in Rothbach, heute Czerwonka im Kreis Ełk) oder im Ermland (Neu Kaletka in Herrmannsort, heute Nowa Kaletka im Kreis Olsztyn). Auch des „Führers des Großdeutschen Reiches“ wurde gedacht: Hitlershöhe, Hitlerplatz, Hitlerstraße usw.

113  Von der loyalen Einstellung zeugten unter anderem die Aktivitäten des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten oder des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Vgl. S. Kossert, Żydzi wschodniopruscy, in: Tematy żydowskie, pod red. E. Traby, R. Traby, Olsztyn 1999, S. 161-168.

114  Der Bürgermeister von Ortelsburg hat zum Beispiel der jüdischen Gemeinde eine Rechnung über 1 055 RM für die Beseitigung der Reste ihrer ausgebrannten Synagoge ausgestellt. Vgl. A. Kossert Ostpreußen…, S. 288.

115  Vgl. R. Kabus, Juden in Ostpreußen, Husum 1998; S. Schüler-Springorum, Die jüdische Kindheit in Königsberg/Preußen 1871-1945, Göttingen 1996; R. Leiserowitz, Juden in Ostpreußen: Auf den Spuren der Familie Berlowitz, in: Kulturlandschaft Ost- und Westpreußen, Potsdam 2005, S. 119-132.

Kapitel III

Ostpreußens Größe und Untergang (1939-1945)

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Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen am 1. September 1939 begann, erwies sich für die Geschichte Ostpreußens als fundamental. Durch die Bezwingung Polens im „Blitzkrieg“ konnte der „schmähliche Korridor“ beseitigt und die Provinz, die nun über ein neues größeres Territorium verfügte, mit dem Großdeutschen Reich vereinigt werden. Andererseits war dies der Anfang vom Ende des deutschen Staatswesens in dieser Region. Der Überfall auf die noch unlängst verbündete Sowjetunion am 21. Juni 1941 kündigte schon die spätere Niederlage an der Ostfront und die Besiegung des Dritten Reiches an. Der Einmarsch der Roten Armee brachte Ostpreußen Besatzung, Teilung und totale Auflösung.

Ostpreußen wurde zur wichtigen militärischen Ausfallbasis für die deutsche Aggression auf Polen1. ← 105 | 106 →

1.   Das Neue Ostpreußen

Der siegreiche Krieg gegen Polen und die späteren Erfolge des Dritten Reiches im Krieg gegen die UdSSR (1941-1942) schufen neue Möglichkeiten der territorialen Expansion Ostpreußens. Das Memelland und das Soldauer Gebiet wurden annektiert. Es waren „heimgekehrte Gebiete“ (wie Großpolen, Pommern und Schlesien). 1939 wurden große Teile anderer polnischer Lande dem Deutschen Reich angeschlossen. Um die Jahreswende 1941/1942 erreichte Ostpreußen den Höhepunkt seiner territorialen Ausdehnung. Die Macht des ostpreußischen Gauleiters erstreckte sich von Płock an der Weichsel (Regierungsbezirk Zichenau) über Tallin und den Narew (Reichskommissariat Ostland) bis nach Kiew am Dnjepr (Reichskommissariat Ukraine). Der Stern Erich Kochs, des „Führers“ des Neuen Ostpreußens, wie diese Provinz im Zweiten Weltkrieg genannt wurde, stand im Zenit. Wie sonst kein Gauleiter im Reich verfügte er über eine einmalige Macht. Er fungierte unter anderem als Gauleiter und Oberpräsident Ostpreußens, Überleitungskommissar für die Eingliederung des Memellandes, Führer der Besatzungsverwaltung im Regierungsbezirk Zichenau, Chef der Zivilverwaltung im Bezirk Bialystok und Reichskommissar für die Ukraine sowie Reichskommissar Ostland2.

1.1.   Verwaltungsgliederung

Ohne die endgültige Entscheidung im Krieg gegen Polen abzuwarten, hatte die Berliner Regierung bereits zu Kriegsausbruch, d. h. am 1. September 1939, ein Gesetz erlassen, in dem stand: „Mit Wirkung vom gleichen Tage wurde die Freie Stadt Danzig mit ihrem Gebiet wieder mit dem Deutschen Reich vereinigt“. In der Anordnung vom 8. Oktober, die ab 26. Oktober rechtskräftig wurde, wurde dagegen beschlossen, einen neuen Gau zu bilden, der zunächst den Namen Reichsgau Westpreußen trug, um ab dem 2. November 1939 in Reichsgau Danzig-Westpreußen umbenannt zu werden3. Dies bedeutete einen Akt der „historischen Gerechtigkeit auf den Trümmern des Versailler Vertrages“, nämlich die Beseitigung des „Korridors“ und der Anschluss der bisherigen polnischen Landkreise in der ← 106 | 107 → Woiwodschaft Pommerellen an den Reichsgau Danzig-Westpreußen. Dieser umfasste auch die Freie Stadt Danzig und die fünf „Westpreußischen Kreise“ (Regierungsbezirk Westpreußen), die in den Jahren 1919-1939 unter der offiziellen Bezeichnung Regierungsbezirk Marienwerder Teil Ostpreußens waren. Somit wurde dieses Gebiet von der Provinz (dem Gau) Ostpreußen abgetrennt.

Der Kreis Elbing (Stadt und Land) wurde an den Regierungsbezirk Danzig angegliedert4. Die Kreise Marienburg, Stuhm, Marienwerder und Rosenberg wurden Teil des Regierungsbezirks Marienwerder5.

Details

Pages
1168
Publication Year
2016
ISBN (Hardcover)
9783631788738
ISBN (PDF)
9783653032154
ISBN (MOBI)
9783653994933
ISBN (ePUB)
9783653994940
DOI
10.3726/978-3-653-03215-4
Open Access
CC-BY-NC-ND
Language
German
Publication date
2016 (August)
Keywords
Kalingrader Gebiet/Russland Memelgebiet/Litauen Transformationsprozese nach 1989 Deutsches Kulturerbe
Published
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2019. 1168 S., 150 s/w Abb., 74 Tab., 8 Graf.
Product Safety
Peter Lang Group AG

Biographical notes

Andrzej Sakson (Author)

Andrzej Sakson hat an der Adam Mickiewicz-Universität in Poznań studiert. Er ist Professor der Sozialwissenschaften an der Adam-Mickiewicz-Universität sowie am West-Institut in Poznań und Präsident der «Association for the Study of the World Refugee Problem». Seine Forschungsinteressen umfassen nationale und ethnische Minderheiten, polnisch-deutsche Beziehungen, Migrationsangelegenheiten, das Gebiet Kaliningrad sowie gesellschaftliche Veränderungen in den West- und Nordgebieten Polens.

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Title: Von Memel bis Allenstein