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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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VI Ausdrucksästhetik, aus theologischer Sicht

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VI

Ausdrucksästhetik, aus theologischer Sicht

In der historischen Entwicklung seit Mitte des 18. Jahrhunderts etabliert sich eine Poetik, die den Ausdruck von Gefühlen postuliert, welch letztere aber nicht auf das im alten Griechischen als wechselhaft charakterisierte Pathos beschränkt sind, sondern gleichsam ein Transportmittel darstellen, das alle ethischen Werte, alle metaphysischen Güter mit sich führt. Der Künstler drückt aus, und der Rezipient partizipiert an den gefühlhaft verpackten Geistesgaben, indem er sich einfühlt. Es entsteht eine Art von Kommunion zwischen abwesendem Künstler (in der Musik ist es der Komponist) und dem Rezipienten (auf musikalischem Feld dem Hörer). Die religiöse Konnotation dieses Vorgangs versteht sich fast von selbst: der Umgang mit Kunst nimmt entsprechende Formen an, anders gesagt: Kunst erhält einen religiösen Überbau und wird gar mit diesem identifiziert. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob sich mit besagter Religiosität Neues etabliert oder Altes tradiert, ob sich in den kunstbezogenen Formen solcher Religiosität überhaupt Authentizität kundgibt, oder doch nur ein Ersatz-, Behelfs- oder Verdrängungsphänomen vorliegt, das Surrogat einer im Krisenstadium befindlichen Glaubensform.

Aus christlich-theologischer Sicht erscheint diese Entwicklung in einem kritischen Licht: der Künstler als Produzent metaphysischer Güter, als Vermittler zwischen der göttlichen und menschlichen Welt, der Künstler, der priesterliche oder gar hohepriesterliche Funktionen übernimmt, die Aufführung musikalischer Werke als Weihehandlung. Welcher Religion wird damit entsprochen? Tatsache ist, dass im...

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