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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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III „Triumph“ der Empfindsamkeit

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III

„Triumph“ der Empfindsamkeit

Jene Gefühlsästhetik, die in der Musikwissenschaft kontrovers thematisiert worden ist, die als historisch abgeschlossen gilt, dabei jedoch in Wirklichkeit kein Ende findet, nahm im 18. Jahrhundert ihren Ausgang. Dabei handelt es sich um einen Themenkomplex, der hier nur skizziert werden kann: Ästhetische Emotionalität wird als Ausdruck verstanden, der von einem menschlichen Subjekt, dem Schöpfer des Kunstwerks, generiert wird, das sind mitgeteilte Empfindungen, die zunächst von ausführenden Musikern, von Sängern und Instrumentalisten, schließlich von den Hörern nachempfunden werden; aus anderer Perspektive wird den Interpreten und Rezipienten ein großes Maß an Empathie oder Einfühlung abverlangt. Das demonstrativ (nicht nur in der Musik) vorgetragene und theoretisch postulierte Fühlen hat eine Funktion: es behauptet Natürlichkeit, es behauptet eine gewisse Nähe zu unverfälschter, originärer Wirklichkeit, die nun am Innenleben des Menschen festgemacht wird. Und es wendet sich gegen das Künstliche einer „alten“ Ästhetik, gegen dessen angeblich verselbständigtes Regelwerk, gegen einen Ästhetizismus, der sich dem Denken und Fühlen realer Menschen entfremdet hat. So zumindest könnte man - vielleicht noch etwas unbeholfen - die Begründung zusammenfassen, die nicht nur eine ästhetische ist, sondern immer auch ideologische Aspekte enthält.

Berühmt ist der Passus aus Carl Philipp Emanuel Bachs Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen48, in dem die Gefühle vom Hörer, Interpreten und Komponisten verhandelt werden einschließlich...

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